https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-17-um-19.24.57.png

vonHelmut Höge 12.07.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Auf dem ehemals französischen Flughafen in Gatow wurde am Sonntag eine Ausstellung über die Entwicklung des sowjetischen Kampfflugzeugs MiG 21 eröffnet. Der Berliner Kurier, der kürzlich noch groß vermeldet hatte, dass eine Mehrheit von Ostdeutschen sich die DDR zurückwünscht (ähnliches gilt auch für die Bevölkerung der ehemaligen Sowjetunion), titelte zu dieser Luftwaffenschau: „Nimm mich MiG auf die Reise…“ Am Tag zuvor hatte die Junge Welt berichtet, dass laut einer kleinen Anfrage im Parlament über 50% der in Afghanistan kämpfenden Soldaten aus Ostdeutschland kommen. Was der Roten Armee nicht gelang, sollen sie nun, zusammen mit anderen westlichen Interventionstruppen, richten – die Vernichtung mindestens Eindämmung der Taliban. In der Gesamtbevölkerung beträgt der Anteil der Ostdeutschen bloß 20%. In einem Interview meinte die Freundin eines bei den „Krisen-Spezialkräften“ in Calw ausgebildeten Nahkämpfers: Vor dem 11.9. hätten sie noch „manchmal für ein, zwei Stunden eine fast normale Beziehung“ gehabt. Trotzdem halte sie weiter zu ihm, denn niemand habe ihn zu dem Job gezwungen, „höchstens vielleicht die hohe Arbeitslosigkeit, dort, wo er herkommt“.

Ähnlich war es auch nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, als die unterlegenen und verarmten Südstaatler lange Zeit das Gros der Soldaten in den unteren Diensträngen der US-Army stellte. Dies war sogar noch im Vietnamkrieg der Fall. Den Kulturforscher Joachim Schivelbusch hat die Niederlage der DDR 1989ff zu einer Kulturgeschichte der Niederlage inspiriert. Sie handelt vom „amerikanischen Süden“, von „Frankreich 1871“ und „Deutschland 1918“. Aber vor allem die Niederlage der Konföderierten im amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865 – und die anschließende Wiedervereinigung zwischen dem Süden und dem Norden – nimmt die deutsche „Wende“ 1989/90 vorweg. Zwar hat man in den USA schon früher auf die Parallele zwischen der Plantagensklaven-Ökonomie des Südens und der ostelbischen Junkerherrschaft hingewiesen, die sich bis in ihren Antikapitalismus – gegenüber dem industriellen Westen bzw. Norden – ähnlich waren, aber hier geht es um die Niederlage des sozialistischen DDR-Staates, der nach der Zerstörung seiner ökonomischen Grundlagen – wie im US-Süden zuvor – einem gigantischen „reconstruction“ und „reeducation“-Programm unterworfen wurde, wobei er jedoch „als gesellschaftliches und geistiges Gebilde“ fortbestand, wie man damals im Süden trotzig behauptete. Und so wenig wie damals der Süden die Sklaverei bereute, will sich heute ein Großteil der DDRler vom Sozialismus distanzieren. Immer mehr Westler (Yankees) erlagen daraufhin dem Charme der „Beautiful Loser“ im Osten (Süden), was ein neues „Beziehungsdrama-Genre“ hervorbrachte (jetzt läuft gerade die TV-Serie „10 Wessi-Frauen suchen einen Ossi-Mann“ an).

Auch die Verlaufsform dieses ganzen vereinigten Elends ist hier wie dort ähnlich: Zunächst dominierten die (ritterlichen) Joint-Ventures, dann ging es nur noch um Abwicklung – und strengstes Wirtschafts-Regiment. Derweil versank das Land immer mehr in Armut. Bald sprachen die ersten neuen Meinungsführer des Südens jedoch von einem „New South“. Einer namens Grady behauptete sogar: „In den Wäldern zwischen Virginia und Texas tummeln sich die Kapitalisten aus Neuengland auf der Jagd nach Investitionsobjekten; man kann kaum einen Schuß abgeben, ohne einen von ihnen zu treffen“. Die Reisejournalisten aus dem Norden waren dagegen eher entsetzt über „die Ruinenlandschaft der Städte und Plantagen“. Auch die Hoffnung auf frische, arbeitswillige Einwanderer zerschlug sich bald: Allein „New Jersey nahm doppelt so viele auf wie der gesamte Süden“, schreibt Wolfgang Schivelbusch. All das führte dazu, daß man die Vergangenheit nostalgisch verklärte. So wie ein Mitarbeiter des Deutschen Historischen Museums in Ostberlin rückblickend meinte, „gegenüber dem neuen Direktor Stölzl war unser Chef doch der reinste Menschenfreund“, wurde bereits in „Onkel Toms Hütte“ der gute, willensschwache alte Plantagenbesitzer aus dem Süden dem aus dem Norden zugewanderten sklavenschindenden Bösewicht entgegengesetzt. Aber, „was vor der Niederlage Macht, Substanz, Überzeugung, Religion war, wird für den Sieger (nun) Ornament, Spiel, Unterhaltung“. Die „Eskapismusindustrie“ (a la MDR) blühte. Im Norden (Westen) wurde die Heirat mit „Southern Belles“ (hier mit rassigen Russinnen) immer populärer: „Der Süden wurde für diese alternden Piraten so etwas wie eine späte Leidenschaft, an die sie ihre Reichtümer verschwendeten“, so C. Vann Woodward. Es wurde immer übler – auch ökonomisch. Bald erkannten immer mehr Intellektuelle im Norden (Westen), daß die Niederlage des Südens (Ostens) auch ihre eigene war. Viele starben weg oder verfielen dem Suff, sie fühlten sich laut Henry Adams „wie die (letzten) Indianer und Büffel“. Im Osten flattert seit der Wende an immer mehr Datschen die Fahne der Konföderierten. Im Zusammenhang der Aktivitäten von Neonazis ist in der Presse immer wieder von „Spuk“ die Rede. In Meyers Lexikon wird der „Spuk“ erklärt u.a. mit der (unerklärlichen) „Erscheinung von Verstorbenen“. Bei Marx heißt es dazu: „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“

Archangelsk: Denkmal des unbekannten Revolutionärs, der nicht nur seine Ketten verloren hat, sondern auch alle Poller umstößt, die ihm im Weg stehen. Photo: Peter Grosse

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/07/12/poltergeister_und_wiedergaenger/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • LKL Velbert:

    zu besagtem „Spuk“:

    Thomas Pynchon und Viktor Pelewin haben sich um eine Erklärung dieses Phänomens bemüht. Letzterer schildert in seiner Erzählung „Werwölfe in der mittelrussischen Ebene“, wie sich heute auf den Waldlichtungen in Weissrussland nächtens kriminelle Banden in Wölfe verwandeln, wobei sie nach alter Partisanenart die Angewohnheit beibehalten, Kommandeure und Kommissare sowie deren Stellvertreter zu wählen. Thomas Pychon schildert in seinem Roman „Mason & Dixon“ umgekehrt, wie sich ein (englischer) Werwolf namens Ludewik, der in einem unterirdischen Tunnellabyrinth überlebt hat, sich regelmäßig und zum Schrecken seiner Mitmenschen in einen „glatt rasierten, etwas schmalen Jüngling“ – einen „Durham-Dandy in Silberbrokat“ verwandelt, und so immer wiederkommt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.