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vonHelmut Höge 13.08.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Dieser Tage jährt sich zum 200. Mal der Untergang der im Mansfeldischen gegen die napoleonischen Truppen operierenden kleinen Partisanen-Truppe des preußischen Majors Ferdinand von Schill. Die Nazis benannten eine ihrer SS-Spezialkommandos nach ihm und die DDR setzte ihm – als einen der wenigen anständigen Preußen – ein Denkmal. Seine 1100 Mann, darunter etliche zwangsverpflichtete Landwehrmänner aus Rügen und schwedische Söldner, führte erst in der Gegend von Magdeburg einen Guerillakampf, verschanzte sich dann jedoch in der ehemaligen Festung Stralsund, die dann von den napoleonischen Truppen eingenommen wurde. Schill starb zusammen mit etwa 400 seiner Leute im Gefecht, ebenso vielen gelang die Flucht aus der Stadt, aber 569 gerieten in Gefangenschaft – und wurden von den Franzosen als Galeerensklaven vernutzt, 25 ließ Napoleon am 16.September 1809 erschießen.

Im nächsten Jahr wird es über Schill eine Ausstellung im „Preußen-Museum“ Wesel geben, der Begleitband dazu, von Veit Veltzke, erschien bereits im Böhlau-Verlag Köln: „Für die Freiheit – gegen Napoleon“

Soeben erschienen auch noch zwei weitere Bände über Partisanen: „Jüdische Partisaninnen“ – als 37. Band der Reihe „Texte“, herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In ihm befaßt sich Anika Walke mit 8 sowjetischen Partisaninnen, die gegen die Deutschen kämpften.

Und dann das wahrscheinlich schiere Gegenteil dazu: das Buch „Sowjetische Partisanen“ des rechten Kriegsforschers der FAZ Bogdan Musial, der sich witzigerweise als Linker bezeichnet, sein im ebenfalls nicht besonders staatsfeindlichen bzw. antiautoritären Verlag „Ferdinand Schöningh“ erschienenes Machwerk verspricht schon im Untertitel „Mythos und Wirklichkeit“.

Zurück zum Jubiläum des kläglichen deutschen Widerständlers Schill, über den „Die Zeit“ heute eine ganze Seite veröffentlichte – ohne allerdings den groß angelegten Schill-Out der DDR zu Zeiten des Kalten Krieges auch nur mit einem Wort zu erwähnen:

„Im Mittelpunkt steht der Mensch, aber genau da steht er im Weg.“( Daniel Goeudevaert, ehemaliger VW-Vorständler)

Als Preußen nach dem Sieg Napoleons und dem Frieden von Tilsit unterzugehen drohte, nahmen seine Reformer – Stein, Hardenberg, Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz und Humboldt – sich ein Beispiel an den antinapoleonischen Volksaufständen in Spanien und Tirol – und arbeiteten einen eigenen Guerilla- d.h. Kleinkriegs-Plan aus. Vorausgegangen waren ihre Überlegungen, die sie teilweise in russischen Diensten vollendeten, die Lieder und Gedichte von patriotisch gesinnten Dichtern wie Kleist, Körner und Arndt. Aber auch die Taten von einer Reihe preussischer Offiziere, die zur Beförderung der teutschen Freiheitsbewegung Freiwillige um sich scharrten – und sozusagen autonom gegen den Feind im Inneren kämpften: u.a. das Schillsche Korps, Lützows Jäger und schließlich General York, der 1812 für seine den Franzosen unterstellten preußischen Truppen einen Separatfrieden mit Rußland abschloß – die Konvention von Tauroggen. Wenn auch erst nachdem Napoleon in Moskau sozusagen ins Leere gesiegt hatte und sich auf dem Rückzug befand. Zum „Philosophen des Antinapoleonismus“ hatte sich derweil der in Berlin lehrende Johann Gottlieb Fichte aufgeschwungen.

Wiewohl all diese politischen und kriegerischen Anstrengungen auf die Organisierung eines Aufstands gegen die Fremdherrschaft hinausliefen, waren sie doch zugleich von einer merkwürdigen Volksangst oder Massenfeindlichkeit beseelt. Das gilt schon für das Schillsche Freikorps: Es nimmt zwar auf seinen rechtselbischen Streifzügen die Begeisterung und Unterstützung der Bevölkerung dankbar an – und ruft sogar zur allgemeinen Erhebung auf, sorgt aber in den von ihm eingenommen Städten zugleich für die Einhaltung der obrigkeitlichen Ordnung und peinlichste Ruhe. An diesem Paradox scheitern alle Freikorps-Expeditionen. Und noch die russischen Kosaken-Regimenter können sich bei ihrem Einzug in Berlin 1813 nicht genug darüber wundern, daß die Bürger ihnen zwar zujubeln und sie mit Branntwein traktieren, aber den verhaßten Franzosen nicht mehr als scheele Blicke zuwerfen. Der in russischen Diensten stehende Oberst Tettenborn schreibt an den ebenfalls für den Zaren tätigen Freiherrn von Stein: „Die Damen haben uns am Besten empfangen; denn als ich in die Stadt sprengte, flogen mir aus allen Fenstern Schnupftücher entgegen; aber die Männer wollten nicht zuschlagen, und das war das Wichtigste“. Auf die Rufe der Kosaken „Franzos kaputt!“ antwortete das Volk nur mit Hurra. Selbst die Bürgergarde hatte bloß die Aufgabe, „darüber zu wachen, daß die Einwohner sich nicht in das Gefecht mischen“.

Hundert Jahre später, als das preußische, nunmehr deutsche Heer erneut unterzugehen droht – nach dem Versailler Friedensvertrag und das Volk, namentlich die Soldaten- und Arbeitermassen wirklich einen Aufstand wagen – wieder beflügelt vom russischen Freiheitskampf, stehen die Freikorps, die diesmal wie Pilze aus dem demilitarisierten Boden schießen, sogar vollständig auf der anderen Seite. Das heißt sie kümmern sich in der Hauptsache um die Niederschlagung der sozialistischen Arbeiterrevolten – in München, im Vogtland, im Mansfeldischen, im Ruhrgebiet, in Berlin und in den Hafenstädten an der Küste. Wobei sie sich als die letzten deutschen Bollwerke gegen den internationalen Bolschewismus begreifen. Ihr Aktionsradius dehnt sich bis ins Baltikum. Ihre Sänger zählen bald zu hunderten; berühmt wurde Edwin Erich Dwinger, der erst auf Seiten der Weißen gegen die russische Revolution kämpfte, dann im Freikorps Mannsfeld und schließlich als Ideologe im Ostministerium. Aber auch der Marineoffizier Ehrhardt, der eine nach ihm benannte Brigade anführte, schrieb später die Guerilla-Konzepte der preußischen Reformer weiter und um – zu reinen Partisanenbekämpfungs-Abhandlungen. Schon 1920 beim Kapp-Putsch sangen seine Kämpfer das „Hakenkreuz am Stahlhelm“-Lied, in dem es heißt: „Arbeiter, Arbeiter, wie wird es dir ergehen…Die Brigade Ehrhardt schlägt alles kurz und klein/ Wehe dir, wehe dir, du Arbeiterschwein!“

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Special Forces – die SS-Einheiten – übrigens genauso uniformiert waren wie einst Lützows freiwillige Jäger: „schwarz mit blinkendem Totenkopf am Tschako“, fanden einige ihrer Sänger zum partisanischen Widerstand zurück: Ernst Jünger, und Rolf Schroers z.B.. Jedoch wieder gegen die Massen, denen man diesmal keine Erhebung (gegen den American Way of Life) mehr zutraut, weswegen die deutsche Revolte nunmehr nur noch eine geistig-individuelle sein kann, bei der man totale Vereinsamung riskiert.
Für Carl Schmitt, dessen idealer Partisan kein Revolutionär, sondern eher ein Restaurateur ist,  war Johann Gottlieb Fichte der erste Philosoph des modernen Partisanentums, dem freilich auch schon ob seines antinapoleonistischen Furors eine gewisse völkische Borniertheit eigen war. Nicht nur in seinen „Reden an die deutsche Nation“ hat Fichte den Widerstand gepredigt, und in seinem Entwurf eines „geschlossenen Handelsstaates“ diesem ein gesamtgesellschaftliches Ziel vorangestellt, als einfacher Gemeiner reihte er sich 1813 auch in das entstehende Volksheer – den Landsturm – persönlich ein: Die Professoren der Universität Berlin, deren erster Rektor Fichte war, bildeten einen eigenen Trupp und exerzierten gemeinsam. Ein Zeitzeuge, Friedrich Köppen, berichtet: „der ideologisch tapfere Fichte erschien bis an die Zähne bewaffnet, zwei Pistolen im breiten Gürtel, einen Pallasch hinter sich herschleppend, in der Vorhalle seiner Wohnung lehnten Ritterlanze und Schild für sich und seinen Sohn“. Fichte war bereit, für die Freiheit zu sterben. Friedrich Köppen merkt dazu an: Mit dem Landsturmgesetz habe man zwar „die Höhe des Prinzips“ erreicht, aber vom Erhabenen zum Lächerlichen sei es mitunter nur ein kleiner Schritt.

Wirklich ernst machten mit dieser Utopie erst die kommunistischen Partisanen nach dem Zweiten Weltkrieg: Jene Führungsriege aus „Moskauern“, Spanienkämpfern und KZ-Häftlingen, die den neuen Staat DDR schufen. Wenn man dem Nürnberger Marxisten Robert Kurz folgt, dann haben sie dabei nahezu den gesamten Fichteschen Plan eines „geschlossenen Handelsstaats“ realisiert. Das reicht vom Recht und der Pflicht zur Arbeit in verstaatlichten Betrieben, über die Rohstoff-Substituierung und die Erziehung in Institutionen, angefangen mit der Kita, bis hin zur flächendeckenden Versorgung aller Bürger mit dem Lebensnotwendigsten. Wegen eines allgemeinen Ausreiseverbots darf lediglich die Wissenschaft dazu beitragen, den inneren Zusammenhang der Menschheit herzustellen. “ Die Sorge, daß jeder einzelne zur Entfaltung seiner Kräfte und zu einem menschenwürdigen Dasein gelange, überwiegt bei Fichte augenscheinlich die um die Freiheit seiner Bewegung,“ schreibt der Idealismushistoriker Rudolf Eucken.

Während Franz-Josef Strauß zu Zeiten studentenbewegter Partisanenverherrlichungen noch zu bedenken gab:  „Was nützt uns der schönste Sozialstaat, wenn die Kosaken kommen?!“ verlächerlichte Robert Kurz nach der Wende rückblickend dieses ganze bolschewistische „Projekt“ einer preußisch-etatistisch „nachgeholten Modernisierung“, in Sonderheit den historischen Irrläufer „DDR“. Seine  objektivistischen Analysen lassen jedoch die individuelle Freiheit, die Fichte in seiner Revolutionslehre begründet und dann im „geschlossenen Handelsstaat“ aufgehoben hatte, unberücksichtigt, obwohl sie ihm mit seinem historisch-materialistischen und dialektisch geschulten Blick eigentlich vor Augen liegt. Die DDR ist nicht an zu viel „Kasernen“-Unfreiheit zugrunde gegangen, sondern an zu viel Freiheit – im Produktionsprozeß nämlich! In ihrem „geschlossenen Handelsstaat“ blieb das Konkurrenzprinzip außen vor – und mußte deswegen – ganz im Sinne der Fichteschen Volkspädagogik – in Form eines „sozialistischen Wettbewerbs“ immer wieder der Wirtschaft injiziert werden.

Die DDR-Bürger waren an ihrem Arbeitsplatz aber ansonsten ganz fröhliche Menschen – woran kürzlich wieder zwei alte DDR-Filme „Die Wäscherinnen“ (des Kombinats Rewatex) und „Das Küchenpersonal“ (der Warnemünder Neptun-Werft) erinnerten, die der Regisseur und Maler Jürgen Böttcher im Berliner „Café Burger“ vorstellte. Es war eine merkwürdige Veranstaltung: Etwa 100 Arbeitslose erfreuten sich am Anblick von fröhlich arbeitenden Menschen – aus einer anderen Zeit.  Vom Westen aus und auch für Robert Kurz, der bei den „Nürnberger Nachrichten“ an einer Verpackungsmaschine arbeitete, ist diese Aufgeräumtheit  kaum nachvollziehbar, weil man es hier auf der Arbeit kaum sein kann – und deswegen sofort Propaganda dahinter vermutet: Nie stockt hier der Materialfluß, und schon gar nicht könnte man hier über einen stockenden Materialfluß schimpfen. Auch würde es hier kein Dienstleister wagen, sich auf Dauer eine launische Blöße zu geben.

Drüben pries dagegen Heiner Müller sogar einmal die schlechte Laune der Kellnerinnen als echte sozialistische Errungenschaft. Dazu gehörte auch, was der Betriebsratsvorsitzende von Opel Eisenach z.B. über seine frühere Brigade sagte: „Wir waren zu fünft, obwohl nur für drei Arbeit da war“. Umgekehrt behauptete der Narva-Betriebsrat Rainer Rubbel Ähnliches, nachdem 1990 die ersten – leistungsschwachen – Leute entlassen worden waren: „Es blieben die besten. Da haben wir Stückzahlen erreicht, die wir sonst nie hatten. Wir schrieben ‚rote Zahlen‘ – das waren Planerfüllungszahlen, also im Sozialismus immer was Positives“. Viele Betriebe hatten nach der Wende trotz Entlassung aller zuvor bloß „versteckten Arbeitslosen“ (wie die Treuhandchefin Birgit Breuel  die innerbetriebliche Brigadegemütlichkeit sofort umdeutete) keine Chance mehr. Der letzte DDR-Handelsminister Manfred Flegel erklärte in einem Interview 1990: „Da es an Konkurrenzprodukten fehlte, wurde die Mengensteigerung oft durch Verschlechterung der Qualität erreicht, indem man z.B. ganze Arbeitsgänge weggelassen oder sich einfach allen Innovationen gegenüber verschlossen hat. Z.B. bei Stern-Radio. Dort kann man das berühmte Wort gebrauchen: Wer zu spät kommt, den bestraft die Zeit. Wir diskutieren mit der elektroakustischen Industrie seit Jahren, die haben einen Rückstand von 8-12 Jahren zum internationalen Niveau“, d.h. auch zum internationalen Druckniveau auf die Produktionsrationalität. Die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften blieben wegen ihrer schieren Größe „konkurrenzfähig“, jedoch um den Preis der Entlassung von Neunzehntel ihrer Beschäftigten.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß wir dort höchstens halb so viel arbeiteten wie die Landarbeiter oder Bauern im Westen, dafür war aber z.B. unsere neunköpfige Brigade auf einer Rindermastanlage die ganze Schicht über gut drauf. Überhaupt waren die DDR-Arbeiter weitaus weniger duckmäuserisch als die BRD-Arbeiter, denn was hätte man ihnen von Staats wegen antun können? Man konnte sie noch nicht einmal zur Strafe in die Produktion stecken – denn dort waren sie ja bereits.  Es gab natürlich auch staatliche Betriebe, die in etwa mit dem Westen Schritt hielten, weil hierbei der Westen selber sich sozialistisch organisiert hatte. Das gilt z.B. für die Gesamtberliner Stadtreinigung, deswegen konnte dort auch ein Ostberliner Straßenfeger 1994 zu der Einschätzung gelangen: „Eijentlich hat sich nischt jeändert – außer det Jesellschaftssystem“. Robert Kurz würde ihm da widersprechen: Nicht einmal das!
Dafür lief im Kalten Krieg die Kampagne zur Fundierung der geschichtlichen Kontinuität von Fichte bis zur DDR wie am Schnürchen. Zunächst folgte man dabei im Osten – trotz Leo Tolstois Geringschätzung der Rolle der „Deutschen“ und ihrer „Legion“ im vaterländischen Krieg – Lenins Einschätzung, daß Stein und sein „Häuflein“ Geschichte machten, „während die Massen der Arbeiter und Bauern (in Preußen) einen tiefen Schlaf schliefen“ (Band II, Ausgew.W. S. 319f). Lenin konnte sich dabei auf Engels berufen, der 1841 unter Pseudonym im Hamburger „Telegraph“ geschrieben hatte: „…daß wir einen Augenblick als Quelle der Staatsmacht, als souveränes Volk auftraten, das war der höchste Gewinn jener Jahre“ (d.h. der Befreiungskriege).

Die deutsche Rechte propagierte dann  in den Zwanziger- und Dreißigerjahren das preußische Heldentum bis in die untersten Schichten durch. Nach 1945  wurde es den westdeutschen Historikern von den Kommunisten quasi aufgezwungen. 1952 ging es richtig los – Walter Ulbricht forderte auf der 2.Parteikonferenz: „daß solche geschichtlichen Persönlichkeiten, die große Verdienste im Kampf um die Einheit Deutschlands haben, wie Scharnhorst, Fichte, Gneisenau, Jahn, in ihrer historischen Bedeutung dargestellt werden müssen“. Alle Kulturschaffenden mußten ran: An den Unis wurde bald die zu geringe Zahl der Examensarbeiten, die sich mit dem Volkswiderstand gegen Napoleon befassten, kritisiert. Selbst Groschenheftschreiber mußten sich noch mit „Lützow’s wilde verwegene Jagd“ befassen – und z.B. für die „Heimabendreihe“ der FDJ geeignet aufbereiten. Für die Reihe „Geschichte in der Schule“ holte Jürgen Kuczynski seinen Vortrag „Scharnhorst – ein General des Fortschritts“, den er 1943 in London vor deutschen Emigranten, darunter Alfred Sohn-Rethel und Erich Fried, gehalten hatte, aus der Schublade. Schon nach wenigen Wochen konnte man geradezu von einer konzertierten Aktion sprechen: Im Neuen Deutschland und in der Täglichen Rundschau erschienen zeitgleich lange Aufsätze von Fritz Lange über den „Patrioten Gneisenau“, über die preußische Untergrundzeitung „Das Neue Deutschland (enthaltend größtentheils freimüthige Berichte zur Geschichte der Bedrückung)“ sowie über das „Russisch-Deutsche Volksblatt“. Als diese Artikel wenig später zu einem Buch zusammengestellt wurden, wußte der Autor darin bereits zu berichten, daß sie „unsere Feinde in ein wahres Wutgeheul ausbrechen“ ließen.

Mit dem Feind waren „die Bonner“ gemeint, die damals gerade dem westlichen Verteidigungsbündnis beigetreten waren – und damit nach Meinung der Kommunisten „Landesverrat“ begangen hatten – fast genauso wie die deutschen Fürsten damals, die ein Bündnis mit Napoleon eingingen bzw. beibehielten – statt mit den Russen gegen den Feind der Völker zu kämpfen, wobei jetzt an die Stelle von Napoleon die Amis getreten waren. Den westdeutschen Historikern war seit diesem Verratsvorwurf anscheinend daran gelegen, nicht nur die patriotisch-preußischen Reformer zu „relativieren“, sondern auch den russischen Befreiungsfeldzug so darzustellen, daß er einem Raubzug gegen die deutsche Zivilbevölkerung gleich kam, so daß diese es eher mit den gesitteteren Franzosen hielt – und deswegen ihre Fürsten bis hin zum preußischen König zu Recht zögerten, das Bündnis mit Napoleon aufzukündigen. Diese Position – der von Friedrich Engels diametral entgegengesetzt – kennzeichnet z.B. noch die Biographie „Freiherr vom Stein“ von Franz Herre 1973.

Hier wie dort wurde die Preußen-Rezeption direkt auf das Heute – des Kalten Krieges – hin ausgerichtet. Im Wintersemester 1952 hielt das SED-Politbüro-Mitglied Albert Norden einen Vortrag vor Studenten der Universität Leipzig, er endete mit den Worten: „Die jungen Deutschen von heute können entweder zu Landsknechten herabsinken und Deutschland den Dolch ins Herz stoßen oder sich am Willen und Handeln…(der preußischen Reformer)…begeistern und Deutschlands Einheit und Frieden erstreiten. Die Wahl dürfte nicht schwer sein….Beschwören wir die Schatten der Stein und Gneisenau, der Arndt und Fichte, der Scharnhorst und Clausewitz herauf.“ Über letzteren hatte jedoch Stalin zuvor zu bedenken gegeben: „Man muß ihn heute natürlich einer kritischen Analyse unterziehen“. Dies galt z.B. auch für den Herausgeber des Russisch-Deutschen Volksblattes“ – Kotzebue, der sich später zu einem Metternich-Knecht wandelte, den man sich wohl so ähnlich wie einen neudeutschen Wendehals vorstellen muß, denn Fritz Lange schreibt: „Auch in Westberlin und Westdeutschland gibt es heute nicht wenige solcher Intellektueller wie Kotzebue, die vergessen lassen wollen, was sie früher einmal, als sie sich noch als Antifaschisten bezeichneten, gesagt und geschrieben haben…und nun zu…niederträchtigen, bestochenen Amiagenten degenerierten“. Das ist sogar noch schlimmer als der traditionsbewußte Napoleonismus, denn – wie bereits Walter Ulbricht auf der 2.Parteikonferenz mit seiner Forderung nach einem wissenschaftlichen Studium der deutschen Geschichte („für den Kampf um die nationale Einheit Deutschlands und für die Pflege aller großen Traditionen des deutschen Volkes“) angedeutet hatte: „die amerikanischen Okkupanten“ sind besonders bestrebt, „die großen Leistungen unseres Volkes vergessen zu machen“. Im Vergleich mit dem durch und durch Weimarischen Curicculum des Reeducation-Programms der sowjetischen Kulturoffiziere in der SBZ mochte das durchaus angehen.

1977 sah man diese Befreiungs-Tradition im Westen bereits derart cool, daß der Westberliner Bürgermeister Stobbe, aber auch der SPD-Kanzler Schmidt eine große Preußen-Ausstellung als „Event“ kurzerhand von der Festspiele GmbH durchführen lassen wollten. Eine Journalistin fragte daraufhin entsetzt, wie ein „Festspiel-Impressario“ überhaupt dazu käme, sich der sensibelsten Gegenstände der deutschen Geschichte zu bemächtigen?

„Keine Pollerin, etwas Ähnliches…“ schrieb Peter Grosse, als er mir dieses Photo schickte, was es aber stattdessen abbildet, teilte er nicht mit. Jedenfalls ist es kein Schill-Denkmal. Davon gibt es viele, denn, wie es auf dem Studentenportal der Uni in Greifswald, wo die Schill-Show ebenfalls gezeigt wird, heißt: „Ferdinand von Schill und seine Freischaren bieten mit ihrer Mischung aus Eigenständigkeit, Unbotmäßigkeit und Patriotismus in ihrem Kampf gegen Napoleon ideale Voraussetzungen, um zu Idolen gerade des liberalen und demokratischen Bürgertums zu werden. Die zentralen Handlungsorte Kolberg, Berlin, Stralsund, Braunschweig und Wesel qualifizieren sie zu gesamtdeutschen „Helden”.

Und so kann man dann mittlerweile eine richtige Schill-Denkmal-Tour durch Deutschland (natürlich mit dem Fahrrad!) unternehmen – ein Muß für jeden Neonationalisten:

1. Stralsund:

An Schill erinnern in Stralsund das bronzene Schilldenkmal in den Schillanlagen und  auf dem St.-Jürgen-Friedhof seit 1862 ein Grabstein auf seinem Grab, der eine für das Leben Schills bezeichnende Inschrift trägt – „Großes gewollt zu haben ist groß“. So sehen die Amis heute auch Hitler. Das Schill-Schild wurde nach der Wende vom Grabe gestohlen und durch die Stralsunder Schützen-Compagnie neu gestiftet. Die Schillstraße in der Nähe seines Todesortes erinnert ebenfalls an ihn. Eine in den Bürgersteig eingelassene steinerne Gedenktafel am Ort seines Falles in der Fährstraße erinnert an seinen Todesort.

2. Kolberg/ Kolobrzeg:

Hier gibt es Denkmal-Leerstellen zu bestaunen: Ein vor dem Rathaus ursprünglich befindliches Denkmal des Preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. von 1903 wurde nach Kriegsende beseitigt.  Es zeigte Gneisenau und Nettelbeck, die sich brüderlich die Hand reichten und sollte die Verteidigung der Festung Kolberg gegen die Truppen Napoleons feiern. Die Kanonen, die vor dem Denkmal lagen, können heute im Museum für polnische Waffen besichtigt werden.  Auf der Vorderseite war Ferdinand von Schill zu sehen.

3. Braunschweig:

26 Jahre nach dem Tode Ferdinands von Schill schlossen sich Braunschweiger Aristokraten einer Initiative des Freiherrn von Vechelde an, ein Denkmal für Ferdinand von Schill zu errichten. Die Initiative wurde vom Herzoglichen Braunschweigischen Offizierskorps unterstützt. Das Denkmal sollte als Grabstätte für die wiedergefundenen Überreste der in Braunschweig hingerichteten Offiziere und später auch für Schill in Alkohol konservierten Kopf dienen. Am 19. März 1837 wurde das Denkmal, das nach Plänen des Carl-Theodor-Ottmer-Schülers gebaut worden war, eingeweiht. Es steht an der Schillstraße, an der Stelle, an der die Schillschen Offiziere erschossen worden waren. Am 24. September 1837 wurde auch Schills Kopf im Denkmal bestattet. 1840 wurde das sogenannte Invalidenhäuschen auf dem Gelände errichtet, dort wurde ein Veteran des Schillschen Feldzuges einquartiert, der die Denkmalsanlage betreuen und Besucher von Schills Heldentaten berichten sollte.

Wilmersdorf:

In Wilmersdorf bei Dresden steht das Geburtshaus Schills, das sog. Schillgut.Außer einer Gedenktafel am Haus wurde hier 1904 ein Schill-Denkmal errichtet und 1984, zum 175. Todestag Schills, die Dorfstraße in Ferdinand-von-Schill-Straße umbenannt.

Geltow:
Anläßlich des 35. Jahrestages der DDR, am 07. Oktober 1984, erhielt das Kampfhubschraubergeschwader KHG-3 den Traditionsnamen „Ferdinand von Schill“. Ausgestellt im Flugplatzmuseum Cottbus. Das Kampfgeschwader wurde zu Teilen in die Bundeswehr integriert und wird jetzt in Afghanistan verheizt.

Dodendorf:

Im Jahr 1859, 50 Jahre nach den Ereignissen, setzte die Dodendorfer Bevölkerung in Erinnerung an das Geschehene ein Denkmal, welches noch heute erhalten ist. Das sogenannte Schill-Denkmal ist als Steinkreuz gestaltet und gedenkt auf einer angebrachten Inschrift den preußischen Gefallenen. Französische und westfälische Opfer blieben, obwohl Dodendorf während der Ereignisse zum Königreich Westphalen gehört hatte, unerwähnt.

Wesel:
Den Ort kennen die meisten Deutschen bisher nur vom Esel-Echo – auf die dort laut gerufene Frage: „Wie heißt der Bürgermeister von We-sel?“ Den Anstoß zur Errichtung eines Denkmals für die elf Schillschen Offiziere gaben Major Karl Emil von Webern (1790 – 1878), seit 1831 Kommandant des Füsilier-Bataillons des 17. Infanterie-Regiments in Wesel, und der Hauptmann der Artillerie a.D. und Rendant des Hauptsteueramtes in Wesel, Jacob Pahlke. 1833 eröffneten sie zu diesem Zweck eine Sammlung innerhalb der preußischen Armee. Das Denkmal wurde nach Plänen Karl Friedrich Schinkels von August Kiss in Berliner Eisenguß erstellt und am Hinrichtungs- und Begräbnisort der Schillschen Offiziere in den Lippewiesen aufgestellt. Es ist eine schlichte, klassizistische, an antike Vorbilder angelehnte.

Ohlau/Olawa:

Noch eine Schill-Denkmal-Leerstelle: Am Standort des Husaren-Regiment von Schill (1. Schlesisches) Nr.4
im schlesischen Ohlau, heute Oława, befand sich ein Schilldenkmal.Das Schillsche Husaren Regiment wurde auf Befehl Napoleons aus der Heeresliste gestrichen. Es wurde vom Husaren Regiment Von Schill als Schlesisches Husaren Regiment Nr. 4 in Ohlau weitergeführt.

Langenweddingen:

1909 wurde hier ein Gedenkstein enthüllt – mit der Inschrift:
“ Hier rastete Major von Schill nach dem
Gefechte bei Dodendorf am 05. Mai 1809.“

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kommentare

  • Wir haben es bei den SZ-Wirtschafts-Kommentaren mit einem Unterhaltungsformat für Couponschneider in der Etappe zu tun. Neuerdings gibt es dazu aber auch noch – ebenfalls ganz evolutionär – einen Radiosender für die Frontschweine der Bundeswehr – in Afghanistan. Man muß sich diesen Buwe-Info- und Entertainmentkanal mal anhören. Er versucht sich in dem selben Ton wie in den Sechzigern und Siebzigern der Amisender AFVN in Saigon, dessen Morgenmoderator seine tägliche Radioshow mit den aufmunternden Worten „Good Morning, Vietnam!“ begann. So hieß dann 1987 auch ein zynischer Hollywood-Film darüber.

    Sein deutsches „Grüß Gott Afghanistan!“-Pendant hat jetzt einen Dauerton gefunden, der sich zwischen diesem „Good Morning Vietnam“ und dem einstigen „Sender Werwolf“ auspegelt. Letzterer ging am 1.April 1945 on the air – auf der vormaligen Welle des nunmehrigen „Deutschlandsenders“. Ersterer ging nach der Einnahme von Saigon durch nordvietnamesische Truppen 1975 off the air. Ob der Buwe-Sender auch die alte AFN-Erkennungsmelodie „Bridge over troubled water“ übernimmt, ist noch unklar.

  • Wie verkommen diese verfluchten Westdeutschen sind kann man heute im Wirtschaftskommentar der Süddeutschen Zeitung wieder lesen – unter der Überschrift „Darwins Evolutionstheorie erklärt die Instabilität der Finanzmärkte“. Da Darwin einst seine tragenden Evolutionsbegriffe der ekelhaften bürgerlichen Gesellschaft entnahm (Konkurrenz/Fitness etc), um sie sodann auf die gesamte Natur zu projizieren, ist ein Analogieschluß von da aus wieder zurück auf die amerikanisierte Weltgesellschaft nun – aber auch sowas von dämlich…

    Wenn die Amis das machen, ist das schon schlimm genug, aber das jetzt auch schon so ein deutscher Dummbeutel von SZ-Kommentator sich traut…Analogien erklären nie etwas! Und die Finanzkrise als sozusagen naturbedingt hinzustellen – zeugt nur von unverschämter Dreistigkeit…Es heißt in dem Schweinetext:

    „Einige Finanzwissenschaftler greifen nun auf die Evolutionstheorie des Naturwissenschaftlers Charles Darwin [der jeden Tag in der SZ und FAZ abgefeiert wird] zurück. Investoren befinden sich demnach in freier Wildbahn; konkurriert wird um die beste Anlagestrategie. Beute ist das Kapital, die Selektion geschieht über Gewinn und Verlust. Mutationen sind finanztechnische Neuerungen, etwa Derivat. Ein solcher Markt ist nie im Gleichgewicht, er verändert sich ständig, und Investoren, rational und irrational, machen Fehler bei der Anpassung. Versuch und Irttum bestimmen die Entwicklung, Strategien beeinflussen sich gegenseitig. Wenn zu viele Anleger dieselben Papiere kaufen, wird es selbstzerstörerisch. Wie wenn Raubkatzen alle Beutetiere wegfressen und deshalb verhungern. Das ist nicht effizient, aber evolutionär.“

    Das ist nicht evolutionär oder ein ähnlich genetisch „programmierter“, Quatsch, sondern das Denken von Leuten, denen sie permanent ins Gehirn geschissen haben – „American Destiny“.

  • Bereits kurz nach der Wende entfachte der Kalte Krieg erneut – indem die dumpfesten Westler in den Osten einfielen und sich dort wie die Schweine einsuhlten. Dieser Kampf wird immer noch von Bildzeitung, FAZ und taz weitergeführt – und hat sich inzwischen auch schon wieder bis Moskau ausgedehnt.

    Das Online-Dingsbums „suite 101 .de“, ein „Netzwerk“ von ganz sicher West-„Autoren“ schreibt unter der Überschrift

    „Der Missbrauch der preußischen Vergangenheit“:

    Neben den Traditionslinien der Arbeiterbewegung war es in der NVA vor allem die Tradition der Befreiungskriege, auf die man sich berief. Die höchste Auszeichnung dieser Armee war der Scharnhorstorden. Eine Jagdfliegerstaffel nannte sich Adolf von Lützow, ein Hubschraubergeschwader trug den Namen Ferdinand von Schill. Die Uniformen der NVA waren bis auf wenige Änderungen fast die Uniformen der Deutschen Wehrmacht. Selbst das „Ein-Strich-Kein-Strich“ der Felduniformen war zusammen mit den Stahlhelmen ohne „Regenrinne“ eine Entwicklung der Wehrmacht. Diese später von der NVA verwendeten Stahlhelme kamen in der Wehrmacht nicht mehr zum Einsatz. Der nach dem General York benannte Marsch war der Parademarsch der NVA. Die Waffenbrüderschaft zwischen Preußen und Russen in den napoleonischen Kriegen wurde später die Waffenbrüderschaft zwischen NVA und der Sowjetarmee.

    Was ist daran „Mißbrauch“ – das wäre es doch nur, wenn Westdeutschland so etwas gemacht hätte. Es gab in der BRD nach dem Krieg doppelt so viele NSDAP-Parteimitglieder als zu Hitlers Lebzeiten – weill sie sich 1945 aus ganz Europa dorthin geflüchtet hatten.

    Dementsprechend griff man in der Bundeswehr bei der Namensgebung von Kampfeinheiten, Kasernen, Latrinen und Ähnlichem dann auch am Liebsten auf Massenmörder, Judenschlächter und ähnliche Kriegsverbrecher zurück. Erst kürzlich wurde in Mittenwald, wo sich regelmäßig die Hitler-Killertruppe „Gebirgsjäger“ trifft – ein Denkmal von der Gemeinde mit Bagger entfernt, dass an ihre Opfer erinnern sollte.

    Auf der Bonner Eisenhardt-Höhe, wo man das Verteidigungsministerium raufgesetzt hat, sind alle Straßen nach adligen und bürgerlichen „Widerstandskämpfern“, benannt worden, die gegen Hitler waren, weil sie den Kaiser wieder haben wollten. Die besonders nationalistisch verrohten Massenmedien FAZ und BUNTE spendeten erst vor zwei Jahren einem US-Scientology-Promi einen „Mut“-Bambi, weil er ihren Nazihelden Stauffenberg hollywoodesk verkörpern wollte. Über diesen Dreckskerl, den Oberwiderständler Gott hab ihn selig aller westdeutschen Schweinebacken, schrieb Brecht – einen Tag nach seinem fehlgeschlagenen Attentat – in sein Arbeitsjournal:

    „als etwas über die blutigen vorgänge zwischen hitler und den junkergenerälen durchsickerte, hielt ich für den augenblick hitler den daumen; denn wer, wenn nicht er, wird uns schon diese verbrecherbande austilgen? zuerst hat er dem herrnklub seine SA geopfert, jetzt opfert er den herrnklub, und was ist mit der ‚plutokratie‘? die deutsche bourgeoisie mit ihrem junkergehirn erleidet einen gehirnschlag (die russen marschieren auf ostpreußen.)“

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