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vonHelmut Höge 17.08.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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In der neuen Ausgabe des Schweizer Edelmagazins „Du“, das der „Herrin der Schöpfung“ gewidmet ist, findet sich ein Interview mit Bruno Latour über seinen akteurnetzwerktheoretischen Ansatz einer neuen politischen Ökologie – mit dem Titel „Die Bäume haben das Wort“.
Zum selben Thema hatte ihn zuvor bereits „Die Zeit“ interviewt – hier hieß der Titel: „Die Kühe haben das Wort“. Dieses Interview findet sich in Teilen auch in meinem blog-eintrag: „Power to the Bauer! Und seinen Kühen?“
In der neuen Ausgabe der Zeitschrift „polar“ – mit dem Heftschwerpunkt „Wie leben“ plädieren Bruno Latour und Émilie Hache in einem leider viel zu kurzen Beitrag ebenfalls dafür, auch mit nicht-menschlichen Wesen zu verhandeln, d.h. ihnen in Ausweitung der Errungenschaften der Französischen Revolution endlich Sitz und Stimme am Runden Tisch einzuräumen. Dies setzt allerdings eine Suspendierung der Dichotomie von Subjekt und Objekt, Natur und Kultur sowie von Faken und Fetische voraus, d.h. in gewisser Weise eine Rückkehr zur Vormoderne, was aber laut Latour auch nicht weiter schlimm ist, denn „wir sind nie modern gewesen“ – und nun gehe es sowieso nicht mehr um „Modernisierung“, sondern nur noch um „Ökologisierung“… Das ist im Kern der Inhalt der „Akteur-Netzwerk-Theorie“ (ANT).

Die sich damit auseinandersetzenden Kulturwissenschaftler (in Deutschland und Österreich), Soziologen und Philosophen (in Frankreich) und Primatenforscher sowie Anthropologen und Naturschützer (in den USA) bilden inzwischen selbst ein solides „Netzwerk“. Der polar-Text hat den Titel „Die Natur ruft. Wem gegenüber sind wir verantwortlich?“
Im Frühsommer hatten die Genfer Soziologen und die verfaßte Studentenschaft der dortigen Uni bereits einen Vortrag von Latour zum selben Thema angekündigt – und zwar wie folgt:
„Der Soziologe, der zu fragen wagte, ob wir denn jemals modern waren, der Maschinen oder Bäume als Akteure betrachtet und somit dem Menschen seine einzigartige Stellung in der sozialen Welt abspricht, ist diese Woche in der Schweiz. Bruno Latour, bekannt für seine Akteur-Netzwerk-Theorie und seine Arbeiten in der Wissenschaftssoziologie, spricht in Genf. Der Titel seines Vortrags, ‚L’empirisme est-il un effet de l’histoire de l’art?‘, verspricht Überlegungen zu Wissenschaftsgeschichte und -theorie. Nähere Infos zum Inhalt des Vortrags gibt’s leider nicht, aber hier lohnt sich das Wagnis sicher.“

Ebenfalls im Frühsommer fand an der Bauhaus-Uni Weimar ein dreitägiger Kongreß „Die Macht der Dinge“ statt, auf dem es u.a. auch um Latours Akteur-Netzwerk-Theorie ging. Anfang 2010 ist Latour erneut in der Schweiz: auf der „Biennale zu Wissenschaft, Technik + Ästhetik“ der „Neuen Galerie Luzern“. Dort wird er noch einmal über das ANT-Konzept seiner politischen Ökologie sprechen, zusammen mit der Brüssler Philosophin Isabelle Stengers, die sich – ebenso wie die feministische US-Biologin Donna Haraway – als Latours Bündnispartner begreift.

2008 erschien im Suhrkamp-Verlag Latours neuestes Buch: „Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft“. Der Verlag schrieb dazu:
„‚Man muß die Gesellschaft verändern – diese Parole aus alter Zeit ist nach wie vor aktuell, denn die Gesellschaft, in der wir leben, ist voller Härte und Zumutungen. Aber um dies Veränderung zu ermöglichen, sollte man vielleicht erst einmal versuchen, den Begriff ‚Gesellschaft‘ zu verändern. Heute läßt sich ein immer größeres Auseinanderklaffen der Praxis der Soziologie, der Theorie der Politik und des Glaubens an die Idee der Gesellschaft beobachten. Um einen Ausweg aus dieser Krise zu finden, sollte, so die provokative These dieses Buchs, diese Spannung bis zum äußersten ausgereizt werden. Bruno Latour, der die etablierten Grenzen zwischen Wissenschaft, Kultur, Technik und Natur eingerissen hat, schlägt vor, zwei unterschiedliche Konzepte von Gesellschaft zu unterscheiden. Der einen Auffassung zufolge ist ‚Gesellschaft‘ eine unveränderliche abstrakte Entität, die ihren Schatten auf andere Bereiche wirft: auf die Wirtschaft, das Recht, die Wissenschaft etc..

Nach der anderen hingegen ist ‚Gesellschaft“‚ notwendig instabil: eine Verbindung überraschender Akteure, die die einlullende Gewißheit, einer gemeinsamen Welt anzugehören, in Frage stellen. Die Analyse dieser unerwarteten Verknüpfungen höchst unterschiedlicher Bereiche, wie etwa zwischen Viren, Wissenschaftlern, Leidenschaften, Naturkatastrophen oder Erfindungen, ist nach Bruno Latour Aufgabe der Soziologie. Wenn man die Gesellschaft verändern will, muß man wählen, und zwar zwischen der Gesellschaft und der Soziologie. Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft – das ist die Aufgabe, der sich dieses Buch stellt.

Kürzlich erschien im Suhrkamp-Verlag auch noch eine Aufsatzsammlung „Bios und Zoe – Die menschliche Natur im Zeitalter ihrer tehnischen Reproduzierbarkeit“, in der Bruno Latour sich in seinem Beitrag über Fakt und Fetisch ausläßt, daneben gibt es darin auch noch einen Text von Karin Knorr Cetina, eine Konstanzer Bündnispartnerin von Latour, sie schreibt hier über „Die Entstehung der Kultur des Lebens“.

Nun hat der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) – ob wissentlich oder unwissentlich (das ist egal, denn sie liegt gewissermaßen in der Luft) – die Idee von Latour zur Revolutionierung der politischen Ökologie aufgegriffen – und auch gleich sehr gekonnt plakativ umgesetzt (siehe unten). Diese Umsetzung dient dem NABU  als Werbemaßnahme für seine „Liste pro Natur“, dazu heißt es in einer Pressemitteilung:

Der NABU schickt Feldhamster, Laubfrosch, Gänsegeier und Wolf in den Bundestagswahlkampf. Die vier Kandidaten der „Liste Pro Natur“ stellten sich am Freitag erstmals mit einer Aktion in Berlin der Öffentlichkeit vor. Mit Parolen wie „Standort sichern – Abwanderung stoppen”, „Schluss mit Schönwetterpolitik beim Klimaschutz!“ oder „Gegen Ausgrenzung – für Integration“ wollen sich die tierischen Spitzenkandidaten und der NABU in den kommenden Wochen in den Wahlkampf einmischen und für eine zukunftsfähige Umwelt- und Naturschutzpolitik werben.

„Bedrohte Tiere sind ebenso wie die Wähler von politischen Entscheidungen betroffen. Doch sie können nicht wählen gehen. Der NABU will mit dieser Kampagne darauf aufmerksam machen, dass Natur und Umwelt jede Stimme brauchen“, sagte NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller.
Der Feldhamster ist nach wie vor der Buhmann der Asphaltlobby und werde immer gern genannt, wenn es darum gehe, gegen den Naturschutz zu polemisieren. Wölfe, die nach Deutschland zurückkehrten, werden auch nach zehn Jahren erfolgreicher Zuwanderung illegal verfolgt und getötet. Der Laubfrosch verliert seinen Lebensraum, weil wir mit unserer Agrar-, Energie- und Verkehrspolitik Moore und Feuchtgebiete zerstören.

„Bis zu 40 Prozent der in Deutschland heimischen Tier- und Pflanzenarten sind bedroht, und das nur, weil Tiere und Pflanzen in einer bis zum Anschlag genutzten Natur kaum Möglichkeiten zur Anpassung haben. Konsequenter Natur- und Klimaschutz müssen daher Hand in Hand gehen“, so NABU-Fachbereichsleiter Umweltpolitik, Jörg-Andreas Krüger. Eine zentrale NABU-Forderung zur Bundestagswahl sei daher die Verabschiedung eines Bundesprogramms Biologische Vielfalt. In den kommenden vier Jahren müssten jährlich 300 Millionen Euro in den Naturschutz fließen, davon zehn Prozent der Gelder aus dem Emissionshandel.

Die Kandidaten präsentieren sich ab sofort auf Wahlplakaten an Gebäude- und Bauzäunen in Berlin und im Internet sowie auf Postkarten, Stickern und Buttons. Ferner rollen mobile Fahrräder mit den Wahlkampf-Botschaften durch Berlins Bezirke:

Auf der Internetseite der „Liste pro Natur“ kommt der Wolf ganz im Sinne der ANT selbst zu Wort, in seinem Forderungskatalog heißt es u.a.: „Setzen Sie sich konsequent für den Schutz unserer Familien ein.“

„Wir Gänsegeier sind ja miese Presse gewöhnt. Lange haben wir geschwiegen. Jetzt reicht es!“

„Wir Feldhamster haben vielleicht ein dickes Fell, aber es ist nicht dick genug, ständig der Buhmann der Asphalt-Lobby zu sein. Wir können es nicht mehr hören: ‚Wegen ein paar Feldhamstern werden wir nicht auf diese supertolle Straße verzichten.“

„Auch wir Laubfrösche fordern ein globales Konjunkturprogramm – beschließen Sie im Dezember in Kopenhagen ein neues Weltklimaabkommen, das die Zukunft für uns und unsere Nachbarn dauerhaft sichert.“

Die taz schrieb dazu am Samstag:

Mit dieser schickt der Naturschutzbund Deutschland (NABU) die Tiere als Kandidaten für die kommende Bundestagswahl in den Wahlkampf. Feldhamster, Laubfrosch, Wolf und Gänsegeier stellten sich letzte Woche in Berlin mit ihren Zielen vor. Standortsicherung für Tiere und Integration derselben wollen sie durchsetzen sowie eine konsequente Klimapolitik.

„Bedrohte Tiere sind ebenso wie die Wähler von politischen Entscheidungen betroffen. Doch sie können nicht wählen gehen“, sagte Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des Nabu. Deshalb sollten die Wahlberechtigten endlich „Partei ergreifen“ für die Natur. Die Umweltorganisation fordert außerdem die Verabschiedung eines „Bundesprogramms Biologische Vielfalt“ in der nächsten Legislaturperiode. Das soll ein speziell eingerichteter Haushalt für die Umsetzung des Ziels sein, das Artensterben in Deutschland zu stoppen. Vorbild für die „Liste Pro Natur“ des NABU scheint die Schweizer Organisation „Pro Natura“ zu sein, offen bleibt indes, wie man die vier Tiere als Kandidaten wählen kann/soll, zumal sie anonym bleiben – d.h. der NABU führt sie nur als bloße Repräsentanten ihrer Art – ohne Namen und Wohnsitz (Lebensraum) – vor. Und ihre Forderungen betreffen auch alle das Überleben ihrer Art. Das wäre ungefähr so – nach den alten auf Menschen beschränkten „Rechten“ der Französischen Rvolution, als müßten wir nun bei der Bundestagswahl uns zwischen einem Schwarzafrikaner, einem Südeuropäer, einem Nordeuropäer und einem Asiaten entscheiden, ohne dass wir mehr als das über sie wüßten.Und als würden diese stets nur für ihre Kultur als Ganzes sprechen. Dabei wird ein Feldhamster in Niedersachsen bestimmt ganz andere Probleme als ein Feldhamster in sagen wir Weißrussland haben. Latour plädiert in diesem Zusammenhang erst einmal für einen Multinaturalismus.

Die neue taz-chefredakteurin meint, die NABU-„Liste“ sei keine neue Partei, da soll nichts gewählt werden, die Plakataktion der NABU richte sich vielmehr im Zusammenhang der kommenden Bundestagswahl an die Parteien und ihre Wähler, diese Forderungen mitzubedenken, sie sei somit Teil der NABU-Anstrengungen überhaupt, für seine Naturschutz-Ziele zu werben.Das bestätigte wenig später auch die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Naturschutzbund.

Der NABU will also Mehrheiten für die Forderungen von Feldhamster, Wolf, Gänsegeier und Laubfrosch gewinnen – und das im Zusammenhang der Parteienwahl am 27.September. Bei dem Politevent geht es ebenfalls darum, dass die Parteien und ihre (nichtanonymen) Kandidaten Mehrheiten, mindestens eine respektable Anzahl an Wählerstimmen auf sich ziehen. Nun weiß man aber inzwischen: Nur Minderheiten sind produktiv – nie Mehrheiten, deswegen ja auch die Idee, statt einer Parteienlandschaft ein „Patchwork der Minderheiten“ (Lyotard) zu schaffen. Und dazu eine Vielzahl „Kollektive“ (Latour) – Runde Tische, an denen nicht nur die Tiere, Pilze, Pflanzen, Bakterien und Protoctisten (die „Fünf Reiche“), sondern auch sämtliche in frage kommenden Artefakte Sitz und Stimme haben. Ob dann z.B. ein Laubfrosch für alle Laubfrösche sprechen kann, das wird sich zeigen – wahrscheinlich wird das nicht der Fall sein. Während sie in Norddeutschland primär Klimaprobleme haben und überdies mehr Heckenschutz fordern würden, hadern sie z.B. in Mittelitalien eher mit Pestiziden, Herbiziden und ähnlichen Giften. Es reicht nicht einmal – darwinistisch statt von Arten von Populationen auszugehen, da kommt nur so ein Hochrechnungs-Statistik-Zeug bei raus wie bei den demokratischen Wahlen, deren Ergebnisse ja auch schon mehr und mehr von Volksbefragungen flankiert bzw. korrigiert werden – für die sich im übrigen auch der NABU schon seit längerem einsetzt.

Neben dem Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) gibt es ja auch noch den Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND genannt). Der BUND hat sich Folgendes zur Bundestagswahl ausgedacht:

Der erste deutschlandweite Kandidatencheck zur Bundestagswahl 2009 ist online. Der BUND stellte rund 1.500 Direktkandidaten insgesamt drei Fragen zu Atomreaktoren, zum Neubau von Kohlekraftwerken und zum Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft. Wählerinnen und Wähler erfahren so mehr über das umweltpolitische Profil der Kandidatinnen und Kandidaten…

Ich weiß noch nicht, wie der NABU entstanden ist, wohl aber ein bißchen über die Geschichte des BUND: Es begann mit den ersten Bürgerinitiativen (BI) gegen Atomkraft. Die Whyler BI war hierbei nicht nur der Anfang der Anti-AKW-Bewegung, sondern auch einer allgemeineren Umwelt- und Naturschutz-Bewegung. Um sich zu „effektivieren“ wurden in der BRD zunächst die verschiedenen Stränge des bürgerlichen Naturschutzes und des administrativ-technischen Umweltschutzes mit den Bürgerinitiativen, also der Ökologiebewegung als „neuer sozialer Bewegung“, koordiniert. Mit der Gründung des „Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschlands“ (BUND) 1975 gelang auf Initiative von Horst Stern, Hubert Weinzierl, Konrad Lorenz, Robert Jungk und Bernhard Grzimek die Zusammenführung von Natur- und Umweltschutz. Die Bürgerinitiativen hatten sich zuvor bereits  zum „Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz“ (BBU) zusammengeschlossen. Und von der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) weiß ich, dass sie nicht die Arbeit der Ökologie-Bewegung bzw. der diversen -Initiativen verbessern oder kritisieren will, sondern nur ihre immer noch moderne Theorie auf die Höhe ihrer postmodernen Praxis bringen möchte.

Die Konsumentenstrategien, auch Loha-Politiken genannt, bleiben dabei ganz außen vor. Weil diese in der taz aber eine große Rolle spielen, in Umdrehung der früheren Produzentenpolitik um 180 Grad, seien sie hier abschließend auch noch thematisiert:

Vielleicht liegt es ja an dem Enthobensein von Wirtschaftskämpfen dank der reichen Spender aus dem Süden, die die taz-Konsumgenossenschaft bilden, dass die darin eingewickelte taz-Produktivgenossenschaft ebenfalls zunehmend Konsum- statt Produktions-Strategien verfolgt. Stefann Kuzmany und Peter Unfried haben sogar ganze Bücher darüber verfaßt, mit ihren eigenen Konsumstrategien im Mittelpunkt bzw. als Ausgangspunkt. Selbst das da ein bißchen Abhilfe schaffende taz-„bewegung.de“ erwähnt auf seinem Plakat zwar alle Loha-Topics (Klima, Gentechnologie, Stadtentwicklung, Bio, Antifa, Demokratie, Erneuertbare Energie…), aber nichts, was auf eine „bewegung“ im Produktonsbereich hindeuten könnte (Streiks, Sabotage, Managerentführungen, Wanderarbeiter, Migrationsströme, Studentenunruhen etc.).

Heute druckt die Süddeutsche Zeitung in ihrem Kommentar auf der Wirtschaftsseite eine Kritik an der Loha- bzw. Konsumentenpolitik, den ich hier reinstelle: Grün kaufen reicht nicht:

Konsumieren und die Welt verbessern – nach diesem Motto handeln immer mehr Verbraucher. Sie achten darauf, ob die Hersteller die Baumwollbauern fair entlohnen oder ob sie Gemüse verkaufen, das giftfrei angebaut worden ist. Sie halten dabei viel von kleinen, überlegten Schritten, jedoch wenig von Verzicht. Schätzungsweise 12,5 Millionen Menschen gehören in Deutschland schon zu den Anhängern eines solchen Lebensstils. Für die Wirtschaft ist diese Kundschaft wesentlich interessanter als die erste Generation der grünen Konsumenten, die häufiger von Verzicht sprachen, beim Auto, Fleisch oder gar der Fernreise. Ein grüner Genießer legt sich dagegen lieber den Toyota Prius mit Hybridantrieb zu, erwirbt sein Schnitzel auf dem Ökomarkt und erkauft sich bei der Fernreise ein gutes Gewissen, indem er Geld dafür spendet, dass Bäume angepflanzt werden, die dann CO2 absorbieren. Aber geht das Kalkül dieser strategischen Konsumenten auf? Sicher verändern deswegen viele Unternehmen ihre Produktionsverfahren. Dafür sorgt in einer funktionierenden Marktwirtschaft schon der Mechanismus von Angebot und Nachfrage. Deswegen gibt es fair hergestellte Schokolade nicht mehr nur im Eine-Welt-Laden, sondern auch beim Aldi. Und deswegen kann man beim Versandhandel ein T-Shirt aus rein ökologischer Baumwolle bestellen oder für die private Altersvorsorge in eine Windkraftanlage investieren. Es ist jedoch eine Illusion zu glauben, der Ressourcenverbrauch der Bürger könnte auf diesem Weg auf das notwendige Maß schrumpfen.

Um einen Konsumenten in der Europäischen Union mit Nahrung, Gütern und Energie zu versorgen, braucht man jährlich sechs Hektar Land und produziert zehn Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid. Würde jeder Erdbewohner die gleiche Ressourcenmenge beanspruchen, dann bräuchte man drei neue Planeten. Neue Konsumgewohnheiten reichen nicht aus, und Bekenntnis und Tat klaffen häufig auch auseinander. Außerdem überschätzen viele Konsumenten ihren Umweltbeitrag. Am tugendhaftesten dürften sich ohnehin diejenigen verhalten, die gar nicht anders können, weil sie wenig Geld haben – etwa die Rentnerin, die auf kleinem Raum lebt und nur zu Fuß unterwegs ist. Verglichen mit ihr dürfte die Umweltbilanz eines gut verdienenden, strategischen Konsumenten beschämend schlecht ausfallen. Außerdem ist die Konsumwelt viel zu komplex, um als einzelner immer die richtige Entscheidung zu treffen, was folgende Beispiele zeigen: Wer Strom spart sorgt dafür, dass weniger Kohlendioxid entsteht. Leider nicht! Wenn die Haushalte in der EU weniger Strom brauchen, dann ändert sich nämlich an der Gesamtzahl der Zertifikate für Emissionen nichts. Der Schadstoffausstoß verlagert sich lediglich. Davon profitieren insbesondere energieintensive Industrien wie die Stahl- oder Aluminiumindustrie. Daran dürfte kaum ein Verbraucher denken, wenn er sich eine klimaschonendere Waschmaschine kauft.

Und wer würde erwarten, dass die ökologische Rinderzucht genauso umweltschädlich ist wie die konventionelle? Tatsächlich stößt jede Kuh täglich bis zu 400 Gramm des hochwirksamen Treibhausgases Methan aus, egal, wie sie aufgezogen wird. Der individuelle Konsum taugt eben nicht als Ersatz für eine sinnvolle Regulierung. Nur die Politik kann die Anreize so verändern, dass sich alle Unternehmen und alle Konsumenten nachhaltig verhalten, so wie bei der Glühbirne. Das ineffiziente Leuchtmittel wird schon in wenigen Jahren in Europa verschwunden sein, dank der Politik. Und schon bald dürften die Unternehmen dafür sorgen, dass die Lichtqualität der handelsüblichen Energiesparlampen deutlich besser wird. Ehrgeizige Ziele für eine nachhaltige und gerechtere Wirtschaft lassen sich nur erreichen, wenn Gesellschaften über wirksame und gemeinwohlorientierte Steuerungsinstanzen verfügen. Deswegen sollte sich niemand auf seine Rolle als Konsument beschränken, sondern sich als politisch interessierter Bürger in der Demokratie einbringen. (SZ vom 17.08.2009)

Stefan Kuzmany antwortete mir eben darauf:

Lieber Aushilfshausmeister, mein Buch beschäftigt sich zwar durchaus mit meinem Konsum, aber gerade nicht mit der These, dass der die Welt retten könnte. Nein, es kommt am Ende zu demselben Schluss wie der von Dir zitierte SZ- Kommentar – den ich, wohl auch deshalb, zwar für einleuchtend, aber wenig überraschend halte. Und dabei ziemlich diffus (ein Vorwurf, den sich mein Buch allerdings auch gefallen lassen muss): „sich in der Demokratie einbringen“, kraftloser formuliert geht’s ja wohl kaum. Aber Managerentführungen! Das wäre mal eine krachende Forderung in einem SZ-Wirtschaftskommentar gewesen! Oder zumindest in meinem Buch. Aber leider, hast ja Recht: dafür war ich nicht radikal genug. In der taz wird sowas ja ständig gefordert. Oder erinnere ich mich da falsch?
Beste Urlaubsgrüße von Stefan

Von einer ungenannt bleiben wollenden Leserin kam noch folgende Bemerkung zu dem „bemerkenswerten SZ-Kommentar“:

In Fritz Mieraus Aufsatzband „Konzepte“ (1979 im Westen erschienen) kommt er im Kapitel über Wladimir Majakowski auf dessen Begriffe „Verbraucher“ (potrebitel) und „Produzent“ (proiswoditel) zu sprechen. Majakowski hatte sie in seinem Nachwort auf Chlenikow benutzt, in der fünfbändigen Majakowski-Ausgabe wurde das dann so erklärt: Majakowski wollte damit sagen, Chlenikow sei ein Dichter für Produzenten und nicht für Verbraucher gewesen. Nun ist aber der Produzent, wenn er ein Gedicht liest auch ein Verbraucher, und einen Nur-Verbraucher gibt es – zumindestens im couponschneiderlosen Ostblock – sowieso nicht. Wohl gibt es jedoch – laut Mierau – beide sowohl unter den Dichtern als auch unter den Lesern: Der „Produzent“ ist der Leser und Dichter, der sich schöpferisch, verändernd zur Wirklichkeit, zur Sprache zum Wort verhält. Der „Verbraucher“ ist der Leser und Dichter, der Fertiges benützt. Eine dritte Variante zum Verständnis wäre die, dass Chlebnikows Dichtung eher zur „Produktion“ anregt als zum „Verbrauch“ – im Sinne von Entspannung, Zerstreuung, Ablenkung.

Erwähnt sei abschließend noch ein neues Buch zur Kritik an Konsumenten-Politik:

„Ende der Märchenstunden – Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“ – von Kathrin Hartmann. Die Autorin hat dazu auch einen „blog“ im „Zusatzmedium“ (J.Habermas) Internet eingerichtet:

www.ende-der-maerchenstunde.de/index.php?/autorin.html.

Ihre Eintragungen bestehen vor allem aus einer Auflistung der Reaktionen auf ihr Buch, wozu auch Einladungen an die Autorin in Talk-Shows, Kultursendungen usw. gehören. Ist das nicht auch wieder ziemlich Lohas-Like – wenigstens Arbeit an der Sustainibility (Nachhaltigkeit/Nachdrücklichkeit)? Egal, Kathrin Hartmanns Buch ist sehr brauchbar.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/08/17/fuer_eine_neue_transdarwinistische_politische_oekologie_/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Die taz berichtete übrigens seit 1979 30 mal über Kohlmeisen und 39 mal über Blaumeisen.

    Telepolis druckte unlängst ein Gespräch mit dem Blaumeisenforscher Bart Kempenaers, Direktor der Abteilung Verhaltensökologie und Evolutionaire Genetik des Max-Planck-Institutes für Ornithologie in Seewiesen, ab.

    Mit seinem Team hat er die Gelege von Blaumeisen untersucht und herausgefunden, dass die Brut eine recht bunt gemischte Gesellschaft sein kann – weil auch „Mutti“ den Blick über den Nestrand wagt:

    „Früher dachte man, dass Vögel eher monogam leben“, so Ornithologe Bart Kempenaers:

    Dass die Männchen im Tierreich bestrebt sind, sich so oft als möglich zu paaren, um viel Nachwuchs zu zeugen und die eigenen Gene durchzusetzen ist altbekannt. Doch auch die Weibchen wollen hohen Reproduktionserfolg, sie setzen dabei jedoch statt auf Masse auf Klasse. Weil sie nicht plötzlich die doppelte Menge Eier legen können, suchen sie möglichst gutes Spermamaterial zu erhalten und das gelingt nur durch zusätzliche Partner. „Die Untersuchungen bei unseren [extern] Blaumeisen (Parus caeruleus) haben eindeutig erbracht“, erklärt Kempenaers, „dass Weibchen, die fremdgehen, einen höheren Reproduktionserfolg aufweisen: Ihr Nachwuchs ist von ‚besserer Qualität‘, d. h. es überleben mehr und sie besitzen ein besseres Immunsystem. Die Weibchen legten größere Gelege und lebten länger, die Männchen waren erfolgreicher bei der Aufzucht der Jungen und produzierten mehr überlebende Nachkommen. So wie ich es sehe, bietet die Promiskuität den Weibchen die Möglichkeit, genetisch den besseren Partner bzw. die besseren Spermien zu bekommen. Sie bedeutet eine Optimierung der Partnerwahl.“

    Promiskuität biete sich demnach als unkomplizierte Lösung für Vogelfrauen an, die den optimalen Partner nicht gefunden haben.

    Was ist das wieder für ein darwinistischer Max-Planck-Unsinn: Die Weibchen „suchen möglichst gutes Spermamaterial zu erhalten“. Das sind doch reine Seewiesen-Ehefrauen-Sekundärrationalisierungen, um ihre sie deterritorialisierende Abenteuerlust ehemäßig zu reterritorialisien…bevor es noch in ihren oberbayrischen Swinger-Clubs zum Äußersten kommt.

    Blaumeisen haben so einen Quatsch gar nicht nötig! (Übrigens auch die Kohlmeisen nicht)

  • Der fast schon regelmäßige taz-kommentator Ilija Trojanow hat ebenfalls kürzlich über Blaumeisen sinniert:

    Welchen Materialwert hat ein Vogel? Vom Nutzen grotesker Rechnungen

    Was ist ein Blaukehlchen wert, fragt sich der Naturliebhaber auf seinem sonntäglichen Spaziergang. Seit Kurzem gibt es darauf kompetente Antwort: Der Materialwert beträgt 1,5 Cent. Das ist nicht viel, aber was ist an einem Blaukehlchen schon dran – ein wenig Blut, ein wenig Fleisch, einige Knochen und ein paar Mineralien in den Knochen.

    Doch ein Vogel hat auch einen Nutzwert, er verspeist Schädlinge und fördert die Besamung der Pflanzen. Berücksichtigt man diese Funktionen, erhöht sich der Wert des Blaukehlchens auf sage und schreibe 150 Euro pro Vogel. Derartige Berechnungen haben die Naturschützer Jessel, Tschimpke und Walser in ihrem in diesem Jahr erschienenen Buch „Produktivkraft Natur“ vorgenommen und die drohende Entwertung des Blaukehlchens jüngst verhindert.

    Wie gut, dass wir inzwischen auch die Natur einer nüchternen Kosten-Nutzen-Rechnung unterziehen können, wie schön, dass wir uns befreit haben von schäbiger Sentimentalität gegenüber der Schöpfung. Ist unsere Gesellschaft wirklich schon so krank, dass wir uns nur durch klimpernde Münze vom Naturschutz überzeugen lassen?

    Auch Bäume haben einen hohen Wert. Sie atmen Kohlendioxid ein und Sauerstoff aus, sie formen ein grünes Bollwerk gegen die Klimaerhitzung. Trotzdem werden sie weiterhin abgeholzt, was mit etwa einem Fünftel der Treibhausgasemissionen zu Buche schlägt. Was läge also näher, als Bäume zu bewahren, um den CO2-Fußabdruck auszugleichen? Zumal Bäume so günstig erhältlich sind, in Brasilien beispielsweise, wo amerikanische Konzerne jede Menge Bäume besitzen, General Motors etwa an der Atlantikküste, in einem der letzten Küstenregenwälder des Landes im Bundesstaat Paraná. Doch wie hoch sind die Kosten, sie nicht abzuholzen, und welchen Wert stellen sie in dem langsam an Fahrt und Profit gewinnenden Emissionshandel dar? Um das zu eruieren, wird der Durchmesser der eleganten Guaricica-Bäume (Vochysia bifalcata) gemessen, so als seien sie Mastochsen. Zusammen mit der Höhe errechnet sich so die Biomasse des Baumes und damit die Kohlenstoffmenge, die er bindet.

    Bei einem stattlichen Guaricica sind das immerhin 95 Kilo, die auf den Emissionsmärkten einen Gegenwert von insgesamt etwa einem Dollar erzielen könnten. Um die Verpestung durch einen einzigen Hummer auszugleichen, müsste man allerdings 50 Bäume, deren Taille regelmäßig gemessen wird, hegen und pflegen. Noch ist solcher Ablasshandel nicht erlaubt. Seit dem Vertrag von Kioto dürfen sich Unternehmen zwar exkulpieren, indem sie in Entwicklungsländern Wiederaufforstungsprojekte finanzieren, auch wenn es sich nur um monokulturelle Plantagen wie etwa Eukalyptus handelt. Nicht vorgesehen ist bislang die Bewahrung existierender Naturwälder, und es ist fraglich, ob man sich bei beim Klimagipfel in Kopenhagen darauf einigen wird.

    Denn so sehr die Mathematik stimmen mag, so pervers ist die Philosophie dahinter. Es ist so, als würde man mit dem Versprechen, einen Raub nicht zu begehen, weitere Räubereien rechtfertigen. Zumal die einheimische Bevölkerung mit Gewalt daran gehindert wird, den Regenwald nachhaltig zu nutzen. Der Naturschutz, den sie kultur- und traditionsbedingt betreibt, wird kriminalisiert.

    Unser Wirtschaftswachstum basiert zum großen Teil auf einer Enteignung des Öffentlichen, also jenem Gut, das allen Menschen gehört oder – besser gesagt – den Menschen nicht gehört. Anstatt dieses Fehlverhalten zu korrigieren, sind wir dabei, absolut alles zu ökonomisieren, um angeblich der maßlosen Gier und Zerstörung einen Riegel vorzuschieben. Das nannte man früher den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Wenn der Wert von allem berechnet werden kann, wieso können wir nicht das Gegenteil berechnen, die Zerstörung eines Wertes, den Antiwert sozusagen? Wieso wird weiterhin so getan, als sei die Menschheit in ihrer Gesamtheit an der Klimakatastrophe schuld?

    Der berühmte Umweltschutzpionier James Lovelock („Gaia“) hat neulich Bevölkerungswachstum und Klimawandel als zwei Seiten derselben Medaille bezeichnet. Das impliziert, dass es nur auf unsere Zahl und nicht auf unseren Lebenswandel ankommt. Genau das ist aber nachweislich falsch. Afrika südlich der Sahara hat von 1980 bis 2005 18,5 Prozent der weltweiten Bevölkerungszunahme zu verantworten, aber nur 2,4 Prozent des CO2-Zuwachses. Die Bevölkerung Nordamerikas dagegen nahm um 4 Prozent zu, aber die dortigen Emissionen stiegen um 14 Prozent.

    Das Problem sind nicht zu viele Menschen, das Problem sind zu viele Konsumenten. Und da die Hälfte der Weltbevölkerung, die dahinvegetiert, aus ihrem menschenunwürdigen Elend befreit werden muss und wir uns weitere Konsumsteigerungen ökologisch nicht leisten können, ergibt sich logisch, dass es zu viele Reiche gibt.

    Wir wissen inzwischen, wie viel ein Blaukehlchen wert ist, aber wissen wir auch, welche öffentlichen Werte ein Millionär zerstört? Nehmen wir einmal die sinnbildliche Jacht. Wie der britische Umweltaktivist George Monbiot kalkuliert hat, verbraucht die schicke Superjacht WallyPower 118 knapp einen Liter Sprit pro Sekunde, wenn sie auf Hochtouren fährt! Ähnliche Rechnungen könnte man für Privatjets und Helikopter aufstellen, ebenso für geheizte Schwimmingpools im Winter und für all jene weiteren Extravaganzen, die wohlhabende Menschen sich gönnen, meist aus keinem anderen Grund, als dass sie es sich leisten können.

    George Monbiot stellt die Rechnung auf, dass hunderttausend Millionäre dem Planeten so viel Schaden zufügen wie zehn Milliarden afrikanische Bauern. Diese Gleichung muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und sogleich in das Dreisatzlehrbuch für die 5. Klasse aufnehmen. Da hilft es uns allen recht wenig, dass sich Millionäre recht zaghaft fortpflanzen.

  • Auch die Kunst hat sich der Meisen im Januar angenommen:

    Der Kunstverein Braunschweig teil mit – bis zum 31. Januar 2010 gilt:

    Winterlich kühl ist es derzeit in den klassizistischen Innenräumen des Braunschweiger Kunstvereins. Und die Besucher müssen erst drei Zimmer durchqueren, bis sie die Ursache dieses lokalen Klimawandels erkennen: ein Fensterflügel ist ausgehängt, aus seinem vermeintlichen Material ist ein schlichtes Vogelfutterhaus gezimmert, das nun gefiederte Besucher aus dem angrenzenden Park in den Innenraum locken soll.

    Die Arbeit stammt von Björn Braun, 30 Jahre alt, Absolvent der Kunstakademie Karlsruhe und diesjähriger Preisträger der Nachwuchsauszeichnung „blauorange“ der Volks- und Raiffeisenbanken. Was bei Björn Brauns Arbeiten auffällt, ist ihr frischer Umgang mit bewährten Konzepten wie der Collage, dem „ready made“ oder der surrealistischen Verfremdung. Wenn Braun sich mit vorgefundenem Material beschäftigt, belässt er es nicht mehr bei der visuellen Umformung in einen neuen Bedeutungskontext. Er zerlegt das Material auch physisch, und das sehr radikal. „Das Haidedorf“ lautet der Titel eines ungegenständliches Bildes von ihm – und es ist hergestellt aus einer Leinenausgabe des gleichnamigen Heimatepos von Adalbert Stifter, das jener 1840 veröffentlichte. Zerkleinert, mehrere Tage im Dampfdrucktopf zu einer sämigen Masse verkocht und anschließend als grobe Zellulose neu geschöpft, lässt Braun eine nur noch assoziative Naturbeschreibung aufziehen. Einige Buchstabenfragmente, Einbandr!
    este oder braune Leinenfetzen sorgen für einen Rest Erkennbarkeit, irgendwo zwischen Text, Abbildung und begreifbarer Topographie in kleinstem Maßstab.

    Oder Braun entfernt aus einer schönen verwitterten Parkbank zwei Latten. Diese hängt er, zermahlen und wiederum zerkocht – das Holz benötigte ganze sieben Wochen zur Auflösung – als zwei fast monochrome Bildflächen gegenüber der Sitzposition auf. Eine horizontale Fuge spielt zwar noch mit dem Topos des Horizonts im traditionellen Landschaftsstück, dessen sittlicher Erbauungswert ist aber nicht mehr von Interesse.

    Brauns Arbeiten eignet eine fast anrührende, für seine Generation wohl eher untypische Haltung mit direkten Rückgriffen auf Phänomene, Dinge und Beschreibungen der Natur, der Heimat und Landschaften. Adalbert Stifter, als Literat häufig kritisiert wegen seines verbal ausschweifenden, jedoch handlungsarmen Schreibstils, ist bezeichnenderweise ein konstanter Impulsgeber, ebenso wie Fotos aus altbackenen Heimatbüchern.

    Und es sind Federn, Nester, Gelege und selbst lebende Vögel, die Braun auch ganz unmittelbar in seinen Objekten tätig werden lässt. So erweisen sich seine eigenen zwei Zebrafinken als kunstfertige Schöpfer bunter Nester, wenn er ihnen nur passendes und ästhetisch vorsortiertes Material zum Bauen überlässt. Oder die erhofften Meisen aus dem winterlichen Park – ganz zwanglos und natürlich bevölkern sie die Ausstellung, zumindest aber Brauns Gedankenwelt, der es gelingt, die recht weihevoll in der erhabenen Villa des Kunstvereins angelegte Schau kein bisschen antiquiert erscheinen zu lassen.

    BETTINA MARIA BROSOWSKY

  • Der Nabu-Bremen ist jetzt noch einen Schritt weiter gegangen als bei seiner Wahlplakate-Aktion. In der taz-bremen findet sich heute folgendes Interview:

    „Boh, ist mir schlecht“

    WINTERFREUDEN Das Fütterverbot für Vögel ist offiziell aufgehoben: Meisenknödel raus!

    taz: Frau Meise, heute schon was gefressen?

    Blau Meise: Boh, ist mir schlecht.

    Oje, Magen verdorben?

    Nee, einfach zu viel, viel zu viel. Da war ein Garten und da hing alles voller Knödel, wirklich in jedem Baum, in jedem Strauch. Herrlich.

    Aber das ist gar nicht nach Vorschrift, man soll Vögeln doch im Winter gar nichts geben!

    Na, das glauben auch nur Sie. Sie stehen wohl nicht im Presseverteiler des Naturschutzbunds Nabu, was?

    Äh, doch.

    Dann haben Sie doch auch gelesen, dass jetzt sogar, ich zitiere, die „ornithologische Fachwelt beginnt, den Wert der Futterstellen zu erkennen“. Also: Meisenknödel raus!

    Aber doch nur, wenn es ganz bitterkalt ist.

    Das hätten Sie wohl gern. Das ganze Jahr über! Sommers wie winters, das machen die Briten schon immer und es hat noch keinem Piepmatz geschadet. Weder kommen Zugvögel durcheinander, noch fangen Vogeleltern im Frühjahr an, die Küken mit Körnern statt mit Insekten zu füttern. Das machen sie nur, wenn Futter knapp ist und dann sage ich: Lieber ein Korn als gar nix zu beißen.

    Und was sollen Sie nach Ansicht der Fachleute bekommen?

    Wie die meisten Meisen stehe ich auf ungeröstete Erdnüsse, natürlich ohne Salz. Andere bevorzugen aufgespießte Äpfel, Haferflocken und Weizenkleie. Die Futtermischungen sind ganz okay, aber da sind oft ganze Weizenkörner beigemischt. Die machen die Tüten voll, frisst aber kein Schwein. Also Vogel.

    Und das kommt dann ins Vögelhäuschen.

    Lieber nicht. Sieht schmuck aus, macht aber krank, weil das Futter mit Vogelkot verschmutzt wird. Besser sind Futterautomaten. Kann man auch selbst bauen.

    (Blau Meise – aus der Familie der Meisen, ist der kleinere Verwandte der am weitesten verbreiteten Kohlmeise.)

    Mehr Informationen und Bauanleitung: nabu-bremen.de

  • Und dann gibt es ja noch die „Tierpartei“, nicht nur in Deutschland, die sich wirklich zur Wahl stellt. Sie heißt eigentlich Partei „Mensch, Umwelt, Tierschutz“.

    Dazu heißt es auf ihrer Internetseite – unter „Eine Partei mit unverwechselbarem Profil…“:

    Die meisten Politiker der etablierten Parteien sind leider nur noch Interessenvertreter einer auf Profitmaximierung ausgerichteten Wirtschaft, oder sie erliegen aus Gründen der eigenen Selbstverwirklichung dem Machtstreben und dem Machterhalt um jeden Preis. Sie haben durch ihr kurzsichtiges Denken seit Jahrzehnten die katastrophalen Verhältnisse, die heute auf diesem Planeten herrschen, mit zu verantworten. Welche Zukunftsperspektiven bieten die etablierten Parteien an, und in welchen Traditionen und Denkstrukturen wurzeln ihre antiquierten Grundsatzprogramme, die überwiegend eine Ansammlung von Kompromissen sind? Sie bieten keine Lösungen, um den massiven Problemen in unserem Lande und auf unserem Planeten Paroli zu bieten. Von ihnen sind keine Impulse mehr zu erwarten!

    Aber die Zeit drängt, die Politik muss jetzt unbedingt neue Rahmenbedingungen schaffen und notwendige gesellschaftliche Veränderungen in Angriff nehmen!

    Wir treten für einen konsequenten Umwelt- und Tierschutz ein, nicht zuletzt, weil konsequenter Umwelt- und Tierschutz auch der beste Menschenschutz ist. Unsere Partei ist deshalb so außerordentlich wichtig, weil keine der etablierten Parteien bisher den Mut und die Einsicht gezeigt hat, alle heutigen Probleme in ihren ursächlichen Zusammenhängen zu verdeutlichen. Dies zu erkennen, aufzuzeigen und richtig anzugehen, ist eine unserer vordringlichsten Aufgaben! Wir sind der kompetente Ansprechpartner, weil wir die Ursachen besser kennen und die wirksameren Konzepte haben. Wir gehen nicht am Gängelband von Lobbyisten und wir nehmen keine Rücksicht auf bestimmte Wählerschichten. Wer dies tut, hat Angst, nicht wiedergewählt zu werden. Im Gegenteil, wir werden unsere Positionen vertreten, auch wenn wir damit gegen den Strom schwimmen müssen.

    Wir sind aus tiefer Überzeugung auf der Seite derer, die sich nicht aus eigener Kraft helfen können – seien es Menschen oder Tiere! Weil sich die sozialen Verwerfungen in unserem Land und weltweit zunehmend verschlimmern, richten wir unser Augenmerk heute auch verstärkt auf die Nöte der in Armut lebenden Menschen, um sowohl der Welthungerkrise als auch den Auswirkungen durch Hartz IV, Kinder- und Rentnerarmut zu begegnen. Wir sind damit die erste und einzige Partei in unserem Land, die sich gleichermaßen konsequent für Menschen und Tiere und Umwelt einsetzt.

  • Zwar heißt es in einer Selbstverständnis-Erklärung des NABU-Präsidenten Olaf Schimpke:

    „Viele Millionen Jahre dauerte die Entstehung der Erde, eine Dimension, die das begrenzte Vorstellungsvermögen des Menschen überfordert. Ebenso wenig können wir die faszinierende Vielfalt auf unserem Planeten erfassen: Es existieren so unglaublich viele Lebensformen, dass wir weit davon entfernt sind, alle Arten zu kennen ­ von ihren spezifischen Bedürfnissen oder ihrer Bedeutung im Ökosystem ganz zu schweigen. Die Erdgeschichte hat ein komplexes Gefüge geschaffen, von dem der Mensch nur ein Teil ist.“

    Aber wie der NABU entstanden ist, weiß ich noch immer nicht. Von seiner Pressestelle bekam ich jetzt immerhin etwas Org-Material. U.a. heißt es darin:

    Andere Verbände legen Wert auf eine schlagkräftige Elitetruppe oder sind hochspezialisiert. Die besondere Qualität des NABU jedoch liegt neben der fachlich fundierten Arbeit vor allem in der breiten Verwurzelung des Verbandes in der Bevölkerung. Der NABU ist bis in kleinste Dörfer vertreten und bietet von der Kindergruppe und der Naturschutzjugend bis zu natur-kundlichen Fachthemen, praktischen Biotoppflege-einsätzen und umweltpolitischen Auseinandersetzung die gesamte Bandbreite des Natur- und Umweltschut-zes. Die Stärke des NABU macht daher vor allem seine Vielgestaltigkeit in rund 1.500 örtlichen und regionalen NABU-Gruppen aus, in denen sich die Mitglieder des NABU ehrenamtlich in ihrer Freizeit engagieren.

    Ein Verein wie der NABU lebt von der Bereitschaft, auch Verantwortung in den Gremien des Verbandes zu übernehmen. Es ist daher wichtig, dass motivierte Na-turfreunde sich auf Orts-, Regional-, Landes- und Bundesebene zur Wahl stellen und mit den Vorständen schlagkräftige, engagierte und qualifizierte Teams bil-den, um die Ziele des NABU zu verfolgen.

    Die Naturschutzjugend NAJU ist die eigenständige Jugendorganisation im NABU. Mitglieder des NABU unter 27 Jahren gehören automatisch der Naturschutz-jugend im NABU an. Die Naturschutzjugend entschei-det über die ihr zufließenden finanziellen Mittel eigenständig…

    Im online Org-Material stieß ich dann aber doch noch auf die „Geschichte“ des aus dem altehrwürdigen „Bund für Vogelschutz“ hervorgegangenen NABU. Sie ist ganz anders als die des BUND:

    Für den schnellen Überblick zur NABU-Geschichte bieten wir eine Zeittafel als Chronik in Kurzform. Wer mehr wissen möchte, kann in der ausführlichen NABU-Chronik schmökern, die im Web der Übersichtlichkeit halber in die drei Hauptabschnitte 1899 bis 1918, 1919 bis 1945 und 1946 bis 1999 gegliedert ist. Separate Themenbeiträge informieren außerdem über die Verbandsgründerin Lina Hähnle, über die so genannte Paradiesvogelkampagne zu Beginn des 20. Jahrhunderts, über die Rolle des Vogelschutzbundes im Dritten Reich und über die Anfänge des Naturschutzes in der DDR.

    Abschließend geben eine Reihe von Texten Einblick in historische Originalquellen, die im Vorfeld des 100. NABU-Geburtstages zusammengetragen wurden. Die Spannbreite reicht von einer Winterfütterungsanleitung aus dem Jahr 1900 über die Verbandssatzung von 1902, Werbeflugblätter von 1906 und 1912 sowie eines Artikels über den Krammetsvogelfang am Niederrhein 1913 bis zu Protokollen der Verbandsneugründung nach dem Zweiten Weltkrieg.

    Ohne in die hier vom NABU eingegebenen links reinzukucken kann man vielleicht trotzdem schon so viel sagen, dass der sehr viel später gegründete BUND zur Basis die aus der Studentenbewegung hervorgegangenen Anti-AKW- und Umwelt-Initiativen hatte – also eine bei seiner Gründung noch herrschende Hysterie als Schubkraft, die sich beim NABU bereits lange gelegt hatte und die dann auch beim BUND von den Bigshots (Lorenz, Stern, etc.) des Gründungsausschusses langsam gedeckelt wurde.

    „Die Hysterie steht am Anfang jeder Wissenschaft,“ behauptete Lacan, aber was steht danach am Anfang? Jugend-Unterverbände, die von oben initiiert die Hysterie wieder in die Gesamtstruktur „einbringen“? Und daraus mendelt sich dann auf Dauer das zukünftige Verbandsmanagement heraus… Man erkennt daran, dass NABU und BUND mehr mit Natur zu tun haben als ihnen recht sein dürfte.

  • Dirk Grüning (Bad Saarow):

    Lieber AHM,

    alles sehr NABU-freundlich – und deren Werbe-Kampagne für die Berücksichtigung der Bio- bzw. Soziotope dieser vier Arten hat es auch verdient, aber du warst wahrscheinlich nicht dabei – vorgestellt wurde diese Plakatwerbung der Öffentlichkeit in Berlin – und zwar mit vier NABU-Aktivisten, die Kopfmasken trugen. Diese Masken waren den vier Tieren nachempfunden. Und das sah nicht nur Scheiße aus, sondern war auch großer Mist.

    Nichts für ungut
    DG

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