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vonHelmut Höge 02.09.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Photo: Peter Grosse

Doppelte Bindung

Damit ist nicht die „neue und alles revolutionierende High-Tech Ski-Bindung“ gemeint, mit der der thüringische Ministerpräsident seine Karriere in der Obersteiermark aufs Spiel setzte, sondern die deutsche Übersetzung des Wortes „Double-Bind“: ein Begriff aus der US-Familientherapie. Er stammt von einer Gruppe Kommunikationsforscher um den Sozialwissenschaftler Gregory Bateson, die damit die Schizophrenie von Kindern erklärten. Diese resultiert aus widersprüchlichen Botschaften der Mutter an ihr Kind: Einerseits sagt sie z.B. „Komm her!“ und andererseits signalisierte sie ihm körpersprachlich „Bleib weg!“

Das selbe wirft mir auch meine Freundin vor: Einerseits bitte ich sie, zu kommen, andererseits vertiefe ich mich in ein Buch und fühle mich fast gestört, wenn sie dann da ist. Auch sie gebraucht dafür den Begriff „Double-Bind“, der nun im „biopolitischen Zeitalter“ noch für ganz andere Dinge herhalten muß.

Während uns die US-Genetiker, die zu über 80% auch Geschäftsführer gentechnischer Firmen sind und zudem nicht selten fanatische Christen, dank ihrer Experimente eine goldene Zukunft versprechen: Ohne Krankheiten, Altersgebrechen und mißgebildete Kinder, – sprechen ihre Kritiker von einer Eugenik auf privater Basis, die eine „Double-Bind-Situation“ etabliere.

Denn einerseits reduzieren uns diese optimistischen „Transhumanisten“ laut Martin G.Weiß „naturalistisch auf ein Ensemble chemischer Moleküle (die ‚Gene‘)“, andererseits verstehen sie diese „aber nicht mehr materialistisch, sondern immer mehr als bloße Anzeichen einer Prädisposition, d.h. statistische Wahrscheinlichkeit möglicher phänotypischer Expression“. Dies führt dazu, dass das Individuum in dieser „berechneten Unberechenbarkeit“ von Verantwortung entbunden wird (sogar der Verbrecher wird frei von Schuld, denn für die genetisch orientierten Gehirnforscher gibt es keine  „Willensfreiheit“ mehr). Gleichzeitig wird das Individuum aber größerer Verantwortung dadurch ausgesetzt, dass es nun die Pflicht hat, „seinen ‚Lebensstil‘ in den Dienst der genetischen ‚Risiko-Minimierung‘ zu stellen“. Stichwort: Rauchverbot. Dieser  Double-Bind beginnt schon vor der Geburt  – wenn die Eltern mit genetischen Tests dafür sorgen, dass die biologische Ausstattung ihres Kindes „perfekt“ ist (also z.B. kein „Homosexualitäts“-Gen besitzt).

Laut Jügen Habermas würde das Wissen um diese vorgeburtliche Einflussnahme es den betroffenen Kindern später unmöglich machen „sich als alleinige Autoren ihrer Handlungen zu begreifen. Damit aber könnten sich die  manipulierten Individuen nicht mehr als frei und gleichberechtigt verstehen.“ Umgekehrt sind die „‚virtuellen‘ Kranken“ bereits in der Gegenwart mit sehr realen Formen genetischer Diskriminierung konfrontiert,“ wie Thomas Lemke in seinem Aufsatz „Von der Eugenik zur genetischen Gouvernementalität“ schreibt: „So wird etwa Ehepaaren die Adoption von Kindern untersagt, wenn bei einem der Elternteile eine Disposition für eine genetische Krankheit vorliegt.“ Und Arbeitgeber, Kranken- oder Lebensversicherungen verweigern die Aufnahme bzw. Einstellung, wenn die von ihnen verlangten Gentests bei jemandem „Hinweis auf eine eventuelle spätere Krankheit“ergeben, d.h. mit hoher statistischen  Wahrscheinlichkeit .

Wenn Brustkrebs früher noch ein schwerer Schicksalsschlag war, so ist er heute eine Krankheit, an der die Frau fast selbst schuld ist, denn sie hätte sich rechtzeitig auf „genetische Prädispositionen hin testen lassen und sich gegebenenfalls präventiven chirurgischen Eingriffen unterziehen“ können, wie Martin G.Weiß in seinem Reader „Bios und Zoë“ schreibt. In Deutschland lassen sich bereits 5% der Frauen nach einem positiven Gentest den Eierstock entfernen oder die Brust amputieren, in den USA sind es bereits ein Drittel aller positiv Getesteten. 1996 hatte bereits Susanne Heim in ihrem Buch „Berechnung und Beschwörung“ auf die Fragwürdigkeit dieser nach genetischen Tests von Ärzten gegenüber ihren Patientinnen vorgebrachten „statistischen Wahrscheinlichkeit“ (einer späteren Erkrankung) hingewiesen. Diese   statistische Wahrscheinlichkeit ist selbst ein Double-Bind.

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kommentare

  • In der Süddeutschen Zeitung findet sich heute ein langer Artikel über den praktischen Umgang der Ärzte mit Statistik, von denen die meisten keine Ahnung haben. Das geht bis hin in die Aufklärungsbroschüren des Bundesgesundheitsministerium – in bezug auf die Brustkrebs-Früherkennung beispielsweise.

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