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vonHelmut Höge 17.09.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Selbstgestrickte Eierwärmer in unserer Rhön-Pension in Weissbach

Die Welt-Lexika geben auf: Brockhaus und Meyer haben vor dem weniger von Leistung als von Leidenschaft beseelten Wikipedia-Wissen kapituliert. Der Brockhaus-Verlag setzt nach seinem Fastkonkurs nun ebenfalls laut taz auf ein „Internet-Lexikon“. Jetzt gibt es aber auch noch eine „Roman-Krise“: Schuld daran ist laut FAZ die von Habermas bereits 1985 konstatierte „neue Unübersichtlichkeit“, die trotz seiner Analyse nicht weniger, sondern im Gegenteil noch enorm zugenommen hat. Wie hängen diese beiden „Ereignisse“ zusammen – und was tun die Autoren dagegen?

Sie schreiben statt Welt-Romane Provinz-Lexika! Als Vorbild dafür könnte das vielgelobte „Alphabet der polnischen Wunder“ von Stefanie Peter (2007) gelten. Da wäre zum Einen die „Spurensuche in Mitteldeutschland“ von Joachim Krause zu nennen, „Am Abend mancher Tage“ betitelt, die alle von antikommunistischem Westschmäh benebelten Zuspätgeborenen mit DDR-Biographemen von „Aufbruch“ (1953) über  „Feindberührung“, „Flugblätter“ und „Kartoffelkäfer“ bis „Zeltplatzleben“ und  „Loslassen“ (1999) informiert. Der Autor ist Theologe in Sachsen, seit 1982 für seine Landeskirche als „Beauftragter für Glaube, Naturwissenschaft und Umwelt“ tätig und hat das alphabetische Lexikonprinzip zugunsten seiner eigenen Provinz-Biologik souverän vernachlässigt.

Dies im Gegensatz zu dem in Thüringen lebenden Henner Reitmeier, der zwar in seinem „Großen  Stockraus“ nicht weniger persönlich räsoniert, aber weil er sich über den fünfbändigen Brockhaus, den er 1971 erwarb, so geärgert hatte – wegen all der darin enthaltenen „Verzerrungen/Auslassungen/Lügen“, ist er nun in seinem eigenen einbändigen „Relaxikon“ bei der alphabetischen Ordnung seiner Gedankenwelt geblieben. Diese beinhaltet seine Lieblingsautoren  und -vögel ebenso wie einige noch nicht existierende Einrichtungen – das „Misfitness-Center“ z.B. sowie schwer abzugewöhnende Gewohnheiten: u.a. das „Rauchen“ und etliche persönlichen Macken: „Fluchen“, „Circus Herkules“, „Hochmut des Alters“… Trotz vieler privater Vorlieben, wie „Landkommunen“, „Musik“  und „Thälmanns Enkelin“ (statt Teddy Thälmann), ist der „Große  Stockraus“ ein echtes Lexikon – mit ausführlichem Register und ganz viel Welthaltigkeit. Für meinen Geschmack sogar zu viel, denn der Autor lebt quasi auf dem Land und ich erwartete von ihm, dass er zwar noch im kleinsten zerdärmten Frosch am Feldrand die Abwesenheit Gottes erkennt – und meinetwegen beklagt, aber solche Ochsenfrosch-Wörter wie „Gerhart Schröder“, „Rudolf Augstein“ und „George Bush“ getrost dem „Bild“-Lexikon aus dem Springerstiefelverlag überläßt.

Während Reitmeier also seine Welt in das Provinznest (Waltershausen), in den es ihn verschlagen hat, reinholte, um es lexikalisch aufzubereiten, hat der niedersächsische Bauernsohn Henning Ahrens in seinem „Provinzlexikon“ akribisch die Allerweltsweisheiten, wie sie in seinen ländlichen Lebensraum einsickerten, von A bis Z registriert: „Baumärkte“, „Canapees“, „Fußgängerzonen“, „Mehrzweckhallen“, „Nagelstudios“. usw.. Umgekehrt wäre es mir lieber gewesen: Wenn er uns – in der idiotischen „Weltstadt“ Berlin z.B. – sein  Provinzwissen nahegebracht hätte: Also nicht einfach nur „Kuh“, sondern  „Holstein-Frisian“ (HF-Kühe) eingetragen hätte, nicht einfach nur „Feldfrucht“, sondern  „Gen-Mais“ und „Kartoffeln“ – und da wiederum z.B. die umkämpfte Sorte „Linda“, nicht einfach nur (Dorf-)“Kneipe“, sondern „Maikel’s Taverne“ in Rosenwinkel oder „Bei Annie“ in Wienbergen. Aber Henning Ahrens hat einen besonderen Weltbegriff: So berichtet er z.B. unter dem Stichwort „Rübenmaus“ von einem Cousin, der eine „Rübenroder-Flotte“ besaß – und ihm am Feldrand mitteilte:  „‚Gleich kommt die Rübenmaus‘. Ich wußte nicht, was er damit meinte (denn ich hatte 20 Jahre fern der Landwirtschaft verbracht), wagte aber nicht zu fragen, um meine Weltläufigkeit nicht in Frage zu stellen.“ Die „Rübenmaus“ erwies sich dann als ein „Monstrum von Maschine“, dass die zu Mieten getürmten Rüben auflädt, um sie auf LKWs umzuladen. Wenn man weiß, dass es sich bei den „Rüben“ um Zuckerrüben (z.B. der Sorte „Budera“)  und bei der „Rübenmaus“ um eine Verlademaschine (z.B. von „Ropa“) handelt, ist das nicht „Weltläufigkeit“ sondern gediegenes Rübenbauernwissen (in Ahrens Falle überdies familiales).

Herbert Achternbusch beklagte einmal: „Da, wo früher Passau,  Rübenberge und Weilheim war, ist jetzt Welt…Die Welt hat uns vernichtet, das kann man sagen.“ Und die drei Provinzlexika-Autoren, das würde ich nun sagen, sind beim Versuch, diese verdammte „Welt“, die bloß ein blödes Obama-Phantom ist, nun ihrerseits zu vernichten, auf halbem Wege stehen geblieben: zwischen Brockhaus und Wikipedia etwa. Herausgekommen ist dabei eine Art Halbweltwissen. Am wenigsten übrigens in Joachim Krauses „Spurensuche“ – trotz seiner Weltreligionszugehörigkeit und seiner traditionellen Naturwissenschafts-Ausrichtung, die er jedoch z.B. auf einen „Konrad Lorenz light“ reduziert hat – in einer schönen Eintragung, die von einer verifizierten  Schwan-Beobachtung handelt.

– Joachim Krause: „Am Abend mancher Tage. Eine Spurensuche in Mitteldeutschland,“ Wartburg Verlag 2008, 205 Seiten, 18 Euro 50

– Henner Reitmeier: „Der große Stockraus. Ein Relaxikon“, Oppo-Verlag 2009, 333 Seiten, 25 Euro

– Henning Ahrens: „Provinzlexikon“, Knaus-Verlag 2009, 301 Seiten, 19 Euro 95.

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kommentare

  • Soeben erschien noch ein „Provinzlexikon“ – aus Mallorca, wo die Autorin, Hannoveraner Soziologin Gisela Dischner lebt: „Das Wörterbuch des Müßiggängers“ (Sirius-Verlag, Bielefeld 2009)

    Der Standard schreibt: Das „Wörterbuch des Müßiggängers“ ist eine literarische Fundgrube für Frauen und Männer und meiner Meinung sogar eines der wichtigsten Lehrbücher unserer Zeit. Es lehrt uns, ohne dabei belehrend zu sein, „die größte Kunst. Die Kunst zu leben“ (Novalis).

    […] Das Wörterbuch beinhaltet eine atemberaubende Vision: ein alternatives Lebensmodell zum arbeitszentrierten. Dabei handelt es sich keineswegs um einen anbiedernden Ratgeber oder Leitfaden, der zeigt, wie man in zehn Schritten Zeiteffizienz erlernt, um eingesparte Zeit wieder „effizient zu nutzen“.

    […] Das Werk ist durch und durch politisch: es erweitert den inneren Raum des/der Lesenden – den Raum, wo Widerstand gegen die Zumutungen des Alltags wachsen kann. Dieser Widerstand richtet sich gegen die derzeit vorherrschende Arbeitsmoral des neoliberalen Turbokapitalismus, der nahezu alle Lebensbereiche der Menschen vereinnahmt. Aktuelle gesellschaftspolitische Fragen, wie etwa Überlegungen zum Grundeinkommen für „Wohnfrau/mann“ sind ganz im Sinne des Müßiggängers, der es auf den Punkt bringt: „Vollbeschäftigt mit der Kunst des Müßiggangs – zu Hause. Mit der Wohnfrau/bzw. dem Wohnmann und der Muße würde ein neues Kapitel in der geschrieben werden, denn die „Einheit von Leben, Arbeit und Kultur würde auf einer neuen Ebene wieder hergestellt werden. (S 99). Fazit: Das Wörterbuch ist ein eindringliches Plädoyer für eine Mußegesellschaft.
    (Gerlinde Knaus)

    Und dann gibt es neuerdings auch noch ein „Supermarkt-Lexikon“ – von David Wagner. Es heißt „Vier Äpfel“ und besteht aus 144 kurzen, nicht hierarchisch oder dramaturgisch gereihten Abschnitten…, schreibt der Rezensent Rolf-Bernhard Essig in der Frankfurter Rundschau von heute. Weiter heißt es dort:

    Wagners Protagonist beschreibt detailgenau, manchmal geradezu umständlich, ob es die Kleidung der Kunden betrifft, die Darbietungsstrategien der Firmen oder die Waren: Milch, Eier, Äpfel, Zahnpasta, Zeitschriften. Jedes der Dinge, zu denen in gewisser Weise die Menschen gehören, lässt einen Strom von Ideen, Kenntnissen und Szenen aus der Vergangenheit fließen.

    Wagner wagt nicht wenig, wenn er 150 Seiten lang einen Einkäufer seine Wirrwege durch die Warengänge wandern lässt, bis er erst ganz am Ende des Buches ins Freie findet. Das ist für den Ich-Erzähler keine Kleinigkeit, denn er verliert zwischenzeitlich mehrmals die Orientierung und den gesunden Menschenverstand, so dass sich mal erschreckende, mal verlockende Visionen einstellen.

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