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vonHelmut Höge 20.09.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„Es geht nicht darum, immer mehr zu verdienen, sondern darum, immer weniger zum Leben zu brauchen.“ (Alexander Solschenizyn)

Am Samstag fand 1. Die alljährliche Generalversammlung der taz-Genossenschaft statt und 2. die Panterpreis-Verleihung:

1.
Der Vorsitzende des Zentralverbands deutscher Konsumgenossenschaften, Burchard Bösche, fand die Generalversammlung der taz-Verlagsgenossenschaft, die erneut im neuen Verwaltungsgebäude der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di stattfand, munterer als die meisten anderen Generalversammlungen, die er kennt.

Die taz ist genaugenommen eine Produktivgenossenschaft (von Zeitungsmachern) eingewickelt in eine  Konsumgenossenschaft (ihrer Leser). Dazu gehört nun anscheinend auch der BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, denn er trat i Frühjahr der taz-Genossenschaft bei und deswegen mußte der  Aufsichtsratsvorsitzende der taz-Genossenschaft Hermann-Josef Tenhagen auf der Generalversammlung  auch dem „Genossen Diekmann“ das Wort erteilen – was  unter den etwa 250 Anwesenden Heiterkeit auslöste. Der „Bascha-Mika-Fan“ Diekmann behauptete dann, die höchste Auflage hätte die taz mit der „Feindes-taz“ erzielt, deren einmalige Ausgabe er zu Bascha Mikas Zeiten chefredigiert hatte. Im übrigen schlug er der taz vor, ihre online-Ausgabe  gebührenpflichtig zu machen, so wie es auch bild.de tun werde. Die anwesenden taz-Genossen ermahnte er: „Wir dürfen unsere guten Inhalte nicht kostenlos verschenken!“ – und erntete damit erneut Gelächter. Vor sieben Jahren hatte er die taz statt sie mit der Zeichnung eines Genossenschaftsanteils zu beglücken noch um eine größere Summe verklagt, weil er sich durch einen „Wahrheits“-Artikel verunglimpft fühlte. Das Landgericht Berlin hatte Diekmann dann jedoch in seiner Klage wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte bescheinigt, dass er als Bild-Chef „bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsverletzung anderer sucht“ und daher selbst nun auch nicht so pingelig sein dürfe.

Der taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch hatte zuvor in seinem Rechenschaftsbericht erwähnt, dass die Bild-Zeitung bereits über eine Million Leser verloren und die taz, die im gleichen Zeitraum 54 verloren habe,  langsam das realisiere, was man schon damals nach der Enteignet-Springer-Kampagne erwogen hätte: Die Bild-Zeitung dadurch zu bekämpfen, „dass man ihr die Leser abspenstig macht“. Diese Idee hatte die taz auch bereits 2006 in einem Kino-Werbefilm anvisualisiert. Er ist nur auf Youtube zu sehen, weil die Bildzeitung ein Verbot, ihn öffentlich vorzuführen, durchsetzte. Man erkennt daran, dass es leider nicht so sehr zwischen faz und taz, sondern zwischen taz und bild hin und her geht. Erinnert sei in diesem Zusammenhang ferner daran, dass der „bild-blog“ von einem medienredakteur mitgegründet wurde, dem man in der taz zuvor seltsamerweise gekündigt hatte.

Dass die Generalversammlungen der taz-Genossenschaft immer munterer werden, lag aber nicht nur an dem „Neugenossen Diekmann“, sondern auch daran, dass die meist aus Schwaben kommenden taz-Leser und taz-Mitarbeiter das Procedere immer „professioneller“ beherrschen – und dementsprechend „durchziehen“, d.h. sich nicht lange mit  Antragsformulierungen und Unwichtigem beschäftigen, sondern gleich „zur Sache“ kommen. Das war diesmal ein Begriff aus dem Rechenschaftsbericht des Genossenschaftsvorständlers Ruch:  „Gewinnerzielungsabsicht“. Er gab zu bedenken, ob eine solche nicht der „richtige Schritt nach vorne“ sei. Die neue Chefredakteurin Ines Pohl griff seinen Begriff auf: „Für mich ist es erst mal schön zu wissen, dass meine persönlichen Gewinnerwartungen bereits nach zwei Monaten taz übertroffen wurden.“ Im übrigen riet auch sie, „nun nach vorne zu kucken“.
Der Genossenschaftsprüfer Rüdiger Stecher, vom „mitteldeutschen Genossenschaftsverband (Raiffeisen/Schulze-Delitzsch)“ fand es ebenfalls richtig, „dass man in Zukunft Verluste vermeiden will“, weil es auf Dauer vielleicht nicht gut gehe, „immer wieder neue Genossenschaftsanteile einzuwerben – nach dem Schneeballsystem“. Dabei dachte er jedoch nicht an betrügerische Finanzsysteme, sondern an die frühere Mobilisierung der Linken übers Telefon. (Vgl. dazu auch meinen blog-eintrag „Trotzki am Telefon“)

Ruch und Stecher widersprach der langjährige taz-Genosse Holger Elf: „Wir haben uns doch nie beklagt. Das kommt jetzt aus eurer Ecke, dass ihr plötzlich Gewinne erzielen wollt. Uns ist die ideelle Dividende am taz-Projekt sehr viel  wichtiger.“ Während der Aussprache ruderte taz-Geschäftsführer Ruch wieder etwas zurück: „Ich hätte vielleicht besser von Verlustvermeidungsstrategie reden sollen…“

Dazu kam auch gleich ein  konkreter Vorschlag – von einer schwäbischen Genossin : Die taz solle in ihrer  BRD-Berichterstattung vor allem „dem Ländle“  mehr Aufmerksamkeit zu  schenken. Ein „Genosse Handverkäufer“ aus Berlin schlug dagegen eine ausführlichere Sportberichterstattung über taz-affine Fußballvereine – wie FC St.Pauli und 1.FC Union – vor. Der seit 1977 am taz-Projekt beteiligte Genosse Horst Schiermeyer, nunmehr in Zittau lebend, beantragte einen „Leserbeirat – um Reibungsverluste  zu minimieren,“ wie der im Falle der taz aussehen könnte, wurde  jedoch niemandem so recht klar. Ein Genosse befrüchtete eine Art „Zentralkomitee für Leser“. Schiermeyers Antrag wurde deswegen mehrheitlich abgelehnt. Ein anderer Genosse verwies ihn an Jörn von der gerade eingerichteten „taz-bewegungs.de“, denn darum ginge es doch eigentlich und immer bei der taz: „soziale Bewegung versus wirtschaftlicher Erfolg – und dazwischen der nahezu unbekannte Leser“.

Auf der Generalversammlung der taz-Genossenschaft ging es wie immer um „Geld“, auf der ihr vorangegangenen Diskussionsveranstaltung dagegen um „Gerechtigkeit“. Dazu diskutierte Reiner Metzger mit dem reichen Psychiater Dieter Lehmkuhl und der vergleichsweise armen Sozialforscherin Julia Friedrichs. Beide meinten, man müsse etwas gegen die zunehmende Chancenungleichheit für Hartz-IV-Empfänger und vor allem für ihre Kinder tun – und sie tun auch was dagegen. Ihre Diskussion verblieb jedoch im linksliberalen Engagement und politischen Apell, eine radikale Umdrehung der pyramidalen kapitalistischen Einkommens- und Wissenserwerbs-Gesellschaft, wie sie einst von den Bolschewiki in Erfüllung des Volkswunsches realisiert worden war – nämlich die Dorfarmen an die Macht zu bringen, kam nicht zur Sprache. Dieser Umdrehungs- (Revolutions-)wille, der bis zum Studierverbot für die Kinder der Reichen ging und sich jüngst u.a. noch in der DDR-Parole „Ich bin Bergmann – wer ist mehr?“ ausdrückte, wurde von dem berühmten antikommunistischen US-Historiker Robert Conquest als glatter Irrsinn begriffen: “ „Wo Stolypin ‚auf die Starken gesetzt‘ hatte, setzte Lenin auf die Schwachen,“ schrieb er entgeistert. Aber es hat geholfen. Heute wimmelt es nur so, selbst in der deutschen Hauptstadt, von blitzgescheiten Russen.

In seinem Beitrag auf der anschließenden Generalversammlung verkündete der taz-Geschäftsführer als erstes das „Positive“: Die Anzahl der Genossen, mithin die Genossenschaft, wächst – auch die Idee der Genossenschaft breite sich aus, was mit der gegenwärtigen Krise zusammenhänge. Er zeigte dann an der Wand eine sogenannte „Mika-Kurve“ – zur Verdeutlichung der Tatsache, dass in der Zeit, da sie Chefredakteurin war, „die Gewinne gestiegen“ seien.

2.

Über die nächtliche Panter-Preisverleihung in der prächtigen Komischen Oper zu Ostberlin soll hier nur so viel gesagt werden, dass sie an sich sehr campig angedacht worden, u.a. von Jan Feddersen (Le Grand Prix d‘ Eurovisions-Experte), aber durch die entertainige Nummernabfolge und die launig-professionelle Moderation sowie mit Musikern, die nach jedem Song wieder von der Bühne verschwanden, ähnelte sich das taz-event bedenklich den Bambi-Verleihungen von Hubert Burda an. So wie die Schwulen z.B. die Beerdigungsrituale revolutioniert, d.h. ihren Wünschen gemäß umgestaltet und damit entritualisiert haben, wünschte man sich auch einen alternativ-opulenten Verleihungs-Ablauf für die taz, zumal es hierbei nicht um Bambi, sondern um einen Panter ging. Immerhin konnte man die zwei taz-Intelligenzbestien Bettina Gaus und Elke Schmitter verpflichten, eine Rede zu halten – und die ließen sich dann auch in dialektischer Hinsicht nicht lumpen: Erstere argumentierte sich dabei von einer Panterpreis-Verächterin zu einer -Verehrerin hin, während letztere sich gedanklich von den als „Helden des Alltags“ namentlich ausgepreisten  Initiativlerinnen zu den morgens als Putzfrauen mit der U-Bahn zur Arbeit fahrenden anonymen Migrantinnen (mit)fortbewegte.

An diese 30-Jahre-taz-Panterparty in der Komischen Oper (sic) schloß sich ab Mitternacht nahezu nahtlos die Feier zum 40jährigen Bestehen der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst – im „Radialsystem V“(ictory) vis à vis der Ver.di-Zentrale – an. taz und ngbk haben nebenbeibemerkt beide Chefinnen, die ihre Mitarbeiter überragen.

P.S.: Ähnlich dem Realismusstudio des Kreuzberger Kunstvereins gibt es nun die Gruppe „wiki030“, die visuell mit den Polen Poller und Protest arbeitet. Hier ihre letzten zwei Arbeiten, rübergeschickt von Anna Panek:

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/09/20/ein_hauptstadt-feuilleton_zur_genossenschaftsgeneralversammlung/

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kommentare

  • P.P.S.:

    Koautorin Jeanette Tust konnte sich noch an Folgendes auf der taz-Genossenschafts-Generalversammlung erinnern:

    Wirtschaftsredakteurin und Vorständlerin Ulrike Herrmann, die ebenfalls für kostenpflichtige taz-Inhalte im Internet eintrat, forderte: „Wir wollen endlich Gewinn machen!“

    (Eine Parole, die bereits vor der Genossenschaftsgründung schon von etlichen taz-Redakteuren vertreten worden war)

    Dazu schrieb Jeanette Tust nun: Lautstarker Applaus von der überraschten Genossenschaft.

    Daran kann ich mich nicht erinnern. Aber wenn, dann wäre das seltsam gewesen, denn wenig später applaudierten die selben Genossen auch über die Meinung von Holger Elf, er sei mehr an ideellen Dividenden interessiert als an Gewinnen.

    Der Auslandsredakteur Peter Pickert kritisierte den Antrag auf Einrichtung eines Leserbeirats so: „Das Recht die Redaktion zu ersuchen hat sowieso jeder. Ein LeserInnenbeirat wäre eine institutionalisierte Kündigungsdrohung“.

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