https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/Samuel_Zeller_Fallback.png

vonHelmut Höge 11.01.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Laßt 100 Poller rauchen

„Friedensstifter Straßenpoller“

– so heißt eine wissenschaftliche Hausarbeit im Fachgebiet Techniksoziologie, die Jan ­ Michael Kühn 2007 am Institut für Soziologie der TU Berlin einreichte.

„Friedensstifter Poller?“

Noch mal gefragt: „Friedensstifter Poller“?

Nun habe ich die Hausarbeit von Jan ­ Michael Kühn leider nicht lesen können, weil man per Kreditkarte oder Ähnlichem 4 Euro 99 zahlen muß, um sie im Internet lesen zu können (als PDF zu downloaden, wie es heißt) – und ich arbeite immer noch analog, d.h. zahle alles bar. Deswegen weiß ich genaugenommen auch nicht, was der Autor mit der Poller-Bezeichnung „Friedensstifter“ überhaupt meint. Er hat dazu erst einmal nur eine „Zusammenfassung“ (Abstract, wie es heißt) im „Netz“ freigegeben:

„Where are the missing masses“, welche der Gesellschaft Stabilität verleihen? Diese Frage stellt sich der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour in seinem Text „The Sociology of a Few Mundane Artifacts“ (Latour 1991) und begründet dies mit den aus Menschen, Artefakten und Objekten bestehenden Interaktionsketten. Diese stellen Delegationen aus Dingen und Techniken menschlicher Handlungen und Moralität dar. Latour wendet sich besonders gegen etablierte Sozialtheorien (Interaktionismus nach G.H. Mead, Max Weber), welche den Kern der Soziologie im sozialen Handeln zwischen menschlichen Akteuren festsetzen und spricht ihnen eine nur unzureichende Erklärungsleistung sozialer Phänomene ,speziell der Stabilität sozialer Beziehungen, zu. Technik und Dinge handeln mit, so Latour, und das muss in der soziologischen Analyse berücksichtigt werden. In dieser Hausarbeit möchte ich unter Rekurs auf Latours Texte seine Argumentation der Stabilisierung von Gesellschaft durch die Unerbittlichkeit der Inskriptionen von Technik aufzeigen und nachvollziehbar machen, da sie aufgrund paradoxer Formulierungen und begrifflicher Neuschöpfungen (vgl. Schulz-Schaeffer 2000: 202) nicht jedem sofort zugänglich ist. Zur Veranschaulichung wird dabei nicht auf eines der berühmten Latour`schen Beispiele zurückgegriffen, sondern auf ein eigenes Beispiel: Den Berliner Straßenpoller. Um zu zeigen, wie Latour sich die Beziehung von Natur und Kultur vorstellt, werde ich zuerst kurz die für die Argumentation nötigen Begriffe der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) erläutern und anschließend die Latour’sche Argumentation der Stabilisierung von Gesellschaft anhand des „Friedensstifters Straßenpoller“ darlegen.

Man wird nicht ganz schlau aus dieser Zusammenfassung.

Aber „Friedensstiftende Pylonen“ kann er doch eigentlich auch nicht gemeint haben…

In seiner Zusammenfassung erwähnt der Autor „Schulz-Schaeffer 2000″. Gemeint ist damit der Duisburger Soziologe Professor Dr. Ingo Schulz-Schaeffer. Und der hat gleich mehrere Bücher über die Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour u.a. geschrieben. Das 2000 veröffentlichte, auf das sich Jan ­ Michael Kühn bezieht, heißt: „Sozialtheorie der Technik“. Daneben hat er über das selbe Thema noch einen Aufsatz in dem Sammelband „Natur und Technik“ (hrsg. von Johannes Weyer) veröffentlicht. Und dieser Aufsatz steht als „Kapitel VIII“ im Internet: „Akteur-Netzwerk-Theorie. Zur Koevolution von Gesellschaft, Natur und Technik“.

Zwar ist darin von Pollern (bzw. Pylonen oder Speed-Breakern) keine Rede, wohl aber erklärt uns der Autor die Akteur-Netzwerk-Theorie anhand von zwei Latourschen Schlüssel-Beispielen (Latour mag anscheinend Schlüssel-Beispiele – so heißt eines seiner Bücher „Der Berliner Schlüssel“ und beschäftigt sich u.a. auch tatsächlich mit diesem besonderen Schlüssel, der vorne und hinten einen Bart, inzwischen jedoch Seltenheitswert hat):

1.
An einem eisigen Februartag, so berichtet Latour, war an der Eingangstür des Zentrums für Wissenschafts- und Technikgeschichte in Paris folgende handgeschriebene Notiz zu lesen: „Der Türschließer streikt. Schließen Sie um Gottes willen die Tür!“ (1996a: 62) Diese „Verschmelzung von industriellen Beziehungen, Religion, Werbung und Technik“ (1992: 227) ist die Art „techno-sozialer Verwicklungen“ (1988a: 309), um deren Beschreibung es der Akteur-Netzwerk-Theorie in Beispielen wie dem des Türschließers geht. Türen sind dazu da, Räume oder Gebäude geschlossen halten und sie dennoch betreten oder verlassen zu können. Zu diesem Zweck bedarf es nicht nur einer Tür, die sich in ihren Angeln bewegen lässt, es bedarf auch disziplinierter Benutzer, die Türen hinter sich schließen. Betrachtet man allerdings „die Unzahl an Arbeiten, Neuerungen, Schildern und Beschuldigungen …, die das Schließen von Türen betreffen (zumindest nördlich des 45. Breitengrads)“ (Latour 1996a: 65), so wird deutlich, dass sich eine solche Nutzerdisziplin nicht umstandslos voraussetzen lässt. Eine Alternative ist, die Tätigkeit des Türschließens an einen gesonderten menschlichen Akteur, einen Portier oder Türsteher, zu delegieren.

„Der Vorteil besteht darin, daß man jetzt nur noch einen einzigen und einzigartigen Menschen zu disziplinieren hat und die anderen in aller Ruhe ihren abwegigen Verhaltensweisen überlassen kann. … Ein nicht-menschliches Wesen (die Scharniere) und ein menschliches (der Türsteher) haben das Dilemma Loch/Wand gelöst.“ (ebd.) Aber diese Lösung hat ihre Probleme: Sie erzeugt Kosten, die sich nur große Hotels leisten können, und außerdem: „Wenn dieser eine Bursche nicht zuverlässig ist, reißt die ganze Kette. Wenn er während seiner Arbeit einschläft oder anfängt herumzulaufen, kann nichts mehr dem Übel wehren: Die Tür bleibt offen.“ (66) An diesem Punkt bietet sich eine weitere Alternative an: die Ersetzung der unzuverlässigen Menschen durch einen automatischen Türschließer, „durch eine von uns delegierte nicht-menschliche ‚Person‘, deren einzige Funktion im Öffnen und Schließen der Tür besteht“ (67). Der Vorteil dieser Lösung ist, dass nun nur noch einige nicht-menschliche Wesen diszipliniert werden müssen: „Ein Nicht-Mensch (die Scharniere) und ein weiterer Nicht-Mensch (der Türschließer) haben das Wand-Loch-Dilemma gelöst.“
(Latour 1992: 232)

Allerdings haben automatische Türschließer ihre Tücken: „Jeder hat seine Erfahrungen mit einer Tür gemacht, an der ein Mechanismus mit einer überstarken Federung angebracht war, so dass einem die Tür wieder vor der Nase zuschlug.“ Solche Türschließer „spielen die Rolle sehr grobschlächtiger, ungebildeter und relativ stumpfsinniger Portiers“ (Latour 1996a: 68). Sie schreiben den Benutzern ein bestimmtes Benutzungsverhalten vor: Man muss derart ausgestattete Türen schnell durchschreiten und darf nicht zu dicht hinter einer anderen Person hergehen. Es entstehen lokale Benutzungskulturen, externe Besucher aber, die diese nicht kennen, laufen Gefahr, sich blutige Nasen zu holen. Hier schafft die Hinzufügung eines weiteren nicht-menschlichen Delegierten Abhilfe, „eines hydraulischen Kolbens, der seine Energie geschickterweise aus den Besuchern zieht, die die Tür öffnen, sie einige Zeit aufbewahrt, um sie dann sanft wieder zurückzugeben, mit jener unerbittlichen Entschlossenheit, wie man sie von einem gut erzogenen englischen Butler kennt“. Aber auch der hydraulische Türschließer übt „eine unerfreuliche Selektion gegenüber manchen Bevölkerungsgruppen aus“, weil er „die Kraft einer gesunden erwachsenen Person braucht, um genügend Energie für das anschließende Schließen der Tür aufzuspeichern“ (70).

Dieses Beispiel ließe sich noch weiter ausspinnen. Man könnte etwa auf sensorgesteuerte Türöffner und -schließer verweisen, wie sie sich häufig an Kaufhaustüren finden. Worum es Latour geht, dürfe aber bereits an diesem Punkt deutlich geworden sein: Die Festlegung eines Aktanten auf ein Skript, eine Rolle bzw. eine Verhaltensweise (Inskription) kann bestimmte Voraussetzungen für das Verhalten anderer Aktanten erzeugen (Präskription) und umgekehrt. Die wechselseitigen Verhaltenszuschreibungen und -erwartungen werden dadurch in einer Weise zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Aktanten ausgetauscht, die es verbietet, fein säuberlich zwischen sozialen und technischen Faktoren zu unterscheiden: In seiner Eigenschaft als höflicher oder plumper Portier ist „der automatische Türschließer … durch und durch ‚anthropomorph‘“ (72), so wie umgekehrt wir als Benutzer „von nicht-menschlichen Türschließern geformt (sind) – wenn auch nur zu einem ganz geringen Teil unserer Existenz“ (73).

2.

An Hotelschlüsseln sind in der Regel sperrige und schwere Schlüsselanhänger angebracht. Sie sollen die Hotelgäste davon abhalten, die Schlüssel beim Verlassen des Hotels mit sich herumzutragen und sie dann eventuell zu verlieren. Stattdessen sollen die Anhänger sie dazu bewegen, die Schlüssel an der Rezeption abzugeben. „Diese kleine Neuerung“, so Latour (1996a: 53), „illustriert sehr gut das Prinzip aller Forschung über Wissenschaft und Technik:


Die Kraft mit der ein Sprecher eine Aussage aussendet, ist anfangs nie ausreichend, um den Weg, den diese Aussage nimmt, vorherzusagen; denn dieser Weg hängt davon ab, was die aufeinanderfolgenden Adressaten daraus machen werden.“ Man kann allerdings versuchen, eine Aussage in einer Weise zu befrachten, die es den Adressaten zunehmend schwerer macht, sich unvorhergesehen zu verhalten (vgl. 54). Der Schlüsselanhänger ist ein Beispiel einer solchen Befrachtung einer Aussage. Der Hotelier verfolgt das Handlungsprogramm, das Verlieren von Hotelschlüsseln zu verhindern. Zunächst begnügt er sich vielleicht mit der mündlichen Aufforderung, die Schlüssel beim Verlassen des Hotels an der Rezeption abzugeben, er befrachtet die Aussage moralisch und versucht seine Gäste als moralischen Appellen zugängliche Schlüsselbenutzer zu definieren. Diese können unterschiedlich reagieren: Einige befolgen die Aufforderung, andere vergessen sie, wiederum andere verschließen sich der moralischen Zumutung.
Die Gäste sind mithin in folgsame, renitente oder vergessliche Zeitgenossen übersetzt worden. Durch eine zweite Übersetzung, dadurch dass an unübersehbarer Stelle schriftliche Instruktionen angebracht werden, kann möglicherweise auch noch ein Teil der vergesslichen in folgsame (oder renitente) Gäste verwandelt werden. Weiterhin wird das Netzwerk jedoch durch die sich der moralischen Verpflichtung entziehenden Gäste destabilisiert.

Die Hinzufügung des Schlüsselanhängers durchkreuzt die Gegenprogramme auch der meisten renitenten Gäste: „Die Gäste bringen nicht mehr ihre Zimmerschlüssel zurück; sie entledigen sich eines lästigen Dings, das ihre Taschen aufbläht. Nicht weil sie das Schild gelesen hätten oder besonders gut erzogen wären, kommen sie dem Wunsch des Hoteliers nach. Sie können nicht mehr anders. … Im Übergang vom Zeichen zum Gusseisen ändert sich das Verhalten der Gäste von Grund auf. Sie handelten aus Pflicht; jetzt handeln sie aus Egoismus.“ (Latour 1996a: 55) Die „schwache Moral“ von Menschen wird ergänzt durch die „starke Moral“ (1992: 227) des Schlüsselanhängers.

Wenn wir dieses Beispiel nun auf die „Straßenpoller“ übertragen, dann wird mit ihnen die „schwache Moral“ der Menschen (d.h. Autofahrer, die nur allzu gerne auf dem Gehweg parken wollen) ersetzt durch eine „starke Moral“, die in diesem technischen Gegenstand steckt – und die damit die Autofahrer davon abhält, auf den Gehweg rauf zu fahren. Das meint Jan ­ Michael Kühn vielleicht, wenn er in seiner Hausarbeit die Abpollerung unserer Straßen als eine friedensstiftende Maßnahme begreift.

Hier hat ein Künstler das ebenfalls versucht, d.h. er wollte einen Kunst-„Poller für den Frieden“ errichten, kam aber nicht so weit, weil irgendwelche Fußgänger ihn verscheuchten, bevor er damit fertig war:

Am Ende wäre vielleicht so etwas Ähnliches dabei herausgekommen:

Denn auch ein Metallhund hat eine „stärkere Moral“ (zumal in Pollerfunktion) als ein Straßenhund. Alle Photos: Peter Grosse, der dann auch noch dieses Photo schickte: „Menschenopfer auf dem Polleraltar“:

Kurz danach lief ein Arte-Film über die Azteken, darin wurde gerade ihre Kultur und Religion als eine besonders hochentwickelte gerühmt. Komisch: Fast alle vernichteten Völker sind uns nun haushoch überlegen (gewesen).

Jetzt aber zu etwas anderem:

Marianne – die Untote

Marianne (nicht zu verwechseln mit der ostpreußischen „Marjansche“) ist französischer Herkunft – so heißt die Freiheitskämpferin mit roter Fahne und entblößter Brust auf dem Bild, das Eugène Delacroix in der Julirevolution 1830 malte.  Als Büste ziert sie praktisch alle französischen Rathäuser, als Statue viele Plätze; auf Briefmarken und Münzen symbolisiert Marianne die französische Nation. Seltsamerweise geht ihr Name als Symbol ihrem Abbild um 38 Jahre voraus. Ihre Büste wird immer mal wieder, nach dem Vorbild prominenter Französinnen, neu gefertigt – und an die französischen Rathäuser geliefert, die jedoch selbst entscheiden können, ob sie die neue Marianne auch aufstellen wollen. 1970 war das  Brigitte Bardot, zuletzt – 2003 – die TV-Moderatorin Evelyne Thomas.

Die einst von Delacroix aufs Liebevollste ausgepinselte Freiheitskämpferin wird jedoch auch in revolutionärer Hinsicht laufend „verwirklicht“ – wobei sie jedoch nicht mehr über einige tote Männer hinweggeht, sondern von einem lebenden emporgehoben wird. Ich rede von all jenen jungen und schönen Frauen, die auf den Schultern ihres Freundes oder Genossen an einer Demonstration teilnehmen, eine Fahne schwenken – und dabei photographiert werden.

So wie die Kameramänner der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten schon instinktiv auf den Auslöser drücken, wenn vor ihnen ein besonders kitschig-bukolisches oder klischeehaftes Bild auftaucht, knipsen auch die Demo-Photographen sozusagen automatisch los, sobald eine von diesen „Marianne“-Nachfolgerinnen im Zug von Demonstranten auftaucht.

Allein auf den Bücherständen des diesjährigen Rosa-Luxemburg-Kongresse in der Berliner „Urania“ stieß ich auf folgende Fotos bzw. Buchumschläge:

Das berühmteste und sozusagen den Übergang in die Postmoderne markierende Photo ist das von einer jungen dunkelhaarigen Frau, die in Paris im Mai 1968 auf den Schultern eines Mannes sitzt, eine Fahne schwenkt und Parolen  ruft. Ich entdeckte es u.a. auf dem Cover des Buches „1968 – Dokumente und Berichte“ aus dem Nautilus-Verlag wieder.

Aber diese fahnenschwenke Frau wird nicht nur immer wieder reproduziert, sondern darüberhinaus auch noch quasi laufend aktualisiert: Auf dem Cover des opulenten Buches „Leben in der DDR – Bilder und Geschichten“ ist es z.B. ein blonde junge Frau, wahrscheinlich während der Weltjugendfestspiele 1974 in Ostberlin aufgenommen.

Auf einem vielfach nachgedruckten Pressephoto von der sogenannten „Orangenen Revolution“ in Kiew 2004 ist es eine junge schwarzhaarige Frau, ebenso auf einem Pressephoto von einer Demonstration in Teheran 2009.

Schier unzählig sind die diesbezüglichen Photos von Demonstrationen in Süd- und Mittelamerika. Auch bei lokalen Studenten-Demonstrationen in Nordamerika klettert meist sofort eine junge schöne Frau auf die Schulter ihres Freundes, wenn sich ein Photograph ihrer Demo nähert. Und siehe da – es funktioniert jedesmal.

Meist gibt es diese Photos kurze Zeit später sogar noch einmal als Poster. Und längst hat sich die Urlaubsindustrie dieses Motivs bemächtigt. Keine Saison ohne Plakate von Reiseveranstaltern, auf denen eine oder mehrere junge Frauen im Bikini auf den Schultern ihrer Badehosen tragenden Ferienbekanntschaften sitzen – und lachen und winken.

Ähnliches scheint für moderne Väter von kleinen Töchtern zu gelten: Auch sie lassen sich gerne mit diesen auf ihren Schultern photographieren, wobei der Wunsch sichtbar wird, dass die betreffende Tochter auch einmal so selbstbewußt und glücklich sein wird wie die 68er-Marianne.

Dieses uns seit fast 200 Jahren nun schon begleitende (Revolutions-)Image entbirgt noch etwas anderes: Die ganzen Frauen und Mädchen, die da auf den Schultern getragen werden, behaupten damit, dass die jeweilige soziale Bewegung bzw. Demonstration so jung und schön wie sie ist und dass beiden die Zukunft gehört.

So wie jede Produktwerbung heute, die ebenfalls mit tödlicher Sicherheit ein möglichst blutjunges „Model“ benutzt, um zu zeigen, worum es eigentlich geht, d.h. wofür die beworbene Ware gut ist: „Sex sells“ sagt man und meint damit, dass damit ein glückliches, sinnenfrohes Leben gelingen kann. Nur aus der Verbindung von immer neuen Mariannen mit immer neuen Produkten bleibt die Zukunft offen.

Wenn ich auf eine politische Versammlung von irgendeiner Initiative, Organisation oder Partei gehe, dann kuck ich immer schon: Wo ist hier eine potentielle Marianne? Und wenn ich im Publikum nur mehr oder weniger hässliche und/oder alte Frauen entdecke (manche sehen ja schon mit 25 alt aus, andere mit 75 noch nicht), dann bin ich schon pessimistisch, ob diese Zusammenkunft so ganz ohne eine oder mehrere Mariannen überhaupt eine Perspektive hat.

Aus dem selben Grund lassen mich auch die islamischen Länder so kalt, wo  sich von vorneherein erst mal immer nur Männer politisch versammeln. Ein Anblick, den ich mir in Wirklichkeit nicht zumuten möchte – weil ohne wenigstens eine lebende Marianne kein einziger gesellschaftlicher Fortschritt (mehr) erzielt werden kann. So jedenfalls mein image-gesättigtes Vorurteil. Und erst recht das der meisten westlichen Islamkritiker: Sie wollen aus den verschleierten Frauen partout barbusige Schönheiten auf den Schultern von emanzipierten Männern machen, die irgendwelche Freiheitsfahnen schwenken – und damit die französische Revolution (die Menschenrechte!) verwirklichen. Das ist alles ganz schrecklich.

Aber es gibt Hoffnung – wie immer von einer ganz anderen Seite.  Früher oder später wird in der sogenannten Dienstleistungsgesellschaft nämlich unweigerlich ein ganz anderes Motiv aufkommen: Junge, nicht derangierte Frauen, die noch jüngere oder auch ältere,  halbentblößte Männer auf ihren Schultern tragen. Und diese werden dann ebenfalls irgendetwas schwenken. Ich bin gespannt, was.

Noch finden sich aber unter dem Google-Stichwort „Frau huckepack“ (also „Mann trägt Frau“) über 25.000 Bilder, und andersherum, wenn man „Mann huckepack“ eingibt – kommen die selben Images noch einmal und sogar noch mehr; während bei „Frau trägt Mann“ fast durchweg nur weibliche  Modeartikel  angezeigt werden.

Auf „Zwerge auf den Schultern von Riesinnen“ lassen sich diese bescheuerten Google-Logarithmen schon gleich gar nicht ein und fragen einen sofort zurück: „Meinten Sie ‚Zwerge auf den Schultern von Riesen‘?“ Der Soziologe Robert K. Merton hat über diesen Ausdruck übrigens ein sehr schönes Buch veröffentlicht, es erschien 1980 auf Deutsch. Das nützt uns heute aber wenig, eher schon eine Studie der berühmten „US-Wissenschaftler“ – diese ergab: Die Mädchen werden immer größer und die Jungs immer kleiner. Irgendwann müssen die letzteren einfach auf die Schultern der ersteren steigen, wenn sie überhaupt noch an einem Überblick interessiert sein sollten.

Bis dahin behelfen sich immer mehr Jungs und Jungmänner damit, dass sie sich mit einem Gewehr oder einer Pistole auf Latoursche Weise „stark“ machen: Junge jüdische Amis reihen sich bewaffnet bei den israelischen Siedlern ein, um den Palästinensern zu zeigen, dass sie ihnen nicht gewachsen sind. Jung arabische Amis reihen sich bei den Islamisten im Jemen und in Pakistan ein – um das selbe den Ungläubigen zu zeigen. Junge Türken aus Kreuzberg meldeten sich freiwillig bei den tschetschenischen Kämpfern gegen die Russen, junge Hindus bei den Hindufaschisten, um gegen die Islamis zu kämpfen und umgekehrt. Hierzulande „kämpfen“ Antifas gegen Neonazis, Jungtürken gegen junge Rußlanddeutsche usw.. Die alten reichen Säcke – zwischen Dubai, Denver und Dortmund – lachen sich eins ins Fäustchen. Und die armen Mütter dieser ganzen überflüssigen Söhne organisieren sich derweil in „Frauen für den Frieden“-Gruppen. Dies ist das Thema des neuen – leider allzu kitschigen – Somalia-Buches von Nuruddin Farah: „Netze“

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/01/11/hammel_sicher/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • In der Berliner Volksbühne ist auch mal wieder die Marianne zu sehen – in dem Stück „Revolution Now“ einer englischen Mimentruppe. die taz-rezensentin schreibt:

    Zur Verdeutlichung hat längst auch die schöne Schauspielerin Laura Tonke die Szene betreten, die einst als Gudrun Ensslin in Christopher Roths Film „Baader“, aber auch bei „Saving the World“ dabei gewesen ist. Hier hat sie jetzt die Rolle der Fahnen schwingenden Revolutionsallegorie Liberté übernommen, wie sie 1830 das ikonografische Gemälde von Eugène Delacroix „Die Freiheit führt das Volk“ unsterblich gemacht hat. Naiv, weil sie glaubt, dass das Volk es so will, entblößt sie kunsthistorisch korrekt ihre Brust und wirft sich in verschiedene Gemäldeposen.

  • Schon im 18. Jahrhundert wurde die Weiblichkeit gerne als unterdrückte Demokratie und die Männlichkeit als Despotie gesehen – „der Naturzustand lebte im Bürgertum auf der Ebene der Geschlechterdifferenz weiter,“ schreibt Christoph Kucklick in „Das unmoralische Geschlecht“. Deswegen mußte das Symbol der (Französischen) Revolution eine Frau sein.

    So sehen heute übrigens noch die fortschrittlichen Primatenforscher (Frans de Waal, Shirley Strum etc.) ihre Affen-Gesellschaften gerne.

  • Elke Hüsing (Kreuzberg):

    Du hast die Mariannenstraße, den von Ton Steine Scherben besungenen Mariannenplatz und das seit kurzem eröffnete Raucher-Café „Marianne“ neben der feministischen Frauensauna in der Mariannenstraße, nahe Heinrichplatz, nicht erwähnt.

    Hat das einen besonderen Grund?

  • Der blog-eintrag „http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/03/18/hausmeisterkunst_311/“ beschäftigte sich bereits mit den „Speed-Breakern“ und wie Bruno Latour sie auf amerikanischem Universitäts-Gelände begriff:

    “Durch die Vermittlung der Bodenschwelle verändert der Fahrer sein Verhalten: Aus der Moral fällt er ins Reich des Zwangs zurück.” Ähnlich, wenn auch in bezug auf die Senkrecht-Poller (gegen Falschparker) sehen das auch die Verkehrsplaner: “Die Polizei hat es abgelehnt, da regulierend einzugreifen. Sie hat damit das Problem der Verkehrsmoral an technische Dinge abgegeben.” Den Uni-Rektoren, die am Fenster stehen, ist das aber egal, es reicht ihnen, dass die Speed-Breaker die in sie gesetzten Erwartungen, die sich auf Erfahrungen mit ähnlichen Speed-Breakern in anderen verkehrsberuhigten Straßen stützen kann, erfüllen.

    Für Latour wird dabei nicht nur eine Bedeutung in eine andere übersetzt, sondern eine Handlung (die Durchsetzung der Geschwindigkeitsbegrenzung) in eine andere Ausdrucksform: “Die Ingenieure haben das Handlungsprogramm an Beton delegiert.” Aber diese “Materie” steckt nun nicht nur voller “theologischer Mucken”, wie Karl Marx im Hinblick auf ihre Warenform sagt, sondern auch, laut Latour, “voller Ingenieure, Uni-Rektoren, Gesetzgeber, deren Willen und Geschichten hier untrennbar verwoben sind mit denen von Kies, Zement, Farbe und statistischen Berechnungen. In diesem blinden Fleck, in dem Gesellschaft und Materie ihre Eigenschaften austauschen, findet die Vermittlung, die technische Übersetzung statt.”

    usw..

    Hier geht es nicht wie oben um „schwache“ versus „starke Moral“ (in Form von Mensch vs. Technik), sondern um „Moral“ gegen „Zwang“ – beim Abpollern bzw Speed-Breaker einsetzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.