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vonHelmut Höge 12.01.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Hausmeisterkunst gegen den verdammten „Guten Rutsch“, den sich alle immer gegenseitig wünschen.

Auch zu der Notwendigkeit der Aufhebung von Hand- und Kopfarbeit, wie sie der marxistische Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel sah, hat die Akteur-Netzwerk-Theorie etwas zu sagen – im Zusammenhang ihrer Überwindung einiger liebgewordener Dichotomien. Wobei es auch hier darum geht, der diesbezüglichen Praxis von unten eine Theorie zur Seite zu stellen, die auf ihrer Höhe ist. Latour erwähnt beispielhaft die Aktivitäten von Umweltschützern und  Patientenorganisationen:

„Seit ihrer Entstehung ist bekannt, dass heute sehr viel mehr Leute selbst Forschungsfragen formulieren, auf Forschungsvorhaben bestehen, und nicht nur jene, die einen Doktortitel oder einen weißen Kittel tragen. Wenn ein entscheidender Teil wissenschaftlicher Aktivität darin besteht, die Fragen zu formulieren, die gelöst werden sollen, so ist klar, dass die Wissenschaftler hierbei nicht länger unter sich bleiben.“

Wobei verschiedene Fall-Arten bei rauskommen

„Wenn in früherer Zeit ein Wissenschaftler oder Philosoph daranging, methodische Regeln niederzulegen, so hatte er dabei das Laboratorium im Sinn, wo eine kleine Gruppe spezialisierter Experten Phänomene erzeugte, die sie nach Belieben durch Simulationen und Modelle wiederholen konnte. Erst sehr viel später präsentierten die Experten ihre Ergebnisse, welche erst dann, in natürlichen Maßstab gebracht, verbreitet werden konnten. Wir erkennen hier die ‚Sicker-Theorie‘ wieder, die angibt, wie Wissenschaft Einfluss ausübt: Ausgehend von einem örtlich begrenzten Zentrum rationaler Aufklärung, taucht Erkenntnis auf und verbreitet sich dann langsam in die Gesellschaft hinein.

Die Öffentlichkeit konnte von den Resultaten der Laborwissenschaften Kenntnis nehmen oder sie ignorieren, doch sie konnte ihnen sicherlich nichts hinzufügen, konnte sie auch nicht anzweifeln und noch weniger zu ihrer Ausarbeitung beitragen. Wissenschaft wurde von Weißkitteln hinter Labormauern betrieben. Die Experimente wurden an Tieren, Materialien, Zahlen und Software durchgeführt. Außerhalb des Labors begann der Bereich bloßer Erfahrung.

Es wäre eine Untertreibung zu sagen, dass nichts, gar nichts von diesem Modell wissenschaftlicher Produktion übrig geblieben ist.

Die Mauern des Laboratoriums laufen nun um den ganzen Planeten herum. Häuser, Fabriken, Kliniken, Äcker sind zu Zweigstellen der Laboratorien geworden. Der Unterschied zwischen Naturgeschichte – Wissenschaft im Freien – und Laborwissenschaft ist geschwunden.“

Das sieht echt übel aus

Dieter Marwedel, der Aquariumspfleger im  Bremerhavener Zoo, bezeichnete seine Fische als  „Mitschwimmer“, Bruno Latour spricht von  „Mitforschern“ (die den „Experten“ ablösen):

„In einem neuen Buch, das bald erscheinen soll, schlagen Michel Callon, Pierre Lascoumes und Yannick Barthe vor, den erloschenen Begriff des Experten durch den umfassenderen Begriff des Mitforschers zu ersetzen. Als Konsumenten, Aktivisten oder Bürger sind wir nun alle Mitforscher. Selbstverständlich gibt es Unterschiede, doch nicht den Unterschied zwischen den Wissensproduzenten und denen, die von deren Anwendungen bombardiert werden.

Wissenschaftspolitik, die ein spezialisierter bürokratischer Bereich war, der einige hundert Leute interessierte, ist nun zu einem wesentlichen Recht der neuen Bürgerschaft geworden. Die Souveränität
über Forschungsprogramme ist zu wichtig, um sie den Spezialisten zu überlassen.“

Und dies fast lässig

Ein Teil dieser um ihre privilegierte Stellung bangenden Experten versucht es mit Anbiederung: Ärzte schalten sich z.B. in die Internet-Diskussionen über Krankheiten von Laien bzw. Patienten ein oder Therapeuten – E.W. Harnack z.B. – veröffentlichen Bücher mit Titeln wie: „Partner statt Patient“…

Und hier ist es schon fast zu spät

Was ist überhaupt ein „Experte“ ? Ein Spezialist, der seine Kompetenz in einen anderen Bereich übersetzen kann.

Der liegt schon! („Irgendwann fallen sie alle um,“ wie eine Altenpflegerin in einem Seniorenheim in Bad Tölz zu sagen pflegt)

„Wie können diese Leute von ihrer Technik – einer schlüssigen und geregelten Sprache – zu der  allgemeineren Sprache einer anderen Situation übergehen?“ fragte sich Michel de Certeau in seinem (Merve-)Buch: „Die Kunst des Handelns“.

Und der hat sich soeben hingelegt

„Durch einen eigenartigen Vorgang, der Kompetenz in Autorität ‚umwandelt‘. Es gibt einen Austausch von Kompetenz gegen Autorität, der im äußersten Falle so weit geht, dass sein Reservoir erschöpft wird (wie die Antriebsenergie eines Autos): je mehr Autorität der Experte hat, um so weniger Kompetenz hat er.“

Bei dieser Hausmeisterkunst wird noch auf eine zusätzliche Schwierigkeit – Stufe- hingewiesen

Certeau geht es hierbei ebenfalls um den „Bürger“ – als mitforschender „Alltagsexperte“.

Für alle Fälle gerüstet sein: Sicherheit geht vor Freiheit. (Alle Photos: Peter Grosse)

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/01/12/hammel_sicher_2/

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kommentare

  • Eigentlich ein guter Beitrag, aber könnt ihr im nächsten Post ein bisschen umfassender schreiben? 😉

  • Zu den Patientenorganisationen, die Latour als Beispiel für die die Autorität von Experten bedrohende Selbstorganisation der mitforschenden Bürger erwähnt, hat Richard Sennett jetzt in einem Spiegel-Interview noch dies beigesteuert:

    Eine meiner Studentinnen hat über Chatrooms für Brustkrebspatientinnen geforscht. Diese Frauen offenbaren sich voreinander. Sie stellen ihre kompletten Krankenakten online. Das ist totaler Verlust der Privatsphäre, klar, Selbstentblößung, auch, aber zugleich fühlen sich diese Frauen stärker.

    Sie sind nicht gefangen in der privaten traditionellen Beziehung zwischen Doktor und Patient. Diese Frauen haben sogar Therapien gefunden, über die ihre Ärzte nichts wussten. Sie entblößten sich zwar, aber das hatte einen Sinn und ein Ziel.

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