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vonHelmut Höge 17.01.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Weiße und schwarze Schafe stehen Rede und Antwort auf der Grünen Woche, die gestern anfing.

Die feministischen US-Anthropologen  Shirley C. Strum und Linda M. Fedigan organisierten 1996 im brasilianischen Teresopolis einen Kongreß mit Primatenforschern und Wissenschaftssoziologen. Was den Primatenforschern die Primaten sind für die Wissenschaftssoziologen u.a. die PrimatenforscherInnen.

Der Wiener „Falter“ schrieb über den Kongreß, dessen Ergebnisse 2000 unter dem Titel „Primate Encounters. Models of Science, Gender and Society“ von Strum und Fedigan veröffentlicht wurden:

„Es war ein ziemlich einzigartiger wissenschaftlicher Workshop, der im Juni 1996 im brasilianischen Teresopolis stattgefunden hat. Während in der angloamerikanischen Welt die so genannten „Science Wars“ zwischen Vertretern der Naturwissenschaften und ihren Beobachtern aus der Wissenschaftsforschung tobten, trafen sich in jenem kleinen Ort bei Rio Primatologen aus aller Welt, um gemeinsam mit einigen Wissenschaftsforschern über die Geschichte ihres Faches, den dramatischen Wandel primatologischer Erkenntnisse und mögliche Gründe für diese Veränderungen zu diskutieren. So wie die Menschenaffen sehr spezielle Tiere mit besonderen Gesellschaftsordnungen sind, scheint auch die Primatologie eine sehr spezielle Scientific Community zu bilden. Dass sich die Vertreter der Disziplin nicht davor scheuen, sich von Wissenschaftssoziologen und -historikern untersuchen zu lassen, scheint da nur eine logische Folge der turbulenten Geschichte des Faches. Denn insbesondere seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Forschungsfeld radikal gewandelt – eine Tatsache, auf die sich die meisten Primatologen noch einigen können. Doch was sich konkret warum verändert hat, ist höchst umstritten.

Aus diesem Grund hatten auch die beiden US-amerikanischen Primatologinnen Shirley C. Strum (anthro.ucsd.edu/anthfac/strum.html) und Linda Marie Fedigan (www.ualberta.ca/~lfedigan/fedigan.htm) nicht nur den einwöchigen Workshop in Brasilien organisiert, sondern selbst gleich ein paar Thesen zur kurzen Geschichte ihres Faches formuliert. Die frühen Primatologen glaubten laut Strum und Fedigan noch, dass sich Primatengesellschaften rund um die männlichen Tiere organisieren und auf Prinzipien der Aggression, Dominanz und Hierarchie beruhen würden. Heute hingegen werden nicht nur die großen Unterschiede zwischen den verschiedenen Familien der Menschenaffen stärker betont; man geht auch davon aus, dass deren jeweilige soziale Ordnungen durch weitaus komplexere Prinzipien geprägt seien.

Wenn es so etwas wie größte gemeinsame Nenner der Primatologie gäbe, so die Pavian-Expertin Strum und die Kapuzineraffen-Spezialistin Fedigan, dann würden sie unter anderem darin bestehen, die Bedeutung der weiblichen Tiere bzw. die Relevanz von sozialen Verhaltensweisen herauszustreichen, die nicht auf Aggression beruhen. Hierarchie in Primatengesellschaften könne, müsse aber nicht in jedem Fall existieren. Weibliche und männliche Tiere seien jedenfalls gleichermaßen dazu in der Lage, Rangordnungen zu schaffen bzw. untereinander in Wettbewerb zu treten. Sind solche und andere paradigmatische Veränderungen des primatologischen Wissens schlicht die logische Folge von mehr und besseren Beobachtungen der Wissenschaftler? Oder liegt es eher daran, dass in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Frauen Primatologie betrieben? Sind es unterschiedliche kulturelle Traditionen, die in den USA, Europa und Japan für andere Untersuchungsergebnisse gesorgt haben oder sind es schlicht neue Beobachtungsmethoden?

Bereits in den Achtzigerjahren – also lange vor Fedigan und Strum bzw. dem Workshop in Brasilien – hatten andere Primatologinnen, insbesondere aber die US-amerikanische Wissenschaftsforscherin Donna Haraway auf signifikante Veränderungen des Wissens über Affen aufmerksam gemacht. In ihrem Opus magnum „Primate Visions“ (1989), einer äußerst materialreichen Dekonstruktion der Disziplin, zeigte Haraway wie einflussreiche Primatologinnen – nicht alle Feministinnen – mit ihren neuen Beobachtungen bisherige Erkenntnisse radikal infrage stellten. Welche Rolle Primatologinnen bei den Paradigmenwechseln der Disziplin spielten, gilt selbst unter Fachvertreterinnen bis heute als umstritten. Fest steht nur, dass ihre Zahl in den letzten Jahren stark gestiegen ist: Während in den Sechzigerjahren in den USA keine einzige Frau in Primatologie promovierte, wurden bereits in den Achtzigerjahren weit mehr als die Hälfte aller einschlägigen Dissertationen von Frauen verfasst. Dennoch zögern selbst feministische Primatologinnen wie Shirley Strum, das Geschlecht als einzige Erklärung für die neuen Perspektiven der Disziplin heranzuziehen, und verweisen auf andere Untersuchungsmethoden wie Langzeitstudien.“

Hier zeigt der ehemalige Sheep-Manager Josef Cartwright Jr. wie blöd Delphine sind: „Schafe würden so etwas Albernes nie mitmachen!“

Gegenüber dem „Falter“ bezweifelte der holländische Primatenforscher Frans de Waal,  der nicht an dem Kongreß teilnahm, „dass die wichtigsten Revolutionen des Faches auf den Einfluss der Frauen in der Primatologie zurückgehen – auch wenn sie, so de Waal, ‚zweifellos ganz wichtige Beiträge geleistet haben‘: Er meint hingegen, dass etwa die ersten Studien über die Verwandtschaftsverhältnisse oder die Individualität der Tiere nicht von Primatologinnen wie Jane Goodall durchgeführt worden wären, sondern bereits Jahre früher von Kinji Imanishi und seinen – ausschließlich männlichen – Studenten.

Für den niederländisch-amerikanischen Primatologen ist die Frage des Geschlechts von Affenforschern weniger wichtig als die kulturelle und wissenschaftliche Tradition, aus der die Wissenschaftler stammen: „Es macht einen wichtigen Unterschied, ob man in den USA, in Europa oder in Japan zum Primatologen wird: In den USA studiert man dafür zumeist Psychologie oder Anthropologie, in Europa hingegen absolvieren die meisten Primatologen ein Biologiestudium, so wie ich.“ Die Japaner wiederum hätten laut de Waal eine ganz andere kulturelle Perspektive und seien traditionell offener für Ähnlichkeiten oder Kontinuitäten zwischen Tier und Mensch. Während Imanishi also bereits in den Fünfziger- und Sechzigerjahren das Konzept der Kultur bei Affen entwickelt hat, so de Waal weiter, hätten europäische Verhaltensforscher wie Konrad Lorenz oder Niko Tinbergen noch über Instinkte und artspezifisches Verhalten diskutiert – ohne individuelle Unterschiede zwischen den Tieren in den Blick zu nehmen. Und in den USA sei man damals ganz vom behavioristischen Paradigma des Lernens beherrscht gewesen. In gewisser Weise knüpft de Waal damit an eine ironische Beobachtung an, die der britische Philosoph Bertrand Russell bereits vor 75 Jahren machte, um auf die kulturelle Geprägtheit jeglicher Tierbeobachtung hinzuweisen: ‚Von Amerikanern untersuchte Tiere laufen wie verrückt umher, mit einer unglaublichen Betriebsamkeit und Energie, und sie erreichen das gewünschte Ziel zufällig. Von Deutschen beobachtete Tiere sitzen ruhig da, denken nach und entwickeln schließlich die Lösung aus innerer Einsicht‘.“

Wieso „Mäh“? Du sitzt doch im Schimpansenkäfig.

Die für den „Falter“ „paradoxeste Erklärung für die Veränderungen der Primatologie der letzten Jahrzehnte steuerte der provokante französische Wissenschaftsforscher Bruno Latour (www.ensmp.fr/~latour/) bei, der nicht nur am Teresopolis-Workshop teilnahm, sondern selbst einige Wochen lang bei Pavian-Feldforschungen mit dabei war: ‚Es waren natürlich die Affen selbst, die uns dazu zwangen, unsere Beschreibungen zu verändern‘.“

Zu den eingeladenen Feldforschern gehörte auch Thelma Rowell. Ihr Beitrag hatte den Titel: „A Few Peculiar Primates“. Es ging darin jedoch nicht um Affen – die Referentin ist eine Schafforscherin. Bruno Latour führte dazu in seinem eigenen Teresepolis-Beitrag aus:

One sentence by Thelma Rowell will clearly exemplify the alternative model that was slowly seeping through in our discussions. Speaking about her new study on sheep, she stated one of her „biases“ in the following way: „I tried to give my sheep the opportunity to behave like chimps, not that I believe that they would be like chimps, but because I am sure that if you take sheep for boring sheep by opposition to intelligent chimps they would not have a chance“. What on earth could this little clause mean: „give them the opportunity to behave“ by opposition to „not having a chance“?

A whole new philosophy of scientific practice resides in this extraordinary statement: „to give the opportunity to behave“ is not the same thing as „imposing a bias onto“ animals that cannot say a thing. Rowell states the difference between „a bias“ and „an opportunity“ very explicitely, since she insists that she does not believe sheep to be „like“ chimps and since, left to their own devices, boring sheep will remain boring sheep for ever. What does she mean, in my view? By importing the notion of intelligent behavior from a „charismatic animal“ –another one of her treasurable expressions!– , she might modify, subvert, elicit, in the understanding of sheep behavior features that were until then invisible because of the prejudices with which „boring sheep“ have always been treated. She does not oppose, as in the dualist model criticised above, what sheep are really doing, with stories about them. On the contrary, it is because she artificially and willingly imposes on sheep another ressource coming from elsewhere that „they could have a chance“ to behave intelligently. But Thelma Rowell does not say that she is inventing sheep, socially constructing them, making them up at her wishes. On the contrary, it is because of this very artificial collage between unrelated animals –charismatic chimps and boring sheep– that she can best reveal what sheep really are. Her sentence would make no sense in the dualist paradigm portrayed in figure 2, since she would have to choose features according to an absurd question: are the sheep really intelligent or did you invent what they are? or is it a combination, a resultant of both? „None of the above“, she should answer. „By placing them, quite deliberately and quite artificially, into the paradigm of intelligent chimps, I gave them a chance to express features of behaviour hithertho unknown. The more I work at it, the more autonomous my sheep may become.“

Thelma Rowell’s sentence is in no way exceptional. It is, on the contrary, the common parlance of practicing scientists. For them, intensity of work and autonomy of what their object of study does, is synonymous . The better fabricated a fact, the more independant it is. Scientists behave as if they were „giving an opportunity“ to phenomena that, in other settings, would not be „given a chance“. However, what makes this very common way of talking disappear from the scientists‘ own philosophy of science –not to mention philosophy of science itself, safely removed from all the empirical difficulties of benches, enclosures and field sites–, is the pervasive optical metaphor they have been made to use. If you transform all the actions that make the autonomy of scientific facts possible into „filters“ that „color“, „bias“ or „distort“ the view that a gaze should have of a phenomenon, then the very originality of scientific work becomes unaccountable. With the optical metaphor, the only reasonable outcome one can strive for is to get rid of all the filters in order „to see things as they are“. Thus the work necessary to make things visible has itself been made invisible, and every reminder by sociologists, feminists, anthropologists, epistemologists, psychologists that there are indeed „biases“, „filters“, „colored glasses“, „prejudices“, „standpoints“, „paradigms“, „a prioris“ will be considered as so many ways to weaken the quality of a science or to debunk its claim to truth. The only good gaze, according to the optical metaphor, is the one that is interrupted by nothing.  The dynamics of the meeting in Teresopolis were fascinating to watch –difficult not to use the metaphor even when criticizing it!– because the organisers rang the bell at every session trying to bring us back to a reflexive enquiry about „the role of theory, method and gender in shaping changing images of primates“, while the dualist model under which we all operated to answer this question fell apart more and more clearly as the days went on. Gender, for instance, did not appear as a filter that would make male and female scientists see things differently, blinding the males to some features while revealing others to the more perceptive female primatologists (see the chapter by Fox-Keller).

Gender, in the conference, began to play the same role as „intelligent chimps“ in the sentence analyzed above. Not that of a filter or of a bias, but that of a trope to use Donna Haraway’s favorite expression. In the striking paper on the respective activity of eggs and sperms (see chapter by Tang-Martinez) the importation to an unpredictable domain –reproductive physiology– of all the political debates in feminism over the dispatching of passivity and activity, allowed the ovula to „have the opportunity“ of entering into a bewildering range of behaviour instead of being considered as a „boring passive egg“. The sessions on gender at the conference then shifted from a rather counter-productive soul- searching about whether or not a given primatologist was or was not „biased by gender“, to a much more interesting research program: how much activity can be granted any given entity if we accept to use the „indignation against passivity“ gained by decades of feminist struggle, as a resource to „give a new chance“ to an animal or to one of its components –more of this in the next section.  The same shift quickly consumed the vague notion of theory and method.

When it is said that the Japanese method was to stay on the field at least as long as an animal’s life span (see chapter by Takasaki), this obviously cannot be considered as a „bias“ that would „limit“ the vision of the animals. Quite the opposite. This simple decision entails different animals since it allows them to expand their interactions over a much longer period. This does not mean that those who go into the field for no more than a week with the sole purpose of collecting blood samples for their population genetics model are more „biased“, but rather that they will give the animals a chance to behave differently. The same is true of important decisions like going to the field in Kenya instead of staying in an enclosure, or naming the animals individually, or following them on foot instead of watching them from the safe haven of a jeep. Each of these moves, allowed for new differences in the animal to be elicited or educed.

Sie ist und bleibt mein Lämmchen. Basta.

Halten wir fest: Wenn wir davon ausgehen, dass Schafe dumm und langweilig sind, dann kriegen wir auch genau das (aus ihnen) raus. Deswegen ist es sinnvoller, „to try to give my sheep the opportunity to behave like chimps, not that I believe that they would be like chimps, but because I am sure that if you take sheep for boring sheep by opposition to intelligent chimps they would not have a chance“.

In den Schaf-Foren des Internets geht es genau um dieses Problem (siehe weiter unten). Aber ich möchte es hier und jetzt langsam einkreisen.

Beginnend mit ein paar aktuellen  Schaf-Meldungen:

„Schafe sind toll“ – meint die Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände e.V. (VDL) und lädt zur „4. Bundesschau Landschafe“ auf die Grüne Woche, die gestern in Berlin eröffnet wurde. Erstmalig findet dort auch eine „Vollversammlung des VDL-Ausschusses ‚Berufsschäfer‘ statt, mit dabei wird der Schäfer Stefan Rose aus Westerstede sein, der laut VDL „300 Kilometer durch Niuedersachsen“ lief, um auf „die Notlage seiner Zunft aufmerksam zu machen. Mit Bertolt Brecht darf man sich hierbei jedoch fragen: Lief er alleine – hatte er nicht wenigstens ein Rennschaf dabei?

Für Schweizer Schäfer ist die folgende Nachricht wichtig: Ähnlich wie es bei Vogelgrippe, Schweinegrippe und Ziegengrippe keinen Impfzwang für Menschen gibt, obwohl die Bundesregierung für über 500 Mio Euro Serum eingekauft hatte und dabei von den Pharmakonzernen auch noch „übervorteilt“ worden war, will die Scheiz die obligatorische Impfung der Schafe gegen die Blauzungenkrankheit abschaffen, weil die Seuche 2009 stark zurückgegangen ist. Die Bauern bzw. Schäfer können für ihre Tiere einen „Impf-Dispens“ beantragen.

Zwei Studien haben sich mit dem Einfluß der Klimaerwärmung auf Schafe befaßt:  1. Früher war es mal günstig, ein schwarzes Schaf zu sein. Das dunkle Fell speicherte mehr Sonnenwärme, und die Tiere hatten länger was davon. Zudem brauchten sie weniger Futter. Jetzt bietet das Dunkelsein keinen großartigen Vorteil mehr. Die hellen Schafe setzen sich durch – d.h. es gibt immer weniger schwarze. Zumindest bei den Wildschafen. 2. In Schottland werden die Schafe kleiner statt größer. Das haben britische Forscher anhand  jahrelanger Aufzeichnungen von Körpergrößen entdeckt. Die Beobachtung widerspricht der Lehre der klassischen Evolutionstheorie.

Eine andere Studie bringt statt der Darwinisten die Deutsche Bahn AG in Verlegenheit: In einem Bericht des Regierungspräsidiums Kassel, der den Zusammenstoß eines ICE im April mit einer Schafherde untersucht, kommen die Gutachter zu dem Ergebnis, dass das Notfallmanagement in vielen Punkten versagt hat.

Schließlich noch diese Meldung aus der „Welt“: Lucky, das angeblich älteste Schaf der Welt, ist mit 23 Jahren in Australien gestorben. Das Mutterschaf war vor zwei Jahren in das Guinness-Buch der Rekorde gekommen. Ein Schafsalter von 23 entspricht etwa 180 Menschenjahren. Wahrscheinlich wurde Lucky ein Opfer der Hitzewelle in Australien.

Vergeblich bemühte ich mich um einen Reader mit den Beiträgen eines Symposiums über “Philosophische Zoologie” in Weimar, den man längst veröffentlichen wollte. Auf dem Symposium hatte u.a. Professor Thomas Macho über “Politische Pastorate” gesprochen – damit meinte er die verschiedenen Hütemethoden von Viehzüchtern, aus denen die monotheistischen Religionen enstanden – bis hin zu den neuesten Managementmethoden, wie sie allwöchentlich in den Wirtschaftsmagazinen angepriesen werden.

Auch in dem schon 2005 erschienenen Bestseller der Literaturwissenschaftlerin Leonie Swann – “Glennkill”, der von einem ermordeten irischen Schäfer handelt, dessen Schafherde sich aufmacht, den Mörder zu suchen, geht es um unterschiedliche Hütemethoden – aus der Sicht der Schafe (nicht aus der Sicht der “Sheep-Manager”, wie die Schäfer im Amerikanischen heißen). Der Ermordete war ein guter Schäfer (”Er mochte uns lieber als die Menschen”), das jedoch nicht zuletzt deswegen, weil er die Schafzucht nicht professionell betrieb (im Hinblick auf Fleisch und Wolle), er machte sein Geld damit, dass er die Tiere zum Haschischschmuggeln über die irisch-nordirische Grenze benutzte, was diese gar nicht richtig mitbekamen. Es handelt sich bei der Herde um eine altgälische Haustierrasse. In dem Schafskrimi von Leonie Swann führt die Handlung nicht selten auf Geruchsspuren weiter. Es ist ein Wackelritt, denn die schafliebende Autorin wollte ihre Protagonisten natürlich nicht völlig vermenschlichen, aber gar nicht ging auch nicht – noch nicht?

Wölfe haben wir nun genug, hier unten kommen jetzt lauter Schafe hin.

In Jakob von Uexkülls Biographie fand ich eine interessante Bemerkung über das Schaf denken: In Estland, wo er aufwuchs, gab es in seiner Nachbarschaft einen Schäfer, der meinte: “In meiner Herde kann ich jedes Schaf auseinanderhalten, aber bei den Menschen will mir das nicht gelingen, die sehen für mich alle gleich aus.”

Ich habe einmal eine Grafikdesignerin, Jutta Behrens (39), interviewt, der es glaube ich ähnlich ging:

“Innerlich wollte ich nie als Grafikdesignerin arbeiten. Zuerst dachte ich, dass die anthroposophische Landwirtschaft interessant wäre, ich las Rudolf Steiner und wollte in der Natur leben, habe auch Bilder über die Natur gemalt. Eine Bekannte brachte mich zur Marienhöhe bei Bad Saarow – ein Anthroposophenhof, auf dem 20 Leute leben und arbeiten. Da war gerade ein ,Möhren-Wochenende’: Wir haben alle mit der Hacke Unkraut gejätet. Danach habe ich auf einem Anthroposophenhof in Mecklenburg gearbeitet, wo es sehr hektisch und stressig zuging: Ständig kamen Besuchergruppen, die bekocht werden wollten. Dort bin ich darauf gekommen, dass Schäferin das Richtige für mich wäre. Wenn man sechs Jahre als Schäferin arbeitet, bekommt man das als Lehre anerkannt.

So bin ich auf einen Hof in die Lüneburger Heide gekommen. Sie hatten dort 2.000 Schafe und vier Schäferinnen, ich habe als Praktikantin den ganzen Tag ohne Pause im Stall arbeiten müssen und Stroh, Wasser und Kraftfutter rangeschleppt. Es war gerade Ablammzeit. Die Schäferinnen waren sehr verschlossen und hatten Angst, dass ihre Autorität ins Wanken geriet, wir haben wenig geredet. Für drei Tage war ich bei einem anderen Schäfer beschäftigt. Der hat gesagt, die Schafe müssen im Winter einen Stall haben, das finde ich aber Quatsch, sie fühlen sich draußen in der Herde viel wohler. Danach habe ich in einer Schäferei in Röther bei Leipzig gearbeitet. Der Besitzer, seine Freundin, ein Lehrling und ich – wir haben 1.000 Schafe versorgt in ganzjähriger Hütehaltung ohne Stall, aber mit Zufütterung. Insbesondere die 400 Moorschnucken waren sehr nett. Ich bin sowieso meistens lieber mit Tieren als mit Menschen zusammen. Röther liegt in einem Naturschutzgebiet, aber in der Nähe ist eine Autobahn, die ständig Krach macht. Und wenn ich am Fluss gehütet habe, kamen ständig Spaziergänger oder Radfahrer vorbei, denen man Rede und Antwort stehen musste: ,Wie viel Schafe sind denn das?’ Ich habe viel allein gelebt, eigentlich bin ich eine Peinlichkeit für Revolutionäre, weil ich gerne in meine Bilder abtauche und nie gelernt habe zu streiten.

Die anthroposophische Landwirtschaft finde ich inzwischen zu sektenhaft, dafür kann ich mich immer noch für die utopische ,Phalanstère’-Idee von Charles Fourier begeistern, wo man mal in dieser und mal in jener Kommune arbeitet. Ich befürchte jedoch, dass mein Wunsch, allein zu sein, dort zu kurz kommt. Ich möchte auch nebenbei weiter Kunst machen – fotografieren. Von der Schäferei in Röther habe ich zehn Filme mitgebracht. Geschlachtet habe ich auch, das gehört dazu.

Kennst du den Schäferwitz Nummer neun?: Es war einmal ein Schäfer, der einsam seine Schafe hütete. Plötzlich hielt neben ihm ein Cherokee Jeep. Der Fahrer war ein junger Mann in Brioni-Anzug, Cherutti-Schuhen und Ray-Ban-Sonnenbrille, er stieg aus und sagte zum Schäfer: ,Wenn ich errate, wie viele Schafe Sie haben, bekomme ich dann eins?’ Der Schäfer überlegte kurz und sagte: ,In Ordnung’. Der junge Mann nahm sein Notebook aus dem Jeep, verkabelte es mit seinem Handy, ging im Internet auf eine Nasa-Seite, scannte die Gegend mit dem GPS-Satellitennavigationssystem ein und öffnete eine Datenbank mit 60 Excel-Tabellen. Dann spuckte sein Minidrucker einen langen Bericht aus, den er durchlas. ,Sie haben hier 1.586 Schafe!’ sagte er. Der Schäfer antwortete: ,Das ist richtig, suchen Sie sich ein Schaf aus’. Der junge Mann packte sich ein Tier und lud es in seinen Jeep. Als er sich verabschieden wollte, sagte der Schäfer zu ihm: ,Wenn ich Ihren Beruf errate, geben Sie mir dann das Schaf zurück?’ ,Abgemacht’, meinte der sportliche, junge Mann. Der Schäfer sagte: ,Sie sind ein Mc-Kinsey-Unternehmensberater !’ – ,Das ist richtig, wie haben Sie das so schnell rausbekommen?’ – ,Ganz einfach’, erwiderte der Schäfer, ,erstens kommen Sie hierher, obwohl Sie niemand gerufen hat, zweitens wollen Sie ein Schaf als Bezahlung dafür, dass Sie mir etwas sagen, was ich ohnehin schon weiß, und drittens haben Sie keine Ahnung von dem, was ich mache, denn Sie haben sich meinen Hund geschnappt.”

2010 interviewte ich Jutta Behrens noch einmal:

Schon gleich nachdem die BRD das sozusagen offiziell MfS aufgelöst hatte, meinte der Dramatiker Heiner Müller: „Eine Gesellschaft, die Arbeitslose  hat, braucht keine Stasi.“ Im Hinblick auf die kapitalistische Wirtschaftsordnung äußerte sich ein US-Regierungsberater ähnlich: „Ohne Arbeitslosigkeit gibt es keine Innovation!“ Der Hallenser Psychologe Hans-Joachim Maaz versicherte kürzlich dem Spiegel: „Die meisten Menschen im Osten empfinden die Bedrohung durch den Verlust des Arbeitsplatzes schlimmer als die einstige Bedrohung durch die Stasi.“ Und tatsächlich ist die Kontrolle durch die 120.000 Mitarbeiter der Jobcenter heute weitaus umfassender als die durch das MfS, in dem etwa gleich viele Staatsagenten  beschäftigt waren. Nachdem man 2003 das erweiterte „Hartz“-Gesetz verabschiedet hatte, verkündete der Verbrecher Peter Hartz lauthals: „Was für ein glücklicher Tag für alle Arbeitslosen!“ Dder Richter am Bundesverwaltungsgericht Uwe Berlit schrieb in den „Informationen zum Arbeitslosen- und Sozialhilferecht“ dagegen: Mit diesem Gesetz schaffe der Staat rechtlose Untertanen, über die er bedingungslos verfügen könne, ohne auf deren Willen Rücksicht nehmen zu müssen. Vielmehr werde vorauseilender Gehorsam zur Voraussetzung, damit der Staat diesen entrechteten Menschen die sozialen Existenzgrundlagen nicht vollständig entzieht, wobei selbst diese Unterwürfigkeit keine Garantie biete, daß es nicht doch dazu kommt. Denn nahezu alles ist zukünftig eine Ermessenentscheidung der neuen „Fallmanager“ des Arbeitsamtes, von deren Wohlwollen die Gewährung minimalster Rechte abhängt, da sie nicht mehr als rechtsverbindliche Ansprüche existieren.

„Man muß allzeit bereit sein und darf sich nicht vom Fleck bewegen,“ so sagt es die Berliner Jobcenter-„Kundin“ Jutta Behrens, die seit ihrem Kunsthochschulabschluß 1998 arbeitslos gemeldet ist  – und von ihren sogenannten Arbeitsvermittlern seitdem schon mehrmals buchstäblich in den Wahnsinn getrieben wurde, d.h. sie war oft krank – gibt (sich) aber nicht auf. Seit 7 Jahren erkundet sie Schäfereien und hat auch bereits vier Praktika bei Schafzüchtern gemacht – ohne Wissen des Jobcenters: heimlich also. 2009 arbeitete sie in einem Ausbildungsbetrieb in Mecklenburg. Der Bauer bot ihr eine Lehrstelle als „Tierpflegerin Schäferei“ an, zuvor sollte sie ein Dreimonatspraktikum dort absolvieren. Ihr Arbeitsvermittler sagte jedoch: „Es gibt keine Schäfereien in Berlin – und deswegen Nein.“ Sein Vorgesetzter fügte hinzu: „Das Arbeitsamt ist kein Wunschkonzert!“ Außerdem zahle das Arbeitsamt nur noch Einmonats-Praktika – „zum Schutz des Arbeitnehmers!“ Jutta Behrens ließ nicht locker: „Die sagen doch immer, man müsse flexibel sein und notfalls auch bereit, weit weg vom Wohnort eine Arbeitsstelle anzunehmen.“ Und also bat sie um einen neuen Termin – für „eine vorzeitige Genehmigung wegen Dringlichkeit“.

Diesmal bekam sie es mit einer Arbeitsvermittlerin zu tun, die sogar bei dem für Teile Mecklenburgs zuständigen Jobcenter in Lüneburg anrief, wo man ihr aber bloß mitteilte: „Wir haben keine freien Schäferstellen hier.“ Die Arbeitsvermittlerin riet ihrer „Kundin“ jedoch: „Fahren Sie trotzdem mal hin, ich mache einen Vermerk. Ihr zukünftiger Arbeitgeber muß ihnen allerdings mindestens 405 Euro monatlich zahlen, damit sie nach Mecklenburg umziehen und sich beim Jobcenter in Schwerin melden können.“ Die Lehre zahlte ja der Schäfer, ihr Vater erklärte sich darüberhinaus bereit, die Miete plus Kaution in Mecklenburg zu zahlen, so dass das Jobcenter nur ihre Berliner Wohnung weiterzahlen mußte. Sie rief daraufhin wegen eines Termins so lange beim Jobcenter in Schwerin an bis ihr Geld alle war. Schließlich fuhr sie einfach hin, dort sagte man ihr jedoch nur: „Es gibt keinen Vermerk. Sie dürfen hier gar nicht sein, fahren sie bloß zurück zu Ihrem Jobcenter und bringen das in Ordnung!“ Jutta Behrens ging – wieder in Berlin – erst einmal zu ihrem Arzt, der ihr zuriet, die Lehre zu machen: „Das wird Ihnen gut tun“. Dem Jobcenter reichte das dann jedoch nicht, sie mußte auch noch zu einem Amtsarzt. Dort erfuhr sie: „Die Reha fürs Arbeitsleben, wenn man oft krank war, besteht aus drei Teilen. 1. müssen Sie  einen  4-seitigen Fragebogen zum Schäferberuf ausfüllen. Der befindet sich beim Jobcenter in einem Buch, das alle Berufe enthält. Wenn man alle Fragen richtig beantwortet hat, dann geht es weiter mit 2. dem Praktikum und 3. der Lehre.“ Jutta Behrens bat daraufhin ihr Jobcenter um einen neuen Termin – bekam jedoch erst mal keinen.

Darüber verstrich der Beginn ihres Praktikums am 15.1. 2010. Sie bat ihren mecklenburgischen Schafzüchter, dem  Jobcenter sein Lehrstellen-Angebot  schriftlich zu geben. Er lehnte ab, es war ihm mittlerweile alles zu kompliziert geworden. Ende Januar meldete sich das Jobcenter bei ihr und gab ihr  einen Termin. Jutta Behrens nahm diesen jedoch nicht mehr wahr: „Ich hatte ja nichts mehr zu sagen.“ Stattdessen schrieb sie dem Jobcenter, ihr Arbeitgeber sei abgesprungen, sie werde sich aber eine neue Lehrstellen suchen. In der taz fand sie dann eine Annonce:  „Schäfergehilfe zur Lammzeit gesucht“ – von einer Schäferei auf der schwäbischen Alp. „Ich wußte ja, dass ich die Erlaubnisgenehmigung vom Jobcenter, wenn überhaupt, dann höchstens in einem  Monat bekommen würde – und dann war die Lammzeit vorbei, außerdem hätte ich vorher noch mal zum Amtsarzt gehen müssen. Deswegen bin ich dort einfach für vier Wochen hingefahren und habe da mein fünftes Praktikum gemacht.“ Derzeit werden massenhaft  Kunden der Jobcenter, „die viel herumlaviert haben, in eine Art vorzeitige Rente gedrängt“, was bedeutet, dass sie nicht mehr vermittelt werden. Sie sollen bis ans Ende ihrer Tage zu Hause sitzen und sich still verhalten. Das blüht eventuell auch Jutta Behrens, sie hat deswegen umdisponiert: „Ich mache jetzt noch zwei, drei Praktika – keine Lehre mehr, und werde dann ‚Schäfergehilfin‘.“

„Die Stasi hätte ihr schon längst eine Lehrstelle in einer LPG mit Schäfereibetrieb besorgt,“ meint ein Gewährsmann aus dem ehemaligen MfS-Wachregiment „“Feliks Dzierzynski“: Major Silbermann dazu. Dass dieser Jobcenter-„Fall“ keine Ausnahme ist, zeigen zwei weitere Arbeitslosen-Fälle: Zum Einen der Ostberliner Philosoph Lothar Feix, den sein Arbeitsvermittler gegen seinen Willen zum Gärtner umschulen wollte. Und zum Anderen der Heidelberger Musiker Jens Beiderwieden, der gegen den Willen seines Arbeitsvermittlers partout Gärtner werden wollte. Beide brauchten anderthalb Jahre Schriftwechsel – mit Eingaben, Widersprüchen, Panikattacken, fachlichen und psychologischen Gutachten, bis sie ihren Willen endlich  durchsetzen konnten.

Und wenn die ganze Rohwolle durchgewaschen ist, drückst du hier auf Aus.

Das genaue Gegenteil von dieser eher menschenscheuen Schäferin hatte Anja Flach im Sinn, als sie sich der Frauenguerilla der PKK in Kurdistan anschloß. Statt bei den Kämpfern landete sie jedoch bei einer Versorgungseinheit – und damit auch bei Schafen. Sie führte darüber Tagebuch, Teile davon beschlagnahmte das LKA Nordrhein-Westfalen und stellte es ins Internet, um damit die Autorin der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung zu überführen. Im folgenden einige Pastoratszenen aus ihrer Veröffentlichung – “Jiyaneke din – ein anderes Leben”:

“Wir holen Wasser, das sehr weit entfernt mit Kanistern herangeschafft werden muß, scheren und melken Schafe, deren Wolle in den Dörfern zu Winterstrümpfen für die Partisanen verarbeitet werden soll. Zu der Einheit gehörte eine große Schafherde, die von den Freunden in einem Dorfschützer-Dorf enteignet worden war. Die Kobra-Hubschrauber hatten die Schafe entdeckt und daraufhin ein Blutbad angerichtet. Mehr als 500 Schafe wurden getötet. Viele Tiere sind verletzt, haben Splitter in den Beinen, humpeln. Es sind noch einige hundert Schafe übrig, sie müssen zwei mal am Tag gemolken werden. Aus der Milch wird Käse gemacht, der für den Winter in großen Plastikkanistern eingelagert wird. Um die Milch zu Käse zu verarbeiten, wird sie mit einem Ferment versetzt, sie gerinnt dann und der Quark wird in saubere Tücher geschlagen, mit Steinen beschwert, damit die Flüssigkeit herausgepresst werden kann. Der fertige Käse wird dann am nächsten Tag mit Salzwasser eingelegt und in Kanister gefüllt. Die frische Schafsmilch wird gekocht, sie ist viel fetter als Kuhmilch und schmeckt köstlich.

Nachts halten Mahabat und ich zusammen Wache, vor allem müssen wir aufpassen, dass die Schafherde sich nicht zu weit vom Stützpunkt entfernt oder ein Schaf von Wölfen gerissen wird. Zu unserer Herde gehört eine kleine Ziege, deren Mutter gestorben ist. Damit sie nicht verhungert, fangen wir Schafe ein, bei denen sie trinken kann, allerdings haben wir keine Ahnung, wie oft eine Babyziege trinken muß. Das Leben bei den Schafen ist geruhsam. Abends sitzen wir am Feuer und die Freunde erzählen. Unsere Hauptnahrung ist Fleisch, denn davon gibt es reichlich. Jeden Tag werden zwei Schafe geschlachtet. Inzwischen habe ich gelernt, sie zu zerlegen, die Knochen zu zerhacken. Meist wird dazu eine Daz benutzt, eine sichelförmige kleine Axt. Das Fleisch wird in Wasser gekocht und mit Brot gegessen. Ich gehe mit einer Freundin zu den Schafen, um Joghurt zu holen. Auf dem Weg sehen wir ein Schaf, das von Wölfen gerissen worden ist. Nur die Innereien sind aufgefressen, der Rest ist nicht angerührt. Es gibt eine Diskussion, ob das Fleisch noch genießbar ist. Als wir von den Schäfern wiederkommen, schmurgelt es schon im Kochtopf und schmeckt hervorragend.

Mittags kommen zwei alte Frauen ins Lager. Ich bin erstaunt, sie müssen viele Stunden gelaufen sein. Sie bitten die Guerilla, Schafe aus einer Herde zurückzugeben, die vor einiger Zeit bei einer Aktion aus dem Dorf geholt worden sind. Von den etwa 1000 Schafen wollen sie jedoch nur einige Dutzend haben, vor allem die ihrer Familien. Sie jammern und klagen. Heval Resid bleibt sehr sachlich und argumentiert, dass es in dem Dorf Dorfschützer gäbe, das Dorf die Guerilla nicht unterstützte. Die Guerilla müßte hungern, wenn sie den Dorfschützern nicht Schafe wegnehmen würde…Zu guter letzt ist das Ergebnis, dass die Frauen 500 Schafe zurückbekommen. Allerdings ist die Rückgabe mit Auflagen verbunden, das Dorf soll sich der Guerilla nicht länger verschließen, dass FreundInnen kommen werden, um mit der Bevölkerung zu reden.

Die nächsten Tage sammeln wir Nüsse, hunderte von Säcke kommen zusammen. Mehrere hundert Schafe sind aus einem (anderen) Dorfschützerdorf gekommen. Ich bin meistens in der “Fleischgruppe”. Jeden Tag schlachten wir an die 20 Schafe, was geradezu fließbandmäßig organisiert ist. Zuerst gibt es eine Arbeitsteilung: Während die Männer schlachten, zerschneiden die Frauen das Fleisch. Nach ein paar Durchgängen gibt es Proteste, da die Männer, nachdem sie das Tagessoll erreicht haben, einfach verschwinden, die Frauen dagegen noch bis in die späten Arbendstunden arbeiten, bis alles Fleisch verarbeitet ist. Daraufhin wird alles gemeinsam gemacht.

In der traditionellen kurdischen Gesellschaft dürfen Frauen keine Tiere schlachten, das Fleisch wäre “haram” (unrein). Dieses Tabu zu brechen, macht den Freundinnen anscheinend besonderen Spaß. Wir sind mehr als 50 Frauen. Ein fröhlicher Haufen, obwohl wir von morgens bis abends sehr hart arbeiten. Das Wetter ist schöner geworden, ich werde jetzt öfter als Schäferin eingeteilt. Gestern gab es eine “Moral” (Versammlung mit mehreren Theaterstücken). Eins hat mir sehr gefallen: Ein Walnussbaum und eine Traubenrebe haben panische Angst, wenn die Guerilla kommt, sie fürchten sie mehr als die Soldaten, ganz zerfleddert sehen sie aus. Ein Kommandant kommt und verbietet, die Bäume anzurühren – ja, langsam setzt sich so eine Haltung durch, Naturschutzguerilla.”

„Alle Schäfer mal herhören! Sobald der Bagger die Sängerin auf dem Sandhaufen angreift, treibt ihr eure Herden in seine Richtung“ (So der Westberliner Regisseur einer Oper, die am Braunkohle-Grubenrand bei Altdöbern in der Lausitz aufgeführt wurde und in der etwa 100 Schafe mitspielten.)

Um ein explizit politisches Pastorat ging es lange Zeit dem französischen Milchschafzüchter José Bové – in seinem Kampf gegen den Agrar-”Produktionismus”. Mehrmals mußte er deswegen bereits ins Gefängnis, nun will er ein politisches Mandat erringen:

Der 1953 geborene Bové studierte Philosophie und engagierte sich ab 1972 auf dem Hochplateau Larzac – gegen den Staat, der dort Landwirtschaftsflächen in ein Militärübungsgelände umwandelte. Er lernte dabei seine spätere Frau Alice kennen, die beiden arbeiteten auf verschiedenen Bergbauernhöfen. Um der Einberufung zu entgehen, versteckte Bové sich hernach ein Jahr lang als Landarbeiter auf einem Biohof. 1975 bekam Alice ihr erstes Kind. 1976 ließen Alice und José sich auf einem einsamen Hof in der Nähe des Larzac-Militärgeländes nieder, wo sie mit einer Schafmast begannen. Freunde spendeten ihnen einen Traktor. Wegen einer Aktion gegen das Militärgelände mußte José das erste Mal – für drei Wochen – ins Gefängnis. 1978 bekam Alice bei einer Hausgeburt ihr zweites Kind. 1979 gaben sie die Lämmermast auf und schafften sich eine Herde Milchschafe an. Die Milch verarbeiteten sie zu Käse, den sie auf Wochenmärkten verkauften – ein Novum auf dem Plateau, denn ihre Kampfgefährten verkauften die Milch alle an die Roquefort-Käsereien.

Da der Hof ohne Elektrizitätsanschluß war, mußte für die Melkanlage und die Belüftung des Reifungskellers eine eigene Stromversorgung improvisiert werden. 1981 erfüllte Mitterand sein Wahlversprechen und stellte die Erweiterungspläne für das Militärgelände ein – 6300 Hektar blieben im Staatsbesitz, sie wurden von den Larzac-Kämpfern in kollektive Verwaltung übernommen: eine Idee von Bovés Vorbild Bernard Lambert ( “Power to the Bauer!”), der kurz darauf starb. 1983 wurde der Hof von Alice und José an das Stromnetz angeschlossen, 1984 folgte das Telefon, 1987 der Wasseranschluß. Alice hörte mit der Landwirtschaft auf und übernahm die Leitung eines “landwirtschaftlichen Initiativzentrums”. José legte seinen Hof mit einem benachbarten zu einer “Landwirtschaftskooperative” zusammen, der 350 Milchschafe umfaßt und 220 Mastschafe, außerdem 12 Rinder und 30 Schweine. Das Fleisch wird über eine Erzeugergemeinschaft auf Wochenmärkten verkauft. Die zwei Bové-Töchter studieren mittlerweile in Bordeaux. Ihr Vater ist weiterhin in der Bauern-Vereinigung aktiv. Er jagt und angelt nicht, liest aber viel.

Seit 1992 kritisieren er und andere die wachsende Kommerzialisierung der Kultur und der Agri-Kultur. In der “Confédération Paysanne” werden 10 Grundsätze der “bäuerlichen Landwirtschaft” aufgestellt. 1999 stört er mit anderen Aktivisten den Bau einer McDonald’s-Filiale in Millau und kommt für 19 Tage ins Gefängnis. Im selben Jahr tagt die WHO in Seattle, dort tritt José auf einem Gegenkongreß auf, der sich gegen die Globalisierung des Agrarhandels wendet. Zehntausende demonstrieren dort anschließend gegen die WHO-Politik. José kreiert wenig später das Wort “Malbouffe” (schlechtes Essen) für das, was bei der industrialisierten Landwirtschaft und den Lebensmittelkonzernen herauskommt. Es geht darum, weg vom “Produktivismus” zu kommen, d.h. die Landwirtschaftspolitik zu einem Umdenken zu bewegen, gleichzeitig die Bauern aus dem Würgegriff der Agrokonzerne zu befreien, für die sie inzwischen nur noch billige Heimarbeiter sind. Auch die Landwirtschaftspresse hängt über ihre Werbeeinnahmen von diesem Produktivismus ab. Ähnliches gilt für die Agrarwissenschaft. José fordert: “Forscher, kommt raus aus euren Labors!” Nur verrückte Menschen machen die Rinder wahnsinnig.

Es geht vor allem um eine Neudefinition des Bauernberufs. Außerdem muß der Zugang zu Land vom Eigentum abgekoppelt werden – z.B. so wie auf dem Larzac. Immer mehr Jugendliche aus der Stadt besuchen Landwirtschaftsschulen: “Die Klassen sind voll! Der wichtigste Beweggrund, warum sich heute Menschen auf dem Land niederlassen und Bauer werden, ist das Bedürfnis nach anderen sozialen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Dass ich zu den ehrenwerten Herrschaften überlaufe oder mich als Star prostituieren könnte, ist völlig ausgeschlossen”. In Millau demonstrieren mehr als 100.000 Menschen gegen die “Verwandlung der Welt in eine Ware”. Wenig später wird José Bové wegen der McDonald’s-Aktion zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er meint: “Wir brauchen eine andere Art politischer Arbeit, die vom wechselseitigen Zusammenhang unserer gemeinsamen Interessen ausgeht. Die bäuerliche Gewerkschaftsbewegung hat diesen berufs- und bereichsübergreifenden Ansatz vorgeführt: die McDonald’s-Aktion hat ebenso viele Verbraucher wie Bauern mobilisiert und das große Buch des Gemeinwohls wieder aufgeschlagen. Jede produktive Handlung eines Bauern dient der Ernährung: der Bauer berührt seine Mitmenschen von innen”. 2002 wird José wegen Zerstörung von gentechnisch veränderten Pflanzen zu sechs Monaten Gefängnis verknackt. Im Sommer 2003 verhaftet man ihn auf seinem Hof.

Im “Linksnet” heißt es über ihn 2005: “Schwung in die Wahldebatte der Linken könnte möglicherweise eine Idee bringen, die im Laufe des Sommers in den ehemaligen »Einheitskollektiven für das Nein« aus der Zeit vor dem Referendum heranreifte. Viele ihrer Mitglieder fordern eine gemeinsame Kandidatur der »anti-neoliberalen Linken« und jener progressiven Kräfte, die zum »Non« bei der Abstimmung aufgerufen haben. Dabei zirkuliert auch ein Name: Der internationalistische Bauerngewerkschafter José Bové soll dieses Spektrum repräsentieren. Er wurde einer breiteren Öffentlichkeit durch eine Serie von Prozessen — vor allem wegen Aktionen gegen genmanipulierte Pflanzen — bekannt und betreibt aktive Solidarität mit der Dritten Welt gegen EU- und US- Nahrungsmittelkonzerne. Der parteilose Bové selbst hat sich im August dazu auch prinzipiell bereit erklärt, aber unter der Bedingung, dass die politischen Parteien aus demselben Spektrum keine eigenen Kandidaten schicken. Konkret forderte Bové, dass die KP, die LCR und die Grünen seine Kandidatur unterstützen.”

Anfang 2006 verweigerten die USA ihm die Einreise. Kürzlich kündete Bové seine Kandidatur bei der französischen Präsidentschaftswahl im Jahr 2006 an. Zuvor war von ihm und seiner Bauerngewerkschaft ein Buch – in zehn Sprachen gleichzeitig – erschienen: “Die Welt ist keine Ware”, das sich gegen den Monetarismus, d.h. gegen die Orientierung aller Lebensäußerungen ausschließlich auf Geld- und Kapitalvermehrung, richtet. Ihr Widerstand richtet sich insbesondere gegen die 1944 in Bretton Woods gegründeten Institutionen Internationaler Währungsfond (IWF) und Weltbank sowie die 1995 geschaffene World Trade Organisation (WTO), mit der erst in den Entwicklungsländern und dann auch im Ostblock die letzten Lokalökonomien an den Weltmarkt angeschlossen bzw. durch ihn vernichtet wurden und werden. Im Manifest der “Confédération Paysanne” finden sich bereits Ideen dafür, wie die letzten Bauern und Schäfer überleben können: “Die Bäuerliche Landwirtschaft muß…wirtschaftlich effizient sein. Sie muß, gemessen an den eingesetzten Produktionsmitteln und im Hinblick auf die produzierten Mengen, eine hohe Wertschöpfung aufweisen. Nur unter dieser Bedingung können die Bauern mit relativ bescheidenen Produktionsmengen zurechtkommen, und nur unter dieser Bedingung kann die Landwirtschaft eine große Anzahl von Arbeitskräften beschäftigen. Eine in dieser Form effiziente Produktion ist Voraussetzung für die Produktion von Qualität”.

In deinen Aufzeichnungen steht aber, dass der Nullbock die sechs Milchschafe mehrmals gedeckt hat…
Der Nürnberger Marxist Robert Kurz hat sich in seinem Buch “Weltkapital” u.a. auch mit dem französischen Schafzüchter und Globalisierungskritiker Bové angelegt. Er wirft ihm und seiner Bauerngewerkschaft vor: „sie denken selber in den Katagorien der Ware und wollen sich gar keine Vorstellung über eine Welt jenseits davon machen…Was dann als vermeintliche Kritik einer Welt der Waren übrig bleibt, ist nichts als eine verkürzte und nebelhafte Denunziation von (subjektiver) ‘Profitgier’ und ‘Geldgeilheit’…Das Geld ist aber nur die Erscheinungsform der universellen Warenproduktion, nicht deren Wesen, das in ‘abstrakter Arbeit’ und Wertform gründet.“

Was aber kann man all jenen Schafzüchtern, -besitzern vorwerfen, die sich in “Schaf-Foren.de” über die Macken und Besonderheiten ihrer einzelnen Tiere austauschen?

Dort schreibt z.B. Astrid: “meine schafe sind alle nicht ganz echt- wie der herr so’s gescherr.”

Heidi berichtet: “Schaf Elke stößt bei Freude (Spaziergang, Stück Banane…) ein abgehackte ‘Mäh’ aus, schüttelt den Kopf und fängt an zu hüpfen wie ein bewolltes Känguruh.”

Christine erzählt: “Unser zweites Lamm überhaupt, das bei uns geboren wurde, Zwillingsmädchen, das nachdem der Bruder gelandet war, mit einem Fuss zurueck feststeckte, aber damals schon in der Position mit Kopf draussen laut gemaeht hat (kann das sein? Ich bin mir voellig sicher, zweifle aber manchmal doch an meiner Erinnerung), weshalb unter anderem sie den Namen “Callas” bekam, hatte sich zusammen mit ihrem Bruder ein paar Stunden spaeter als Flaschenlamm herausgestellt (Mutter chronische Mastitis). Wie dem auch war, immer noch, nach 7 Jahren, will sie ihre persoenliche Portion Futter aus der Hand, und wenn ich da auf meinem Stein sitze, hat sie so eine nette sanfte Art, mich mit der Schnauze gegen die Backe zu stupsen, ist wie ein kleines Busserl, so analog denke ich wie die Laemmer erst das Euter (oder die Flasche) stossen, aber sie macht das wirklich ganz sanft. Und natuerlich hat sie Erfolg.”

Renata schreibt: “Wenn ich meine Schafe kraule grunzen einige wonniglich vor sich hin – hört sich an als ob sie schnarchen. Eines unserer Schafe grunzt zur Zeit viele Minuten lang, wenn sie besonders leckeres Heu zu fressen bekommt. Unser 1 Jahr alter Bock wackelt vor lauter Freude mit seinem nicht kupierten Schwanz, wenn er ein bißchen Kraftfutter oder Ähnliches bekommt. Manchmal hüpft er auch vor Freude. Nanni hat gleich alle ihre Tiere mit Macken aufgezählt: ” Und bei den Schafen haben wir eins dabei, vermutlich früher ein Flaschenlamm. Sie sucht die Nähe der Menschen. Und wenn man zu den Schafen geht, und sich hinkniet, legt sie einem den Kopf auf die Schulter und schläft ein.”

Krollo schreibt: “Ein Bocklamm von März 05 ist von Anfang an immer auf unsere Hütehündin zugelaufen, wenn sie auf die Weide kam. Das Böckchen hat ihr immer die Schnauze geleckt, wie es ein Welpe bei erwachsenen Hunden tut. Unsere Hündin hat ihn daraufhin auch wie einen Welpen behandelt. Mittlerweile muss er nun doch schon mal mit der Herde mitgehen wenn sie treibt (und darf nicht mehr hinter (!) Hund und Herde herlatschen) aber an der Begrüssung hat sich nichts verändert. Er war im Gegensatz zu seinem Bruder und Vater allerdings noch nie agressiv gegen den Hund. Bei unserer anderen Hündin kommen solche Vertraulichkeiten aber gar nicht gut an…Ist ihr wahrscheinlich peinlich von ‘nem Schaf geknutscht zu werden.”

Und schließlich noch ein Bericht von Eva: “Ich hatte mal ein Flaschenlamm, das im Haus aufgewachsen ist. Einigen Forumsmitgliedern ist es noch als “Lämmsche” bekannt. Obwohl ich es von Anfang an immer mit zu den Schafen genommen hab, war es wohl doch etwas fehlgeprägt und hielt sich eher für einen Hund. Es fand es später auch ganz übel, als es nicht mehr im Haus, sondern bei den anderen Schafen wohnen sollte. Wenn ich mit dem Hund zu den Schafen ging, lief es immer mit dem Hund mit. Man muß sich das vorstellen: Ein Border Collie läuft einen Outrun und ein Schaf galoppiert hinter ihm her. Der Hund fand das anfangs etwas verwirrend, hat es dann aber ignoriert. Die anderen Schafe hielten “Lämmsche” wohl für einen Verräter und elenden Überläufer.”

Hier, das Lammfleisch ist schon fast durch.

Aus diesen Zitaten könnte man glatt herauslesen, dass ähnlich wie bei den Imkern die meisten Schäfer heute Frauen sind, wahrscheinlich spiegelt sich dabei jedoch erst mal nur das größere Interesse der Frauen am Internet und seinen Foren wieder. “Was die Schafe wohl schreiben würden, wenn sie PCs hätten?” fragt sich und die Teilnehmer des Schafs-Forums “Quasseltante” Yemania.

Um auch noch was über das politökonomische Pastorat in Erfahrung zu bringen, besuchte ich die Landkommune Longo mai in Mecklenburg. Der dortige Schäfer enttäuschte mich nicht: Er zählte all die Schwierigkeiten auf, die einem Schäfer heute widerfahren können. Das geht von der Aufkündigung uralter Wegerechte durch die Gemeinden über den weltweiten Preisverfall bei Wolle und Fellen bis hin zu den immer wieder neuen Schlachtverordnungen. Für alles übrige empfahl er mir ein Schafsbuch, das die Sektion Landwirtschaft der Humboldt-Uni in den Achtzigerjahren herausgegeben hatte. Ich revanchierte mich mit einem Text über die Lango.mai-Landkommune, der den Leuten dort leider mißfiel:

“Es ist ein Soziotop bzw. Rhizom par excellende, das bereits zur Hochzeit der westeuropäischen Landkommunebewegung 1973 gegründet wurde. Longo mai (was “Es möge lange bleiben” auf Provencalisch heißt) entstand damals in Österreich aus der unabhängigen Jugendsektion der KP – “Spartakus”, die sich zunächst mit Lehrlingsagitation und Heimkinderaktivitäten befaßte und bald von Staats wegen des Terrorismus verdächtigt wurde. Auf dem Gründungskongreß der “Europäischen Pioniersiedlungen” in Basel 1972 wurde daraufhin beschlossen, nach Südfrankreich auszuweichen, wo damals die Bevölkerung angefangen hatte, sich gegen den Bau eines riesigen Militärübungsplatzes auf dem Hochplateau Larzac zur Wehr zu setzen. “Wir wollten in diesen Gebieten etwas anfangen, aber nicht als ‘Rückzug in die Natur’, sondern als selbstverwaltete und -gestaltete Orte, wo man überleben kann, nicht abhängig von einem Chef ist und sich seine eigene Lebensbasis schafft”. Inzwischen besteht Longo mai bereits in der zweiten Generation aus mindestens neun solcher Kooperativen – und ist bis heute “politisch und internationalistisch” geblieben. Anfänglich folgte gegenüber seinen maoistischen Gründervätern auf den Terrorismusvorwurf prompt der Sektenverdacht, der dann nach der deutschen Wiedervereinigung noch einmal bei einem neuen Longo mai-Pionierprojekt in Brandenburg wiederaufgewärmt wurde. Die Kommunarden wichen daraufhin nach Mecklenburg aus – auf den 80-Hektarhof Ulenkrug bei Stubbendorf.

Daneben gibt es heute eine Reihe weiterer Longo mai Kooperativen in Frankreich, der Schweiz, in Kärnten und in der Ukraine sowie in Costa Rica. Und darüberhinaus mehrere kurz- und langfristige Initiativen – u.a. zur Unterstützung der verfolgten marokkanischen Gastarbeiter in Andalusien, zur Förderung des unabhängigen Mediennetzwerkes AIM im ehemaligen Jugoslawien, zur Ausweitung der Kämpfe der französischen Bauerngewerkschaft “Confédération Paysanne” und zur Stärkung der europäischen Schafzüchter sowie Wollverarbeiter.

Hierzu gründeten sie die “Association européenne de producteurs lainiers” und erwarben in Chantemerle eine alte Spinnerei. Dort wird nun auch die Wolle aller Schafherden der Longo mai Kooperativen verarbeitet. Vor einigen Wochen fanden in Berlin bereits zwei Veranstaltungen statt, auf denen eine Kollektion selbstproduzierter Textilien vorgeführt wurde sowie ein Film über Wollverarbeitung. Dazu bemühte man sich – erfolgreich – in mehreren szenischen Lesungen die politische Dimension ihrer Bemühungen um den Erhalt von Schäfereien und deren oftmals grenzüberschreitenden Wanderwegen herauszustellen. Anschließend gab es eine Weinprobe, die von einem der südfranzösischen Longo mai Kooperativen stammte.

Neben dieser Reisekadertätigkeit betreibt Longo mai im französischen Bergdorf Zinzine auch noch einen Radiosender, der regelmäßig Beiträge u.a. von “Le Monde Diplomatique”, dem “Netzwerk Friedenskoperative” (Andreas Buro) und dem “Europäischen Bürgerforum” ausstrahlt. Letzteres wird von Buro als “eine Art politische Dachorganisation der Longo mai Kooperativen” bezeichnet.

Was die Besitzstruktur dieses ganzen Netzwerkes betrifft – so sind Die Kommunarden dabei, “eine Konstruktion zu finden, in der die Höfe nie ins Eigentum eines Einzelnen werden übergehen können: kompliziert, aber es wird gehen”, heißt es in einer Interneteintragung, die darauf hindeutet, dass die juristischen Konstruktionen vor Ort jeweils noch im Werden sind. Ohnehin wäre es falsch, Longo mai in Konsolidierung begreifen zu wollen, denn laufend kommen neue Projekte, Initiativen und – vor allem – junge Leute dazu, die kürzer oder länger bleiben und mitarbeiten. Allein auf dem mecklenburgischen Hof Ulenkrug rückten in diesem Sommer z.B. etliche Berliner Wohnwagenleute sowie ostdeutsche Wanderzimmerleute an und errichteten zusammen mit den dortigen 29 Longo mai Leuten ein riesiges neues Fachwerkwohnhaus, ein Kinderhaus und eine neue Kläranlage. Man sollte deswegen das gesamte Projekt vielleicht als eine halbnomadische Kleinkriegsmaschine ansehen, das an seinen neun oder mehr Schollen-Stützpunkten jedesmal den Charakter von Baugruben annimmt. Und diese können gar nicht tief genug gehen – d.h. völlig selbständig sein.

So helfen einige Longo mai Leute z.B. gerade einer Gruppe junger Spanier beim Ausbau des Wohnhauses ihrer landwirtschaftlichen Kooperative. Und diese (neue) Baugrube ist wiederum Anziehungspunkt von mehreren Wandergesellen geworden, die dort den Schafstall ausgebaut haben. So steht es in den “Nachrichten aus Longo mai” Nummer 84. Daneben gibt es noch das “Bulletin Atelier” (ihrer Textil-Association) und die Zeitung “Archipel” des Bürgerforums sowie Webpages in mehreren Sprachen. Wenn man einen der sehr gastfreundlichen Lango mai Höfe besucht hat, kann man sagen: Überall wird was angefangen, aber nichts wird zu Ende geführt. Man kann jedoch auch zu dem Schluß kommen: Es wird ständig an allen Ecken und Enden gebaut. Als die US-Journalistin Anjana Shrivastava und ich neulich den Hof Ulenkrug besuchten, hatten wir den starken Eindruck, hier wird primär per Hand kommuniziert. Dazu trugen zum einen mehrere Bauern aus dem Oderbruch bei, die dort regelmäßig auftauchen, um mit zu arbeiten (ebenso auf dem Longo mai Weingut in Südfrankreich) und zum anderen ein fahrender Schauspieler aus Dresden, der mit einigen Longo mai Leuten an dem Wochenende gerade ein Stück in der Fußgängerzone von Rostock sowie auf der Mole in Warnemünde aufführte, wobei die Mitwirkenden in lauter unverständlichen Sprachen auf die Passanten einwirkten.

Andere Kommunarden befanden sich zur gleichen Zeit auf dem Weg nach Berlin, wo sie die Fleischbestellungen an ihre Kunden auslieferten. Das auf dem Hof angebaute Obst und Gemüse sowie auch ihr selbstproduzierter Käse und das Brot dient einstweilen noch der Eigenversorgung. Auf der Fachmesse “Fruit logistica”, die vom 4. bis 7. Februar in Berlin stattfand und wo sich alle großen Gemüseanbauer aus Spanien und Holland ein Stelldichein gaben, zeigten einige Longo mai-Leute ebenfalls Präsenz – um zu protestierten. Denn dort war auch der Bürgermeister des andalusischen Gemüseproduktionsortes El Ejido anwesend, der vor drei Jahren ein Pogrom gegen marokkanische Gastarbeiter anführte, die gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in seinem Dorf aufbegehrt hatten. Die Longo mai -Leute hatten kurz darauf eine Kommission dorthin geschickt, die anschließend eine Broschüre über die Situation in El Ejido zusammengestellt hatte.”

Zuletzt habe ich für meine Kolchose noch diesen Hüte-Wanderpokal geholt.

Anschließend besuchte ich auch noch einen Woll-Verarbeitungsbetrieb an der Elbe. Über dieses Unternehmen hatte zuvor bereits die taz berichtet – und zwar im Zusammenhang der Weihnachtsgans “Doretta”, der Bundeskanzler Schröder das Leben gerettet hatte. Sie lebte laut taz auf dem “kleinen Bio-Hof von Horst Möhring, dem man im Jahr darauf einen Naturschutzpreis verlieh” und der nun “mehr Gänse denn je schlachtet”. Horst Möhring kannte ich seit der Wende – und den Preis hatte er auch verdient. Nur war sein “kleiner Biohof in Lenzen” eine riesige LPG – und er dort bis zur Wende der Vorsitzende:

Er schaffte es, sämtliche Mitarbeiter, ausgenommen die Vorruheständler, weiterzubeschäftigen: 300 Leute insgesamt: fast 80 Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter der Großgemeinde Lenzen/Elbe in der Westprignitz. Seine Kolchose heißt nun GWL: Gesellschaft zur Wirtschaftsförderung, Qualifizierung und Beschäftigung mbH. Über eine Holding werden 4.700 Hektar bewirtschaftet – davon 52 Prozent in zwei Landschaftspflegebetrieben, 500 Hektar mit einem Rinderzuchtbetrieb, der unter anderem Alete mit Bio-Rindfleisch beliefert, und 1.024 Hektar mit einem Marktfruchtbetrieb. Über 2.000 Hektar sind auf “Bioland” umgestellt worden, dessen Produkte, u.a. Wurstwaren und Säfte, über die Marke “Biogarten” vermarktet werden. In allen Bereichen wird experimentiert und ferner mit universitären Forschungseinrichtungen in Süddeutschland, Belgien und Holland zusammengearbeitet.

Daneben werden auch noch Arzneipflanzen und Färbepflanzen angebaut, letztere benötigt die GWL-Filzmanufaktur, in der sieben Frauen beschäftigt sind: Sie verarbeiten die Wolle der GWL-eigenen Schafherde. Die Blumen des Naturlehrgartens dienen wiederum einigen Floristinnen der GWL zur Herstellung von direkt vermarkteten “floristischen Objekten” (Flobs). Demnächst sollen noch einige Hanffelder hinzukommen – und vielleicht sogar eine Zellstofffabrik in Wittenberge. Horst Möhring meint, er vermisse die “Visionen” beim heutigen Wirtschaften. Mehrmals lud er als GWL-Geschäftsführer die Leute des Berliner “Hanfhauses” zum Brainstorming ein (einer von denen, Broeckers, ist jetzt taz-online-blogwart).

Ich hatte bis dahin – in völlig anderer Wahrnehmung als beispielsweise die vielen Westjournalisten, die über LPGen berichten – schon viele interessante Nach-Wende-Kolchosen besucht, erwähnt seien die in Glasin, Golzow und Schmachtenhagen. Aber die GLW in Lenzen erwies sich als eine absolute Idylle – wahrscheinlich noch mehr als zu sozialistischen Zeiten: Das machte sie nun noch gemütlicher (ganz in nächster Nähe der absterbenden Stadt Wittenberge)! Die LPGen hatten in der Umwandlungszeit von der CDU/ CSU über den Bauernverband bis zum letzten holländischen Bauern und dem allerletzten schwäbischen Rechtsanwalt so ziemlich alle gegen sich gehabt. Die meisten waren dabei auf der Strecke geblieben, einige nur, weil sie wie gelähmt waren – als selbst ihr eigener Verband und die Bauernpartei zum Feind (d.h.”Partner”) überliefen. Die GLW Lenzen hat – jetzt noch mehr als früher – kaum etwas mit den agrarischen “Lebensmodellen” in Westdeutschland gemeinsam. Ihre Standorte sind über einige Dörfer verteilt, deswegen gibt es mehrere Kantinen. Auf allen Tischen lagen Adventskränze – angefertigt von den GLW-Floristinnen. Als Adventskranz-Verächter fiel mir dies sofort auf.

Die vier Frauen hatten ihre Arbeitsplätze im GLW-Lehrlingswohnheim am Rudower See und machten gerade eine Kaffeepause mit dem Leiter des Naturlehrgartens. Dieser verarbeitet die Pflanzen auch noch zu Ölen und Kräuterlikören weiter. Mehrmals wurde ich zum Kosten der letzteren animiert, schließlich deckte ich mich mit einem ganzen Vorrat ein. Ohnehin leben die Floristinnen ebenso wie auch die Filzfabrik-Frauen vom Direktverkauf. Insbesondere die Filzprodukte – das reicht vom Pantoffel über Oberröcke und wunderschöne Damenhüte bis zum Wandteppich – würden über den Zwischenhandel zu teuer. Die Manufaktur wurde 1992 mit einem “internationalen Filzsymposium” eröffnet, an dem Filzkünstler aus Schweden, Norwegen, England, Italien, Dänemark, USA, Kanada und Deutschland teilnahmen. Und auch heute noch sind dort “der Phantasie der Frauen keine Grenzen gesetzt”, wie mir die Leiterin erklärte.

Eher der Phantasie der Männer ist dagegen der neue “Unternehmensverbund” der Agrar-Holding Lenzen geschuldet: Er besteht derzeit aus sieben GmbHs und eine AG sowie aus zehn “Interessensverbänden” in Form eingetragener Vereine, die in einem Zusammenspiel stehen mit diversen Institutionen – wie Landkreis, Naturwacht, Amt für ländliche Entwicklung und Biosphärenreservat, um nur einige zu nennen. Der allen gemeinsame Wirkungsraum ist die “elbnahe Region Lenzen/Lanz”. Und der “Unternehmensverbund” bietet dafür laut Prospekt die notwendige “ländliche Vielfalt unter einem Dach”. Er hat weltweite Kontakte geknüpft – bis hin zu einer kleinen Filzfabrik in der Wüste Gobi, die elf alleinerziehende Frauen als eine Genossenschaft betreiben – mit theoretischer und praktischer Unterstützung der deutschen Entwicklungshilfe.

An dieser Stelle, wo jetzt der Heldenfriedhof ist, befand sich bis 44 die Schaf-Verladestation.

2007 erschien ein Buch über einen österreichischen Schäfer, der eine zeitlang in der Landwirtschaftskommune Longo mai mitarbeitete – von einem US-Autor: “Meine Österreich-Nummer,” so nannte der junge New Yorker Journalist Sam Apple seine Recherche über einen kommunistischen Wanderschäfer in den Alpen, der jiddische Lieder singt, dazu Schafsdias zeigt und der Meinung ist, sein Gesang sei für die Schafe wichtig.

Der Autor wollte darüberhinaus auch noch etwas über den Antisemitismus in Österreich erfahren, aber erst einmal steckte er “knieftief in der Schafscheiße”, nachdem er sich dem Schäfer – Hans Breuer – als “Lämmertreiber” angedient hatte, während dieser mit seiner Herde über die Berge zog – in der einen Hand einen Hirtenstab in der anderen sein Handy: “Hans sagt, das Handy habe sein Leben völlig verändert, weil er sich so bereits von unterwegs mit Freunden kurzschließen und sich einen Platz zum Übernachten sichern kann.”

Der Schäfer Hans Breuer stammt aus einem kommunistischen Elternhaus, die Mutter wurde von der Gestapo verhaftet und gefoltert. Er meint: “In diesem Land aufzuwachsen war für mich immer, als lebte ich unter Feinden.” 1968 schloß er sich dem “Kampfbund der Jugend – Spartakus” an. 1972 war er in Basel, auf dem Gründungskongreß der “Europäischen Pioniersiedlungen” dabei – und ging dann auch mit auf das fanzösische Hochplateau Larzac: “Wir wollten in diesen Gebieten etwas anfangen, aber nicht als ‘Rückzug in die Natur’, sondern als selbstverwaltete und -gestaltete Orte, wo man überleben kann, nicht abhängig von einem Chef ist und sich seine eigene Lebensbasis schafft”. 1973 erwarben die Kommunarden dafür 300 Hektar in der Provence, auf denen sie eine Siedlung errichteten, die sie “Longo Mai” nannten.

Hans Breuer geriet dort jedoch schon bald mit dem Oberkommunarden Remi aneinander, der nicht zuließ, dass Hans die Führung der Longo-Mai-Schafherde übernahm. Er verließ die Kommune – und machte sich, zurück in Österreich, als Wanderschäfer selbständig, nachdem er sich erst in der Allgäuer Landkommune Finkhof fortgebildet und dann eine Familie gegründet hatte, die ihm fortan beim Hüten half.

Rückblickend meint der ehemalige Longo-Mai-Hilfsschäfer Hans Breuer: “Alles was ich heute tue – alle meine Ideen sind dort entstanden. Heute muß ich mühsam nach Leuten suchen, die mit mir singen. Dort mußte ich einfach nur ein Lied anstimmen, und sofort sangen ein paar Leute mit.” Er behauptet: “Unsere nationale Kultur wurde von den Nazis zerstört. Nicht nur in den Bergen, sondern überall. Nur die Erzkonservativen können die alten Lieder noch singen.” Die Nichtaufarbeitung der Vergangenheit führte seiner Meinung nach dazu, dass in der heutigen dritten Generation fast jede Familie von den Nazigreuel betroffen ist: “Es ist genau wie mit der Huffäule. Erst wird ein Schaf krank, und schon hat sich die ganze Herde angesteckt.” Hans Breuer vermarktet seine Lämmer und Schafe ähnlich wie der Hof Ulenkrug in Mecklenburg direkt: “Ich will, dass meine Kunden auch meine Freunde werden, dass wir Ideen austauschen, zusammen essen und vielleicht auch mal zusammen singen., Ich will mein Fleisch nicht an Faschisten verkaufen.” Am “Schnittpunkt zwischen Schafehüten und Singen” hat er darüberhinaus die Erfahrung gemacht, dass mit den Armen besser als mit den Reichen Kirschen essen ist: “Wenn ich mit den Schafen unterwegs bin, sind es oft gerade die armen Bauern, die mir helfen und mir etwas Gutes zu essen hinstellen.”

Sein jüdisch-amerikanischer Biograph Sam Apple unternimmt zwischendurch immer mal wieder Ausflüge in Landgasthäuser – auf der Suche nach dem in Österreich immer noch herrschenden Antisemitismus, dabei wird ihm jedoch irgendwann klar, 1. dass er “die Antisemiten genauso brauchte, wie sie ihn” und 2., dass seine “Österreich-Nummer im Grunde planlos war”. Er fliegt erst einmal zurück nach New York, aber im Sommer darauf besucht er den Wanderschäfer, der sich gerade auf einer Alm befindet, erneut, um seine Recherche abzuschließen – außerdem will er Hans Breuer seine neue Freundin Jennifer vorstellen. Umgekehrt erfährt er von Hans, dass dieser die “emotionale Trennung”, die seine Frau Bea durchgesetzt hatte, immer besser verkraftet – die beiden hüten nach wie vor ihre Herde gemeinsam.

„Das schönste Standbild des Menschen wäre ein Pferd, wenn es ihn abgeworfen hätte,“ hat Elias Canetti einmal gesagt, ich fände ein Schaf, das seinen Scherer reißt, eigentlich noch schöner. Aber das muß unter uns bleiben, sonst bekomme ich noch Ärger mit meinem VDL.

1974 kam der australische Film „Männer ohne Sonntag“ in die deutschen Kinos: ein „semidokumentarischer Film über das harte Leben australischer Schafscherer und ihre Wettkämpfe um den Titel des Besten; in Australien preisgekrönte Milieustudie mit Abenteuersequenzen“, schrieb der Filmverleih.

2009 demonstrierten Tierschützer in Berlin teilweise nackt vor der australischen Botschaft – mit dem Slogan „Australia tortures sheeps“. Siehe dazu das Photo auf der blog-seite: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/04/16/angst_essen_faulheit_auffordern_und_foerdern/

2010 ging die Meldung durch die Presse:  „Bisher war es ein aufwendige Prozedur, die Schafzüchter alljährlich durchführen mussten: Schaf um Schaf von Hand von seiner Wolle befreien. Gut, dass eine neue Züchtung da jetzt Abhilfe schafft.

Britische Schafzüchter haben eine neue Schafrasse gezüchtet, die ihr Fell selbständig verliert. Die neue Rasse heisst Exlana, was soviel wie „ehemals wollig“ bedeutet und soll Schafzüchtern zukünftig das Leben ein wenig Erleichtern.

“Die normalen, wolligen Schafe haben uns im Frühling sehr viel Zeit zum Scheren gekostet. Aber der Preis für Wolle ist in der letzten Zeit so stark gesunken, dass es sich nicht mehr lohnt. Das Scheren wurde so nach und nach zu einem Ärgernis.“, sagte Schafzüchter Peter Baber, der sich auf die Zucht dieser neuen Rasse Schafsart spezialisiert.

Laut Angaben von Dnews.de spart der Farmer pro Saison ca. 9 Euro an jedem Schaf, die für Scherkosten anfallen würden. Die Haare dieser neuen Rasse fallen nach und nach von alleine aus und können abgekämmt und aufgelesen werden. Eine manuelle Scherung ist nicht nötig. Besonders bei großen Herden kann der Farmer so leicht einige 1000 Euro einsparen.“ (Dieses Zitat entnahm ich dem „statusreport.de“: http://www.raphaelebler.de/dsr/?p=4347

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/01/17/schafe_aufzeigen_19/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Der Literaturwissenschaftler Philipp Goll hat gerade in Warschau den Stadtführer Boris Sieverts interviewt, der seine „Schäfchen“ hinter die Touristen-Kulissen der Stadt führt. Statt „Schauseiten“, die er „Sonderfunktionen“ nennt, zeigt er ihnen das Alltägliche – den „Normalfall“

    Goll fragt in dem Interview:

    Woher kommt es, dass diesem „Normalfall“ so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird?

    Boris Sieverts antwortete ihm darauf:

    Das hat viel mit unserem Blick zu tun, der häufig gar kein Blick ist, sondern ein Reproduzieren von Bildern im Kopf, also eher eine Gedächtnis- und Sehnsuchtsleistung als ein echtes Hinschauen in einer gegenwärtigen Situation.

    Mein Blick wurde unter anderem durch meine Arbeit als Schäfer geprägt. Als Schäfer halten Sie sich so lange, ausdauernd und wiederkehrend an Orten auf, für die es keine Bildschablonen gibt, daß sie irgendwann zwangsläufig anfangen, die Dinge neu zu sehen. Wir hüteten damals in Frankreich längs einer Nationalstraße.

    Da gibt es eine stark autobezogene Infrastruktur, mit Raststätten, Supermärkten und großen Parkplätzen. Dazwischen sind viele aufgegebene landwirtschaftliche Flächen. Wir haben die Schafe z. B. auf den Grünflächen zwischen Baumarkt und Raststätte gehütet. Von der Straße aus sind das ja nicht mehr als Systemelemente, aber wenn man sie nun von hinten sieht, so wie wir mit den Schafen dorthin gekommen sind, ist das auf einmal eine Blechbox in der Landschaft und nicht mehr ein Systemelement.

    Zwar ein a-historischer, aber ein Teil der Landschaft. So eine Blechbox wird auf einmal zu einer Erscheinung. Und darum geht es mir eigentlich immer. Die Dinge als Erscheinung erfahrbar zu machen. Deswegen sind mir auch die Informationen zu einem Objekt erstmal gar nicht so wichtig, sondern die Situation, in der es steht.

    Philipp Goll:

    Diese Konzentrierung auf die Situation war auch ein wichtiges Merkmal der Situationisten, einer Gruppe von Künstlern und Architekten, die in den 1960er Jahren das Bewusstseinsmuster der Städtebewohner zu sprengen versuchte. Damit versuchten sie eine andere Städteerfahrung möglich zu machen. Siehst Du dich in dieser Tradition?

    Boris Sieverts:

    Auch. Situation ist ein wichtiges Stichwort. Ich führe ja nicht durch Orte, sondern letztendlich durch Situationen. Ich führe auch nicht zu Häusern oder Objekten, sondern es geht mir immer um die Situation. Es geht mir auch eher um die Energie als um die Inhalte.

    (Das vollständige Interview findet man demnächst in der taz abgedruckt.)

  • Ergänzend zu den Bemerkungen über den „Schafskrimi“ von Leonie Swann sei noch erwähnt, dass es auch einen „Hundkrimi“ gibt – „Kynopolis“ von der Kimiautorin Christine Lehmann, 1994 veröffentlicht. Auch in ihren neueren Stuttgarter „Regionalkrimis“ mit der Journalistin Lisa Nerz als Hauptperson kommt stets mindestens ein Hund vor, der Dackel von Lisa Nerz, er spielt jedoch bei der Ermittlungsarbeit keine große Rolle mehr.

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