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vonHelmut Höge 20.01.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„Wer Countrymusic spielen will, muß eine Menge Mist gerochen haben.“ (Hank Williams)

– „Als Portugal Mitglied der Europäischen Union wurde, konnten die Bauern nicht mehr mithalten – auch weil durch das Erbrecht ihr Land immer kleiner wurde. Viele junge Menschen verließen die Höfe und suchten in den Städten Arbeit und Auskommen. Seit einiger Zeit besinnen sich viele Portugiesen ihrer ländlichen Wurzeln und kehren als Biobauern aufs Land zurück.“ (Deutschlandradio Kultur)

– Ähnliches gilt für Polen, wo man beim Aushandeln der Agrarsubventionen der EU große Agrarbetriebe – von denen nicht wenige inzwischen in ausländischer Hand sind – bevorzugte, um sie wettbewerbsfähig zu machen, gleichzeitig sollte damit bewirkt werden, dass von 4 Millionen polnischen Kleinbauern etwa die Hälfte aufgibt – und als Arbeiter sein Auskommen sucht.

Das geschah auch bereits, wobei viele Polen als Erntehelfer bzw. Saisonarbeiter in englischen, irischen, deutschen und holländischen Agrarbetrieben Arbeit fanden. Damit war es jedoch wegen der Finanzkrise 2008/09 vorbei – tausende von Polen kehrten nach Hause zurück.

Auch in Frankreich ist der eigentlich zum Aussterben verurteilte Bauernstand wieder am Erstarken: José Bové, der französische Bauer und Vorkämpfer gegen den Agrar-„Produktionismus“ und für die Montréal-Idee „Lokal denken – global handeln“ fordert: „Forscher, kommt raus aus euren Labors!“ Nur verrückte Menschen machen die Rinder wahnsinnig.“ Es geht ihm vor allem um eine Neudefinition des Bauernberufs. Außerdem muß der Zugang zu Land vom Eigentum abgekoppelt werden – z.B. so wie auf dem Larzac. Immer mehr Jugendliche aus der Stadt besuchen Landwirtschaftsschulen: „Die Klassen sind voll! Der wichtigste Beweggrund, warum sich heute Menschen auf dem Land niederlassen und Bauer werden, ist das Bedürfnis nach anderen sozialen und zwischenmenschlichen Beziehungen.“

In Deutschland erfreut sich das freiwillige ökologische Jahr, das vor allem Mädchen gerne auf dem Land ableisten, immer noch großer Beliebtheit. Und was in Frankreich José Bové ist in Deutschland Onno Poppinga, der sich ebenfalls für ein Stärkung des Kleinbauerntums einsetzt – u.a. im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und dessen Zeitung „unabhängige Bauernstimme“. Letztere interviewte ihn kürzlich:

BAUERNSTIMME: Herr Poppinga, warum Professor und nicht Bauer?

ONNO POPPINGA: Ich komme aus einer Familie, die einen Pachthof in Ostfriesland hatte. Den Pachthof hat mein älterer Bruder übernommen. Da war klar, ich habe keinen Hof zu erwarten, weshalb ich Landwirtschaft studiert habe. Nachdem ich die Professorenstelle in Kassel bekommen hatte, habe ich gemeinsam mit meiner Familie einen kleinen Nebenerwerbsbetrieb in Holzhausen aufgebaut.

BAUERNSTIMME: Die Verknüpfung von Wissenschaft und dem Beruf des Bauern ist ein großer Spagat.

ONNO POPPINGA: Es ist ein Spagat, ja. Aber meine Güte, wenn du ein bisschen trainiert bist, ist Spagat keine schwierige Aufgabe. Das hat ja jeder Bauer in seinem Betrieb auch drin, wenn er nicht nur auf eine einzige Tätigkeit spezialisiert ist. Er muss immer Dinge miteinander verknüpfen, wenn er sie begreifen will. Also wie soll ich denn als Jemand, der Agrarpolitik unterrichtet, zu sinnvollen Fragen kommen, wenn ich keinen praktischen Bezug zur Landwirtschaft habe?

BAUERNSTIMME: Sie sind einer der Gründerväter der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Werden Sie sich im Ruhestand wieder mehr bei der AbL engagieren?

ONNO POPPINGA: Die Verbindung mit der AbL ist mir immer unheimlich wichtig gewesen. Es gab und gibt immer eine enge Verbindung. Auch zwischen dem, was ich an Fragestellungen hier an der Uni bearbeitet habe und den Themen der AbL. Wir haben viele gemeinsame Projekte entwickelt und publiziert. Es gab eine Zeit, wo ich eher Distanz entwickelt habe. Das war, als die AbL sich viel zu sehr auf die Politik von Frau Künast und die Grünen eingelassen hat. Jetzt sehe ich aber bei der AbL eine gewisse Besinnung zurück zu den Wurzeln. Es wird wieder eher unabhängig von parteipolitischen Bindungen geschaut und Stellung genommen. Ich fühle ich mich jetzt wieder näher bei der AbL als in der Zeit, in der Frau Künast Ministerin war.

BAUERNSTIMME: Was bedeutet es für die Universität, wenn Ihr Arbeitsschwerpunkt jetzt wegfällt?

ONNO POPPINGA: Wir haben immer gehofft, dass der Fachbereich ökologische Landwirtschaft selbst ein Interesse daran entwickelt, dass diese Arbeit weitergeführt wird. Der Fachbereich hat diesbezüglich aber nie etwas unternommen. Gleichwohl ist es für mich jetzt ein ausgesprochen großes Vergnügen zu sehen, dass jetzt eine Gruppe von Studierenden diese Frage an den Fachbereich heranträgt, weil die ökologische Landwirtschaft in besonderer Weise von agrarpolitischen Entscheidungen abhängig ist. Zumindest in Teilen haben die Professoren des Fachbereichs positiv reagiert. Und ich hoffe, dass dann wieder eine Stelle entsteht, die sich mit kritischer Agrarpolitik beschäftigt.

BAUERNSTIMME: Was war das Besondere an Ihrer Lehre?

ONNO POPPINGA: Unsere Absicht war es immer, die Frage aufzuwerfen, wie selbstkritisch ist eigentlich Wissenschaft? Das ist sie nämlich äußerst wenig. Eine ganz zentrale Arbeitsweise war es deshalb immer, und das versuche ich auch immer den Studenten bei zu bringen: Glaubt nicht alles, was im Lehrbuch steht! Überlegt, ob das sein kann. Und wenn ihr Widersprüche seht, meint nicht immer nur, ihr habt was Falsches gesehen. Es kann auch sein, dass der Andere was Dummes erzählt hat. Dafür gibt es auch einen bewährten, guten wissenschaftlichen Ausdruck: Quellenkritik. Arbeite quellenkritisch! Prüfe!

…….

Während es also in Portugal und anderswo darum geht: „Ich war Bauer und möchte es wieder werden“, wird in der Städtischen Galerie Nordhorn noch bis zum 7. Februar 2009 eine Ausstellung von Antje Schiffers und Thomas Sprenger gezeigt, die den Titel hat: „Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben“.

Im taz-Café findet morgen eine Veranstaltung statt, die sich mit einem ähnlichen Thema befaßt. In der Ankündigung heißt es: „Als flankierende Maßnahme zur Grünen Woche 2010 liest der Biobauer Matthias Stührwoldt „Hofgeschichten“ aus seinen Büchern vor und die Funktionsband Pop Metzger kommt uns mit Liedern aus ihrem Agrar-Repertoire: im taz-café, Rudi-Dutschke-Straße 23-25, am Do., 21.Januar um 20 Uhr.

Über die diesjährige Grüne Woche ist bisher nur so viel zu sagen – zitiert aus der bbv kreiszeitung  warendorf/sassenberg:

Auf Einladung der Landwirtschaftlichen Ortsverbände Sassenberg, Füchtorf und Velsen fand eine dreitägige Fahrt zur Grünen Woche nach Berlin statt. Die Reiseleitung hatten Hubert Schulze Roberg und Ludwig Heseker übernommen, sie konnten 54 Berlinfahrer begrüßen. Der Besuch der Grünen Woche war für alle ein kurzweiliges und abwechslungsreiches Erlebnis.
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