Kambodscha – Same Same But Different

Hier ein kleiner Hintergrund-Text zu Detlef Bucks neuem Film, der wahrscheinlich und leider wieder eine Schmonzette ist. Wikipedia faßt den Filmfilm folgendermaßen zusammen:

„‚Same Same But Different‘ spielt in Kambodscha. Benjamin, ein deutscher Abiturient, befindet sich als Rucksacktourist auf seiner ersten großen Reise. In einer Diskothek in Pnom Penh lernt er die junge Einheimische Sreykeo kennen, in die er sich verliebt. Obgleich sich herausstellt, dass Sreykeo als Prostituierte arbeitet und HIV-positiv ist, entscheidet sich Ben für diese Liebe.“

In der taz schreibt Tilman Baumgärtel heute – live aus Pnom Penh sozusagen, wo der Film Premiere hatte:

Einige der kambodschanischen Statisten, mit denen Detlev Buck „Same Same But Different“ gedreht hat, sind Studenten am Department of Media and Communication an der Königlichen Universität von Phnom Penh, wo ich zurzeit unterrichte. Eine Woche nach der Premiere im Cine Lux sitzen wir im Seminarraum und diskutieren über den Film. Besonders begeistert ist keiner der Studenten. Vor allem die Tatsache, dass die weibliche Hauptrolle – ein Bargirl, in das sich ein deutscher Rucksacktourist verliebt – von der Thailänderin Apinya Sakuljaroensuk gespielt wird, hat alle geärgert. Viele Kambodschaner pflegen eine tiefsitzende Abneigung gegen das weitaus höher entwickelte Nachbarland.

Eine Studentin sagt: „Sie sieht überhaupt nicht aus wie eine Kambodschanerin. Für Deutschland mag das gut genug sein, aber in Kambodscha glaubt ihr keiner die Rolle.“ Und in den wenigen Szenen im Film, in denen sie nicht Pidgin-English, sondern Khmer spricht, das sie beim Dreh von großen Zetteln hinter der Kamera ablas, „versteht man sie überhaupt nicht“. Dazu passt dann auch, dass der Titel des Films eine Redensart aus dem Tinglish oder Thai-Englisch ist.

Anders als in anderen Ländern Asiens hält man sich in Kambodscha nicht lange mit Höflichkeitsfloskeln auf. Meinungsäußerungen haben hier den Vorteil der Klarheit. „Ich verstehe nicht, warum die Ausländer immer nur die negativen Sachen von Kambodscha zeigen“, sagt ein Student. „Es gibt doch hier auch schöne Sachen.“

Dass die Szenen, die in den Straßen Phnom Penhs voller Gewimmel, Verkehrschaos und Kindern in Pyjamas gedreht wurden, authentisch wirken, bestreitet keiner. Auch das Apartmentgebäude, das im Lokaljargon La Building heißt und in dem Sreykeo mit ihrer Familie lebte, „sieht wirklich so aus“, sagt ein Student. Anerkannt wird, dass Buck an Originalschauplätzen gedreht hat und kleinere Rollen mit lokalen Schauspielern und Laien besetzt hat. Aber trotzdem: „Es gibt in Kambodscha auch noch andere Geschichten als die über Armut und Prostitution.“

Und dann ist da noch Detlev Bucks lakonischer Stil, der einem Bedürfnis nach Drama widerspricht: „Das ist so wie in diesen französischen Filmen“, sagt ein Student. „Es wird viel geredet, aber es passiert nicht so besonders viel.“

Chivoin Peou, der an der Universität Medientheorie unterrichtet, findet den Film „für Kambodschaner desorientierend. Da kommen so viele Sache zusammen, einige aus der Gegenwart, andere, die schon lange Vergangenheit sind.“ Besonders missfällt ihm eine Szene, in der die deutschen Touristen mit Panzerfäusten aus der Bürgerkriegszeit herumschießen: „Diese Wildnis mit Landminen und Herumballern ist für mich ein imaginärer Abenteuerspielplatz für den weißen Mann.“

Beim Stichwort „Kambodscha“ fällt den meisten westlichen Journalisten und auch Filmrezensenten sofort „Pol Pot“ ein sowie die von den Amis so genannten „Killing Fields“. Man muß jedoch „Den Dschungel als Ganzes“ sehen. Dazu Näheres:

1.Ist Pol Pots maoistisch-geführte Guerilla gescheitert oder nur gescheit geworden?

Pol Pots Grab bei Anlong Veng ist inzwischen zu einer Pilgerstätte für glückspielende Kambodschaner geworden: Sie erbeten sich dort von seiner Seele die Gewinnzahlen für Lotto und Roulette, die er ihnen dann später im Traum durchsagt. Während der ehemalige buddhistische Mönch und Lehrer, der am Königshof von Pnom Penh aufwuchs und dann in Paris studierte, noch heute von vielen Kambodschanern als sanft und weise und somit als herausragender Lehrmeister geschildert wird, rangiert der selbe Pol Pot im Westen als halbgebildeter Massenmörder gleich hinter Adolf Hitler und Josef Stalin, weil er, nachdem 1975 seine Partisanen Pnom Phen eingenommen hatten, mit einem brutalen „Steinzeitkommunismus“ fast ein Drittel des eigenen Volkes in „Killing Fields“ vernichtete bzw. vernutzte. – Bis vietnamesische Interventionstruppen 1978/79 zusammen mit kambodschanischen Überläufern seine Roten Khmer-Truppen wieder in den Untergrund, d.h. in den Dschungel zurücktrieben… Kamboscha und die Killing Fields – das ist inzwischen fast zu einem Synonym geworden.

Die UNO, die mit einer eigenen Organisation, der Untac (Transitional Authority in Cambodia), und mehreren Milliarden Dollar das Land seit dem Rückzug der vietnamesischen Interventionstruppen 1992/93 „demokratisiert“, möchte die noch lebenden Kampfgefährten Pol Pots vor ein internationales Gericht bringen. Die demokratisch gewählte kambodschanische Regierung, die zur Hälfte selbst aus abtrünnigen Roten Khmer besteht und 1994 Pol Pots Partei für illegal erklärte, will jedoch vor ihren eigenen Gerichten nur einige wenige anklagen: „Um den Frieden im Land nicht zu gefährden“, wie der anscheinend unsterbliche König Sihanouk erklärte, der schon mit allen Machthabern bzw. -fraktionen innerhalb und außerhalb Kambodschas paktierte: mit den Franzosen, den Amerikanern, den Vietnamesen, den Chinesen, den Roten, Weißen, Blauen und Hellroten Khmer…

Unterdes wurden die „Killing Fields“ von Exhuminierungs-Teams aus aller Welt besucht und hunderte von NGOs überzogen das Land, die wiederum einheimische Partner-Organisationen sponserten, so daß es in Kambodscha heute überall englischnamige Menschenrechts-Gruppen und Genozid-Forschungseinrichtungen gibt, nicht zu vergessen die vielen archäologischen Ausgrabungsteams und politisch korrekten Ökologie-Initiativen, besonders in der Mekong-Region und in Pnom Penh. Ein Leipziger namens Krishers gibt dort zusammen mit einigen Amerikanern sogar eine Zeitung für die „neue Meinungselite“, den „Cambodia Daily“ heraus.

In der „Guerillahochburg“ Phnom Malai und in der Stadt Pailin, für das sie eine begrenzte Autonomie aushandeln konnten, sind die Roten Khmer dagegen noch fast ungebrochen an der Macht. Dort an der Nordwestgrenze zu Thailand errichteten sie seit 1989 ein Spielcasino nach dem anderen – für reiche Ausländer, vornehmlich Thais. Die einheimische Bevölkerung lobt sie als nicht-korrupte Verwaltungs- und Ordnungshüter. Die Transformation einer Disziplinar- in eine Kontrollgesellschaft bedeutete hier mithin die Umwandlung eines auf Zwangsarbeit beruhenden Bauernkommunismus zum Dienstleistungs-Gewerbepark einer Freizeitgesellschaft, so daß der US-Khmerforscher David P.Chandler bereits mutmaßte: „Die Roten Khmer sterben nie aus. Sie machen immer weiter – nur in einer anderen Art und Weise“. Um so mehr stellt sich heute jedem „Cambodia-Watcher“ die Frage: Wie konnte das geschehen?

Während z.B. der Korrespondent von Le Monde Diplomatique in Pnom Phen, Marc Jennar, das buddhistische Prinzip des „Karma“ bemüht, welches in Kambodscha das Prinzip der Verantwortung überlagere, wobei niemand über einen anderen richten dürfe, „denn für jeden vollzieht sich nur ein Schicksal, das durch sein früheres Leben vorbestimmt ist“, meint Nayan Chanda, Chefredakteur der Far Eastern Economic Review, bloß lapidar: „Wir werden es nie begreifen!“ Als langjähriger Indochinakorrespondent hatte er aber noch 1979, kurz nach dem vietnamesischen Einmarsch in Kambodscha und dem darauffolgenden chinesischen Einmarsch in Vietnam (Erziehungsfeldzug genannt) die „Gesichtsverluste“ von Chinas Parteichef Deng, Prinz Sihanouk, Pol Pot und den von Moskau unterstützten Vietnamesen peinlich genau gegeneinander abgewogen. Das bewog wiederum die maoistische Westberliner KPD-Zeitschrift „Befreiung“, seinen Text nachzudrucken, um sich damit größere Klarheit über die ineinander verknäulten Befreiungskämpfe in Südostasien zu verschaffen. Die KPD(AO) war ein Jahr zuvor ebenso wie der Kommunistische Bund Westdeutschlands (KBW) und der schwedische Fernsehjournalist Jan Myrdal von den Roten Khmer nach Pnom Phen eingeladen worden. Auf Rat chinesischer Genossen blieben sie jedoch zu Hause, während der KBW eine Delegation schickte, wofür die inzwischen längst aufgelöste Organisation sich dann immer wieder rechtfertigen mußte. Noch Anfang Juli 2001 warf ihnen die taz „Glorifizierung eines Terrorregimes“ vor. Einige leitende Kader sowohl aus dem KBW als auch aus der KPD arbeiten heute im Planungsstab des deutschen Außenministeriums.

Jan Myrdal durfte seinerzeit während seines Kambodscha-Besuchs Pol Pot persönlich interviewen. Der „Brother Nomber One“, wie Pol Pot auch genannt wurde, hob ihm gegenüber besonders die Siege der Roten Khmer „über sämtliche Formen und Aktionen von Einmischung, Sabotage, Putschversuchen und Aggressionen unserer Feinde aller Couleur“ hervor. Ähnlich umzingelt – nicht von sozialen Problemen, sondern von asozialen Gegnern – fühlte sich auch der Pariser Studienkollege und Schwager von Pol Pot – Brother Nomber Two: Ieng Sary, als er damals in sein Tagebuch notierte: „Die Feinde sind in unserem Körper, im Militär, unter den Arbeitern, in den Genossenschaften und selbst in unseren Reihen“. In den Gefängnissen und Verhörzentren des Landes starben denn auch bald vornehmlich Parteimitglieder und Armeeangehörige. 1996 will Ieng Sary jedoch, als er mit seiner Fraktion der Roten Khmer aus dem Untergrund hervorkommt, um sich an den Wahlen zu beteiligen und deswegen der internationalen Presse Interviews gibt, von der Existenz – insbesondere des Vernichtungslagers Tuol Sleng – nichts gewußt haben: der Sicherheitsdienst hielt es selbst vor dem Zentralkomittee geheim. Außerdem will er Pol Pot stets widersprochen haben: „Ich habe mich z.B. gegen die Abschaffung des Geldes gewandt. Ohne Geld kann man doch keine Wirtschaft entwickeln.“ Aber Pol Pot habe ja nicht auf ihn gehört. Dann habe er auch noch die Schwester seiner Frau sehr schlecht behandelt: „Er verstieß sie 1970. Sie lebt jetzt bei uns in Phnom Malai. Sie hat den Verstand verloren“. Und sowieso kämpfe Pol Pot mit den ihm verbliebenen 3000 Soldaten weiterhin für den Kommunismus, während er, Ieng Sary, „immer nur Kommunist um der Nation willen war“. Auf den Vorwurf, daß seine Partisanen heute vom Schmuggel mit Edelholz und Edelsteinen leben, entgegnete er: „Damit haben meine Frau und ich nichts zu tun. Diese Einnahmen gingen alle an Pol Pot. Seine Fraktion verfügt über 10 Mio Dollar. Wir in Pnom Malai sind sehr arm. Wir sind sauber. Die einzige Hilfe, die wir vom Hauptquartier erhalten haben, war das Geld für meine Herzoperation in Bangkok“.

Angeblich sollen Ieng Sarys 8000 Kämpfer sich auf dem internationalen Markt als Söldner verdingen – u.a. bei der Sicherheitsfirma des ehemaligen belgischen Söldnerführers Christian Tavernier, der – vornehmlich für afrikanische Staatspräsidenten – ein ganzes „Khmer-Bataillon“ im Angebot hat. Außerdem sollen sie noch ihnen von China einst gelieferte Waffen an die Tamilen-Rebellen verkauft haben. Nachdem König Sihanouk Ende 1996 Ieng Sary amnestiert hatte, wurde die Hälfte seiner Truppe – 4000 Soldaten – in die kambodschanische Regierungsarmee übernommen. Als man dem Ministerpräsidenten Hun Sen, ebenfalls ein ehemaliger Kämpfer der Roten Khmer, der dann zu den Vietnamesen übergelaufen war, daraufhin vorwarf, „Moral und Gerechtigkeit“ beiseite gewischt zu haben, entgegnete er: „Sary durfte dreimal vor der UNO-Vollversammlung sprechen…Mit der politischen Situation scheint sich auch die Wahrnehmung der Realität zu verändern“. Tatsächlich hatten China und die USA in ihrer antivietnamesischen Politik die Vertreter der Roten Khmer in der UNO lange Zeit gegenüber den Vorwürfen der neuen provietnamesischen Regierung von Hun Sen in Schutz genommen.

Nach der Amnestie ließen weitere führende Rote Khmer-Kader verlauten, sie würden ebenfalls überlaufen, wenn man ihnen Straffreiheit garantiere. Mitte 1997 putschte Hun Sen in Pnom Phen gegen seinen Ko-Premier, den Sohn des Königs Sihanouk, weil dieser angeblich Reste der Roten Khmer in die Stadt geschmuggelt habe. Zuvor hatten sich Untergrundkämpfer der Roten Khmer sowohl den Hun Sen gegenüber loyalen Regierungstruppen angeschlossen gehabt als auch denen, die sich dem Königssohn verpflichtet fühlten – und bei Kämpfen zwischen ihnen hatte es daraufhin – u.a. in der Provinz Battambang – über hundert Tote gegeben.

Einen Monat nach dem Putsch von Hun Sen wurde Pol Pot in einem „Schauprozeß“ im Hauptquartier Anlong Veng von seinen eigenen Partisanen-Generälen und im Beisein des amerikanischen Korrespondenten der „Far Eastern Economic Review“ Nate Thayer angeklagt, die „nationale Aussöhnung“ sabotiert zu haben. Sie verurteilten ihn zu lebenslänglichem „Hausarrest“. Damit sollte erreicht werden: „daß die internationale Gemeinschaft uns mit neuen Augen sieht und hilft, gegen Hun Sen und die Vietnamesen zu kämpfen“. Hun Sens Regierungspartei hatte inzwischen gegen die ihn als Verräter beschimpfenden antivietnamesischen Roten Khmer-Fraktionen, aber auch gegen seine anderen Gegner eine eigene „Schutztruppe“ in der Hauptstadt aufgestellt, die vermeintliche Oppositionelle verfolgte. Im Westen sah man bereits einen neuen Bürgerkrieg in Kambodscha heraufziehen.

Am 16.April 1998 starb Pol Pot – kurz bevor kambodschanische Regierungstruppen sein Hauptquartier Anlong Veng an der thailändischen Grenze einnahmen. Einige Monate später lief sein General Khem Nguon, der ihn verurteilt hatte, mit 1000 Soldaten zu den Regierungstruppen von Hun Sen über, den er bis dahin immer als „vietnamesische Marionette“ beschimpft hatte: „Wir sind die letzten Kämpfer, der Krieg ist vorbei!“ verkündete der General. „Nomber One“ ist nun eine Kondommarke, mit der die Regierung ihre Anti-Aidskampagne bestreitet (wegen der vielen ausländischen Berater und der zunehmenden Armut im Land hat die Prostitution enorme Ausmaße angenommen). Nomber Two, Ieng Sary, ist Befehlshaber der zollfreien Zone von Pailin, wo ihm ein Hotel gehört, seine Töchter betreiben eine Privatklinik und eine Eisfabrik dort. Außerdem haben sich auch noch der ehemalige Minister unter der Roten Khmer Regierung Kieu Samphan und der Parteiveteran Nuon Chea in dem Luftkurort angesiedelt – der Zeitung „Cambodge Soir“ erklärten sie: „Die Roten Khmer gibt es nicht mehr“. Die Le Monde Diplomatique spricht dagegen von einer „legalisierten Roten Khmer-Zone“, mit der Hun Sen verhindert, „daß die Gefahr einer Rückkehr der Roten Khmer endgültig gebannt wird“.

Nur der ehemalige Militärchef Ta Mok und Duch, der Leiter des Folterzentrums Tuol Sleng (S-21) in Pnom Penh, wurden inhaftiert. Anfang des Jahres 2000 fragte der Spiegel Premierminister Hun Sen, ob und wann die beiden vor ein internationales Gericht kämen. Hun Sen sagte: „Ich mißtraue der UNO zutiefst“. Und China sowie Henry Kissinger, die Pol Pot jahrelang unterstützt haben, bekäme man sowieso vor kein Gericht der Welt, höchstens König Sihanouk, der mit den roten Khmer verbündet war: „Er würde vor einem Tribunal Rede und Antwort stehen. Davor habe ich allerdings Angst. Man muß auf den Dschungel als Ganzes schauen und nicht auf einzelne Bäume, sonst gibt es wieder Krieg“. Von sich selbst sagte der ehemalige Rote Khmer-Kommandeur Hun Sen: „Heute bin ich Pragmatiker und kein Ideologe mehr. Ich habe Kambodscha vom Krieg zum Frieden geführt, von der Diktatur zur Demokratie, von der Plan- zur Marktwirtschaft. Deng Xiaoping meinte einmal: ‚Egal, ob eine Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache, sie fängt Mäuse‘. Das finde ich gut“.

2.Kann die Ursachenforschung bis zur Wahrheitsfindung kumulieren?

Auf dem Höhepunkt der Macht der Roten Khmer 1978 filmte ein schwedisches Fernsehteam, angeführt von den Vorstandsmitgliedern der schwedisch-kambodschanischen Freundschaftsgesellschaft, Jan Myrdal und Marita Wikander, in Kambodscha. Anfang 1979 – kurz nach dem vietnamesischen Einmarsch in Kambodscha – besuchte ein weiteres schwedisches Fernsehteam, mit den Journalisten Erik Eriksson und Bo Bjelvenstam, das Land. Anschließend kam es – organisiert von der schwedischen Zeitung „Folket i Blad“ – zu einem Streitgespräch zwischen den „Cambodia Watchern“. Eriksson/Bjelvenstam hatten Myrdal/Wikander zuvor öffentlich vorgeworfen, „den Völkermord der Roten Khmer erklärt und wegerklärt“ zu haben, Letztere entgegneten nun darauf: „Im großen Ganzen haben damals alle Fernsehteams die selben Eindrücke von Kambodscha gewonnen – sie unterschieden sich höchstens in der Bewertung. So z.B. wie man die Kinderarbeit betrachtet, aber sowohl Jugoslawien wie Schweden, Japaner und Amerikaner hatten im Ganzen gesehen den gleichen Eindruck – etwa in bezug auf die friedliche Atmosphäre und die fehlende Bewachung. Das ist demnach das Bild von Kampuchea vom Frühjahr 1978 bis Dezember 1978. Dieses Bild ist im großen und ganzen eindeutig“. Wobei Myrdal/Wikander jedoch gar nicht bestreiten wollten, daß es – insbesondere gegenüber der Stadtvölkerung – zu „Übergriffen“, mit bis zu einer Million Toten, gekommen sei, aber dies wäre bei Bauernkriegen noch stets der Fall gewesen – und somit quasi „normal“. Hier und da entstand aber doch darüberhinaus auch etwas, „das eine bessere Zukunft versprach. Sie waren daran, das in Kampuchea aufzubauen. Und jetzt ist das verschwunden. Ob sie überhaupt überleben, weiß ich nicht“. In Summa: „Wir haben auf unserer Reise (jedenfalls) keinen Terror gesehen“.

Für Myrdal/Wikander war stattdessen die Bombardierung Kambodschas in den frühen Siebzigerjahren durch die Amerikaner Völkermord gewesen und der Terror begann eher mit der Vertreibung der Roten Khmer durch die vietnamesische Armee. Während für Eriksson/Bjelvenstam der Terror erst mit dem Einmarsch der Vietnamesen langsam ein Ende fand. Er bestand also im wesentlichen aus dem Gewaltakt, mit dem die Roten Khmer das Land in einen autarken Bauernkommunismus transformieren wollten.

Etwa zur selben Zeit wie Myrdal und Wikander hatte auch ein amerikanisches Fernsehteam den öffentlichkeitsscheuen Pol Pot interviewt. Ihnen sagte er, daß es die Vietnamesen wären, die in Wahrheit ein Genozid verüben würden – am kambodschanischen Volk. Sie seien sogar noch schlimmer als Hitler, weil sie selbst unschuldige Menschen umbrächten. Spätestens mit dem in Thailand 1984 gedrehten amerikanischen Film von Roland Joffe „The Killing Fields„ waren aber doch die Roten Khmer für die Weltöffentlichkeit die schlimmsten aller schlimmen Kommunisten. Noch später gab umgekehrt der amerikanische Sprachforscher Noam Chomsky vor allem den USA die Schuld: „1969 kümmerten sich die westlichen Medien nicht um den Appell Sihanouks, die Bombardierung ‚friedlicher kambodschanischer Bauern` bekannt zu machen. Die Bombardements blieben ‚geheim`…Journalisten weigerten sich, selbst Flüchtlinge darüber zu interviewen, die zu Hunderttausenden nach Pnom Phen strömten. Erst nachdem die Roten Khmer die ‚Killing Fields` übernommen hatten, gab es eine scharfe Wende in der Berichterstattung“. 1989 verfilmte Ariane Mnouchkine ihr „Königsdrama“ über Prinz Sihanouk, dessen Pariser Bemühungen, die Roten Khmer mit in die Verhandlungen einzubeziehen, gerade wieder unterbrochen worden waren. Die engagierte Theatermacherin erklärte dazu: „Wenn wir die Roten Khmer nicht am Verhandlungstisch haben und China sie weiter unterstützt, dann haben wir sie in den Wäldern. Und wenn die Verhandlungen scheitern, dann ist alles aus, dann wird das Land zwischen Thailand und Vietnam aufgeteilt werden“. Neuerdings versucht der Konfliktforscher Christopher Hitchens, Henry Kissinger unter anderem wegen dessen Kambodscha-Politik als „Kriegsverbrecher“ vor ein Gericht zu bringen. Diesem wird inzwischen geraten, nicht mehr ins Ausland zu reisen.

Nach Auflösung der Sowjetunion wurde 1990 die schwedische Kontroverse über das Kambodscha Pol Pots, das aufgrund der plötzlichen Wirrnisse im Ostblock inzwischen fast in Vergessenheit geraten war, noch einmal in Berlin ausgetragen – und zwar mit einer Ausstellung. „Die Revolution in Kambodscha hat es verdient, etwas genauer betrachtet zu werden“, hieß es dazu im Katalog, wobei die Autoren sich namentlich auf den „ex-linken“ taz-Mitarbeiter Michael Sontheimer bezogen, der zuvor mehrere Reportagen über das Land geschrieben hatte, die allesamt das bezeugten, was auch die taz-Südostasien-Korrespondentin Jutta Lietsch seitdem immer wieder über die „Killing Fields“ äußert: „Unter den Verbrechen, die in diesem Jahrhundert von Kommunisten begangen wurden, ist der Massenmord der kambodschanischen Roten Khmer an ihrem eigenen Volk wohl das mysteriöseste und monströseste“ (Sontheimer).

Die Berliner Ausstellungsmacher setzten dagegen 1990 u.a. Photos von lachenden kambodschanischen Bauern und ihren Kindern in den kommunistischen Kolchosen. Darüberhinaus boten sie einen gründlichen Überblick über die Gesamtgeschichte Indochinas und insbesondere Kamboschas – an der Nahtstelle von indischem Buddhismus und chinesischem Konfuzianismus, eingekeilt zwischen Vietnam und Thailand. Wobei natürlich ihre Darstellung der kambodschanischen Befreiungsbewegung unter Pol Pot am meisten interessierte, denn die Ausstellung machte sich anheischig, die Wahrheit darüber als bereits allseits unterdrückte Nachricht zu zeigen. Die taz berichtete dann übrigens mit keiner einzigen Zeile darüber, obwohl sie ansonsten hunderte von Artikel über Kambodscha veröffentlichte – bis heute!

Um die kambodschanische Gesellschaft von unten neu nach oben aufzubauen, nahmen die Roten Khmer seinerzeit eine neue Klasseneinteilung vor, wobei sie sich primär auf die erste, die armen Bauern, stützten. Daneben gab es noch die Mittelbauern. Erstere wurden „Vollmitglieder“ in den Kolchosen, die zweiten „Kandidaten“ – sie bildeten zusammengenommen das „Basisvolk“. Alle anderen – Intelligenzler, Händler, Feudalisten, Imperialisten, Offiziere der besiegten Long Nol-Armee usw. – wurden ebenso wie die Städter in der Landwirtschaft und beim Kanalbau umerzogen bzw. liquidiert. Die Stadtbewohner insgesamt wurden als „Neuvolk“ bezeichnet, da sie sich erst nach dem Sieg der Roten Khmer am 17.April 1975 der Widerstandsbewegung angeschlossen hatten. Sie wurden sogleich aufs Land getrieben – auf diesen Trecks starben viele Alte und Kinder. Die Ausstellungsmacher sprechen von einer Not-„Evakuierung“, da die neuen Machthaber die Versorgung der Menschen in den Städten, die noch dazu mit Kriegsflüchtlingen vollgestopft waren, nicht sofort organisieren konnten. Dazu betonen sie, daß es nicht zu Plünderungen kam und die Bibliotheken sowie Pagoden „im Gegensatz zu Behauptungen im Westen weitgehend unbehelligt blieben…Die Kranken wurden z.T. in andere Krankenhäuser gebracht, die in besserem Zustand waren“.

Insgesamt kommen die Autoren jedoch zu der Einschätzung: „So plausibel die Evakuierung Pnom Phens an sich war, so chaotisch und fehlerhaft verlief sie…“ Über die in aller Schnelle gebildeten Reisanbau-Kooperativen für das in Landwirtschaft wenig geübte Neuvolk urteilen sie: „Hier dürfte stellenweise die Grenze zur ‚Vernichtung durch Arbeit` überschritten worden sein…Es gab viel Hunger und viele Tote und harte Arbeit, und es gab Flügelkämpfe und bewaffnete Konflikte und Chaos, und es gab auch Korruption und Willkür…Es herrschte praktisch ein dauernder Ausnahmezustand“. Dennoch ist das „Jahr Null“ – insofern es zu keiner großen Hungerkatastrophe kam und sich auch keine bedeutende Konterrevolution formieren konnte – „erfolgreich“ zu nennen. Die parteiinternen „Säuberungen“ und die Tätigkeit des Folterzentrums S-21 begannen im wesentlichen erst 1976. Im Jahr darauf „verschlechterte sich die Versorgungslage der Bevölkerung“. Und 1978 eskalierten bereits die Grenzkonflikte mit Vietnam. Etwa gleichzeitig änderten die Roten Khmer ihre Einstellung zum Neuvolk – sie „sollten besser behandelt werden, teilweise mit den Bauern sogar gleichgestellt werden“. Damit sollte diese Schicht in den nationalen Widerstand eingebunden werden, aber der „Kurswechsel“ der Kommunisten hatte bei ihnen keinen „positiven Effekt“, während er zugleich beim Basisvolk auf Ablehnung stieß. „Insgesamt dürfte die kambodschanische Revolution auch den Frauen nicht viel gebracht haben,“ fügen die Ausstellungsmacher überraschend hinzu.

Am Schluß fassen sie noch einmal ihre Kritik an den Roten Khmer zusammen: 1. Von einer angestrebten Vernichtung des Neuvolks und überhaupt von „Völkermord“ zu sprechen „ist abwegig“ – die „Repressionen waren überwiegend Ausuferungen der Revolution“; 2. der „Zwang zur Arbeit“ für Mönche und Nonnen war eine „mißverständliche Maßnahme“; 3. Es gab „rassistische Momente in der Revolution“, die z.B. 1975 zur Vertreibung aller Vietnamesen führten; 4. Die Evakuierung der Städte war „brutal“, hierbei von einem „Todesmarsch“ zu sprechen ist jedoch eine „reine Propagandabehauptung“; 5. „Die Wirtschaft wurde nicht ‚zerschlagen`, das hatte der Krieg schon vorher besorgt“. Dabei starben zwischen 1970 und 1975 700.000 Kambodschaner, „Opfer der Gewalt“ wurden dann bis 1978 noch einmal 200.000 Menschen, wobei alleine 20.000 durch partei- und armeeinterne Säuberungen der Roten Khmer ums Leben kamen, 1979 starben erneut etwa 600.000 Menschen – an Hunger.

Es kam auf jeden Fall zu keinem Aufstand mehr gegen die vorrückende vietnamesische Okkupationsarmee, so daß die Roten Khmer sich schließlich 1979 als Ganzes wieder in den Dschungel zurückziehen bzw. auf thailändisches Gebiet ausweichen mußten. „Als Fazit bleibt“, so die Ausstellungsmacher, „daß es notwendig ist, die Roten Khmer zu entmystifizieren“. Das Gegenteil habe seitdem die internationale Presse, u.a. der Spiegel, der hierbei aus naheliegenden Gründen gerne von „Holocaust“ spricht, getan.

In gewisser Weise stellten die Ausstellungsmacher damit eine „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“- Maxime- der „Ganzbrand-Opfer“-Erklärung entgegen, sofern man diesen Begriff – Holocaust auf hebräisch – bereits als Erklärung akzeptieren will.

Von einer „Topographie des Terrors“ sprachen im Jahr 2000 die zwei Autoren eines kambodschanischen Reportagebuches: „Der Traum von Angkor“: Heinz Kotte war früher „humanitärer Helfer in Vietnam“, sein Koautor Rüdiger Siebert ist „Redaktionsleiter der Deutschen Welle“. Für sie erklärt sich „die Brutalität der Roten Khmer aus der Auflösung der Familie und aus der Zerstörung aller emotionalen Bindungen der Menschen“. Die „wahre Landkarte Kambodschas ist die von Massengräbern…Mit Hilfe von Satellitenaufklärung sind bisher 9139 Massengräber in 81 Distrikten gefunden worden, vermutet werden 20.000“. Auf die Frage, „wie konnte das geschehen?“ antwortete ihnen der Direktor des unabhängigen „Institutes for Democracy“ in Pnom Phen, Dr.Lao Mong Hay: „Macht und Politik, Ignoranz, Fanatismus und Extremismus, aber auch die Verhältnisse…Marxismus und Leninismus in extremster Form…Die Armen hatten sich den Kämpfern der Roten Khmer angeschlossen. Als diese die Macht errungen hatten, nahmen sie Rache, ließen ihrer Wut freien Lauf und mißhandelten ihre kambodschanischen Mitbürger…Ich kann es selbst auch nicht begreifen“.

Der amerikanische Genozidforscher Alexander L.Hinton sah dagegen vor Ort die „Ursache der Greuel“ ganz allgemein „im radikalen Umbau der Gesellschaft unter Anwendung einer ‚gewaltsamen Ideologie'“.

Die Autoren selbst suchten die Ursache dann in der großen Geschichte Kambodschas, die ihren Höhepunkt im Reich von Angkor – 800 bis 1430 – hatte. Die davon noch übrig gebliebene Klosteranlage Angkor Wat wird heute als Weltkulturerbe von den reichen Industrienationen im Teamwork restauriert. Anschließend wollen sie die zweite antike Stadt Angkor Thom in Angriff nehmen. Diese wird von einem Tempelgebirge mit 54 Türmen überragt, von denen 216 Steinfiguren herablächeln. Es handelt sich dabei wahrscheinlich um Avalokiteshvara, einem der Bodhisattvas. „Diesem Lächeln ist alles zuzutrauen,“ schreiben Kotte und Siebert in ihrem Reisebericht, und fragen sich, ob „Henker oder Heiler? ‚Der Besucher verspürt eine bedrückende Ahnung des Bösen`, erkannte bereits der französische Gelehrte Henri Parmentier“ – einer der ersten Angkor-Besucher aus dem Westen. Später gestand sein Landsmann Pierre Loti: „Das Blut gerann mir in den Adern!“ Steckt in diesem vielhundertfachen Lächeln etwa das brutale Geheimnis von Pol Pot? – Die Autoren lassen die Frage offen und kommen stattdessen abschließend auf das weniger quälerische Lächeln der jungen Tempeltänzerinnen von Angkor zu sprechen, die heute dort wieder live auftreten dürfen, vornehmlich vor Touristen.

Für den mehrmaligen Angkor-Wat-Besucher Michael Sontheimer liegt die Ursache für die Grausamkeiten weniger im kambodschanischen Buddhismus als in der vormodernen „hydraulischen Despotie“ von „Brother Number One – Pol Pot“. Der ehemalige taz-Reporter ist sich mit Karl August Wittfogel, dem Sinologen der Frankfurter Schule, einig, daß die großen Reisbauern-Reiche aufgrund ihrer subtilen Bewässerungs-Technologie auch eine besonders unbarmherzige Verwaltungs-Kultur entwickelten. „Der Reis braucht Wasser, und der Krieg braucht Reis“, dieses alte kambodschanische Sprichwort hatten sich laut Sontheimer die Khmer Rouge „wieder zu eigen“ gemacht. Und „ein kommunistisches Angkor – das war es, wovon ihre Führer träumten, als sie die Macht errungen hatten…Immer wieder verkündete Radio Pnom Phen: ‚Der 17.April 1975 hat eine Ära eingeleitet, die noch bemerkenswerter sein wird als das Zeitalter Angkors`. An Grausamkeit haben die Khmer Rouge sogar den ‚Totalen Terror` der Hydraulischen Despotien noch übertroffen“.

Die Folterzentrale Tuol Sleng, genannt S-21, war hierbei wohl der Gipfel der Grausamkeit. Sie ist heute ein Genozid-Museum. Michael Sontheimer schreibt: „Zum Abschluß des Besuchs werde ich in einen Saal geführt, an dessen Stirnseite ein farbenprächtiges Wandbild prangt. Grimmige Khmer Rouge-Schergen zerschmettern dort Babys an Bäumen…“ Bisher kannte ich dieses „Bild“ vor allem aus den Biographien jüdischer Überlebender des Holocaust. Immer wieder wird dort bezeugt, daß deutsche Soldaten bzw. Polizisten jüdische und russische Kinder an Bäumen zerschmetterten bzw. in den Städten an Hausmauern. Aber auch in den holländischen Schilderungen der spanischen Greueltaten gegen die Niederlande kommt dieses Bild vor, ebenso im 30jährigen Krieg und bei den Spaniern in den Schilderungen der Kolonialisation Südamerikas durch ihre eigenen Landleute. Später dann noch einmal in den Darstellungen der Kämpfe zwischen den nordamerikanischen Indianern und den weißen Siedlern. Hier werfen sich schließlich die Gegner gegenseitig vor, selbst vor diesem Gipfel an Grausamkeit nicht zurückgeschreckt zu sein. Ähnlich sehen das heute auch viele Kambodschaner, ihr Premierminister Hun Sen führt deswegen die Ursache für die ganzen Grausamkeiten, einschließlich der seiner eigenen Truppen, auf die letzten 400 Jahren Kambodschas zurück, in denen sich das kleine Land fast ständig im Krieg befand. Auch der amerikanische Khmer-Forscher David P. Chandler meint, daß Kambodschas Hauptproblem – seit dem 17.Jahrhundert bereits – die Beziehungen zu seinem mächtigen Nachbarn Vietnam waren und sind. Man könnte hierbei auch von einer Hydraulik der Gewalt sprechen.

Im heutigen Kambodscha scheint das Bild von kindermordenden Soldaten rücklickend die bäuerliche Sichtweise auf den Agrarkommunismus Pol Pots wieder zu geben. Schon die Vietnamesen bezeichneten ihn vor ihrem Einmarsch ins Land als eine „ebenso reaktionäre wie brutale und infantile bäuerliche Gleichmacherei“ – und kritisierten die Pol-Pot-Clique als unmoralische „Söldner der chinesischen Machthaber“. Westliche Beobachter nannten später die Politik der Roten Khmer gerne „primitiv“ – und verglichen sie mit den Grausamkeiten des industriellen Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Dort waren jedoch statt Spitzhacken und Messer – mit denen die Volksfeinde laut des derzeit in Pnom Phen inhaftierten Leiters der Folterzentrale S-21, Duch, „wie die Hühner“ getötet wurden – eher Giftgas, Maschinengewehre und Kohlenmonoxyd zum Mordeinsatz gekommen, wobei die Deutschen diese „Arbeit“ zudem auch noch wie „am Fließband“ organisiert hatten. Das, was die westliche Presse – die taz mitunter in einer Nachricht über Kambodscha gleich mehrmals – „Steinzeitkommunismus“ nennt, ist mithin nur der Verweis auf das bäuerliche Bewußtsein und die entsprechende Disziplinartechnologie einer primär agrarischen Gesellschaft, die nun neu – diesmal nach Tätern und Opfern – unterschieden wird, wobei man sich auf die Regierungszeit der Roten Khmer konzentriert. Auf den bäuerlichen Hintergrund heben letztlich alle westlichen Konfliktforscher und Cambodia-Watcher ab, wenn sie bei ihrer Forschung nach den Ursachen der Khmer-Grausamkeiten bis zu den Machttechniken der frühen Agrarreiche Asiens, namentlich bis Angkor Wat, zurückgehen. Gemessen an den Deutschen, die in den Vierzigerjahren an manchen Tagen mehr Menschen umbrachten als die kambodschanischen Kommunisten insgesamt, könnte man die kurze Periode ihrer Machtübernahme von 1975 bis 1979 durchaus als rustikal oder gar bukolisch bezeichnen, wie es u.a. Myrdal und Wikander nahelegten. Marita Wikander war nebenbeibemerkt mit dem Botschafter der Roten Khmer in der DDR verheiratet. Ihm rieten später seine maoistischen Gesprächspartner in Westberlin, Semler und Horlemann von der KPD, in sein Land zurückzukehren. Was er dann auch tat, nicht zuletzt wegen der idyllischen Kambodscha-Bilder, die seine Frau kurz zuvor heimgebracht hatte. Als er in Pnom Phen ankam, wurde er sofort verhaftet und ermordet. Jürgen Horlemann ist inzwischen ebenfalls gestorben, aber in seinem Verlag „Horlemann“ erschien im vergangenen Jahr „Der Traum von Angkor“, dessen Autoren – Kotte und Siebert – ich diesen Hinweis auf Marita Wikanders quasi familiale Solidarität mit Kambodscha verdanke.

„Was ist Solidarität heute?„ – fragte der Gewerkschaftssoziologe Rainer Zoll aus Bremen sich kürzlich – in einer gleichnamigen Suhrkamp-Studie, und kam dabei zu dem Schluß: Die alte proletarische internationale Solidarität sei immer ein „Schwachpunkt“ gewesen, heute gäbe es jedoch einige hervorragende Beispiele von „gewissermaßen individueller, oft auch kollektiver internationaler Solidarität“, u.a. von jungen Menschen, „die sich in Entwicklungsländern engagieren“. Zu diesen neuen nicht mehr Proletariern, sondern eher Projektemachern gehören die Autoren Kotte und Siebert. Im Spiegel fand ich dann ein weiteres Beispiel quasi familialer Solidarität mit Kambodscha – in einem Artikel über die Psychotherapeutin Laurence Picq: Sie lernte einst an der Sorbonne den Kambodschaner Sikoeun kennen, der zum Kreis um Pol Pot gehörte. 1967 heirateten die beiden. Im Auftrag der Partei gingen sie erst nach Peking, dann 1975 nach Pnom Phen. Inzwischen waren sie Eltern von zwei Töchtern geworden. Ihr Mann arbeitete zusammen mit Ieng Sary im Außenministerium, das „B-1“ hieß. Laurence Picq legte dort zusammen mit anderen Frauen Gemüsegärten an – damit das Ministerium „autonom“ wurde. Als das Gerücht entstand, es habe sich eine CIA-Agentin in das Objekt eingeschlossen, wurde sie isoliert: Man zog sogar eine Mauer durch den Hof, hinter der sie fortan alleine Gemüse zog. Gelegentlich übersetzte sie noch Texte von Ieng Sary ins Französische. Man kritisierte sie oft, ihr Mann schämte sich seiner ausländischen Frau und begann, ihr aus dem Weg zu gehen. Ihren Töchtern wurde das Spielen mit Puppen untersagt. Um sie völlig ihrem bourgeoisen Einfluß zu entziehen, nahm man ihr schließlich die Kinder weg. Ständig wurden Bekannte von ihr aus Funktionärskreisen verhaftet – ganze Sippen verschwanden. Laurence Picq zwang sich, keine Gefühle zu zeigen. Jede Äußerung wurde interpretiert. Hatte sie Schmerzen, wurde es von „Angkar“, den Parteileuten, als Unzufriedenheit gedeutet: „Als Hinweis, das ich etwas zu verbergen hätte. Bauchschmerzen genügten, um als Verschwörer enttarnt zu werden…Es war eine barbarische Form von Psychoanalyse“. Als die Vietnamesen einmarschieren, gelingt ihrer Familie die Flucht nach Thailand. Von dort aus gehen sie später nach Phnom Malai, das von einem Teil der Roten Khmer um Ieng Sary gehalten wird. Auf einem Kurierflug nach Zaire im Auftrag Ieng Sarys wagt Laurence Picq mit ihren Kindern die Flucht – nach Frankreich zurück. Dort läßt sie sich scheiden und beginnt ein Psychologiestudium, heute lebt sie in Dijon. Lange Zeit wußte sie nicht, „ob Sikoeum nicht doch recht hatte, zu bleiben. Ich glaubte an ihn. Ich wollte nicht schlecht über Kambodscha reden“. Der Spiegelreporter spricht später auch noch mit ihrem Mann Sikoeun – in Phnom Malais. Auch er hat heute noch Alpträume. Er erzählt, daß er damals Angst um Ieng Sary hatte, der seine Frau zwar gerne mochte, „aber er durfte keine Solidarität mit einer Europäerin zeigen. Denn die große Angst war, das Vertrauen der Partei zu verlieren…Man zeigte damals keine Schwäche. Ich war 100 Prozent auf Parteilinie. Wenn ‚Angkar` gesagt hätte: Töte deine Frau, töte deine Kinder, hätte ich es getan“. Jetzt habe er jedoch sein inneres Gleichgewicht wiedergefunden – ohne dabei seine Ideale verraten zu haben: „Ich weiß aber, daß sie utopisch sind. Das einzig wichtige sind die Kinder. Das ist die Zukunft“. Die für ihn schönste Zeit war die mit seiner jungen Frau in Paris: „Damals war Kommunismus noch Frieden und Internationalismus“.

3. Was für einen Hintergrund hat der heutige Wunsch nach „Frieden statt Gerechtigkeit“ in Kambodscha?

Das kleine, bevölkerungsarme Land wurde seit dem 17. Jhd. zunehmend von Thailand und Vietnam bedrängt, die auch den König einsetzten, so daß sich ähnlich wie in Polen eher ein ethnisch als staatlich geprägtes Nationalgefühl bei den Khmer herausbildete. Um 1840 verschwand Kambodscha völlig von der Landkarte. Die französischen Kolonialisatoren wurden deswegen anfangs vom kambodschanischen Hof als Retter gegen die vietnamesischen Okkupanten begrüßt. Aber zum einen klassifizierten die Franzosen die Kambodschaner als Menschen zweiter Klasse in einem „Ausnahmestaat“, wie kein geringerer als Alexis de Tocqueville seinen kolonialisierenden Militärs schon 1841 empfohlen hatte, und zum anderen beutete Frankreich sein „Protektorat“ bald mehr aus als seine anderen Kolonien in Indochina. Zudem räumten sie den Chinesen praktisch das Handelsmonopol ein und für die in Kambodscha neugeschaffenen Kautschuk-Plantagen wurden häufig Vietnamesen eingestellt. Während die meisten Kambodschaner entweder am Hof bzw. in Klöstern lebten oder Bauern waren, entstanden mit den vietnamesischen Kautschukzapfern die Anfänge einer Arbeiterklasse in Kambodscha.

Mit der französischen Kolonialmacht begann zugleich die Erforschung des Angkor-Reiches und der Khmer-Geschichte sowie des -Buddhismus. Später entstanden außerdem westliche Bildungsanstalten, wovon Pol Pot ab 1937 als einer der ersten profitieren sollte. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Franzosen in Indochina von den Japanern angegriffen. 1941 setzten sie gemeinsam Prinz Sihanouk als vermeintliche Marionette auf den Königsthron. Die Amerikaner bombardierten zum ersten Mal Pnom Phen. Nach dem Sieg der Japaner leiteten diese die Unabhängigkeit des Landes ein, indem sie sich jedoch nicht auf Sihanouk, sondern auf eine neue bürgerliche Schicht Gebildeter in Pnom Phen stützten. Nachdem französische und englische Truppen die Japaner vertrieben hatten, wurde Sihanouk wieder Alleinherrscher. Gleichzeitig hatte sich unter vietnamesischer Führung die Kommunistische Partei Indochinas gegründet, die einen Guerillakrieg gegen die Franzosen führte. 1951 wurden nationale KPs gebildet, immer noch unter der Führung vietnamesischer Kommunisten. Bereits 1954 existierten in Kambodscha „befreite Gebiete“. Mitte der Fünfzigerjahre kehrten die ersten kommunistisch geschulten Kader aus Frankreich zurück, unter ihnen Pol Pot. 1960 wurde auf dem konspirativen Parteikongreß eine neue KP gegründet, die drei Jahre später Pol Pot zum Generalsekretär ernannte. Die Kontakte zu den vietnamesischen Genossen waren nach wie vor sowohl eng als auch problematisch: China und Vietnam verweigerten den von Sihanouk so genannten Roten Khmer Waffenlieferungen, stattdessen rieten sie ihnen, den König zu tolerieren. Nachdem dessen Truppen jedoch 1967 den Bauern-Aufstand von Samlaut in der Region Battambang niedergeschlagen hatten, erklärten die Roten Khmer den Kampf gegen Sihanouk sogar zur „Hauptaufgabe“. Dieser betrieb dagegen eine Schaukelpolitik gegenüber den USA und dem kommunistischen Vietnam, deren Kämpfe immer mehr auch den östlichen Teil Kambodschas einbezogen, während die Roten Khmer im Südwesten des Landes einige Gebiete eroberten. Mit Hilfe der CIA putschte 1970 der von Sihanouk zuvor abgesetzte Premierminister Lon Nol gegen den König. Während die USA dem neuen antikommunistischen Regime Hilfe zukommen ließen, verbündete sich Sihanouk in Peking mit den Chinesen – und den Roten Khmer. Letztere gingen sodann mit Unterstützung der vietnamesischen Kommunisten in die Offensive gegen die Armee Lon Nols, die sich nur durch den Einmarsch südvietnamesischer und amerikanischer Truppen halten konnte. Nachdem die Pariser Friedensverhandlungen einen Bombenstop erreicht und die US Air Force deswegen Kapazitäten frei hatte, ließen Nixon und Kissinger Kambodscha bombardieren. Desungeachtet wurde die Hauptstadt Pnom Phen 1974 von starken Guerillaverbänden eingeschlossen. Diese waren jedoch nicht vereinheitlicht, es gab ein breites Widerstandsbündnis mit Sihanouk an der Spitze, ferner eine eher provietnamesische Rote Khmer-Fraktion im Osten und eine autonome Fraktion um Pol Pot im Südwesten – insgesamt 70.000 Bewaffnete. Ihre Koordinierungsprobleme und die US-Militärunterstützung der Lon Nol-Truppen zögerten die Einahme der Hauptstadt bis zum 17.April 1975 hinaus. Nach dem Sieg der Nationalen Front wurde Sihanouk Staatspräsident. Mit dem Tod von Tschu Enlai im Januar 1976 verlor er jedoch seinen chinesischen Rückhalt – und trat zurück. Die Roten Khmer verurteilten ihn sogleich in Pnom Phen zu Hausarrest. Nach dem Einmarsch der Vietnamesen im Januar 1979 bildeten seine Truppen jedoch wieder zusammen mit den Roten Khmer und einer rechtsnationalistischen Gruppe um Son Sann eine neue Widerstandskoalition – für die Sihanouk, der sich erneut nach Peking geflüchtet hatte, dann als Sprecher vor der UNO auftrat. Während China, Thailand und die USA die antivietnamesische Koalititon unterstützten, halfen die UDSSR und Vietnam der neuen kambodschanischen kommunistischen Regierung politisch und militärisch. Zwar überfielen dafür die Chinesen im Februar 1974 Vietnam, aber 1984/85 kamen die vietnamesischen Truppen der kambodschanischen Revolutionsregierung von Heng Samrin noch einmal mit einer neuen Großoffensive gegen die Guerilla zu Hilfe. Während dieser ganzen Kämpfe bildeten sich entlang der Grenze immer mehr Flüchtlingslager, die von UNO-Organisationen betreut wurden. Und nach dem „Erziehungsfeldzug“ der Chinesen flüchteten zigtausende von chinesisch-stämmigen Vietnamesen aus dem Land – die sogenannten „Boat-People“.

1986 verkündete die Sowjetunion im Zusammenhang ihrer „Perestroika“ eine Änderung der Außenpolitik und eine Normalisierung ihrer Beziehungen zu China. Im September 1989 wurden die letzten vietnamesischen Truppen aus Kambodscha abgezogen, nachdem zuvor eine neue provietnamesische kommunistische Regierung mit Hun Sen an der Spitze gebildet worden war, die sofort den Schutz des Privateigentums in einer neuen Verfassung verankerte. 1993 wurden von der UNO-Übergangsverwaltung UNTAC die ersten freien Wahlen zur Nationalversammlung durchgeführt. Diese ergaben eine unsichere Koalitionsregierung aus Kommunisten und Royalisten um den Sihanouk-Sohn Prinz Ranariddh.

Unterdes hatte die ständige Dollarflut der über 20.000 UNO-Mitarbeiter in dem zerstörten Land aus Pnom Phen „ein einziges Bordell“ gemacht, wie Michael Sontheimer berichtete, und „fast täglich kam es zu Raubmorden“. Ein Rikschafahrer erzählte ihm außerdem, daß neben den „feigen UN-Invasoren, die sich zurückziehen, sobald die Roten Khmer schießen“, vor allem die korrupte eigene Regierung gehaßt wird: „Sie sind Banditen. Wenn die Roten Khmer nicht so viele umgebracht hätten, würde ich sie wählen. Sie tun etwas für das Volk“. Die Wahlen hatte die Guerilla boykottiert, dafür gelang es ihnen, daß Mitte 1993 sechs Provinzen ihre „Autonomie“ erklärten. Über Rundfunk riefen die Roten Khmer die Bevölkerung auf, Vertreter der Regierung von Hun Sen zu töten. Sie würden sich nur an einer Regierung von König Sihanouk und der Partei seines zweiten Sohnes Norodom Chakrapong beteiligen. Auch immer mehr Regierungsoldaten, die nur noch unregelmäßig Gehalt bekamen, kämpften bald „autonom“, indem sie Dörfer plünderten und auf den Straßen Schutzgelder erpressten.

Nach einem gescheiterten Putsch von 200 Soldaten, die Prinz Norodom Chakrapong unterstützten, wurde dieser von Premierminister Hun Sen des Landes verwiesen. 1997 putschte umgekehrt Hun Sens „Leibgarde“ gegen seinen Ko-Premier Prinz Ranariddh. Wegen „Waffenschmuggels und illegalen Kontakten zu den Roten Khmer“ wurde dieser anschließend in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seinem Vater König Sihanouk gelang es jedoch, von seinem Exil in Peking aus, ihn zu amnestieren. Dazu mußten aber erst Japan und die USA Premierminister Hun Sen damit drohen, ihre Finanzhilfe für Kambodscha einzustellen. Als Prinz Ranariddh im März 1998 nach Pnom Phen zurückkehrte, waren die Roten Khmer bereits so gut wie geschlagen und auch mindestens 90 seiner eigenen Anhänger -wahrscheinlich von Regierungstruppen – ermordet worden. Seit 1999 ist Kambodscha Mitglied im Verband der südostasiatischen Staaten ASEAN – eine prowestliche Organisation, die einmal als Front gegen das „rote Indochina“ gegründet worden war. Seit Mitte 2000 taucht Kambodscha auch wieder als „Reisetip“ in den westlichen Medien auf. Unter dem Stichwort „Cambodia“ findet man bereits 1,5 Mio Eintragungen im Internet – bald kommt auf fast jeden computerlosen Kambodschaner eine Weppage. In diesem Jahr werden bereits 270.000 Touristen erwartet, sie sind derzeit die wichtigste Einnahmequelle des Landes. „Der Provinzflughafen Siem Reap, nahe Angkor Wat, wird inzwischen von einem Dutzend Fluggesellschaften angeflogen,“ berichtete gerade der ehemalige Kambodscha-Korrespondent der taz, Alexander Smoltzyk, der nunmehr für den Spiegel unterwegs ist. In Siem Reap entdeckte er an einer Wand der „Ivy Bar“ den grünen Klodeckel von Pol Pot, den der Barbesitzer Karl Balch sogar eigenhändig im letzten Hauptquartier von Brother Number One, in Anlong Veng, abgeschraubt haben will: „Von dem Klositz konnte er direkt ins Tal hinunterschauen“, berichtete Balch dem Korrespondenten. Anschließend sprachen sie über ihre Heimat.
4. Porträt des Partisanen als junger Mann

Die Eltern von Saloth Sar, der später den Kampfnamen Pol Pot annahm, waren Mittelbauern in Prek Sbauv, sie besaßen 9 Hektar Reisfelder und mehrere Wasserbüffel. Sar wurde 1925 als achtes von neun Kindern geboren. Mit neun Jahren schickten ihn seine Eltern an den Königshof von Pnom Phen – zu seiner Cousine Meak und seiner Schwester Suong, die dort Tempeltänzerinnen waren. Bevor er sich bei ihnen einleben konnte, wurde er erst einmal Novize im nahen Kloster Vat Botum Vaddei, wo er in den Buddhismus eingewiesen wurde und Khmer lernte. Seine Schwester Suong, bei der er dann aufwuchs, bezeichnete ihn später als „liebes Kind“.

Pnom Phen wurde im 16. Jahrhundert gegründet, die Franzosen gaben der Hauptstadt später das Gepräge einer kleinen französischen Provinzstadt. In Vietnam kam es Anfang der Dreißigerjahre zu mehreren Bauernaufständen, bei denen französische Kolonialbeamte getötet wurden. Kurz zuvor hatte sich dort die Kommunistische Partei Indochinas gegründet. Saloth Sar besuchte von 1936 bis 1942 die nahe des Königspalastes gelegene katholische Schule „Ecole Miche“. Die meisten seiner Klassenkameraden waren Kinder von französischen Kolonialbeamten und katholische Vietnamesen, einer erinnerte sich später, daß Sar ein „sehr charmanter Junge“ war. 1940 brach der französisch-thailändische Krieg aus, die Deutschen eroberten Frankreich und die Japaner bedrohten die französische Herrschaft in Indochina. 1941 starb der kambodschanische König Monivong, der französische Gouverneur Admiral Decoux inthronisierte dessen neunzehnjährigen Enkel Norodom Sihanouk, den er aus dem Lyzeum in Saigon herbeischaffen ließ. Weil die Thais die zweitgrößte kambodschanische Stadt Battambang eingenommen hatten, wo sich ein französisches Collège befand, gründete die Kolonialverwaltung in der drittgrößten Stadt Kompong Cham, wo sich viele französische Kautschukplantagen befanden, eine neue Schule, die nach Norodam Sihanouk benannt wurde. Zwanzig Jungen aus verschiedenen Provinzen wurden 1942 ausgewählt und dorthin zum Unterricht geschickt, darunter Saloth Sar. Zur selben Zeit fand in Pnom Phen die erste größere antifranzösische Demonstration statt. Auf dem Collège Sihanouk durften die Schüler nur französisch sprechen, Saloth Sar lernte dort Geige spielen. 1945 wurde ein neuer Lehrer, Khvan Siphan, angestellt, der Mathematik, Physik und Philosophie unterrichtete. Einige seiner ehemaligen Schüler, von denen etliche später Kommunisten wurden, berichten, daß sich Siphan äußerst wohltuend von den strengen französischen Lehrern, die kurz zuvor von den Japanern interniert worden waren, unterschied – alle Schüler mochten ihn. Der amerikanische Khmer-Historiker David P. Chandler vermutet in seiner 1999 erschienenen Pol-Pot-Biographie „Brother Nomber One“, daß Siphan das erste Vorbild für Saloth Sar war, der später ja ebenfalls ein sehr beliebter und erfolgreicher Lehrer wurde. Einige seiner Klassenkameraden erinnern sich noch, daß Saloth Sar „viel nachdachte, aber wenig sagte“ und daß er gerne Fußball spielte, jedoch kein herausragender Spieler war. Sein bester Freund auf dem Collège war der Bruder von Lon Nol. Dieser kämpfte als kambodschanischer Päsident ab 1970 vor allem gegen die Roten Khmer, sein Bruder – Saloth Sars Klassenkamerad – wurde 1975 von den Roten Khmer hingerichtet. 1948 begann Saloth Sar eine Tischlerausbildung an der Ecole Technique in Pnom Phen, nachdem er durch die Aufnahmeprüfung am vornehmen Lyzeum Sisowath gefallen war, wo u.a. Ieng Sary studierte. Beide bekamen dann ein Stipendium, mit dem sie nach Paris an die Sorbonne gingen – Sar bereits 1949, Sary zwei Jahre später. Dort wurden sie – wahrscheinlich 1952 – Mitglied der französischen kommunistischen Partei und heirateten zwei Schwestern, Khieu Ponnary und Khieu Thirith, die 1951 ebenfalls zum Studium nach Paris gekommen waren. Später gingen alle vier zurück nach Pnom Phen, von wo aus sie 1963 als Illegale und Mitglieder der Kommunistischen Partei Indochinas, in den Dschungel gingen. Pol Pots Biograph Chandler fragt sich, warum man ausgerechnet Saloth Sar ein Paris-Stipendium gab – und vermutet, daß Ieng Sarys Kontakte zum damaligen Premierminister Chheam Van dafür ausschlaggebend waren. Dessen demokratische Partei drängte junge Kamboschaner, Elektrotechnik, Tischlerei, Schneiderei und Photographie zu studieren – alles Wirtschaftsbereiche, die bisher von der vietnamesischen Minderheit dominiert wurden. In Paris, wo Saloth Sar ein Zimmer im Indochina-Pavillon der Cité Universitaire bezog, schrieb er sich dann auch im Fach Elektrotechnik ein. Paris war in jenen Jahren das Zentrum von Existentialismus und westlichem Kommunismus und Saloth Sar war mehr an den Diskussionen und öffentlichen Manifestationen als am Studium interessiert, daneben kaufte er bei den Antiquariaten an der Seine alles, was er an Büchern kriegen konnte. Wie er 1997 Nate Thayer in einem Interview erzählte, hatte er nur 20 bis 25 Franc im Monat übrig, und las beispielsweise „La Grande Revolution Francaise“: „Ich begann als Nationalist, dann wurde ich Patriot und schließlich verschlang ich die progressiven Bücher“. Dazu gehörten dann auch die großen französischen Dichter – Hugo, Rimbaud, Verlaine, die er teilweise auswendig lernte. Sein Lieblingsautor wurde jedoch Rousseau. Im Sommer 1950 reihte er sich erst einmal in eine freiwillige Arbeits-Brigade ein, die sich am Aufbau Jugoslawiens beteiligte: „Für uns war es aber vor allem eine Vergnügungstour“. 1951 lernte Saloth Sar über Ieng Sary dessen Förderer Keng Vannsak kennen, der ihm ein möbliertes Zimmer in der Rue Letellier besorgte, wo Sar dann bis zu seiner Rückkehr nach Kambodscha wohnte. Statt zur Uni zu gehen, beteiligte er sich an einem marxistischen Schulungszirkel, der sich regelmäßig in der Wohnung von Vannsak traf. Laut Vannsak tat er sich dabei jedoch nicht besonders hervor. Seine eher schüchterne oder rezeptive Zurückhaltung scheint überhaupt kennzeichnend für ihn gewesen zu sein: „Ich sprach nie über mich selbst, ich war verschwiegen,“ erzählte er Nate Thayer.

Im Sommer 1951 fuhr ein großer Teil des Schulungszirkels nach Ost-Berlin, wo ein internationales Jugendfestival stattfand, von dem die kambodschanischen Teilnehmer völlig enthusiasmiert zurückkehrten. Anschließend widmeten sie sich engagiert den Vorgängen in ihrem Heimatland, wo gerade die Demokraten die Wahl gewonnen hatten, außerdem hatten die Franzosen auf Sihanouks Drängen hin den in Poitiers zwangsexilierten Son Ngoc Thanh die Rückkehr nach Kambodscha erlaubt, wo er die Zeitung „Khmer Erwacht!“ gründete, und der französische Hochkommissar in Pnom Phen war von seinem vietnamesischen Diener ermordet worden. 1952 riß Sihanouk die Regierungsgewalt an sich. Dies inspirierte Saloth Sar in Paris zu seinem ersten Artikel – mit dem Titel „Monarchie oder Demokratie?“. Dieser erschien in einer Khmer-Studentenzeitung, deren Druck Vannsak besorgte, um gegen Sihanouks „coup d’état“ zu protestieren. Der Autor definiert darin die Monarchie als Herrschaft einer kleinen Gruppe, die von der Ausbeutung der Mehrheit des Volkes lebt – und die deswegen eliminert werden muß. Außerdem ist sie gegen den Buddhismus, insofern sie sich über die Religion stellt. Die Demokratie macht Schluß mit dieser Herrschaftsform, installiert wird sie von Revolutionären wie Robespierre, Lenin und Sun Yat Sen… Als Saloth Sar dies schrieb, war sein Stipendium bereits storniert worden, weil er nicht mehr ordentlich studierte. Vannsak erzählte einem Interviewer 1997: „Um mehr Informationen über Kambodscha zu bekommen, wurde beschlossen, daß einige aus unserem Arbeitskreis ins Land zurückkehren sollten, auch Saloth Sar gehörte dazu. Es kam daraufhin zu einer Diskussion, ob wir bereit wären, unser Leben der Revolution hinzugeben, Saloth Sar war einer von denen, die das wollten“.

Ende 1952 fuhr er mit dem Schiff -von Marseille aus – nach Hause. Bereits einen Monat nach seiner Ankunft schloß er sich der Widerstandsbewegung an, der geheim operierenden Kommunistischen Partei Indochinas, die von Vietnamesen dominiert wurde. Zunächst wurde er in Ostkambodscha in einer Propaganda-Abteilung eingesetzt, dann kommandierte man ihn zur Kaderschulung ab. Saloth Sar fand dort in dem ehemaligen kambodschanischen Mönch Tou Samouth ein neues Vorbild. Von ihm wird gesagt, „an Höflichkeit und Freundlichkeit im Umgang mit anderen kam er Ho Chi Minh gleich“. 1954 zog Saloth Sar mit seiner Frau zurück nach Pnom Phen. Mehrmals traf er dort mit Keng Vannsak zusammen, der beeindruckt war von seinem „kontrollierten, intelligenten Verhalten“ und seiner politischen Ernsthaftigkeit, die er in Paris noch nicht an ihm bemerkt hatte. 1955 fanden wieder einmal Wahlen statt: Sihanouk übergab seinem Vater die Königswürde und kandidierte als „normaler Bürger“. Dazu formierte er die „volkssozialistische Gemeinschaft“ – alle Regierungsbeamte, die sich ihr nicht anschlossen, wurden entlassen, radikale Zeitungen wurden verboten und ihre Herausgeber inhaftiert. Auch Vannsak wurde für mehrere Monate ins Gefängnis gesteckt. 1977 urteilte Pol Pot über diese Zeit: „Die Volksmassen unterstützten die revolutionären Kräfte gegen den US-Imperialismus, aber gegen die herrschende Klasse und ihre Waffen, Gerichte, Gesetze und Gefängnisse konnten sie sich nicht durchsetzen“. Nach den Wahlen folgte Saloth Sar seiner Frau, die schon seit längerem als Lehrerin für kambodschanische Literatur am Lyzeum Sisowath arbeitete. Er nahm eine Stelle als Lehrer für Französisch, Geschichte und Geographie an einem neuen privaten Collége, Chamraon Vichea (Fortschrittliches Wissen), an. Sein Biograph Chandler bemerkt dazu: „Im kamboschanischen Schulsystem lehrt selbst ein Mathematiklehrer Ethik, und jeder Lehrer ist eine Respektsperson“. Saloth Sar war ein schon fast begnadeter Lehrer. Bei ihm zu Hause trafen sich außerdem junge Offiziere, Lehrer und Studenten, um über die Zukunft Kambodschas zu diskutieren. 1959 gehörte der Schriftsteller Soth Polin zu seinen Schülern, er meinte später: „Ich kann mich noch immer an seinen Stil erinnern, in dem er uns Französisch beibrachte: einfühlsam und musikalisch“. Ein anderer Schüler, der kambodschanische Geschichte bei Saloth Sar studierte, sagte: „Er war beliebt bei seinen Studenten, ein guter Lehrer und sehr korrekt“. Jeder wußte, daß Saloth Sar ein Kommunist war, aber er agitierte seine Schüler nie. Es war außerdem bekannt, daß die Kommunisten die Korruption hassten und daß sie die einzigen waren, die sich um die Armen kümmerten. 1959 bezogen Saloth Sar und seine Frau zusammen mit Ieng Sary und seiner Frau sowie ihrer kleiner Tochter Vanny ein Haus in der Nähe des Königspalastes. Sary nahm ebenfalls eine Stelle als Lehrer an und beteiligte sich an der klandestinen politischen Arbeit Saloth Sars. Ihre Nachbarn nahmen erstaunt zur Kenntnis, daß sie aus ideologischen Gründen keine Hausdiener beschäftigten.

Parteiarbeit, das bedeutete in den Fünfzigerjahren, heimlich ein Netzwerk von Militanten und Kadern aufzubauen und diese zu schulen. Die meisten, und das waren nur wenige, kamen nicht vom Land und sie waren auch keine armen Bauern, sondern Studenten, Lehrer und junge Arbeiter. Aufgrund von Sihanouks wachsendem Antiamerikanismus kam es langsam zu einer Aktionseinheit mit ihm. Auch die vietnamesischen Genossen drängten die revolutionäre Khmer Volkspartei dazu. Saloth Sar wurde 1960 Mitglied des Zentralkomitees. 1962 änderte Sihanouk seine Politik gegenüber den Kommunisten – u.a. wurde deren Generalsekretär Tou Samouth – wahrscheinlich von Polizisten – „beseitigt“. An seiner Stelle wurde Saloth Sar zum Generalsekretär der Partei ernannt. An seinen klandestinen Seminaren über Bürgerrechte, Justiz und Korruption nahmen inzwischen auch Mönche und Verwaltungsbeamte teil. Ein ehemaliger Mönch, Sok Chuon, erinnerte sich später: „Saloth Sar konnte mit seinen Vorträgen alle überzeugen, seine Beispiele waren sorgfältig ausgewählt und er gab sich äußerst liebenswürdig“. Ab 1962 wuchs der Unmut über Sihanouks Politik – die Kommunisten erhielten Zulauf und auch andere führende Parteimitglieder veranstalteten nun Schulungsseminare.

Unter den Studenten kam es zu Unruhen. Als Sihanouk sich diesem Problem zuwandte, übergab Lon Nol ihm eine Liste mit Rädelsführern, in der erstmalig auch Saloth Sar und Ieng Sary auftauchten. Wenig später ging Saloth Sar in den Untergrund – „er war nun ein Berufsrevolutionär“, wie Chandler schreibt, und nahm eine Reihe neuer Identitäten an: „Onkel Sekretär, Brother Nomber One, Großvater Nomber 82″…Von 1963 an hielt er sich in Guerillalagern im Osten und Nordosten Kambodschas auf, gegen Ende 1965 verbrachte er mehrere Monate in Vietnam und China. Die Verbindung mit Pnom Phen wurde mit Kurieren und Kurzwellensendern aufrecht erhalten. Sie übertrieben jedoch ihre Isolation, wie der sowjetische Partisanenführer Fjodorow gesagt hätte. Einen großen Einfluß auf ihre Politik hatte dann die chinesische Kulturrevolution, die 1966 begann – und natürlich der eskalierende „Vietnam-Konflikt“, der Sihanouk bewog, die US-Militärhilfe für seine Regime zurückzuweisen und sich stattdessen den vietnamesischen Kommunisten anzunähern, denen er Operationen auf kambodschanischem Territorium erlaubte. Diese wurden daraufhin auch von den kambodschanischen Kommunisten aktiv unterstützt, deren Hauptquartier – das „Büro 100“ – sich nahe der vietnamesischen Grenze befand. Bedrängt von Sihanouk wandten sich immer mehr Studenten dort hin. Einer, Chhim Samauk, wurde später in der Folterzentrale „S-21“ der Roten Khmer inhaftiert, wo er zu Protokoll gab: „Im Büro 100 traf ich Bruder Ieng Sary und Bruder Nummer Eins. Ich war sehr aufgeregt und glücklich…Sie verfaßten Texte und ließen sie drucken. Ich strengte mich sehr an, von ihnen zu lernen. Nach einer Weile konnte ich ihnen bereits helfen. Im Büro 100 verbrachte ich von 1964 bis 1965 eine sehr angenehme Zeit“.

Saloth Sar fuhr wenig später nach Hanoi, wo man ihn höflich empfing, in einer Reihe von Diskussionen wurde die zukünftige Zusammenarbeit abgesteckt. Darüberhinaus informierte Bruder Nummer eins seine dort im Exil lebenden Landsleute auf Versammlungen über die Situation in Kambodscha und erklärte ihnen den seit 1960 neuen Namen der Partei: „Arbeiterpartei von Kampuchea“. Anschließend fuhr er weiter nach Peking. Unterdes war es im Bezirk Battambang, in der Nähe des Dorfe Samlaut, zu Bauernunruhen gekommen, die Anfang 1967 in einen Aufstand gipfelten. Die Bauern hatten heimlich Reis an die Vietkong-Truppen entlang der Grenze verkauft, Sihanouks Premierminister Lon Nol schickte deswegen eine Strafexpedition aus. Gleichzeitig machte Sihanouk die Kommunisten dafür verantwortlich und ging massiv gegen sie vor. Am Ende gab es über tausend Tote. Saloth Sar reagierte Ende 1967 darauf, indem er ein Kadertreffen im Nordosten organisierte, auf dem die Frage der ,,Organisation des Widerstands gegen unsere Feinde„ diskutiert wurde. Man entschied sich für eine Verbindung von bewaffnetem und politischem Kampf. Als erstes galt es, Waffen aufzutreiben. Anfang 1968, kurz vor der Tet-Offensive der Vietnamesen, kam es bereits zu mehreren Zusammenstößen zwischen Sihanouks Soldaten, Polizisten und Milizen auf der einen und bewaffneten Roten Khmer auf der anderen Seite. Einer – in Bay Damran am 17. Januar – wurde später zur Geburtsstunde der Revolutionsarmee erklärt. Von da an bis Ende 1969 war Saloth Sar vor allem mit dem Aufbau eines Netzwerks von Widerstandzellen beschäftigt. 1972 schilderte er rückblickend die damalige Situation: „Wir hatten nicht genug Leute und keine Ökonomie, außerdem fehlte es uns an Verstecken und an militärischer Stärke. Der Feind kannte die Wälder. Wo immer wir auftauchten, war er sofort über uns informiert. Zwar besaßen wir einige Gewehre, aber wir hatten kein Land und niemanden auf unserer Seite“. Mitte 1968 teilten ihnen die vietnamesischen Genossen zudem mit, die Zeit sei noch nicht reif für eine kambodschanische Revolution, zuerst einmal müßte Südvietnam befreit werden. Doch die wirtschaftliche Lage Kambodschas verschlechterte sich und immer mehr Kambodschaner schlossen sich dem Widerstand gegen Sihanouk und Lon Nol an. Im März 1969 begannen die Amerikaner, das Land zu bombardieren „ob Sihanouk es ihnen erlaubte oder ob er es hinnahm, ist bis heute unklar“, schreibt David P.Chandler.

Ende 1969 fuhr eine Delegation der Roten Khmer mit Saloth Sar an der Spitze erneut zu Gesprächen nach Hanoi. Es scheint, daß die Vietnamesen damals die Unterstützung der Kambodschaner nötiger hatten als umgekehrt. Anfang 1970 fuhr Sihanouk in die Ferien nach Frankreich, während seiner Abwesenheit putschte Lon Nol – den vietnamesischen Streitkräften wurden 48 Stunden gegeben, um das Land zu verlassen. Sowohl Saloth Sar als auch Sihanouk begaben sich daraufhin nach Peking, der eine von Hanoi, der andere von Paris aus. Auf Vermittlung der Chinesen wurde zwischen den beiden eine „anti-amerikanische Einheitsfront“ unter der Schirmherrschaft von Sihanouk entworfen. Für Saloth Sar bedeutete dies, das er plötzlich der Macht ein großes Stück näher gekommen war. Mit 45 Jahren war er jetzt militärischer Führer des kommunistischen Teils einer Volks-Allianz, die zudem massive militärische Hilfe von den Vietnamesen bekam. Außerdem wurde er persönlich vom chinesischen Premierminister Tschou En Lai unterstützt. Die CIA schätzten damals, daß die Roten Khmer selbst nur etwa 3000 Männer und Frauen unter Waffen hatten. Stellenweise gingen die Vietnamesen unabhängig von den Roten Khmer daran, kambodschanische Bauern zu bewaffnen, damit sie für Sihanouk kämpften. Als Saloth Sar und seine Delegation von Peking kommend erneut in Hanoi Station machte, wurden sie auf mehreren offiziellen Empfängen ,,gelobt und geehrt„, wie es später in offiziellen Dokumenten hieß. Im Land selbst kam es zu mehreren Pro-Sihanouk-Aufständen, die von Lon Nols Armee und Polizei blutig niedergeschlagen wurden. Die Amerikaner und die Südvietnamesen kamen ihnen dabei zu Hilfe. Während die nordvietnamesische Armee und die Vietkong ihre Militärhilfe intensivierten, gingen die Roten Khmer jedoch – ab Mitte 1971 etwa – langsam auf Distanz zu ihnen. Auf einem Instruktionstreffen aller Kader im Hauptquartier der Partei, im Dschungel der nördlichen Zone Kambodschas, das Saloth Sar leitete, wurde festgestellt, daß die kommunistische Partei in eine neue Phase des Kampfes eingetreten sei – in eine national-demokratische Revolution, die Feudalismus und Imperialismus beseitigen werde.

Lon Nols Armee geriet langsam in die Defensive, im Januar 1972 schrieb Pol Pot: „Wir haben den Willen zu siegen. Aber das ist nicht genug. Wir brauchen eine fundierte Politik, politischen Weitblick und fundierte politische Methoden. Ohne diese taumelt die Revolution wie ein Blinder von Ort zu Ort“. Im Laufe des Jahres flüchteten immer mehr Lehrer, Studenten und Techniker in die „befreiten Zonen“, wo sie sich den Roten Khmer anschlossen. In den Parteidokumenten wurde daraufhin der Klassenanalyse größere Aufmerksamkeit gewidmet – und betont, daß man mehr Kader aus der Klasse der armen und der Mittel-Bauern rekrutieren müsse. Nachdem die Vietnamesen 1973 in Paris einen Waffenstillstand mit den Amerikanern vereinbart hatten, befürchteten die Roten Khmer, daß ihnen ihre Gebietsgewinne wieder verloren gehen könnten. „Fast fühlten sie sich von den Vietnamesen verraten“, meint David P.Chandler. Als die Vietnamesen ihre Truppen samt Waffen aus Kambodscha zurückzogen, kam es hier und da sogar zu blutigen Auseinandersetzungen mit einigen Einheiten der Roten Khmer. Im März 1973 begannen die Amerikaner ihr Bombardement Kambodschas. Statt die Kommunisten auszuradieren, bewirkte dieser massive Waffeneinsatz jedoch nur den völligen Kollaps des bäuerlichen Lebens – was den Kommunisten die politische Machtübernahme erleichtern sollte. Ihre Einkreisung Pnom Phnes konnte durch die Bombardierung jedoch vorerst gestoppt werden – der Krieg wurde dadurch auf zwei weitere Jahre verlängerte. Währenddessen reiste Sihanouk von Peking nach Kambodscha, im Hauptquartier der Roten Khmer traf er sich mit den Parteiführern, darunter Saloth Sar. Gemeinsam schaute man sich ein lustiges Theaterstück an und schoß Erinnerungsphotos.

Im September 1974 feierte die Kommunistische Partei Kampucheas ihren 23. Jahrestag bei Amleang in der Provinz Kandal. Saloth Sar hielt diesmal keine Rede. Kurz darauf hatte er einen heftigen Malaria-Anfall und mußte medizinische Hilfe annehmen. Gegen Ende des Jahres war er aber schon wieder unterwegs, um Kampfgruppen zu inspizieren – und Vorbereitungen für die Offensive im kommenden Jahr während der Trockenzeit zu treffen, mit der endgültig die Hauptstadt eingenommen werden sollte. Der Ring der Roten Khmer zog sich bald erneut um Pnom Phen zusammen, Anfang April floh Lon Nol ins Ausland, ein paar Tage später taten es ihm die Amerikaner nach. Zwei Wochen später geschah dann Ähnliches in Saigon. Am 17.April marschierten die Roten Khmer in Pnom Phen ein, viele ihrer Kämpfer waren noch halbe Kinder.

Saloth Sar kam erst am 23.April in die Stadt – da waren nahezu sämtliche Bewohner schon „evakuiert“. Stattdessen wimmelte es überall von Fliegen. Und die Sieger erstickten bald in „Papierkram“. Alles mußte auf einmal organisiert und alles „Private“ dabei eliminiert werden. Bereits einen Monat später konnte Saloth Sar nicht mehr arbeiten: Er hatte permanent Migräne, klagte über Ohrenschmerzen, sein Arme und Beine taten ihm weh und er mochte nichts mehr essen. Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, mußte er nach Hanoi fliegen, um die zukünftige Zusammenarbeit und den Abzug der letzten vietnamesischen Truppen zu regeln. Anschließend flog er nach Peking, wo er sich mit Mao Tse Tung traf – und photographieren ließ. Die Chinesen verpflichteten sich zu einer wirtschaftlichen und militärischen Hilfe in Höhe von 1 Milliarde Dollar für Kambodscha, außerdem schickten sie Aufbauhelfer ins Land.

Im August 1975 besuchte Saloth Sar eine Waffenfabrik in Pnom Phen. Einer der Beschäftigten erzählte 1989: „Er kam und bat uns, alle zusammen zu kommen. Dann fragte er, ob wir Ideen hätten, wie man neue Maschinen konstruieren könne…Er war höflich und freundlich. Er sprach langsam und geradeaus. In der Hand hielt er einen kleinen Fächer, den er von Zeit zu Zeit öffnete und wieder schloß, wie jemand in der chinesischen Oper. Während er sprach ging er hin und her…Er trug einen gewöhnlichen schwarzen Pyjama“. – Wie ihn dann bald das ganze Volk trug.

Saloth Sar war damals gerade 50 Jahre alt geworden. Jetzt war er kein Partisan mehr, sondern ein Staatsmann: Im April 1976 verkündete Radio Pnom Phen, daß der neue Premierminister des demokratischen Kampuchea ein ehemaliger ,,Kautschuk-Plantagenarbeiter„ sei – mit dem Namen Pol Pot.

Bleibt noch nachzutragen, daß er 1979, nachdem die vietnamesische Armee die Hauptstadt eingenommen hat, erneut als Partisan untertauchen mußte. Sein Hauptquartier errichtete er zunächst auf thailändischem Gebiet. Gelegentlich flog er nach Peking, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen. 1985 – nach seinem 60. Geburtstag – legte er alle Parteiämter nieder. Und heiratete erneut, seine zweite Frau bekam eine Tochter. 1997 veranlaßte er angeblich die Ermordung seines alten Mitstreiters aus Pariser Tagen, Son Sen. Wenig später wurde er auf einem Tribunal seiner Genossen zu lebenslänglichem Hausarrest verurteilt. Am 16.April 1998 starb er an einer Herzattacke.

5. Die derzeitigen Prozesse gegen einige führende Kader der Roten Khmer

Anfang 2009 wurde zunächst einmal der Direktor des Gefängnisses S-21, Kaing Guek Eav – „Genosse Duch“, angeklagt. Der frühere Mathematiklehrer und bekehrte Christ Duch befindet sich bereits seit 1999 in Haft. Sein Anwalt erklärte dem Gericht, das von der Presse als „Tribunal“ bezeichnet wird: Duch erkenne die Anklage an. „Er möchte die Opfer um Vergebung bitten, aber auch das kambodschanische Volk. Er wird dies öffentlich tun. Das ist das mindeste, was er den Opfern schuldig ist“.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet: „Angeklagt und inhaftiert sind ferner Nuon Chea (hinter dem 1998 verstorbenen Pol Pot die Nummer 2 des Regimes), Khieu Samphan (der damalige Staatspräsident), Ieng Sary (der Außenminister der Roten Khmer) und dessen Frau Ieng Thirith (damals Sozialministerin).

Alle vier sind deutlich älter als Duch und gesundheitlich angeschlagen. Und alle vier behaupten, sie hätten nichts gewusst von den Gräueltaten. Bis vor kurzem lebten sie unbehelligt, was der kambodschanischen Regierung, in deren Reihen noch heute etliche Leute aus dem Dunstkreis des alten Regimes sitzen, viel Kritik eintrug.

Zudem besteht der Verdacht, die Regierung mische sich über die kambodschanischen Richter ein in die Arbeit des halb nationalen und halb internationalen Tribunals. Für ein Urteil ist aber laut Abmachung eine sogenannte ‚Super-Mehrheit‘ nötig: Mindestens ein Richter der Vereinten Nationen muss das Urteil unterzeichnen, damit es gültig ist.“

Die Wiener Zeitung interviewte Mitte Januar 2010 Claudia Fenz, Richterin beim Rote-Khmer-Tribunal in Kambodscha:

Im Prozess gegen Duch, den Leiter des Gefängnisses von Tuol Sleng, steht ja ein Urteil bevor. Warum dauert aber das zweite Verfahren gegen die politischen Führungskader wie Ex-Außenminister Ieng Sary oder Nuon Chea, den früheren Chefideologen der Roten Khmer, so lange?

Erstens einmal sind das sehr schwierige Materien. Der Fall von Duch war vergleichsweise noch einfacher. Da ging es darum, die strafrechtliche Verantwortlichkeit des Leiters eines Vernichtungslagers zu überprüfen. Das ist überschaubar. Im zweiten Fall geht es u.a. auch um politische Verantwortlichkeit, das ist eine wesentlich schwierigere Materie. Wir arbeiten auch logistisch unter nicht einfachen Bedingungen: mit drei Sprachen, in die jedes Dokument übersetzt werden muss, Englisch, Französisch und Khmer. Dabei haben wir viel zu wenige Dolmetscher. Die Sache wird auch nicht einfacher dadurch, dass das Hybridsystem das Tandem vorsieht, d.h. wesentliche Positionen sind jeweils mit einem kambodschanischen und einem internationalen Vertreter besetzt, wir haben jeweils einen nationalen und internationalen Staatsanwalt, Untersuchungsrichter etc. Diese müssen in der Regel Entscheidungen gemeinsam fällen, es gibt dann ein Procedere, wenn man sich nicht einigen kann. Allein diese technischen Dinge ziehen jedes Verfahren in die Länge. Dazu kommt, dass die Beschuldigten alt sind, das macht das zweite Verfahren nicht einfacher. Überlegen Sie einmal, wie lange ein 85-Jähriger – sollte er angeklagt werden – sitzen kann während eines Verhandlungstages. Zu all dem gibt es aber wenig Alternativen.

Frau Fenz, Sie waren zuvor beim Aufbau der Justiz im Kosovo und im Westjordanland beteiligt. Dort haben Richter durchaus auch Gefahr für Leib und Leben zu gewärtigen. Ist es im Vergleich dazu in Kambodscha ruhiger?

Ich würde sagen, das Gefährlichste in Kambodscha ist es, um 18 Uhr den Sihanouk-Boulevard ( eine Hauptverkehrsader in Phnom Penh, Anm. ) zu überqueren. Sonst ist es sicher von der persönlichen Gefährdungslage die einfachste Mission.

Wie ist die Akzeptanz des Tribunals im Land?

Ich glaube, dass es in einem Land, wo der Großteil der Bevölkerung in Armut lebt, für den Einzelnen drängendere Probleme gibt, als das, was sich vor 30 Jahren getan hat. Es gibt ein großes Interesse in der Diaspora und bei Intellektuellen. Wie weit es für den Rest der Bevölkerung wichtig ist, überlasse ich den Autoren der spezifischen Studien zum Thema, von denen es seit kurzem einige gibt.

Hoffentlich meint die Richterin über kambodschanische Verbrechen damit nicht das von amazon  angepriesene Buch „Abschied von den ‚Killing Fields'“ oder das Spiegel-Buch: „Die Kinder der Killing Fields“. Merke: Überall wo „Killing Fields“ drauf steht ist bloß Idiotismus drin! Das Wort kommt von dem auch schon völlig bescheuerten Angloamerikafilm „The Killing Fields“ (1984).

1 Kommentar

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  1. Es gäbe sehr viel zu kommentieren zu diesem Text. Da in Eile, aber nur die Anmerkung, dass der Film „The Killing Fields“ zu Unrecht gescholten wird. Er zählt für mich zu den genauesten Filmen aus den Indochinakriegen. Bei den meisten amerikanischen Filmen über den Vienamkrieg geht die Phantasie mit den Regisseuren durch – „Apocalypse now“ von Coppola ist dafür ein besonders krasses Beispiel – doch nicht bei The Killing fields. Da stimmt jedes Detail und die Geschichte ist bekanntermaßen eine wahre. Dass deutsche Regisseure inzwischen in Kambodscha Spielfilme drehen, ist schade. Ich kenne Phnom Penh eher auis der Zeit, als die einzigen Deutschen dort ein paar DDR-Diplomaten waren, das Ganja für die Hühnersuppe auf dem Markt ein paar Pfennige gekostet hat und ab 18 Uhr Ausgangssperre herrschte. An die mußte man sich aber nicht halten, wenn man den vietnameischen Soldaten an den Kontrollpunkten eine Schachtel Marlboro schenkte. Anyway.