Afghanistan/Tschetschenien/Somalia

Wie kann man die Bösen (Partisanen) von den Guten (friedliche Bevölkerung) trennen? Diese Frage stellte sich den Franzosen in Algerien, den Engländern in Malaysia, den Amis in Vietnam und nun den Alliierten in Afghanistan. Sie alle scheiterten bisher bei ihrer (soziochirurgischen) Trennungsarbeit daran, dass die Guerilla im Laufe ihres Kampfes mit dem Volk nahezu identisch wurde.

Aber nach wie vor wird weiter daran gearbeitet und geforscht. Nun auch vermehrt an deutschen Hochschulen. In der Jungen Welt schreibt Peer Heinelt:

Mit Aufstandsbekämpfung befassen sich u.a. auch die an etlichen deutschen Universitäten aktiven »Außen- und sicherheitspolitischen Studienkreise« (ASS). Der eingetragene Verein versammelt nach eigenen Angaben Politikwissenschaftler, Historiker, Islamwissenschaftler und »Geopolitiker« mit dem Ziel, »politischen, gesellschaftlichen und militärischen Kompetenzträger (n)« das »Handwerkszeug« für den Umgang mit Widerstandskämpfern, Partisanen und »Terroristen« zu liefern. Jüngstes Ergebnis der Expertenberatungen ist die Publikation »Asymmetrische Konflikte im Spiegel der Zeit«; hier wird unter anderem erklärt, daß sowohl die »Schwierigkeiten« als auch die »Problemlösungsansätze« des US-amerikanischen und des britischen Militärs bei der Bekämpfung von Aufständischen in Vietnam und in Malaysia »mannigfaltige Gemeinsamkeiten mit der heutigen Situation in Afghanistan und dem Irak« aufwiesen. Die Strategie »massivste (r) Bombardements«, wie sie die USA in Vietnam anwandten und wie sie heute in Afghanistan praktiziert werden, so heißt es weiter, habe sich als »kontraproduktiv« erwiesen: Da die zahlreichen Opfer unter der Zivilbevölkerung zu einem »Legitimitätsverlust« auf seiten der Besatzungstruppen führten, sei »ein gezieltes Eingreifen durch Spezialeinheiten am Boden, wie von den Briten in Malay (si)a systematisiert, sowohl militärisch als auch psychologisch vorzuziehen«.

Analog den Forschungsergebnissen des SFB 700 (an der FU Berlin) sieht der Autor Daniel Kramer die Grundlage für eine erfolgreiche Aufstandsbekämpfung in der »funktionierende (n) Informationsgewinnung« über Nachschubrouten, Rückzugsgebiete und militärische Strukturen der Insurgenten. Einer solchen »Informationsgewinnung« wiederum diene die psychologische Kriegführung, deren Aufgabe die »Gewinnung der Herzen und Köpfe« der Bevölkerung sei; dieser müsse man materielle Vorteile versprechen, um sie dazu zu bringen, sich von den Aufständischen zu »trennen«, heißt es. In Afghanistan etwa seien die offiziell für den »Wiederaufbau« des kriegszerstörten Landes zuständigen »Provincial Reconstruction Teams« der Bundeswehr das geeignete »zivil-militärische Instrument«, um „direkt an die lokale Bevölkerung anzudocken“.

Diese ganze Trennungs-Arbeit/Forschung wurde schon einmal geleistet – und zwar sehr viel klüger: von den Sowjets, aber was kam dabei raus?

„Afghanistan – was für ein Zauber“ (Sowjetischer Schlager aus den Achtzigerjahren)

1906 veröffentlichte Lenin in der Zeitschrift „Proletarij“ einen Artikel über „Den Partisanenkampf“. Er wendet sich darin u.a. gegen eine vorschnelle Abqualifizierung der Partisanen als Anarchisten, Banditen und Lumpenproletarier: „Der alte russische Terrorismus war ein Werk von verschwörerischen Intellektuellen; jetzt wird der Partisanenkampf in der Regel von Arbeitern und Arbeitslosen geführt, die Kampfabteilungen angehören“. Und weiter heißt es: „Desorganisiert wird die Bewegung nicht durch Partisanenaktionen, sondern durch die Schwäche der Partei, die es nicht versteht, diese Aktionen in ihre Hände zu nehmen“.

der faschistische Staatsrechtler und spätere Partisanentheoretiker Carl Schmitt meinte nach dem Zweiten Weltkrieg, das Partisanentum des russischen Bolschewismus sei dennoch „relativ klein, soziologisch betrachtet, im Verhältnis zum chinesischen Partisanentum: Mao hat seine Partisanen-Armee, seine Partisanen-Elite selber geschaffen“.

Wiewohl die russischen Partisanen während der Revolution und im Bürgerkrieg noch einmal eine wichtige Rolle spielten, schätzten die Bolschewiki sie nicht. Bereits im April 1919 verkündete Lenin: „Wir kehren nicht zum alten Partisanentum zurück, wir haben genug darunter gelitten. Die Rote Armee ist glücklicherweise „aus dem Partisanentum verfluchten Angedenkens herausgewachsen“, dessen Geist ihr nur „Leiden, Zerfall, Niederlagen, Katastrophen, Verluste an Menschen und Heeresgut“ zugefügt habe. „Wie das Feuer soll man (deswegen) das Partisanentum, die Eigenmächtigkeit einzelner Abteilungen, den Ungehorsam gegenüber der Zentralgewalt scheuen, denn sie führen zum Untergang“. Eher für Verständnis warb dagegen dann die expressionistische Partisanen-Prosa von Artjom Wesjoly. Und Lenin selbst gab den besonders eigensinnigen Partisanen der Münchner Räterepublik wenig später in einem langen Grußschreiben viele gute Ratschläge: … „den Wohnraum der Bourgeoisie in München beschränken, um sofort Arbeiter in die Wohnungen der Reichen einzuweisen/Geiseln aus der Bourgeoisie festsetzen…“ usw.. Seine Depesche vom 27.April 1919 erreichte die Räteregierung aber nicht mehr: ihre „bayrische Rote Armee“ war von vereinten konterrevolutionären Kräften geschlagen worden.

Noch einmal gibt es dieses Changieren zwischen Partisanen-Brigaden und legalen Armeekräften dann im sowjetischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung 1941-45 – indem eine enge Zusammenarbeit zwischen beiden angestrebt und auch vielfach erreicht wurde. In der Folgezeit unterstützte die Sowjetunion dann vor allem Guerillagruppen, d.h.Volksbefreiungsgruppen in der Dritten Welt, wobei stets noch etwas vom „Kampf der internationalen Brigaden“ in Spanien mitschwingen sollte.

Die Idee vom gerechten Krieg wurde auch noch in Afghanistan aufrecht erhalten, die dort stationierten Soldaten nannte man „Inter-Kämpfer“, ihr Einsatz war eine „internationalistische Pflicht“. Eine dort eingesetzte russische Krankenschwester erinnert sich: „Uns wurde gesagt, wir helfen dem afghanischen Volk, den Feudalismus zu beseitigen und eine helle sozialistische Zukunft aufzubauen“. Das Gegenteil war dann aber eher der Fall:  Ein hochgerüstetes Okkupationsheer kämpfte gegen Partisanen, die sich auf ihrem Territorium und im Volk wie Fische im Wasser bewegten. Auch die russische Krankenschwester wollte diesem Volk dienen. In der Hauptstadt hingen überall Transparente „Kabul – Stadt des Friedens“, als sie ankam. Aber dann stachen die Partisanen in zwei sowjetischen Lazarett-Zelten alle Verwundeten ab, und die Krankenschwester meint nun rückblickend: „Wir haben dort vom Haß gelebt, der Haß hat uns geholfen zu überleben“.

Ein in Afghanistan schwer verwundeter Panzerschütze erinnert sich: „Wir wollten doch hin, um Revolution zu machen! Wir haben uns das richtig romantisch vorgestellt“. Aber dann tötete er jeden, den man ihm dort befahl zu erschießen: „Ich habe geschossen und niemanden geschont. Gegen uns haben ja alle gekämpft: Männer, Frauen, Alte, Kinder…Nirgends waren wir so lebenshungrig wie da. Ich habe nie so viel gelacht. Auch die ältesten Witze kamen an. Über Geld wurde viel geredet. Mehr, als über den Tod“.

Die Mutter eines in Afghanistan getöteten sowjetischen Soldaten erzählt: „Ich habe ihn nur nach Büchern erzogen, nach Idealgestalten wie Pawel Kortschagin, Oleg Koschewoi, Soja Kosmodemjanskaja“. Hierbei handelt es sich um junge Helden des Aufbaus bzw. um Komsomol-Partisanen, die von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden und aus denen sowjetische Schriftsteller und Filmregisseure dann heldische Vorbilder gemacht hatten. Als ihr Sohn sich freiwillig nach Afghanistan melden will, sieht seine Mutter ihre Erziehungsbemühungen als gescheitert an: „Jurotschka, das Leben ist überhaupt nicht so, wie ich es Dich gelehrt habe. Aber wenn ich erfahre, daß du in Afghanistan bist, gehe ich auf den Roten Platz, übergieße mich mit Benzin und verbrenne mich selbst“. Ihr Sohn belog sie dann: Wie viele andere Soldaten sagte und schrieb er seiner Mutter, er sei in der Mongolei stationiert.

Ein in Afghanistan tätig gewesener sowjetischer Militärberater mußte dort einmal einen zur Erschießung bestimmten Partisanen abholen: „Im Gefängnis zeigte man mir einen Bandenführer, wie wir sie damals nannten“. Umgekehrt nannten die Deutschen die sowjetischen und jugoalawischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg ebenfalls Banden – die die Bevölkerung terrorisierten und ausbeuteten. Der afghanische Partisanenführer „lag auf einem Metallbett und las. Bekannter Bucheinband: Lenin: „Staat und Revolution“. ‚Schade,‘ sagte er, ‚Jetzt schaff ich’s nicht mehr durch. Aber vielleicht lesen es meine Kinder“.

Ein Oberleutnant versichert: „Ich bin nicht nach Afghanistan gegangen, um zu töten, ich war ein ganz normaler Mensch. Man hatte uns eingeredet, daß da Banditen kämpfen, daß wir Helden seiner werden, daß man uns Dank sagen wird“, aber dann kam z.B. der Befehl „Karawane liquidieren! Und wir führten den Befehl aus…Das war ein Krieg im Untergrund…Die modernen Waffen vergrößerten unsere Verbrechen“.

Ein Richtschütze erzählt: „In einem Dorf warfen wir den hungrigen Kindern gepresste Perlgrütze vor. Sie rannten weg, sie dachten, wir werfen Granaten“. Einmal belagerten sie drei Tage lang ein feindliches Dorf: „Vor Hitze und Müdigkeit wirst du zum Tier…Wir fackelten nicht lange…Eine fremde, unverständliche Welt, so ganz anders als unsere…Es fiel uns leichter zu schießen und Granaten zu werfen“. Hinzu kamen noch Unmengen von Alkohol und Haschisch, den sie bald kostenlos von der Bevölkerung bekamen.

Ein Kanonier meint: „es ist doch gut, daß es so ausgegangen ist…Mit einer Niederlage“. Er hatte einmal in der Schule auf die Frage seiner Russischlehrerin, wer sein Lieblingsheld sei – Tschapajew (ein berühmter Partisan gegen die Weissen) oder Pawel Kortschagin? geantwortet: „Huckleberry Finn“. In Afghanistan, so erinnert er sich, „kamen wir einmal bei Bahram in ein Dorf und baten in einem Haus um etwas zu essen. Es ist dort Brauch, daß man einem Menschen, der hungrig ein Haus betritt, mindestens einen heißen Fladen anbieten muß. Die Frauen baten uns zu Tisch und gaben uns zu essen. Als wir weg waren, wurden die Frauen und ihre Kinder vom ganzen Dorf zu Tode gesteinigt. Sie wußten, daß man sie umbringen wird, haben uns aber nicht weggeschickt. Und wir kamen ihnen mit unseren Gesetzen…Wir sind in die Moschee gegangen, ohne die Mützen abzunehmen“.

Ein anderer Soldat berichtet: „Wir warteten auf eine Karawane. Wir warten zwei, drei Tage, liegen im heißen Sand, pissen einfach unter uns. Am Ende des dritten Tages wirst du zum wilden Tier und gibst voller Haß den ersten Feuerstoß ab…Als die Schießerei zu Ende ist, sehen wir, daß die Karawane Bananen und Marmelade beförderte…Jetzt kann ich keine Marmelade mehr sehen“.

Eine zivilbeschäftigte Russin, die in einem Kabuler Hotel arbeitete, sagte, auf die Frage, warum sie sich dorthin dienstverpflichtet hatte: „Ganz einfach. Ich hab alles geglaubt, was in den Zeitungen steht…Ich wollte in den Krieg, aber nicht in so einen wie der hier, sondern in einen wie der Große Vaterländische Krieg“. (der Zweite Weltkrieg).

Ein Unteroffizier einer Aufklärungskompanie erinnert sich: „Der Politstellvertreter sagte uns, daß wir den amerikanischen grünen Baretten  nur um eine Stunde zuvor gekommen seien“ – beim Einmarsch in Afghanistan (bei den Green Beretts handelt es sich um eine seinerzeit von Präsident Kennedy gegen den Vietkong aufgestellte Partisanen-Bekämpfungstruppe“, die anfänglich vor allem aus ukrainischen Partisanen bestand, die zuvor gegen sowjetische Partisanen gekämpft hatten).

Ein Funker erzählt: „Wir fuhren durch Kabul. Frauen warfen mit Knüppeln und Steinen nach unseren Panzern. Kinder fluchten im reinsten Russisch und schrien uns hinterher: ‚Russki, geh nach Haus…‘ Was sollten wir hier?“ Dem Kommandeur einer Infanterieeinheit wurde dort klar, „daß ich imstande bin zu töten…In Afghanistan herrschte Partisanenkrieg, große Gefechte waren selten. Immer hieß es: du oder er…, du paßt auf wie ein Luchs…Da nimmt einer seine LP und ballert auf einen Adler in der Luft. Dem habe ich eins in die Fresse gegeben. Ein Vogel. Wozu? Was hat er ihm getan?“ Ein Panzerschütze, dessen Kamerad beim Durchkämmen eines Dorfes getötet worden war, sagt: „Ich war nur noch Haß! Wir haben alles niedergemacht, auch die Haustiere, und Tiere zu erschießen ist was Schreckliches. Sie tun einem so leid. Ich habe nie Esel erschießen lassen“. Ein Hauptmann der Artillerie hatte ähnliche Skrupel: „Da sitzen Soldaten…Unten im Tal geht ein alter Mann mit einem Esel. Ein Schuß aus dem Panzer: Krawumm. Mann und Esel sind weg… ‚Seid ihr wahnsinnig? Was haben die beiden euch getan?‘ ‚Gestern ist auch ein alter Mann mit einem Esel vorbeigegangen. Dann kam ein Soldat..Der Alte und der Esel sind weitergezogen, aber der Soldat lag am Boden‘. ‚Vielleicht war das ein anderer Mann und ein anderer Esel?‘ Du darfst kein unschuldiges Blut vergießen…Du wirst immer auf den alten Mann von gestern und den Esel von gestern schießen…Wir haben ausgekämpft…Jetzt versuchen wir, Klarheit zu gewinnen“.

Etliche, die schon vorher den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Afghanistan-Krieges nicht aushielten – versuchten sich zu drücken, zu desertieren oder sich zu verstümmeln: „Die Selbstverstümmler wurden verachtet,“ erzählt eine Krankenschwester. „Sogar wir Mediziner schimpften sie aus…Du denkst wohl, wir schicken dich nach Hause? Warum hast Du nicht in die Schläfe gezielt? Ich schwöre, so hab ich geredet. Damals habe ich sie alle für feige Memmen gehalten. Erst jetzt fange ich an zu begreifen, daß das vielleicht eine Art Protest gegen das Morden war. 1984 kam ich nach Hause zurück. Ein Bekannter fragte zögernd: ‚Was meinst du, müssen wir in Afghanistan sein?‘ Ich war empört: ‚Wenn wir nicht da wären, wären es die Amerikaner'“. Ein Soldat erinnert sich: „Wir sind heimgekehrt – einige mit japanischen Cassettenrecordern, andere mit Feuerzeugen, die Musik machen…Warum gibt es keine Bücher über Afghanistan? Keine Gedichte? Keine Lieder, die alle singen könnten? Wir haben gut gekämpft, wir haben Mut bewiesen. Wir haben Orden gekriegt…Es heißt, daß man uns ‚Afghanen‘ auch ohne Orden erkennt – an den Augen!“

Ein Aufklärer berichtet: „‚Stop, alles anhalten!‘ rief der Leutnant, ‚eine Mine!‘ Die Pioniere gingen vor und hoben die Mine auf – sie quäkte: ein Baby! Was Tun? Liegenlassen? Mitnehmen? Den Leutnant hat keiner gezwungen, er hat sich selbst angeboten. ‚Wir können es hier nicht liegenlassen, es verhungert. Ich bringe es in das nächste Dorf. Wir haben eine Stunde auf ihn gewartet…Da lagen sie…der Leutnant und sein Fahrer. Mitten auf dem Dorfplatz…Die Frauen hatten sie mit Hacken erschlagen“.

„Wir standen in einem unerklärten Krieg, in einem Krieg, den es gar nicht gab…“, meint ein Aufklärer. „Ich kam nach Hause zurück und wollte ein guter Mensch sein. Aber manchmal hab ich urplötzlich den Wunsch, jemandem die Kehle durchzuschneiden“. Ein Funker erinnert sich an einen Kameraden, der einem aus seiner Einheit erschossenen die MP abgenommen und sie in einem Dorf verkauft hatte: „Er hat uns noch gezeigt, was er sich dafür gekauft hat – zwei Cassettenrecorder, Jeansklamotten…Beim Prozeß hat er nur stumm dagesessen. Oder geweint. In den Zeitungen wurde immer von ‚Heldentaten‘ berichtet. Wir haben gelacht, wir waren empört…Aber komisch: Ich kam nach Hause, zwei Jahre sind inzwischen vergangen, ich lese die Zeitungen, suche nach ‚Heldentaten‘ – und glaube sie!“

Von den „Afghanen“ – den sowjetischen Afghanistan-Kämpfern – fanden sich in den Neunzigerjahren etliche in Tschetschenien – als Vertragssoldaten – wieder. Dort kämpften sie u.a. auch wieder gegen muslimische afghanische Partisanen, außerdem unterstützten bald arabische Freiwillige und sogar junge türkische Arbeitslose die „tschetschenischen Rebellen“. Die obigen Zitate stammen aus Swetlana Alexijewitschs Interviewband  „Zinkjungs“, erwähnt sei ferner Anatoli Rybakows Reportagebuch  „Afganzy“.

Schon lange vor der Revolution versuchten die Russen eine Trennung zwischen Partisanen und Volk vorzunehmen:

Im Tschetschenienkrieg

„Ich habe keine Ruhe, so lange noch ein einziger Tschetschene am Leben ist!“ (General A. P. Jermolow)

Zum Symbol der Jermolow-Expeditionen gegen die Tschetschenen wurde 1819 das „Massaker von Dadi-Jurt“, wo die russischen Soldaten und Kosaken sämtliche Männer töteten und 140 junge Mädchen gefangen nahmen, von denen sich dann 46 beim Abtransport mitsamt ihren Bewachern von der Brücke über den Grenzfluß Terek stürzten. Alexander Puschkin nahm in seinem  zwei Jahre später in Odessa entstandenen Poem „Der Gefangene im Kaukasus“ darauf bezug:

„Nun beug dein schneeig Haupt im Nu,/ O Kaukasus – Jermolow schreitet!/ Besiegt von russischer Gewalt,/ Verstummten schon des Krieges Töne./ Es kämpften und verdarben bald/ Kaukasiens stolze Heldensöhne;/…/Und nur noch dunkele Legenden/ Erzählen, wie das Ende war.“ Sein Poem hatte Puschkin General N.N. Rajewskij gewidmet, der sich weigerte, an Jermolows Feldzug gegen die Tschetschenen teil zu nehmen: „Ich sehe mich gezwungen, dieses Gebiet zu verlassen. Unser Vorgehen erinnert mich an die Katastrophe der Eroberung Amerikas durch die Spanier,“ schrieb er an den Kriegsminister.

Die Tschetschenen wurden von Jermolows Truppen jedoch mitnichten geschlagen: Dem dagestanischen Imam Shamil gelang es, sie 1834 erneut zu vereinen und die russischen Besatzungstruppen aus ihren Garnisonen zu vertreiben. 1840 besiegten die tschetschenisch-dagestanischen Kämpfer in der Schlacht am Fluß Walerik die Truppen des Generals Galafejew, 1845 bereiteten sie der Armee des Generals Woronzow eine Niederlage.

Puschkin war 1837 bei einem Duell getötet worden, statt seiner besang wenig später der Dichter Michail Lermontow den Heldenmut der freiheitsliebenden Tschetschenen. Schon als Elfjähriger hatte er mit seiner Großmutter den Kaukasus bereist. Die Zeilen aus seinem Kindergedicht „Der ruchlose Tschetschene kriecht weiter zum Fluß/ Und wetzt sein Messer“ kennt noch heute jeder Russe. Als junger Offizier  wurde er dann zwei mal an die Kaukasusfront strafversetzt, wo er an mehreren „Aktionen“ teilnahm:

„Gar heiße Kämpfe vor uns standen,/ Fern aus Itschkeriens Bergeslanden/ Zu den Tschetschenen manche Schar/ Verwegnen Volks gestoßen war, “ heißt es in seinem  Gedicht „Walerik“ (Todesbach) aus dem Jahr 1840, und weiter: „Im Flußbett nun begann das Morden,/ Zwei Stunden rissen sich die Horden/ Wie Tiere, schweigend, Brust an Brust./ Der Fluß von Leichen war verleget;/ Den Durst zu stillen hatt‘ ich Lust,/ Den brennend heiß in mir erreget/ Der Kampf und Hitze – doch die Flut/ War warm und rotgefärbt von Blut./…/ ‚Wieviel wohl waren heut‘ beim Streiten?’/ ‚An siebentausend mag es sein.’/ ‚Und wieviel etwa ward erschlagen?’/ ‚Zählt selbst, ich weiß es nicht zu sagen.’/ – ‚Ja, ja!‘ – fiel ein hier irgendwer -/ ‚Sie werden dieses Tags gedenken.’/ Sein Haupt tat der Tschetschene senken/ Und blickte listig vor sich her.“

Im selben Jahr wurde in St. Petersburg Lermontows autobiographischer Roman „Ein Held unserer Zeit“ veröffentlicht – während der Autor am linken Flügel der Kaukasusarmee kämpfte, „um den Propheten Shamil zu fangen,“ wie er seinem Vetter A.A. Lopuchin schrieb. Im Roman heißt es an einer Stelle: „Ich hoffte, daß es beim Schwirren der Tschetschenzenkugeln keine Langeweile geben würde – umsonst: Nach einem Monat bereits hatte ich mich so sehr an ihr Pfeifen und an die Nähe des Todes gewöhnt, daß ich wahrhaftig weniger Aufmerksamkeit auf sie als auf das Summen der Mücken verwandte und mich nur noch ärger als zuvor langweilte, da ich meine letzte Hoffnung verloren hatte.“ Er geht auf die Jagd und verliebt sich in eine Einheimische – aber auch das langweilt ihn bald. Endlich beschließt er, seinen Abschied zu nehmen und nach Persien zu reisen. Vorher nimmt er jedoch noch einen Genesungsurlaub im  nordkaukasischen Kurort Pjatigorsk. Dort wird er bei einem Duell getötet. Die russisch-sowjetische Forschung geht trotz mangelhafter Beweise davon aus, dass sowohl Puschkin als auch Lermontow einer von der zaristischen Geheimpolizei initiierten „Verschwörung“ zum Opfer fielen. Von Lermontow erschien nach seinem Tod u.a. noch ein kurzer Prosatext mit dem Titel „Der Kaukasier“. Der Philosoph Michail Ryklin schreibt, daß er zeigt, „wie schon damals die im Kaukasus dienenden russischen Offiziere nach und nach die kaukasischen Sitten zu verstehen begannen, die Sprache erlernten und stolz waren auf ihre Freundschaft mit den berittenen kaukasischen Kriegern, den Dschigiten.“

1851 kam Leo Tolstoi als „Volontär“ (Feuerwerker im 4. Rang) in den Kaukasus. Er wird zusammen mit seinem Diener in das kosakische Wehrdorf Nowomlinsk an der Tereklinie einquartiert. Bereits im Jahr darauf schrieb er seine erste Erzählung über den Krieg – gegen die auf der anderen Flußseite lebenden Tschetschenen: „Der Überfall“. Dort heißt es: „Der Feind zieht sich, ohne die Attacke abzuwarten, in den Wald zurück und eröffnet von da aus das Gewehrfeuer. Immer häufiger kommen die Kugeln herübergeflogen.“ Ein Major bemerkt dazu: „Charrmant! Der Krieg in einem so schönen Land ist ein wahres Vergnügen.“ Die Dragoner, Kosaken und Infanteristen stürmen schließlich „mit sichtlicher Freude“ ein von den Bewohnern verlassenes „rebellisches Dorf: Hier stürzt ein Dach ein, oder es wird mit einer Axt gegen hartes Holz gehämmert und eine Brettertür aufgebrochen; dort geht ein Heuschober in Flammen auf, ein Zaun, eine Hütte brennt, und in die klare Luft steigt eine dichte Rauchsäule auf. Ein Kosak schleppt sich mit einem Sack Mehl und einem Teppich ab; ein Soldat kommt strahlend mit einer Blechschüssel und irgendwelchen Lumpen aus einer Hütte; ein anderer macht mit ausgebreiteten Armen auf zwei Hühner Jagd, die gackernd an einem Zaun hin und her rennen; ein dritter hat irgendwo einen riesigen Topf mit Milch aufgestöbert, trinkt aus ihm und schleudert ihn dann laut lachend auf die Erde.“ Zwei Soldaten nehmen einen alten Mann gefangen, der nicht mehr fliehen konnte und sich versteckt hatte: „Er wurde für den Austausch von Gefangenen gebraucht“. Auch tote Tschetschenen sind noch nützlich: Sie werden an ihre Angehörigen verkauft – d.h. von ihnen „ausgelöst“.

Tolstoi schildert so einen Fall in seiner 1852 begonnenen aber erst 1862 abgeschlossenen Novelle „Die Kosaken“. Ähnlich wie Lermontow war auch er an der Kaukasusfront die meiste Zeit damit beschäftigt, sich zu verlieben und auf die Jagd zu gehen, wobei er sich – à la Turgenjew – mit einem alten Kosaken anfreundete, der fast als einziger Dorfbewohner Tolstoi gelegentlich Gesellschaft leistete: „Der Kosak haßt den ritterlichen Bergbewohner, den Dschigiten, der seinen Bruder getötet hat, instinktiv weniger als den Soldaten, der bei ihm untergebracht ist, um sein Dorf zu verteidigen, der ihm aber seine Hütte mit Tabak vollraucht. Er achtet den Bergbewohner, seinen Feind, er verachtet den Soldaten, der ihm ein Fremder und ein Bedrücker ist.“  In seiner Einsamkeit liest Tolstoi viel, grübelt über eine „Theorie des Glücks“ und des „echten Mutes“ und schreibt – in der dritten Person: „Er erinnerte sich, wie trefflich er sich in der Gefahr gehalten hatte, daß er nicht schlechter gewesen als die anderen und daß er nun ganz in die Kameradschaft der tapferen Kaukasier aufgenommen sei“ – die er jedoch meist meidet. Dennoch glaubt er, „hier ein neuer Mensch, unter neuen Menschen sich einen neuen guten Namen erwerben“ zu können, und spielt sogar mit dem Gedanken, sich im Wehrdorf ganz fest zu setzen – so ist er von den Kosaken, dem schlichten bäuerlichen Leben „in Wahrheit“,  und von der Schönheit ihrer stolzen Frauen, die „in sich selbst ruhen“, angetan. Ihr kriegerischer Übermut gilt ihm  aber gleichzeitig auch als ein „Unsinn“ und eine „Verirrung“: „Ein Mensch hat den anderen getötet und ist glücklich, zufrieden, als hätte er die schönste Tat in der Welt vollbracht“. Tolstois Novelle endet mit der Schilderung einer Jagd auf Tschetschenen, an der er sich jedoch nur noch als Zuschauer beteiligt. Anschließend liegen neun „Tschetschenzen mit ihren roten Haaren und geschorenen Schnurrbärten tot und verstümmelt am Boden“, aber auch einige Kosaken leben nicht mehr. Weil das Mädchen, dem er einen Heiratsantrag gemacht hat, in ihrer Trauer um sie zu ihm sagt: „Geh‘, Verhaßter!“ verläßt er das Dorf, um sich bald darauf – als Offizier – am Krimkrieg zu beteiligen. Diese neue russische Front führte im übrigen dazu, daß die Tschetschenen von den Engländern, Franzosen und Türken mit Kanonen und Gewehren unterstützt werden. Da sie sich zuvor aber bereits mehrmals gegen das strenge Regime Shamils erhoben hatten, ist das Imamat bald nicht mehr der neu herangeführten russischen Armee von 240.000 Soldaten gewachsen: 1859 ergibt sich Shamil und wird nach Kaluga verbannt, 1870 darf er nach Mekka auswandern.

Zu Beginn des Krimkrieges 1853 schrieb Tolstoi noch eine weitere Erzählung über den Tschetschenenkrieg: „Der Holzschlag“. Hier versucht er sich an einer  Typologie des russischen Soldaten. Diese sind ausgerückt, um auf feindlichem Gebiet einen Wald zu fällen, wobei sie von Dschigiten angegriffen werden – es gibt Tote und Verwundete auf Seiten der Russen, die sich bereits auf dem Rückzug befanden.

In der 1896 begonnenen und 1905, d.h. fünf Jahre vor seinem Tod beendeten Erzählung „Hadschi Murat“ geht es um den gleichnamigen Na’ib (Stellvertreter) von Shamil, der abtrünnig wird und sich in die Obhut der Russen begibt, um mit ihnen die Truppen des Imam zu bekämpfen. Shamil hält jedoch Hadschi Murats Familie in Geiselhaft und die Russen zögern, ihm Truppenteile zu unterstellen. Mit einer kleinen Gruppe von Getreuen setzt er sich schließlich auch von ihnen ab, wird aber verfolgt und dabei getötet. Ein Kosak trennt seinen Kopf ab und reitet damit „die ganze Frontlinie entlang von Ort zu Ort“, um ihn überall zu zeigen. „Aber ein ganzer Kerl war er trotz alledem,“ sagt ein Major, „laß mich mal, ich will ihn küssen“. Auch die anderen Offiziere loben den  mutigen Dschigiten. Nur eine Kosakin, die Gefährtin des Majors, ist wütend und traurig: „Ihr seid allesamt Mörder. Ich kann das nicht ertragen…,“ sagt sie und wendet sich ab. „Das gleiche kann jedem widerfahren,“ versucht ein Offizier sie zu beschwichtigen, „das ist der Krieg.“ „Ach was – Krieg“ fährt sie ihn an, „was ist denn das für ein Krieg? Ein Hinmorden ist das, nichts weiter!“ Tolstois Biograph Viktor Schklowski schreibt, über diese Frau möchte der Dichter „nur Gutes aussagen“ und ferner, daß er „den poetischen Triumph Hadschi Murats von langer Hand vorbereitet“ habe.

Während die meisten heutigen russischen Autoren und Journalisten – spätestens seit dem immer noch andauernden Zweiten Tschetschenienkrieg nach dem Zerfall der Sowjetunion – die „antiterroristischen Operationen“ der Armee im Kaukasus fast durchweg als Kampf gegen einen barbarischen Gegner begreifen, der nicht einmal vor Gefangenenhandel und Geiseltötung zurückschreckt, sind es auch hier  jetzt wieder zwei Frauen, die das sinnlose „Hinmorden“ beklagen und es sogar wagen, sich zwischen die Fronten zu begeben, um die Öffentlichkeit aufzuklären: Von russischer Seite aus ist das die Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja und von tschetschenischer Seite  die französische Reporterin Anne Nivat.

Die Äußerungen der russischen Präsidenten ähneln unterdes denen von Jermolow: „Dieser Krieg ist die Endlösung des tschetschenischen Problems,“ meinte Boris Jelzin, und Wladimir Putin fügte später hinzu: „Man muß sie wie Ungeziefer vernichten!“ Es gibt jedoch auch zwei russische Autoren, die sich um eine differenziertere Darstellung des Krieges  bemühten – nicht zufällig haben sie für ihre Werke den Titel von Puschkins Poem „Der Gefangene im Kaukasus“ wieder aufgenommen: Einmal handelt es sich um einen Film von Sergej Bodrow. Er wurde 1996 gedreht, kurz vor Ende des Ersten  Tschetschenienkrieges. (Der Zweite begann 1999 mit dem Einmarsch des sich in der Tradition von Imam Shamil begreifenden Feldkommandeurs Shamil Bassajew in Dagestan, dessen „Partisanen“ der russische Innenminister Stepaschin ein Jahr später mit einem „Schutzkorridor“ isolieren wollte, wobei „der Terek die natürliche Grenze gegen die Banditen und ihre Überfälle“ sein sollte.) In Bodrows Film geht es um zwei gefangene russische Soldaten, die der Patriarch eines tschetschenisches Dorfes gegen seinen von den Russen gefangengehaltenen Sohn eintauschen will, aber seine jüngste Tochter verliebt sich in einen der Soldaten und befreit sie. Ihr Fluchtversuch scheitert jedoch, zur Vergeltung wird einer der beiden umgebracht, dem anderen droht  das gleiche Schicksal, aber die Tochter bittet für ihn um Gnade: „Der Kreislauf der Rache wird für einen Moment durchbrochen, aber der Krieg geht weiter,“ heißt es dazu abschließend in einer Rezension.

Bei der zweiten Anspielung auf  Puschkins „Der Gefangene im Kaukasus“ handelt es sich um eine 2004 veröffentlichte Novelle von Wladimir Makanin: Hier nehmen die Russen neun Tschetschenen gefangen, wobei einer der Bewacher sich in den jüngsten verliebt. Beim Versuch, ihn auszutauschen gerät sein Bewacher in einen Hinterhalt. Um auf sich aufmerksam zu machen,  fängt der junge Tschetschene an zu schreien. Aus Angst, entdeckt zu werden, erwürgt ihn daraufhin der Soldat, was ihm später Alpträume beschert. Dabei hatte er sich alles so schön ausgedacht – ähnlich wie es bereits Tolstoi in seiner Erzählung „Der Überfall“ schilderte: Ein Offizier hatte einen der rebellischen Tschetschenen am Bein verwundet und gefangen genommen. „Während der folgenden sieben Wochen hauste der verwundete Tschetschene im Quartier des Leutnants, der ihn wie seinen besten Freund hegte und pflegte und reich beschenkt entließ, als er genesen war.“ Aber Tolstoi hatte damals auch bereits davor gewarnt, etwa „angeregt durch die Lektüre Lermontows, die Rolle verwegener Dschigiten spielen zu wollen. Diese Leute sehen den Kaukasus nicht anders als durch das Prisma der Helden unserer Zeit.“

Und schließlich:

Somalia

Die im Anschluß an die Oktoberrevolution entstandene sowjetische Bürgerkriegsliteratur gehört zu der großartigsten, die es überhaupt gibt. Man vergißt darüber fast das Schreckliche daran. Dabei heißt einer der berühmtesten und modernsten Bürgerkriegsromane – von Artjom Wesjoly: „Russland in Blut gewaschen“. Der athenische Reformer Solon machte es einst im Bürgerkriegs für jeden zur Pflicht, sich einer der bekämpfenden Parteien anzuschließen. Später kritisierte er zwar dieses Gesetz, aber tatsächlich macht es gerade die Dynamik eines Bürgerkriegs aus, dass sich ihm so gut wie niemand entziehen kann, nicht einmal die ins Ausland geflüchteten. Dies legen jetzt noch einmal die Bücher des somalischen Schriftstellers Nuruddin Farah nahe: Vor einiger Zeit erschien auf Deutsch von ihm ein Band Gespräche mit Exilierten: „Yesterday, Tomorrow“ und danach der Roman „Links“, in dem es um einen Rückkehrer nach Mogadischu geht, der Hauptstadt, die noch immer geteilt ist in zwei Einflußspähren von Warlords. Sie rekrutieren ihre Truppen unter den arbeitslosen Nomaden im Süden. Diese werden als Bodyguards an ausländische Delegationen vermietet. Daneben kassieren sie Schmier- und Schutzgelder von ausländischen Firmen, die in Somalia Geschäfte machen. Auch die Einheimischen müssen zahlen: Mautgebühren für die Straßenbenutzung und Zölle für alle Waren, die sie an den Kontrollposten der Warlords vorbeischleusen. Die Truppen der Warlords agieren halbautonom, es sind zumeist Jugendliche, die mitunter aus reinem Vergnügen irgendwelche Passanten oder Kinder erschießen. Die Warlords sichern sich ihre Loyalität, indem sie sie mit Munition und billigen Drogen versorgen.

Der Rückkehrer sucht seine alten Freunde auf, sie diskutieren darüber, was der Bürgerkrieg bewirkt hat, auch in ihnen. Da es sich um gebildete Somalier handelt, sehen sie den Konflikt als einer zwischen dem modernen „Ich“ und dem traditionellen „Wir“, das nach den Kämpfen als Clanverbundenheit neu erfunden wurde. In den Industrieländern würde man es genau andersherum sehen, d.h. das „Ich“ als blutsverwandtschaftlich gebundenes Warenanhängsel, das „Wir“ dagegen als freie wahlverwandtschaftliche Assoziation.

Somalia wird schon seit langem kolonialisiert: Erst kamen die Araber, dann die Italiener, die Russen und schließlich die Amerikaner. 1992 auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs wurde der Diktator Siad Barre vertrieben, woraufhin der Staat im Krieg  zwischen  verschiedenen „Kriegsherren“ (als „Kräfte des freien Marktes“) unterging. Die wirkliche Zerstörung des Landes bewirkten jedoch die neoliberalen Erpressungsaktionen von IWF und Weltbank: Bis in die 70er-Jahre hinein war Somalia eine ländliche Tauschwirtschaft von Hirtennomaden und Kleinbauern. Aber dann wurde die Viehhaltung kommerzialisiert und Brunnen sowie Weideland privatisiert. Die Hirtennomaden sollten verschwinden – sie verarmten; auf dem besten Land wurden Agrarprodukte für den Export angebaut, dem Staat wurde ein strenges Sparprogramm auferlegt. Er mußte jedoch immer mehr Getreide importieren, der auf den Märkten billig verkauft wurde, was die lokalen Erzeuger verdrängte und die Ernährungsgewohnheiten veränderte. Bald schwand auch die Kaufkraft der Stadtbevölkerung und die Infrastruktur brach zusammen. Gesundheits- und Erziehungsprogramme wurden eingestellt. Zugleich strömten weitere Nahrungsmittel-„Hilfen“ ins Land und weil der Staat die Küste nicht mehr schützen konnte, fischten Trawler aus Europa und Japan die Gewässer vor der somalischen Küste leer.. Diesen ökonomischen Hintergrund des Bürgerkriegs diskutieren Farahs „Helden“ nicht, dafür gehen sie seinen Folgen bis in ihre Sprache nach. Einmal besuchen einige „selbsternannte Clanführer“ den reichen Rückkehrer und bitten ihn um Geld, damit ihre einzigen beiden Kampfwagen (Pick-Ups mit aufmontierten MGs und Granatwerfern) repariert werden können. Nur mit diesen können sie ihren „rechtmäßigen Platz unter den Subclans behaupten,“ meinen sie. Der Rückkehrer gibt ihnen kein Geld – und verweigert sich damit seiner Zuordnung zu einer der Bürgerkriegslager („Die Hölle, das sind die Verwandten“) –  was ihm den Aufenthalt in und zwischen den Ruinen Mogadischus nicht angenehmer macht. Am Ende gelingt es ihm dennoch, da heil wieder raus zu kommen und das Land zu verlassen, allerdings noch „ehe sich der Nebel in seinem Geist gelichtet hatte“. Will der im Exil lebende Dichter uns damit sagen, dass er den somalischen Bürgerkrieg noch immer nicht richtig versteht und deswegen weiter am Thema dran bleibt?

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  1. Zu Tschetschenien sei hier noch die 1968 aus der Slowakei geflüchtete Basler Psychologin Irena Brezná genannt.

    Die heutige Kriegsberichterstatterin besuchte 1997, „als Tschetschenin verkleidet“, ein tschetschenisches Dorf. Dort freundete sie sich mit der Menschenrechtlerin Zainap Gaschajewa an, über deren Aktivitäten sie fortan im Westen berichtete. Wenn Zainap Gaschajewa in Genf oder anderswo über den Krieg gegen ihr Volk sprach, dann übersetzte Irena Brezná für sie. Die tschetschenische Mutter war eine Reisende in Sachen Völkermord. Dafür wurde sie inzwischen auch schon mehrfach mit Preisen von Menschenrechtsorganisationen geehrt. Und die Schweizerin, ebenfalls eine Mutter, hatte sich stets „geschämt vor ihr, nicht stark genug zu sein.“

    Aber einmal, nachdem sie ihre tschetschenische Freundin – die „Kriegsfrau“ – vom Flugzeug abgeholt hatte, faßte sie den Entschluß, „ihr Widerstand zu leisten…Meine Freundin huldigte der Stärke. Und ich machte die Entdeckung, daß ihre Schwäche ihre Angst vor der Schwäche“ war. Irena Brezná sagte ihr, dass sie Migräne habe und diesmal nicht dolmetschen werde. Ihre Freundin fragte, was sie stattdessen zusammen tun könnten. „Wir gehen zum Fluß, sagte ich. Wir lassen den Krieg alleine sein, wir füttern ihn heute nicht…Der Krieg hat nicht Vorrecht auf alles…Verbeuge dich vor meinem Leben, wie ich es vor deinem tue, es ist nicht weniger wert, nur weil es nicht durch den Krieg bedroht ist. Der Zauber des Krieges fiel von mir Stück für Stück ab.“

    Die „Kriegsfrau“ brauchte einen Nachmittag, um zu verstehen. Sie befürchtete, „sie hätte mich an den Frieden verloren“. Aber dann sagte sie: „Heute war ein schöner Tag“. Die Autorin fügt hinzu: „In Tschetschenien war noch Krieg, aber wir übten in der Schweiz schon den Frieden“. In ihrem Alpenland hat man aber auch – im Gegensatz zum Nordkaukasus – Übung darin. Wie ebenso, diese und andere „Partisanenkrankheiten“ zu analysieren – sogar zu behandeln (Paul Parin war in dieser Hinsicht Pionier). In jenem tschetschenischen Dorf war die Autorin dagegen schon nach kurzer Zeit zu einer „Wölfin“ geworden – was „das Wappentier der Tschetschenen“ ist, wie sie erklärend hinzufügte – in ihrem Buch „Die Sammlerin der Seelen“.