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vonHelmut Höge 18.02.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Den Wald vor lauter Pollern nicht sehen…

Kürzlich wurde das Buch von Bruno Latour „Das Parlament der Dinge“ neu aufgelegt. Damit konnte sich die Münchner Geisteselite schon mal mit dessen „politische Ökologie“ vertraut machen, mit der er und eine Reihe von Mitstreitern sich anheischig machen, die Theorie der Umweltschutzbewegung auf die Höhe ihrer Praxis zu befördern. Das Ganze nennt sich  „Akteur-Netzwerk-Theorie“ (ANT). Sie  ist in die unterschiedlichsten „Think-Tanks“ und „Konflikt-Kommissionen“ im In- und Ausland eingesickert. Die ANT besticht in ihren konkreten Analysen von Problemen, die allgemeinen Schlußfolgerungen sind jedoch in einem gewöhnungsbedürftigen Stil verfaßt. Dieser hat aber den Charme des Neuen.

Am 8. Februar bekam der französische Wissenschaftssoziologe Bruno Latour in München den „Kulturpreis“ der Universitätsgesellschaft“, weil er „zu den einflußreichsten und gleichzeitig populärsten Vertretern der Wissenschaftsforschung (Science Studies) gehört“. Eine seltsam amerikanische Begründung, aber sei es drum, der so Ausgepreiste stellte daraufhin  in der Münchner Uni sein „Kompositionistisches Manifest“ vor. Es beinhalte nichts „Konstruiertes“, sei leicht zu „kompostieren“ und nicht „allzu weit vom ‚Kompromiß‘ entfernt“. Als erstes richtete sich sein „Kompositionismus“ gegen die „Kritik“, denn „was nützt es, Löcher in die Einbildung zu schlagen, wenn nichts Wahreres dahinter enthüllt wird?“ Als nächstes plädierte er für einen „Multinaturalismus“ – statt „die Natur“, die in einem Gegensatz zu „der Gesellschaft“ und „der Wissenschaft“ steht. Alles drei müßten wir überwinden oder jedenfalls nicht einfach als gegeben voraussetzen. Latour fühlt sich dem „16.Jahrhundert“ näher als der Moderne – der Zeit vor dem „epistemologischen Bruch“, den Hobbes und Locke mit der Trennung von Objekt und Subjekt, Fakt und Fetisch vollzogen. Sodann warf er den heutigen „Reduktionisten“ namentlich in der Biologie ihr „materialistisches Weltbild“ vor, das stets auf die „widersprüchlichste Vorstellung einer Handlung ohne Handlungsinstanz“ hinauslaufe. Wobei er jedoch einräumte, dass dieser Reduktionismus in den Laboratorien eine „enorm wichtige Handhabe“ biete, um praktische Effekte zu produzieren“.

Lebende Poller (Living Bollard Alley in L.A.)

„Kompositionisten können sich allerdings auf solch einen Trick nicht verlassen. Die Kontinuität aller Handelnden in Raum und Zeit ist ihnen nicht gegeben wie den Naturalisten: Sie müssen sie langsam und fortschreitend komponieren. Und zwar aus diskontinuierlichen Teilen.“ (Beispiel: die Naturschützer machen einen Vertrag mit Ringelgänsen und Bauern in Nordfriesland: Diese werden auf einem Teil des eingedeichten Landes geschont und jene bekommen eine Entschädigung dafür. Aber dann halten sich die Ringelgänse nicht an die Abmachung und fliegen einfach in den Raps der Bauern und diese wiederum wollen das Jagdverbot wieder lockern.)Bei Latour kommt nun – eingedenk  „Kopenhagen“, Klimaerwärmung, Genmais und Virenepidemien –  noch hinzu: Die Experimente der „Naturalisten“ sind längst den Laboratorien entwachsen und betreffen alle – d.h. jeden von uns: „Mitforscher“ von Latour genannt.

Und dabei geht es nicht mehr um „das Leben“, wie der Genetiker Francois Jacob bereits in den Siebzigerjahren hervorhob: „Heute interessiert sich die Biologie für die Algorithmen der lebenden Welt.“ 1968 hatte er noch in einer Philosophenrunde zusammen mit Michel Foucault und Claude Lévi-Strauss die „Grammatik“ (des  Lebens) gefeiert, die – wie damals deutlich wurde – in Sprachen wie Genen gleich gültig war. Ein großer Erkenntnisfortschritt – und Schulterschluß von „soft“ und „hard science“.

Latour konstatiert nun: „Aus Fakten wurden Belange.“ Wir müssen uns also alle kümmern, kämpfen – und uns  kollektivieren, oder umgekehrt. Seine „politische Ökologie“ ist das Gegenteil von einer „Öko-Politik“. Dazu gehört die Einsicht: „Kritik, Natur, Fortschritt, das sind drei der Zutaten des Modernismus, die kompostiert werden müssen.“ Aber etwas bleibt – wie er am Schluß seines „Münchner Manifests“, eingestand, und das habe dieses neue noch mit dem alten Manifest (von Marx und Engels 1847 veröffentlicht) gemein: „Der Hunger nach der Gemeinsamen Welt ist das, was vom Kommunismus im Kompositionismus steckt, mit diesem kleinen aber wichtigen Unterschied, dass sie langsam komponiert werden muß, anstatt als gegeben betrachtet und allen auferlegt zu werden.“ Latour ist optimistisch: Es scheint als sei die Menschheit „wieder in Bewegung, aus einer Utopie vertrieben, der Utopie der Ökonomie, und nun auf der Suche einer anderen, der Utopie der Ökologie.“ – Wobei seine auch noch die unbelebten Objekte mit einbezieht.Er spricht in diesem Zusammenhang von einem „Parlament der Dinge“.

Von Pollern lernen… (Photos: Peter Grosse)

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