https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/09/Pixabay_steel_CC0.jpg

vonHelmut Höge 09.03.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Hausmeisterpoller/Unikate – aus Istanbul


„Der einzige Poller in Tarlabasi – ein Transen-,
Zigeuner, Kurden-, Eierdiebe-Viertel,“ so die
Photographin dieser fünf Bilder Antonia Herrscher.

Klischees auf beiden Seiten

Seit geraumer Zeit sagt man in der Öffentlichkeit nicht
mehr „Zigeuner“, sondern spricht von „Roma und Sinti“,
auch wenn einige der von dieser PC-Begriffsreinigung
Betroffenen sich selbst weiter als „Zigeuner“ bezeichnen.
In vielen Ländern haben unterdessen die diskriminierenden
Angriffe auf Sinti und Roma zugenommen. So findet man
zum Beispiel bei der Suchmaschine Google unter „Zigeuner-
Bilder“ ein Foto von einem völlig überfüllten indischen
Personenzug, aus und an dem überall Leute hängen.
Das Foto illustriert einen deutschsprachigen Artikel
über osteuropäische „Roma-Horden“, die sich nach England
und Irland aufmachen – als „Billigarbeiter“.Dieser
rassistischen Veröffentlichung steht unter anderem eine
Meldung von der Internetseite swissinfo gegenüber:
„Immer wieder geraten Roma negativ in die Schlagzeilen.
Die ,Zigeuner‘, die nichts mit den Schweizer Jenischen
oder Fahrenden gemeinsam haben, werden meist als Bettler,
Diebe, Zuhälter, arbeitsscheues …“ beschimpft. Zu den
vielen Eintragungen und auch Bildbänden über die Roma-
und Sinti-Kultur kommen Studien und Sammlungen über
einzelne Kulturpraktiken. 1991 gründete die Romni Jana
Horvathova ein Roma-Museum, direkt im Roma-Ghetto von
Brno (Brünn). Darüber referierte sie 2004 in der Humboldt-
Universität auf dem EU-Kongress „Roma und Sinti
im Europäisierungsprozess“.

Bereits 1988 hatte mich die Berlin-Redaktion der taz auf
den Reichstags-Parkplatz geschickt, wo sommers immer eine
Kölner Roma-Sippe mit ihren Wohnwagen stand, um in
Westberlin Teppiche von Haus zu Haus zu verkaufen. Ich
sollte dort Näheres über das „Handlesen“ in Erfahrung
bringen und berichten.

Unter anderem schrieb ich dann, dass mir die Roma-
Handleserin zu viel abgeknöpft – 50 statt der vereinbarten
20 Mark -, und mich mit einer zweifelhaften Haarpraktik
abgespeist hätte (die darin bestand, dass ich ein in
Papiertaschentuch eingewickeltes Haar von mir in der
Geldbörse herumtragen sollte). Überdies sei ihre
Prophezeiung, mein weiteres Schicksal betreffend, viel zu
klischeehaft gewesen: Mir blühe eine ebenso „treue“ wie
„große blonde Verlobte“ und „zwei Kinder – ein Bub und
ein Mädel“, sowie „Gesundheit“ und „ein langes Leben“.
Als ich sie erstaunt ankuckte, fügte sie hinzu: „Ja, ja,
glauben Sie mir, andere Leute zahlen 100, 500 Mark dafür.“

Auf meinen Artikel meldete sich der Vorsitzende des
Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, aus
Heidelberg. Er beschwerte sich: Damit würde man nur alte
„Zigeunerklischees“ bedienen, von der taz würde er sinngemäß
anderes erwarten.

Neulich wurde ich in der „Anker-Klause“ noch einmal von einer
durch die Kneipen ziehenden Handleserin mit
Zukunftsvoraussagen konfrontiert. Diesmal gegen meinen Willen,
weswegen ich mich genötigt fühlte. Zwar wurde ich diesmal nur
5 Euro los (statt der zunächst vereinbarten 2), aber mich
verdrießte auch das, was sie mir dafür prophezeite: eine ebenso
„treue“ wie „große blonde Verlobte“ und „zwei Kinder“, sowie
auch „Gesundheit“ und „langes Leben“. Als ich sie daraufhin noch
erstaunter als die Handleserin am Reichstag ankuckte, wendete
sie sich ab und begann, sich den nächsten „Kunden“ vorzuknöpfen.
Und ich konnte beobachten, dass sie dort auch die Haarpraktik
mit dem Papiertaschentuch anwandte.

Auf online-artikel.de, den „kostenlosen Service für Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit“, fand ich später überraschenderweise ein
wahres Loblied auf diese Romafrauen. So hieß es dort: „Wenn die
Zigeuner aus der Hand lesen, tun sie das intuitiv, das heißt,
sie deuten die Handlinien, indem sie ihrer inneren Stimme folgen.
Diese Methode wird von Generation zu Generation weitergegeben
und bedarf eines besonderen Einfühlungsvermögens und guter
Linienkenntnis.“ Das „Zigeuner-Handlesen“ sei eine „alte Kunst“,
und man könne durchaus davon leben, wie von einem ehrlichen
Handwerk quasi. Namentlich erwähnt wurde dazu eine Edith Steller
aus Taufkirchen bei Mühldorf, die mittlerweile „interessierte
Kunden im In- und Ausland“ habe.


„Hausmeisterpoller auf dem Eisenbasar (mit vielen

Eisendreher-Buden „Tornaci“). Es ist der tollste

Basar, nur kaufen kann ich da nichts.“


„Klassisch vorm Hotel…“

„Hausmeisterpoller vor einer Bauruine, die
wie üblich als Parkhochhaus genutzt wird.“

Dieser lädierte Hausmeisterpoller steht ebenfalls
vor einem Bauruinen-Parkhochhaus.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/03/09/hand-_und_fusslesen/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.