https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/william-bout-264826_Fallback.png

vonHelmut Höge 18.03.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Die Photographin dieses Bildes war noch eingestellt auf die Suche nach provisorischen Pollern als Parkplatzfreihalter. Sie schreibt: „Eben auf der Oranien-Strasse gefunden. Eine Passantin vermutet, dass es sich um ein Bügelseminar handelt, für die Parkplätze frei gehalten werden.“ Das war schon fast richtig gedacht, denn es handelte sich dabei um zwei Männer, die wegen des frühlingshaften Wetters ihre angeblich notwendige Hemden-Bügelarbeit kurzerhand auf die Straße verlegt hatten. Als sie zwischendurch eine Pause einlegten – in der Kneipe „Schmidts Katze“ – nahmen sie ihre Bügeleisen und die Hemden mit,  die Snowbord-Bügelbretter ließen  sie jedoch stehen – als Bügelplatzfreihalter.

Wetter-Gespräche

Mit Kachelmann fing alles an. Plötzlich war er da. Mit ihm wurde „der tägliche Blick auf die Wetterkarte“ erst zu einem „Content“ und dann auch zu einem fast intellektuellen Gesprächsthema. Neulich entdeckte ich zu meiner Erschütterung im Kulturkaufhaus Dussmann schon ein ganzes Regal voller Wetterbücher. Ich hätte es ahnen können: Ein Spiegel-Kollege sprach schon 1999 davon, sich nur noch dem „Klima“ widmen zu wollen. Für mich galt da noch der alte Bundesbahn-Werbeslogan: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ – in seiner SDS-Version: Das Plakat  zeigte die Köpfe von Marx, Engels und Lenin – darüber den  Spruch „Alle reden vom Wetter“  und darunter „Wir nicht“. Von dem Plakat (des damaligen Kunststudenten Jürgen Holtfreter entworfen, der nunmehr Layouter  des „Freitag“ ist) verkaufte der SDS hunderttausende und finanzierte damit z.T. seine Verbandsarbeit. 2001 bekam ein  SWR-Feature von Regina Leßner über Ulrike Meinhof den Titel: „Alle reden vom Wetter – Wir nicht! Vom Protest zum Terror“. Das hörte sich nun fast so an, als würde das Nichtreden übers Wetter auf direktem Wege zu Mord und Totschlag führen.

Auf dem Land und besonders in der Landwirtschaft schien mir das Reden über das Wetter immer einigermaßen sinnvoll, in der Stadt dagegen sinnleer. So wie das verklemmte Gespräch einer Tischgesellschaft beim Essen, das nicht über die Thematisierung der Speisen hinauskommt, anders gesagt: die städtischen Wettergespräche kamen mir wie Verlegenheitslösungen vor. Inzwischen ist das „Klima“ jedoch global ein Thema geworden – und zehntausend Klimakritiker, Klimaexperten und „Klima-Aktivisten“ pilgerten z.B. nach Kopenhagen, um den dort versammelten Politikern ein „CO2-Stopp“ abzuringen. Ihre Philosophie ist die „Gaia-Hypothese“ des englischen Geochemikers James Lovelock. Er begreift die Erde mit ihrer Atmosphäre als einen lebendigen Organismus, in dem die Bakterien eine  Hauptrolle spielen. Es ist denn auch eine Mikrobiologin, Lynn Margulis, die zu seinen stärksten (US-)Propagandisten zählt. 2009 referierte sie über die   „Gaia-Theorie“ (!) in Berlin auf einer Darwin-Konferenz des Zentrums für Literaturforschung. Seit 2005 bereits sind auf kleinen Eisschollen ins Nichts abtreibende Eisbären ein beliebtes „Image“ aller Warner vor der „Klimakatastrophe“. Diese wird demnächst auch die berlin-brandenburgische Akademie der Wissenschaften beschäftigen.

Das Reden übers Wetter ist erst einmal so repressiv wie diese ganze Restaurationszeit, in der wir spätestens seit der „Wende“  leben. Der Semiologe Roland Barthes unterschied 1969 die Metasprache, die in der Stadt gesprochen wird, von der Objektsprache – auf dem Land. „Die erste Sprache verhält sich zur zweiten wie die Geste zum Akt: Die erste Sprache ist intransitiv und bevorzugter Ort für die Einnistung von Ideologien, während die zweite operativ und mit ihrem Objekt auf transitive Weise verbunden ist“. Zum Beispiel das Wetter: Während der Städter über das Klima spricht oder es  sogar besingt, da es ein ihm zur Verfügung stehendes „Bild“ ist, redet der Dörfler vom Wetter. Es gibt jedoch kaum noch „Dörfler“ – schlimmer noch: Auch auf dem Dorf ist das Reden über das Wetter zu einer Verlegenheitslösung geworden. Einen vielversprechenden Versuch, darüber hinaus zu gelangen, haben nun einige Wissenssoziologen um Bruno Latour mit ihrer „Akteur-Netzwerk-Theorie“ vorgestellt, die eine „politische Ökologie“ fundiert, in der kurz gesagt, auch die Tiere und Dinge Menschenrechte, d.h. Sitz und Stimme an den Verhandlungstischen, haben – also auch das Wetter, das damit jedoch nur ein Akteur, sprich: Thema in den Versammlungen, wäre. Anläßlich der Verleihung des „Kulturpreises 2010“ der Münchner „Universitätsgesellschaft“ stellte Bruno Latour kürzlich sein „Manifest“ dazu vor. Dieses neue „kompositionistische“ hat noch etwas mit dem alten (kommunistischen) gemein: „Der Hunger nach der Gemeinsamen Welt ist das, was vom Kommunismus im Kompositionismus steckt, mit diesem kleinen aber wichtigen Unterschied, dass sie langsam komponiert werden muß, anstatt als gegeben betrachtet und allen auferlegt zu werden“. Die Einbeziehung des Wetters (u.a. „nicht-menschlicher Wesen) in das sich zusammensetzende „Kollektiv“ gleicht also einer  „friedlichen Revolution“ – so habe ich ihn verstanden. Und tatsächlich bemüht sich auch die neue taz-onlineredaktion „bewegung.de“ schon aktiv um das Klima.

P.S.: Der Kasseler Dialogforscher Martin Reuter schrieb gerade:

„Ich hab mich mit einem Umweltmeteoreologen von der  Uni-Kassel verabredet, um die AKTEURE im Klimapoker mal näher zu beleuchten. Hier kannze schonma unsere Unterhaltung überes „Wetter“ hören: http://kassel-zeitung.de/cms1/index.php?/archives/9336-Freisprechanlage-auditiv-Wetter.html

Zur Erinnerung:

„Die Glühbirnenfrage ist noch nicht gelöst!“ (Peter Grosse, der übrigens gerade eine Ausstellung bestückt hat, über die ein Rezensent schreibt: „PLG grosse zeigt in der wilhelmshavener sezession nordwest derzeit seine Arbeiten. In einem gesamtraum mit einer spurensicherung ausgesuchter helgolandia und seinen objektkästen gelingt PLG, was im akademischen kuratorenkunstbetrieb unter eventzwang nicht mehr möglich scheint: eine raum- und konzeptbezogene arbeit, die ohne schwellen zugänglich wird und neben guten arbeiten auch noch die idee des soziokulturellen ansatzes in die gegenwart holt“.) Das Photo hier von PLG wurde allerdings nicht auf Helgoland und auch nicht in Wilhelmshaven, sondern in Pennsylvania aufgenommen.  Erwähnt sei noch, dass die Wetterfahnen-Blogger Schröder und Kalender kürzlich berichteten: „Vorgestern erhielten wir Post vom Objektkünstler PLG Friesländer.“ Er hatte ihnen einen thematisch auf sie angespielten „Objektkasten“ geschickt.

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/03/18/gutes_wetter/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.