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vonHelmut Höge 22.03.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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(Our Equipment at night)

Poller-Pause

Es gibt eine Theorie – aus Frankfurt am Main, wonach die Bürohäuser nachts miteinander kommunizieren, und zwar über Lichtstrahlen. Wir haben noch nicht gelernt, ihre „Sprache“ zu entziffern. Man weiß aber inzwischen, dass in den abends verlassenen Hochhäusern mal hier und mal da irgendwelche Lichter an- bzw. ausgehen, dass plötzlich ein beleuchteter Fahrstuhl – leer – nach unten oder nach oben fährt – und Ähnliches geschieht. Es gibt eine ganze Schule – um Micky Reemann, die sich um ein Verständnis dieser nächtlichen Bürohaus-Unterhaltung bemüht.

Was aber ist mit den Geräten im Inneren der Büros? Ich sitze oft nachts alleine im vierten Stock der taz-Zentrale in der Rudi-Dutschke-Straße am Schreibtisch. Wenn ich die Deckenleuchten auslasse, blinken überall im Großraum kleine grüne und rote Lichter: am Kopierer, an den Druckern, an den Cursormäusen der PCs, an den Nicht-abgehörten Anrufbeantwortern, dem Fernseher, dem DVD-Player usw. Und manchmal geht ein Bildschirm an, anderswo geht er mit einem leisen Klick  aus, auch die anderen Geräte stellen sich  manchmal von selbst an – und wieder aus, eine Art Probelauf oder Selfcheck? Vielleicht will das Gerät aber auch etwas damit sagen – einem anderen Gerät nämlich…?

Indoor-Poller, die sich auf den Kopf gestellt haben

Wir wissen aus der Geschichte von „Byron, der Birne“ (in Thomas Pynchons Roman „Ende der Parabel“), dass sie nachts versuchte, die anderen Glühbirnen zum Widerstand gegen das Glühbirnenkartell (in dem Siemens/Osram  einst führend war) aufzurufen. Wie verhält es sich nun mit dem ja durchaus möglichen Elektronikkartell (angeführt von Microsoft, Apple und Hewlett-Packard), d.h. versuchen deren  Geräte jetzt auch, sich dem Kartelldiktat nach immer kürzerer „Lebensdauer“, d.h. immer schnelleren Produktzyklen,  zu widersetzen bzw. zu entziehen? Oder, schlimmer noch: Arbeiten sie wohlmöglich nachts – scheinbar ausgeschaltet – gerade im Auftrag des Kartells gegen die Kunden, d.h. gegen uns, denen sie tagsüber treue Dienste leisten – als harmlose Rechner, exzellente Kopierer, mit immer mehr Funktionen ausgerüstete Hightech-Telefone usw.?

Eine zeitlang wurde ich beruhigt:  Da entdeckte ich nachts, bei Licht am Schreibtisch sitzend, einige Mäuse im vierten Stock. Sie liefen über die Regale und Tische und wenn sie dabei zufällig eine Computertastatur berührten, ging das entsprechende Gerät mit einem lauten „Ach!“ bzw.  „Klack!“ an, woraufhin die  Mäuseschar sich blitzartig irgendwohin verkroch. Es dauerte aber nur ein paar Minuten, dann wagten sich die vorwitzigsten erneut hervor. Sie durchsuchten alles: In der offenen Schublade des Medienredakteurs fielen sie z.B. über eine angebrochene Tafel Nußschokolade her.

Vollrohr-Poller kurz vor der Aufstellung

Nachdem immer mehr Leute im Haus von den „Mäusen im Vierten“ erfahren hatten, und man herausfand, dass sie sich in den Kabelschächten unterm Fußboden eingerichtet hatten, wurde der englische Kammerjägerkonzern „Rentokil“ eingeschaltet, mit dem die taz schon vor Jahren einen Dienstleistungsvertrag abgeschlossen hatte, die Vernichtung von Schadinsekten und -nagern im Haus betreffend. Das bezog sich insbesondere auf das regelmäßige Auslegen von Rattengift in den ausgedehnten Kellerräumen der kleinen Zeitung.

Als ich mich dort wieder einmal nachts im vierten Stock an den Schreibtisch setzte, waren die Mäuse verschwunden – und sie blieben es auch.  Wie hatte „Rentokil“ das bloß geschafft? Ich schaute mir im Internet die Aktienperformance dieses Weltmarktführers an: Sie hatte Anfang letzten August fast ihren Jahreshöchststand vom Oktober 2005 wieder erreicht, war dann aber im Laufe des Monats wieder stark abgefallen. Das sagte mir alles nicht viel. Ebensowenig, dass der Konzern „ständig neue umweltverträgliche Dienstleistungen und Technologien für noch effizientere Detektion, Bekämpfung und Vorbeugung entwickelt“, wie er auf seiner Webpage prahlt. Als „Schädling des Monats“  wurde dort im übrigen die Schwarzgraue Wegameise ausgezeichnet. Die hatten wir unten vor dem taz-Gebäude auch, aber niemand rief deswegen nach den Kammerjägern, im Gegenteil: einige taz-Autoren schrieben sogar anrührende Artikel über diese Ameisen, während sie unten im Café-Garten saßen und sie beobachteten.

Obwohl oben im vierten Stock keine Mäuse mehr waren, gingen die Geräte weiterhin nachts an und aus und ließen kleine grüne oder rote Lämpchen aufblitzen, wie ich schnell bemerkte. Manchmal erschrak ich regelrecht und wenn dann plötzlich auch noch ein Ventilator in einem Rechner leise aufjaulte, konnte es sogar unheimlich werden.

Kette aus lebenden und toten Hotel-Pollern

Eine Weile führte ich eine Strichliste darüber, wann welches Gerät sich wie zu Wort gemeldet hatte, fand aber keinen Sinn darin – und gab es bald wieder auf. Wie in einem guten Gruppengespräch waren die Beiträge, so schien es mir jedenfalls, ziemlich gleich verteilt, mit Ausnahme zweier extrem unruhiger Laserdrucker, die unmotiviert von rot (Achtung) auf grün (Bereit) hin und her sprangen,  und einer Cursormaus am Computer der Wahrheits-Redakteurin, die permanent ungesund flackerte. Sie, wie auch zwei, drei andere Geräte mit Rotlicht-Anzeigen signalisierten nebenbeibemerkt im Laufe der Nacht in immer gelberen Farbtönen. Das mußte natürlich nichts bedeuten, stutzig machte  mich jedoch, das gleichzeitig die roten Lämpchen an den Telefonen, die die Anrufe auf den ABs anzeigten, zu tanzen begannen, will sagen: dass ihr Lichtschein  wackelte, nicht wie bei einem  Wackelkontakt an und aus, sondern hin und her. Vielleicht hatte ich sie auch ganz einfach zu lange angestarrt? Jedenfalls saß ich inmitten eines angeregten Photonen- und Maschinengeräusche-Austauschs, der langsam erlosch bzw. verstummte, sobald ich eine oder gar alle Deckenleuchten anmachte – und ebenso langsam wieder anhub, wenn ich das Licht im Großraumbüro ausschaltete und im Dunkeln da saß, mich nicht rührte.

Das gab mir das Gefühl, ich störte die Geräte mit meiner Anwesenheit in ihrem Raum nach Feierabend. Ob sie Böses aushecken (wollten), kann ich nicht einmal sagen. Ebensowenig, ob ihr Tun bis auf die  heutige Nacht und darüberhinaus anhält, aber davon muß man wohl ausgehen.

Von einem Nachtwächter im GSW-Hochhaus nebenan, das noch viel größer als die taz-Zentrale ist und zudem ein „Öko-Hochhaus“, d.h. das es noch viel mehr sich selbst kontrollierende und regulierende Technik/Elektronik hat, erfuhr ich neulich mehr über den Inhalt der nächtlichen Gerätekommunikation. Er meinte, das war nicht immer so, dass die sich untereinander mit Schallwellen und Photonen, also quasi persönlich, und nicht automatisch über ihre elektrischen Verbindungen verständigten. Aber inzwischen würden sie sich schwer herausgefordert fühlen und müssten damit fertig werden, dass den Computern von den Gerichten immer mehr „Personenrechte“ zugestanden werden – seitdem wir bereit sind, z.B. mit Geld- und Fahrscheinautomaten sowie Computerprogrammen im Internet „faktische Verträge“  abzuschließen. Demnächst würden sogar „Computer auf beiden Seiten des Vertragsverhältnisses agieren“, wie der Rechtssoziologe Gunther Teubner schrieb.

Der Jurist Andreas Matthias ließ sich davon bereits zu einem grundsätzlichen „Plädoyer für die Rechtsverantwortung von autonomen Maschinen inspirieren“  („Automaten als Träger von Rechten“, heißt sein Buch dazu, das im Verlag „Logos Berlin“ erschien). Ein Rezensent schrieb: „Der Autor vertritt die Auffassung, dass Betreiber und Hersteller von Maschinen mit künstlicher Intelligenz keine Kontrolle mehr über diese haben. Denn nur die Maschinen haben die vollständige Kontrolle über den von ihnen ausgeführten Vorgang und sollen somit auch die Verantwortung für etwaige Fehler bzw. Schäden übernehmen.“

Vibrierender Kipp-Poller (selten)

Dieser unaufhaltsame Prozeß, den Geräten immer mehr Verantwortung zu übertragen, so der GSW-Nachtwächter, stehe in engem Zusammenhang mit dem Bemühen der Neurobiologen und sonstigen Gehirnforscher, uns Verantwortung abzusprechen. Ihrer Einschätzung nach könne der Mensch deswegen nicht für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden, weil die physikalisch-chemische Deutung unserer Gehirnvorgänge die „Willensfreiheit“ bereits als bloße Fiktion entlarvt habe. Der Mensch sei, technisch betrachtet, eine „Fehlkonstruktion“. Der Philosoph Günther Anders zitierte dazu einen US-Offizier, der den Menschen als eben  „faulty“, als nun mal fehlerhaft, bezeichnete. Er sei bestenfalls „bloß noch ‚Mit-Tuender‘ in einem Betrieb, egal ob er Waschmaschinen oder Massenvernichtungsmittel“ herstelle.

„Ein Gerät wird von uns gehandhabt, Maschinen haben uns in der Hand“, so sagte es Günther Anders. Und damit befindet sich nun laut Bruno  Latour die stärkere Moral quasi automatisch auf ihrer Seite. Unter dem US-Pseudonym  Jim Johnson behauptet der französische Wissenssoziologe Latour – speziell  im Hinblick auf seinen eigenen neuen Personalcomputer:  „Trotz des steten Unbehagens von Moralisten ist kein Mensch so unerbittlich moralisch wie eine Maschine.“

Seitdem ich das nun weiß, ist mein Vertrauen in die sich untereinander verständigenden Geräte erheblich gestiegen, d.h. dass sie nachts nichts gegen uns und das sogenannte „taz-projekt“ unternehmen (wollen). Ganz ruhig  sitze ich seitdem an meinem Schreibtisch, tippe Texte wie diesen und tue so, als würde ich die ganzen Geräte und ihr optisch-akustisches Geschnatter um mich herum gar nicht wahrnehmen. Nur manchmal läßt mich noch ein unbekanntes Geräusch zusammenzucken. Aber das ist vielleicht ganz normal.

Alberne Poller-Reihe (alle Photos von Peter Grosse)

P.S.: Man unterscheidet in der Hightech-Branche Software von Hardware und Wetware (in Russland dazu noch Samoware). Mit Wetware sind die mit der Technik arbeitenden Menschen gemeint:- für sie wurde dieser Text in das sogenannte Netz gestellt  – zur Warnung.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/03/22/was_machen_die_geraete_eigentlich_nachts/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Wie erwähnt machen sich die Neurophysiologen bzw. -biologen anheischig, das Bewußtsein dumpfmaterialistisch auf einige chemische und physikalische Prozesse zu reduzieren. Dabei haben sie festgestellt, es gibt keine „Willensfreiheit“ – und folglich auch keine individuelle „Verantwortlichkeit“ – z.B. bei Straftaten.

    Dagegen kommt nun von links und rechts Protest.

    Von links: Thomas Metscher in seinem neuen Buch »Logos und Wirklichkeit«:

    Gesellschaftliches Bewußtsein ist so wenig auf Ideologie reduzierbar wie es – auf der anderen Seite der Medaille – auf Neurophysiologie reduzierbar ist. Trotz beeindruckender Ergebnisse der neuesten Gehirnforschung und des selbstbewußten Auftretens ihrer prominentesten Vertreter: Die Analyse des physiologisch-materiellen Trägers von Bewußtsein erklärt nicht das menschlich-gesellschaftliche Bewußtsein in der Gestalt seiner geschichtlichen Konkretionen. Die Werke der Kultur, die Produkte menschlicher Arbeit, sie alle sind in ihrem kulturellen So-Sein, in Form, Funktion und Bedeutung neurowissenschaftlich nicht zugänglich. Keine neolithische Steinsetzung, kein Satz des Heraklit, kein Shakespeare-Sonett, keine Schostakowitsch-Sonate wird in Form, Funktion und Bedeutung gehirnphysiologisch zu erklären sein, von der Odyssee, der Lyrik Chinas, dem »Faust«, der Neunten Sinfonie, Hegels »Logik« oder der Relativitätstheorie gar nicht zu sprechen – so wenig wie die »Gehäuse des Eilands Manhattan«, der Shell-Konzern, die Deutsche Bank, Folterwerkzeuge, Guantánamo, die Gaskammer oder die frisch errichtete »Spitzelzentrale« des Bundesnachrichtendiensts neurowissenschaftlich in Form, Funktion und Bedeutung zu erfassen sind; alles Produkte, an denen der menschliche Kopf, vulgo Bewußtsein, in nicht geringem Umfang beteiligt war. Für eine solche Erklärung muß man sich auf die Sachen selbst einlassen, und dazu gehören die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie hervorbrachten. Es führt kein Weg daran vorbei. Haugs Polemik besteht daher zu Recht: »Was der Hirnforschung kaum dämmert, ist die Einsicht, daß sie, solange sie vom Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse der menschlichen ›Gehirnbesitzer‹ abstrahiert, das Rätsel des Bewußtseins nicht lösen kann, weil das ›Licht des Geists‹ sich im Gewebe gesellschaftlicher Praxis entzündet« (Haug).

    Dabei ist unmißverständlich festzuhalten: Wenn hier von Bewußtsein die Rede ist, so ist das menschliche (»gesellschaftliche«) Bewußtsein gemeint. »Gesellschaftlich« bezieht sich auf Menschenwelt. Von dieser wird gehandelt, nicht vom Bewußtsein anderer Wesen. Bezogen auf Menschenwelt ist das Bewußtsein gesellschaftlich. Individuelles Bewußtsein ist ein Modus des gesellschaftlichen, nicht umgekehrt. Vereinzeln kann sich der Mensch nur, sofern er sich vergesellschaftet hat – Individualität ist Gestalt gesellschaftlichen Seins. Menschliches Bewußtsein ist gesellschaftliches Bewußtsein, und als gesellschaftliches individuelles. Von diesem Bewußtsein wird gehandelt, insofern es sich zeigt, insofern es in der Welt ist: als bewußte menschliche Tätigkeit und als System ihrer Vergegenständlichungen.

    Menschliches gesellschaftliches Bewußtsein, das ist die hier vertretene Grundthese, läßt sich angemessen allein »gegenständlich«, in seinen Tätigkeiten und Produktionen, begreifen, in der Vielgestalt seiner historisch auftretenden Formen, als struktureller Bestandteil des geschichtlichen Ensembles gesellschaftlicher Verhältnisse. Bewußtsein ist als Konkretum nur zugänglich über seine Werke. Der Mensch ist bewußte Lebenstätigkeit, Bewußtsein ein Anthropologicum. »Das Bewußtsein ist es«, so Koflers prägnante Formulierung, „das das erstaunliche Werk der menschlichen Tätigkeit, ununterbrochen Gesellschaftlichkeit zu produzieren, ermöglicht“.

    In der menschlichen Welt ist Bewußtsein ein ubiquitäres Phänomen. Es ist unmittelbar als Sprache gegeben. Es ist lebenspraktisch präsent als Bewußtsein des Alltags. Es ist konstitutiver Bestandteil menschlicher Arbeit, menschlicher Lebenstätigkeit überhaupt. Es existiert in Gestalt eines welterschließenden elementaren Logos, der Bedingung menschlicher Reproduktion wie kultureller Weltbildung ist. Es existiert als Erkennen, Wissen, Verstehen, in den Grundformen symbolischen und begrifflichen Denkens, den Typen der Rationalität, den objektiven Formen von Religion, Mythos, Kunst, Wissenschaft und Philosophie. Es besitzt, als soziales Verhältnis und institutionelle Realität, den Charakter von Ideologie. Es hat so auch seine Existenz als ideologische Form. Es besitzt eine fundamental konstitutive Funktion im Prozeß der Zivilisation – es ist Baumeister menschlicher Welt.

    »Bewußtsein«, das sehen wir, ist ein Phänomen von höchster Komplexität. Im Rahmen marxistischer Theorie wird es zu Unrecht oft als »Sekundärphänomen« behandelt. Aus der Tatsache jedoch, daß es kein ontologisch »Erstes«, sondern ein »Zweites« ist, folgt nicht, daß es für das menschliche Dasein von nur zweitrangiger Bedeutung sei. Die Kategorie des Bewußtseins betrifft alle Ebenen menschlichen gesellschaftlichen Seins. Es ist »nun einmal nicht zu vermeiden«, schreibt Engels im »Feuerbach«, »daß alles, was einen Menschen bewegt, den Durchgang durch seinen Kopf machen muß – sogar Essen und Trinken« (MEW 21, S.281). Eine Theorie des gesellschaftlichen Bewußtseins kann sich daher auch nicht auf die erkenntnistheoretisch-epistemologische Ebene beschränken. Sie hat Bewußtsein als Wirklichkeitstruktur, in seiner Genesis in den Prozessen menschlicher Reproduktion, (sie hat Bewußtsein – jW) als Bestandteil gegenständlicher, als Glied des Ensembles gesellschaftlicher Verhältnisse zu erfassen und in der Pluralität seiner Manifestationen zu erforschen. In diesem Sinn wird hier von einer »Ontologie des gesellschaftlichen Bewußtseins« gesprochen.

    Die Theorie des gesellschaftlichen Bewußtseins distanziert sich vom Grundansatz her auch von der Philosophie des Selbstbewußtseins, wie sie Dieter Henrich eindrucksvoll vertritt. Denn ist »Selbstbewußtsein« auch eins ihrer zentralen Konzepte, so kann dieses doch materialistisch nie als ontologisch Erstes, sondern allein als vermitteltes Zweites genommen werden. In ausdrücklicher Opposition steht sie zu der neurowissenschaftlichen Bewußtseinsphilosophie. Nicht nur, daß von den neurophysiologischen und neurobiologischen Grundlagen menschlichen Bewußtseins hier nicht gehandelt wird (das wäre kein Grund zur Differenz: darüber zu reden, überschritte ohnehin die Kompetenzen des hier Schreibenden), sondern daß die philosophischen Schlußfolgerungen und Verallgemeinerungen der Gehirnforschung mit den von mir vertretenen Auffassungen nicht kompatibel sind. Ein Grundansatz, der von tätigen Menschen ausgeht, muß philosophisch zu anderen Ergebnissen kommen als ein solcher, der Menschen nur als Objekte der Beobachtung, vorzugsweise als »Versuchspersonen« unter Laborbedingungen kennt – das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse wie die »auf das geschichtlich erworbene Arsenal von Wissen und Werkzeugen gestützten Praxen« methodisch ausblendet (Weingarten/Ohm 2004, S. 274).

    Von rechts: der Jurist Winfried Hassemer – in der FAZ v. 15.6.2010:

    Die Strafrechtler haben die Sirenen der Neurowissenschaften nicht herbeigesehnt, die meisten von uns sind auch nicht süchtig nach ihren Liedern, aber ihr Gesang ist mittlerweile so angeschwollen, dass wir die Ohren vor ihm nicht mehr verschließen können.

    Zur Struktur der Strafrechtswissenschaft gehört das fundamentale Konzept der Verantwortlichkeit, und dieses Konzept ist auch in unserer alltäglichen Verständigung tief begründet. Es ruht auf einem Pfeiler der europäischen Kultur, nämlich auf dem Grundsatz von Personalität und Menschenwürde, der nicht erst mit Artikel 1 Grundgesetz für uns bestimmend geworden ist, sondern für jedes Nachdenken über Mensch, Gesellschaft und Staat auf der Höhe der Zeit. Der Grundsatz der Menschenwürde, manifestiert im Konzept der Person, durchzieht unsere gesamte Rechtsordnung wie ein roter Faden, vom Kindeswohl im Familienrecht bis zur Subjektstellung der an den rechtlichen Verfahren Beteiligten. Im materiellen Strafrecht wird er wirksam vor allem im Prinzip der Zurechnung; dieses Prinzip nimmt eine alltägliche Orientierung auf und bildet sie für die besondere Struktur des Strafrechts ab; ohne das Prinzip der Zurechnung wäre unsere Welt gänzlich anders – im Recht und im Alltag. Zu dieser Wirklichkeit haben die empirischen Wissenschaften vom Menschen keinen unmittelbaren und keinen vollständigen Zugang.

    Subjektive Zurechnung stiftet den Zusammenhang von Ereignis und Verantwortlichkeit des Menschen, der das Ereignis verursacht hat. Sie begründet Schuld. Sie setzt objektive Zurechenbarkeit voraus und treibt deren Fragestellung bis zum Konzept der Person voran. Subjektive Zurechnung erlaubt die rationale Unterscheidung und Bewertung von Graden des Dafür-Könnens, der inneren Beteiligung des Menschen an seiner Tat, von der Absicht bis zur unbewussten Fahrlässigkeit. Auch diese Unterscheidung gehört zur Kultur der Zurechnung und ist in unserem normativen Alltag tief verankert. Die Verletzung aus Unachtsamkeit ist für uns etwas ganz anderes als die Verletzung mit Bedacht – etwas anderes nicht objektiv, wohl aber subjektiv, personal. Diese Unterscheidung lässt sich überhaupt erst wahrnehmen, wenn die verantwortliche Person zum Arsenal der wissenschaftlichen Struktur gehört.

    Wer – aus welchen Gründen immer – bestreitet, dass Menschen verantwortlich sein können für das, was sie tun, entfernt einen Schlussstein nicht nur aus unserer Rechtsordnung, sondern aus unserer Welt. Er tastet die normative Grundlage unseres sozialen Umgangs an, die Anerkennung als Personen. Basis dieser Anerkennung ist die wechselseitige Erwartung, das menschliche Gegenüber begegne uns nicht als ein System aus Knochen, Muskeln und Nerven, sondern nehme uns ebenfalls als Person wahr und richte sich nach dieser Wahrnehmung.

    Wir schreiben dem anderen, wenn nicht Gegenindikatoren sichtbar sind, die Verantwortlichkeit zu, die wir an uns selbst erfahren und die wir für uns in Anspruch nehmen – nicht weil das humanwissenschaftlich bestätigt oder widerlegt wäre, sondern weil wir ohne diesen wechselseitigen Kredit nicht miteinander leben könnten. Wir haben unsere Erfahrungen damit, welche und wie viel Verantwortlichkeit wir erwarten dürfen – von Kindern, Pubertierenden, Senilen, Betrunkenen, von Egoisten und Feiglingen, und wir sind dabei oft, schmerzlich und überraschend korrigiert worden. Das hat uns aber nicht davon überzeugt, dass unsere Welt von menschlichen Maschinen bevölkert sei.

    Dies alles tun wir nicht deshalb, weil wir die jüngste humanbiologische Widerlegung von Verantwortlichkeit noch nicht zur Kenntnis genommen oder nicht verstanden haben; ich rechne auch nicht damit, dass sich an der wechselseitigen Anerkennung von Personen und an der Zuschreibung von Verantwortlichkeit in unserem Alltag und im Rechtssystem Wesentliches ändern wird, wenn sich die humanbiologischen Erkenntnisse herumgesprochen haben sollten.

    Dies deshalb, weil Verantwortlichkeit und Zurechnung nicht auf humanbiologischen Erkenntnissen, sondern auf sozialen Gründen beruhen. Sie überleben nicht aus Unkenntnis und Unvernunft, sondern aus Einsicht und Erfahrung. Sie öffnen sich einer empirischen Betrachtungsweise nur insoweit, als diese Betrachtungsweise einen Blick für das Soziale und das Normative hat: als sie sehen kann, dass Menschen mittels wechselseitiger Zuschreibung von Verantwortlichkeit miteinander umgehen, und als sie verstehen kann, dass sie dafür ihre guten Gründe haben.

  • sehr lustig und ich hatte schon immer den Verdacht, dass Geräte ein eigenleben führen.
    ( und dass Emails „nicht wirklich außerhalb der Geräte, auf denen wir sie lesen können existieren“ ist auch faszinierend und regt zu weiteren Assoziationen an)

  • Lieber Dominic,

    ich glaube noch vor den Journalisten werden die Manager durch Computer ersetzt.

    Der Peenemünder Leiter für Steuerungstechnik, Helmut Gröttrup, der danach für die Sowjets Raketen entwickelte und später für Siemens arbeitete, sagte in den späten Fünfzigerjahren bereits – in einer Rede vor Hamburger Geschäftsleuten: Die unternehmerische Freiheit sei ein bloßer Irrtum, der auf Informationsmangel beruhe.

    Um diesen zu beheben, ließ Helmut Gröttrup 1969 zusammen mit seinem Mitarbeiter Jürgen Dethloff einen “Identifikanden mit integrierter Schaltung” patentieren, aus der dann erst die Chipkarte und schließlich die Mikroprozessorkarte wurde, mit der wir alle heute an den Bankautomaten zu unserem Geld kommen.

    Die neoliberalen Manager nun denken bereits mit und in Computern – d.h. entscheiden rein nach Zahlen-Sachlage.

    Insofern können sie schon bald auch von Computern ersetzt werden.

    gruß
    h.h.

  • Die Frage ist doch, ob die Geräte auch dann aktiv sind, wenn Helmut sich nicht bei ihnen aufhält (und auch sonst niemand).

    Ein zweifelsfreier Beweis dafür oder dagegen ist physikalisch kaum
    möglich. Ebensowenig dafür, daß Helmut wirklich der Autor seiner
    Geschichte ist und sie nicht irgendein Gerät verfaßt und ins Tagesthema
    gestellt hat. Mails existieren schließlich nicht wirklich außerhalb der
    Geräte, auf denen wir sie lesen können. Bei taz-Mitarbeitern verhält es
    sich derzeit noch anders, aber auch das läßt sich im Zeitalter der
    Digitalisierung durchaus ändern.

    Dominic Johnson (auslands-redaktion):

  • Lieber Helmut,

    habe deine Geschichte mit Genuss gelesen…

    Aber kann es nicht auch sein, dass die armen kleinen Geräte nur darüber miteinander kommunizieren, dass sie nach einem langen Arbeitstag einfach sorglos ver- und in Betrieb gelassen werden, während die wetware gemütlich in ihren Feierabend schlendert und zu Hause die Beine hoch legt???

    Vielleicht wollen sie ja gar nicht blinken und flackern, sondern
    schlicht und einfach Ruhe bis zum nächsten Tag???

    Wie weit ist mensch denn mit der Übersetzung der Kommunikation zwischen Maschinen in menschliche Sprache??? Vielleicht kann man sie demnächst einfach mal fragen, was sie denn wollen?!?

    In diesem Sinne an ALLE der liebe Aufruf:

    Schaut doch nach eurem Feierabend, welche Geräte (PC`s, Monitore,
    Drucker, Tischlampen usw.) nicht unbedingt über Nacht in Betrieb sein
    müssen und macht diese dann aus.

    Und da es ja erfreulicherweise so langsam wieder wärmer wird, wäre es
    super, wenn jede/jeder beim Verlassen seines Arbeitsplatzes die Fenster zu machen könnte.

    Danke,

    thomas becker (taz-shop)

  • Sehr schön !

    Übrigens treiben es die taz-Rechner nachts tatsächlich wie wild
    miteinander. Besonders rege sind die taz-Server, die dann einen engen
    Zeitplan abarbeiten. Der steht in der sogenannten „crontab“, hier z.B.
    die des „bruders“ (unser Redaktionsserver):

    singh@ed:~$ ssh jupiter sux crontab -l
    52 23 * * * exec /etc/cron.d/abgleich
    52 04 * * * exec /etc/cron.d/abgleich_hhhb
    26 * * * * find /tmp/ -maxdepth 1 -name Acro\* -mmin +60 | xargs rm -f
    5 0,4,8,12,16,20 * * * /red/ar/bin/tmpClean.sh
    30 0 * * * /red/ar/bin/printerlist.sh
    0 1 * * * /red/bin/cleanup >/dev/null 2>&1
    0 1 * * * /red/ar/bin/reorg.sh
    15,45 * * * * /red/ar/bin/askUpdate.sh
    5 2,8 * * * /red/ar/bin/mirrorTicker.sh >/dev/null 2>&1
    35 12 * * 1 /red/ar/bin/mirrorTicker.sh >/dev/null 2>&1
    # Und täglich grüßt die Userverwaltung
    55 05 * * * /usr/local/bin/chkusr.php

    # Aufraeumen in /loc/prod/spool/druck-pdf:
    31 5 * * * /opt/rsn/sbin/clean-druck-pdf -v 2>&1 | mail -s „clean-druck-pdf“ norbert@taz.de
    # siehe auch /etc/user.d/exec/44_userCourierdb*
    7 7 * * * exec /usr/local/bin/courier-import-userdb
    2 0 * * * /opt/ctp/cronjob
    # Spiegel
    00 12 * * 1 /red/ar/bin/get_spiegel.sh >/dev/null 2>&1
    # FAZ
    0 7 * * 1-6 /red/ar/bin/get_faz.sh >/dev/null 2>&1
    # Datenbank-Server nach /var/db/dump/ auslesen
    2 22 * * * /etc/cron.d/db_dump
    0 18 * * * sleep $[$RANDOM%3600]; /etc/cron.d/update
    5 0,2,4,6,8,10,12,14,16,18,20,22 * * * /red/digitaz/bin/tmpClean
    0 3 * * * /red/digitaz/bin/copyDigiTazDb.sh
    15 18 * * 0-5 /red/digitaz/bin/arpic2www
    # 0 3 * * * /red/digitaz/bin/MkAskIndex -r
    47 * * * * /etc/cron.d/icp-watchdog
    0 0 * * * /usr/sbin/logrotate /etc/logrotate.conf
    34 6 * * * PATH=/usr/local/bin:/usr/bin svc -i /etc/service/lpd
    */5 * * * * exec /etc/cron.d/nfsstat
    4 0 * * * exec /etc/cron.d/ptlog
    # Erst mal aus, wie es auf Dem Neuen Server weitergeht, werden wir sehen:
    #
    # 35 7 * * * /sbin/warnquota -s
    0 1 * * * /red/akt/bin/buildDate
    10 1 * * * /red/hamburg/bin/buildDate
    20 1 * * * /red/bremen/bin/buildDate
    0 1 * * * /red/bin/cleanup >/dev/null 2>&1
    #0 4 * * * /mmach/cron/mirror_all_diff.sh
    */10 3-23 * * * /red/akt/bin/askUpdate.sh || /red/akt/bin/buildDb.sh
    15,45 3-23 * * * /red/halde/bin/askUpdate.sh || /red/halde/bin/buildDb.sh
    5 */2 * * * /red/red/bin/tmpClean.sh >/dev/null 2>&1
    0 23 * * * /opt/rsn/sbin/redspoolclean
    22 23 * * * find /red/halde/txt/t{berlin,hamburg,bremen} -type f -mtime +2 -exec rm -f {} \;
    0 3 * * * sleep $[$RANDOM%3600]; /usr/bin/tax2update -srb
    1 8 * * * rm -rf /home/*/*/“Network Trash Folder“
    2 8 * * 1 /etc/cron.d/trash
    30 0 * * * /usr/local/bin/wwwbestellverteil
    44 18 * * * /usr/sbin/xfs_quota -x -c ‚dump -u‘ /export >/var/db/xfs_quota.u:export.dump
    45 18 * * * /usr/sbin/xfs_quota -x -c ‚dump -g‘ /export >/var/db/xfs_quota.g:export.dump
    46 18 * * * /usr/sbin/xfs_quota -x -c ‚dump -p‘ /export >/var/db/xfs_quota.p:export.dump

    gruß, andreas / taz-edv-abteilung

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