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vonHelmut Höge 30.03.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Poller-Wächter

Bekloppte Dienstleistungen

Nach dem betrieblichen „Outsourcen“, d.h. der Vergabe von immer mehr Arbeitsbereichen und Funktionen in einem Unternehmen an andere Firmen (vor allem im Dienstleistungsbereich) kommt es nun auch vermehrt zum Outsourcen privater Bereiche – über das Wohnungsputzen, Essenkochen, Wäschewaschen und Kinderbetreuung hinaus.

Schon gibt es professionelle Hundeausführer,  Hochzeitsplaner, Eventbegleiter und Büchervorleser (nicht mehr nur im Film). In „Das Argument 285“ berichtet die US-Soziologin Arlie Russell Hochschild noch über ganz andere Dienstleister: „Vater-Verleih“, „Bruder-Verleih“ und  „Rent a Mama“ z.B..  Darüberhinaus listet sie all jene Selbständigen auf, die „spezielle Nischenbedürfnisse erfüllen“ – wie  Speed-Dating, Evaluation der Elternrolle, Erstellung von Familienalben, Geburtstagsfeiern ausrichten und Partyunterhaltung. Die Soziologen sprechen inzwischen von einer regelrechten „Auslagerungskultur“. Die vielbeschäftigte Unternehmensberaterin Chris Watson z.B. überlässt sogar das „Ausfiltern von aussichtsreichen Dates Dienstleistern“ – sie meint: „Mich in Clubs oder Partys unter die Leute zu mischen, ist keine besonders sinnvolle Nutzung meiner sehr begrenzten Zeit für Soziales.“ Der US-Studie „Outsourcing. Having it all but not doing it all“ zufolge wendet Chris Watson „ein Prinzip auf sich an, das auch in der Wirtschaft gilt: Spezialisierung und komparativer Kostenvorteil“.

Im Grunde hat dazu bereits der „erste Ökonom der Geschichte“ Adam Smith alles gesagt:  Er begriff den Zerfall der Gesellschaft als zwingend aus der kapitalistischen „Arbeitsteilung“  resultierend, weil sich dadurch die Erfahrungen der Männer separiere – und ihre Gespräche sich nicht mehr auf „dieselbe Wirklichkeit“ beziehen könnten. Damit verlernen sie, ihren Verstand zu gebrauchen. Das gilt nicht nur für den Handarbeiter, sondern auch für den Kopfarbeiter und den Geschäftsmann: „Je beschränkter er ist,“ so Smith, „desto besser funktioniert die Gesellschaft“. Wirklich atomisiert wurde diese erst im heutigen Neoliberalismus, wie ihn z.B. Margret Thatcher realisiert sah: „So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, ich kenne nur Individuen, Männer und Frauen und Familien – und die denken alle zuerst an sich.“ Die Premierministerin äußerte dies 1987 in „Woman’s Own“. Damals galt laut Arlie Russell Hochschild bereits für die Mehrheit der angloamerikanischen Frauen, dass sie „in bezahlter Arbeit  steckten“. Auch für sie trat damit an die Stelle der (unbezahlten) Arbeit am Sozialen und damit der Gesellschaft die „unsichtbare Hand“ des Marktes. Dort erst wird das Auslagern des Privaten aufgrund von immer mehr Dienstleistungsangeboten möglich.

Laut Arlie Russell Hochschild werden dadurch zugleich jede Menge „kulturelle Bilder und sprachliche Versatzstücke von irgendwo außerhalb in das Zuhause hineingebracht.“ – Wenn man beispielsweise auf das Inserat „Ich könnte Ihnen ein wunderbares Kokos-Curry zubereiten“ oder „Ihre Briefe bzw. Emails an Freunde schreiben“ eingeht. Überraschungen dürfte man auch erleben, wenn man jemanden ins Haus holt, der einem „das Ordnen von Kram und Papieren“ verspricht. Kurzum: der Markt dringt in immer mehr persönliche  bzw. soziale Bereiche ein. Selbst in die linke Bewegung: so lassen Naturschützer Kommunikationsagenturen für sich mit Ständen werben und auch die Schlauchboot-Ninjas von Greenpeace sind bezahlte „Profis“.

Bei der Privatisierung von staatlichen Dienstleistungen wie Schulen, Krankenhäuser und öffentlicher Transport hat sich Karl Polanyis „Great Transformation“-These bereits bewahrheitet, dass sie die schlechtesten Schüler, die kränksten Patienten und gerade die Bedürftigsten zu Verlierern macht. Gleichzeitig wurden laut Jeremy Rifkin „historisch gewachsene Gemeinschaften und Nachbarschaften“ ersetzt durch eine „vorgespiegelte Kultur von Einkaufszentren und künstlichen Gemeinden“.

Auf der anderen Seite werden jedoch die Anbieter von persönlichen Dienstleistungen gegen Bezahlung familialisiert und damit ödipalisiert: Die Nanny wird mit auf Empfänge genommen, die Krankenpflegerin der alten Eltern wird zur Therapeutin der Kinder, der Hundeausführer zum Intimberater und die Putzfrau zur Stichwortgeberin (René Zucker z.B. machte dies aus ihrer polnischen Putzfrau für eine  taz-kolumne). Einerseits bewirkte die Entwicklung der letzten 30 Jahre also „eine stärkere Warenförmigkeit des Privatlebens“ und andererseits „leistet auch der (bezahlte) Stellvertreter letztlich  emotionale Arbeit,“ schreibt Arlie Russell Hochschild. In anderen Worten: Je unmenschlicher das System, desto mehr wird darin gemenschelt. In Berlin wird es jedoch noch eine Weile dauern bis man z.B. Amüsierpöbel mieten kann, die all die bescheuerten Clubs, Discos, Popkonzerte, Premieren und Ausstellungen – z.B. „Working Mom“ (über Königin Luise) – für einen besuchen.

Pilonen-Wächter

Schicksale in Transition

„Die Wissenschaft ist grobschlächtig, das Leben subtil, deswegen brauchen wir die Literatur,“ meinte Roland Barthes.

Dummerweise waren die Literaten völlig überfordert, als die herrschenden Bürokraten im Ostblock die Privatisierung des „Volkseigentums“ zu ihren Gunsten erzwangen: Sie (re)produzierten sich dem gegenüber erst einmal nur als „heilige Narren“. In Restaurationszeiten, und darum handelt es sich derzeit weltweit, produzieren aber auch die anderen Künste und erst recht die Wissenschaften nur Seichtes. Im Maße der „Durchmarsch“ der Reaktion mittels  Religiosität, Nationalismus, Rassismus und Biologismus aufgrund wirtschaftlicher Krisen erlahmt, fassen jedoch langsam die Literaten wieder Mut – wenn auch immer noch in der Maske des Entertainers und Provo-Clowns. Derzeit liegen dafür drei gute Beispiele auf Deutsch vor – aus drei korrupten bzw. zerrupften  Ostblock-Staaten: Zum Einen die „Hymne der demokratischen Jugend“ des ukrainischen  Dichters  Serhij Zhadan (geb. 1974), zum anderen „Die Hunde fliegen tief“ des bulgarischen Schriftstellers Alek Popov (geb. 1966) und drittens „Die Teufels-Werkstatt“ des tschechischen Schriftstellers Jachym Topol (geb. 1962).

In allen drei Büchern geht es um den Wahnsinn der neuen Ökonomie, dem nun alle Menschen in diesen Ländern ausgeliefert sind. Die Protagonisten von Zhadan,  Popov und Topol werden von der (west-)deutschen Kritik als „Helden der Transformationszeit“ bezeichnet, als aktive „Mitspieler in einer Gesellschaft, die sie bald wieder ausspucken wird“: Schön wärs. Eher werden sie ihre „Sportswear“ mit dunklen Anzügen austauschen, seriöse Geschäftsleute  werden  und ihre Kinder nach Harvard schicken – wie alle politischen Massenmörder, heimtückischen Gangster und sonstigen reichen Drecksäcke bisher – damit sie dort veredelt werden und als gebildete Arschlochkarrieristen keine Ahnung von den Schweinereien ihrer sie finanzierenden Eltern mehr aufkommen lassen. Marx hat diese metaphysische  Metamorphose als „ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnet. Auf die  Geldwäsche folgt die Kindswäsche!

In Zhadans Roman geht es um einige „Men in Sportswear“, die sich als Wachschutzbrigade verdingen, einen Schwulenclub bzw. ein Bestattungsunternehmen in Charkow eröffnen und sich dem Organschmuggel widmen. All diese Metamorphosen von Natural Born Losern bzw. Existenzgründern schildert der Autor ebenso „rasant“ wie zynisch.

Auch in Popovs „Transition“-Roman überschlagen sich laut FAZ die Ereignisse: „Es ist das Wesen, die Logik des Geldes, die hier verhandelt wird, auch in Hinsicht auf ihre charakterlichen Deformationen in Gestalt von Gier, Leichtsinn, Rücksichtslosigkeit.“ Die menschlichen Träger dieser Handlung sind zwei Brüder aus Sofia: der eine ging zu Hause mit einem Avantgarde-Verlag pleite und verdingt sich nun in New York als Hundeausführer, wobei er immer wieder zwischen die Fronten zweier Hundeausführer-Gewerkschaften gerät. Der andere arbeitet in einer New Yorker Unternehmensberatungsfirma, die ihn nach Bulgarien schickt, wo er die ins Stocken geratene Privatisierung eines heruntergekommenen  Schwermaschinen-Kombinats in Schwung bringen  soll. „Die mit ungeheuer wirkungsvollen, bisweilen regelrecht grellen erzählerischen Elementen zusammengefügte Konstruktion bricht auch unter der sich gegen Ende hin dramatisch verstärkenden Kolportage nicht zusammen,“ schreibt der FAZ-Rezensent. Wohl aber bricht das Personal dieses Romans unter den Zumutungen des globalisierten Neoliberalismus reihenweise zusammen – fällt gleichsam aus dem ökonomischen und literarischen Rahmen – ins Nichts. Die zwei Brüder finden jedoch schließlich ihr kleines privates Glück. Dieses ist allerdings  nur noch eine Parodie  des amerikanischen Traums: „Ich fühlte mich geborgen wie in einer Rettungskapsel“ – das sagen sie alle, die sich aus den wirtschaftlichen Unwägbarkeiten in eine Kleinfamilie mit 1,8 Kindern und einem Eigenheim in Kensington oder Karow-Nord gerettet haben. Dieses Floß hält aber nur bis zur dreizehnten Kreditrate, dann bricht wieder alles auseinander – und die Protagonisten beschließen, „ein neuer Mensch (zu) werden“.

„Jáchym Topol (der Sohn von Josef Topol) hat eine Gruselgroteske um ein touristifiziertes Theresienstadt geschrieben,“ heißt es im „Falter“. Der Ich-Erzähler und seine Kommune-Freunde machen aus der sterbenden KuK-Garnison und Ghettostadt „eine Art Rummelplatz des Schreckens mitsamt Ghetto-Pizza-Buden und Kafka-Shirt-Verkauf“, die immer mehr „Pritschensucher“ (Enkel, deren Großeltern dort von den Deutschen inhaftiert waren) anlockt. Ihr Ruhm spricht sich bis nach Weißrussland herum, wo der Ich-Erzähler dann als Gedenkstätten-Experte helfen soll, die dortigen Leichenfelder und Gedenkstätten, u.a. in Katyn, ebenfalls als touristische Destinations (Hotspots) zu entwickeln.

P.S.: Im Gegensatz zur zynisch-naiven Tabuverletzung des tschechischen Autors Topols steht der rasende Monolog des polnischen Schriftstellers  Michal Witkowski: „Queen Barbara“, der jedoch in Polen ähnlich aufgenommen wurde. Es geht darin ebenfalls um die neue Ökonomie und einige  waghalsige „Businessmen“, die sich in Polen früher als in der CSSR zeigten, nämlich schon in den Achtzigerjahren. Die Drag-Queen „Barbara“ von Witkowski ist tagsüber Betreiber einer unguten Pfandleihe. Zum Schuldeneintreiben beschäftigt er zwei Ukrainer.  Wir haben es hier mit einem „Kleinganoven“ und einer „Working Mom“ in einer Person zu tun. „Als der freie Markt noch jung war,“ so bezeichnet Stefanie Peter in ihrer FAZ-Rezension des Buches das gesellschaftliche Umfeld der Protagonisten –  die oberschlesische Bergarbeiterregion.  „Wie in Witkowskis Debüt ‚Lubiewo‘ (2007) stellen die im katholischen Polen besonders gebeutelten Homosexuellen auch hier das Personal. Am Existenzminimum und in Randzonen der Gesellschaft lebend, entfliehen sie der Tristesse durch einen improvisierten Glamour, der mit den minderwertigsten Requisiten der neuen Warenwelt auskommt und zugleich die altpolnische Plauderei adeliger Gutsbesitzer wiederbelebt,“ schreibt Stefanie Peter.

Indem die polnischen Schwulen sich bei ihren „Geschäften“ der Kunstsprache des altpolnischen Adels bedienen, haben sie eine jagellonische Variante des Camp kreiert. Die mit diesem Wort – Camp“ zusammengefaßte Ästhetik der zunächst angloamerikanischen Homosexuellen, die in den Sechzigerjahren entstand und sich im Dandytum eines Oskar Wilde begründet sah, begeisterte sich bereits für die Adelsauftritte einer Rita Hayworth und eines Charles de Gaulle („A great deal of Camp suggests Empson’s phrase, ‚urban pastoral‘,“ so Susan Sontag). Hierzulande ging diese „Camp“-Kunst (der Wahrnehmung) fast unter, denn als sie expandierte – vor allem durch Susan Sontags Essay über „Camp“, den sie in den USA bereits 1965 veröffentlicht hatte, interessierte man sich hier – d.h. 1987 (zwei Jahre später erschien hier Susan Sontags Buch „Aids und seine Metaphern“!) – gerade für den zerbröselnden Ostblock, wo dann einige Jahre später auch die „Minderheiten“ („Jeder ist eine Minderheit!“ – G. Deleuze) eine nach der anderen „Herauskamen“ – angefangen mit den Zigeunern. Allein in den Jahren 1990/93 wurden so viele Bücher von Zigeunern im „ostblog“ publiziert wie in den 300 Jahren zuvor nicht.  Ihnen folgten die Lesben und Schwulen. Zu letzteren zählt sich Michal Witkowski. Sein in Polen als Skandal empfundener „Tuntenroman ‚Lubiewo'“ machte ihn laut Klappentext des Suhrkamp-Verlags „international bekannt“. Die FAZ spricht sogar von einem „Hoffnungsträger der polnischen Literatur“. Vielleicht kommt damit nun der „Camp“ quasi von hinten (aus dem Osten) über uns – in Form einer postproletarisch wiederbelebten toten slawischen Hochsprache. In der Ostberliner Moma-Korrespondenz „Kunstwerke“ findet gerade eine Photo-Video-Ausstellung von u.a. schwul-lesbischer  Aktionskunst statt, diese wiederbelebte jedoch bloß die Siebzigerjahre Protest-Ästhetik der „Minderheiten“ in Westeuropa. Auf mich wirkte sie wie ein Déja-vu. Witkowskis Roman ist dagegen paradoxerweise etwas Neues – ein Gutsbesitz, Beutekunst?

Pilonen-Warner (Photos: Peter Grosse)


Übersprungshandlungen

Wegen der galloppierenden Ungleichzeitigkeiten kommt es nun immer öfter zu Übersprungshandlungen. Die Mongolen haben in Massen das Festtelefon-Zeitalter mit den Handys übersprungen, wobei sie gleichzeitig das Internet ziemlich kalt ließ: Bei den Nomaden muß alles Eigentum sich selbst tragen! Auch den mitteleuropäischen Wanderschäfern hat das Handy ihr „Leben völlig verändert, weil man sich damit“, so sagt es z.B. der Schäfer Hans Breuer aus Österreich, „bereits von unterwegs mit Freunden kurzschließen und sich einen Platz zum Übernachten sichern kann“. Türkische Soziologen meinen, viele ihrer  Landsleute hätten das Buchzeitalter übersprungen, sie seien gleich vom Analphabetismus in das Fernseh- und Filmzeitalter eingestiegen.

Während die nordamerikanischen Indianer im Gegensatz zu den Deutschen anscheinend ihre Selbstmusealisierung übersprungen haben. Oder jedenfalls beschied einer der letzten Häuptlinge der Sioux, Schwarzer Bär, der als Gleisarbeiter bei der Union Pacific arbeitete, einem deutschen Ethnologen, der ihn befragen wollte: „Wenn du etwas über Indianer wissen willst, mußt du in die Kongreßbibliothek gehen, dort in den Büchern steht alles über uns“. Viele Indianer wurden Eisenbahnangestellte oder, weil schwindelfrei, Eisenbetonarbeiter: „Stahl ist gut für den Stolz,“ sagten letztere. Inzwischen haben etliche Stämme auch noch Spielcasinos eröffnet. In Deutschland gibt es eine ähnliche Bewegung: raus aus den Eisen- und Stahljobs – und rein in die Spielhallen und Wettbüros. In Berlin macht inzwischen fast  täglich ein neues „Casino“ auf. Es findet darin auch eine Art von Übersprungshandlung statt – um der erzwungenen Untätigkeit und dem dumpfen Schicksal buchstäblich etwas Positives abzugewinnen – einen Jackpot nämlich.

Als Weltmeister bei den Übersprungshandlungen galten lange Zeit die auf den Philipinen lebenden Tasaydas, die mit einem Mal die Spanne zwischen Steinzeit und Postkolonialismus übersprangen. Schon bald nach ihrer Entdeckung 1967 wurden eine ganze Reihe Bestseller über sie veröffentlicht – von zumeist amerikanischen Anthopologen und Journalisten. 200 US-Fernsehgesellschaften, die Redaktionen von Geo und National Geographic und tausend andere setzten sich in Marsch. Sie mußten viel Geld zahlen: das meiste allein dafür, dass der philipinische Minister für kulturelle Minoritäten – Manuel Elizade – ihnen einen Besuch bei den „Höhlenmenschen“  auf Mindanao erlaubte. Er wählte aus, wer wie lange per Hubschrauber ins Reservat durfte, Prominente wurden bevorzugt: Gina Lollobrigida und Charles Lindbergh z.B., aber auch Deutschlands führender Humanethologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt.

Dann kam jedoch heraus, dass es sich bei den Tasaydas um 26 „gedungene Statisten“ aus einigen Ubo-Dörfern in der Nähe handelte, die ein US-Paläolithiker ausstaffiert und der Minoritäten-Minister in eine Berghöhle gesteckt hatte, wo er sie bewachen ließ. Zwei ihrer Bewacher wurden später – als Tasaday verkleidet – nach Manila geflogen, wo sie US-Präsident Carter vorgeführt wurden, die Fake-Steinzeitmenschen hatten zu viel Angst vor dem Fliegen gehabt.

An den US-Schulen macht man gerade die Erfahrung, dass immer mehr asiatische Schüler dort das eine oder andere Schuljahr aufgrund ihrer herausragenden Leistungen überspringen, auch in Deutschland liegen sie meist zensurenmäßig vorne. Umgekehrt schloß die „Situationistische Internationale“ einmal einen ihrer Mitkämpfer aus – mit der Begründung: „Ihm war das Mißgeschick passiert, alt geworden zu sein, bevor er 30 wurde.“ Er hatte quasi über Nacht  35 Jahre übersprungen. Bei einigen Behörden darf man unter gewissen Bedingungen eine oder sogar mehrere Gehaltsstufen  überspringen. „Schweinegrippe-Viren springen wie Flöhe auf Menschen über,“ meinte kürzlich ein Bauer. „Männer überspringen die Trauerphase schneller als Frauen,“ behauptet  die Freiburger Psychologin Brigitta Hoffmann-Zura. In ihrem Fach ist die Übersprungshandlung eine Verlegenheitslösung: Wenn man sich z.B. bei einer schwierigen Aufgabe am Kopf kratzt, obwohl gar kein Juckreiz vorliegt.

Die schwierige Aufgabe hier und jetzt besteht darin, dass man nach dem Ende der (sozialistischen) Utopie meint, die Postmoderne nach rückwärts überspringen zu können: Mit dem Wiederaufbau von Schlössern, mit Ausstellungen über preußische Königinnen („Working Mom“ betitelt), mit dem Umwandeln von Agrargenossenschaften in Adelsnester, von  demokratisierten Universitäten in dumpfeste Eliteschulen, und neuen Distinktionen, die der darwinistischen Zoologie entlehnt sind.


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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/03/30/working_moms/

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kommentare

  • Zu den Romanen aus dem Ostblock über die dortige neue Ökonomie sei noch gesagt, dass man sie in zwei Blöcke einteilen könnte:

    Zum einen wären das Geschichten über die „Businessmen“ daheim. Teilweise sogar von ihnen selbst erzählt – z.B. Alexander Panikins umtriebige Success-Story mit dem Motto: „Den Wolf ernähren seine Beine“. Aber auch noch die alberne chinesische Wolf-Geschäftsmann-Fabel “Wolf Totem” von Jiang Rong.

    Und zum anderen die ganzen Geschichten von Wanderarbeitern, die es z.B. aus Rumänien nach Italien, aus Polen und der Ukraine nach England, aus Jugoslawien nach Deutschland und Budapest oder als Slowaken nach Tschechien verschlagen hat. Da die Gnade ihrer frühen Geburt, noch im Sozialismus, sie alle überqualifiziert, also nicht unterqualifiziert, in die neue Ökonomie, den globalisierten Neoliberalismus, entließ, schreiben viele von ihnen auch Romane anschließend darüber oder äußern sich sonstwie qualifiziert über ihre Fremdarbeiter-Erfahrungen im westlichen Ausland.

    Erwähnt sei nur der Roman „Caravan“ über ukrainische Erdbeerpflücker in England von Marina Lewycka

    Ferner die NGBK-Ausstellung “Social Cooking Romania”, kuratiert von Dan Mihaltianu, in der u.a. rumänische Erdbeerpflückerinnen in Spanien zu Wort kommen.

    Sowie der Film „Der chinesische Markt“ in Budapest – von Zoran Solomun.

    Soeben erschien im Bielefelder Verlag „transcript“ auch noch die umfangreiche Studie: „Erdbeerpflücker, Spargelstecher, Erntehelfer.
    Polnische Saisonarbeiter in Deutschland – temporäre Arbeitsmigration im neuen Europa“ von Jörg Becker, 256 S., 26 Euro 80

  • Die „Moms auf Arbeit“ haben meinen Verstand liebkost. Diesen Artikel habe ich meinem Patchwork mit einer kleinen Änderung zu Ostern geschenkt:
    Das Wort Biologismus und den letzten Halbsatz habe ich kenntlich durchstrichen.
    Weil der „Durchmarsch“ gerade in schwere Turbulenzen kommt und die Freunde des gesicherten Wissens, die in der Historiografie wie bei den Juristen und Theologen für rückwärts gewandte Ordnung sorgen, durchweg ins Schwimmen geraten, sollte der Reichtum, den die Evolutionstheorie zu bieten hat, nicht notwendig verringert werden.
    Sicher, auch in der „harten“ Naturwissenschaft gibt es reichlich Vertreter dieser Sorte „Freunde“ und ein Richard Dawkins formuliert gerne einmal apodiktisch. Ich habe jedoch bei ihm häufig Formulierungen gefunden, die der Fallibilität der Erkenntnis die Ehre geben. Für Benedikt 16 reichte das aus, ihn einen elenden Relativierer zu nennen.

    Danke für die Hinweise zu den Büchern.

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