Mondschein/Bauern

“Es ist ein großer Unterschied zwischen etwas noch glauben und es wieder glauben. Noch glauben, daß der Mond auf die Pflanze wirke, verrät Dummheit und Aberglaube, aber es wieder glauben, zeugt von Philosophie und Nachdenken.”
(Georg Christoph Lichtenberg)

Sobald die Sonne hinterm Berg verschwunden ist…


Mail vom31.März:

lieber helmut,
hier ein link zu einer schönen idee…:
grüsse von der digitalen bäuerin
mona
Diesen imposanten Schafstall baute der Nebenerwerbslandwirt Pit Mowing aus Niederstetten für seine Herde, nachdem sein Lieblingsbock auf der Grünen Woche 2009 den ersten Preis gewonnen hatte. Er ist nebenbeibemerkt der Meinung, das jedes Pastorat politisch ist, auch das nach Feierabend. Photos: Peter Grosse, der auf den beiden Dias natürlich, möchte man fast sagen, Poller sieht.

Bauer sein/Bauer bleiben

Zusammen mit einigen anderen Institutionen finanzierte die  Bundeskulturstiftung 2007 im Rahmen ihres Programms „Arbeit in Zukunft“ einige europaweite Kunstprojekte. Diese lappten z.T. ins Soziale, d.h. ins Leben. Neben einer Verkaufsausstellung in Berlin von Waren aus 36 Produktivgenossenschaften unterschiedlichen Typs und verschiedener  Branchen – genannt „Le Grand Magasin“, war das eine „Feldforschung“ unter landwirtschaftlichen Familienbetrieben – zwischen Mazedonien, Rumänien, Deutschland und  England. Ihr Titel lautete: „Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben“. Es ging dabei  darum, dass die Malerin Antje Schiffers jeweils eine Woche lang einen Hof malte und hernach das Bild gegen einen Videofilm tauschte, den der betreffende Bauer währenddessen von seiner Arbeit, seiner Familie und dem Vieh gedreht hatte. Dieser wurde dann von dem Künstler Thomas Sprenger geschnitten – und vorgeführt. Danach fuhren die zwei Künstler weiter zum nächsten Hof.

Das Ergebnis ihres  dreijährigen Unterwegseins auf dem Land  präsentierten sie kürzlich in der städtischen Galerie Nordhorn. Aber schon vorher hatten sie überall dort, wo sie sich jeweils eine Woche bei den Bauern aufgehalten hatten, ähnliche Veranstaltungen organisiert. Zudem gab es eine Vorlaufphase, die bereits 2000 in einigen niedersächsischen Dörfern begann. Im Frühjahr 2007 ging es dann mit der  „Feldforschung“ für das eigentliche EU-Projekt los – bei einem Bauern in der Steiermark.  Verbunden damit war eine erste Ausstellung in Wien.

Im Frühjahr 2008 waren die Künstler in Wales, worauf eine Ausstellung mit dem Titel „Village People“ im Kunstverein Wolfsburg folgte. Meistens fanden ihre Veranstaltungen jedoch in Gemeindesälen statt oder zu Hause bei den betreffenden Bauern, hier verbunden oft mit einem kleinen Festessen. Nur einmal, in Rumänien – bei religiösen Donauschwaben, bestanden die Gastgeber darauf, das Experiment vorzeitig abzubrechen. Vielleicht hatten sie etwas zu verbergen oder die deutschen Künstler sich in ihren Augen schlecht benommen?

Ansonsten ergibt jedoch die Auswertung ihrer dreijährigen Feldforschung, wobei Feld hier auch wörtlich im Sinne von Acker zu verstehen ist, eine reiche Beute an Geschichten in Bildern und Texten. Nicht nur wurde der thematische Anspruch des Projekts: „Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben“ faktisch eingelöst, sie haben damit auch eine regelrechte  Spur kreuz und quer durch Europa gelegt, es sind Freundschaften und Kontakte entstanden – und nun auch noch eine dicke mehrsprachige Dokumentation in Buchform – mit einem stilisierten Traktorfahrer auf dem abwaschbaren Cover.

Damit kann man jetzt das zusammengetragene „Material“ über europäische Bauern noch einmal selbst sortieren – z.B. daraufhin, was diesen als Videofilmern in eigener Sache erwähnenswert war: u.a. das nach Hause treiben ihrer Kühe am Nachmittag. Ein holländischer Bauer ließ seine Kühe sogar, um sie zu filmen,  den Heimtrieb noch einmal wiederholen. Eine Bäuerin wies die Männer darauf hin, dass es noch mehr Motive auf dem Hof gäbe als nur ihre Arbeitsbereiche: die Wäsche auf der Leine, die Schwalben und die Schuhe vor der Tür z.B.. „Verbreitet war die Zubereitung eines Mittagessens vor der Kamera,“ schreiben die Künstler – und fügen hinzu: „Immer, wenn das Essen auf dem Tisch stand und die Kamera ausgeschaltet war, kamen unsere Teller dazu.“

In der Dokumentation findet sich noch weit mehr, was man den Filmen nicht entnehmen kann: neben schriftlichen Selbstdarstellungen der Bauern, die zusammen mit etlichen Photos und einem gemalten Bild von ihrem Hof jeweils ein eigenes Kapitel bilden, auch noch eine Art Feldtagebuch.

Über das österreichische Dorf Oppenberg, wo die Künstler ihr einwöchiges „Tauschgeschäft“ (Bild gegen Film) auf dem Kronlechnerhof durchführten, heißt es z.B.: „Die Dorfjugend hat im Feuerwehrteich gebadet. Das Baden in Feuerwehrteichen war verboten, aber die Feuerwehr hat den Badenden am Beckenrand Eis verkauft.“

Bei dem holländischen Bauern Henk Waterink notierte (wahrscheinlich Antje Schiffers): „Ich vertiefe mich in das Malen von Himmeln und warte auf schönes Licht. Zum Abschied trinken wir Kaffee und gehen noch einmal in das Melkkarussell. Henk und seine Mutter arbeiten zusammen wie zwei, die das schon sehr sehr lange tun.“

Bei einem märkischen Spargelbauern filmte die Tochter, weil ihr Vater zu beschäftigt war mit den Vorbereitungen der Ernte. Er erzählt, dass die chinesische Botschaft von ihm immer als erstes beliefert wird. Sie wollen dort den dicksten Spargel haben, dünnen kennen sie aus China.

Bei den britischen Bauern bemerken die Künstler: Sie „wollen alles unbedingt allein machen. Filmen, Kommentare aufzeichnen, Musik, alles allein.“ Ein Bauer erklärte ihnen dort, dass die Farm, die sie seit 2005 genossenschaftlich bewirtschaften,  seit 65 Jahren keine Chemikalie mehr gesehen hat. „Und einer der Gründe, warum wir für ihre Rettung gekämpft haben, hier ist so viel Geschichte und ein so großes Erbe, wir wollen das vorantreiben. Wir wollen die Farm nachhaltig und unabhängig von äußeren Ressourcen bewirtschaften.“

Über die Schweizer „Bergbauern in Fanas“ heißt es im Feldtagebuch: „Sie tun vieles gemeinsam und versammeln sich häufig.“ Von den Milchbauern Johann und Rosemarie Davatz bekommen die Künstler einen halben Käse geschenkt. „Überall dürfen wir ihren Film gerne vorführen, sagen sie, nur nicht in Fanas.“

Bei den Mazedonischen Bauern bemerkten die Künstler rückblickend: Dort „waren wir nie allein. Es gab Rakija morgens um sieben, es gab Kaffee allezeit, hausgemachten Wein allezeit, hausgemachten Käse allezeit.“ Ferner einen Picknickausflug, ein Bankett und Tanz nach der Filmpremiere.

In Rumänien sind sie bei einem „Ingenieur“  zu Gast, der ein 2500-Hektar-Staatsgut privatisiert und dann Verträge u.a. mit Monsanto und Pioneer abgeschlossen hat. Er denkt an „unfaire  Konkurrenz“ und „fertig machen“, wenn er von seinen Nachbarn redet. Die Künstler bekommen hier zusammen mit ihrem Sohn ein Zimmer neben dem Büro – und „werden Draga unterstellt, eine der Köchinnen des Betriebs,“ die ihnen im Laufe der Woche immer üppigere Speisen serviert.

Der nächste Hof, den sie in Rumänien besuchen, ist das genaue Gegenteil davon: Hier lebt ein älteres Ehepaar mit einer Schwägerin zusammen, sie haben zwei Kühe und ein Pferd, das jedoch ihrem Cousin gehört. Es ist dies der letzte – zwanzigste – Hofbericht in der Dokumentation von Antje Schiffers und Thomas Sprenger.

Bevor sie damit Anfang 2010 nach Nordhorn gingen, stellten sie im Oktober 2009 noch eine Auswahl ihrer Videofilme auf den „Havelländischen Film- und Medientagen“ vor. Ich erwähne diese ganzen Stationen hier deswegen, weil es wichtig ist, gerade wenn es um relativ immobile Bauern geht, dass wenigstens die Kunde von ihnen die Runde macht. Und diese beiden mobilen Künstler/Projektemacher haben das auch wirklich sehr vorbildlich gemacht. Dazu heißt es an einer Stelle in ihrem Vorwort – bescheiden: „Man könnte darüber spekulieren, ob die Bauern das, was sie bekommen haben, höher bewertet haben als das, was sie uns gegeben haben, denn wir haben neben den Filmen viele Geschenke bekommen: Naturalien und Präsentkörbe, einen Hasen im Balg, Holzschuhe und eine gewebte Decke, fünf Meter lang.“

„Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben“, herausgegeben von Antje Schiffers und Thomas Sprenger, Dokumentation einer Feldforschung – als  Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Städtischen Galerie Nordhorn, Verlag „argobooks“ Berlin 2010, 255 Seiten 24 Euro 80.


Kleine Korrektur – von Veronika Olbrich:


„Herausgeber ist die Städtische Galerie Nordhorn. Wir waren Projektträger seit 2009 – seit 2007 war der Kunstverein  Langenhagen Projektträger. Das liegt daran, dass ich das Projekt seit 2006 begleitet habe und seit November 2008 Leiterin der Städtischen Galerie Nordhorn bin. „


Der Nebenerwerbs-Veterinär Dr. Jens Beiderwieden aus Wien zeigt dem Berliner Glühbirnen- und Reptilien- bzw. Amphibienforscher Peter Berz das Röntgenbild einer Würgeschlange, die Äpfel mit Birnen bzw. genauer gesagt: Glühbirnen mit Gänseeier verwechselt hat. „Aber diesen Irrtum können wir  korrigieren,“ versicherte Beiderwieden Berz.

Und tatsächlich: Sowohl die Würgeschlange überlebte die Operation als auch die Glühbirnen ihr Verschlungen-Werden. Da lacht der Mondschein-Veterinär.

Apropos:

Der Wiener Soziologe Roland Girtler hat gerade ein Buch über österreichische Vollerwerbs-Tierärzte veröffentlicht: „Holt’s den Viechdoktor“ (Böhlau Verlag Wien 2010, 24 Euro 90)
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Sehr schön ist daneben auch die englische „Geschichte eines Landarztes“ von John Berger, mit Photos von Jean Mohr. (Hanser-Verlag München 1998, 17 Euro 90)
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Erwähnt sei ferner: der „Landarzt“ von Charles Bovary (Verlag „Volk und Welt“, Berlin 1986)
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Und nicht zu vergessen die Erzählung „Ein Landarzt“ von Franz Kafka aus dem Revolutionsjahr 1917.
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Sowie die „Landarztgeschichten“ von Michail Bulgakow, 2009 im Luchterhand-Verlag erschienen, 8 Euro.
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Die österreichische Bauernzeitung berichtete jüngst unter der Überschrift „Lebensminister Pröll will Landarzt stärken – ‚Sorgsam mit sozialer Ressource umgehen'“:
Die medizinische Versorgung in der Fläche muss gewährleistet werden. Dabei kommt dem Landarzt eine zentrale Bedeutung zu. Darüber war sich eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde einig, die versuchte, der Frage nach dem Stellenwert des Arz­tes, auch über seine Funktion als Mediziner hinaus, auf den Grund zu gehen.

Ein klares Bekenntnis für die Haus- und Landärzte legte Bundesminister Josef Pröll bei der von Forum Land und IGMed veranstalteten Podiumsdiskussion „Der Landarzt als Werteträger –Ist seine Existenz gefährdet?“ vergangene Woche in Alt­lengbach ab. Der von NÖ Bauernbunddirektor Hans Penz in seiner Einleitung als Landwirtschafts-, Umwelt- und Lebensminister angesprochene Ressortchef bekräftigte, dass die medizinische Versorgung in der Fläche gewährleistet sein muss. Und fand dazu klare Worte: „Ich sehe den Landarzt als wichtige Drehscheibe in unserem Gesundheitssystem“, versicherte Pröll, „meine Stimme gehört jedenfalls den Landärzten.“

Es würden zu viele Ressourcen verbraucht, womit Pröll in diesem Fall nicht die Energieträger meinte, sondern die sozialen Ressourcen. „Wir müssen damit sehr sorgsam um­gehen und ein Beispiel dafür sind die Ärzte im ländlichen Raum“, machte sich der Mi­nister für eine Stärkung der Landärzte stark. Sie würden im kommunalen Bereich eine wichtige Funktion für die Bevölkerung einnehmen.

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Die Hamburger „Zeit“ legte nahe, dass es auch in Deutschland um „die Landärzte“ schlecht steht:
Die Angst vor verwaisten Sprechzimmern treibt unzählige Gemeinden um, in Niedersachsen wie im übrigen Deutschland. Bewohner machen mit Bürgerinitiativen politisch Druck; Stadtoberhäupter versprechen Ärzten zinsfreie Kredite und kostenlose Praxisräume; Mediziner erhalten Umsatzgarantien gegen das Risiko der Selbstständigkeit auf dem Land. Angehenden Medizinern wird die Niederlassung leichter gemacht denn je – und nie war es so schwer, einen scheidenden Landarzt zu ersetzen. Bereits über 3600 freie Arztsitze meldet die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV).“
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Eine EU-Studie fand heraus, dass es in Europa weit mehr Tierärzte gibt, die Mondscheinbauern sind – als Vollerwerbslandwirte, die nach Feierabend noch veterinieren. Analoges gilt für die Landärzte. (Zum Begriff der „Analogie“ – von Aristoteles bis Foucault siehe: Giorgio Agamben „Signatura rerum. Zur Methode“, Suhrkamp-Verlag Berlin 2010, 14 Euro).
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Erwähnt sei abschließend noch, dass auf der Grünen Woche 2010 in der Halle des Bauernverbands eine Tierärztin referierte, die einen „ganzheitlichen Therapieansatz“ vertritt und dass es in Berlin immer mehr Stadtärzte beiderlei Geschlechts gibt, die – mindestens gegenüber Asthmatikern – behaupten: „Landluft macht frei!“
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Unser vietnamesischer BRD-Gesundheitsminister möchte angehende Ärzte einfach verpflichten, aufs Land zu gehen, flankierend dazu soll der Zugang zum Medizinstudium erleichtert werden. Er wurde heftig gescholten deswegen – zu Recht, denn Zwang ist immer Scheiße. Als Arzt auf dem Land praktizieren zu wollen, das muß natürlich aus dem Herzen der angehenden Weißkittel selbst kommen. Obwohl es natürlich stimmt: Heutzutage werden einem selbst die freiwilligen Handlungen aufgezwungen! Desungeachtet:
Ach wär man doch Landarzt!

Auch wenn einen die Frau verließe…Weil man immer unterwegs wäre im manilagrünen Audi – selbst bei Eis und Schnee. Und abends müde die Füße vorm Kachelofen ausstreckte. Oder milde gestimmt in der Marktschänke herumsäße. Wo einem der Sparkassenfilialleiter unter dem Siegel der Verschwiegenheit verriete, daß besonders die alten Damen langsam Vertrauen zu einem gewännen. Und das sei entscheidend: Alle anderen kämen dann automatisch. Aber ob man schon gehört habe, daß die Landarztpraxis in Temnitz vakant sei. Das Haus befände sich im Gemeindebesitz. Der Nachfolger von Dr. Schultheiß bekäme es geschenkt – er müßte sich aber auf 20 Jahre verpflichten, dort zu praktizieren.

Ach, wäre man doch ein junger Landarzt… Es hätten sich bereits 11 arbeitslose Mediziner gemeldet – aus Berlin, wo es angeblich 1112 solcher Ärzte gäbe, die nur auf ein derartiges Schnäppchen warten würden: ein Landhaus, dazu eine gutausgebaute Praxis mit einem soliden obzwar überalterten Patientenstamm aber immer interessanteren  Neuzugänge – wie etwa grüne Witwen und schwarze Junker, die früher Klawutke hießen und nun von Klochow. So einer habe neulich bereits einen adligen Saufclub gegründet mit einer geschwollenen Leber in Gold als Vereinsabzeichen. Zwar dürften dort keine Bürgerlichen mittrinken, weil die angeblich entweder aggressiv oder sentimental würden, trotzdem schreie dieser ulkige Club  geradezu nach einer ärztlichen Langzeitbetreuung.

An dieser Stelle meldete sich der Straußenzüchter Winkler von hinten an der Theke zu Wort – wäre man denn Landarzt und säße in  der Marktschänke… Er, Winkler, machte geltend, daß nur 75 von den ganzen Arbeitslosen landarzttaugliche Allgemeinmediziner seien – und davon wären 52 Frauen, die meist  in Familien lebten und kaum wegziehen könnten. So stünde es in der Lokalzeitung. Der Sparkassenfilialleiter lachte laut auf: Er liebte solche frauenfeindlichen Witze, besonders mit Zahlen hinterfütterte. Und wir ließen ihn gewähren. Allein, in diesem Fall würde sich Winkler geirrt haben, denn es hätten sich auch schon ein paar arbeitslose Medizinerinnen auf die verwaiste Landarztpraxis beworben. Ach, wäre man doch bereits ein lediger Landarzt! Winkler gäbe jedoch keine Ruhe, denn er würde noch eine weitere Geschichte in petto haben: Ein mit ihm verschwägerter Förster hätte gerade einen Brief von seiner vorgesetzten Dienststelle bekommen – des Inhalts, dass er als deutscher Beamter gewisse Klassenetiketten, man sprach von Vorbildfunktion, zu beachten habe, weswegen er fürderhin nicht mehr bei Aldi einkaufen dürfe. Punktum. Da seien sie aber bei ihm, dem verschwägerten Förster, an den falschen geraten, denn der wies ihnen sofort seitenlang nach, daß gerade Aldi die hochwertigsten Waren des täglichen Bedarfs führe, nur daß man sie nicht eben leicht als Markenartikel identifizieren könne. Namentlich die Aldiweine genössen selbst bei Kennern große Wertschätzung. Deswegen hätte er vor den Regalen  wiederholt adlige Waldbesitzer angetroffen sowie auch Förster aus den fürstlichen Rentämtern  – von drüben, wie er hinzufügte, wohl wissend, daß seine Vorgesetzten ebenfalls allesamt aus Westdeutschland rübergemacht hätten…

In die Winklersche Kunstpause hinein würde sich daraufhin wieder der Sparkassenfilialleiter an einen wenden: Als Landarzt wäre man ja wohl diesbezüglich fein raus, denn hierbei zähle doch nur die Praxis. Und der Sinn des Lebens flöge einem dabei nur so zu – wie die Schatten der Allebäume, unter denen man zu den Hausbesuchen brause. Man erführe dazu noch alles aus erster Hand, und anders als etwa der Allianzvertreter müßte man sich nicht groß darum bemühen, am Küchentisch Platz nehmen zu dürfen. Im Gegenteil: Der sich nun zur Ruhe setzende Landarzt in Temnitz hätte sogar lange Zeit vergeblich versucht, alle Küchentische zu meiden. Am Liebsten wären ihm deswegen die Adventisten und Brüdergemeinen unter seinen Patienten gewesen, denn die hätten ihn höchstens mit Lindenblütentee bei seinen  Visiten traktiert.

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