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vonHelmut Höge 03.04.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„Musik wird störend oft empfunden, dieweil sie mit Geräusch verbunden,“ reimte Wilhelm Busch – zu einer Zeit, als es hierzulande noch kaum Straßen- und Fabriklärm gab und  auch das Wort „Lärmemissionen“ nicht, ebensowenig allerorten Bürgerprotest dagegen…

Hier – in der Schlesischen Straße in Kreuzberg, dem zukünftigen Schlachtfeld des Amüsierpöbels – hört man neben dem Krach der an- und abfahrenden Autos an der Aral-Tankstelle auch noch die laute Musik aus der „Anhalt“-Bar – kostenlos. Der Bar-Besitzer hat die beiden  Lärmquellen allerdings mit 8 Naturholzpollern optisch voneinander getrennt. Photo: Antonia Herrscher


Man sagt, der Hannoveraner Philosoph Theodor Lessing habe hierzulande die erste Bürgerinitiative gegen den Lärm gegründet – noch bevor Kurt Tucholsky 1927 sein „Traktat über den Hund sowie über Lerm und Geräusch“ veröffentlichte. Spätestens seit den Siebzigerjahren, da der französische Philosoph Gilles Deleuze das Hundebellen zu den schrecklichsten Geräuschen zählte, gibt es jede Menge Bürgerinitiativen gegen den Lärm – insbesondere von Flugzeugen und Autos.

Sie erreichten „Nachtflugverbote“ auf Flughäfen, erwirkten u.a. „Lärmschutzwände“ an Autobahnen und geräuschdämmende Straßenbeläge. Daneben Verordnungen zur Einschränkung von ruhestörendem Lärm in Wohngebäuden und ganzen Wohngebieten. Dazu wurden die Häuser mit  schallschluckenden Doppelglasfenstern und ebensolchen  Fußbodenbelegen ausgestattet. Einzelne klagen darüberhinaus immer mal wieder vor Gericht z.B. gegen „Kinderlärm“ und sogar „Froschquaken“ im Nachbargarten – bisher mit wenig Erfolg. Die vermehrten Anstrengungen zur Lärmbekämpfung haben anscheinend zu einer größeren Lärmempfindlichkeit geführt. „Denn der Lärm entsteht – einmal abgesehen von zur Not in Dezibel fassbaren Dauer- oder Spitzenbelastungen – tatsächlich im Kopf,“ heißt es in einer Rezension der sozialgeschichtlichen Studie über den Lärm und die Sehnsucht nach Stille von Sieglinde Geisel „Nur im Weltall ist es wirklich still“.

Diese Lärmtouristen erwarten sehnsüchtig das Herannahen des neuen Airbus, der es beim Landen auf 150 Dezibel bringt – wenn alles gut geht. Die grünen Pilonen markieren dabei für sie gewissermaßen die Schallgrenze. Photo: Peter Grosse

Auf immer mehr  Arbeitsplätzen tragen die Leute heute schalldämpfende Ohrenschützer. Auch die Bauern kapseln sich damit gegen den Motorlärm auf ihren Motoren ab. Nicht zu reden von all den Millionen meist jungen Leuten, die sich mit Kopfhörern bzw. Ohrstöpseln gegen den Lärm oder auch die Stille  wappnen – indem sie es mit Musik aus ihrem Walkman, MP3-Player, i-Phone oder Handy übertönen.

In Einkaufsstraßen dröhnt aus jeder Boutique Popmusik, ähnlich beschallt wird der Kunde auch in vielen Cafés und Kneipen, zu schweigen von Clubs und Diskotheken – manchmal so laut, dass man sich dort kaum noch unterhalten kann. Auf Dauer führt das zur Reduzierung des hörbaren Tonspektrums. Die Betroffenen hören mitunter bloß noch ein Rauschen im Ohr und z.B. nur mit großer Anstrengung das Zirpen von Grillen. Die Popmusik ist dabei, den industriellen Lärm zu ersetzen – als „Industrial Music“ sogar mimetisch. Noch überwiegen jedoch die vom früheren Maschinenlärm taub gewordenen Männer die „Heavy Metal“-Geschädigten beiderlei Geschlechts, das meint jedenfalls der Hörgeräteakustigmeister Jens Hettwer aus Berlin: „Vor allem wegen der vielen Alten nehmen die Hörprobleme zu. 14 Millionen Hörgeschädigte gibt es bereits in Deutschland, aber nur 1,5 Millionen tragen bisher ein Hörgerät.“ Dass sie sich nicht alle bei nachlassendem Hörvermögen mit diesen Geräten ausstatten, liegt nach Meinung von Hettwer an den ständigen Gesundheitsreformen der Regierung, so dass die Leute „ihr Geld erst einmal noch lieber in der Tasche lassen“. Ein zufällig anwesender Kunde in seinem Hörgerätegeschäft im Wedding ergänzte: „Ich hab mir och so ’ne Lauscher hier jekooft. Aber ick vertrach se nich. Is war, weil meene Olle imma gesacht hat: ,Mensch, musste den Fernseher so laut machen?!'“

Das geht vielen so, dass sie, um sich zu orientieren, auch und gerade die  Geräusche ihrer Umgebung brauchen, so dass sie ungerne, auch bei Lärmarbeiten, Hörschutz oder Kopfhörer benutzen. Die Vogelliebhaber unter ihnen wissen dafür, wo – auf welchen Bäumen – Nachtigallen oder Amseln singen. Das Prasseln des Regens, der Wind in den Bäumen, die Wellen am Felsen, Schiffssirenen im Nebel und ächzende Holztreppen – sind Gesprächsthemen für sie. An Auto-  und Motorradrennen Interessierte schätzen das Aufheulen und Röhren der starken Motoren. Es gibt regelrechte Geräuschliebhaber und sogar -sammler. Der Neuköllner Künstler Udo Noll z.B. veröffentlicht auf seiner Webpage „Radio Aporee“ Töne aus aller Welt, die Freunde ihm schicken.  Aus Burma u.a. einen quietschenden Ochsenkarren. Das schon seit Jahrhunderten Erdöl fördernde Land kennt zwar die Herstellung von Fetten, u.a. zum Schmieren von Wagenrädern, aber die Räder der Ochsenkarren läßt man dort ungeschmiert, weil ihr Quietschen die Tiger vertreiben soll.

So wie Teenager über 100 Bands nach ihrer Musik unterscheiden und benennen können, haben auch die Verhaltensforscher den Lärm z.B. von Graugänsen und Rhesusaffen derart ausdifferenziert, dass er einer Sprache gleichkommt. Die höheren Tiere  müssen diese sogar regelrecht lernen – u.a. weil die einzelnen Laute bestimmte Tierarten (Feinde) bezeichnen, die erst einmal als solche erkannt werden müssen.

Ich kann mich noch erinnern, dass die Kinder auf der Straße spielten – und lärmten. Sie wurden nach und nach von den Autos verdrängt. Und diese vermehrten sich dann derart, dass die vorher beliebten Wohnungen mit Balkon zur Straße hin wegen des Verkehrslärms kaum noch vermietbar waren.  Dafür gab es bald Kinder, die alle  Autotypen nach dem Geräusch ihrer Motoren unterscheiden  konnten. Als sie (d.h. wir) größer wurden, hörten wir auf unseren Zimmern Rockmusik – die von unseren Eltern durchweg als schrecklicher Krach empfunden wurde. Sie ließen sich jedoch früher oder später zu einem „neuen Umgang mit dem Lärm“ bewegen, d.h. sie ließen sich davon anmuten – im Maße wir die Lautstärke „vernünftig regelten“.

Und irgendwann waren wir selbst so alt, dass uns z.B. das unaufhörliche Hupkonzert der Autos – vor allem in südeuropäischen Großstädten – nur noch  Kopfschmerzen verursachte. In New York scheint man inzwischen regelrecht  allergisch dagegen geworden zu sein, denn dort verfügte die Stadtverwaltung kürzlich ein Bußgeld in Höhe von 350 Dollar – für einmal hupen. Hierzulande ist bloß „grundloses Hupen“ verboten, die Hupkonzerte türkischer Hochzeitskarawanen müssen vorher behördlich genehmigt werden und die Fanfaren, anstelle von Hupen, hat man aus dem Verkehr gezogen.

Alter Lärm verschwindet, neuer kommt auf, und die Bürger gehen dagegen vor. Wenn sie entschlossen (wütend) genug sind und sich „durchsetzen“, sehen die Politiker Handlungsbedarf. Erst einmal werden nahe der entsprechenden Lärmquelle Geräte zur Messung der Geräuschbelastung aufgestellt, dann aufgrund der Ergebnisse Expertisen angefertigt und die Behörden arbeiten daraufhin neue „Bestimmungen“ aus. Der Lärm wird in Dezibel objektiviert, er subjektiviert sich in gesundheitlichen Folgen, die von Schlafstörungen und Stress-Symptomen über Hörschäden bis zum Herzinfarkt reichen können. „Die Welt“ informierte 2004: „Ab einem Dauerschallpegel von 60 Dezibel treten Stressreaktionen im Schlaf auf, ab 80 Dezibel kann die Gesundheit leiden. Die Schmerzgrenze liegt bei 130 Dezibel, dann hält sich ein Mensch automatisch die Ohren zu. Lärmeinwirkung von 150 Dezibel verursacht in Sekunden irreparable Schäden.“ Zum Vergleich: 60 Dezibel können Gruppengespräche erreichen, 80 Presslufthämmer, 100 Ghettoblaster, 130 Düsenjäger.

Hier in der Lärmemissionsprüfungs-Anstalt (LEPRA) der Bundesregierung – bei München werden auf dem Hof gerade von zwei Akustikforschern die Dezibel eines „simulierten, nichtsdestoweniger aber erregten Gesprächs unter vier Augen“ in Echtzeit (16 Uhr 20) gemessen. Da ihnen zur Abgrenzung keine Pilonen, geschweige denn Poller zur Verfügung standen, behalfen sich die beiden gewitzten Wissenschaftler mit drei Holzböcken und einem Pappkarton. Photo: Peter  Grosse

Als man vor einigen Jahren im Obstbaugebiet „Altes Land“ bei Hamburg die Landebahn der dortigen Airbus-Fabrik wegen eines neuen, größeren Modells erweitern wollte, klagte eine Bürgerinitiative der Obstbauern vor Gericht gegen die zu erwartende Lärmsteigerung. Das Hamburger Oberverwaltungsgericht kam jedoch zu dem Urteil, dass fürderhin auch bei solch „mittelbar gemeinnützigen Vorhaben“ (von Unternehmen) die Betroffenen mehr erdulden müssen als „normal“ – den Fluglärm in diesem Fall, dessen oberster Grenzwert für Wohngebiete bei 55 Dezibel liegt, den das OVG nun jedoch auf 61 bis 62 Dezibel erhöhte. Diese „überraschende“ juristische Wende und der neuerfundene Begriff „mittelbar gemeinnützig“ machte die Anwälte der Klägergemeinschaft erst einmal sprachlos.

In den letzten Jahren häufen sich die Fälle da deutsche Gerichte bei Enteignungen und gravierender Beinträchtigung der Lebensqualität von Anwohnern und Betroffenen deren Klagen auch dann abschmettern, wenn es dabei nicht um nationale Interessen (wie Autobahnbau oder Verteidigungsanlagen) geht, sondern um die von Privatunternehmen. Die hohe Arbeitslosigkeit hat nicht nur hier zu einer Umwertung bei der Abwägung von  Rechtsgütern geführt. „Der Lärm tötet weltweit zehntausende von Menschen,“ titelte „Die Welt“. Einerseits wird der Zusammenhang von Lärmbelästigung und gesundheitlichen Schäden immer klarer erkannt, weswegen Mediziner,  Krankenkassen und auch Ökologen auf Lärmreduzierung drängen, auf der anderen Seite plädieren Ökonomen und Unternehmen und damit auch Politik und Justiz zunehmend dafür, auf diesen Zusammenhang „flexibel“ zu reagieren. „Die deutschen Bundesländer wollen Klagen gegen Lärmbelästigung erheblich erschweren, worüber bei den etablierten Parteien bemerkenswerte Einigkeit herrscht,“ berichtete das online-magazin „Telepolis“. Anderswo  wird sogar die staatliche Folter mit Musik erprobt: „Der Folter-Sound in Guantanamo reichte von nervigen Kinderliedern bis zu Christina Aguileras Pop-Gedudel,“ berichtete „Der Spiegel“. Bereits in früheren Kriegen wurde die Musik, der Lärm als Kampfmittel eingesetzt: das fängt mit dem einst sogenannten „Indianergeheul“ an, setzt sich mit den Trommlern und Trompetern der marschierenden Heere fort und endete  noch lange nicht mit den Sirenen der angreifenden deutschen Sturzkampfbomber im Zweiten Weltkrieg.

Zuletzt machte sich ein Gefreiter der US Air Force, Dan Wirtz, der während des „Kalten Krieges“ nahe der DDR-Grenze stationiert war, Gedanken über diese spezielle Waffe, die er in Form eines Projektantrags an seine Vorgesetzten adressierte. Der „Airman“ hatte zuvor Kafka gelesen: „Nun haben aber die Sirenen,“ hieß es da über die Homerischen Seejungfrauen, „eine noch schrecklichere Waffe als ihren Gesang. Das ist ihr Schweigen. Ihm kann sich keiner entziehen.“ Dan Wirtz verstand: Die Sirenen – das sind heute Warngeräte für die  Zivilbevölkerung, damit diese sich im Falle eines feindlichen Angriffs rechtzeitig in Sicherheit bringen kann. Wenn man aber nun ein Antiwarngerät entwickelt, dass die alle Sirenen zum Schweigen bringt, dann heißt das – kurz gesagt: Keine Überlebenden – und damit auch kein Sieg. Zwar forschte das US-Militär dann tatsächlich an einem Gegenschall-Gerät, das die Tonwellen (des Feindes) mit einer Art von Gegenwelle gleichsam auslöschen sollte, aber das Ganze war mehr eine Spielerei von Akustikspezialisten. Erst jetzt – im Frieden und für den Frieden – wurde diese Idee realisiert. Es war wieder die anscheinend besonders lärmsensible Zeitung „Die Welt“, die das meldete: „Töne gegen den Ton, um Ruhe zu haben – nach diesem Prinzip haben Ingenieure der Hamburger Firma Oticon jetzt ein Hörgerät entwickelt, das offenbar den Tinnitus bekämpfen kann, und zwar mit Gegenschall. Die Geräte können das nervende Piepsen, Klopfen oder Summen im Ohr der Betroffenen zwar nicht abstellen. Aber ‚die Hörgeräte hüllen den Tinnitus durch Gegenschall ein‘, heißt es beim Hersteller.“

Wir sind nun aufgefordert, noch ganz anders, nämlich komplexer mit dem Lärm umzugehen: Unter der Überschrift „Viel Lärm(schutz) um nichts“ können Bewerber Texte zu einem „neuen Umgang mit dem Lärm“ einreichen und auf ein Preisgeld von 3.500 Euro hoffen. Die Werke sollen zwischen 30.000 und 45.000 Zeichen umfassen und müssen bis zum 26. April an die Email-Adresse office@hoerstadt.at versandt werden. Der Sieger darf dann am 21. Juni ein internationales Symposion in Linz eröffnen, in dem zwei Tage lang „neue Strategien im Leben mit dem Lärm“ verhandelt werden sollen. Veranstalter des Wettbewerbs und des Symposions ist Hörstadt, eine in der oberösterreichischen Stahlstadt ansässige „Initiative für einen menschenwürdigen und -gerechten akustischen Raum“.

Hier der Wettbewerbs-Entwurf von Peter Grosse:

Dabei handelt es sich um die Ersetzung der Asphaltdecke von Fernstraßen durch einen Kunstrasen. Nicht nur zur Geräuschdämmung von Rasern. Vor allem wird damit die krummelige Landschaft nicht mehr von schnurgeraden Bändern durchschnitten, sondern umgekehrt: die künstliche Straße, das ist jetzt die (grüne) Natur, während die Landschaft drumherum den Charakter einer unfrohen (graubraunen) Schotterpiste angenommen hat. Man beachte die einsamen zwei schmalen weißen Poller links und rechts der Fahrbahn. Zusammengenommen soll das alles auf Dauer zu einem ganz „neuen Umgang mit dem Lärm“ führen – jedenfalls auf und neben den Fernstraßen. Behauptet der norddeutsche Künstler im Attachment seines Entwurfs.

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