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vonHelmut Höge 12.04.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Grenzpoller am „Point Alpha“ bei Geisa in der Rhön. Die „Point“-Leiterin erklärt hier gerade einer Gruppe Soldaten, die wegen des dort hinverpflanzten Ost-Berliner Mauersegments etwas verwirt sind, in welche Richtung sie schießen müssen – im Notfall.

Unweit von „Alpha“ am „Point Pit“ diskutiert derweil eine gemischte Ost-West-Gruppe von Anarcho-Kadern, was man gegen die obige Sauerei tun kann.

Nachdem sie zu einem Entschluß gekommen sind, machen sie sich auf den Weg – zu ihrer Propaganda der Tat…Vorausgegangen war Folgendes:

Der Pariser Philosoph Gilles Deleuze wurde 1988/89 von einer mit ihm befreundeten ehemaligen Studentin, Claire Parnet,  über sein Denken und Leben befragt – nach einem zuvor verabredeten Begriffs-Alphabet: von A. wie Animal (Tier) über F wie Frontière (Grenze) und G wie Gauche (die Linke) bis Z wie Zigzag. Dieses noch vor seinem Tod (1995) ausgestrahlte „Abécédaire“ wurde Ende 2009 vom Verlag 2001 zusammen mit der Kreuzberger Firma „absolut Medien“ auf Deutsch veröffentlicht – übersprochen von Hanns Zischler und Antonia von Schöning.

Gilles Deleuze lehrte an der Universität Vincennes (Paris VIII), wo jeder, der wollte studieren konnte. 1972 veröffentlichte er zusammen mit dem Psychiater Félix Guattari das Buch „Anti-Ödipus“, in dem sie der Psychoanalyse eine „Schizo-Analyse“  entgegensetzten. In der westeuropäischen, amerikanischen und japanischen Linken wurde diese Theorie, die sie 1980 in dem Buch „Tausend Plateaus“ weiterentwickelten, als neuer Anarchismus  freudig aufgegriffen. Auch das „Abécédaire“ wurde jetzt von vielen Medien positiv zur Kenntnis genommen, nur leider setzte sich kein Rezensent dabei mit den für Deleuze wichtigen Begriffen auseinander. Er habe nie Marx abgeschworen und nie Mai’68 verworfen, meinte er einmal über sich. Der 1925 geborene Philosoph erlebte die „Libération“ von den Deutschen 1944/45 als die „reichste Zeit: Wir entdeckten eine ganze Welt. Sartre, Kafka, die amerikanische Literatur… Es war eine schöpferische Atmosphäre. Und dann wieder die Sechzigerjahre – bis 68. Seitdem leben wir jedoch in einer Dürrezeit.“

Zu dem im „Anti-Ödipus“ zentralen Begriff des „Wunsches“ (D wie Désir) erklärt er: „Bis heute sprechen alle  abstrakt von ihm, weil sie ein Objekt isolieren, das sie dann für ihr Wunschobjekt halten. Stattdessen begehrt man immer ein Ensemble, Es gibt keinen Wunsch, der nicht innerhalb eines Gefüges fließt. 68 war ein ‚kollektives Gefüge‘ – der  Einbruch des Werdens. Ein Gefüge konstruieren – das ist der Wunsch. Die Psychoanalyse hat keine Ahnung vom Konstruktivismus.“ Ein Gefüge besteht laut Deleuze aus einem „Sachverhalt“ (z.B. ein Café oder ein Zeitungsverlag), aus „Aussagen bzw. Äußerungsstilen“ (wann taucht ein neuer Typus von Aussage auf), aus „Territorien“ (selbst in einem Zimmer wählt man sein Teritorium) und aus der „Bewegung der Deterritorialisierung“. Durch diese „vier Dimensionen hindurch fließt der Wunsch“. Viele Studenten in Vincennes, von denen nicht wenige Irre waren, haben die deleuzianische  „Wunschpolitik“ als Aufforderung zur „freien Liebe“ bzw. zur Dauerparty begriffen oder aber ihren Spontaneismus damit fundiert (die „Mao-Spontis“ z.B.). Deleuze bezeichnet beider Praxis als „Mißverständnis“, obwohl er grundsätzlich nichts gegen „Experimente“ u.a. mit „Drogen“ hat: „Man kann alles machen, so lange es einen anregt – produktiv werden läßt.“ Er selbst war eine zeitlang schwerer Trinker: „Ich habe gedacht, es würde mir bei der Arbeit am Begriff helfen.“ Aber irgendwann war der Alkohol kontraproduktiv.

Nord-Süd-Poller, der mit steinernem Blick das Imperium der Springerstiefel-Presse fixiert. Auch an diesem „Point“ trafen sich kürzlich einige Anarcho-Kader aus Ost und West. Sie diskutierten die neueste Schweinerei des Bild-Chefredakteurs, der es erneut gewagt hatte, sich der taz unsittlich zu nähern (mit einer ganzseitigen Anzeige). Sie kamen aber noch zu keinem Entschluß, wie dieser nun zu begegnen sei – und nahmen erst einmal einen LSD-Trip der Sorte „dalailama“, um auf diese Weise wenigstens zu einer neuen Sicht auf das Ensemble dort zu kommen.


Desungeachtet gelten der Wahn und das Delirium der Schizo-Analyse als produktive Äußerungen des Unbewußten, das eher einer Fabrik gleicht als einem Theater, auf dem ewig Ödipus und Hamlet gespielt werden, wie die Psychoanalyse meint. Deleuze Abneigung gegen dieses Theater (und auch das wirkliche) geht so weit, dass er nicht einmal Haustiere mag, die wie z.B. Hund und Katze, in den Familien ödipalisiert werden. Das ist für Deleuze ein erzwungenes Mensch-Werden der Tiere, während es ihm umgekehrt um ein „Tier-Werden“ geht: „Man muß immer auf der Grenze sein, die einen von der Animalité trennt, aber ebenso, damit man nicht mehr von ihr getrennt wäre.“

In ihrem Buch „When Species Meet“ hat die US-Biologin Donna Haraway u.a. die Arbeitsweise der Primatenforscherin Barbara Smuts und der von ihr beobachteten Paviane als eine Form des „Gemeinsam-Werdens“ bezeichnet, die über dieses spinozistische „Tier-Werden“ bei Deleuze hinausgehe, weil sich dabei ein Feld (in einer Feldforschung) eröffne, auf dem sich zwei Spezies wirklich „begegnen“ Der Berliner Biologe Cord Riechelmann warf Haraway daraufhin vor, sie unterschlage, dass Deleuze das „Tier-Werden“ vor allem „als eine Schreibposition“ begreife. Noch unwirscher gab sich der „konkret-Autor“ Magnus Klaue, als er kürzlich meinte: Gegenüber solchen postmodernen Quatschköppen wie Deleuze und Haraway helfe nur noch die „Weltrevolution“.

„Sein oder Werden?“ das fragte sich auch die Philosophiestudentin Jana Schmidtbauer aus Schöneberg – allerdings nur in schwarz-weiß.

Mag sein, Gilles Deleuze würde ihm da vielleicht sogar zustimmen, wobei die Revolution für ihn keine  Geschichte ist, sondern ein „Werden“ – was die Historiker nie begreifen. Und das sie – die Revolution – noch jedesmal übel endete, „das weiß man doch!“ Schon die englischen Romantiker redeten über Cromwell genauso wie die heutigen Ex-Linken über Stalin. „Die tun so, als hätte man die ganzen Schweinereien erst jetzt entdeckt. Und was wurde aus der französischen Revolution? Napoleon. Oder die Amerikaner – die haben doch ihre Revolution genauso vermasselt wie die Bolschewiki. Auch sie wollten eine neue Gesellschaft, den neuen Menschen.“ Dieses Scheitern hindert „aber doch die Leute zum Glück niemals daran, revolutionär zu werden – wenn es zu einer Situation kommt, die ihnen keinen Ausweg läßt. Das Revolutionär-Werden ist etwas ganz anderes als die Revolution“ – in der Geschichtsschreibung.

Ähnlich wie auf die Historiker schimpft Deleuze über die „Menschenrechte“: als „Teil des schlaffen Denkens in diesen armen Zeiten – sie sind nur was für Idioten, leer und abstrakt.“ Sowie auch über die (damalige) „Linksregierung: So etwas gibt es nicht, Linkssein ist keine Regierungssache. Bestenfalls gibt es eine Regierung, die für bestimmte Forderungen der Linken offen ist.“ Überhaupt hält er Wahlkämpfe, das Unterzeichnen von Friedensappellen und Ähnliches  für Zeitverschwendung und Schlimmeres, denn „nur Minderheiten sind produktiv“, d.h. so lange sie keine Mehrheit anstreben, sondern eine Differenz eröffnen, einen neuen Begriff einführen, der hilft, die Welt anders zu sehen, ein Problem besser zu verstehen. Es geht also statt um immer Mehr, eher darum, „minoritär zu werden“. (Ich erinnere mich noch, wie die Frauen plötzlich eine Differenz zu den Männern „eröffneten“: Das „Frau-Werden“ der einen Hälfte (des Himmels) schuf ein ganz neues Feld – auch für die andere Hälfte.

Dieses „Aktions-Modell“ kam dabei für die Anarcho-Kader natürlich nicht in Frage. Es handelt sich dabei um eine „Public-Private-Partnership“: Die Anwohner errichteten hier einen Sitzbank-Zaun um die Baumscheibe, das Gartenbauamt flankierte daraufhin ihre Konstruktion zur Fußgängerseite hin mit zwei Blumenkübel und das Tiefbauamt flankierte sie dann auch noch mit zwei rotweißen Metallpollern zur Straßenseite hin. Auf diese Weise wurde eine Privat-Aktivität quasi staatlich sanktioniert, d.h. eine Deterritorialisierung von unten wieder von oben reterritorialisiert.


Für Deleuze ist jeder Teil einer Minderheit. Und Links-Sein heißt für ihn generell, „vom Horizont der Welt“ ausgehen, während das „Nicht-Links-Sein“ von der Postadresse (z.B. 10969 Rudi-Dutschke-Straße 23-25) ausgeht. „Es ist ein Wahrnehmungs-Phänomen – Links ist man durch sein Verhältnis zur Postadresse, d.h. dass einen die Probleme der 3.Welt mehr angehen als das eigene Wohnviertel.“ Und ein Philosoph ist jemand, „der Begriffe erfindet – ein Problem  aufwirft. Ein schlechter Philosoph erfindet Meinungen. Existiert Gott? Das ist doch kein Problem!“ Wenn die Philosophie „Begriffe“ erfindet, dann die Kunst „Perzepte“ (Wahrnehmungserlebnisse) und die Musik „Affekte“. Wobei natürlich Philosophie und Kunst auch „wahnsinnige Affekte“ auslösen können und umgekehrt die Musik auch sehend machen kann.“ Deleuze, der den Affekt-Philosophen Spinoza in seinem „Herzen“ hat, träumt manchmal davon, alles drei auf einmal schaffen zu können. Die Philosophie und z.B. die Literatur – „zeugen beide vom Leben“, die eine mit Begriffen, die andere mit den von ihr geschaffenen Personen. Eine Person zu schaffen ist „eine große Sache“, auch Philosophen – „Platon und Nietzsche z.B.“ – haben Personen geschaffen.

„Vielen Literaten ging es gesundheitlich nicht gut, weil das Leben durch sie hindurchging – es war zu groß für sie“. Andererseits: „Jemand, der sich vornimmt zu denken – wird dabei von einer zerbrechlichen Gesundheit begünstigt“. Der ebenfalls damit gesegnete Deleuze mag insbesondere die Chansons von Edith Piaf, weil er darin „die kleine Gesundheit und das große Leben“ erkennt – als ihr Thema gewissermaßen. Er mag nicht – die Schüler-Lehrer-Differenz, weil er nicht darauf aus ist, mit seinen Begriffen eine „Schule“ zu begründen, sondern im Gegenteil, damit der „Bewegung“ zuarbeiten will, um „neue Fragen stellen“ zu können (Deleuze‘ Freund Michel Foucault bezeichnete seine Begrifflichkeit einmal ähnlich als „Werkzeugkasten“). „Der Surrealismus war eine Schule, Dada eine Bewegung,“ erklärt Deleuze – unter Q wie Question.

„Siebeneinhalb Stunden bewegtes Denken: ABÉCÉDAIRE – Gilles Deleuze von A bis Z“, 3 DVD, Berlin 2009, 49 Euro 90.

Als nächstes ist nun wieder die Kreuzberger Anwohner-Initiative dran: Sie will die Staatspoller privat einkleiden – und zwar in bunten Farben. Ein libanesischer Händler bietet dafür am Maybachufer bereits die entsprechenden Stoffe an. Alle Photos : Antonia Herrscher

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  • Wie es der Zufall wollte, erschien die obige Abécédaire-Rezension in der Jungen Welt neben einer Rezension des Buches von Bernd Langer über die Aufstände in Deutschland zwischen 1918 und 1923:

    Linke Urteile über die Politik der KPD in den Jahren vor der Machtübertragung an die deutschen Faschisten klaffen weit auseinander. Vor allem trotzkistische Organisationen chrakterisieren die Partei als sowjetgesteuert, andere kritisieren vor allem die Sozialfaschismusthese und das Nichtzustandekommen einer Einheitsfront von Kommunisten und Sozialdemokraten im Kampf gegen den Faschismus. Bernd Langer, seit den 1980er Jahren Aktivist der Antifabewegung, beleuchtet in »Revolution und bewaffnete Aufstände in Deutschland 1918–1923« die Politik der jungen KPD, den sowjetrussischen Einfluß auf sie sowie Ursprünge des Faschismus. Detailliert geht der Autor auf die eskalierenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nach dem Ersten Weltkrieg ein und beschreibt die Spaltung der Sozialdemokratie sowie die Auswirkungen des Machtantrittes der Bolschewiki in Rußland auf Deutschland. Der Autor listet die Erhebungen –angefangen mit dem Matrosenaufstand in Kiel, dem Ausgangspunkt für die Novemberrevolution 1918 – auf und schildert die Niederschlagung des Kapp-Putsches 1920 durch einen Generalstreik. Er beschreibt die daraus entstehenden Kämpfe im Ruhrgebiet mit der Bildung der Roten Ruhrarmee, geht auf den Mitteldeutschen Aufstand 1921 im Raum Halle/Merseburg ein und schildert die Abspaltung der KAPD.

    Langer beleuchtet die Umstände, die trotz vieler Unterschiede mit der heutigen Realität linker und kommunistischer Organisationen korrespondieren. Er resümiert: »Mit 1921/23 verbindet sich in Deutschland ein politischer Aufbruch, hier wird ein Markstein für die parlamentarische Demokratie gesetzt, und die Linksradikalen weisen mit ihren Utopien über den Kapitalismus hinaus.«. In dieser Phase finde sich auch der Ursprung des Gegensatzes von Faschismus und Antifaschismus.

    Langer beschreibt die Aufstände in der revolutionären Nachkriegskrise zwischen 1918 und 1923 sachlich und in vielen Einzelheiten. Das ermöglicht es den Lesern, sich ein eigenes Bild von den damaligen politischen Auseinandersetzungen in Zeiten von antikommunistisher Hetze, politischer und ökonomischer Krise zu machen. Die über 300 Abbildungen machen das Geschehen in dem lesenswertem Geschichtsbuch lebendig.

    Bei der Buchvorstellung in der jW-Ladengalerie am kommenden Donnerstag will der Autor auf den Januar­aufstand 1919 in Berlin eingehen, einen der Höhepunkte revolutionärer Kämpfe in Deutschland. Tausende bewaffnete Arbeiter und Soldaten wollten damals eine zweite Revolution erzwingen. Sie waren entschlossen, die Räterepublik zu erkämpfen, und gingen bewußt die militärische Konfrontation ein. Besonders schwer waren die Kämpfe im Zeitungsviertel und um das Polizeipräsidium am Alexanderplatz.

    Am Ende seines Werkes legt der Autor eigene Einschätzungen der damaligen Entwicklung dar. Demnach wurden die bewaffneten Aufstände bis 1920 vor allem von spontanem Aktivismus vorangetrieben, die Erhebungen von 1921 und der Hamburger Aufstand 1923 seien aus Sowjetrußland dirigiert worden. Mit Unterstützung Moskaus sei die KPD zur dominierenden Kraft der linksradikalen Bewegung Deutschlands geworden. Langer stellt die Frage, inwieweit die KPD danach aufgrund der Lenkung durch die Komintern überhaupt noch als revolutionär zu bezeichnen sei. Sie unterlag seit 1924 nach seiner Auffassung einer »stalinistischen Transformierung«, »Revolu­tion« bleibe nur als Schlagwort erhalten – eine These, die Zündstoff enthält.
    Dirk Hein

    Bernd Langer: Revolution und bewaffnete Aufstände in Deutschland 1918–1923. AktivDruck-Verlag, Göttingen 2010, 380 Seiten, 19,80 Euro

    Buchvorstellung mit Bernd Langer am Donnerstag, dem 15. April, um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie. Weitere Veranstaltungen mit Bernd Langer finden in Göttingen am 16. April, in Bad Lauterberg am 18. April und in Siegen am 20. April statt.

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