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vonHelmut Höge 12.07.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Die Ermordung Detlef Rohwedders im Fernsehen

„Die kriminelle Phantasie blüht im niedersächsischen Drochtersen-Hüll“, überschrieb das Hamburger Abendblatt einen Artikel über die „Deutsche-Krimi-Straße“ am 2,3 Kilometer langen Rönndeich im Kehdinger Land – zwischen Elbe und Oste gelegen. Dort leben sage und schreibe 20 Krimiautoren. Sie haben schon fast 150 Regionalkrimis veröffentlicht. „Der Trend zum Lokalen kommt den deutschen Krimiautoren entgegen,“ meint die  Journalistin Susanne Mischke aus Holtensen am Deister lapidar. Sie hat selbst bereits über 300.000 Exemplare von ihren bisher 21 Romanen verkauft, einige wurden ins Holländische, Portugiesische und Chinesische übersetzt.

Auf einer Webseite, die mit den am Rönndeich lebenden Krimiautoren und ihren Werken wirbt, heißt es: „Das außergewöhnlich starke überregionale Echo hat dazu ermutigt, das Konzept ‚Krimiland‘ zu entwickeln.“

In ihrer Magisterarbeit „Der Regionalkrimi im Westen von Deutschland. Poetik und Entwicklung eines Genres“ (2008) schreibt Silke Leuendorf: Der Krimi ist ein literarisches Prosawerk, das die Geschichte der Aufhellung eines Verbrechens erzählt. Und der „Regionalkrimi“ hebt dabei en passant die landschaftlichen Reize des Tatorts hervor. So waren „die Fernsehkommissare die ersten, die eindeutig einer bestimmten, identifizierbaren Region zugeordnet wurden,“ schreibt Silke Leuendorf. Björn Bollhöfer geht in seiner  Doktorarbeit „Der Kölner Tatort als mediale Verortung kultureller Praktiken“ (2007) von der These aus: „Der Tatort – ob in Köln oder Leipzig – ordnet den Raum und erzeugt spezifische Vorstellungsbilder, die Eingang in die alltägliche Wirklichkeit finden.“ Immer wieder werden Krimis aus dieser Endlos-Serie für den Adolf-Grimme-Preis nominiert. Überflüssig zu erwähnen, dass es auch kaum ein Ermittler von Verbrechen in den Kriminalromanen versäumt, zwischendurch „Tatort“ zu kucken.

In seinem „Krimiblock“-Eintrag vom 29.9.09: „Autopsie“ (eigentlich müßte es heißen: Kritik) des „Regionalkrimis“ schreibt Reinhard Jahn: In ihm ist die  „Heimat…Handlungsraum für eine Kriminalgeschichte, in der es gemäß der Gattungsgesetze um die Aufklärung eines Verbrechens geht, so daß die bestehende Ordnung wieder hergestellt wird.“

Auch der „Ostfriesen-Krimi“-Autor Klaus-Peter Wolf hält das Genre für die zeitgenössische Form des „Heimatromans: Am Ende wird meistens die Ordnung wiederhergestellt – da ist ein Krimi fast wie ein Märchen.“

Oder wie ein schönes Urlaubsangebot: So ist z.B. Cäcilia Balandat, die Autorin der im Alten Land, dem Obstanbaugebiet bei Hamburg, spielenden Regionalkrimis eine gelernte Reisekauffrau. Und in den „Alpen-Krimis“ von Nicola Förg spielt neben einem Kommissar auch gleich noch die Chefin des örtlichen Tourismusverbands eine Hauptrolle. Der Bayrische Rundfunk weiß über die in Oberbayern lebende Autorin: „Ihre Heimat ist die Quelle ihrer Inspiration.“ In den von ihr untersuchten Regionalkrimis hat Silke Leuendorf festgestellt, dass das „Grundschema der regionalen Anbindung in allen Romanen ähnlich funktioniert. Die Autoren erwähnen bestimmte Schauplätze, Straßennamen und vedrmitteln teilweise in ihren Geschichten bestimmte Atmosphären, die das typische Klischee dieser Regionen bedienen.“ Dieses „Klischee ist es vielleicht, dass die „Heimatgefühle“ auslöst…So seufzt z.B. der vor kurzem erst von Frankfurt aufs Land gezogene Protagonist der „Rhön-Krimi“-Autorin Anna Chaplet (Cora Stephan): „Hier kann ich nicht verlorengehen. Hier ist – irgendwie – Heimat.“

Von diesem Balkon aus hatte sie ihren Mann zum letzten Mal lebend gesehen.

Obwohl der Regionalkrimi laut Fuldaer Zeitung „boomt“, gibt der Krimikritiker Dieter Paul Rudolph auf der Webseite „krimi-couch.de“ zu bedenken: „Machen wir uns nichts vor: Der Kriminalroman ist das ungeliebte Kind des Feuilletons, es sitzt, wenn überhaupt, am Katzentisch der Literaturwissenschaft und gilt unter ästhetischen Gesichtspunkten als minderwertig.“

Die Krimibuchhändlerin Monika Dobler wurde 2009 von der Süddeutschen Zeitung anläßlich des „7. Münchner Krimifestivals“ über die Trotzdem-Gründe für die außerordentliche Popularität der „Regionalkrimis“ befragt: „Den Leuten gefällt, dass bei ihnen um die Ecke ein Mord passiert ist. Da kann man miträtseln, welcher Bäcker oder welche Straße gemeint ist. Es ist ein Nervenkitzel. Aber ich finde, es würde nicht schaden, wenn es mit den Regional-Krimis wieder zurückgeht, denn es erscheinen in diesem Bereich auch sehr viele nicht so gute Bücher.“

Das sind dann laut dem „Düsseldorf-Krimi“-Autor Horst Eckert solche, bei denen der Verlag seinen Autoren gesagt hat: „Jetzt muss aber von dem Ort noch mehr Lokalkolorit rein. Und jener Ort muss auch noch rein, damit wir dort von dem Buch auch noch mehr verkaufen können. Das ist dann natürlich Literatur, die auf einen regionalen Markt hin geschrieben wird.“

Also ziemlich schlechte. Auf etwas anderes hebt dabei der „Schwarzwald-Krimi“-Autor Alexander Rieckhoff ab: „Ein Regionalkrimis ist meiner Meinung nach ein Krimi, der nur schwer in einer beliebigen anderen Gegend spielen kann“, meinte er gegenüber der Zeitschrift „Focus“. „Sowohl von der Handlung als auch von den Eigenarten der Leute soll er Typisches transportieren.“ Der Leser könne die Geschichte mit konkreten Vorstellungen von Orten und Personen verbinden. Deshalb würden Regionalkrimis immer häufiger gekauft. „Die Leute wissen, dass sie keinen Krimi von der Stange bekommen.“

Auch die „Allgäu-Krimi“-Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr äußerten sich zu diesem Thema – im „Spiegel“. Die Ausgangsfrage dabei lautete: „In Ihren ersten beiden Büchern dominiert das Lokalkolorit. In den neueren Romanen geht es um alte Nazi-Verschwörungen und Terroristen. Der Lokalbezug geht verloren – eine bewusste Wandlung?“ Michael Kobr antwortete darauf: „Ja. Schon beim ersten Buch war uns klar, dass wir nicht bei jedem Volksfest und bei jeder Kirchweih literarisch dabei sein wollen. Wir möchten Krimis schreiben, aber eben heruntergebrochen auf die Region, die wir am besten kennen. Die Provinz ist auch längst nicht so sicher wie viele denken. Die bizarrsten Verbrechen passieren auf dem Land.“ Auf der Webseite des Goethe-Instituts ist im Zusammenhang der Regionalkrimis  von Kobr und Klüpfel davon die Rede, dass u.a. mit ihrem Serienermittler, dem Allgäuer Kommissar Kluftinger, ein „Antiheld“ die „deutsche Krimilandschaft erobert“ habe. Tatsächlich verlassen sich viele Ermittler, vor allem die „Amateure“ unter ihnen, in den Regionalkrimis auf ihren „Instinkt“, ihre „Intuition“ – bis dahin, dass sie ironisch oder ernsthaft zu esoterischen Mitteln bei ihrer Fahndung nach dem oder den Tätern greifen. Nebenbei sei noch bemerkt, dass sich auf der Webseite der Autoren Rubriken wie „Kluftingers Allgäutipps“ und „Kluftis Küche“ finden.

Die Vorliebe vielen Krimiautoren für „intuitives“ und anderes unkonventionelles Ermitteln bewog jüngst die „Stuttgart-Krimi“-Autorin Christine Lehmann und den Steuerfahnder Manfred Büttner, dagegen mit einem richtigstellenden Handbuch für Krimiautoren „Von Arsen bis Zielfahndung“ vorzugehen. Dem  „titel-magazin.de“ gab Christine Lehmann ein Beispiel: „Alle Profiler, eigentlich Fallanalytiker, die in deutschen Krimis vorkommen, sind vollkommen falsch dargestellt. Die werden als Psychologen mit genialer Intuition dargestellt, aber es sind in Wirklichkeit Polizisten, die mit Statistiken arbeiten. Und auch das wiederum in einer sehr streng formalisierten Art und Weise. Der Profiler ist derzeit diese neu aufkommende Figur, die wieder den genialen Detektiv zurückbringt.“

Neben diesem neuen Handbuch für Krimiautoren gibt es noch eine Reihe ältere, eins sei hier erwähnt: „Morde unterm Mikroskop.Mit der Wissenschaft auf Verbrecherjagd“ von der Krimiautorin Barbara Büchner, 2002 im Rowohlt-Verlag erschienen. Die Autorin, deren „Steckenpferd“ die „Kriminalistik“ verbindet ihre lexikalischen Begriff jeweils mit einem realen Fall.

Der Kommissar mit seinen zwei Assistentinnen – auf Verfolgungsjagd

Mit Kathleen Gregory-Klein könnte man beim „Regionalkrimi“ von einem „deduktiven Detektivroman“ sprechen. Das bezog die Autorin allerdings auf den Krimi in klassischer Form – für sie ein „Genre, das sich selbst zerstört“. Es kehrte im „Regionalkrimi“ wieder – indem die Fälle quasi von außerhalb – aus den globalisierten Medien – genommen und in die Region eingetropft werden. Kinderschändungen, Schulamokläufe, Umweltverbrechen, rumänische, italienische oder chinesische Mafiabanden, gefährliche Islamisten, Frauen- und Drogenhändlerringe etc.. Und dann werden die Opfer auch immer noch gerne „übertötet“, wie der Leiter der Münchner Mordkommission Josef Wilfling das nennt, wenn einer Leiche mehr angetan wurde als nötig.

Das Gegenteil hiervon wäre der induktive Krimi: Also die „Aufhellung eines Verbrechens“ (Silke Leuendorf) aus den unmittelbaren geosozialen Umständen heraus. Diese Konstruktion liefe aber vielleicht auf „Science Fiction“ hinaus.

Laut Elisabeth Schulz-Witzenrath (in: „Der Kriminalroman. Poetik. Theorie. Geschichte“ 1998) liegt der „Reiz“ des Krimis im Leseprozeß selbst und nicht im „Gelesen-Haben“ des Textes. Wobei die Trivialität seiner wesentlichen Elemente nicht zwangsläufig „literarisch relevante“ ausschließen muß, wie Ulrich Schulz-Buschhaus (in: „Kriminalroman und Gesellschaftsdarstellung“) schon 1975 optimistisch gestimmt meinte.

Dafür spricht, dass bereits die „Ursprünge der Gattung“ Kriminalerzählung bis auf Heinrich von Kleists Novelle „Der Zweikampf“ zurückreichen, folgt  man Edgar Marschs Studie: „Die Kriminalerzählung. Theorie. Geschichte. Analyse“ (1983).

Obwohl sie das „Sensationelle“ oft bis an die Grenze der Glaubwürdigkeit aufblähen (Massenmorde in Ostfriesland, internationale Gangsterbanden in Husum) besteht ihr Reiz darin, dem Alltag entgegengesetzt zu sein, ihn gewissermaßen zu negieren: einen Ausnahmezustand im Kleinen herbeizuführen.

In der Zürcher Hausbesetzerbewegung entstand einst die Zeitschrift „Der Alltag. Sensationen des Gewöhnlichen“ – mit der man den „Regionalkrimis“ die wirkliche Region, entgegenhielt – mit der Arbeitshypothese, dass diese genauso spannend sei. Die Zeitschrift wurde 1997 mangels Käufer eingestellt.

Weil dem US-„Detektiv“ in Mitteleuropa eher der Sozialforscher als der „Privatschnüffler“ entsprach, hatte der Regionalkrimi hierzulande ein Problem: Man konnte ihn nicht ohne Not durch einen verbeamteten Ermittler und seinen riesigen Staatsapparat ersetzen. Die Folge war und ist, dass in den deutschen Krimis immer mehr Laien – Journalisten, Frührentner, Neugierige, Nachbarn, Unausgelastete, Behinderte usw. – zur Verbrechensfahndung sich berufen fühlen. Sie bilden zum Teil bereits ganze Serienhelden bzw. immer wiederkehrende Ermittlungsteams.

Wenn es stimmt, dass die klassischen Kriminalromane (von Conan Doyle z.B.) die „Wirklichkeitsstrukturen der Großstädte“ sogar früher als die „’normale‘ Literatur“  verarbeiteten, wie Ludwig K. Pfeiffer (in: „Mentalität und Medium. Detektivroman, Großstadt und ein zweiter Weg in die Moderne, 1971) meint, dann unternimmt der heutige „Regionalroman“ Ähnliches mit der Kleinstadt und dem Dorf – verstanden als „global village“. Dort hat heute nicht nur jeder Internet, es ist auch nicht mehr ausgeschlossen, dass  sich inzwischen kasachische Auftragskiller am Ortsrand angesiedelt haben. „Im Regionalkrimi wohnt der Mörder praktisch um die Ecke,“ erklärt dazu „Die Welt“. Zugleich befinden sich aber auch alle potentiell „auf der Schwelle zwischen Amateur(detektiv) und Profi“ – so wie einst die Hauptfigur Holmes laut Silke Leuendorf.

Die bayrische Autorin Andrea Maria Schenkel, deren erster Regionalkrimi „Tannöd“ gleich ein großer Erfolg wurde, erklärte dem Bayrischen Rundfunk, sie wollte „keinen Erzähler, keinen Detektiv haben. Ich wollte die Leute aus dem Dorf die Geschichte selber erzählen lassen.“ Das ist auch – etwas weniger streng – in Edda Helmkes „Rhön-Krimi ‚Der Tag nach dem Klassentreffen'“ der Fall. Hendrik Werner schreibt in „Die Welt“ über die Regionalkrimis von Andrea Maria Schenkel und den „Eifel-Krimi“-Autor Jacques Berndorf: „Gegen glatt polierte Euro-Krimis von der Stange und gegen die handelsüblichen urbanen Stalking-Moritaten aus München, Berlin und Hamburg bieten ihre und Berndorfs Bücher eine unverwechselbare regionale Identität auf, gegen eine von allen sperrigen Eigenheiten gereinigte Rhetorik setzen sie ein Sprechen, das Wurzeln hat und diese offen herzeigt. Die beiden Vorreiter haben gezeigt, dass von deutschem Boden ein guter Krimi ausgehen darf, dessen Güte Stallgeruch nicht abträglich ist.“

Vom Täter blieb nur ein Arm mit einer Armbanduhr übrig, die nicht mehr richtig tickte.

Für diese Tendenz spricht auch, das in den Regionalkrimis zunehmend der lokale Dialekt Eingang findet. Ebenso die Namen realer Personen. Das „frauenkrimis.net“ berichtet: „Der Regionalkrimi, das Lieblingsbuch des krimilesenden Kleinstädters, wird auf neue Art geboren. Alle dürfen mitmachen und der Krimiautor fungiert nur noch als Ordner des kreativen Gedankenguts seiner Mitbürger. Eine ganz neue Form der Verbundenheit des Bürgers mit dem Krimiprodukt stellt sich da ein. So fühlt sich Sonja Rudorf aus Bergen – Enkheim nur noch für den Anfang und das Ende einer Geschichte verantwortlich. Dazwischen können Krimi-Freunde auf der Internet-Seite „Frankfurter Senf“ ihrer Phantasie freien Lauf lassen. ‚Der Krimi, der im Netz entsteht‘. Oder nehmen wir den Passau-Krimi ‚Fischblut‘, bei dem sich die Autorin Angelika Hüting mit der Passauer Neuen Presse verbandelt hat. Hierbei konnten sich Leser der Zeitung bewerben, um mit ihrem eigenen Namen als Charakter im Roman aufzutauchen. Aus achtzig Bewerbern wurden acht Personen zu glücklichen Gewinnern. Vorteilhaft, wenn man da auch noch Gewerbetreibender ist. Da mutet der Krimiwettbewerb, den der Lichtensteiger Verkehrsverein ausschrieb und bei dem die Bevölkerung ihre Kurzkrimis einsenden kann, fast schon wie eine Mitmachform von gestern an“.

Im Krimiforum „alligatorpapiere.de“ veröffentlichte der Jugendkrimiautor Reinhard Jahr einen Text über „Regionalkrimis“, in dem es heißt: „Regionalkrimis sind Heimatliteratur, die den Konventionen des Krimi-Genres folgen. Essentielle Bestandteile des Regionalkrimis sind die möglichst genau nachvollziehbaren Schauplätze, kommunalpolitischen Verhältnisse und landsmannschaftlichen Eigenarten, bis hinein in den regionalen Dialekt im Dialog. Der Regionalkrimi schließt sich damit an die ’stark regionalistische Tradition‘ der deutschen Nachkriegsliteratur an. (Heinrich Böll – Rheinland, Martin Walser – Bodensee).“

Die „Welt“-Redakteurin Barbara Reitter-Welter schreibt in ihrem Artikel „Das Böse lauert an der Ecke“: „Bei den Regionalkrimis fasziniert nicht nur das Altbekannte. Wenn sie stimmig sind, hat der Autor auch die gesellschaftliche Atmosphäre eines Ortes, seine lokalpolitische Gemengelage eingefangen. Selbst regionale charakterliche Eigenheiten werden liebevoll karikiert – wie z.B. die Unbeholfenheit des Allgäuer-Kult-Kommissars Kluftinger, seine Angst vor Neuem oder die Vorliebe für Kässpätzle, die auch in „Laienspiel“, dem neuesten und vierten Roman des Erfolgsduos Volker Klüpfel und Michael Kobr wieder eine Rolle spielen. Beim Dialekt allerdings sind die meisten Autoren vorsichtig – schließlich will man das Buch ja möglichst im ganzen deutschen Sprachraum verkaufen.“

Ich machte die Probe aufs Exempel und fragte eine Buchhändlerin in Hildesheim, ob es auch so etwas wie „Hildesheim-Krimis“ gäbe. „Aber ja“, sagte sie, „nur stehen die bei uns nicht im Krimiregal, sondern bei den Regionalia – z.B. die Bücher von Kai Sommer.“ Sie drückte mir dessen Krimi „Tödliche Rache“ in die Hand. „Als der erschien standen die Kunden bei uns Schlange bis raus auf die Fußgängerzone“. Ich las den Roman auf einer Bank am Bahnhof – mit Blick auf das winzige Rotlichviertel – in dem der Krimi von Kai Sommer spielt.

Zugang zum „Kontakthof“ der Hildesheimer Bordelle.

Das „Product Placement“ – die Erwähnung  von Restaurantnamen und -menüs z.B.  – ist in den Regionalkrimi  schon lange gang und gäbe. Dazu finden regelmäßig „Special Events“ – wie das „Krimifestival ‚tatort fulda'“ z.B. statt und dort – in der Rhön – spielen wiederum  Krimis, die im Milieu der für die Region typischen „Holzschnitzerschulen“ und freiberuflichen Holfschnitzer angesiedelt sind: „Madonna gesucht“ von Sylvia Schopf (2005) sei hier genannt. Auch  solche Regionalkrimis, die in einem ebenfalls für Touristen interessanten Milieu spielen, in dem der Krimiautor nebenbei auch noch als Geschäftsmann tätig ist: In Helmut Vorndrans „Rhön-Krimi ‚Das Alabastergrab'“ ist das z.B. der Fall: Der Autor hat einen Bootsverleih und „sogar einen der ganz wenigen Faltboot-Service-Punkte“, wie die Mainpost schreibt, und sein Roman handelt von der quasi natürlichen  Feindschaft zwischen Bootsfahrer und Angler. Mit dem Tod eines Anglers beginnt dann auch seine Romanhandlung.

Der „Ostfriesenkrimi“ und „Tatortkrimi“-Autor Klaus Peter Wolf hielt 2007 einen Vortrag in der Bücherstube Eden in Hage zum Thema „Ist der Regionalkrimi der Pulp [d.h. die Groschenheft-Variante] der neuen Kriminalliteratur?“ Er kam darin auch auf dessen ökonomische Verwertbarkeit zu sprechen: „Eine regional verortete Geschichte läßt sich naturgemäß im regionalen Umfeld bestens in die Verwertungskette bringen: lokale Buchhändler, lokale Medien und die dort lebenden Menschen werden sich um diesen Titel bemühen, der in ihrer Region spielt und sorgen somit im Mix aus Mund-, Radio-, Lokalfernseh- und Lokalzeitungsteilpropaganda, gewürzt mit Lesungen und anderen Aktionen für teilweise höhere Auflagen, als so mancher Großverlag mit seinen Krimiveröffentlichungen erreichen kann, speziell, wenn es sich um noch nicht bekannte Autoren oder Erstveröffentlichungen handelt.“ Bei Wolf selbst, der in Norden wohnt und sich gerne auf er Insel Juist aufhält („die ist wie die Karibik, nur ohne die Scheiß-Palmen!“), kommt noch etwas hinzu: Er studiert seine „Milieus“ ziemlich genau, bevor er sie im Roman ausbreitet. So ist sein Regionalkrimi „Ostfriesenkiller“ in einem Behindertenheim angesiedelt – Wolf war zuvor einige Jahre in der Behindertenhilfe engagiert (bei Wikipedia kann man nachlesen, wo er sonst noch politisch und sozial aktiv war). Neben ihm sei hier auch noch der „Friesen-Krimi“-Autor Theodor J. Reisdorf erwähnt, der bereits 1982 seinen ersten Roman „Land, Leute und Leichen“ veröffentlichte.

Über den Krimiautor und Rechtsanwalt Wilfried Eggers aus dem „Krimiland Kehdingen-Oste“ heißt es in einem Autorenporträt der „Zeit“: „Ein bisschen hat er sich in seinen Krimis selbst gezeichnet, als Rechtsanwalt Schlüter, der an der Alltagsroutine eines Kleinstadtnotars und den Gerechtigkeitsdefiziten der Justiz verzweifelt. Schlüter hält sich durch exzessiven Bücherkonsum schadlos. Eggers schreibt. Er skizziert deutsche Leitkultur, die von Schützenfesten geprägt ist. Er zeichnet die schrulligen Moorbewohner, auf die er in seiner Jugend immer herabsah: ‚Die Eingenähten, haben wir die in unserer Familie immer genannt, weil die sich im November in ihren nassen Hütten eingenäht haben und erst im Frühling wieder herausgekommen sind.‘ Manchmal platzen in Eggers‘ Romanen den Moormenschen die Nähte, und dann kommen Gewalt, Tücke und die Übel der Vergangenheit heraus.“

Die manchmal ausufernde Schilderung der landschaftlichen und kulinarischen „Highlights“ einer Region (bzw. die genußvolle Schilderung ihrer Scheußlichkeiten – z.B. bei den „Ruhrgebiets-Krimis“) hat anscheinend auch eine Kompensationsfunktion. Die „Stuttgart-Krimi“-Autorin Christine Lehmann meinte in einem Interview des  „titel-magazin.de“:  „Die Bundesrepublik hat als Krimischauplatz eine Schwäche: Man traut ihr das geniale oder skurrile Verbrechen nicht zu. Es gibt keine überhitzten Millionenmetropolen und keinen Landadel. Die Mischung aus Dorfkern, Industrieansiedlung, Einkaufscenter, Rotlichtviertel, Tennisclub und Biobauer ist überall ähnlich. Alles ist austauschbar, nur die Straßennamen nicht. Das Bekannte wird zum Neuen. Der Kriminalfall ist dabei Nebensache. Denn der Regionalkrimi holt ein beliebiges Verbrechen in die Provinz und … löst Gelächter aus. Da schau her: Die italienische Mafia in Wangen im Allgäu. Hätte man nicht gedacht. Und dann passiert es, dass mich ein echter Staatsanwalt anspricht und mir darlegt, dass er das Vorbild für meinen fiktiven Staatsanwalt sein muss, denn er fährt denselben Wagen, stammt aus derselben Stadt und wohnt im selben Viertel. Man ist halt gern dabei. Der Regionalkrimi wird als Schlüsselroman gelesen.“ Das gilt auch für den „Münster-Krimi“ von Jürgen Kehrer „Wilsberg und der tote Professor“, in dem es um Intrigen, Mobbing und Mord im Uni-Milieu geht. Der „Spiegel“ schrieb: „Geheimsprachenforscher Klaus Siewert ist sauer. Im neuesten Roman des Münsteraner Schriftstellers Jürgen Kehrer identifiziert sich der Akademiker ausgerechnet mit dem Antihelden. An Hand weniger markanter Übereinstimmungen sei deutlich zu erkennen, dass er als lebendes Vorbild für den Negativ-Charakter des Werkes gedient habe, sagt der Privatdozent. Er fordert ein Vertriebsverbot des Buches unter Androhung eines Zwangsgeldes von 250.000 Euro.“ Der Autor wurde schon einmal verklagt, weil sich jemand in einem seiner Regionalkrimis wiedererkannt hatte. Beide Male wurde Jürgen Kehrer freigesprochen. Ebenso ist es schon vorgekommen, dass ein Autor sich im anderen wiedererkannt hat: Das ist Andrea Maria Schenkel mit ihrem Regionalkrimi „Tannöd“ passiert – der Sachbuchautors Peter Leuschner „entdeckte darin Parallelen zu seinem Sachbuch „Der Mordfall Hinterkaifeck“ und verklagte die Kollegin. Die Richter bescheinigten ihr jedoch: „trotz bestehender Parallelen“ zu dem Sachbuch „Der Mordfall Hinterkaifeck“ den Regionalkrimi „Tannöd“ wegen seines eigenschöpferischen Gehalts als „urheberrechtlich unbedenklich“ anzusehen.

Das liegt laut der Literaturwissenschaftlerin Christine Lehmann nicht zuletzt daran, dass die Krimiautoren immer besser werden: „Der Krimi ist eine Gattung mit strengen Regeln, die inzwischen in Schreibwerkstätten gelehrt werden. Spannend muss er sein, der Plot soll überraschen, Kommissar Zufall sollte es nicht übertreiben. Autor/innen müssen nicht nur kriminelle Fantasie haben, sie müssen sich auch auskennen in einem Milieu, in Leichenerscheinungen, Toxikologie, Betäubungsmittelrecht oder einer GmbH. Nicht so schwierig, seit es Internet gibt, was [allerdings auch] die Versuchung erhöht, einen Krimi zu schreiben.“ Den „Regionalkrimi“ hält die Autorin Lehmann im übrigen nicht für eine eigenständige „Gattung“, sondern eher für einen „Begriff der Verkaufsstrategie“, wie sie im Forum „frauenkrimis.net“ erklärte. Was die Autorin indes nicht daran hinderte, Eva Maria Heims Krimi „Das Rattenprinzip“, der in „Wende-Stuttgart“ (1990) spielt, als geradezu vorbildlich dafür zu loben, wie hierbei eine Krimihandlung mit einer Region derart verschmolzen wird, dass sich die Geschichte so nirgendwo anders abspielen kann. Christine Lehmann promovierte im übrigen über die Frage, warum die Heldin des bürgerlichen Romans am Schluß meist stirbt. In ihren Stuttgart-Krimis nun stirbt gleich am Anfang jemand und dann ermittelt ihre Serienheldin, die Journalistin Lisa Nerz, die alle (Rück-)Schläge überlebt. Es sind diese „Regionalkrimis“ also auch antibürgerliche Romane, obwohl sie nicht selten in der Mittelschicht, der kleinstädtischen bzw. dörflichen „Intelligenz“, spielen. Aus ihr, die nicht selten Zugereiste sind, rekrutiert sich meist auch das Heer der Laien-Ermittler und professionellen Fahnder. Desungeachtet hat man den Eindruck, dass überdurchschnittlich viele Regionalkrimi-Autoren „68er“ bzw. „78er“ sind, sie haben sich im Gegensatz zu den Hochliteratur-Autoren nicht den ganzen öffentlichen Meinungsbildungsprozessen anpassen müssen, und können nach wie vor die (linke) Sau rauslassen. Was Silke Leuendorf über die „Eifel-Krimis“ von Jacques Berndorf sagt, gilt für sehr viele andere Regionalkrimis auch:“Die Gesellschaftskritik nimmt in den Kriminalromanen über die Eifel einen breiten Raum ein. Fast in jedem Buch besteht ein Teil des Falls aus den Machenschaften von Politikern und Unternehmern, die in ihren typischen provinziellen Netzwerken die unterschiedlichsten Verbrechen begehen oder decken.“ Nicht selten sind die „Protagonisten keine Polizisten und ermitteln, wie im klassischen Krimi neben und gegen die Staatsgewalt.“

Täter und Opfer an einem Tisch – noch fast fröhlich vereint.

REZENSION EINES „FRIESENKRIMIS“ MIT MINIMALVERBRECHEN

Man sagt, die Friesen sind den Künsten eher abgeneigt, der Mathematik aber nicht, was von ihrer händlerischen Lebensweise seit dem Megalithikum komme, die zudem immer wieder ins Piratische lappte. Man könnte sie aber auch als seefahrende Viehhirten bezeichnen, die übrigens keinen Volksstamm, sondern wie die Schweizer eine Art Eidgenossenschaft bilden. Aber anders als diese waren sie immer frei (jedenfalls bis die verdammten Preußen kamen).

Zu Zeiten Karls des Großen erledigten sie den Handel für das Reich – bis nach Bagdad hin. Um 1230 wird ihnen quasioffiziell bescheinigt: “omni jugo servitutis exuti” – sie haben das Joch der Knechtschaft verlassen. “Seltsam nahm sich Friesland unter den deutschen Territorien aus”, schreibt der westfriesische Historiker I. H. Gosses: “Kein Graf, keine Lehnsleute, fast keine Ritter, keine Unfreien, keine ummauerten Städte; ein Land freier Bauern.”

Auch in dem in der Gegenwart auf der Insel Föhr spielenden Regionalroman „Friesenblut“ von Olaf Schmidt, Redakteur beim Leipziger Stadtmagazin Kreuzer, spielt die friesische Geschichte eine große Rolle. Nicht nur in Nebenbemerkungen wie etwa der über das Tourismusgeschäft der Föhrer: “Das kleine Volk der Inselfriesen hatte weiß Gott seinen Beitrag zur Ausplünderung der Welt geleistet. Jetzt fuhr man eben nicht mehr auf Beute hinaus, der Reichtum kam von selbst. Was hatte sich schon wirklich geändert?”

Die Hauptfigur des Buchs ist ein auf die Insel Föhr zurückkehrender junger Kunsthistoriker namens Anselm, der dort Material für seine Doktorarbeit über den 1839 gestorbenen und von der Kunstwelt eher gering geschätzten Föhrer Maler Oluf Braren sammeln will. Er knüpft dabei an den Forschungen eines jüdischen Kunsthistorikers an, der 1936 auf die Insel gekommen war und dann von den Nazis umgebracht wurde.

Anselm verbindet eine alte Freundschaft mit dem Inselpfarrer, der einmal Anti-AKW-Aktivist war. Er hat von einem bisher unbekannten Bild des Malers erfahren, das sich im Besitz einer Föhrerin befindet, die es erst jüngst von ihrer in den Dreißigerjahren nach Amerika ausgewanderten älteren Schwester erbte. Auch der Föhringer Verein ist an dem Bild interessiert, denn Oluf Braren wird vom Vereinsvorsitzenden “für den einzigen Künstler von Rang” gehalten, “den unsere Heimatinsel je hervorgebracht hat”. Aber noch bevor er oder Anselm sich über das Bild hermachen können, ist es verschwunden. Gestohlen. Das verleiht dem Roman den Schwung eines Krimis. Dieser wird jedoch immer wieder ausgebremst dadurch, dass parallel zur Aufklärung des Gemäldediebstahls die Lebensgeschichte des Malers ausführlichst erzählt wird.

An der Bildspurensuche beteiligt sich bald auch noch der Inselreporter, der gewissermaßen auf die Nazizeit in der Föhrer Geschichte spezialisiert ist. Genauso wie der Pfarrer hält er den Heimatverein für eine “reaktionäre Bagage”. Ein Buch – vom Vater des Vereinsvorsitzenden verfasst – hieß bereits “Friesenblut”. Olaf Schmidts Roman ist eine ironische Antifa-Antwort darauf und gleichzeitig eine Erinnerung an die Juden einst auf der Insel, die zumeist Touristen waren: “Wyk [auf Föhr] war kein antisemitisches Seebad. Aber als die Nazis dann hier das Sagen hatten, war man sofort tausendprozentig.”

Eine Ausnahme bildete jene Inselminderheit, die 1920 beim Volksentscheid für den Anschluss Föhrs an Dänemark stimmte. Einer von ihnen lebt noch heute. Er ist immer noch davon überzeugt, “dass damals nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei” und dass “die Friesen weder deutsch noch dänisch sind, sie sind etwas Eigenes für sich. Doch von alters her haben sie zu Dänemark gehört und sind damit immer zufrieden gewesen”. Selbst der Festlandfriese Theodor Storm konnte sich 1864 nicht recht über die “Befreiung” seiner “Husumerei” durch die Preußen freuen – obwohl ihn die Dänen zuvor ins (preußische) Exil getrieben hatten. Der erste “Friesenblut”-Roman – “Ein Nordseebuch von Schutz und Trutz” – war unter anderem dem neuerlichen Kampf gegen die “frechen Dänen” nach 1918 gewidmet.

Diese ganzen Geschichten wirken bis heute nach unter der neobanalen Ferienoberfläche der Insel, wobei die vor 15.000 Jahren existierende Hochkultur noch ganz frisch in Erinnerung ist, während die Nazizeit schon “sehr lange her” ist. All diese Widersprüche zerren nun die drei nach dem verschwundenen Bild fahndenden Protagonisten in Schmidts Roman nach und nach ans Licht. Olaf Schmidt hat einem Kapitel das Motto eines Heimatforschers vom Festland aus dem Jahre 1865 vorangestellt: “Wollte und dürfte ich die Geheimnisse der Föhrer und namentlich der Föhrer Nachtschwärmer und Finsterlinge aufdecken, so müßte ich lange Kapitel schreiben.”

Olaf Schmidt hat das getan. In einer Rezension seines Inselkrimiromans verbietet es sich jedoch aufzudecken, wie er ausgeht. Ein Kritiker nannte sein Werk “ein sprachmächtiges Epos über ein Provinzgenie”. Dem möchte ich zuletzt aber widersprechen, denn ein Schriftsteller ist im Gegenteil jemand, der Probleme mit dem Schreiben hat – und Olaf Schmidt hat sich mit “Friesenblut” jede Menge Schreibprobleme gemacht. Als küstennaher Heimatforscher hat er dabei zugleich gekonnt die Dialektik von Erden (bzw. In-See-Stechen) und Abheben berücksichtigt.

Föhr. Photo: seniorenakademie

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/07/12/regionalkrimis_5_genre-pflege/

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kommentare

  • Angesichts der Leidenschaft, mit der die einen Krimis schreiben und die anderen sie massenhaft lesen, fragt sich der „Weisse Ring“ in seiner aktuellen U-Bahn-Werbekampagne bereits:

    „Wenn alle Verbrecher jagen, wer bleibt dann eigentlich beim Opfer?“

  • Der Krimikritiker „Hendrik Werner redet an einer Stelle in seinem obigen Zitat von urbanen „Stalking-Moritaten“. Natürlich wird auch auf dem Land „gestalkt“, manchmal ist man da noch amerikaverfallener als in der Stadt, speziell das „stalking“ ist jedoch eine ebenso feministisch wie von der Verhütungspille inspirierte Denunziation des früher männiglich gepflegten „Fensterlns“.

    Damit dürfte langsam auch die Verarbeitung des Undine-„Stoffes“ durch so ziemlich alle Medien ein Ende haben. Gerade sind wieder zwei literaturwissenschaftliche Studien darüber erschienen.

    Das Wabern der Sirenen, Meerjungfrauen, Undinen und Wasserweibchen durch unser kollektives Unbewußtes seit der Hexenverfolgung zu Beginn der Neuzeit hat als Realereignis den millionenfach geschehenen Selbstmord der Dorfmädchen im Mühlgraben bzw. Dorfteich über die Jahrhunderte zum Hintergrund. Sie gingen „ins Wasser“ – weil sie sich allzu sehr bedrängt fühlten von den jungen Männern, weil sie auf einen einquartierten Soldaten während eines Manövers eingelassen und schwanger geworden waren, aus Liebeskummer und wegen übergroßer Kränkung.

    All diese „Unschuldigen“ kehrten und kehren und kehren (immer) wieder – in den Phantasien von den schönen, aber gefährlichen Jungfrauen, die aus dem Wasser kommen, um durch Vermählung mit einem dieser o.e. Schufte eine Seele zu gewinnen – und entweder schafft sie es, dann verliert diesmal er die seine oder sie schafft es nicht, dann muß sie erneut – und diesmal noch leidender – ins Wasser.

  • P.S.:
    Wenn es sich bei den Ermittlern in den Regionalkrimis um Polizeikomissare handelt, und das ist nicht selten der Fall, dann kriselt es meist in deren Ehe – ihre Frau ist dabei, sich von ihnen wenigstens räumlich zu trennen oder sie leben in Scheidung oder sie sind bereits geschieden. Und meistens geben die Autoren vor, diese soziale Misere ihres Protagonisten sei seinem Engagement geschuldet, also dass er von seinen Fällen nicht loskommt, nichts darüber erzählen darf oder will, zu viel Überstunden macht oder auch nach Feierabend noch völlig benommen von den Abgründen menschlicher Gemeinheit ist.

    Die Krimiautoren machen sich viele Gedanken über die Seelenzustände ihrer polizeilichen Ermittler, umso merkwürdiger ist es, dass sie nicht darauf kommen, dass die „Beziehungsprobleme von Bullen“ struktureller Natur sind: Das Gesetz verkörpern und gleichzeitig Partner, Vater und Sohn sei wollen/sollen – das ist wohl vorbei. Diese Schizophrenie endet zugleich mit dem Ende der Repräsentation. Alle „Bullentöchter“, die ich dazu interviewte, meinten übereinstimmend, dass ihr Vater in ihren und in ihrer Mutter Augen bloß ein wichtigtuerischer Hampelmann sei.

    Wenn sich Krimiautoren doch mal in diese Richtung vorwagen, dann betrifft das höchstens irgendwelche depperten Dorfpolizisten in Uniform, so gut wie nie dagegen leitende Mitarbeiter der Mordkommission – ihre Protagonisten.

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