Die Welt ist Vollpfosten

1. Einige beispielhaft gesetzte Zaunpfähle

„Im wirt gewinket mit der stangen“ (Ulrich von Türheim, „Willehalm von Orlens“, 1238)

Nachbarn erhöhen gemeinsam den Zaun zwischen sich. Photo: seeste.de

In und um Berlin sind wahre „Zaunkriege“ ausgebrochen. Der Grund: Der Staat verkauft ganze Seen und die neuen Besitzer zäunen sie ein, so dass die in der Nähe Wohnenden nicht mehr im See baden und angeln oder am See spazieren gehen können. Damit wird ein Gewohnheitsrecht gebrochen – und das wird nicht ohne Widerstand hingenommen. Nachts werden Zäune entfernt oder Löcher in die Zäune gemacht, so dass man hindurchkriechen kann. An manchen Seen, so z.B. am Liebenberger See, halten die neuen Besitzer des „Seeschlosses“, die Deutsche Kreditbank (DKB), die Zudringlinge statt mit einem Zaun durch „Security“-Kräfte von der Seenutzung ab. In und um Potsdam, wo um den Zugang zu den privatisierten oder teilprivatisierten bzw. verpachteten Seen am Heftigsten gestritten wird, erfaßt der „Zaunkrieg“ bereits die mehr oder weniger verantwortlichen Politiker:  „Zaunstreit unter Genossen“, titelte die Potsdamer Neueste Nachrichten.

Die taz berichtete Mitte April über eine „Bürgerinitiative“, die sich gegen die Seeeinzäunung gegründet hatte: „Mit Schildern, Lautsprechern und Trommeln in den Händen machen sich die Bewohner aus der Nähe des Groß Glienicker Sees in Potsdam auf den Weg von der Seepromenade zum Fußweg am Ufer. Am Abend protestieren und für einen freien Zugang am Ufer des Sees zu kämpfen ist seit einigen Wochen zum Alltagsprogramm geworden. Denn vom Spaziergang oder Radeln direkt am Ufer ist in letzter Zeit nicht sehr viel übrig geblieben: Anwohner mit Seegrundstück hatten den Weg mit Hecken und Zäunen gesperrt, Überwachungskameras, Securityleute mit Schäferhunden sollten dafür sorgen, dass niemand ihre Grundstücke durchquert.

‚Wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns das Ufer klaut!‘, heißt es auf den Plakaten der knapp 200 Demonstranten, die sich am Montagabend versammeln. Drei Mal haben sie in den letzten Wochen gegen die Absperrungen protestiert – mit Erfolg. Am Montagvormittag rollten die Bagger an und entfernten die Hecken und Zäune auf zwei Grundstücken. Das Grünflächenamt der Stadt habe ‚rechtswidrige Sperren‘ am Westufer entfernt, teilte Stadtsprecher Stefan Schulz mit.“ Aber der Kampf geht weiter. Der NDR meldete: „Am Griebnitzsee in Potsdam fliegen die Fetzen“.

Das Problem, um das es dabei geht, ist ein Globales und Uraltes…

Photo: zeit-zeichen-blog.de

Bei den Viehzüchtern der Fulbe in Nigeria tat sich 1984 ein Zaun-Problem auf: Das war, als einige europäische Agrarexperten mit Entwicklungshilfegeldern die Weidewirtschaft dort durch Einzäunungen verbessern wollten und dafür Holzpfosten einsetzen ließen. Diese wurden nach kurzer Zeit von Termiten zerfressen. Ein Bauer kaufte daraufhin Metallpfosten auf eigene Kosten. Den Entwicklungshelfern war diese „Problemlösung“ für alle zu teuer. Ein anderer Bauer zeigte ihnen dann, wie es auch geht: Er ersetzte die zerfressenen Pfähle durch Stöcke, die nach kurzer Zeit anwuchsen und ausschlugen. Diese lebenden Zaunpfähle erwiesen sich als ebenso termitenfest wie kostengünstig.

Anderswo, in Deutschland z.B, kennt man ebenfalls „lebende Zaunpfähle“ – u.a. aus Weiden. In England und Irland bestehen sie oft aus Büschen, die sich zu ganzen (Dornen-)Hecken verdichten lassen. Auf dem Balkan wiederum nimmt man die von den Gärten, Weiden und Äckern aufgelesenen Steine und schichtet sie an den Rändern zu Einfassungsmauern auf.

Auf Sardinien gab es noch bis in die jüngste Zeit Weideland in Gemeindeeigentum – ohne Zäune. 1975 wurde jedoch ein „Reformgesetz zur Strukturentwicklung“ verabschiedet, das von den Schafzüchtern (Hirten) die Seßhaftwerdung sowie privaten Grundbesitz (mindestens 30 Hektar) verlangte, wenn sie davon profitieren  wollten. Die Fördergelder und Kredite mußten sie dann u.a. dazu verwenden, ihre Weiden zu „umzäunen und innen mit Zäunen und Gattern zu unterteilen“ – was einen scharfen  Traditionsbruch bedeutete – und gleichzeitig vielen armen Hirten die Existenzgrundlage raubte. Dies ließ das Banditentum auf Sardinien erneut aufleben.

Anders auf Korsika: Dort laufen die Schweine und Rinder halbwild herum. Viele Bauern wissen nicht einmal, wie viel sie besitzen. Die Kuhhaltung wird vom französischen Staat subventioniert, deswegen besitzt jeder mindestens ein paar – und sei es nur auf dem Papier. Es sind inzwischen so viele, dass sie alles platt machen – auf der Suche nach Futter. Deswegen fangen immer mehr Leute an, wenigstens ihre Gärten einzuzäunen. Aber die hungrigen Rinder springen selbst über hohe Zäune oder trampeln sie runter.

Photo: zaunpfahl-hollys-wood.de

Auch in Burma gibt es bis jetzt kaum  Zäune: Alle Tiere, die nicht gerade zur Arbeit eingespannt sind, laufen frei im Dorf herum oder liegen links und rechts neben der Landstraße im Gras. Die Arbeitselefanten werden abends ausgeschirrt und gehen in den Wald, am nächsten Morgen sind sie aber pünktlich wieder zur Stelle.

Anders machen es die Beduinen und ähliche Wüstennomaden: Sie binden ihren Kamelen die Vorderfüße zusammen und lassen sie weiden, so können sie die Tiere leichter wieder einfangen.

In Brandenburg haben sich einige Landwirte auf die Haltung von Hühnern spezialisiert. Um sie vor Füchsen und Mardenhunden zu schützen, wurden ihre Ausläufe mit Maschendrahtzäunen gesichert. Diese halfen jedoch nicht gegen Raubvögel, so dass die Hühnerzüchter die Freilaufgehege schließlich auch noch nach oben hin mit Maschendraht sicherten. Auf diese Weise entstanden riesige geschlossene Käfige, die nun in der märkischen Landschaft herumstehen.

Hinzu kommt, dass es hier die größte Vielfalt an Garten- und Grundstücks-Zäunen gibt. Hintergrund dafür war einst die Gründung von Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS) auf dem Territorium der DDR, dort wurden die landwirtschaftlichen Geräte der LPGen repariert. Im Winter gab es auf den Stationen nur wenig zu tun, deswegen schweißten die Mitarbeiter  den Dörflern gerne aus MTS-Beständen an Band- und Muniereisen ihre Privatzäune zusammen, wobei sie deren gestalterische Sonderwünsche – Sonnen, Vögel, Sterne etc. – gerne berücksichtigten. Mit der Zeit  wurden die ostdeutschen Zäune in den Dörfern immer künstlerischer, während zuvor mit der Kollektivierung der Landwirtschaft erst einmal tausende von Kilometer Zäune und Hecken niedergerissen worden waren.

DDR-Zaun. Photo: spiegel.de

DDR-Zaun (privat). Photo: flickr.com

Als der sowjetische Schriftsteller Andrej Amalrik 1965 wegen „Parasitentums“ in das sibirische Dorf Gurjewka verbannt wurde, mußte er dort auf der Kolchose Kalinin arbeiten. Als erstes sollte er auf einer riesigen Weide die alten kaputten Zaunpfähle durch neue ersetzen. Sie waren bereits fertig zugeschnitten und lagen am  Wegrand gestapelt bereit. Es waren hunderte einzusetzen. Aber nicht das machte Amalrik mürbe, sondern dass die ganzen neuen Pfähle, schon bevor er sie einbuddelte, verfault waren: Sie würden seiner Einschätzung nach keinen einzigen Winter überstehen, so dass man sie im nächsten Frühjahr schon wieder durch neue ersetzen mußte. Es war also eine sinnlose Arbeit. Und diese wurde Amalrik zum Symbol für die ebenso lieblose wie unverantwortliche und damit unproduktive Pfuscharbeit, die in der ganzen Kolchose herrschte, eigentlich in allen Kolchosen, Sowchosen und Fabriken der Sowjetunion – ja, im Sozialismus überhaupt. Das war jedenfalls Andrej Amalriks Meinung, die er jedoch später bei einer großangelegten Recherche auf sibirischen Kraftwerks-Baustellen wieder etwas revidierte.

NATO-Zaun. Photo: ederjohannes.viennablog.at

Ende der Siebzigerjahre arbeitete ich bei einem Bauern in der Nähe von Wiesmoor, dem ich half, einige Zaunpfähle (aus Eiche) auf seinen Weiden neu zu setzen. Er meinte, das wäre die ideale Arbeit zu zweit, weil man sich dabei die ganze Zeit unterhalten könne. Er war einige Jahre zuvor kurz in China gewesen, wo er u.a. eine Dorfkommune besichtigt hatte. Am meisten hatte ihn dort beeindruckt, dass die Bauern, aufgeteilt in Brigaden, den ganzen Tag während ihrer Arbeit auf den Kommune-Feldern – beim Säen, Pflanzen, Düngen, Unkrautvernichten und Ernten –  miteinander redeten, lachten, Pausen machten usw. „Hier ist dagegen jeder sein Leben lang in eine Treckerkabine eingesperrt und hört den ganzen Tag nur die dämlichen Radiosprecher – die reinste Folter und Gehirnwäsche,“ schimpfte er,  „am Anfang, nachdem ich das in China gesehen und gehört hatte, bin ich schier verrückt geworden auf meinem Fendt. Und ständig hab ich mich mit meiner Frau gestritten. Die ist zwar auch meistens im Haus, so wie ich in meiner Treckerkabine, aber immerhin bekommt sie dort Besuch von den Nachbarinnen oder umgekehrt – besucht die mal eben. Das hat mich richtig eifersüchtig gemacht.“ Während wir gemächlich weiter die Zaunpfähle einsetzten, erzählte er mir, dass in der chinesischen Kommune  damals umgekehrt die Frauen auf die Männer eifersüchtig waren, weil sie – jede für sich – alleine zu Hause Sauber machten, Essen zubereiteten usw., während die Männer den ganzen Tag zusammen waren und dabei alles Mögliche beschlossen. Einigen Frauen reichte es schließlich: Sie verlangten kategorisch, ebenfalls draußen beschäftigt zu werden – und dafür die Einrichtung von Kantinen, wo sie alle gemeinsam essen konnten. So geschah es dann auch.“ Ich gab dem Moorbauer gegenüber zu bedenken, dass dies auch eine von oben gelenkte Kampagne für mehr Arbeitskräfte auf den Feldern gewesen sein könnte, die dann in den Kommunen bloß noch von unten gewissermaßen geerdet wurde – mit Forderungen, Transparenten, Meetings, Kantinenbau usw.. Er hielt mir die „Fakten“ entgegen, die er mit seiner Situation und der seiner Frau verglich. Wir redeten hin und her. Am Abend meinte er, das war doch mal wieder ein gutes Zaunpfahlgespräch. Ich erzählte ihm daraufhin, dass es auf Radio Bremen jeden  Sonntag die Sendung „Gespräche übern Gartenzaun“ gäbe – mit  plattdeutschen Dialogen über gärtnerische Probleme. Sie sei sehr beliebt, es gäbe sie schon seit über 50 Jahren. „Ach, Radio,“ meinte er nur.

Ein anderes Zaunpfahlgespräch führte ich 2007 im Berliner Zentralinstitut für Literaturforschung, wo man sich seltsamerweise gerne mit Genetik, Vererbung und Evolution beschäftigt. In diesem Zusammenhang hatte ein Mitarbeiter bei Charles Darwin, in dessen Buch über „Die Entstehung der Arten“, die These gefunden, dass die „Einzäunung von Ländereien“ eine größere Artenvielfalt hervorbringe, ebenso wichtig seien die Zäune für die „Erzeugung neuer Rassen“. Nomaden, z.B. die Mongolen, besäßen „selten mehr als eine Rasse derselben Art“. Als ehemaliger landwirtschaftlicher Betriebshelfer hielt ich diese britische These bloß für eine späte Rechtfertigung des dortigen großen Bauernlegens ab dem 16. Jahrhundert, als mit der Einzäunung der englischen Weiden zugunsten der Schafzucht Hunderttausende von Kleinbauern von den  zaunlosen Gemeindeländereien (auch Allmende oder Common genannt) vertrieben wurden – und umherirrten, woraufhin man für Betteln die Todesstrafe verhängte. Schließlich deportierte man die  vom Land Vertriebenen in die amerikanischen Kolonien, woraus sich später ein die halbe Welt umspannendes „Common-Wealth“ entwickelte. In seinem Stück „Der Sturm“ hat Shakespeare dies bereits als neues Allmende-Projekt einer Gruppe von schiffbrüchigen „Commoners“  auf den Bermudas ausgesponnen: ein „Staatswesen“ ohne „Landbesitz, Grenzsteine“ und, so darf man hinzufügen, Zaunpfähle. Dieser „Commonismus“, das „war kein Traum von einer vollkommenen Welt, sondern jüngst verlorene Wirklichkeit,“ schreiben Peter Linebaugh und Marcus Rediker in ihrem Buch über „Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks: Die vielköpfige Hydra“.

Der zerstörerische Prozeß setzte sich dann in Amerika fort: „Als die Engländer begannen, Land auf der anderen Seite des Ozeans in Besitz zu nehmen, taten sie dies mittels Zäunen und Hecken, den Merkmalen der Einhegung und des Privatbesitzes“. Ähnliches passierte zur selben Zeit in Irland. Bei Linebaugh und Rediker heißt es dazu: „1759 wurden die Beschränkungen für den Export irischer Rinder nach England aufgehoben, was die Grundherren dazu veranlasste, das Gemeineigentum einzuhegen, die alten ‚clachans‘ (die Weiler, die das Zentrum der kommunalen Landwirtschaft bildeten) zu zerschlagen und Acker- in Weideland umzuwandeln. Das Land wurde mit Weißdornhecken eingefasst.“ Gegen diese Einfriedungen kämpften in Irland  „geheime Bauernvereinigungen“, in England u.a. die „Diggers“ und „Levellers“ ( Gleichmacher oder Einebner). Der Ökonom William Petty hatte 100 Jahre zuvor bereits über diesen immer wieder neu entstehenden Widerstand und seine Niederschlagung geschätzt, nach dem Abholzen der Wälder und den  Einhegungen starben zwischen 1641 und 1652 über eine halbe Million Iren: „dahingerafft von Schwert, Pest, Hungersnot, Entbehrungen und Verbannung“ (in die englischen Kolonien – als Arbeitssklaven).

Der Lord Chancellor des Königs hatte schon 1526 die schrecklichen Folgen der gewaltsamen Umwandlung von Gemeindeland in eingezäunte Schafweiden beschrieben: „So wurden denn die für so sanft und harmlos geltenden Schafe zu reißenden Ungeheuern, reißender als Wölfe, denn Wölfe würden nur Menschen reißen, die Schafe aber zugleich mit den vielen Menschen des vorangegangenen Mittelenglands deren steinerne Dörfer.“ Am Ende des 16.Jahrhunderts gab es zwölf Mal so viele Besitzlose wie 100 Jahre zuvor. „Im 17. Jahrhundert war fast ein Viertel des englischen Grund und Bodens eingehegt. Mittels Luftaufnahmen und Ausgrabungen sind inzwischen mehr als tausend verlassene Dörfer und Flecken geortet worden – eine Bestätigung der riesigen Dimensionen, in denen die Vertreibung der Kleinbauern sich vollzog,“ schreiben Linebaugh und Rediker. Im Jahr 1795 plädierte das Landwirtschaftsministerium für die Abschaffung der letzten Reste des Gemeineigentums. Zwischen 1801 und 1831 verlor die bäuerliche Bevölkerung per Gesetzesbeschluss 3,5 Millionen Acres Gemeindeland. Die sich gegen die Einhegungen Wehrenden füllten die Gefängnisse und wurden zu hunderten und tausenden gehenkt. Der  Nationalökonom Thomas R. Malthus, auf den sich dann Charles Darwin in seiner Theorie der natürlichen Selektion stützte, beruhigte die englische Bourgeoisie in seinem „Versuch über das Bevölkerungsgesetz“: Man müsse die Armen und Verhungernden nicht unterstützen – sie seien kraft der Naturgesetze, die die Gesetze Gottes seien, zum Untergang verurteilt.

Karl Marx, der sein Hauptwerk „Das Kapital“ Darwin widmen wollte, sah 1882 diesen Prozeß der „Expropriation der Ackerbauern“ ausgehend von England mit „historischer Unvermeidlichkeit“ als bereits vollzogen an, aber in Russland könne „die Dorfgemeinde“ – Obschtschina, so meinte er, noch zum  „Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Russlands“ werden, d.h. wenn ihr  Selbstbehauptungswillen sich als ausdauernd genug erweise – und sie sich mit der Arbeiterbewegung in den Städten verbinde. Dem auf die Zerstzörung der Allmende in Westeuropa folgenden „bäuerlichen Parzelleneigentum“ gab er jedoch keine Chance: Es werde unweigerlich der „von Kapitalisten betriebenen Landwirtschaft“ weichen müssen. Die meisten Marxisten folgten ihm später in dieser Einschätzung:  „Es ist unsere Pflicht,“ so schrieb z.B. Friedrich Engels, „den Bauern die absolute Rettungslosigkeit ihrer Lage klar zu machen.“

Ähnlich wie das Bauernlegen in England zog dann in Nordamerika das Einsetzen der Zaunpfähle und Einzäunen von Weidegebieten mit Stacheldraht (der 1873 in den USA erfunden wurde) den Tod fast aller indianischen Völker nach sich. Noch US-Präsident Theodor Roosevelt bezeichnete ihre Ausrottung als einen „gerechten Krieg“: „Dieser großartige Kontinent konnte nicht einfach als Jagdgebiet für elende Wilde erhalten werden.“ Seitdem gibt es viele Country- und Western-Lieder über den „Devil’s Rope“, wie die Cowboys, die dadurch ebenfalls ihre Existenz verloren, den Stacheldraht nannten; das letzte Lied stammt von Kate Mann aus Oregon 2007. Das selbe passierte dann bei der Gründung des Staates Israel: die Palästinenser wurden und werden vertrieben, das Land von Siedlern in Besitz genommen und eingezäunt. Kein Land hat sich so mit Stacheldraht verbarrikadiert wie Israel.

„Der Zaun“ in Israel. Photo: freace.de

Polen wurde in seiner Geschichte  mehrmals mit Grenzzäunen aufgeteilt, verschoben und verschwand sogar vorübergehend  ganz von der Landkarte, währenddessen ging jedoch die halbe Gesellschaft und nahezu der gesamte Staat in den Untergrund (zuletzt während der Nazizeit). Vielleicht ist das mit ein Grund, warum man in weiten Teilen Polens keine Zaunpfähle setzt  und nichts einzäunt, sondern umgekehrt das Vieh anbindet, die Hund werden meist angekettet. Auch in den polnischen Kleingartensiedlungen gibt es keine Zäune zwischen den Grundstücken. Das verwirrt immer wieder die Deutschen, die von „polnischer Wirtschaft“ sprechen und sich unsicher sind, wo sie da nun entlanggehen sollen bzw. dürfen. In einigen Kleingartensiedlungen, in denen sie inzwischen schon fast eine Mehrheit bilden, haben sie es jedoch geschafft, dass nun auch dort Zaunpfähle gesetzt und Zäune gezogen werden. Neuerdings tun es ihnen die Polen sogar nach, indem sie ihre Grundstücke mit Betonzäunen – plot betonowe – sichern. Die Einfriedungen aus Beton sind eine regelrechte Mode geworden.

Auch in Irland sind die Deutschen Zaun-Avantgarde. Auf der Insel Achill z.B. erwarb ein Deutscher, der eine Amerikanerin geheiratet hatte, ein Grundstück, das er sogleich bis runter zum Meer einzäunte und mit Schildern versah: „Betreten verboten – Privatbesitz“. Er ignorierte dabei sowohl ein altes Wegerecht als auch das ungeschriebene Gesetz, das der Strand allen gehört. Schon bald waren sämtliche Inselbewohner wütend auf die beiden Ausländer.

Im Weideland Mecklenburg-Vorpommern wurden nach der Wende und der Wiedereinführung privater Landwirtschaften besonders viele neue  Zäune gezogen, woraufhin sich dort die gesellschaftskritische Punkrockband „Zaunpfahl“ gründete. Der Refrain eines ihrer Lieder – auf der LP „Leben ist“ –  lautet: „Du hast mich erschossen/Und das fand ich nicht fair/Ich hatte zwar das Messer/Doch du hattest das Gewehr.“

Photo: europolice.noblogs.org

Noch immer werden weltweit täglich Millionen Festmeter Holz zu Zaunpfählen verarbeitet. Und die Zaunanbieter haben als Teil der Security-Branche ununterbrochen Konjunktur – ja, gerade in Rezessions-, Restaurations- und Krisenzeiten bzw.  Bürgerkriegen. Nicht zuletzt deswegen sind  auch die Holzpreise in den letzten Jahren angezogen, ein Holz-Zaunpfahl kostet heute zwischen 5 und 15 Euro in den Bau- und Heimwerkermärkten, wobei zwischen „kesseldruckimprägnierten“ und „oberflächenbehandelten“ Pfählen – meist aus Kiefern- oder Fichtenholz – unterschieden wird. In vielen Regionen Deutschlands gibt es staatliche Zuschüsse, wenn die Hausbesitzer sich für einen regionaltypischen Zaun entscheiden – in Norddeutschland für den „Friesenzaun“ und in der bayrischen Rhön für den „fränkischen Gartenzaun“ z.B.. Dort – am Schwarzen Moor – erzählte mir der ehemalige Waldarbeiter Peter Engstler, dass er immer ungerne Zaunpfähle hergestellt habe: „Die bringen nichts, weil sie so dünn sind.“ Waldarbeiter werden nach Raummetern bezahlt: Zu seiner Zeit bekamen sie 16-20 DM für einen Raummeter – und schaffen konnte man  5-7 am Tag. Je dünner die Stämme waren, desto länger brauchte man für einen Raummeter. Deswegen war das Zaunpfählemachen eine „Scheißarbeit“. Die Waldarbeiter bekamen dazu den Bestand im Forst gezeigt, wobei die Stämme entweder vom Förster markiert waren oder es sich um Sturmschäden handelte. Letztere waren am gefährlichsten, aber auch am begehrtesten, weil die meisten Stämme bereits zu Boden gegangen waren. Für die Zaunpfähle wurde Lerche oder Eiche genommen, wobei die Stämme der letzteren dann noch geviertelt werden mußten. Vor dem Einsetzen in die Erde empfahl Peter Engstler, die Pfahlspitzen anzukokeln, „dann halten sie länger“. Früher habe man sie in Altöl getaucht, aber das sei inzwischen verboten. Da man heute gerne schnell auf- und abbaubare Elektrozäune aus Plastik bzw. Metall verwende, sähe man im übrigen immer weniger Weidezaun-Pfähle aus Holz auf dem Land. Und weil das Vieh heute oft ganzjährig eingestallt werde, verschwänden die Weidetiere langsam aber sicher aus der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Mit der weltweiten Zunahme von  eingezäunten, so genannten „Gated Communities“ scheint darüberhinaus auch der Begriff von urbaner Öffentlichkeit an ein Ende zu kommen. Während die Regierungseinrichtungen unterdes bei ihrer Einzäunung vom Stacheldraht zum Natodraht fortgeschritten sind. All das braucht natürlich wieder Unmengen von Zaunpfähle. Einige Sozialforscher legen nahe, dass dieses Elend bereits mit der Seßhaftigkeit begann: Während die Nomaden den Raum beherrschen, nehmen die Seßhaften ihn in Besitz, sie zerstückeln und markieren ihn, um ihn aufzuteilen. Die französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari reden in diesem Zusammenhang vom Gegensatz zwischen dem „Glatten und dem Gekerbten“. Zu den Einkerbungen der Seßhaften und ihrer Staaten gehören Grenzposten, Festungen, Pfähle, Stacheldraht, Hecken, Mauern etc.. Zwar hat auch der Nomade Punkte (Wasserstellen, Winterplätze, Versammlungsorte), aber die Frage ist, was ein Prinzip des nomadischen Lebens ist und was nur eine Folge: „die Punkte sind den Wegen, die sie bestimmten, streng untergeordnet, im Gegensatz zu dem, was bei den Seßhaften vor sich geht“.  Während der Seßhafte „einen geschlossenen Raum unter den Menschen aufteilt, verteilt der Nomade die Menschen und Tiere in einem offenen Raum, der nicht definiert und nicht kommunizierend ist“. Anny Milovanoff schreibt in „La seconde peau du nomade“ (Die zweite Haut des Nomaden): „Der Nomade hält sich an die Vorstellung seines Weges und nicht an eine Darstellung des Raumes, den er durchquert. Er überläßt den Raum dem Raum.“

Grenzzaun. Photo: andreasgemeinde-ffm.de


2. Einige ausgewählte Löcher in den Zäunen meines Lebens

von Wladimir Kaminer

„Schrei nicht ‚Juchhee‘, bevor du über den Zaun bist!“ (altes russisches Sprichwort)

Zeit meines Lebens war ich eingezäunt, ich konnte entweder nicht rein oder nicht raus. Und ungefähr gleich lange bin ich damit beschäftigt, diese Grenzen zu überschreiten, über die Zäune zu klettern, nach den Türchen in den Mauern und den Löchern in den Gittern zu suchen.  Auf dem vermutlich ersten Foto, das mein Vater von mir machte, pinkel ich durch das Holzgitter meines Kinderbettes.

In meiner Kindheit gab es keine Windeln, strenge Eltern wickelten ihre Kinder von Kopf bis Fuß ein mit speziellen Wickeltüchern. Die Eingewickelten lagen wie Zinnsoldaten in ihren Bettchen, in großer Not pinkelten sie sich ein. Liberale Eltern wickelten ihre Kinder dagegen überhaupt nicht ein, sie durften überall hinpinkeln. Die Eingewickelten gingen später zu den Organen – Armee, KGB, Miliz, Bahn. Die Nichtgewickelten wurden Künstler oder Verbrecher. Das ist meine private These, sie ist nicht statistisch abgesichert.  Meine Eltern waren liberal, ich wurde nicht gewickelt.

Mein Vater, der in seinem Fotografier-Wahn stundenlang, manchmal sogar Tage und Monate ausharren konnte, auf der Suche nach dem „einmaligen Augenblick des Lebens“, schlief sogar mit seiner Kamera neben dem Kopfkissen. Keine Ahnung, was „Einmaliges“ er nachts in unserer Wohnung zu knipsen hoffte, außer mir, meiner Mutter und unserer Katze gab es dort nichts Einmaliges. Später interessierte sich mein Vater für die sogenannte Mikrofotografie: Er wollte Ameisen knipsen und grub, um einen Ameisenhaufen neben unserem Haus besser beobachten zu können, direkt am Radfahrweg eine Grube, in der am gleichen Tag mehrere Radfahrer verunglückten, die er dann gleichfalls fotografierte. Ein anderes Mal verunglückte mein Vater selbst ziemlich schwer, er fiel aus dem Küchenfenster im zweiten Stock bei dem Versuch einen schönen Vogel auf dem Balkon des Nachbarn zu fotografieren. Nach diesem seinen Fall bekam ich Alpträume, ich mochte sein Hobby nicht mehr, auch nicht die großen schwarz-weißen Abzüge, mit denen er unsere Wohnung tapezierte. Selbst auf dem Foto, wo ich zwischen die Gitterstäbe meines Kinderbettes pinkel, kann man schon erkennen, das ich mit dem Strahl auf seinen Fotoapparat zielte.  In einem anderen Land wäre mein Vater bestimmt ein Paparazzi geworden. Aber in der planwirtschaftlichen Entwicklung der Sowjetunion waren Paparazzis nicht vorgesehen und so wurde mein Vater Ingenieur.

Provisorischer (Krombacher-) Zaun. Photo: Peter Grosse

Seit meinem ersten Tag nagte ich an den Holzpfeilern des Gitters  an meinem Kinderbettchen. Ich fing damit an, noch bevor mir die ersten Milchzähne kamen, so erzählt es jedenfalls meine Mutter, und ich war auch früher als die meisten Kinder damit fertig. Eines Nachts gelang mir der Ausbruch: Ich riß zwei Pfeiler erfolgreich raus, fiel dann aus dem Bett und kroch in der dunklen Wohnung herum.  Danach verstärkte  mein Vater das Bettgitter mit Metalldraht. Dagegen kam ich nicht an. Die Angewohnheit, gegen Gitterzäune zu pinkeln, habe ich jedoch bis zum heutigen Tag beibehalten, es ist ein Reflex. Immer wenn ich irgendwo einen Gitterzaun sehe, muss ich dringend, je höher der Zaun, umso stärker der Drang.

Der Kindergarten unseres Bezirkes befand sich zwischen einer so genannten „Idiotenschule“ – einer Anstalt für geistig zurückgebliebene Jugendliche – und einem Krankenhaus des Verteidigungsministeriums. Die Idiotenschule hatte eine drei Meter hohe Mauer mit einer Alarmanlage, die zwanzig Mal am Tag losging, ohne das jemand über die Mauer kletterte. Die Insassen dieser Anstalt waren nicht idiotisch genug, um über die Mauer zu klettern. Wenn sie raus an die frische Luft wollten, gingen sie ans Tor, denn das Tor zu ihrer Schule war offen. Sie konnten völlig frei rein und raus gehen, wann immer sie wollten. Jeden Tag standen sie dort – an ihrem Tor, machten die Fußgänger mit idiotischen Witzen an, baten aufdringlich um Zigaretten, aber sie trauten sich nicht, sich mehr als fünf Meter vom Schulgrundstück zu entfernen. Es waren, wie gesagt, Idioten.

Das Krankenhaus des Verteidigungsministeriums hatte natürlich auch einen Zaun, dazu ein Tor mit einem Schlagbaum, der von einem Soldaten bewacht wurde. Hinter dem Schlagbaum konnte man ein zweites eisernes Tor sehen, das ständig verschlossen war. Trotz dieser Sicherheitsvorkehrungen liefen die Patienten des Krankenhauses auf den Strassen unseres Bezirks frei herum, man erkannte sie am aufrechtem Gang, dem geraden Rücken und ihrer besonders gesunden Gesichtsfarbe – die meisten Patienten des Krankenhauses waren Armeeoffiziere. Selbst ohne Uniform, in gestreiften Pyjamas und Pantoffeln bewegten sie sich anders als die Zivilisten. Zum Biertrinken und Rauchen gingen die Offiziere auf die Abenteuerveranda unseres Kindergartens, natürlich nur dann, wenn dort keine Kinder spielten – spätabends oder nachts. Unser Kindergarten und die dazugehörige Abenteuerveranda waren ebenfalls mit einem hohen Metallgitter umgeben. Doch wie in jedem sowjetischen Zaun gab es auch in unserem ein großes Loch. Die Offiziere, die sich im Krankenhaus langweilten, versammelten sich auf der Abenteuerveranda. Ich war nie dabei, aber ich glaube, sie haben dort nachts Partys gefeiert, denn wir fanden morgens oft jede Menge leere Flaschen und Kippen an und in unserem Sandkasten neben der Veranda. Wir sammelten die Flaschen und vergruben sie im Sand. Dieses Spiel hieß „Finde den Schatz“. Der eine musste die Flasche vergraben, der andere musste sie finden und, als neuer Besitzer des Schatzes, ihn sofort wieder vergraben. Es war ein gefährliches Spiel, unsere Erzieherinnen waren auf der Hut und wenn sie eine Flasche sahen, wurde sie einkassiert. Wahrscheinlich brachten sie unsere Flaschen in den Lebensmittelladen, denn es waren meistens Pfandflaschen. Die Offiziere aus dem Krankenhaus sorgten jedoch fleißig für Nachschub.

Photo: tagesschau.de
Mir war lange Zeit nicht bewusst, das ich in einem von der übrigen  Welt abgeschotteten, von allen Seiten eingezäunten Land, lebte. Die Sowjetunion war sehr groß, in meiner Phantasie sah die Welt wie folgt aus: In der Mitte war die Sowjetunion, bis an den Horizont, so weit das Auge blicken konnte. Weiter war lange nichts, und ganz weit weg von uns begann dann der kümmerliche Rest der Welt.  Ich bin zum ersten Mal mit vierzehn an die Grenzen der Sowjetunion gestoßen, sie war viel näher als ich erwartete, in Odessa am Strand, fünf hundert Meter vom Haus meiner Großmutter entfernt. Meine Eltern hatten mich in jenem Jahr zum ersten Mal alleine nach Odessa zur Oma geschickt, sie wollten ein bisschen Ruhe und die kleine Wohnung einmal nur für sich haben. Ich hielt mich für erwachsen genug, hatte in Odessa ein paar Freunde und eine Freundin namens Ella. Ihre Eltern hatten einen Ausreiseantrag bewilligt bekommen, sie bereiten ihre Auswanderung vor. Das  war nichts Außergewöhnliches, damals saß halb Odessa auf  gepackten Koffern.  Ella ging tagsüber an den Strand, lag in der Sonne und blätterte in einem englischen Lehrbuch, dem wichtigsten Buch für ihr neues Leben. Eigentlich hatte sie keine große Lust auszureisen, ihr gefiel es in Odessa ganz gut, aber ihre Eltern konnten dem Sozialismus nichts abgewinnen. Beide waren Ärzte, als solche, so waren sie überzeugt, würden sie im Westen ein weitaus besseres Leben als in der Sowjetunion haben.  Ella hatte bereits Heimweh, obwohl sie noch gar nicht ausgereist war.

Einmal gingen Ella und ich nachts an den Strand und gerieten in eine Grenzkontrolle. Soldaten mit Maschinengewehren vorm Bauch und Hunden an der Leine durchkämmten den Strand auf der Suche nach Überläufern, die sich möglicherweise im Sand versteckt hatten. Der Strand war nachts nicht beleuchtet, die Wellen schlugen laut hoch, man konnte kaum etwas sehen oder hören, die Soldaten kamen uns wie Geister vor, mit ihren Taschenlampen haben sie mich ziemlich erschreckt.  Ella und ich saßen hinter einer Reihe von Umkleidekabinen. „Wusstest Du denn nicht, dass wir an der Grenze leben?“ lachte mich Ella aus. „Was für eine Grenze? Hier ist doch nichts, außer Meer und Strand!“ meinte ich. „Aber am  anderen Ufer ist die Türkei. Jedes Jahr sterben Menschen beim Versuch, rüber zu schwimmen. Es haben bis jetzt nur sehr wenige geschafft,“ erzählte mir Ella. Ich versuchte mir vorzustellen, wie mutig man sein mußte, um sich auf ein solches mörderisches Abenteuer einzulassen – über das ganze Schwarze Meer zu schwimmen. Diese Superschwimmer betrachteten das Meer als ein Loch im Zaun, ein zwar großes, aber umso gefährlicheres Loch.

Einsamer Zaunpfahl (Land). Photo: trustpage.de

Eine Grenzstreife hat uns in dieser Nacht hinter den Umkleidekabinen dann doch noch entdeckt, es war eine ungewöhnliche Grenzstreife. In der Regel gingen die Soldaten zu zweit und hatten einen großen Hund dabei, einen Rottweiler oder einen Schäferhund. Die Streife, die uns entdeckte, bestand nur aus einem Mann, und statt eines Rottweilers hatte er  ein kleines Hündchen, einen Bologneser, an der Leine. Ein Grenzsoldat mit einem Bologneser, den er im Sand hinter sich her schleifte – es sah unglaublich lächerlich aus. Er hatte bestimmt seinen großen Hund versoffen und mit dem Rest des Geldes den kleinen gekauft, vermutete ich, meine Freundin musste laut lachen. Sofort fing der Bologneser an zu bellen, er rannte in unsere Richtung, der Soldat lief hinter ihm her. Wir hatten keine Papiere dabei, es hätte für uns schlimm ausgehen können, aber der Soldat war halbwegs freundlich, er schickte uns bloß nach Hause.

Einsamer Begrenzungspfahl (Stadt). Photo: Peter Grosse

Ein wichtiges Zeichen des Wohlstands in unserem Land war die Möglichkeit, ein Grundstück vom Staat zu pachten, um darauf eine Datsche – ein eigenes Häuschen – zu bauen.  In der Regel zogen sich die Bauarbeiten bei einem solchen Familienprojekt enorm in die Länge – sie erstreckten sich über mehrere Generationen. Als erstes wurde stets ein hoher Zaun gebaut, damit die Nachbarn nicht sehen konnten wer wie und (besonders wichtig!) mit welchen Materialen sich seine Datsche errichtete. Man konnte in der Sowjetunion keine Baumaterialen  im freien Handel erwerben, man konnte sie auch nicht erben oder geschenkt bekommen, man konnte sie eigentlich nur klauen. Meine Eltern hatten zu wenig Geld, um ein Grundstück zu pachten, dafür legten sie ihre Ersparnisse mit denen einer befreundeten Familie zusammen und mieteten eine fertige Datsche für drei Jahre. Drei Sommer in Folge verbrachte ich auf dieser Datsche, die sich in der Nähe von Moskau gleich neben der berühmten Kosmonautensiedlung „Sternenstädtchen“ befand.

In diesem Städtchen durften nur Kosmonauten mit ihren Familien leben, sie hatten dort wegen ihrer heroischen Berufswahl verbesserte Lebensbedingungen. Das bedeutete: besser geplante Wohnungen und eine bessere Auswahl an Lebensmitteln in den Geschäften – französische Kosmetik, italienische Schuhe, finnische Zigaretten. In der Sowjetunion gab es eine Menge Kosmonauten, nur wenige von ihnen sind tatsächlich ein oder zwei Mal in den Kosmos geflogen, die meisten haben nie unseren Planeten verlassen, sie saßen in ihrem Sternstädtchen und fraßen. Natürlich hatten die Kosmonauten ihr Städtchen von allen Seiten mit einer hohen Mauer umgeben, um keinen Sozialneid beim Rest der Bevölkerung aufkommen zu lassen.  Niemand sollte sehen, wie gut es den Kosmonauten ging.

DDR-Zaun. Photo: familienpage.npage.de

Mit den anderen Kindern aus den umliegenden Datschen-Siedlungen stürmten wir jeden zweiten Tag die Mauer ihres Städchens, es gab mehrere Möglichkeiten, dort  einzudringen. Die einfachste Variante war, den Soldaten am Tor in ein  Gespräch zu verwickeln und ihn dadurch abzulenken. In der Regel gingen zwei von uns zu dem Soldaten. Und während sie sich bei ihm erkundigten, welche Prüfungen man machen musste, um in eine Kosmonautenschule aufgenommen zu werden, schleusten sich die anderen hinter dem Rücken des Wachsoldaten ins Sternenstädtchen. Eine andere Variante, die gefährlichere, bestand darin, von einem Baum auf die Mauer und von der Mauer aufs Dach eines LKWs zu springen, der jedoch gute zwei Meter von der Mauer entfernt parkte. Das  schafften nur die älteren Semester.

Nach dem Abitur ging ich auf eine  Theaterschule. Kaum hatte ich mich immatrikuliert, wurde ich auch schon mit der ganzen Studentenschaft aufs Land verschickt – in eine Kolchose.  Wir sollten dort bei der Kartoffelernte helfen. Tagsüber hockten wir auf dem  Feld, abends kletterten wir über die Zäune in die Gärten der Kolchose und überfraßen uns mit Pflaumen, und später mit Äpfeln.

Meine ganze Kindheit und Jugend war ein ständiges über etwas Rüber-  oder unten Drunter-Klettern, um durch die  unzähligen Sicherheitsvorrichtungen meiner Heimat zu gelangen. Ich habe mir ganz viele Hosen dabei versaut.  Nach Beendigung der Theaterschule wurde ich in die Armee einberufen. Ich bekam den Befehl,  in einer Raketenabwehzentrale als Funker zu dienen, meine Aufgabe bestand darin, den Funkkontakt zwischen verschiedenen Abschusspunkten zu prüfen, einmal alle zwölf Stunden, und das zwei Jahre lang.

Herausgerissener Begrenzungspfahl (Stadt). Photo: Peter Grosse

Unsere Einheit war Teil des dritten Moskauer Abwehrrings, wir trugen die Verantwortung für den hellblauen Himmel über der Hauptstadt . Deswegen galt für unsere Einheit die höchste Sicherheitsstufe. Das bedeutete, das unsere Eltern, unsere Geschwister, unsere Bräute und unsere Freunde nicht wissen duften, wo genau wir waren und was wir dort taten. Aber sie wussten es trotzdem. Eine Beurlaubung oder gar ein Besuch war in unserer Einheit wegen der oben erwähnten Sicherheitsstufe nicht möglich Wir durften unsere Familienangehörigen zwei Jahre lang nicht sehen. Aber die meisten haben sich dennoch alle drei Wochen gesehen.  Unsere Einheit stand mitten im Wald, sie war nach allen Seiten hin abgeriegelt, nach oben hin hing ein Tarnnetz und um uns herum im Wald hatte man mehrere Kilometer Stacheldraht verlegt.  Doch die Generationen von Soldaten vor uns hatten die ihnen gebliebene Freizeit nicht nur zum Zigarettchendrehen benutzt: Es gab allein drei Untergrabungen, richtige Tunnel, die zu uns führten. Außerdem ein großes Loch, eine geheime Tür im Stacheldraht, die allerdings nur im Sommer benutzt werden konnte, denn im Winter hinterließen die Familienangehörigen zu viele auffällige Zivilistenspuren im Schnee. Meine damalige Freundin ist insgesamt drei oder vier Mal zu mir durch den Stacheldraht geklettert, ich bin umgekehrt einmal rausgeklettert und habe mit meinem Vater einen ganzen Tag lang in einem nahe gelegenen Dorf Bier getrunken.  Man durfte es allerdings mit dem ständigen Rein und Raus nicht übertreiben, denn jederzeit konnten die amerikanischen Bomber kommen, so wurde es uns jedenfalls im Politunterricht eingebläut. In meinen zwei Armeejahren ist jedoch nichts dergleichen über uns rübergeflogen – außer Mathias Rust. Er landete im  Mai 1987 – ausgerechnet am Tag der sowjetischen Grenztruppen – unbehelligt am Roten Platz. Ich kam dennoch aus der Armee gesund und munter nach Hause zurück.

Lärmschutzzaun. Photo: bruemmer.tv

Im gleichen Jahr begann der Sozialismus zu bröckeln und zu wackeln, im Grenzzaun unseres Landes tat sich ein Spalt auf – ich fuhr nach Ostberlin. Das war im Juli 1990, kurz vor der Wiedervereinigung, aber die Berliner Mauer war bereits durchlöchert wie ein Sieb.  Massen liefen durch die Mauer hindurch, von Osten nach Westen und von Westen nach Osten, wie Unentschlossene, die nicht wissen, wo es ihnen besser gefällt.  Man sagt, der höchste Sinn im Leben eines Mannes bestehe  darin, ein Haus zu bauen, einen Baum zu pflanzen, ein Kind groß zu ziehen und ein Buch zu schreiben. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, war es bist jetzt ein ständiges Suchen nach einem Loch im Zaun.

Zaunkönig. Photo: nabu.de

Kommentare (5)

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  1. „Die Renaissance der Grenzzäune“ hieß ein langer Artikel in der FAS vom 9.1., in dem fast alle neuen Grenzzäune und -mauern seit dem Berliner „Mauerfall“ thematisiert werden. Der Zaun zwischen Nord- und Südkorea, der von Südkoreanern mit Wunschzetteln bespickt wird. Der hightechflankierte Grenzzaun und die Grenzmauern am Rio Grande zwischen Mexiko und den USA. Die lebensgefährlichen Grenzzäune um die spanischen Enklaven Melilla und Ceuta in Marokko, die als „gewaltlose Grenze“ bezeichnet werden. Die Mauer in Israel – zur Abwehr von Palästinensern, die 1,5 Mio Dollar pro Kilometer kostet.

    Nicht erwähnt hat der FAS-Autor die privaten Mauern um Kleinsiedlungen von Reichen (gated communities), um Ferienanlagen für Weiße, in Mittelschichts-Vororten – gegen Zigeuner, Unterschichtkinder oder Kriminelle, um Industrie-, Militär, Polizei- und Regierungs-Ejnrichtungen. Auch das gehört alles noch zur „Renaissance der Grenzzäune“.

    „Good Fences make good neighbours“ sagte man im agrarischen Amerika, in der postindustriellen Gesellschaft sind die hightechbestückten Zäune dagegen dazu da, die „neighbours“ von sich fern zu halten.

  2. „Zaun hilft kaum“, dichtete die FAZ zu einem Artikel über den 206 Kilometer langen Zaun, den Griechenland entlang der Grenze zur Türkei errichten will – analog zu dem in Israel gegen die Palästinenser und dem in den USA gegen die verfluchten Latinos.

    Auch der griechische Zaun soll Migranten – „illegale Einwanderer“ nennt die staatstragende FAZ sie – davon abhalten, ins Land zu einzusickern. Die EU ist jedoch dagegen: „Das hilft doch alles nicht!“

    Zäune sorgen nur kurzfristig für Abhilfe. sagte ein EU-Sprecher. Erst mal hat die EU-Schweioneagentur „Frontex“ jetzt ihre besten Agenten in die griechische Problemzone am Grenzfluß Evros geschickt, die irgendwelche Gutachten schreiben sollen. Außerdem hat die EU den Griechen 10 Millionen Euro zur Problemlösung überwiesen.

    Seitdem sind die deutschen Medien und wahrscheinlich nicht nur sie voll mit Artikeln über „Zäune“. Mehr soll hier eigentlich nicht gesagt werden.

  3. im Marburger Jonas-Verlag erschien 2005 ein reich illustriertes Buch von Nicole Andries und Majken Rehder mit dem Titel „Zaunwelten“ , in dem es um „Zäune und Zeitzeugen – Geschichten zur Alltagskultur der DDR“ ging.

    Das seltsam paradoxe Phänomen, das in der DDR, wo infolge der Kollektivierung der Landwirtschaft alle Zäune fielen – gleichzeitig eine bis heute sichtbare „Kultur“ von Privatzäunen entstand, wurde bereits im obigen blog-eintrag erwähnt. Das Buch zeigt jedoch, dass sich eine gründliche Beschäftigung mit diesem Phänomen lohnt.

    Gewissermaßen als Hintergrund-Material dafür sei hier noch das Buch von Lothar Binger angeführt: „Verstockte Welt. Stock-Geschichte im Patriachat“, es erschien 2010 im hendrik Bäßler verlag Berlin und behandelt alle möglichen Stöcke nebst ihrer tiefenpsychologischen Dimensionen.

  4. Süddeutsche Zeitung vom 18.11.2010:

    „Geschlossene Gesellschaft

    Immer mehr Reichtum, immer mehr Armut. Die ersten Deutschen setzen deswegen jetzt auf Selbsteinzäunung“

    Gemeint sind damit die sogenannten „gated communities“.

  5. P.S.: Und noch kaum ein „Rußlandfahrer“, der hinterher seine Reiseeindrücke beschrieb, hat in den bis in die Dreißigerjahre noch existierenden „deutschen Dörfern“ an der Wolga, im Kaukasus und anderswo die sauber eingezäunten Grundstücke dort unerwähnt gelassen.

    Heute erinnern sich noch alte Russinnen an sie, die einstmals in ihrer Nachbarschaft lebten. Die in Deutschland lebende Russlanddeutschen-Familie Kisselmann schreibt auf ihren russisch-deutschen „homepages.rt“ – rückblickend:

    „Mit der Einführung der Kolchosen und der Enteignung und Zusammenlegung des Landes begann die Durchsetzung der einstmals rein deutschen Dörfer mit Einwohnern anderer Nationalitäten. Auch das äußere Bild des Dorfes änderte sich. Die Stallungen wurden abgerissen, die Häuser wurde kürzer. Es entstanden die langen Gebäude für Kühe und Pferde, die jetzt der Kolchose und nicht mehr dem einzelnen Bauern gehörten. Die langen, hohen Strohhaufen in den Bauernhöfen verschwanden. Statt der einstmals schönen steinernen Bauten entstanden – besonders an den Enden der Dörfer – kleine Lehmhäuser. Die früher so sorgsam gepflegten Mauern und Zäune verfielen. Das Kollektiv siegte über das Individuum. Von der einstigen Pracht der Kolonistendörfer waren kaum noch erkennbare Überreste erhalten geblieben.“

    Viele deutsche Kolonisten, die sich weigerten, dem Kolchos beizutreten, wurden als „Kulaken“ verhaftet und deportiert.

    „Die letzte Welle der Verhaftung und Ermordung von Deutschen setzte in den ersten Monaten nach dem deutschen Angriff (22.6.1941) auf die UdSSR ein, als die großen Anfangsverluste der Roten Armee zur Opferung von angeblich „Schuldigen“ führten. Selten kam jemand aus der Verbannung zurück. Aus einem kleinen Vorort der Stadt Kopejsk, Südural, z.B. kehrten von 132 Häftlingen nur drei wieder. Die deutschen Kinder dort wunderten sich, wenn jemand noch einen Vater hatte. In den Dörfern Grünfeld und Bergtal (Kirgisien) mit insgesamt etwa 60 Höfen wurden mehr als 40 Männer über 20 verhaftet, weniger als 20 bleiben frei. In Thälmann (Bezirk Molotowbad, Gebiet Duschanbe) mit 58 Höfen wurden 29 Männer (davon 5 nach Ausbruch des Krieges) und 4 Frauen verhaftet. 1942 wurden 37 Männer in die „Trudarmija“ zur Zwangsarbeit eingezogen. Nur 12 Männer überlebten die Kriegszeiten. So ging die Zahl der Bevölkerung besonders in den beiden größten Siedlungsgebieten wesentlich zurück. Laut Volkszählung von 1926 lebten im Wolgagebiet nur noch 379.630 Deutsche gegenüber 650.000 im Jahre 1914. Für das Schwarzmeergebiet lauteten die entsprechenden Zahlen: 355.000 gegenüber 650.000.“

    An einem ihrer großen Verbannungsorte, in der „Schachtarbeiterstadt“ Karaganda in Kasachstan, haben die dort verbliebenen Deutschen nun erneut die Grundstücke ihrer Häuser sauber eingezäunt. Man kann sie sich im Internet ankucken.

    Ebenso geht es den Rußlanddeutschen in Sibirien um wieder sauber eingezäunte Immobilien, wie ihr Informationsportal „rusdeutsch.eu“ zeigt. Neben einer solchen Zaunansicht schreiben die Redakteure:

    „Zwar haben die Russlanddeutschen im heutigen Russland keine eigene Republik, doch gibt es für die einstigen Vertriebenen zwei deutsche Nationalrayons in Westsibirien – dort, wo sie angesiedelt waren, bevor die Sowjetunion ihnen 1918 ein Territorium an der Wolga zuwies.

    Die Rayons wurden Anfang der 90er Jahre gegründet. Sie gelten den Russlanddeutschen als ‚Inseln der Hoffnung‘.

    Mitte Juni kamen Vertreter der deutschen und russischen Regierungen in Omsk zusammen, um die Ergebnisse des teuersten Projektes in der Geschichte der Hilfenpolitik der beiden Länder zugunsten der deutschen Minderheit zu bewerten. Sie hielten für den Rayon, den sie besuchten, fest, dass die deutschen Bräuche und die deutsche Sprache mehr gefördert werden muss.“

    Abgesehen von diesen Einzäunungsbemühungen stellt sich dem Informationsportal der Rußlanddeutschen die Situation vor Ort immer noch als schwierig dar:

    „Ungeachtet der positiven Ergebnisse für die Entwicklung des Rayons in den letzten 20 Jahren scheint es doch so, dass die Siedlung die ihr entgegengebrachten Hoffnungen nur teilweise erfüllt. Erfasste man im Nationalrayon Asowo im Jahr 1992 unter den 19 400 Einwohnern noch 60 Prozent Deutsche (in einigen Dörfern sowie zum Beispiel in Alexandrowka sogar 98 Prozent), so machten diese bei der letzten Volkszählung 2002 nur noch 30 Prozent aus. Heute gibt es in Asowo kaum noch Russlanddeutsche, die schon hier lebten, bevor die Region zum Deutschen Nationalrayon wurde.

    Eine von diesen früheren Bewohnern ist Olga Wiediger, die im Juni ihr Heimatdorf Alexandrowka besuchte – und nicht wieder erkannte. ‚Ich habe gesehen, dass es keine Straßen gab, aber damit kann ich mich abfinden. Die Zäune stehen schief, aber auch damit kann ich mich abfinden.

    Aber als ich die Schule sah, die wie ein Lagerhaus aussieht, bekam ich einen Schock. Noch vor 20 Jahren war das eine Musterschule‘, klagt die 39-Jährige. ‚Wir haben den deutschen Geist verloren‘.“

    (Diese Einschätzung wird mit einem Photo von einem nahezu zaunlosen Grundstück illustriert)

    Wie es aber bei den nach Deutschland zurückgewanderten Rußlanddeutschen (den „Spätaussiedlern“) aussieht, von denen sich hier viele wie zwischen Baum und Borke fühlen, davon handelt die Studie von Klaus Eder, Valentin Rauer und Oliver Schmidke: „Die Einhegung des Anderen. Türkische, polnische und russlanddeutsche Einwanderer in Deutschland“.

    Hier wurden sie zunächst in mit Sicherheitszäunen umgebenen Kasernen einquartiert, etliche wohnen noch heute in solchen Notquartieren.

    Nicht wenige Russlanddeutsche gehen wieder zurück nach Russland oder Kasachstan, einige wandern auch nach Paraguay weiter – angelockt von Versprechungen, billig Land dort erwerben zu können – um z.B. Gurken dort anzubauen. Sie werden dort jedoch von gleich mehreren Seiten betrogen, so jedenfalls schildert es ein sich in der Gurkenbranche auskennender Russlanddeutscher namens Herbert Hasengruber (auf „pylogic.com/Kolonie Neufeld“). Er ist anscheinend besonders auf die „Russen-Mafia“ wütend, denn sein langer Eintrag endet mit den an diese „Gurken-Mafia“ adressierten Zeilen:

    „Ihr habt mit der Produktion Zaunsektionen aus Beton angefangen! Und wieso ?
    Ihr habt doch erzählt ‚Die Paraguayer sind so freundlich‘ ?
    Habt ihr im Paradies Angst von Raubüberfällen und Entführungen?
    Aber Ihr Schweine, sollt die Zäune mindestens 8 Meter hoch bauen,
    sonst kriegt ihr für eure Taten keine Ruhe!“

    Mit Beginn der Kollektivierung, Ende der Zwanzigerjahre, erlaubte die Sowjetregierung 55.000 Russlanddeutschen, meist aus dem Gebeit um Saratow, nach Deutschland zurückzuwandern. Als sie in Kiel ankamen, ließ man sie erst gar nicht aus dem Hafen. Sie wurden schon wenig später nach Kanada weitergeleitet. Die sich dort ansiedelnden Russlanddeutschen zäunten ebenfalls sofort ihre Grundstücke ein.

    Mit „Zäuneziehen“ hatten es auch schon die ersten nach Lateinamerika ausgewanderten Russlanddeutschen – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – gehabt. Ihr „Brasilienlied“ hatte z.B. folgende Strophe:

    „Trauben wachsen hinter Zäune,
    Hutzeln an den hohen Bäumen,
    Äpfel, Veichen, die sind rot,
    Helft uns Gott aus unser(e) Not!“

    2004 kommt der Autor Henning Kober in der taz (und auf „turnitdown.de“) angesichts der Ermordung von drei jungen Russlanddeutschen durch rechte Skinheads in Heidenheim zu dem Schluß: „Aber Sicherheit ist nichts, um das man einen Zaun bauen kann.“

    Eine Kollegin des Autors – aus der Heidenheimer Zeitung – schrieb später einen ganzen Kommentar über den „Zaun“:

    „Seit der Landesgartenschau 2006 hat die Stadt Heidenheim mit dem Brenzpark eine neue Attraktion. Nach der Veranstaltung hat der Gemeinderat beschlossen, den Kern des Geländes umzäunt zu lassen und Eintritt für den Park zu verlangen. Der ist freilich so gering, dass man ihn schon fast als symbolisch bezeichnen kann: Ein Euro für Erwachsene und 50 Cent für Kinder sind zu bezahlen. Und wer öfter kommt, kauft sich eine Dauerkarte, die ein Jahr gilt und 12 Euro für Erwachene und 6 Euro für Kinder kostet. Am Geld kann es also kaum scheitern, wenn einer nicht in den Park kommt. Trotzdem ist der Zaun immer wieder in der Diskussion: Erst kürzlich wieder hat ein Leserbrief-Schreiber beklagt, der Zaun seit “kleinbürgerlich und spießig”. Das kann man schon so sehen – wenn man es weltoffen und großstädtisch findet, sich in einem offenen Park in Hundehaufen zu setzen, die Kinder zwischen zerbrochenen Flaschen spielen zu lassen und ab und an auf die Hinterlassenschaften wilden Grillens zu stoßen. In Heidenheim hat man sich dafür entschieden, einen geschützten Raum zu erhalten, der auch gepflegt werden kann. Man bezahlt den Eintritt dafür, dass man sich weiterhin an ungewöhnlicher Blumenpracht erfüllen kann, einen weitläufigen Spielplatz zur Verfügung hat und gerade auch kleine Kinder viel Bewegungsfreiheit haben. Vom Vandalismus hält der Zaun nicht alle Kleinhirnigen ab – im vergangenen Jahr hausten solche im Lapidarium. Man kann sich ausmalen, wie es im Park aussehen würde, wenn der Zaun gar keine Hürde bieten würde. Deshalb finde ich: mehr Spaß macht der Park mit Zaun.“

    Im selben Jahr bereiste Joachim Gremm mit seinem Fahrrad die Krim. Auf der Webseite des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (adfc-ratingen.de) beschrieb er seine Eindrücke – u.a. in den ehemals von Deutschen bewohnten Siedlungen dort:

    „Die fünf von mir besuchten Dörfer – Zürichtal, Heilbrunn, Rosental, Friedenthal und Neusatz – sind die alten deutschen Krim-Kolonien, zusammen mit Kronental (Koltschugino) nahe der Westküste und der Weinbaukolonie von Sudak. Sämtlich waren sie 1805 von Auswanderern gegründet worden, die den weiten, mühsamen und gefahrvollen Weg aus Süddeutschland und der Schweiz überstanden hatten. Nach ärmlichen Anfangsjahren konsolidierten sie sich und bildeten die Ausgangsorte zur Gründung von zahlreichen Tochterkolonien. Bis 1941 waren die Deutschen auf der Krim eine von ihren Nachbarn – Tataren wie Russen – geschätzte Minderheit.“

    Über den Ort Neusatz schreibt er:

    „Die Zäune im Ort wirken wirklich sehr vernachlässigt, was symptomatisch fürs Ganze ist. Auch hier finde ich mehrere Giebelfronten vom „Typ Rosental“, außerdem ein flaches „Amtshaus“ in klassizistischem Baustil. Am Ortsausgang treibt ein älteres Mädchen im Kleid und mit Handtasche eine kleine Kuhherde Richtung Stall.“