Regionalkrimis (17): Die Pharmakologisierung des Elends/Die elenden Pharmakonzerne

Die Frau des Apothekers neben ihrer morgendlichen Tablettenration

Die Frau des Apothekers neben ihrer abendlichen Tablettenration

In der U-Bahn habe ich gestern die fünfte Werbung für Medikamententests gelesen. Eine war von einer Bio-Firma, die Tester für ein neues  Mittels gegen Depressionen auf Johanniskraut-Basis suchte. Eine andere war von einer Firma, die die im Auftrag eines Arzneimittelherstellers Versuchspersonen rekrutierte. Bei der dritten ging es um das Testen eines neuen  Empfängnisverhütungsmittels, und bei der vierten suchte BayerSchering „junge Frauen, Nichtraucherinnen, nach der Menopause“ für einen Medikamententest. Alarmiert wurde ich durch die fünfte Werbung, auf der ich nur einen Satz las: „Testen Sie schon heute die Medikamente von morgen!“ Da wird der in größter Geldnot sich für solche Experimente  hergebende Mensch auch noch für dumm verkauft: Testen Sie schon heute etwas kostenlos, was sich die anderen erst später kaufen können – das klingt fast nach Avantgarde.

Drei dänische Pharmavertreter stoßen auf ein erfolgreiches neues Jahr an

Wer stellt sich für solche Menschenversuche zur Verfügung, nachdem die Tierversuche alle so gut wie „positiv“ verliefen, obwohl jeder Mediziner inzwischen weiß: „Mice tell lies“? Bereits in den Siebzigerjahren suchte der Westberliner Pharmakonzern Schering immer wieder Leute, die seine neuen Medikamente testeten. In meinem Freundeskreis meldeten sich vor allem „Drogenexperten“ zu solchen – gut bezahlten – Tests. Einmal, weil sie immer neugierig auf neue Drogen waren und zum anderen, weil sie wegen dieses „Hobbys“ ständig in Geldnot waren. Es ging ihnen dabei um neue  psycho-physische Erlebnisse, auch wenn die jeweilige Scheringdroge nicht dafür, sondern z.B. für ein Leberleiden gut sein sollte. Was bewirkt ein solches Medikament bei einer Testperson, die dieses Leiden gar nicht hat? Man weiß inzwischen, dass die meisten neuen „Wirkstoffe“ nicht auf bestimmte Krankheiten hin entwickelt werden, sondern diese in Tier- und Menschen-Experimenten erst noch finden müssen.

Der pressescheue Juniorchef eines Schweizer Pharmakonzerns mit der Sekretärin seines Vaters auf einer Geburtstagsfeier seiner Stiefmutter in Luzern.

Das erfolgreichste Mittel in dieser Hinsicht war das US-Medikament „Paxil“ – für das man extra den neuen Begriff „Sozialangst“ erfand, gegen das dieses Psychopharmakon wirken  solle. Der Pharmakonzern half dazu Selbsthilfegruppen von „Sozialverängstigten“ zu gründen. Der für das Produkt verantwortliche Direktor bei Glaxo SmithKline sagte es so: „Jeder Anbieter träumt davon, einen unbekannten Markt zu entdecken und zu entwickeln. Genau das gelang uns bei der Sozialangst“.In der Le Monde Diplomatique hat gerade der US-Philosoph Carl Elliott ausführlich über „das Riesengeschäft“ mit den „klinischen Studien“, in denen neue Medikamente an Menschen getestet werden, berichtet. Sie werden mehr und mehr von aus den Konzernen outgesourcten Privatfirmen erstellt. Und diese rekrutieren ihr Menschenmaterial vornehmlich in Osteuropa. Kürzlich flog in Miami die „klinische Studie“ der hochgelobten Firma „SFBC International“ auf, die illegale Emigranten zu Testzwecken in einer „Klinik“ untergebracht hatte, die aus einem heruntergekommen Billighotel bestand.

Der Anthropologe Kaushik Sunder Rajan erforschte in seinem Buch  „Biokapitalismus“ bereits, dass und wie westliche Pharmakonzerne ihre neuen Medikamente in der Dritten Welt testen: in Bombay vor allem – und zwar an arbeitslosen Textilarbeitern, für die das die einzige Einkommensquelle ist.

Deutsche Ärzte mit ihren Familienangehörigen auf einer von einem süddeutschen Pharmakonzern „gesponsorten“ Kreuzfahrt durch die Karibik mit der MS Gorkij

Bei den Westberliner Medikamententestern aus meinem Mittelschichts-Freundeskreis kann man vielleicht noch von „Freiwilligkeit“ reden – nicht jedoch bei den indischen Arbeitslosen. Die Pharmakonzerne und ihre Helfershelfer, die sie als  „Versuchskaninchen“ rekrutieren, tun dies jedoch nach wie vor: In den USA werden diese nun sogar als „Helden der Medizin“ bezeichnet. Und Bioethiker des „National Institute of Health“ verkündeten, „im Grunde sei die Teilnahme an klinischen Tests für jeden Staatsbürger eine moralische Pflicht.“ Kaushik Sunder Rajan meint dagegen, die indischen Arbeitslosen, die US-Medikamente testen, seien damit von (Wirtschafts-) „Opfern zu bloßen Objekten“ herabgewürdigt worden, von „Freiwilligkeit“ könne keine Rede sein. In Deutschland wurden zwei Kriminalromane veröffentlicht, die sich mit diesem Thema  ziemlich kenntnisreich  auseinandergesetzen: im „Aachen-Krimi“ von Markus  Vieten „Nebenwirkung“ geht es um Ärzte, die sich von einem Pharmahersteller bezahlen ließen, um an ihren Patienten Medikamente zu testen, „die noch nicht zur klinischen Erprobung freigegeben worden waren“. Der Autor ist Nervenarzt, und Lektor sowie Übersetzer medizinischer Fachliteratur.

Im Krimi des „stern“-Journalisten Michael Seufert „Die Pillendreher“ geht es um das gesamte Pharma-Netzwerk, wobei sich der Autor auf einen Hamburger Pharmakonzern und dem gegenüber auf das Berliner Amt, das für die Zulassung bzw. dem Verbot von Medikamenten zuständig ist, konzentriert hat, d.h. darauf, wie dieses mit allen möglichen Tricks und Bösartigkeiten von jenem beeinflußt wird. Beide sind Ermittler – gegeneinander.

Ein Klinikchef und Kunstsammler mit seiner zweiten Ehefrau auf einer von einem Westberliner Pharmakonzern „gesponsorten“ Ausstellung in Düsseldorf.

Unter den Dokumenten, die Wikileaks gerade veröffentlicht, befinden sich inzwischen auch zwei, die die kriminellen  Geschäfte von Pharmakonzernen betreffen. Die FAZ schreibt: „Der US-Pharmakonzern Pfizer soll, so scheinen die Wikileaks-Dokumente zu belegen, Druck auf die Justiz Nigerias ausgeübt haben, um einen Prozess wegen umstrittenen Medikamentenversuchen zu verhindern. Und der deutsche Arzneimittelkonzern Ratiopharm sah sich mit dem Vorwurf der Bestechung von Ärzten konfrontiert, nachdem sich bei Wikileaks Teile der Ermittlungsakten fanden…“

Nigerianische Ärzte bei einer von einem US-Pharmakonzern „gesponsorten“ Open-Air-Operation am offenen Herzen einer28jährigen

Kommentare (3)

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  1. Das „Faz-Net“ fragte – am 2.März 2009:

    Wer möchte schon Versuchskaninchen spielen?

    Der Notfall am 13. März 2006 kam für die Belegschaft des Londoner Northwick Park Hospital völlig überraschend. Etwa eine Stunde, nachdem man dort sechs Versuchsteilnehmern das Antikörper-Präparat TGN1412 injiziert hatte, erlitten diese jungen Männer zunächst Kopfschmerzen und Übelkeit, dann folgte hohes Fieber, schließlich versagten mehrere ihrer Organe. Schleunigst wurden die Probanden auf der Intensivstation behandelt. Nur knapp sind sie dem Tod entronnen.

    Die heftige Körperreaktion stellte Mediziner vor ein Rätsel. Der Wirkstoff – entwickelt zur Therapie von Erkrankungen wie Rheuma, Leukämie oder multipler Sklerose – war in den Vorstudien umfassend an Ratten und Affen getestet worden. Selbst in extrem hoher Dosierung hatten die Tiere die Substanz gut vertragen. Einmal mehr stellt sich daher die Frage, wie gut sich die Erkenntnisse aus Tierexperimenten auf den Menschen übertragen lassen.

    Auch der Contergan-Wirkstoff Thalidomid hatte in Tests an Ratten nicht gezeigt, welche dramatischen Nebeneffekte für ungeborene Kinder das Schlafmittel besitzt. Sicherlich können Forscher aus Tierstudien nützliche Schlüsse ziehen, aber beide Beispiele, Thalidomid wie auch TGN1412, offenbaren die Grenzen solcher Experimente.

    „Die Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen ist teils gut, teils passabel, teils miserabel“, sagt Marcel Leist, der an der Universität Konstanz einen Lehrtstuhl für Alternativen zum Tierversuch innehat. „Werden Stoffe etwa auf ihr Krebsrisiko getestet, gibt es selbst zwischen Ratten und Mäusen nur eine Übereinstimmung von rund 60 Prozent. Man kann sich vorstellen, was das für den Menschen bedeutet.“

    Im Jahr 2007 wurden in Deutschland genau 2609483 Wirbeltiere zu wissenschaftlichen Zwecken herangezogen, 91 216 mehr als im Vorjahr. Zu achtzig Prozent waren es Mäuse und Ratten. Der Rest waren Fische, Kaninchen und Vögel. Wirbellose Organismen wie etwa Krebse tauchen in der Statistik gar nicht erst auf.

  2. Wie die SZ heute meldet, wurden auch in Guantanamo mit den dortigen von den Amis inhaftierten Islamisten Drogenexperimente durchgeführt: Sie bekamen das dort überflüssige Antimalariamittel „Mefloquin“ in vielfach überhöhter Dosis – 1250 Milligram am Tag. Dies löste Panikattacken und Halluzinationen aus. Was für Drecksäcke!

  3. Ein grausames Spiel mit dem Leben der Menschen, was die Tierversuchslobby betreibt.
    Egal wie gross die Risiken sind – Sie werden immer Menschen finden die aus Not ihre meist gefährlichen und nutzlosen Medikamente testen.
    Damit schaffen sich die Pharmakonzerne den gesetzlichen Schutz vor Schadenersatzforderungen (zusammen mit den Tierversuchen, die ja grad überhaupt nichts bringen).
    Diese bösen Worte belegt die Tierversuchslobby selbst:
    „Die amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA hat errechnet, dass 92 % aller Wirkstoffe, die in Tierversuchen als wirksam und sicher beurteilt wurden, aufgrund der angeschlossenen Untersuchungen
    am Menschen wegen schwerwiegender Nebenwirkungen oder fehlendem Nutzen gar nicht erst zugelassen werden.
    Von den verbleibenden 8 % der Wirkstoffe, die für die breite Anwendung am Menschen zugelassen werden, müssen später die Hälfte wieder vom Markt zurückgezogen werden oder deren Fachinformationen um schwere unerwartete Nebenwirkungen erweitert werden.“
    Eine schreckliche Welt, bei der in der Medizinforschung nicht der Nutzen für die Menschen, sondern der Nutzen fürs eigene Portemonnaie im Vordergrund steht …