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vonHelmut Höge 21.12.2010

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Sechs Schnappschüsse aus dem Beitrittsgebiet (von Westlern):

OstlerIn 1 (Rügen)

„Geh nach Sibirien junger Mann, dort wachsen dir die Gürkchen ins Maul,“ riet Maxim Gorkij einst einem Arbeitslosen.  Der isländische Innenminister Ögmondur Jonasson veröffentlichte 2010, kurz vor seiner Ernennung, einen Artikel, in dem er die Ostwerweiterung der EU auf die Suche nach „Lebensraum“ zurückführte. Im Gegensatz zu diesem Naziplan handelt es sich bei der jetzigen „Osterweiterung“ um die Erschließung eines „Investitionsraumes“, der sich zum „Leben“ hin sogar erst einmal verschließt: Millionen „Ostler“ verlassen ihn nämlich – gen Westen, um dort als Schlachter, Monteur, Maurer oder Händler wenigstens kurzfristig etwas Geld zu verdienen.

In Rumänien kann man diesen Prozeß symbolisch so darstellen: Der Genpflanzen-Konzern „Monsanto“ rückte flächendeckend ein – und zigtausend Rumänen zogen als Erntehelfer in den Westen. Der umgekehrte Sog, von Westlern in den Osten, blieb weitgehend aus, trotz Propandaphrasen – wie z.B. des „Woche“-Redakteurs Peter Morner: „Der Marsch zu neuem Wohlstand wird weit, der Weg steinig sein. Aber bange machen gilt nicht. Auf also nach Sibirien – ohne Zaubern, ohne Angst!“

Das ZDF setzte als Pilotprojekt drei mal drei Ehepaare mit Kindern im hintersten Sibirien aus, wo sie versuchen sollten, sich quasi bei laufender Kamera und 20 Grad unter Null eine neue Existenz aufzubauen. Ferner entstanden dort einige sozialpädagogische Heime zur Rehabilitierung von Neonazis. Auf dem Territorium der DDR haben sich vor allem deutsche Adlige und ähnlich Empfindende die zuvor von Partei und Gewerkschaften genutzten Gutshäuser und Schlösser unter den Nagel gerissen. Aufwendig lassen sie diese nun von Ostlern mit Kamelhaarpinseln  renovieren – auch das Umfeld wird dabei nicht verschont.

OstlerIn 2 (Mecklenburgische Seenplatte)

Der erste  Treuhandchef Detlef Rohwedder sah es bereits kommen: „Die benehmen sich im Osten schlimmer als Kolonialoffiziere,“ klagte er einmal über die aus dem Westen kommenden Interessenten an Ost-Betrieben und vor allem -Immobilien. Seine hauseigenen Privatisierungsmanager waren erst recht nicht vor diesem seltsamen Siegerrausch gefeit. Auf einer Betriebsrätekonferenz in der Kongreßhalle am Alexanderplatz meinte so einer zu seinem Kollegen: „Ich muß unbedingt mal wieder Ostweiber beschlafen“. Er sitzt heute einem erlauchten Gremium zur Forcierung des „Ost-West-Austauschs“ vor. Ähnlich der westdeutsche Anwalt eines Immobilienhändlers, der mit seinem Grundstückserwerb so lange ein Dorf samt LPG in Mecklenburg bekriegte, bis der Landtag ihn zur „unerwünschten Person“ erklärte. Ein unerhörter Vorgang.

OstlerIn 3 (Hiddensee)

Sein „renommierter Anwalt“  ließ sich daheim unterdes in den Domvorstand wählen  – um sich  gezielt um „neonazistische Jugendliche“ (im Osten) zu kümmern, wie er der Presse mitteilte. Es kamen keine Massen, spezielle Individuen stattdessen en masse:  Abenteurer, Projektemacher sentimentale und betrügerische Geschäftsleute, Größenwahnsinnige, von denen einige sich unter Phantasienamen in den von Westberliner „Immobilienhaien“ erworbenen Interhotels einquartierten. Die Gewerkschaften kommandierten angeblich als erstes ihre Funktionäre „mit Alkoholproblemen und sonstwas“ in den Osten, die Industriebetriebe ihrer überflüssigen Adligen und die Banken ihre älteren Mitarbeiter, die auf Stellen festsaßen, wo sie Jüngere blockierten. So manche „Führungskraft“ erlebte im Osten ihren zweiten oder gar dritten Frühling. Und wenn sie von der Revitalisierung einer  Region sprachen, meinten sie vor allem sich selbst.

Am Heftigsten erwischte es den deutschen Skoda-Manager Helmuth Schuster, der  in Prag kurzzeitig mit einem  tschechischen Model den dicken VW-Macker spielte – und deswegen noch immer  etliche Gerichtsprozesse zu gegenwärtigen hat. Schuster ist nicht mehr Heydrich, aber auch er wäre früher oder später einem Attentat zum Opfer gefallen. Selbst seine Ehefrau daheim war froh, als die Justiz ihn auf seinem Höhenflug endlich abschoß. Ein abgewickelter sächsischer Historiker, der an einer tschechischen Uni untergekommen war, riet, momentan solle man besser in Böhmen kein Deutsch sprechen. Auch die Tschechen hätten gerade ein Déja-vu-Erlebnis. Dazu „sprachen“ die Plakate der neuen Supermärkte, ihre tschechischen Kunden dreist auf Deutsch an.

OstlerIn 4 (Sächsische Schweiz)

Umgekehrt wurde an vielen DDR-Universitäten bald mehr schwäbisch als sächsisch gesprochen. Und gerade noch rechtzeitig gewendete „68er“ aus dem Westen gaben nun in den Geisteswissenschaften den Ton an, in Jena und anderswo spielten sich dagegen die rechten Mediziner und Juristen aus dem Westen auf – und krallten sich sofort die besten Wohngegenden. Im grenznahen Polen waren bald  ganze Seen von deutschen Villen eingekreist. Deren meist berentete Besitzer lebten dort mit einer Polin zusammen. Ihre Nachbarn nennen sie „Mischlinge“. Auch sie haben es nicht leicht – immer wieder klaut man ihnen ein Huhn.

OstlerIn  5 (Pankow)


Insgesamt gilt jedoch, dass Wiedervereinigung und EU-Erweiterung große Lebensräume im Osten entvölkert haben. Schon sind in Russland tausende von Dörfer wüst. Dafür drängen von der anderen Seite Chinesen nach – in Sibirien so gut wie im Kaukasus. Darüberhinaus denkt man in Russland über die Anwerbung von „Gastarbeitern“ nach bzw. über die Legalisierung der dort bereits schwarz arbeitenden. „In Wladiwostok läuft ohne Koreaner schon nichts mehr, auch nicht ohne Chinesen“, meint eine Nachrichtenagentur. Die russischen Migrationsforscherinnen Janna Sajontschkowskaja und Galina Witkowskaja gehen davon aus, dass bis 2050 über zehn Millionen Chinesen in Russland leben werden, sie sehen dies inzwischen als unabwendbar an: „Wenn die sibirische Erde nicht von Chinesen kultiviert wird, wird sie überhaupt nicht kultiviert.“

OstlerIn 6 (Hoyerswerda)

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