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vonHelmut Höge 21.02.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Denkmal zur Erinnerung an die Französische Revolution, Detail. Photo: flickr.com


Das Elend der amerikanischen Orientalistik – Araberforschung – am Beispiel des „hanebüchenen Unsinns“ (Edward Said) der Autorin Sania Hamady in ihrer Studie „Temperament and Character of the Arabs“:

„Die Araber haben sich bisher immer als unfähig erwiesen, Disziplin und Einheit zu wahren. Zwar erleben sie kollektive Begeisterungsausbrüche, schaffen es aber nicht, geduldig kollektive Ziele zu verfolgen, zu denen sie sich gewöhnlich nur halbherzig bekennen. Was Organisation und Planung betrifft, so fehlt ihnen eine harmonische Koordination, und überhaupt scheint ihnen Kooperation sehr fern zu liegen. Jedes kollektive Handeln zum gemeinsamen Nutzen ist ihnen fremd.“

Lenin-Denkmal zur Erinnerung an die Russische Revolution. Photo: bild.de


AFP kommt heute um 16 Uhr 22 zu der Einschätzung:

„Kein Ende der Gewalt bei Protesten in arabischen Staaten in Sicht.“ Erwähnt wird im Einzelnen:

„In der libyschen Hauptstadt Tripolis zündeten Demonstranten in der Nacht zum Montag Polizereviere und öffentliche Gebäude an, immer wieder waren Schüsse zu hören. In der südjemenitischen Stadt Aden wurde ein weiterer Demonstrant erschossen, und in Marokko folgten auf Oppositionsproteste schwere Krawalle.

Am Montag landeten nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration wieder zwei Boote mit insgesamt 130 illegalen Einwanderern aus Tunesien auf Lampedusa.

In Marokko gab es nach friedlichen Protesten für politische Reformen am Sonntag schwere Krawalle. Fünf Menschen starben nach Behördenangaben in einer in Brand gesetzten Bankfiliale in der Stadt Al Hoceima. 128 weitere Menschen seien am Sonntag verletzt worden, darunter 115 Angehörige der Sicherheitskräfte. Dutzende Gebäude und Fahrzeuge seien in Brand gesteckt oder beschädigt worden.

In Bahrain erlag ein bei der Niederschlagung der Proteste am Freitag angeschossener Demonstrant seinen Verletzungen, dadurch stieg die Zahl der Toten bei den Demonstrationen auf sieben. Die schiitische Opposition kündigte für Dienstag eine Großdemonstration an, sie rechnete mit bis zu 100.000 Teilnehmern.

Auch im Jemen setzten Regierungsgegner ihre Proteste fort. In Aden schossen Polizisten erneut auf Demonstranten und töteten nach Angaben von Ärzten einen. Vor der Universität in der Hauptstadt Sanaa versammelten sich erneut tausende Studenten und Oppositionsanhänger zu einem Sitzprotest gegen den Präsidenten. Die Demonstrationen weiteten sich auf den Nordjemen aus: In Saada nahmen zehntausende Menschen an einem Protestmarsch teil.“

Denkmal zur Erinnerung an die Islamische Revolution. Photo: n24.de



Die Nachrichtenagenturen aus dem Nahen Osten und dem Maghreb konzentrieren sich ansonsten heute auf Libyen:

„stern.de“ meldet:

„Libyen stürzt ins Chaos. Regierungsgebäude sind verwüstet, in den Straßen wird geschossen, Polizeiwachen brennen. Die Situation in Lybiens Hauptstadt Tripolis eskaliert – und Gaddafis Macht bröckelt.

Die in Paris ansässige Internationale Föderation der Menschenrechtsligen (FIDH) teilte mit, „viele Städte“ wie Bengasi und Surt seien in der Hand der Demonstranten, weil Soldaten sich den Protesten angeschlossen hätten. Mehrere Tunesier, die aus Libyen geflüchtet waren, sagten AFP, die libysche Polizei habe die Stadt El Sawia westlich von Tripolis verlassen. Nach FIDH-Angaben wurden seit dem Beginn des Aufstands vor einer Woche 300 bis 400 Libyer getötet.

Unterdessen begann der Zusammenhalt innerhalb des Regimes zu bröckeln. Nachdem der ständige Vertreter Libyens bei der Arabischen Liga, Abdel Moneim el Honi, bereits am Sonntag seinen Posten niedergelegt und sich den Protesten angeschlossen hatte, entschieden sich am Montag auch Libyens Botschafter in Indien und ein ranghoher Diplomat in China zu diesem Schritt. Letzterer rief im Fernsehsender El Dschasira das gesamte diplomatische Korps auf, sich seinem Rücktritt anzuschließen.“

Denkmal zur Erinnerung an die Kubanische Revolution. Photo: de.wikipedia.com


„spiegel de“ meldet über seinen live-ticker um 15 Uhr :

„Einer libyschen Zeitung zufolge sind regierungsfeindliche Proteste nun auch in der Stadt Ra’s al-Hanuf ausgebrochen. Die Stadt am Mittelmeer beherbergt Libyens wichtigste Öl-Raffinerie und -Verladestation für Tanker. Libyen ist Deutschlands drittwichtigster Erdöllieferant. Als Abnehmer für libysches Öl steht die Bundesrepublik mit 12,8 Prozent an zweiter Stelle hinter Italien (40 Prozent). Öl-Exporte dominieren mit 95 Prozent der Einnahmen die libysche Wirtschaft.

Die Unruhen in Libyen haben auch Auswirkungen auf die Börsen. In Deutschland gab der MDax um 0,73 Prozent auf 10.437 Punkte nach und der TecDax verlor 1,32 Prozent auf 905 Punkte. Die Unruhen trieben auch die Ölpreise sowie die Notierungen für Gold und Silber kräftig in die Höhe.“

Emiliano Zappata Denkmal zur Erinnerung an die Mexikanische Revolution. Photo: de. 123rf.com


Unter Berufung auf Al Dschasira schreibt „bgland24.de“:

„Libyen steht offenbar kurz vor einem Bürgerkrieg: Am Montag haben sich die tagelangen gewaltsamen Massenproteste gegen den langjährigen Staatschef Muammar al Gaddafi auf die Hauptstadt Tripolis ausgeweitet.

Die zweitgrößte Stadt des Landes, die Hafenstadt Bengasi, scheint unterdessen in der Hand der Protestbewegung zu sein. Die Demonstranten setzten Regierungsgebäude und Polizeireviere in Brand und brachten das Sicherheitshauptquartier der Stadt, die Katiba, unter ihre Kontrolle. Auf dem Gerichtsgebäude der Stadt wurde Augenzeugen zufolge die Fahne der alten Monarchie gehisst. Teile der Sicherheitskräfte sollen sich der Protestbewegung angeschlossen haben.

Anwohner befürchten eine weitere Eskalation der Gewalt, nachdem sich Regierungsgegner und -anhänger bewaffnet haben. Augenzeugen berichten von geplünderten Waffengeschäften und Arsenalen der Polizei. Angesichts der blutigen Unruhen wandte sich Gaddafis Sohn, Seif al-Islam, in der Nacht zum Montag erstmals an die Öffentlichkeit: In einer 40-minütigen, teilweise unzusammenhängenden Ansprache im Staatsfernsehen versprach er “historische“ Reformen, drohte aber zugleich damit, sein Vater werde “bis zum letzten Mann“ kämpfen.

Der Ölreichtum des Landes stehe auf dem Spiel, sagte er. Das Regime sei bereit, einige Restriktionen aufzuheben und eine Diskussion über die Verfassung zu beginnen. Er bot Veränderungen an einer Reihe von Gesetzen an, darunter die Medien- und die Strafgesetze.

Gaddafi bestätigte, dass die Demonstranten einige Militärstützpunkte, Panzer und Waffen unter ihre Kontrolle gebracht hätten. Die Streitkräfte stünden aber weiter hinter seinem Vater, der sich im Land aufhalte. “Wir sind nicht Tunesien und Ägypten“, sagte er mit Blick auf die dortigen Volksaufstände. ‚Muammar Gaddafi, unser Führer, führt den Kampf in Tripolis und wir sind an seiner Seite. Wir werden bis zum letzten Mann, bis zur letzten Frau, bis zur letzten Kugel kämpfen‘.“

Revolutions-Denkmal „Wik“ zur Erinnerung an den Kieler Matrosen-Aufstand. Photo: daos-clan.de


Al Dschasira selbst meldete heute morgen:

„Against this backdrop of violence, opposition groups said some 50 Libyan Muslim leaders have urged security forces to stop killing civilians. „This is an urgent appeal from religious scholars, intellectuals, and clan elders from Tripoli, Bani Walid, Zintan, Jadu, Msalata, Misrata, Zawiah, and other towns and villages of the western area,“ the appeal, signed by the group of leaders, stated. „We appeal to every Muslim, within the regime or assisting it in any way, to recognise that the killing of innocent human beings is forbidden by our Creator and by His beloved prophet of compassion, peace be upon him … Do not kill your brothers and sisters. Stop the massacre now!“ Around the world, people have been gathering in solidarity with the protesters at Libyan consulates and at the White House in Washington, DC, the US capital.“

AP tickerte:

„Während der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi ist am Montag im Volkskongress in der Hauptstadt Tripolis ein Brand ausgebrochen. In dem Gebäude tagt mehrmals pro Jahr das libysche Parlament.

Auf der regierungstreuen Nachrichtenseite Kurejna im Internet hieß es, Flammen würden aus dem Gebäude schlagen. Auch in der Zentrale des Olympischen Komitees sei Feuer ausgebrochen, hieß es weiter.“

Reuters meldete:

„Der libysche Justizminister ist einem Medienbericht zufolge aus Protest gegen die Unterdrückung von Demonstrationen zurückgetreten. Mustafa Mohamed Abud al-Dscheleil habe wegen des exzessiven Einsatzes von Gewalt seinen Rücktritt erklärt, berichtete die libysche Zeitung „Kurina“ am Montag.“

Letzte Meldung von AP um 16 Uhr 20:

„Die Gewalt in Libyen eskaliert. Das Militär griff nach einem Bericht des arabischen Fernsehsenders Al Dschasira am Montagabend einen riesigen Demonstrationszug von Regierungsgegnern in der Hauptstadt Tripolis mit Flugzeugen an. Auch scharfe Munition werde eingesetzt, meldete der Sender unter Berufung auf Informanten.

Ahmed Elgasir, ein Menschenrechtsexperte des Libyan News Centre (LNC) in Genf, sagte Al Dschasira, die Sicherheitskräfte verübten ein Massaker unter den Demonstranten in Tripolis. Eine Augenzeugin aus Tripolis habe über Satellitentelefon um Hilfe gebeten und von einem Massaker gesprochen. Die libyschen Behörden haben dem Sender zufolge alle Festnetz- und Funktelefonverbindungen im Land unterbrochen.

Hunderte Libyer haben bei ihren Protesten gegen die Regierung eine von einer südkoreanischen Firma betriebene Baustelle in Tripolis angegriffen. Mindestens vier Ausländer seien verletzt worden, teilte das südkoreanische Außenministerium am Montag mit.“

Ernst-Thälmann-Denkmal zur Erinnerung an den Hamburger Aufstand. Photo: storyal.de


Aus Marokko meldeten die Nachrichtenagenturen:

„Beim Brand einer Bank am Rande von Protesten in Marokko sind nach Angaben der Behörden fünf Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 128 weitere Menschen seien seit Sonntag verletzt worden, sagte Innenminister Taeib Cherqaoui am Montag in der Hauptstadt Rabat vor Journalisten. Bei der Mehrzahl der Verletzten handele es sich um Sicherheitskräfte.

An den Demonstrationen für Verfassungsänderungen und mehr Demokratie am Sonntag hatten sich den Angaben zufolge mehr als 37.000 Menschen in zahlreichen Städten des Königreichs beteiligt. „Unruhestifter“ hätten dabei Dutzende öffentliche Gebäude, Geschäfte und Banken zerstört oder in Brand gesetzt, sagte Cherqaoui. Die fünf Leichen wurden demnach in einer ausgebrannten Bankfiliale in der nordöstlichen Stadt Al Hoceima gefunden. 120 Menschen seien bei den Unruhen festgenommen worden.“

Aus dem Irak meldet AP:

„Bei einem Selbstmordanschlag in der irakischen Stadt Samarra sind am Montag mindestens zwölf Menschen getötet worden, weitere 22 wurden verletzt. Nach Angaben der Behörden wurde der Sprengsatz am Morgen in einem Auto vor einer Polizeiwache in der rund 100 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Stadt gezündet. Unter den Opfern waren Polizisten und Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden.

Der Angriff galt offenbar einer Einheit der Polizei, die vor zwei Wochen aus einer südlichen, schiitischen Provinz nach Samarra verlegt wurde, um dort die Sicherheit von Pilgern bei einem religiösen Fest in der bedeutenden schiitischen Al-Askari-Moschee zu gewährleisten. Zu dem Anschlag bekannte sich bisher niemand.

Besucher der Al-Askari-Moschee in Samarra wurden in den vergangenen Jahren immer wieder zum Ziel von Attentaten. Erst vor neun Tagen hatte ein Selbstmordanschlag auf einen Bus schiitischer Pilger 36 Menschen das Leben gekostet. Im Februar 2006 wurde die goldene Kuppel der Moschee bei einem Bombenanschlag zerstört, für den sunnitische Extremisten mit Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida verantwortlich gemacht wurden. Danach war es zu Jahre andauernden Vergeltungsaktionen zwischen Sunniten und Schiiten gekommen. Der Wiederaufbau der goldenen Kuppel der Moschee ist bis heute nicht abgeschlossen.

Unterdessen bestätigte die Polizei am Montag den Tod eines Jugendlichen in der Stadt Sulaimanija in der autonomen Kurdenregion im Norden des Landes. Er sei bei Unruhen in der Nacht auf Montag von Sicherheitskräften angeschossen worden und später seinen Verletzungen erlegen. An den Protesten gegen die beiden Regierungsparteien in der Kurdenregion nahmen rund 2.000 Menschen teil, 47 Menschen wurden durch Schüsse und Steinwürfe verletzt.“

Spyros Kayales-Kayaledakis-Denkmal zur Erinnerung an den Kretischen Aufstand. Photo: de.acadedmic.ru

Die Junge Welt berichtet heute aus dem Jemen:

Bei regierungskritischen Protesten gegen den jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh hat die Polizei am Montag in der Stadt Aden im Süden des Landes einen Demonstranten erschossen. Er sei zunächst verletzt in ein Krankenhaus gebracht worden und dort seinen Verletzungen erlegen, sagten die behandelnden Ärzte der Nachrichtenagentur AFP. Vier weitere Menschen seien verletzt worden, einer von ihnen schwer, hieß es weiter. Nach Zeugenberichten schossen die Polizisten aus zwei Fahrzeugen heraus in die Menge.

In der Hauptstadt Sanaa forderten Demonstranten am Montag erneut den Rücktritt des Präsidenten (Foto). Vor der Universität versammelten sich wieder Tausende Studenten und Oppositionsanhänger zu einem Sitzprotest. Auf Transparenten forderten sie den Sturz des seit 32 Jahren regierenden Staatschefs und einen gesellschaftlichen Wandel, wie ein AFP-Journalist berichtete. In Anlehnung an den zentralen Schauplatz der Proteste in Ägyptens Metropole Kairo benannten sie die Fläche vor der Hochschule der Hauptstadt in Tahrir-Platz um.


Die Süddeutsche Zeitung schreibt heute:

Der „Funke“ (Iskra) ist am Sonntag erstmals auf China übergesprungen.

Am Wochenende demonstrierten 39.000 Menschen in Stuttgart gegen die dortige Schweineregierung und ihr Großprojekt „Stuttgart 21“. Sie versprachen ihr: Die Landtagswahl in zwei Wochen wird für euch zu einer „Kehrwoche“ werden.

In Palästina wurde der kommende Freitag als „Tag des Zorns“ angekündigt. Anlaß ist das US-Veto gegen die Israel-kritische UN-Resolution zum Siedlungsbau. Die jordanischen Christen und die israelischen Juden sind die einzigen Minderheiten im arabischen Raumn, die sich nicht integrieren wollen, sie halten am postfaschistischen Araberbild der völlig verblödeten US-Orientalistik fest.

Die FAZ berichtet heute:

In Dschibuti gab es bei Unruhen zwei Tote. Der Ort ist einer der wichtigsten US-Stützpunkte.

Saudi-Arabien wurden vom deutschen Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt heimgesucht. Und der ist nun wirklich eine riesige Drecksau: Er lobte das dortige absolut unakzeptable Regime: „Die höchsten Stellen in Saudi-Arabien haben die Gefahr des Terrorismus erkannt,“ sagte er. „Es ist ein hochinteressantes Land, mit viel Potential.“

Frage von Al Dschasira: „Warum laufen solche Arschlöcher in Deutschland frei herum, warum gibt es keinen Aufstand dagegen?“ Antwort vom Deutschland-Experten Hussein Ahamdin: „Weil dort die übergroße Mehrzahl der Bevölkerung aus solchen unsensiblen egoistischen Arschlöchern besteht! Die derzeit um sich greifende grüne Öko-Bewegung hat mit ihrem falsch verstandenen harmonistischen  Ökologie-Begriff, der bloß dem US-Konsumismus Vorschub leistet, diese Arschlochhaftigkeit noch verstärkt. Allerdings gilt laut Edward Said auch in Arabien, dass ‚der Triumph der US-Orientalistik‘ im Orient ebenfalls zu einer ‚Zunahme des Konsumdenkens‘ geführt hat. ‚Auf diese Weise nimmt der moderne Orient aktiv an der eigenen Orientalisierung teil‘.“

Denkmal zur Erinnerung an den Warschauer Ghettoaufstand. Photo: md-office-compact.de


Denkmal zur Erinnerung an den Warschauer Aufstand. Photo: staubenthal.de


Denkmal zur Erinnerung an den Arbeiteraufstand in Poznan. Photo: goruma.de



Attentat und Aufstand  (aus: „WPP – Wölfe Partisanen Prostituierte“, Kulturverlag Kadmos Berlin 2007):

„Erstens darf man nie mit dem Aufstand spielen, wenn man nicht fest entschlossen ist, alle Konsequenzen des Spiels auf sich zu nehmen,“ schrieb Karl Marx, und „zweitens, hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive.“

Das Attentat und der Aufstand spielen in den Befreiungskämpfen bis heute eine zentrale Rolle. Im Zweiten Weltkrieg konzentrierten sich die Kämpfe in den Hauptstädten, die von den Deutschen mehr oder weniger blitzartig eingenommen worden waren. Gelegentlich noch über das Ende des Krieges hinaus vollzog sich dann die Befreiung dieser europäischen Städte. In jeder Stadt kam dabei dem Attentat und dem Aufstand eine andere Bedeutung zu. Und nach 1945 ging es außerhalb Europas weiter: mit den „Schlachten“ um Yogyakarta und Algier z.B. – als Holland und Frankreich wieder ihre Kolonien zurückerobern wollten.

Denkmal zur Erinnerung an die Toten des Algerischen Aufstands. Photo: de.wikipedia.org


In Athen dauerte der Aufstand der kommunistisch dominierten Partisanen sechs Wochen – und richtete sich gegen alle Versuche, die eigenen Verbände (EAM/ELAS ) zu entwaffnen, zugleich aber die Kollaborateure und nationalistischen Partisanen (EDES) in ein neues griechisches Heer zu integrieren. Der Aufstand begann am 3.Dezember 1944 mit einer Protestdemonstration gegen die Entwaffnung der Linken. Der Tag wurde zum Beginn des Bürgerkriegs. Die Polizei eröffnete das Feuer auf die Demonstranten. Allein auf dem Syntagmaplatz blieben 20 Tote und Dutzende von Verwundete zurück. Zu Weihnachten planten die linken ELAS-Kräfte ein Attentat: Das Athener Hotel „Grand Bretagne“, wo die aus dem Exil zurückgekehrte Regierung Papandreous residierte, sollte mitsamt dem englischen Stab in die Luft gesprengt werden, aber im letzten Augenblick wurde das Unternehmen abgeblasen. Ende März 1946 begann „die zweite Runde“ des Aufstands. Er scheiterte ebenfalls. Am 12.März 1947 verkündete Präsident Truman, der Kampf gegen den Kommunismus auf griechischem Boden sei fortan Sache der USA. Erst 1982 wurde die gesetzliche Anerkennung der ELAS als Organisation des nationalen Widerstands durchgesetzt. Aber bis heute werden die Folgen des Bürgerkriegs erbittert diskutiert – und es gibt bis vor kurzem sogar noch eine Gruppe alter Partisanen, die nach wie vor Attentate verübt.

Derzeit wird auch in Polen wieder über den Warschauer Aufstand, dem ein Jahr zuvor der Warschauer Ghettoaufstand vorausgegangen war, gestritten. Ebenso findet in Italien seit einiger Zeit eine Neubewertung der Resistenza statt. Bei der Beurteilung der kommunistischen Partisanen, die fast überall die Führung der Aufstände inne hatten, geht es zugleich auch um die Rolle der alliierten Anlehnungsmächte – speziell ihrer Geheimdienste – bei der Unterstützung der Widerstandsbewegungen gegen die Deutschen und deren Verbündeten. Wobei letztere gelegentlich umschwenkten – nicht immer freiwillig: Während des „Slowakischen Aufstands“ wurde z.B. die auf deutscher Seite kämpfende Schnelle Division Slowakiens, von der inzwischen große Teile zu den sowjetischen Partisanen, u.a. in den Katakomben Odessas,  bzw. zur Roten Armee übergelaufen waren, auf dem Rückzug von Deutschen entwaffnet und interniert. Ladislav Tatsky hat das Schicksal dieser Soldaten in seinem wunderbaren Roman „Die verlorene Division“ beschrieben. Der spätere Außenminister der CSSR, Bohus Chnoupek, zitiert aus dem Tagebuch eines in der Slowakei kämpfenden Rotarmisten, der am 14.1.1945, als die rumänische Luftwaffe mit deutschen Flugzeugen den slowakischen Aufstand unterstützte, notiert: „Seht mal – Hitler hat ganz Europa gegen den Iwan ins Feuer getrieben, und jetzt ist jeder, der nur kann, mit dabei, die Deutschen zu schlagen“.

Der Befreiung von Prag durch die Rote Armee gingen genaugenommen zwei Aufstände voraus. Auf die Ermordung des Reichsprotektors von Böhmen und Mähren, Reinhard Tristan Heydrich, am 27.Mai 1942, reagieren die Deutschen mit einer riesigen Verhaftungs- und Deportationswelle, die in der Vernichtung des Dorfes Lidice gipfelte. Diese Zeit der Angst – die Jahre 1941 bis 1943, in der die Deutschen für die Tschechen eine „Endlösung“ vorsahen, wird als „Heydrichiade“ bezeichnet, ihr fielen insbesondere kommunistische Sympathisanten und Widerstandskämpfer zum Opfer. Das Attentat wurde von einer Gruppe junger tschechischer Patrioten ausgeführt, die vom englischen Geheimdienst ausgebildet und mit Fallschirmen über Tschechien abgesetzt wurden. Die kommunistische Geschichtsschreibung unterstellt ihren Hintermännern niedere, d.h. eitle und volksverachtende Motive. Das Attentat schwächte die Aufstandsbewegung statt sie zu beflügeln! Nach der kommunistischen Befreiung flüchteten etliche der Fallschirmspringer, die die Heydrichiade überlebt hatten, ins Ausland, einige wurden verhaftet, einer wegen Kollaboration mit den Deutschen erhängt. Ihren Helfern im Land, in der Mehrzahl nichtkommunistische tschechische Patrioten, ist die Analyse des „Attentats auf Heydrich“ von Miroslav Ivanov gewidmet. Auch von ihnen kamen die meisten ums Leben: Sie wurden von den Deutschen umgebracht.

Denkmal zur Erinnerung an den Slowakischen Aufstand. Photo: slovakia.travel


Als die Rote Armee sich von Dresden her in Eilmärschen Prag näherte und der Vorstoß der Amerikaner vereinbarungsgemäß vor Pilsen endete, kam es am 5.Mai 1942 zum Aufstand von unten. Zunächst zeigten die tschechischen Patrioten Flagge. Die deutschen Soldaten, die selbst lieber vom amerikanischen als vom russischen Militär „befreit“ werden wollten, schwankten zwischen gewaltsamer Unterdrückung und sich Ergeben. Am 9.Mai wird der letzten deutschen Besatzung, im Petschekpalais, dem Sitz der Prager Gestapo, freier Abzug nach Westen, zu den Amerikanern, gewährt. Aber kollaboratorische „Tendenzen dieser Art“ (von tschechischen Offizieren z.B.) können zu dem Zeitpunkt „die Ergebnisse des Aufstands nicht mehr gefährden“, schreibt der kommunistische Historiker Karel Bartosek. Denn an diesem Tag erreichen auch die ersten russischen Vorausabteilungen Prag. Die Befreiung der Stadt war die „letzte Operation“ der Sowjetarmee im Zweiten Weltkrieg. Und alles in allem, so Bartosek, „haben die Volkshelden von Prag genauso ihren Beitrag zur internationalen antifaschistischen Bewegung geleistet wie die in Paris, Mailand und Warschau“.

1977 fällt in Westdeutschland noch ein ehemaliger Mitarbeiter Heydrichs im Prager Wirtschaftsstab, H.M.Schleyer, einem Attentat – der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) – zum Opfer. In der Tschechoslowakei, und vor allem in Israel, freut man sich öffentlich über die Ermordung dieses ehemaligen SS-Offiziers. Aber der deutsche Staat reagiert wieder äußerst rigoros (gegenüber allen Linken), so daß diese Innere Heydrichiade heute als „Deutscher Herbst“ nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist. Die anschließende Vernichtung der Terroristen durch das BKA wird von dieser zentralen Polizeibehehörde heute als ihre größte Leistung bezeichnet: „Ein fast zwanzigjähriges Ringen wurde gewonnen,“ schreibt eine Berliner Zeitung. Aufgebaut wurde das BKA 1951  u.a. von einem ehemaligen deutschen Partisanenbekämpfer in Weißrussland und Norditalien, dem SS-Hauptsturmführer Theo Saevecke. 1999 verurteilte man ihn in Turin wegen der Ermordung von 15 Partisanen zu lebenslanger Haft. Es handelte sich dabei um 15 Geiseln, die am 10.August 1944 auf der Piazza Loreto in Mailand erschossen wurden. Wenig später eskalierten die Kämpfe in Norditalien aber schon derart, daß Giovanni Pesce, „Träger der Goldenen Medaille der Widerstandsbewegung“ in seinem „Tagebuch eines Partisanen“ notierte: „Die Erfahrung bewies, daß, wenn wir unmittelbar auf die Einschüchterungen des deutschen Kommandos mit ununterbrochenen Aktionen antworteten, die Deutschen nicht mehr den Mut hatten, Geiseln festzunehmen und die Einwohner unterschiedslos zu verhaften“. Um den „Massenkampf“ zu forcieren, initiierte man u.a. eine „Woche des Partisanen“. Kurz vor und während des Aufstands wurden sogar Geiseln ausgetauscht.

Gleich nach dem Krieg schrieb der tschechische Musiker Josef Skvorecky einen Roman über den tschechischen Aufstand und die Befreiung – mit dem Titel „Feiglinge“. Es wurde soeben im Wiener Verlag Deuticke wieder neu aufgelegt. Die Helden darin, das ist Skvoreckys Clique: Jazzmusiker und ihre Freundinnen. Er beschreibt, wie gerade die schlimmsten Kollaborateure, Geschäftsleute und Ariseure die ersten waren, die versuchten angesichts des drohenden Machtwechsels patriotische Punkte zu sammeln. Sie trafen Sicherheits-Absprachen mit den Deutschen, hängten die tschechische Trikolore raus und überpinselten deutsche Schilder. Auch sie wünschten sich – wie die Deutschen, lieber von den Amis als von den primitiven Russen befreit zu werden. Für die jungen Leute waren sie „Feiglinge“, Arschkriecher und Verräter – mit denen sie nichts zu tun haben wollten, aber nach und nach erfaßte der „Aufstand“ alle – irgendwie. Das ist der Rahmen dieses autobiographischen Romans, in dem der Ich-Erzähler von Heldentum phantasiert und auch wirkliche Heldentaten begeht, jedoch eigentlich nur aus Dummheit und um seiner Freundin Irena zu imponieren, die standhaft einen anderen liebt. Langsam werden die Nationalisten von den Kommunisten, die rote Armbinden tragen, an den Rand gedrängt, auch der lokale Rundfunksender findet bald schärfere Töne gegenüber den immer kopfloser werdenden Deutschen. Dann überschwemmen befreite KZ-Häftlinge aller Nationalitäten die Stadt, schließlich kommen die Russen: „Ich hörte das erstemal, daß jemand das Wort Genosse mit allem Ernst aussprach…Das war also der Aufstand…Ich fühlte mich stark und gefährlich“. Er soll dann sogar für seinen partisanischen Einsatz in letzter Minute eine Auszeichnung von den Russen bekommen, gibt aber einen falschen Namen an – um später nicht „von einer Ruhmesfeier zur anderen“ geschleppt zu werden… Es ist der 9.Mai: „Die Revolution war vorbei. Und jetzt fängt das Leben erst an, dachte ich, wußte aber gleich, daß es nicht anfing, sondern gerade jetzt endete. Mein junges Leben in Kostelec“. Ihn erwartete nun ein Studium in Prag, das er wegen seiner Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb nicht früher hatte aufnehmen können. „Jetzt ist Frieden, und überall wird es Jazz und Bars und all das geben…Gegen den Kommunismus hatte ich nichts.“ Aber „wichtig waren die Mädchen und die Musik“. Dann begannen die Siegesfeiern, auch seine Jazzband war dabei, es durfte Swing getanzt werden. Von den befreiten KZ-Häftlingen, die die Stadt übervölkerten, reiste als erstes eine Gruppe Engländer ab, um die der Ich-Erzähler sich ein paar Tage lang gekümmert hatte. Einer fragt ihn zum Abschied: „Freuen Sie sich, daß die Russen hier sind? Oder wären Ihnen die Engländer lieber?“  Er antwortet: „Warum stellen Sie diese Fragen? Sie haben meine Familie gesehen. Sie wissen, wir hätten lieber die Engländer hier“. Nach dem niedergeschlagenen Prager Aufstand von 1968 konnte Skvorecky die Sowjets wirklich nicht mehr länger ertragen – und ging nach Toronto. Einer der befreiten Engländer hatte zu dem Ich-Erzähler aus gutem Hause bereits am 11.Mai 45 gemeint: „Wir Arbeiter sehen das anders – den Kommunismus und die Russen“.

In vielen osteuropäischen Ländern führten sie – „die Russen“ – den Aufstand an. In der Slowakei, wo sich die Kämpfe um die „Hauptstadt“ Banska Bystrica konzentrierten, wurde der sowjetische Partisanen-Kommandeur Asmolow eingeflogen, um die aufständischen Kräfte zu koordinieren. Am 8.Dezember 1944 heißt es in  seinem „Befehl Nr.30“: „In den Tälern befinden sich viele versprengte Gruppen. Die meisten haben die Waffen nicht weggeworfen, entwickeln jedoch auch keine Aktivität, sondern sitzen nur herum und warten auf das Eintreffen der Roten Armee. Ein anderer Teil, der sich selbst als Partisanen bezeichnet, begeht Plünderungen. Ich fordere die Kommandeure kategorisch auf, den Befehl über die Gruppen zu übernehmen…Wer Widerspruch äußert, ist als Deserteur zu betrachten, zu degradieren, zu versetzen, anderen zu unterstellen, an seiner Stelle ist ein neuer Kommandeur zu ernennen…Die Vereinigung mit der Roten Armee werde ich nur dort gestatten, wo diese den gegebenen Abschnitt befreit hat“. In seinem „Befehl Nr.32“ beklagt Asmolow sich über den Kommandeur einer Kompanie des 2.Partisanenregiments Kusner: „Er hat sich regelmäßig betrunken, ihm unterstellten  Personen Uhren und Wertsachen mit dem Versprechen abgenommen, er würde sie befördern. Eine ihm Unterstellte zwang er, ein Verhältnis mit ihm einzugehen. In gesetzwidriger Weise nahm er Bewohnern der Gemeinde Jesenie Geld ab…Ich befehle, Kusner vor der angetretenen Einheit zu erschießen“. An einen anderen Kommandeur, Glider, schrieb er: „Angehörige Ihrer Brigade, die zu uns kommen, wissen über diese Brigade beträchtlich mehr als Sie und sprechen offen über Unzuträglichkeiten in der Brigade. Wie konnten Sie überhaupt dulden, daß die Leute hungern müssen? So etwas können nur Kommandeure zulassen, die jeglichen Sinn für Verantwortung eingebüßt haben. Verändern Sie unverzüglich Ihren Arbeitsstil, sonst wird es ein böses Ende mit Ihnen nehmen.“ Am 14.Februar 1945 warnt er alle Partisanenabteilungen in Mähren, daß rechte Antipartisanenkräfte der sogenannten Hlinka-Garde versuchen, sich in die Bewegung einzuschleusen, um sie zu verraten. Dies geschah dann später auch tatsächlich, wobei anschließend das Dorf Plostina und seine Bewohner durch deutsche Jagdkommandos unter der Führung von Skorzeny vollständig vernichtet wurden. Einzelheiten darüber berichtet Ladislav Mnacko in seinem Roman „Der Tod heißt Engelchen“. Die slowakischen Aufständischen, darunter auch Asmolow, mußten sich zunächst vor der deutschen Übermacht in die Berge flüchten – der Aufstand war gescheitert. Erst einige Wochen später gelang es ihnen, zusammen mit der Roten Armee, die Slowakei zu befreien. Im Juni 1945 zeichnete man Asmolow auf der Prager Burg mit dem höchsten tschechoslowakischen Orden – dem Weißen Löwen – aus.

Denkmal der Roten Armee in Wien. Photo: vienna.cc


In Paris endete die Vertreibung der deutschen Besatzer mit einem großen Fest – am 26.August 1944. Die Westalliierten hatten mit dem deutschen Stadtkommandanten ausgemacht, die Hauptstadt nicht zu verheeren. Aber die kommunistische Widerstandsbewegung hatte am 19.8. zu einem allgemeinen Aufstand aufgrufen – infolgedessen die Rathäuser besetzt und Straßenbarrikaden errichtet wurden. Der General im Exil De Gaulle drängte daraufhin die Alliierten, Paris einzunehmen – dabei sollten sie jedoch den französischen Exiltruppen unter General Leclerc den Vortritt lassen. So geschah es dann auch am 25.8. Dennoch kam der kommunistische Partisanenchef Henri Tol-Tanguy ihnen zuvor – indem er die Kapitulationserklärung der Deutschen entgegennahm. Und auch in der quasi-offiziellen Philosophie der Résistance nach dem Krieg – im Existentialismus – blieb der Widerstand von Links gut aufgehoben. Im letzten Kriegsjahr hatten J.P.Sartre, Simone de Beauvoir, Maurice Merleau-Ponty u.a. zusammengesessen und „Einzelattentate“ – auf Kollaborateure zunächst – diskutiert. Dann schrieben sie jedoch stattdessen die meiste Zeit oder inszenierten Theaterstücke – bis zur Befreiung. Simone de Beauvoir berichtet in ihren Memoiren „Die besten Jahre“ über die Ankunft der ersten Amerikaner: „Den ganzen Tag bummelte ich mit Sartre durch das beflaggte Paris…Was für ein Aufruhr in meinem Herzen…Von nun an wollte ich mich über die Enge meines persönlichen Lebens erheben und in der Weite des Kollektivs schweben“. Zusammen mit den amerikanischen Truppen, aber sich eher dabei an der Seite der französischen Partisanen aufhaltend, die zur selben Zeit in Paris einmarschierten, eroberte der Kriegsreporter Ernest Hemingway die Stadt. Am 7.Oktober 1944 berichtete er in der US-Zeitung „Collier’s“ über dieses historische Ereignis: „‚Denken Sie, daß wir noch viele Möglichkeiten haben werden, uns zu schlagen?‘ fragte der Maquisard. Ich sagte: ‚Sicherlich. Es müssen doch noch Deutsche in der Stadt sein‘. Mein eigenes Kriegsziel war zur Zeit, nach Paris hineinzukommen, ohne etwas abzukriegen… ‚Sind gute Kerle‘, sagte Archie. ‚Der beste Haufen, den ich je erlebt habe. Keine Disziplin, das gebe ich zu, und die ganze Zeit die Trinkerei. Auch zugegeben. Aber schlagen tun sie sich…Und keiner schert sich drum, ob einer umkommt oder nicht, Compris?‘ ‚Ja,‘ sagte ich. Ich konnte im Moment jetzt nicht mehr sagen. Ich hatte etwas Komisches im Hals und mußte mir die Brillen putzen, denn jetzt lag die Stadt vor uns, Paris, grau und schön wie immer“. Angeblich befreite Hemingway wenig später mit einigen dieser Maquisards die Buchhandlung „Shakespeare & Company“ am Rive Gauche.

Ähnlich wie in Italien gibt es jetzt auch in Frankreich eine neue Debatte über die alten Helden. Zumal inzwischen eine Fülle neuer Studien über die Résistance veröffentlicht wurden. Dabei dringt man von den vielen Erzählungen der Teilnehmer unmittelbar danach über die großen Mythen des Volksaufstands bis zu den letzten Details eines Bürgerkriegs vor, wie er in allen von den Deutschen besetzten Ländern ausbrach – zwischen den Klassen, die mit der sich nach Stalingrad immer mehr abzeichnenden Niederlage der Deutschen eine Restauration der Vorkriegsverhältnisse anstrebten und den Kräften, die für eine neue, gerechtere Gesellschaft kämpften. Bei der Wiederbeschäftigung mit der Résistance kommt man nun auch zu neuen Erkenntnissen über die Okkupanten.

Die Deutschen waren daran interessiert, den französischen Widerstand als Kampf isolierter jüdisch-kommunistischer Kleingruppen darzustellen. Im Herbst 1941, kurz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, kam es jedoch zu mehreren Attentaten, denen deutsche Militärangehörige zum Opfer fielen. Der Militärbefehlshaber Otto von Stülpnagel reagierte darauf mit Geiselerschießungen. Noch Jahrzehnte danach lobten seine Untergebenen Carlo Schmidt und Ernst Jünger dagegen Stülpnagels „Menschlichkeit“ und vor allem die „freigeistige“ Atmosphäre im Generalstab. Jünger bekam den Auftrag, die Abschiedsbriefe der erschossenen Geiseln literarisch auszuwerten. Und es wurde ein Musterformblatt für „Geisellisten“ herausgegeben. Auf der anderen Seite erstarkte langsam der Widerstand. Von Stülpnagel trat nach der „Geiselkrise“ zurück: „Ich selbst habe genügend gewarnt vor polnischen Methoden in Frankreich,“ schrieb er. Die Zahl der erschosssenen „Freischärler“ und „Spione“ nahm danach weiter zu.

Noch brutaler schraubten sich die Kämpfe in Belgrad hoch, wo es ebenfalls zu Attentaten und Geiselerschießungen kam. Am 14. Oktober 1944 vereinigte sich vor der Stadt die Dritte Ukrainische Front der Roten Armee – von Bulgarien her kommend – mit einem Teil der Tito-Partisanen, der inzwischen Erste Armeegruppe der Volksbefreiungsarmee Jugoslawiens hieß – um die Hauptstadt zu befreien. Kurz danach verlegte auch der Oberste Stab der Volksbefreiungsbewegung seinen Sitz von der Insel Vis nach Belgrad. Statt eines Aufstands kam es hier zu einer militärischen Einnahme der Stadt, die mehrmals von Deutschen bombardiert worden war und 1943 zum Sitz des Oberbefehlshabers Südost erklärt wurde, weswegen die Alliierten sie 1944 noch einmal bombardierten. Über die am „Sturm auf die Festung Belgrad“ beteiligten deutschen Partisanen, die entweder aus den Strafbataillonen in Griechenland geflohen oder als Frontagitatoren des Nationalkomitees Freies Deutschland mit der Roten Armee gekommen waren, haben kürzlich der DDR-Partisanenforscher Heinz Kühnrich und der ehemalige DDR-Jugoslawienbotschafter Franz-Karl Hitze ein Buch veröffentlicht: „Deutsche bei Titos Partisanen 1941-1945“.

Neben Jugoslawien gab es die stärkste Partisanenbewegung in Weißrußland – Weißruthenien von den Deutschen genannt. Hier herrschten noch wieder andere deutsche Sitten als z.B. in Polen. Es ging hier nicht nur um die Bekämpfung der Widerstandsbewegung und ihres Sympathisanten-Umfeldes, sondern um die systematische Vernichtung der „unnützen Esser“ – also um Völkermord. Wie der Berliner Historiker Christian Gerlach in seiner umfangreichen Studie über die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland mit dem Titel „Kalkulierte Morde“ gerade nachwies, wurden gefangene Partisanen, sofern man sie als noch arbeitsfähig einstufte, sogar mitunter am Leben gelassen. Im Gegensatz zu den Bewohnern ganzer Regionen, die man zu „toten Zonen“ erklärte und „flurbereinigte“. Nur „etwa 10 bis 15 Prozent aller Opfer der deutschen Aktionen waren Partisanen“.

Bei der Verfolgung und Deportation der weißrussischen Arbeitslosen, Juden, Zigeuner und Kinder taten sich merkwürdig viele der späteren Hitler-Attentäter hervor: von Stauffenberg, von Weizsäcker, Yorck Graf von Wartenburg, von Gersdorff, von Tresckow, von Boeselager, Graf von Schulenburg, Arthur Nebe, Otto Bräutigam, Adolf Heusinger etc…

Der Vernichtungsfeldzug unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten in Weißrußland erforderte das Zusammenwirken vieler Dienststellen und Experten. Christian Gerlach hebt außerdem hervor, daß die West-Alliierten nach dem Krieg diese quasi-wissenschaftliche Form der deutschen Widerstandsbekämpfung auswerteten – und hernach in Algerien, Malaysia, Griechenland, Vietnam, auf Zypern und auf den Philipinen erneut praktisch umsetzten. Im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozeß hatte der US-Ankläger Kempner den zu Arthur Nebes Verteidigung bestellten „Sachverständigen der Widerstandsbewegung“ von Schlabrendorff erbost gefragt: „Wieviele Juden darf man denn ermorden, wenn man das Endziel hat, Hitler zu beseitigen – wieviele Millionen?“

Es war vorgesehen, die sowjetische Bevölkerung um etwa dreißig Millionen zu reduzieren (primär durch einen „Hungerplan“). Eine US-Journalistin bezeichnete Weißrußland 1946 als das „am meisten verwüstete Land der Erde“. Seit 1942 entstanden dort aber auch 1108 Partisaneneinheiten und -abteilungen – und es gab riesige „befreite Gebiete“.

Am 3. Juli 1944 wurde die Hauptstadt Minsk durch die Rote Armee befreit. Berühmt wurden jedoch die Bilder von den anschließend durch die Stadt paradierenden Partisanen-Brigaden, bei denen die Kämpferinnen – von den Deutschen stets „Flintenweiber“ genannt – vorneweg marschierten. Und bis heute gibt es in Minsk eine umfangreiche Partisanenforschung. Die den Aufstand vorbereitenden Partisanen wurden in Weißrußland am weitestgehendsten mit der Dorfbevölkerung identisch – während die Städte von den Deutschen hier am weitestgehendsten entvölkert wurden. Dennoch hielt sich auch in der zerbombten Hauptstadt Minsk eine Widerstandsgruppe. Am 22.September 1943 gelang ihr ein Bombenattentat, dem der Generalkommissar für Weißruthenien Wilhelm Kube zum Opfer fiel. Die Attentäterin war sein Zimmermädchen Jelena Masanik, ihr gelang die Flucht zu den Partisanen aus der Stadt heraus. Die Deutschen konnten hier ihre anschließenden Vergeltungsmaßnahmen kaum mehr steigern. Aber auch die Partisanenbewegung umfaßte inzwischen einen großen Teil der Wehrfähigen.

Zur Erinnerung an die weissrussischen Partisanen. Photo: verbalescapaden.wordpress.com


Der Berliner Journalist Paul Kohl hat die Attentäterin Masanik noch 1994 für eine SFB-Rundfunksendung über das Attentat interviewt. Außerdem veröffentlichte er gerade einen Roman, mit dem Titel „Schöne Grüße aus Minsk“, in dem Jelena Masanik den Sprengstoff von einem deutschen Journalisten bekommt, der bei der „Minsker Zeitung“ arbeitete. Dieser fiktive Plot erlaubt dem Autor jede Menge innere Monologe eines Anderen Deutschen. Diese Konstruktion hat sich bereits bei Spielbergs Film „Schindlers Liste“ bewährt und gerade wird sie noch einmal von Costa-Gavras angewandt, der Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ verfilmt, in dem es um den frommen SS-Mann Kurt Gerstein geht, der gegen die Judenvernichtung opponierte. Gedreht wird dieser Politthriller – mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle – in Ceuausescus Budapester Palast, in den anschließend der Vatikan eingescannt wurde. Ähnlich ist es bei dem Film „Der Pianist“, den Roman Polanski – in der Babelsberger „Sonnenallee“- Großkulisse – drehte. Diesem „Eurofilm“ liegen die Erinnerungen von Wladyslaw Szpilman zugrunde, der von einem deutschen Wehrmachtsoffizier gerettet wurde.

Der westdeutsche Historiker Bernd Bonwetsch schreibt – in Zusammenfassung einer Aufstandsforschungsarbeit: „Ganz allgemein läßt sich wohl feststellen, daß alle Motive und Formen des Verhaltens gegenüber der Besatzungsmacht wie gegenüber der Sowjetmacht in Gestalt der Partisanen vorgekommen und belegbar sind und daß die Unterstützung der Partisanen dort am schwächsten war, wo die Kollaborationsneigung sich als relativ stark erwies“. Die wissenschaftliche Durchdringung von Attentat und Aufstand nähert sich der völligen Indifferenz von Gut und Böse – Kollaboration und Widerstand. Ein Zwischenschritt dahin war der Täter-Opfer-Dualismus. Zur gleichen Zeit wurden in der Neuen Ökonomie aus Gegnern plötzlich Partner, wie bereits J.F.Lyotard bitter bemerkte. Anscheinend muß man dem nun auch in Film und Forschung Rechnung tragen.

Zur Erinnerung an die Studentenaufstände 1968. Photo: taz.de


P.S.: Zur Erinnerung an den Ägyptischen Aufstand kursieren jetzt im Internet hunderte von Videoclips mit Liedern und Bildern von den Kämpfen.

Letzte Meldungen aus Ägypten:

„Etliche entlassene Polizisten demonstrieren in der ägyptischen Hauptstadt Kairo für ihre Wiedereinstellung. Die Polizei war bei den wochenlangen Unruhen in dem Land eines der Hauptziele der Demonstranten.“ (AP)

„In Ägypten zeichnet sich derzeit eine Abkehr vom Wirtschaftsmodell der Weltbank, des Internatonalem Währungsfonds (IWF) und der US-Entwicklungsbehörde USAID ab. Seit dem Volksaufstand ist der Chef der Interimsregierung Ahmed Schaf bemüht, einige der unpopulären Maßnahmen rückgängig zu machen, die die internationalen Finanz- und Entwicklungsorganisationen dem Regime von Ex-Präsident Husni Mubarak empfohlen hatten.

„Viele Ägypter haben nach der Revolution das Ausmaß der Ungerechtigkeit erkannt, der sie seit vielen Jahren ausgesetzt waren“, sagte Abulezz Al-Hariri, ehemaliger Abgeordneter der ägyptischen Opposition. „Sie treten für ihre Rechte ein, und das Kabinett ist bemüht, den Forderungen nachzukommen.“

Seit Mitte der 1980er Jahre hatten Weltbank, IWF und USAID das ehemalige Mubarak-Regime dazu angehalten, den staatlichen Einfluss auf die Wirtschaft des Landes zu lockern, die Haushaltsdefizite zu verringern und dem Privatsektor und Unternehmen größten Spielraum zu gewähren.

Doch unter dem öffentlichen Druck nach dem Sturz Mubaraks sucht Ministerpräsident Ahmed Schafik, der bis zu den Neuwahlen die Regierungsgeschäfte führen soll einige der kontrovers diskutierten Entscheidungen rückgängig zu machen.

Viele der Maßnahmen, die in den letzten Tagen beschlossen wurden, sollen die schwierige wirtschaftliche Lage von Millionen Ägyptern verbessern, die sich von der Revolution einige gravierende Verbesserungen erhoffen. Der Volksaufstand kostete 365 Menschen das Leben

Nach jüngsten Regierungsangaben sind alle Bürger berechtigt, um monatliche Rationen von Zucker, Kochöl und Reis anzusuchen. Das vorherige Kabinett, das sich aus Geschäftsleuten und ehemaligen Konzernmanagern bestand, hatte die Rationen auf Eis gelegt. Die neue Entscheidung macht ferner die Überlegungen zunichte, ausschließlich die armen Bevölkerungsgruppen im Land und nur nach einer langwierigen bürokratischen Überprüfung auszustatten.“ (IPS-Inter Press Service)

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/02/21/der_kairo-virus_chronik_seiner_ausbreitungeindaemmung_14/

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kommentare

  • recherchejournal zum aufstand

    Hier findet ihr Beiträge zum nun nicht mehr kommenden, sondern stattfindenen Aufstand. Eure Recherechegruppe…

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