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vonHelmut Höge 23.02.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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3 Fellachen (Charles Gleyre, 1835). Photo: wikipedia.org


Ägyptische Bauern demonstrieren. Die Proteste auf dem Land werden von den auf den Tahrir-Platz fixierten Medien jedoch kaum wahrgenommen, aber es gibt sie – wie Reuters meldete:

„Die Proteste in Ägypten weiten sich aus, der Ruf nach Wandel wird lauter: Weit entfernt vom Tahrir-Platz in Kairo und jenseits der Stadtgrenzen der Millionen-Metropole fordert auch die Landbevölkerung das Ende des Herrschaftssystems von Husni Mubarak.

„Die Revolution ist gut“, sagt etwa Landwirt Fausi Abdel Wahab, der zusammen mit seiner Frau auf einem Feld im Nildelta nahe der Stadt Tanta steht.

Obwohl die Armut besonders in den ländlichen Gebieten groß ist, galt die Bevölkerung dort lange Zeit als Verfechter des Status Quo und damit als Anhänger von Mubarak. Doch dies scheint sich nun zu ändern.

„Die von der Jugend vorgebrachten Forderungen drücken die Wünsche alle Ägypter aus, auch der Bauern und der Menschen in den ländlichen Regionen, die unter denselben Problemen leiden wie die Menschen in den Städten“, sagt Ägypten-Experte Nabil Abdel Fattah vom Al-Ahram-Zentrum für Politische Wissenschaft. „Die neuen Medien und das Satellitenfernsehen helfen dabei, die Botschaft der Revolution auch aufs Land hinauszutragen.“

Angesichts der zunehmenden Proteste gehen die Sicherheitskräfte nun auch auf dem Land verstärkt gegen Demonstranten vor. So verlautete aus Sicherheitskreisen, dass bei Zusammenstößen in einer entlegenen Wüstenprovinz mindestens ein Mensch erschossen worden sei. Zahlreiche weitere Demonstranten hätten Schusswunden erlitten, als die Polizei das Feuer eröffnete.“

In Oberägypten gingen Zuckerrohr-Bauern auf die Straße, die von den Zuckerfabriken höhere  Preise für ihre Ware forderten.

Das „Alte Land“ Ägyptens:

Wie viele Reiseführer und -bücher gibt es, die „Ägypten zwischen Gestern und Heute“  heißen, wobei das Gestrige Ägypten – von den Pyramiden bis zu den Lehmhütten der Kleinbauern und den orientalischen Märkten – bei den Touristen aus dem Okzident natürlich besonders hoch im Kurs steht, auch bei den Malern, Filmern und Photographen von dort.

„Mit über 40 Millionen Menschen bilden die auf dem Land lebenden Fellachen knapp drei Viertel der Gesamtbevölkerung,“ weiß „enzyklo.de“. „Als Fellache (auch Felache, von arabisch  fallah, ,Pflüger‘, abgeleitet vom Verb  fala den Boden spalten/bearbeiten‘; Plural  Fall wird ein Angehöriger der Ackerbau betreibenden Landbevölkerung des vorderen Orients bezeichnet,“ erklärt uns „wikipedia“. „Sie leben auch heute noch zumeist in Lehmhäusern, so wie ihre Vorväter seit Jahrtausenden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war ihr Anteil noch wesentlich höher. Erst mit Beginn der Urbanisierung strömten viele Fellachen in die Städte.

„Die Feldarbeiter von Ägypten“, so nennt  „sindbad-reisen.com“ sie, „bewirtschaften das fruchtbare Land entlang des Niles. Doch hier scheint die Zeit still zu stehen. Heute sieht man noch wie zu Pharaos Zeiten Fellachen, die mit Ochsen und einem Holzpflug die Felder beackern. Oder Ochsen, die ein Leben lang im Kreis herumlaufen, um das Wasserrad anzutreiben, dass Wasser aus dem Nil heraufschöpft, um die Felder zu bewässern. Die Fellachen leben unter ärmlichen und einfachen Verhältnissen.“

Fellache heute. Photo: geo-reisecommunity.de



Ägypten besteht zu aus 96 Prozent aus Wüste.Von seinen rund eine Million Quadratkilometern  ist die landwirtschaftlich nutzbare Fläche kleiner als die Schweiz. Aber diese Fläche hat es in sich: Es ist das Schwemmland des Niltals – eine Flussoase, umgrenzt von einer Sand- und Steinwüste, und so weit fruchtbar, wie es durch den Nil bewässert werden kann. „Dieses Gebiet ist das eigentliche Ägypten,“ meint klett.de. „Rund 100 Tage lang führte der Nil im Sommer Hochwasser, überschwemmte die Felder und ging dann langsam zurück. In der restlichen Zeit des Jahres fiel dann kein Regen mehr. Um die lange Trockenzeit zu überbrücken, überlegten die Ägypter schon vor mehr als 3000 Jahren, wie das Hochwasser des Nils besser zu nutzen sei. Zuerst wurden die Felder durch Deiche gesichert. Dann grub man Staubecken und Kanäle links und rechts des Flusses tief in die fruchtbaren Felder hinein. Wenn das Hochwasser kam, sollten die Schleusen geöffnet werden, damit das Wasser in die Kanäle floss und nicht planlos die Felder überschwemmte und dabei verwüstete. Die voll gelaufenen Kanäle sollten später zum Nil hin wieder geschlossen werden. Das aufgefangene Wasser konnte dann in der trockenen Zeit, oft mit Schöpfrädern, auf die Felder gebracht werden.“ Diese Landwirtschaft ähnelt der friesischen, die sich ebenfalls als eine Kultur des Deich- und Kanalbaus begreifen läßt – nur dass es an der Nordseeküste umgekehrt darum geht, die dem Wattenmeer abgerungenen fruchtbaren Böden damit zu entwässern.

Und während infolge der Klimaerwärmung eine Überflutung des Kulturlandes droht, „geht Ägyptens Bauern das Wasser aus,“ wie die „Deutsche Welle“ (dw-world.de) informiert.

„Die altägyptische Zivilisationen hielt über 3500 Jahre und war eine der beständigsten Hochkulturen aller Zeiten,“ teilt „sindbad-reisen.com“ mit. Sie entwickelte sich auf dem Rücken der Fellachen.


Fellachen liefern Narturalsteuern ab. Photo: lai.at



In der Zeitschrift „Entwicklung und Ländlicher Raum“ veröffentlichte 2007 Paul G. Weber – Berater am Ministerium für Landwirtschaft und Landerschließung und Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Kairo – eine Studie über den drohenden Wassermangel der ägyptischen Landwirtschaft:

In einer „Zusammenfassung“ heißt es:

„Die Deckung des Bedarfs an Trink- und Brauchwasser in Ägypten ist dank des Nils und des Assuan-Stausees auch bei weiter steigender Bevölkerung zwar nicht gefährdet, jedoch reichen die Wasserressourcen bei weitem nicht aus, um die nur mit künstlicher Bewässerung mögliche Agrarproduktion in dem Maße auszudehnen, wie es zur Erzeugung von genügend Nahrungsmitteln für eine Bevölkerung von fast 80 Millionen Menschen erforderlich wäre. Gleichzeitig wird das fruchtbare Schwemmland des Nils immer mehr mit Straßen und Städten versiegelt. Die Neulanderschließung zum Ausgleich der verlorenen Kulturfläche stößt auf große Probleme. Aus einem seit Jahrtausenden als Kornkammer berühmten Lande ist ein auf Dauer von Nahrungsmittelimporten abhängiges Land geworden. Die immensen und jedes Jahr ansteigenden Kosten des Imports von Getreide und anderer Nahrungsmittel schränken die Möglichkeiten Ägyptens immer weiter ein, arbeitsplatzschaffende Investitionen für die jedes Jahr um 1,5 Millionen Menschen anwachsende Bevölkerung zu tätigen.“

Dabei erlaubt die Anbauintensität auf den fruchtbaren Schwemmlandböden „gut zwei Ernten pro Jahr mit Flächenerträgen, die im Weltmaßstab zu den höchsten gehören“. Und das ohne Dünger- und Pestizide-Einsatz.

„Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als das Land eine Provinz des osmanischen Reiches war und kaum 5 Millionen Einwohner zählte, gab es weit mehr Wasser und fruchtbares Land als für die Erzeugung von Nahrungsmitteln für die Bevölkerung erforderlich war. Es wurde deswegen Baumwolle für den Export nach England angebaut. Zu diesem Zweck entstanden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten großen Regulierungsbauwerke und Kanäle zur besseren Verteilung der Nilfluten auf dem fruchtbaren Schwemmland. Gleichzeitig wurde unter anderem mit Hilfe des deutschen Agraringenieurs und Gründers der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) Max Eith der Baumwollanbau durch den Einsatz von Dampfpflügen mechanisiert. Der größte und vorerst wohl auch letzte Schritt in Richtung einer vollen Nutzung der Wasser- und Bodenressourcen wurde mit dem Bau des Assuan Hochdamms in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gemacht, mit dem es möglich geworden ist, dank ganzjähriger gleichmäßiger Wasserverfügbarkeit für die Bewässerung zwei volle Ernten pro Jahr einzufahren und dank der aufgestauten Wassermenge zwei aufeinander folgende Trockenjahre zu überbrücken. Der Preis für diesen Fortschritt ist einerseits das Ausbleiben der periodischen Überflutungen des Schwemmlandes oder „Alten Landes“ und damit auch der Ablagerung fruchtbaren Bodens, sowie andererseits – wegen der ganzjährigen Bewässerung -, ein Anstieg des Grundwasserspiegels. Das Grundwasser kann seitdem vielerorts durch die Bodenkapillaren bis zur Oberfläche aufsteigen, wo es verdunstet und die im Wasser gelösten Salze zurücklässt.    Die Notwendigkeit der Nährstoffzufuhr in Form von Mineraldünger, insbesondere von Stickstoff, und die Notwendigkeit der Abfuhr des salzhaltigen Dränagewassers mittels eines immens teuren Dränagesystems ist somit eine ökologisch und ökonomisch schwerwiegende Konsequenz des historischen Unternehmens, das Nilwasser mittels des Assuan Staudamms unter Kontrolle zu bringen, überjährig zu bevorraten und zwei Ernten pro Jahr zu ermöglichen.    Seit dem Bau des Dammes in den sechziger Jahren wuchs die Bevölkerung in rasantem Tempo von 30 Millionen auf 80 Millionen und mit der Bevölkerung wuchs der Bedarf an Nahrungsmitteln. Da eine Agrarproduktion in Ägypten aufgrund seines trockenen Klimas nur mit Bewässerung möglich ist, wuchs proportional dazu der Bedarf an Bewässerungswasser.

Trotz groß angelegter Projekte zur Landerschließung konnte die tatsächlich bewässerte Fläche in den vergangenen Jahrzehnten nur begrenzt ausgedehnt werden. Viele aufwändig erschlossene Flächen liegen brach, da – vereinfacht dargestellt – die zur Kultivierung vorgesehene Umsiedlung von Kleinbauern aus dem Niltal bzw. eine Ansiedlung kommerzieller Agrarunternehmen auf große Probleme gestoßen ist, und die Produktion auf den unfruchtbaren Wüstenböden wegen der erforderlichen Bewässerungs- und Kulturtechnik extrem kapitalaufwendig ist.    So reicht das Ertragspotential der meist sandigen Wüstenböden des „Neuen Landes“ bei weitem nicht an das der verlorenen tiefgründigen Schwemmlandböden des „Alten Landes“ heran.

Die pro Kopf verfügbare Kulturfläche ist durch das Wachstum der Bevölkerung und trotz Landerschließung so weit zurückgegangen, dass heute rein rechnerisch eine Fläche von nur noch 21 mal 21 Meter pro Kopf für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung steht. Auch bei intensivster Bewirtschaftung ist eine Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln auf einer so kleinen Fläche unmöglich.

Ägypten muss somit nicht-landwirtschaftliche Einkommensquellen entwickeln, um den steigenden Importbedarf an Grundnahrungsmitteln für seine Bevölkerung finanzieren zu können. Und um die Nahrungsmittellücke zu minimieren, muss die Neulanderschließung in dem Masse vorangetrieben werden, wie Flächen im „Alten Land“ verloren gehen und Wasser zur Verfügung steht. Da jedoch die Subsistenzlandwirtschaft im „Alten Land“ die Lebensgrundlage von immer noch knapp der Hälfte der Bevölkerung Ägyptens darstellt, muss eine solche Politik begleitet werden von Maßnahmen zur Erhaltung eben dieser Lebensgrundlage von über 20 Millionen Bauern, und einer fast ebenso großen Zahl abhängiger ländlicher Bevölkerung, die nicht von den anderen „modernen“ Wirtschaftssektoren absorbiert werden können.    Bereits jetzt haben sich infolge des eingeleiteten Strukturanpassungsprozesses im Sinne einer Liberalisierung der Wirtschaft die Lebensbedingungen der ländlichen Armutsbevölkerung erheblich verschlechtert. Insbesondere wurde die Armut der landlosen Pächter dadurch verschärft, dass gesetzliche Bestimmungen aus der Zeit der Landreform unter Präsident Nasser abgeschafft worden sind.

Diese hatten landlosen Pächtern über vier Jahrzehnte ein weitgehend unbefristetes Nutzungsrecht zu günstigen Konditionen zugesichert. Fast eine Million Pächterfamilien haben bereits ihre Ansprüche auf das von ihnen bestellte Land verloren und wandern nun in die Städte ab.“

Der bundesdeutsche Agrarexperte Paul G. Weber meint:

„Insbesondere muss nun wirksamer als bisher dem unwiederbringlichen – durch eine unkontrollierte Urbanisierung verursachten -Verlust fruchtbaren Kulturlands entgegengetreten werden. Eine realistische Agrarentwicklungsstrategie muss mit dem Eingeständnis beginnen, dass die bereits aus der Zeit des Präsidenten Nasser stammenden Ziele sowohl der Selbstversorgung mit Agrarprodukten durch Ausweitung der Bewässerungslandwirtschaft auf Wüstenböden, als auch der Entlastung des Niltals durch Ansiedlung von Kleinbauern oder Universitätsabsolventen auf solchen Standorten nicht realistisch waren.“

Fellache. Photo: kinderzeitmaschine.de



Bei Wikipedia heißt es über die „Landreformen“ als ein „Element des arabischen Sozialismus“:

– Ägypten: Nach der Revolution 1952 wurde unter Nasser eine Landreform durchgeführt. Sie beinhaltete die Festlegung von Obergrenzen für die Größe von Landbesitz, die Enteignung von Landbesitz, der diese Grenze überschritt und dessen Verteilung an Bauern und Landarbeiter. Bauernkooperativen wurden gegründet, Mindestlöhne für Landarbeiter und eine Mindestlänge für Pachtverträge festgelegt. Heute wird diese Landreform allmählich rückgängig gemacht.

– Syrien: Nach der Machtübernahme der Baath-Partei 1963 wurden je nach Bodenqualität Obergrenzen für die Größe von Landbesitz festgesetzt; Landbesitz, welcher diese Grenzen überschritt, musste innert fünf Jahren enteignet werden, wobei der vormalige Eigentümer eine Entschädigung erhielt. Pächter, landlose Bauern und Landarbeiter erhielten das Land zu einem Fünftel des Entschädigungspreises und wurden ermutigt, staatlich gelenkte Kooperativen zu bilden.

– Irak: Landreformen mit beschränktem Erfolg geschahen unter Abd al-Karim Qasim und wurden unter dem Baath-Regime von Saddam Hussein erneut aufgenommen. Diese Reformen führten zur Bildung einer großen Zahl kleinbäuerlicher Einheiten und reduzierten, zusammen mit der Abwanderung aus dem ländlichen Raum, die Zahl der Landlosen. 1971 waren über 98,2 % der etwa 5,7 Mio. Hektar bebaubaren Landes im Besitz von „Zivilpersonen“, wovon 30 % im Rahmen der Landreform verteilt worden waren. Bis 1985 waren schätzungsweise 2.271.250 Hektar umverteilt worden.

– Iran: Eine signifikante Landreform wurde ab 1962 sowie als Teil der „Weißen Revolution“ unter Mohammad Reza Schah Pahlavi 1963 durchgeführt. Etwa 90 % der iranischen Teilpächter wurden dadurch Landeigentümer. Dennoch verschlechterte sich für viele von ihnen am Ende der 1970er Jahre die wirtschaftliche Situation.“

Auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung (bdp.de) findet sich ein Text von Sonja Hegasy über Gamal Abdel Nassers Agrarreform und ihre Auswirkungen. Die Autorin ist Vize-Direktorin des Berliner „Zentrums  Moderner Orient“. Sie schrieb ihre Doktorarbeit 1997 über „Staat, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft in Marokko. Die Potentiale der sozio-kulturellen Opposition“. 2006 hielt sie in der CSU-nahen Hanns-Seidel Stiftung einen Vortrag zum Thema „Der Islam und Europa – wird der ‚Kampf der Kulturen‘ zur Realität?“

Ihr bdp-Text nimmt eine lokale  ägyptische Bauern-Revolte zum Ausgangspunkt:

„1996 blockierten ägyptische Bauern Eisenbahnlinien und Landstraßen in Mittelägypten. Unter der Parole ‚Frieden gegen Erde‘ demonstrierten sie vor dem Landwirtschaftsministerium gegen ein neues Pachtgesetz, das die Höhe der Pacht dem freien Markt überlassen soll. Die Bauern setzten Scheunen und Kooperativen in Brand. Gewaltsame Ausschreitungen häuften sich auch zwischen Pächtern und Großgrundbesitzern.  Seit der Revolution 1952 sind die Fellachen nicht mehr so deutlich an die Öffentlichkeit gegangen. Damals wurde König Faruk von einer Gruppe von Offizieren abgesetzt und Ägypten wandelte sich von einer Monarchie zu einer Republik. Die königlichen Ländereien wurden sofort von den ‚Freien Offizieren‘ verstaatlicht. Unter dem sozialistischen Präsidenten Nasser erfolgte in den sechziger Jahren die zweite Stufe der Agrarreform, die auch das Land der einflussreichsten Grundbesitzerfamilien an das Bauernproletariat verteilte. Ganz wurde der Großgrundbesitz jedoch nie abgeschafft: 1990 besaßen noch 9000 Familien 15 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche, während fast drei Millionen Kleinbauern weniger als einen Feddan bebauten (ein Feddan entspricht der Größe eines Fußballfeldes).  Ägypten ist ein Land, das weiterhin stark von seiner bäuerlichen Gesellschaft geprägt wird, obwohl nur drei Prozent des Landes landwirtschaftlich genutzt werden können. Ein Drittel aller Beschäftigten arbeitet in der Landwirtschaft. Dabei werden Frauen und Kinder, die mitarbeiten, statistisch noch nicht einmal erfasst. Ein knappes Fünftel des Bruttoinlandsprodukts wird im Agrarsektor erwirtschaftet. Ägyptische Baumwolle, das so genannte weiße Gold, ist aufgrund ihrer langen Fasern die beste Sorte der Welt und gehört zu den wichtigen Devisenbringern des Landes. (1)

Bis der Staat massiv in die Landwirtschaft eingriff, war Ägypten sogar ein Netto-Exportland von Agrarprodukten. Da jedoch an erster Stelle sichergestellt werden sollte, dass ausreichend billige Nahrungsmittel für die städtische Bevölkerung produziert werden, setzte die Regierung staatliche Ankaufspreise für Grundnahrungsmittel fest. Spätere Versuche, den Brotpreis zu erhöhen, zogen die erbitterten Proteste der armen Bevölkerung nach sich. 1977 kam es in Ägypten zu den so genannten Brotrevolten, die in fast allen Entwicklungsländern mit dem Beginn der IWF-Strukturanpassungsmaßnahmen zu verzeichnen sind. Seit Mitte der achtziger Jahre verkraftete der ägyptische Staatshaushalt die Subventionen nicht mehr. Schrittweise mussten sie wieder rückgängig gemacht werden.  Heute ist die Deregulierung im Agrarsektor weit fortgeschritten. Die Bauern können ihre Produkte weitestgehend selbstständig auf dem freien Markt anbieten. Ebenso ist aber auch die Geburtenrate überproportional gestiegen, so dass einige Grundnahrungsmittel (Weizen, Zucker) noch immer knapp sind. Zwischen 1990 und 1995 lag die durchschnittliche Wachstumsrate der Bevölkerung bei 2,2 Prozent. Der überlebenswichtige Weizen muss zu über 50 Prozent aus Australien, den USA und Europa importiert werden. Er wird zu teuren Weltmarktpreisen eingekauft und muss natürlich mit Devisen bezahlt werden.

Als Folge der Deregulierung im Agrarsektor trat 1997 nach einer Vorlaufzeit von fünf Jahren das neue Pachtgesetz in Kraft. Die Regierung zielte darauf ab, dass kapitalkräftige Grundbesitzer wieder stärker in ihre Ländereien investieren und die Produktion stärker auf den Export orientieren würden, wenn auch die Höhe der Pacht stiege. Unter Nasser war die Pacht auf ein siebenfaches der jährlichen Steuer festgesetzt worden.  Mit dem neuen Gesetz sollte sie allein von Angebot und Nachfrage bestimmt werden. Das führte dazu, dass ein Feddan nach 1992 das 21-fache der Steuer kostete. Viele Bauern fürchteten, eine Verdreifachung der Pacht nicht mehr bezahlen zu können und von ihrem Land vertrieben zu werden.  Nach Schätzungen sind etwa fünf Millionen Bauern und ihre Familien von diesem Gesetz betroffen. Landwirtschaftsminister Yousef Wali, dessen Familie vor der Verstaatlichung selbst zu den größten Feudalherren des Landes gehörte, schlug vor, den vertriebenen Bauern neu gewonnenes Land in der Wüste anzubieten. Dadurch würden jedoch sämtliche gewachsenen Dorfstrukturen zerstört werden. Und der Boden, der der Wüste in einem zähen Kampf abgerungen wird, ist nicht mit der äußerst fruchtbaren Erde entlang des Nils zu vergleichen. Tatsächlich ist es aber bislang nicht zu den erwarteten sozialen Verwerfungen gekommen.

Die Ernteerträge sind in den letzten Jahren stetig gestiegen. Obst und Gemüse werden in Ägypten im Überschuss produziert. Von einem Erfolg bei der Erhöhung der Agrarexporte wird es wesentlich abhängen, ob Ägypten die Umstrukturierung seiner Wirtschaft durchführen kann oder nicht. Gerade die Agrarprodukte sind wettbewerbsfähig und werden daher von den südlichen EU-Mitgliedstaaten wie Griechenland oder Spanien gefürchtet. So gehört der Zugang für Obst und Gemüse zum europäischen Markt zu den Schlüsselthemen, die einen Abschluss der Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und der ägyptischen Regierung über eine Freihandelszone bis 2001 hinauszögerten.Will die Europäische Union tatsächlich einen Beitrag zur Armutsbekämpfung und Stabilität in Ägypten leisten, so muss sie als erstes den Marktzugang für ägyptische Agrarerzeugnisse erleichtern.“

„Fellachen – die am meisten unterdrückte Klasse.“ Photo: tlaxcala-int.org



Nach dem erfolgreichen Aufstand gegen Mubarak geschieht nun jedoch anscheinend das Gegenteil – wie „ipsnews.de“ meldet:

„In Ägypten zeichnet sich derzeit eine Abkehr vom Wirtschaftsmodell der Weltbank, des Internationalem Währungsfonds (IWF) und der US-Entwicklungsbehörde USAID ab. Seit dem Volksaufstand ist der Chef der Interimsregierung Ahmed Schaf bemüht, einige der unpopulären Maßnahmen rückgängig zu machen, die die internationalen Finanz- und Entwicklungsorganisationen dem Regime von Ex-Präsident Husni Mubarak empfohlen hatten.“

Gehen wir deswegen noch einmal – in Abkehr von diesem und anderen „Okzidentalismen“-  zurück in die Geschichte der Agrarreform, wie sie in den Sechzigerjahren vom Begründer der ägyptischen Agrarforschung Henry Habib Ayrout eingeschätzt wurde:

„Sie war das schönste Geschenk der neuen Regierung an die so lange unbeachtet gebliebenen Fellachen.“ Dabei sei ganz Ägypten „ein Geschenk der Fellachen“. Aber nun müsse die weitere Entwicklung auf dem Land von ihnen – von unten – kommen. „We must work from the inside out. Success requires more understanding, personal care and love than committees, speeches and official decrees. (2) Seit einigen tausend Jahren hätten „die ägyptischen Bauern ihre Herren, ihre Religion, ihre Sprache und ihre Saaten gewechselt – aber nicht ihre Lebensweise.“

Als Nasser 8 Jahre nach der „Ägyptischen Revolution von 1952“ die Presse verstaatlichte, begründete er dies damit, dass sie konstant „das wahre Ägypten“ ignoriert habe. Diese Wirklichkeit  würde man z.B. in „Kafr el Battikh“ (im „Wassermelonendorf“) nahe Alexandria finden.

Henry Habib Ayrout (1907 – 1969), ein christlicher Syrer aus reicher, in Kairo ansässig gewordener Familie, studierte in Europa und wurde Jesuitenpriester. Um die Armut kennen zu lernen, bat er seine Eltern, ihm keine Unterstützung zukommen zu lassen. 1939 kehrte er nach Ägypten zurück, wo er unter den reichen syrischen und europäischen Christen in den Städten Geld sammelte, um den Armen im ländlichen Süden, wo die meisten Kopten lebten, zu helfen. Im Jahr zuvor hatte er sein inzwischen klassisches Werk „The Egyptian Peasant“ veröffentlicht – in Frankreich. 1945 erschien in Kairo die erste englische Ausgabe.

1952 kam seinen Projekten zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bauern der allgemeine revolutionäre Schwung im Land entgegen: wie in Russland nach der Revolution, war es zuvörderst der Idealismus der Jugend. Junge Mädchen zogen massenhaft aus den Städten aufs Land, um die Lebenssituation der Fellachen kennen zu lernen und zu helfen. Bis 1950 entstanden 122 Schulen, in denen 11.000 Bauernkinder kostenlos unterrichtet wurden.  Als Nasser 1956 den Suezkanal verstaatlichte, bedrohten England, Frankreich und Israel Ägypten mit Krieg (3). „Das Resultat war trotz militärischer Erfolge eine Blamage und Schwächung der europäischen Mächte und eine Stärkung der ägyptischen Position im Nahen Osten. Aufgrund ihrer zeitlichen und politischen Überschneidung mit dem Ungarischen Volksaufstand gilt sie als Teil einer Doppelkrise,“ heißt es bei Wikipedia über die „Suezkrise“. Sie hatte in Ägypten selbst zur Folge, dass der Nassersche Sozialismus sich zum panarabischen Nationalismus verengte: Die Engländer, Franzosen und Juden mußten das Land verlassen, die Unternehmen der Griechen, Armenier und Syrer wurden verstaatlicht. Ayrout blieb jedoch in Ägypten und arbeitete weiter, Nasser zeichnete ihn einige Jahre später für seine Verdienste um die Verbesserung der Lebensbedingungen auf dem Land aus. 1954 hatte er am Orientalismus-Institut von Princeton einen Vortrag gehalten. Dort lernte ihn der später als Fulbright-Stipendiat in Ägypten tätige „Orientalist“ John Alden Williams kennen, der 1963 Ayrouts Buch „The Egyptian Peasant“ noch einmal – für den amerikanischen Markt – übersetzte. Williams schreibt – in seinem Vorwort: In jener Zeit bestand leider „in den USA wenig Interesse an einem Buch über ägyptische Bauern.“

Die Ausgabe, die mir vorliegt, wurde 2005 vom Verlag der „American University in Cairo“ zusammen mit der „Association of Upper Egypt for Education and Development“ veröffentlicht, mit einem zweiten Vorwort – von Morroe Berger aus dem Jahr 1962. Der 1981 gestorbene Berger war ein „Nahost-Experte“ und Soziologieprofessor in Princeton. Er  zitierte in seinem Vorwort Ignazio Silone: „Die armen Bauern sind sich in jedem Land gleich – egal, ob man sie Fellachen, Muschiks, Peons oder Cafoni nennt,  obwohl sich nicht einmal zwei von ihnen ähneln.“ Dies habe Ayrout bei  seiner Agrarforschung beherzigt – „als Anwalt der Bauern und Beobachter des dörflichen Lebens  – mit Sympathie und Distanz“. „Seine Ergebnis werden Amerikaner ‚romantisch‘ finden“: Ayrout riet den Bauern, ihre Landwirtschaften nicht zu mechanisieren, denn „diese wird die organische Verbindung, die sich zwischen den Menschen und dem Land hergestellt hat, zerstören. Sie wird eine Lebensform beseitigen, die sich als die einzig richtige für eine wachsende Bevölkerung auf einem begrenzten Stück Land erwiesen hat.“ (4)

Die von Ayrout 1963 überarbeitete englische Ausgabe beginnt mit einer „Einführung“ von ihm:

„Zum Verständnis des Fellachen“

Wir sehen heute den Fellachen aufwachen. Unsere Studie wird sich auf den kleinen Bauern und den Landarbeiter konzentrieren.

2. Unwandelbarkeit

Es hat viele Revolutionen in der Geschichte gegeben, aber die Landbevölkerung hat nur einmal, zwischen den Jahren  725 und 830 revoltiert – gegen die zu harte Besteuerung durch die arabischen Eroberer Ägyptens. Wenn man den Schriften der alten Griechen folgt, hat sich der Fellache seit ihrer Zeit nicht verändert. Keine Revolution, keine Evolution.

Der Fellache fand sich immer zwischen dem Boden und den Grundbesitzern, zwischen dem Amboß und den Hämmern. Der Nil, der im Laufe der Zeit eine 30 bis 90 Fuß dicke Schicht Lehm bzw. Schwarzerde angeschwemmt hat, kultiviert und determiniert zusammen mit der Sonne das physikalische Umfeld des Fellachen – das Leben Ägyptens.

3. Landbesitzer und Regierung

Es gibt ein Ober- und ein Unter-Ägypten.  Aber insgesamt läßt sich sagen: Die enorme politische und ökonomische Pyramide Ägyptens drückt den Fellachen mit seinem ganzen Gewicht zu Boden. Und seine Scholle wird immer kleiner. Schon gehören 50% des fruchtbaren Bodens 2% der Landbesitzer. Auf ihren Aufsehern – nazir – vor Ort beruht das ganze System. Von 1927 bis 1937 verloren 44.000 Fellachen ihr Land, weil sie die Steuern nicht zahlen konnten. Der Staat ist der größte Landbesitzer. Eine der wichtigsten Errungenschaften des neuen Ägypten nach der Revolution des Militärs war die Landreform 1952. Es wurden Agrargenossenschaften gegründet (1954 gab es 200 – mit 74.000 Mitgliedern).

4. Die Arbeit des  Fellachen

Die Hacke ist sein Hauptarbeitsgerät, wegen des guten Bodens muß der Fellache nicht tief pflügen mit seinem Zugtier. Wenn er kann, hält er sich auch noch eine Kuh, die ihm Milch gibt, aus dem die Frau des Fellachen Käse macht. Die Technik der Feldbewässerung ist primitiv. „The struggle for life on his small plot has become continuous and unrelenting.“ Bei der Baumwolle kontrolliert das Agrarministerium allen Samen, den der Fellache ausbringen will. Ägypten ist dabei, neue Nutzpflanzen anzubauen, aber diese Diversifizierung hat beim Fellachen zu keiner Spezialisierung geführt. Und im großen Ganzen ignoriert der Fellache auch die Maschinisierung  der Landwirtschaft.. Hier gehört der Mann zum Land und nicht das Land zum Mann. Seine Familie und der Büffel sowie der Esel bilden die normale landwirtschaftliche Einheit. Während der Baumwollernte verdienen sich die Frauen etwas Geld dazu, indem sie sich als Pflückerinnen verdingen.

5. Der physische Fellache

Über alle geographischen und historischen Einflüsse hinweg hat sich so etwas wie ein ägyptischer Typ unter den Fellachen herausgebildet. Seine Tätowierungen sind niemals obszön. Seine Droge ist der Tee. Viele Fellachen haben schon ihre Tiere verkauft, nur um sich Tee leisten zu können. „However paradoxical it may sound, there is a relation between the growth of this toxic habit and the development of perennial irrigation.“ Viele Fellachen haben Augenkrankheiten und leiden unter Parasiten. „The ignorance and, still more, the poverty of the fellah make it difficult to take care of him. Another difficulty is the lack of basic knowledge of the fellah.“ Der Fellache leistet sich höchstens einmal in der Woche Fleisch. Aber hungern tut er nicht. Dennoch hat man festgestellt, dass seine Tagesleistung abfällt. Die Schwarzerde ist das beste und schlimmste für ihn – sie gibt ihm Kraft aber schwächt ihn zugleich.

6. Das Dorf und die Bauernschaft

Eigentlich sollte man vom Fellachen nur im Plural sprechen, weil er immer Teil einer Gruppe ist, wenn nicht der Masse. Es gibt für ihn keine Privatheit, sein tägliches Leben ist kollektiv und kommunal. Wir müssen das Dorf erforschen. Es gibt 4000 Dörfer in Ägypten – in denen von ein paar hundert bis zu mehreren tausend Menschen leben – „untouched by its proximity to modern life.“ Der Lebensstandard ist überall ähnlich, so dass man, wenn man ein Dorf studiert , alle Dörfer studiert.

(Dieses Problem hat neulich ein badensischer  Dorfchronist, Gerd Roellecke im „Merkur“- Heft 730 – thematisiert: Weil sein Dorf die meiste Zeit in seiner Geschichte Objekt und nicht Subjekt der gesellschaftlichen Entwicklung war, stellte sich ihm die Frage nach der Existenz einer Dorf-Individualität – „von der wir spätestens seit Heidegger wissen, dass sie nicht zu beantworten ist“. Und der Autor hat es denn auch nicht gekonnt, sie am Beispiel seines Dorfes Wolfartsweiler zu beantworten: „Nichts ist dort anders“ – als in anderen Dörfern, aber das hat ihn dann doch „schockiert. Dennoch meint er, dass es eine „eigene dörfliche Geschichte des Dorfes gibt, gleichsam diesseits der offiziellen politischen Kultur. Aber sie ist schwer zu begreifen. Ich  jedenfalls habe die dörfliche Eigenart Wolfartsweiers nicht zu fassen bekommen. Vielleicht fehlte mir dafür der Forscherblick.“ Der Autor ist Jurist im Ruhestand. Vielleicht ist ihm aufgrund dieser seiner déformation professionelle entgangen, dass „sein“ Dorf sich nicht nur an der Revolution 1948 nicht beteiligte, sondern um der „Ruhe und Ordnung“ wegen sogar „dem Großherzog in einer schwierigen Situation die Treue gehalten“ hat. Dafür haben sie sich 85 Jahre später wie in einem „Rausch“ den Nationalsozialisten und ihrer „Gleichschaltung“ unterworfen.)

90 Prozent der Fellachen sind Muslim, daneben gibt es 2 Mio Kopten. Die Moschee mit ihrem Minarett oder die koptische Kirche dominiert die Dorfarchitektur. Für die Zigel zum Hausbau oder um die Deiche auszubessern nimmt man den nächstliegenden Lehm. Die ägyptische Marktgesellschaftr hat 123 Märkte auf dem Land eingerichtet. Der Fellache sagt nicht, ich bin Ägypter, sondern ich bin aus dem Dorf Sowieso, das er nicht gerne verläßt. „In general, the fellahin like to be together, out of doors, and in crowds.“ Obwohl in einer Herde lebend bleibt er im Grunde auf sich gestellt und isoliert. „This absence of coordination between homgenous elements has helped to maintain the Egyptian village and the peasant society in much the same state for fifty centuries.“ Diese Formlosigkeit haben die  Regierungen gefördert, es hat ihre Autorität gestärkt.

7. Das Haus und die Familie des Fellachen

„The men, who are more reserved, and by their way of life utterly materialistic, understand only sexual love.“ Die Kinder helfen schon früh im Haushalt und in der Landwirtschaft.

8. Traditionen der Erde

Dieses Kapitel befaßt sich mit den ländlichen Ritualen, Feiern und Festen.

9. Die Psychologie des Fellachen

„The fellah preserves and repeats, but does not originate or create. The fellah women aree not only more intelligent but more trustworthy than the men.“ (Zitat von Sir William Willcocks) Weil der Fellache in der Gegenwart lebt, ist er weder in Eile noch anspruchsvoll noch neugierig. Er ist sanft und friedlich, weil er so geduldig ist – fatalistisch. Es gab jedoch einmal eine Rebellion von Fellachen gegen einige Großgrundbesitzer – 1951 in Mansura.

10. Das Elend des Fellachen

„Am  Schlimmsten ist,  dass der Lebensstandard der Landbevölkerung derart gesunken ist, dass er unseren Humanismus beleidigt und das Ansehen des Landes beschädigt.“ (Ali Shamsi) Obwohl verschiedene Ministerien jetzt sehr gute Arbeit leisten, hängt der Erfolg ihrer Reformen davon ab, dass sich genügend aktive junge Sozialarbeiter finden, die sie aufgreifen und in den Dörfern umsetzen. Der Mangel an jungen Intgellektuellen, die bereit sind, sich als Sozialarbeiter zu profilieren, ist für die Reformen auf dem Land schwerwiegender als das Fehlen von Investitionen. Die Elite des Landes hat sich von den Massen abgewendet. Es ist unsere Pflicht, den Fellachen zu befreien. Das ist die Aufgabe vor allem all jener, die von ihm profitieren. Es gibt Töchter von Grundbesitzern, die zu den Frauen der Fellachen gehen und sie unterrichten. Das ist wahrer Feminismus.

11. Epilog: Fortschritt

„Though his habitat, the village, has not changed much, today the fellah is far more curious about things in the city, in the country as a whole. It is no longer very rare to find fellahin with battery-radios, even though there may not be another stick of furniture in the house. Also the gossip of the village is more cosmopolitan today. “

Sonja Zekri fuhr kürzlich für die Süddeutsche nach Oberägypten, um die Situation auf dem Land dort zu studieren. Gestern erschien ihr Bericht: „Schöne Aussichten“ (so hieß auch schon ein SZ-Bericht über die Slums in Rio de Janeiro):

Im Dorf Banga spricht sie mit einem Fellachen, der weniger als einen Feddan (4200 Quadratmeter) bewirtschaftet – zu wenig. Er baut Mais an, dafür braucht er Dünger., der teuer ist, und 2010 hat er nur neun Säcke Mais geerntet, „halb so viel wie sonst“. Benzin für die Wasserpumpe und Öl für den Motor sind fast unerschwinglich für die Familie geworden. Die Revolution verfolgt sie im Fernsehen – morgens vor der Feldarbeit. Auf den Dächern stehen überall Satellitenschüsseln. „Die Welt schaut auf Ägypten,“ schreibt die Autorin, aber die Fellachen und ihre Familien ebenfalls. Und das sind immerhin Zweidrittel der Bevölkerung noch. „Der Wind des Wandels ist bislang nur ein Hauch“ hier, „wenn auch ein angenehmer. „Die Sicherheitskräfte der Regierung haben uns behandelt, als wären wir keine Menschen,“ erzählt ein Fellache. Heute sind die Polizisten dagegen von „erlesener Höflichkeit“ und man kann auf der Post Briefe abgeben, ohne Schmiergeld zahlen zu müssen. Das Verhältnis zwischen den Muslimen und den Christen sei so gut wie lange nicht mehr, sagen die Kopten. Die 24jährige Dorfschullehrerin Azza Kaman „ist zu allem bereit, in ihren mokkabraunen Augen brennt das Feuer der neuen Zeit: „Ich werde im Unterricht völlig neue Seiten aufziehen. Meine Schüler sollen lernen, für ihre Rechte einzutreten. Wir werden das Dorf reinigen., Dies wird ein neues Land.“ Sie ist nur sauer auf ihren Cousin: Er ist nach Kairo auf den Tahrir-Platz gefahren – ohne sie mitzunehmen.

Unter Mubarak hat sich der Horizont des ganzen Landes verengt, meint Sonja Zekri, „heute sind neun von zehn Musliminnen verschleiert“. Aber sie ist optimistisch, das sich nur einiges ändern wird: „Die Revolution wirkt wie eine Frischzellenkur“ – auch auf dem Land.



Fellachen. Photo: de.academic.ru



Anmerkungen


(1) Die Webseite „itfits.de“ erklärt dazu – unter Hinweis auf ein Pionierprojekt:  „In Ägypten machen Baumwolle und ihre Erzeugnisse etwa die Hälfte des Wertes aller Exportgüter aus, deshalb wird die Kultivierung von der Regierung planwirtschaftlich kontrolliert und gesteuert. Das ägyptische Landwirtschaftsministerium wurde auf die Erfolge der Sekem-Farm aufmerksam, die seit 1978 beim bio-dynamischen Baumwollanbau um 15 bis 20% höhere Erträge als beim konventionellen Anbau erzielen. Das hatte zur Folge, dass in Ägypten das Ausbringen von Pestiziden mit dem Flugzeug verboten und die Methoden des Bio-Anbaus auf den konventionellen Anbau übertragen wurden. Ergebnis dieser Maßnahme ist, dass auf 400 000 Hektar Baumwolle nach dem IPM-Verfahren (Integrated Pest Management) bewirtschaftet werden, wodurch der Pestizideinsatz in Ägypten um 30 000 Tonnen pro Jahr reduziert werden konnte. Sekem – zu übersetzten mit „lebensspendende Sonnenkraft“- baut heute mit 80 Farmern auf 600 Hektar bio-dynamische Baumwolle an und fertigt daraus in der eigenen Näherei Conytex eine Kollektion, die auch in der Weiterverarbeitung ökologische Standards erfüllt.“

Bio-Baumwoll-Erntearbeiterinnen. Photo: de.hessnatur.com


(2) So ähnlich drückte es auch der russische Schriftsteller Andrej Platonow aus. Die ägyptische Bodenreform ging einher mit der Vergenossenschaftung der Bauern – allerdings nicht so weit wie ab 1928/29 die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion, wo in der hitzigen Anfangszeit hier und da sogar das Geflügel kollektiviert wurde. Michail Scholochow schildert einen erfolgreichen Aufstand der Bäuerinnen gegen diesen revolutionären Rigorismus, den Stalin selbst – Anfang 1930 – in seinem berühmten Artikel „Vor Erfolg von Schwindel befallen“ kritisierte.

Der heute als der sowjetischste Schriftsteller von allen geltende Andrej Platonow (1899 bis 1951), begab sich nach Erscheinen dieses Artikels – im Auftrag der Zeitschrift “Krasnaja now” (Rote Neuigkeit) – sofort in sein Heimatgebiet Woronesh, wo er sich zuvor als Ingenieur an der Melioration und Elektrifizierung der Dörfer beteiligt hatte, um diese von Stalin proklamierte Wende in der Kollektivierungspolitik von unten mit zu bekommen. Seine währenddessen entstandene “Armeleutechronik ‘Zu Nutz und Frommen’” wurde zwar 1931 gedruckt, aber nachdem Stalin eigenhändig “Ubljudok” (Schweinehund) auf die Ausgabe geschrieben hatte, mußte der Chefredakteur Alexander Fadejew sich von ihr distanzieren. Er bezeichnete sie als “Kulakenchronik” und den Autor als “Kulakenagent”, der “das wirkliche Bild des Kolchosaufbaus und -kampfes verfälscht” und “die kommunistischen Leiter und Kader der Kolchosbewegung verleumdet” habe.

Der Erzähler in Platonows “Chronik” ist eine “dämmernde Seele”, “zerquält von der Sorge um das Gemeinwohl”, der unruhig von einem Kollektiv zum anderen über Land wandert. In all seinen Büchern sind die Leute unterwegs, in der “Chronik” ist es Platonow selbst, ein “Pilger durchs Kolchosland” – der das Dorf verstand, wie Viktor Schklowski bereits 1926 feststellte, indem er aktiv an seiner Entwicklung teilnahm, denn “wertvolle Beobachtungen entspringen nur dem Gefühl emsiger Mitarbeit”. Diese Überzeugung teilte Platonow mit Sergej Tretjakow, der sich ebenfalls auf Viktor Schklowski berief, als er meinte, “der Schriftsteller muß in Arbeitskontakt mit der Wirklichkeit treten”.

1930 stellte Tretjakow sich dem nordkaukasischen Kombinat “Herausforderung”, einer Vereinigung von 16 Kolchosen unweit von Beslan, für Bildungsarbeit zur Verfügung. Anschließend veröffentlichte er das Buch “Feld-Herren” darüber, das bereits im Jahr darauf auf Deutsch herauskam und hier fast zu einem Bestseller wurde. Es ist jedoch mehr von bolschewistischem Enthusiasmus als von wirklicher Kenntnis des Dorfes und der Landwirtschaft getragen – dazu absolut staatstragend. Der eher anarchistisch inspirierte Platonow ließ dagegen bereits 1928 in seinem Essay “Tsche-tsche-O” seinen Helden sagen: “Die Kollektive in den Dörfern brauchen wir jetzt mehr als den Dnjeprostroi…Und schon bereitet der Übereifer Sorgen…verschiedene Organe versuchen, beim Kolchosaufbau mitzumischen – alle wollen leiten, hinweisen, abstimmen…”, so zitiert ihn die Platonow-Expertin der DDR Lola Debüser, die darauf hinweist, dass der Autor die Tragik und letztlich das Scheitern der Kollektivierung vor allem im “staatlich-bürokratischen und repressiven Mechanismus” von oben sah, der den “Garten der Revolution” mit seinen “kaum erblühten Pflanzen” zerstampfte.

Das Ringen mit dieser “mechanischen Kraft des Sieges” thematisierte Platonow auch in seinen zwei Romanen aus dem “Jahr des großen Umschwungs” 1929: “Tschewengur” und “Die Baugrube”. In diesem läßt er einen Kulaken sagen: “…ihr macht also aus der ganzen Republik einen Kolchos, und die ganze Republik wird zu einer Einzelwirtschaft…Paßt bloß auf: Heute beseitigt ihr mich, und morgen werdet ihr selber beseitigt. Zu guter Letzt kommt bloß noch euer oberster Mensch im Sozialismus an.” Daneben ging es Platonow auch um die durch die Mechanik der Macht (wieder) forcierte Trennung von Kopf- und Handarbeit, mit der die ganzheitlichen Maßstäbe und die bewußte Teilnahme des Einzelnen am Aufbau des Sozialismus zerstört werden. “Der Mensch war [durch die siegreiche Revolution] – so empfand Platonow das zumindestens – aus dem System der sozialen Determiniertheit ‘herausgefallen’, alles schien möglich und leicht realisierbar,” schreibt der russische Platonowforscher L. Schubin. Aber diese Möglichkeiten wurden nach und nach von der “Mechanik der Macht” zurückgedrängt. “Die Technik entscheidet alles,” verkündete Stalin 1934 und meinte damit nicht nur die Industrialisierung der Landwirtschaft – vom Traktor bis hin zu agronomischen Verfahren, sondern auch die administrativ umgesetzten neuen Erkenntnisse der Wissenschaft – vor allem der “proletarischen Biologie”.

Der französische Marxist Charles Bettelheim merkte dazu 1971 an: “Wer hier handelt, das ist die Technik, und es ist der Bauer, auf dessen Rücken gehandelt wird”.

Genossdenschaftsversammlung. Photo: tingg.eu


(3) Der französische Jurist und Diplomat Ferdinand de Lesseps erhielt am 30. November 1854 eine erste Konzession für den Bau des Sueskanals durch die von ihm zu gründendeCompagnie universelle du canal maritime de Suez, die anschließend den Kanal während der nächsten 99 Jahre betreiben sollte. Am 25. April 1859 fand die feierliche Eröffnung der Bauarbeiten auf dem Strandabschnitt statt, an dem später der zu Ehren des ägyptischen Vize-Königs Said Pascha „Port Said“ genannte Ort gebaut wurde.

„Der Suezkanal war von Anfang an umstritten. Vor allem die brutalen Arbeitsbedingungen für die ägyptischen Bauern, die man zum Bau der Wasserstraße abkommandiert hatte, sorgten für Kritik. Erst fehlte es an sauberem Trinkwasser, dann brach eine Cholera-Epidemie aus. Insgesamt sollen 120 000 Menschen während der Bauarbeiten ihr Leben gelassen haben.“ (dpa)

Suezkanal. Photo: deutschlandwoche.de


(4) Auch so manches Entwicklungshilfe-Projekt in der ägyptischen Landwirschaft scheiterte – der Spiegel berichtete 1983 von einem gescheiterten deutschen:

Deutsche Rindviecher sollten es sein, schöne schwarzbunte Holstein-Friesen-Kühe mit milchstrotzendem Euter – Entwicklungshilfe für die Ägypter. Nur zu gern war Außenminister Hans-Dietrich Genscher bereit, den Ägyptern einen Gefallen zu tun, nachdem sich 1974 die zu Nassers Zeiten abgekühlten Beziehungen wieder verbessert hatten. „Die wollten unbedingt die Schwarzbunten, und wir bekamen den Schwarzen Peter“, klagt Tierarzt Wolfgang Pflug, der die Rinder in Ägypten später betreute.

Es war der Anfang von „El-Nahda“, eines der umstrittensten deutschen Entwicklungshilfeprojekte, das eigentlich 2700 ägyptischen Kleinbauern zugute kommen sollte: Rund 20 Millionen Mark hat es seit 1975 verschlungen, bis schließlich aus dem überdimensionierten „Agro-Industrie-Projekt“ eine bescheidene Farm wurde.

Schon die Russen hatten sich seit 1960 an El-Nahda, einem 10 000 Hektar großen Neulandgebiet nahe der Wüstenstraße Alexandria-Kairo, versucht und einen großen Staatsbetrieb eingerichtet. Ägypten, dessen Boden nur zu 2,5 Prozent landwirtschaftlich genutzt wird und dessen Bevölkerung rapide wächst, kämpft ständig um neues Kulturland. Doch zwischen der Trockenlegung sibirischer Sümpfe und der Urbarmachung ägyptischer Seeböden war der Unterschied wohl zu groß. Das Kanal- und Wegesystem der sowjetischen Techniker verrottete, die Böden versalzten. Die 2700 kleinen Siedler, die im Jom-Kippur-Krieg 1973 aus der Suezkanalzone vertrieben und von der ägyptischen Regierung hier angesiedelt worden waren, führten eine armselige Existenz.

„Es sah echt trostlos aus“, sagt Ekkehard Clemens von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Nichts lief so, wie es sollte. Dabei hatte alles so einfach ausgesehen: Die Milchkühe sollten an die kleinen Siedler verteilt werden und viel Milch geben, die dann in der nahegelegenen Großstadt Alexandria verkauft werden und den Kleinbauern genügend Bares bringen würde.

Erst sollten 4000 deutsche Milchkühe geschickt werden, vorausschauende Experten senkten die Zahl schon auf 800. Geliefert wurden schließlich nur 350 hochtragende Holstein-Friesen-Kühe und sechs wertvolle Zuchtbullen. Die ersten 90 Tiere wurden im Frühjahr 1976 eingeflogen, die Ausrüstung für eine künstliche Besamungsstation im nahegelegenen Mariut verschifft. Zunächst waren die Ställe der Rinderfarm, welche die Ägypter bauen wollten, S.165 nicht fertig. Dann waren es „scheußliche Betonbauten“, so ein Experte, für die Subtropen ungeeignet. Ein deutscher Fachmann wurde eingeflogen, um fehlende Jaucheabflüsse in die Fußböden einzubauen.

Außerdem ließ sich auf dem versalzten Land nicht genügend Viehfutter anbauen. Baumwollkuchen und Weizenkleie, ideales Kuhfutter, gibt es zwar genug in Ägypten, doch es war nicht sofort zu beschaffen. „Da gab es logistische Probleme“, so Clemens. Am schlimmsten erging es den für die Besamungsstation Mariut eingeflogenen sechs Zuchtbullen: Als sich das Landwirtschaftsministerium und die Veterinärbehörde in Alexandria über die Zuständigkeit für die Stiere zu zanken begannen, behaupteten die ägyptischen Tierärzte schließlich, die Deutschen hätten geschlechtskranke Tiere eingeführt. Die teuren, kerngesunden Zuchttiere wurden kurzerhand geschlachtet.

Doch auch die Kühe wurden nicht recht glücklich, die hatten „so ihren Streß“, wie ein Fachmann sagte. Vor allem jene 70 Stück Vieh, die von der Rinderfarm schließlich an die Siedler verteilt wurden, fristeten ein kümmerliches Dasein. Die Fellachen, nur den Umgang mit ihren Wasserbüffeln und den Baladi, den anspruchslosen, mageren einheimischen Rindern, gewöhnt, sahen auch nach mehrwöchigen Melkerkursen nicht ein, daß sie einer verwöhnten Hochleistungskuh Vorzugsbehandlung angedeihen lassen sollten.

Als die Bauern die fremdländischen Milchkühe gar wie ihre eigenen Arbeitstiere vor den Pflug spannen wollten, wurden die Schwarzbunten krank. Wenn sie nicht mit deutscher Gründlichkeit und Pünktlichkeit gemolken wurden, bekamen sie Euterentzündungen und Fieber. Und bei der in Ägypten üblichen Halfterung rissen den nordischen Rindviechern auch schon mal die Ohren ab. „Das war alles so unheimlich schwierig“, sagt Tierarzt Wolfram Pflug, der in der Spätphase des Projektes von 1979 bis 1981 behutsam versuchte, den Interessen der enttäuschten Fellachen und der empfindlichen Viecher zugleich gerecht zu werden.

Da standen schließlich auch die islamischen Traditionen im Weg. „Die Männer redeten viel, aber verstanden wenig von den Kühen, die noch immer von ihren Frauen gepflegt und gemolken wurden“, sagt Pflug, „aber die Frauen, die Verantwortlichen, bekam ich ja nie zu Gesicht.“ Denn die versteckte der Hausherr beim Tierarztbesuch. Fern der Heimat wollten die Kühe auch nicht kalben. Die künstliche Besamung erwies sich als technisch viel zu aufwendig.

Die Besamungsstation mit den Spermagefrieranlagen verrottete nach dem Hinschlachten der Bullen. Inzwischen ist man auch in El-Nahda überwiegend zum alten Dorfbullen zurückgekehrt. „Der ist immer noch die richtige Technologie für die Dritte Welt“, weiß Clemens heute. Die ärmliche Existenz der Fellachen aber paßte nicht zu dem teuren deutschen Milchvieh, das von Antibiotika und sauberen, ausgekochten Melktüchern abhängig ist. Und wurde dann endlich einmal ein Schwarzbunt-Kalb geboren, „dann haben die Bauern es sofort versilbert“, so Pflug, „denn die brauchten das Geld ja so dringend“. Das Projekt war, so dämmerte es der GTZ und den Auftragsfirmen schon 1978, einfach falsch herum aufgezäumt.

Statt weiterhin Unglücksvieh nach Ägypten zu liefern, kaufte der neue Projektleiter, Dietrich Wolffgang, im gleichen Wert Bagger, Planierraupen sowie eine Maschine für Drainage und Bewässerungsgräben. In zwei Jahren hat Wolffgang nachgeholt, was am Anfang des Projekts hätte stehen müssen: 400 Kilometer Be- und Entwässerungskanäle freischaufeln oder neu graben, Straßen bauen, Gelände entsalzen und damit erst einmal die Voraussetzungen schaffen, daß sich die Kleinsiedler eine eigene Existenz aufbauen können.

Anfangs mußten die Fellachen zum Teil von Dorfpolizisten mittels Ohrfeigen dazu gebracht werden, ihre Kanäle freizugraben, damit das Wasser auch beim Nachbarn Zu- und Abfluß hatte. Heute gedeihen in El-Nahda Tomaten und Auberginen, wachsen Zwiebeln, Knoblauch, Kohl, Kartoffeln und ausreichend Viehfutter. Die Siedler haben sich in Genossenschaften organisiert, die das Obst und Gemüse gewinnbringend in Alexandria vermarkten, „wie die Bauern im Alten Land vor den Toren Hamburgs“, meint Clemens.“

In der taz arbeitet Ralph Brühl, der Hamburger war früher Rinderpfleger auf einem Schiff, das Kühe nach Ägypten transportierte. Er erwähnt, dass  sogar das Heu für die Tiere aus Deutschland importiert werden mußte. Und vermutet, dass es bei diesem Entwicklungshilfe-Projekt primär darum ging, die Reichen und die aufkommende Mittelschicht  in Ägypten mit Rindfleisch zu versorgen. Dafür wurde dort kostbares Ackerland geopfert.

Ägyptische Kühe. Photo: de.academic.ru

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/02/23/4708/

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  • AFP meldete am 24.2. über die Kopten in Ägypten:

    Nach einem tödlichen Raubüberfall auf einen koptischen Priester haben in der ägyptischen Hauptstadt Kairo am Mittwochabend Augenzeugen zufolge mehrere hundert Angehörige der christlichen Minderheit demonstriert. Sie protestierten im Anschluss an einen Gottesdienst gegen die Gewalttat. Die Leiche des Priesters Daud Butros war nach Polizeiangaben mit durchgeschnittener Kehle in dessen Wohnung in Schotb nahe der Stadt Assiut gefunden worden. Der Safe des Priesters sei aufgebrochen und leer gewesen, was auf einen Raubüberfall hinweise, sagte ein Polizeisprecher.

    Die Kopten sind die größte christliche Glaubensgemeinschaft im Nahen Osten und machen bis zu zehn Prozent der 80 Millionen Einwohner Ägyptens aus. Sie fühlen sich im Alltag oft diskriminiert oder bedroht. In der Neujahrsnacht waren bei einem Bombenanschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria 21 Menschen ums Leben gekommen, 80 weitere wurden verletzt.

  • Über die Kopten im Kairoer Armenviertel Ezbet al-Nakhl berichtete Georg Baltissen in der taz am 12.2.:

    Heute gibt es in Ägypten keine Schweine mehr“, sagt Dr. Adel. „Das Problem ist gelöst.“ Das Thema sei tabu. Dr. Adel leitet die Klinik des Salam-Zentrums im Viertel Ezbet al-Nakhl im Nordosten Kairos. Er ist ein kleiner, untersetzter Mann von 62 Jahren, der mehr als die Hälfte seines Lebens unter den Ärmsten der Armen in der nordafrikanischen Megametropole verbracht hat. Als koptischer Christ und Arzt hat er sich eine Lebensphilosophie zu eigen gemacht, die Pragmatismus und energisches Zupacken miteinander verbindet. Das hat ihn zu einer Vater- und Führungsfigur im Salam-Zentrum gemacht, das sich ganz besonders um die Müllsammler und ihre Familien kümmert.

    Von den 600.000 Einwohnern des Viertels Ezbet al-Nakhl sind knapp 8.000 Müllsammler. Die meisten von ihnen sind Kopten. So nahm denn über Jahre niemand Anstoß daran, dass diese Müllsammler auch Schweine hielten, die den organischen Abfall, der tagtäglich eingesammelt wurde, schlicht auffraßen. Das änderte sich schlagartig mit dem Auftreten der Schweinegrippe. Auf dem Höhepunkt der Hysterie vor einem Dreivierteljahr ordnete die Regierung in Kairo an, dass zum Schutz der Bevölkerung vor einer Epidemie alle Schweine im Lande gekeult werden müssten. Dass die Schweine mit dieser Krankheit kaum mehr zu tun hatten, als dass sie ihr den Namen liehen, störte die Regierung dabei wenig. Schweinebesitzer, die der Tötung nicht zustimmten, erhielten keinerlei Entschädigung. Und wer sich schließlich ins Unvermeidliche fügte, musste sich auch noch mit weniger als einem Drittel des Kaufpreises zufriedengeben. In Ägypten hatte sich damit das Problem Schweinegrippe über Nacht erledigt. Im Rest der Welt dauerte es bekanntlich ein paar Wochen länger.

    In den dutzenden eingezäunten Müllsortierstellen, die sich mitten in Ezbet al-Nakhl befinden, eingerahmt von sechs- bis zehnstöckigen Wohnhäusern, sind die Pferche, die früher den Schweinen ein Zuhause boten, verwaist. Nur in zweien dieser Pferche suchen jetzt ein paar Ziegen und Schafe nach verwertbarem Abfall. Doch Schafe und Ziegen fressen nicht dasselbe wie Schweine. Der organische Müll bleibt deshalb lange in den Straßen liegen und verrottet, bestialisch stinkend, in der Sonne.

    Noch immer meiden die Müllsammler organischen Abfall wie Gemüse, Obst oder Essensreste. Als „freie Unternehmer“ wären sie nach ägyptischem Recht gezwungen, für den Abtransport nicht verwertbaren Mülls zu sorgen. Den Transport des Restmülls zu einer entsprechenden Müllhalde können sie sich aber schlicht nicht leisten. Etwa 80 Prozent des Mülls, den sie einsammeln, bringen sie zur Wiederverwertung in den Wirtschaftskreislauf. Das macht ihren kargen Lohn aus. Für das Müllsammeln selbst, das die Stadtverwaltung gegen eine Gebühr jeweils für bestimmte Straßenzüge genehmigt, erhalten sie keinen Piaster.

    In das Salam-Zentrum in Ezbet al-Nakhl gelangt man durch eine Gasse, die gerade mal breit genug für ein Auto ist. Das Hoftor wird von einem Wärter geöffnet und gleich nach dem Einfahren wieder verschlossen. Vom weitläufigen Innenhof, der mit Bäumen bepflanzt ist und um den herum sich mehrere Gärten gruppieren, blickt man auf vierstöckige Gebäude, in denen sich die sozialen Einrichtungen befinden, die das Zentrum für die Familien und für die Kinder der Müllsammler bereithält.

    Das erste Gebäude, auf das man vom Hof aus trifft, beherbergt den Kindergarten. In drei verschiedenen Zimmern sind jeweils etwa 20 Kinder untergebracht. Je nach Altersstufe spielen sie im Raum unter Anleitung einer Kindergärtnerin oder sitzen wie in einer Vorschule an Tischen und folgen den Anweisungen der weiblichen Aufsichtsperson. Im hintersten Raum befindet sich die Kinderkrippe mit etwa sechs Betten, in denen die ganz Kleinen schlafen oder große Augen machen, als eine ihnen völlig unbekannte Person ins Zimmer lugt. Kinder im Alter von einem Monat bis zu sechs Jahren finden Aufnahme in diesem Kindergarten. Im kleinen Hinterhof des Kindergartens stehen mehrere Spielgeräte wie Rutschen, Schaukeln und Karussells unberührt in der prallen Sonne. Die gegenüber liegende Wand ist mit diversen kindlichen Motiven geschmückt. Ein Teddy malt einen Ball an, der von einem Seehund mit Mütze auf der Schnauze balanciert wird, ein jüngerer Seehund in Blau jongliert mit zwei Bällen, und eine Gitarre, eine Trompete und eine Trommel zieren die linke Wandseite.

    Ganz stolz ist Ordensschwester Miriam, die Oberin des Salam-Zentrums, auf die Betreuung geistig und körperlich behinderter Kinder, die im Haus gleich neben dem Kindergarten ihren Platz gefunden haben. Mit einem Eimer am Arm steht ein etwa Zwölfjähriger vor diversen Gegenständen. Er soll auswählen, welche davon in den Eimer gehören könnten. Für jedes Kind steht jeweils ein Betreuer oder eine Betreuerin zur Verfügung. „Montessori“ ist hier kein Fremdwort, sondern eine angewandte Methode, die den Kindern Gefühl und Verständnis für die Dinge in dieser Welt vermitteln soll. In ihren eigenen Familien wäre eine solch intensive Betreuung unvorstellbar.

    Seit 1976 hat der Konvent der Töchter der Heiligen Maria diese Einrichtung nach und nach auf- und ausgebaut. Sie steht nicht nur koptischen Christen offen, sondern Angehörigen aller Religionen und Ethnien, wie Schwester Miriam betont. Die Initiative ging von einer pensionierten französischen Ordensschwester namens Emmanuelle aus, die hier in Kairo eine neue Lebensaufgabe fand. Heute leben 19 Schwestern in dem Konvent. Nachwuchssorgen wie in Europa kennt man hier in Ägypten nicht.

    Am Anfang der Arbeit stand die medizinische Versorgung der Müllsammler und ihrer Familien im Zentrum. Doch bald fragten die Einwohner des Viertels nach einer Schule für ihre Kinder, wie Schwester Miriam zu berichten weiß. In der Mahaba-Schule, die sich heute direkt neben den Müllsortierplätzen in Ezbet al-Nakhl befindet, lernen derzeit knapp 3.000 Kinder.

    „Ignoranz, Armut und Krankheit, das sind die drei übelsten Geißeln in diesem Viertel“, sagt Schwester Miriam. So sei es erst einmal darum gegangen, für die Frauen im Viertel Personalausweise zu beantragen, damit sie wenigstens die spärlichen Einrichtungen des ägyptischen Sozialstaats in Anspruch nehmen können. Auch habe man den Familien beibringen müssen, dass Kinder eine Geburtsurkunde brauchen, damit sie zum Arzt oder zur Schule gehen können.

    In einem riesigen Raum in der ersten Etage eines anderen Gebäudes des Salam-Zentrums haben sich rund 40 Frauen versammelt. Hier ist Frontalunterricht angesagt. Die Lehrerin schreit in den Raum, hin und wieder melden sich einzelne Frauen zu Wort. Heute steht auf dem Programm: „Wie löse ich ein Problem?“ Geduld müsse man den Frauen nahebringen, sagte eine Übersetzerin. Sie sollten nicht gleich ausrasten, wenn etwas schiefläuft. Die Programme für Frauen umfassen auch eine Beratung über zivile und soziale Rechte, für die ein Rechtsanwalt ins Zentrum kommt. Andere Kurse beziehen sich auf Gesundheit, Alphabetisierung und Erziehung. Zudem gibt es Nähkurse, in denen Tücher und Schals hergestellt und dann zum Verkauf angeboten werden.

    Zu Ehren der ausländischen Gäste wird heute sogar feierlich ein Friseurdiplom überreicht. Sechs Wochen lang haben die jungen Frauen je drei Stunden am Tag unter fachlicher Anleitung gelernt, wie man Haare schneidet, manikürt, pedikürt und dezent schminkt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

    Die meisten der Absolventinnen mit Diplom arbeiten dann in der Nachbarschaft. Ähnliche Abschlüsse gibt es für Alterspflegerinnen, die alleinstehende ältere Menschen begleiten, für sie einkaufen oder einen Teil der Hausarbeit übernehmen. „Der Effekt der Globalisierung hat auch vor den arabischen Familien nicht haltgemacht“, sagt Schwester Oberin Miriam. Immer mehr ältere Menschen würden alleingelassen und nicht mehr wie früher in den arabischen Großfamilien von den Kindern betreut und versorgt. Auch deshalb habe man längst eine Art Altersheim in der Nähe der Müllsortierungsstellen aufgebaut.

    Morgens von 7 bis 9.30 Uhr gibt es in den Klassen im Salam-Zentrum einen Zusatzunterricht durch examinierte Lehrkräfte. Dafür müssen die Eltern etwa zwei Euro im Monat bezahlen. Musik und Tanz und ein Computerkurs fehlen im Zentrum natürlich auch nicht. Getragen wird das Projekt vor allem durch Spenden aus aller Welt. „Bildung“, sagt Dr. Adel, „ist das Schlüsselwort für die Zukunft der Kinder der Müllsammler.“

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