Der Kairo-Virus – Chronik seiner Ausbreitung/Eindämmung (56)

Wie sich die orientalischen und okzidentalischen Geheimdienste gleichen:

die taz von heute meldet:

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat sich für eine Neubewertung des „Islamismus“ eingesetzt. Der Begriff sei wissenschaftlich verfehlt, schreibt Körting im Vorwort des Berliner Verfassungsschutzberichtes 2010, der am Dienstag vorgestellt wurde. Weder Katholizismus noch Hinduismus oder Buddhismus würden in der öffentlichen Wahrnehmung mit Extremismus in Verbindung gebracht, sagte Körting. Nur bei Islam und Islamismus gebe es diese Gleichsetzung.

Aktuell geht der Verfassungsschutz von 450 gewaltorientierten Islamisten in Berlin aus, 40 mehr als im Vorjahr. Das bedeute aber nicht, dass ihre tatsächliche Zahl gestiegen sei, so Schmid. Vielmehr habe ihr Amt einen besseren Einblick in die hiesige Hisbollah bekommen und daher die Zahl nach oben korrigiert.

Die Gefahrenlage schätzt Körting nach wie vor hoch ein. Anders als im November gebe es aber derzeit „keinerlei Hinweis auf konkrete Anschläge“. Insgesamt habe sich der islamistische Terrorismus seit 2001 vollkommen verändert. „Wir haben kaum noch reisende Terroristen.“ Deshalb halte er auch die Beobachtung von Fluggastdaten für „nicht relevant“. Gefährlicher sei die Radikalisierung im Land. Besonders erfolgreich seien die Salafisten. Denen gelinge es mit Predigern und einem Rapper, junge Leute für den Dschihad zu begeistern. Deshalb hat der Verfassungsschutz Gegenargumente in einer Broschüre zusammengefasst. In der Anfangsphase ihrer Radikalisierung könnten junge Menschen damit irritiert werden.

In Summa: In Berlin sind die Salafisten auf dem Vormarsch. Aber auch in Syrien. Die Junge Welt berichtet heute unter der Überschrift „Gewalt in Homs. Destabilisierungsprogramm der USA scheint aufzugehen. Unruhen in Syrien weiten sich aus“:

Die syrische Nachrichtenagentur SANA berichtete ebenfalls von den Protesten in Homs, wo am Sonntag unterschiedlichen Angaben zufolge zwischen zwölf und 30 Personen getötet worden sind, darunter drei Offiziere. Einer von ihnen sei ein Brigadegeneral gewesen, der mit seinen zwei Söhnen und einem Neffen in einem Hinterhalt erschossen worden sei. Anschließend habe man die Leichen verstümmelt.

Wie sehr es sich bei den Protesten in Syrien auch um einen Medienkrieg handelt, zeigen »Meldungen«, die über Facebook und die regierungskritische Webseite »Free Syria« verbreitet wurden. Danach sollen die Offiziere von der syrischen Armee »wegen Befehlsverweigerung« ermordet worden sein. Das syrische Innenministerium erklärte am Montag, »der Verlauf der Ereignisse (…) zeige, daß es sich um einen bewaffneten Aufstand handelt, der von einer Gruppe radikaler Salafisten« geschürt werde, »insbesondere in Homs und Banias«. Diese islamistische Gruppe würde sowohl Zivilisten als auch Sicherheitskräfte angreifen.

Nicht nur der syrische auch der Hamas-Geheimdienst in Gaza macht die Salafisten gerne für irgendwelche Verbrechen verantwortlich – heute z.B. dieses, wie „Die Presse“ meldet:

Vier Tage nach dem Mord an einem italienischen Aktivisten hat die im Gazastreifen herrschende Hamas die drei mutmaßlichen Täter gestellt. Einer der drei Tatverdächtigen sei getötet und die beiden anderen verletzt worden, teilte die Innenbehörde der Hamas am Dienstag mit.

Der 36 Jahre alte pro-palästinensische Aktivist Vittorio Arrigoni war in der Nacht zum Freitag entführt und brutal ermordet worden. Die Entführer gaben sich als Salafisten aus. Salafisten verstehen sich als die wahren Hüter des Islam. Die von al-Qaida inspirierten und im Untergrund agierenden Männer wollen im Gazastreifen einen islamischen Gottesstaat aufbauen. Die Ermordung Arrigonis gilt als politische Machtprobe.

Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt über den Begriff „Salafismus“:

Die Begriffe Salafiten und Salafismus gehen auf den arabischen Begriff Salafiya zurück.

Als Salafiten werden unterschiedliche religiöse und politische Bewegungen bezeichnet, die sich etwa seit Beginn des letzten Jahrhunderts an einem idealisierten Bild der Frühzeit des Islam (arab. „Salaf“ steht für „Ahnen“, „Vorfahren“) orientieren. Der Begriff Salafismus dagegen steht heute für eine Strömung des Islamismus. Ihre Anhänger werden als Salafisten bezeichnet. Sie behaupten, besonders eng dem Wortlaut des Koran und den Überlieferungen über das Leben des Propheten (sunna) zu folgen. Das gilt insbesondere auch für Äußerlichkeiten wie Bekleidungsvorschriften. Viele Salafisten tragen deshalb lange Bärte, weite Gewänder und Kopfbedeckungen. Frauen, die kein Kopftuch tragen, begehen nach Überzeugung von Salafisten eine schwere Sünde.

Die salafistische Ausprägung des Islamismus findet in Deutschland gerade unter jungen Muslimen Zuspruch. Zwar handelt es sich bei den Anhängern des Salafismus in Deutschland um eine kleine Minderheit. Durch eine Vielzahl religiöser Publikationen im Internet erreicht diese Strömung jedoch ein breites Publikum, das auf der Suche nach Informationen über den Islam ist.

Der Salafismus ist von den Lehren Mohammed Abdel Wahhabs (1703-1792) geprägt. Abdel Wahhab predigte im Rückgriff auf den Rechtsgelehrten Ibn Taymiyya (1263-1328) die strenge und wörtliche Befolgung der in den islamischen Quellen niedergelegten Gebote. Reformen und Veränderungen lehnte er als unauthentisch und damit als unzulässige Neuerungen ab. Der Salafismus richtet sich vor diesem Hintergrund immer wieder auch gegen Muslime, die von der vermeintlich richtigen Lehre abweichen.

Im 20. Jahrhundert gewann der Salafismus durch den ideologischen und finanziellen Einfluss Saudi-Arabiens auch in Europa an Bedeutung. In Deutschland sind die beiden Prediger Pierre Vogel (Köln) und Abdul Adhim Kamouss (Berlin) bekannte Vertreter dieser Strömung. Gerade für Jugendliche und junge Erwachsene ist der Salafismus attraktiv, weil er Identität, Zugehörigkeit und Sicherheit vermittelt: Mit seiner Betonung der Gemeinschaft und der Vorgabe eindeutiger und unveränderlicher Werte und Normen bietet er klare Orientierung. Dabei ist auch die Abgrenzung gegenüber anderen wichtig: Ein bestimmtes Verhalten oder Denken ist entweder gut oder böse, richtig oder falsch, islamisch oder unislamisch – Ambivalenzen und Interessenskonflikte, die sich nicht mit einer eindeutigen „islamischen“ Antwort aufheben lassen, kommen im Salafismus nicht vor.

Vogel und Kamouss distanzieren sich von Gewalt zur Verwirklichung ihrer Ziele. Dennoch verteufelt das Weltbild des Salafismus die nicht-islamische Gesellschaft als feindlich, unmoralisch und dekadent. Damit bietet es Anknüpfungspunkte zum Dschihadismus, dem gewaltsamen Kampf für eine islamische Gesellschaft.


Der Verfassungsschutz von Nordrhein-Westfalen  hat sich ebenfalls intensiv mit dem Salafismus beschäftigt, denn „Salafistische Netzwerke sind ein wachsendes Phänomen in Nordrhein-Westfalen“:

Salafisten sind Teil des sunnitischen Islams. Die Bewegung ist im 19. Jh. in Ägypten entstanden. Die ersten Salafisten verstanden sich selbst als Reformer. Die Re-Islamisierung sollte der Gesellschaft den Weg in die Moderne weisen. Als bis heute Richtungsweisende Bewegung gründete sich 1928 in Ägypten die Muslimbruderschaft. Eine militante Ausrichtung bekam die Ideologie in der Mitte des 20. Jh. durch den Konflikt mit dem säkularen ägyptischen Staat. Radikale Denker entwarfen verschiedene religiöse Konzepte, mit denen „unislamische“ Herrscher und muslimische Mitbürger zu Zielscheiben von Gewalt erklärt werden konnten. Dies bildet die Grundlage für den heutigen Jihadismus. Der puristische Salafismus dagegen ist eine Denkrichtung, die sich streng apolitisch und Gewalt ablehnend gibt. Sie widmet sich ganz dem Erziehungsgedanken. Eine wahre islamische Gesellschaft soll von unten aufgebaut werden. Ideologisch bieten alle drei ideologischen Ausrichtungen des Salafismus ihren Anhängern ein klares Schwarz-Weiß-Werteschema an. Die meisten neuen Errungenschaften, etwa Demokratie oder Gleichberechtigung, werden als „unislamische Neuerungen“ abgelehnt. Salafisten vertreten eine sehr strenge Form des Monotheismus. Das Befolgen von Idealen außer dem Propheten Muhammad wird bereits als „Vielgötterei“ angesehen. Auch die reichhaltigen Traditionen von der Entstehung des Islam bis heute werden abgelehnt, darunter auch die vier sunnitischen Rechtsschulen. Schiiten gelten gar als Ungläubige. Salafisten zeigen sich außerdem durch das strikte und wortwörtliche Befolgen religiöser Regeln aus. Diese entnehmen sie der eigenen Vorstellung nach nur Koran und Sunna. Eine gegenseitige ideologische Beeinflussung fand mit dem Wahhabismus statt. Dieser ist nur in Saudi-Arabien offizielle Staatsreligion. Der Salafismus sieht sich dagegen als globale Bewegung. Das Endziel ist ein islamischer Weltstaat.

Ernst Schreckenberg schreibt auf der Internetseite von „arte“ über einen Film, in dem es um den Salafismus geht:

Im Vorspanntext der „Hamburger Lektionen“ (einem Film von Romuald Karmakar) heißt es über Mohammed Fazazi, dass er in Marokko die salafistische Variante des Islam gelehrt habe, nach der allein der Prophet und seine Gefährten sowie die drei folgenden Generationen der Muslime gläubig und rein genug gelebt hätten. Gemeint ist damit, dass die islamische Glaubensrichtung der Salafisten die Rückkehr zu einem vermeintlichen Ur-Islam predigt, dessen religiöse Substanz durch den Koran und die überlieferten Worte und Taten des Propheten Mohammed („hadith“) ein für allemal kanonisch festgelegt ist. Da es sich beim Koran um eine Offenbarung unmittelbar göttlichen Ursprungs handelt, ist für den Salafismus jede Frage nach dessen historischen Entstehungsbedingungen per se ketzerisch. Die Koraninterpretation ist nur zulässig als wortwörtliche Auslegung der Suren und Verse. Dies hat zur Folge, dass alle im Lauf der Geschichte anzutreffenden Lesarten des Korans, die mehr Interpretations-spielräume zugelassen haben, als verderbliche Neuerungen („bid’a“) verdammt werden.

Aus diesem äußerst orthodoxen Koranverständnis leitet sich ein allumfassender Anspruch von Religion ab, wie ihn Fazazi in den „Hamburger Lektionen“ explizit formuliert: „Die islamische Religion ist umfassend, vollständig, widerstandsfähig, komplett und vollkommen. Und sie mischt sich ausnahmslos in alle Bereiche des Lebens ein. Der Islam hat Antworten auf jede Frage und für alles ein besonderes Programm.“ Die hier selbstverständliche Einheit von Religion, Politik und Gesellschaft ist gegen alle Entwicklungen der Moderne gerichtet – nicht nur gegen die Ungläubigen, den „Westen“, sondern auch innerhalb des Islam.

Dabei ist der Salafismus, wenn man so will, selbst ein Produkt der Moderne. Er ist ein Teil jener globalen religiösen Erweckungsbewegungen, wie wir sie bei den orthodoxen jüdischen Siedlern in Israel ebenso finden wie bei den Evangelikalen in den USA: Die biblische Schöpfungsgeschichte wortwörtlich als reale Entstehungsgeschichte der Welt zu verstehen, zeugt vom selben buchstabengläubigen Textverständnis wie jenes, das die drakonischen Strafen der aus dem Koran abgeleiteten Rechtsnormen der Scharia bei Diebstahl (Handabhacken) oder Ehebruch (Steinigung) als göttliche Offenbarung ansieht, die um kein Jota geändert werden darf.

Salafisten werden aber nicht zwangsweise zu Attentätern und Terroristen, sondern wollen in erster Linie so fromm und gottesfürchtig leben, wie ihrer Meinung nach der Prophet und dessen Gefährten gelebt haben, die „al-Salaf al- Salih“ (daher der Name Salafismus). Dass es da gerade in westlichen Gesellschaften zu Konflikten im Alltag kommt, zeigen die Fragen, die Imam Fazazi gestellt werden. Auf jeden Fall ist mit einer salafistischen Haltung aber eine klare Absage an jede Form von Integration verbunden. Auf die Frage, ob man sich denn an die Gesetze der Ungläubigen halten müsse, gibt Fazazi am Ende der „Hamburger Lektionen“ eine unmissverständliche Antwort: Die Gesetze und Regeln in Deutschland seien „unwirksam“, weil sie nicht der Scharia entsprächen: „Jede Bestimmung, die nicht im Buch Gottes steht, ist unwirksam.“ Ganz konkret heißt das, dass Reisepässe und Visa nicht der Scharia entsprächen (weil sie in ihr nicht vorkämen) und deshalb als unwirksame Dokumente auch gefälscht werden dürften. Mit dieser Einstellung dürfte es allerdings nicht nur in Deutschland, sondern auch in Marokko oder Ägypten Probleme geben.

Lügen und Betrügen gegenüber den Ungläubigen ist also erlaubt, religiös legitimiert. Wenn man dann das klassische Bild der Ungläubigen mit seiner Unterscheidung von Schutzbefohlenen und echten Ungläubigen, wie es Fazazi in seinen Ausführungen entwickelt, auf ein aktuelles Feinbild projiziert, könnte man, sehr vorsichtig formuliert, von psychologischer Vorbereitung gewalttätigen Handelns sprechen. Ein moderner Ungläubiger, heißt es in den „Hamburger Lektionen“, ist jemand, der „sich am Krieg gegen den Islam durch Meinungsäußerung oder durch geistige Anstrengung oder durch ein Lied oder durch ein Theaterstück oder durch eine Fernsehserie beteiligt, die die Muslime beleidigt oder sie verzerrt darstellt. Der ist ein Krieger und ist zu töten, selbst wenn es eine Frau oder ein Kind ist.“

Die Zeit schreibt über die Salafisten:

Ihre Intoleranz gegenüber Andersgläubigen – Muslimen wie Nichtmuslimen – hat die Salafis seit dem 11. September 2001 stark ins Zwielicht gerückt. So vertritt Osama bin Laden eine Version des Salafismus, die Gewalt zur Durchsetzung islamischer Ziele befürwortet. Auch in Deutschland gewinnt der Salafismus an Zulauf. In einem internen Bericht des Landeskriminalamtes Sachsen vom April 2007 heißt es: »Die Verbreitung gewaltbereiter salafistischer Strukturen in Deutschland macht die Entstehung hausgemachter dschihadistischer Netzwerke … wahrscheinlich.«

Der Bericht handelt auch von der Rahman-Moschee in Aachen: Sie gehöre zum Netzwerk des deutsch-syrischen Predigers Hassan Dabbagh aus Leipzig. Dabbagh ist eine zentrale Figur der Salafisten-Szene in Deutschland. Die Rahman-Moschee räumt ein, früher Kontakt zu Hassan Dabbagh gehabt zu haben, doch sei diese Verbindung eingeschlafen.

Die Internetseite „deutschlandwoche.de“ ergänzt:

Eine vom Verfassungsschutz beobachtete Islamschule im niedersächsischen Braunschweig steht vor dem Umzug nach Mönchengladbach (NRW). Das Zentrum “Einladung zum Paradies” gilt als eine der wichtigsten Fortbildungsstätten in Deutschland für den sogenannten Salafismus. Sicherheitsbehörden sehen in der islamistischen Schule einen geistigen Nährboden für Terroristen.

Die Online-Universität der Salafisten bildet derzeit 200 “Studenten” aus. Ziel des Salafismus ist laut  Hans Wargel vom niedersächsischen Verfassungsschutz, die Errichtung eines Gottesstaates. Demokratie gelte den Salafisten als “falsche Religion”

Kopf der Islamschule ist ein Mann namens Mohammed Ciftci, der ganz offen dazu auffordert, vom Glauben abgefallene Muslime zu köpfen. Wie der niedersächsische Verfassungsschutz meldet, wird die Organisation Ciftcis in Mönchengladbach ein 1000 qm großes Gebäude beziehen, in dem neben der Schule eine Moschee untergebracht werden soll. Bei der Unterzeichnung des Kaufvertrages soll auch der berüchtigte Salafist Pierre Vogel, ein Ex-Boxer und islamistischer Wanderprediger, zugegen gewesen sein.Eine Website mit dem Titel “Einladung zum Paradies” bezeichnet Vogel als seine offizielle Website.

Der Wiktionary betont in seinem Artikel über den Wahhabismus, der strengen Staatsreligion Saudi-Arabiens, dass er quasi identisch mit dem Salafismus ist:

Nach einer klassischen salafistischen Bewegung entstand im 18. Jahrhundert der Wahhabismus und im 19. und frühen 20. Jahrhundert der Salafismus (Salafiyya). Wie der Salafismus betont auch der Wahhabismus die Notwendigkeit, sich zur Ausübung einer ‚wahren islamischen‘ Lebensweise auf den Koran und die Sunna zu beziehen und zu beschränken. Wesentliche Unterschiede zwischen Salafismus und Wahhabismus lassen sich in der Ausübung des takfir und der Position als Staatsreligion festmachen. Während inhaltlich nach wie vor Unterschiede zwischen Salafismus und Wahhabismus bestehen, ist ein Ideentransfer zwischen beiden Strömungen vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchaus feststellbar. Neben Juden und Christen werden auch muslimische Glaubensbrüder, die den strengen Regeln des Wahhabismus nicht folgen, als ‚Ungläubige‘ (kuffar) betrachtet und sind damit – theoretisch – ‚vogelfrei‘.

Derzeit breitet sich der sogenannte Wahhabismus vor allem in Dagestan, in Tschetschenien und dem Neftekumsker Bezirk des Gaus von Stawropol aus.[…]Man muss jedoch betonen, dass der Wahhabismus in der Bevölkerung Dagestans keine breite Unterstützung findet. Als Hauptgrund der Ablehnung des Wahhabismus wurde Angst vor der Zerstörung des lokalen ‚traditionellen Islam‘ genannt.

BIN LADEN selbst ist im strengen, gewissermaßen ‚puritanischen‘ Geist des Wahhabismus, der Staatsideologie Saudi-Arabiens, groß geworden. Er wirft aber dem Establishment Saudi-Arabiens vor, es sei dem Wahhabismus untreu geworden; auch deshalb musste er sein Geburtsland für immer verlassen.

Der Schweizer „Campusblog“ berichtet:

Der muslimische Jugendverein Ummah (arab. ‚Gemeinschaft‘) hat dieses Wochenende zum ‚Ummah Day‘  in Dietikon bei Zürich gerufen. Mit der Veranstaltung, die den ein wenig pathetischen Untertitel ‚vom Schatten an das Licht‘ trägt, wollen die Organisatoren gemäss Eigenaussage ‚die passive, teilnahmslose und gleichgültige Haltung der Muslime durchbrechen‘. Das hört sich natürlich toll an, aber was ist damit gemeint?

Unter der Rednerliste fungiert auch ein gewisser Ferid Heider. Heider ist Imam in einer Berliner Moschee und bewegt sich im Umfeld des Salafisten-Vereins Einladung zum Paradies (EZP) von Pierre Vogel. Der Salafismus, dem auch die Taliban oder die Al-Kaida angehören, strebt eine Rückbesinnung auf die Zeit des islamischen Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert an. So fordert der Verein EZP die Einführung der Scharia anstelle des deutschen Grundgesetzes. In dieser Woche hat die deutsche Polizei in verschiedenen Räumlichkeiten des Vereins Razzias durchgeführt mit dem erklärten Ziel, den Verein zu verbieten (Link). Umstrittene Islamseminare, die Vogel mit Heider in Berlin und anderen Städten während der Festtage organisieren wollte (Link), wurden zumindest in Berlin auf öffentlichen Druck hin abgesagt (Link). Heider hat nicht nur Kontakte zum Salafismus, sondern auch zur islamistischen Organisation der Moslembrüder. Gemäss einem Bericht der Friedrich Ebert Stifung hat sich Heider an der islamischen Universität von Château Chinon, die zum europäischen Netzwerk der Moslembruderschaft gehört, zum Imam ausbilden lassen (Link). Mitbeteiligt an deren Gründung war Yusuf al-Qaradawi, spiritueller Führer der Moslembruderschaft und zudem ein einflussreicher Fernsehprediger in der arabischen Welt, der neben der selbstverständlichen Todesstrafe für Glaubensabtrünnige und Homosexuelle zusätzlich einen muslimischen Holocaust an den Juden propagiert (Link).

Auf der „Erlebniswelt Stuttgart Airport“ erfuhr ich kürzlich aus berufenem Mund in der Raucherbox:

Der Bruder von Osama Bin Laden, der das größte saudi-arabische Bauunternehmen leitet, besucht einmal im Jahr mit seinen Leibwächtern eine Araberpferdezucht in Altenschlirf/Vogelsberg, wo er im Hotel zur Linde absteigt. Derzeit baut er das World Trade Center, das sein Bruder angeblich zum Einsturz brachte, wieder auf – und zwar kostenlos.

Ja, so sind sie, die Wahhabiten/Salafiten – immer zum Scherzen aufgelegt. Aber ihr Humor ist nicht jedes Buddhisten oder Christen Sache. Es fällt jedoch auf, dass all die oben zitierten Quellen, die sich hier über den Salafismus ausgelassen haben, ihre Informationen von den Schweinebacken des deutschen Geheimdienstes (bzw. des syrischen und des Hamas-Geheimdienstes) beziehen. Und das dies alles wichtigtuerische Arschlöcher sind, die im Dienste jedes Drecksregimes tätig werden und zu jeder Lüge bereit sind, weiß man, so dass man all diese Informationen eigentlich überhaupt nicht benutzen darf.

Die FAZ berichtet heute: In Syrien  wurden den Regimegegnern Dokumente des Geheimdienstes zugespielt, die sie sofort – wie zuvor in Ägypten – ins Internet stellten. Daraus geht hervor:

Auf den 23. März datiert, enthält es geheimdienstliche Operationspläne zur Zerschlagung der Demokratiebewegung, die allem Anschein nach seitdem zumindest teilweise auch umgesetzt wurden. In dem Plan wird nicht nur die Notwendigkeit hervorgehoben, von den „Fehlern“ in Tunesien und Ägypten zu lernen. Es wird auch empfohlen, aus der Erfahrung bei der Repression der einheimischen islamistischen Opposition, die bisweilen äußerst brutal war, zu schöpfen. Die Aufbegehrenden, so die Verfasser, sollten unmöglich gemacht werden, indem man sie mit beim Volk verhassten ausländischen Elementen in Verbindung bringe – mit Saudis, Zionisten oder Amerikanern.

Eine Verschwörungstheorie zum angeblich aus dem Ausland gelenkten Versuch, das syrische Regime zu stürzen, solle in Umlauf gebracht werden; als Hauptdrahtzieher nenne man den Generalsekretär des saudischen Nationalen Sicherheitsrates, Bindar Ibn Sultan. Ein fast identisches Komplott wurde denn auch Ende März vom halbstaatlichen syrischen Internetportal „Champress“ verbreitet. Auch sollten Assads Agenten, als demokratische Aktivisten getarnt, bei friedlichen Demonstrationen Gewaltakte provozieren; die Vertreter der ausländischen Medien hatte man mit falschen Informationen über die angeblich gewalttätigen Demonstranten zu versorgen. Die verschiedenen Spezialeinheiten waren, nach dem Geheimdokument, zwar gehalten, nur im äußersten Notfall das Feuer auf die Protestierenden zu eröffnen; im Falle einer Eskalation sollten Scharfschützen einige von ihnen erschießen, aber „nicht mehr als jeweils zwanzig“.

Tatsächlich ist die Zahl der gezielt Getöteten in den letzten Wochen gestiegen. Dass sich unter den Opfern vereinzelt auch Angehörige des Sicherheitsapparats befinden, scheint Resultat des wohl perfidesten Teils dieses Plans zu sein. Denn „akzeptabel“ sei, auf die eigenen Leute zu schießen, um hinterher den Demonstranten die Schuld daran zu geben. Mit Provokationen sollten die verschiedenen ethnischen Gruppen im Land, insbesondere Alawiten und Sunniten, gegeneinander aufgewiegelt werden.

Zu dem o.e. Westberliner Haßprediger Ferid Heider, ich glaube, er wirkt in „meiner“ salafistischen Moschee in der Kreuzberger Wienerstrasse, für die wir seinerzeit das Grundstück frei gemacht haben, indem wir den Bolle-Supermarkt, der sich dort frecherweise breit gemacht hatte, anzündeten, nein, es ist die Al-Nur-Moschee in Neukölln…über Ferid Heider berichtete unlängst die taz, nachdem sie sich zusammen mit dem BRD-Geheimdienst lang und breit über die „Salafisten in Pinneberg“ ausgelassen hatte:

Junge Frauen mit Kopftuch und körperbetonten T-Shirts. Junge Männer mit ungestutzten Bärten, die Koran-Suren auf ihre iPods laden. Mädchen, die Sami Yusuf anhimmeln, den Star des Pop-Islam. Und Jungs, die lieber in die Koranschule als in die Disco gehen – muslimische Jugendliche haben eine widersprüchliche Jugendszene ausgeprägt. Jugendtrends sind für Erwachsene naturgemäß schwer zugänglich – bei islamischen tun sie sich besonders schwer. Der Islam verunsichert. Was wollen diese Jugendlichen? Was steckt hinter ihrem neuen muslimischen Selbstbewusstsein? Ist das eine Gefahr für die Freiheitsrechte?

Das Projekt „Schule ohne Rassismus“ hat nun das Themenheft „Jugendkulturen zwischen Islam und Islamismus“ herausgebracht. Wie heikel so etwas ist, hatte erst im Sommer eine Handreichung des Berliner Senats gezeigt: Sie sollte LehrerInnen helfen, religiös bedingte Konflikte mit SchülerInnen zu bewältigen. Als bekannt wurde, dass in dem Heft der Berliner Imam Ferid Heider in einem achtseitigen Interview dazu Tipps geben soll, hagelte es Kritik. Denn Heider, mit 29 gern als jüngster Imam in Deutschland gefeiert, ist zwar eloquent. Doch er ist erzkonservativ und predigt in einer Einrichtung, die der Verfassungsschutz für einen Treff der radikalislamischen Hamas hält. Prompt wurde das Heft zurückgezogen. In eine solche Falle tappen die Autoren von „Schule ohne Rassismus“ (SOR) nicht.

Besonders auffällig unter den jungen Muslimen ist der „Pop-Islam“, ein Mix aus moderner Pop-Kultur und konservativem Islam. Die Jugendlichen, so zeigt der Beitrag im SOR-Heft, versehen Mode, Musik und TV-Shows mit islamischen Vorzeichen. Sie wollen Karriere machen und als Teil der Gesellschaft anerkannt werden. Einen Teil ihrer Realität aber lehnen sie vehement ab: Drogen, oberflächliche Vergnügungen, Sex vor der Ehe. „Dagegen stellen sie ihre konservative Moral, für die das Bestehen auf dem Kopftuch so charakteristisch ist.“

Die Pop-Muslime sind kein neues Phänomen. Sie sind vor allem in neuen Organisationen wie der Muslimischen Jugend in Deutschland zu finden. Das Spektrum der trendbewussten jungen Muslime ist groß, eines aber, so heißt es im Heft, sei ihnen gemein: Sie verstehen ihre Religion als Mitmach-Islam, jeder einzelne Gläubige soll ein moralisch einwandfreies Leben führen und so auch für Nichtmuslime ein Vorbild sein. Dahinter, so die Autoren, stecke die Idee eines Gesellschaftswandels von unten. Das Ziel könne auf die Werbung für den Islam beschränkt sein – oder auch auf die Islamisierung der Gesellschaft insgesamt setzen.

Um Strömungen wie die Pop-Muslime einordnen zu können, blicken die Autoren auch auf die islamische Welt. Wo kommen die Ideen her? Auf welche Bewegungen und Denker beziehen sich die Jugendlichen? Und welche Rolle spielt der Nahost-Konflikt?

Wichtige intellektuelle Bezugspunkte für die Pop-Muslime sind der türkische Prediger Fethullah Gülen, der eine weltweit agierende Bildungsbewegung gegründet hat, und Yusuf al-Qaradawi. Der Ägypter, so ist zu lesen, wende sich vor allem an junge Muslime, die in westlichen Gesellschaften leben. „Und hier lässt seine sehr konservative Version des Islam die Alarmglocken schrillen.“ Al-Qaradawi und mit ihm große Teile des Pop-Islam stünden eben auch für das Kopftuchgebot und die Geschlechtertrennung von Mann und Frau. Der Prediger habe Selbstmordattentate in Israel gerechtfertigt und legitimiere die Todesstrafe für außerehelichen Sex und den Abfall vom Islam.

Kommen wir nun vom Wahhabitismus und Salafitismus zum Pop-Islam und wieder zurück zur arabischen „Facebook-Generation“…Aus Kairo berichtet heute Karim El-Gawhary in der taz:

Die Skeptiker in Ägypten warnen vor zwei Szenarien. Dass es sich die Armee auf Dauer an den Positionen der Macht einrichten könnte oder dass die Islamisten als am besten organisierte Gruppierung das Parlament übernehmen könnten. In einem Kommentar in al-Masry al-Youm werden gar beide Szenarien verbunden: „Aufgrund der hastigen Wahlen könnte das Parlament von Islamisten bestimmt werden. Als Konsequenz könnten die anderen politischen Lager von der Armee verlangen, länger an der Macht zu bleiben. Dann hätten wir ein algerisches Szenario.“

Aber die Islamisten selbst sind alles anderes als einig, wie es weitergehen soll. Mahmoud Ezzat, der zweite Mann der Muslimbruderschaft, sorgte am Wochenende für Furore, als er erklärte, dass seine Gruppierung in Ägypten einen islamischen Staat errichten und langfristig Scharia-Strafen einführen wolle. Danach geriet er nicht nur bei den offensiv auftretenden Säkularisten, sondern auch aus den eigenen Reihen in die Kritik.

Vor allem die Jugend der Muslimbrüder, die die Revolution am Tahrirplatz mitgetragen hatte, widerspricht energisch. „Diese Ideen vom Islamischen Staat und den Scharia-Strafen sind weit entfernt von unserem neuen Denken. Manche der älteren Muslimbrüder reden immer noch von Dingen, die wir längst überwunden haben“, meint der junge Muslimbruder Muhammad Nur. Auch einer seiner anderen jungen Kollegen äußert sich skeptisch über Teile der Führung. „Sie glauben, alle Islamisten müssten an einem Strang ziehen, aber wir haben große Auseinandersetzungen mit den Salafisten und anderen radikalen Islamisten“, sagt Muhammad Abdel Fattah. So sind die Muslimbrüder zwar die größte organisierte Gruppe in der politischen Landschaft Ägyptens, aber sie drohen auseinanderzubrechen. Zumindest laufen sie Gefahr, dass ihnen die eigene Jugend auf dem Tahrirplatz davonläuft und Bündnisse mit den anderen säkularen Jugendgruppierungen schließt.

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  1. Am heutigen Donnerstag hat die Süddeutsche Zeitung den Salafisten und verwandten radikalislamischen Gruppen im Zusammenhang der Arabischen Aufstände eine ganze Seite gewidmet: „Sie nutzen den arabischen Frühling für sich“ und sind „auf dem Vormarsch“. Prophezeit die SZ. In ihrer Begriffsklärung „Salafisten“ lautet der letzte Satz:

    „Viele Salafisten tragen knöchelfreie Hosen. Denn angeblich haben die ersten Gefährten des Propheten das auch getan.“

    Würde ein Verbot dieser „knöchelfreien Gewänder“ da vielleicht helfen?

    Die taz porträtierte unlängst einen jungen Salafisten/Salafiten aus einem Westberliner „Problemkiez“:

    Der Berliner Schüler Stefan Moser entdeckt im Internet den Islam. Er taucht in eine Welt ein, die der genaue Gegenentwurf zu seinem alten Leben ist – die der Salafiten.

    In seinem alten Leben war Stefan Moser ein kleiner Gangster. Er nannte sich Styla, zog mit seiner Clique durch die Straßen, die Jungs machten wildfremde Leute an, baggerten an Mädels herum, soffen, kifften und rannten vor den Bullen weg. Und sie hörten Gangsta-Rap, die Songs von Sido, der hier aus dem Viertel kommt. Richtig wohlgefühlt hat sich Stefan in der Clique nie, sagt er.

    In seinem neuen Leben steht Stefan in der Morgendämmerung auf, rollt einen Teppich aus und betet. Er hat angefangen Arabisch zu lernen, fünf Koransuren kann er schon auswendig. Mit Alkohol will er nichts mehr zu tun haben, und wenn er ein hübsches Mädchen sieht, guckt er auf den Boden. Als er neulich an seinen alten Kumpels vorbeilief mit einem Rucksack auf dem Rücken, da riefen die: „Alter, hast du da ne Bombe drin, oder was?“ Er ging einfach weiter.

    Stefans neues Leben hat an einem Abend im Herbst 2008 angefangen. Er sitzt zu Hause in der Wohnung, die er sich mit seiner Mutter teilt. Ein Hochhaus im Norden Berlins, ein Problemkiez. Stefan schaut sich in seinem Zimmer Islamvideos im Internet an, wie so oft in den Wochen davor. Er hat sie auf YouTube entdeckt. Heute geht er einen Schritt weiter. Er spricht einem der Männer in den Videos auf Arabisch nach: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und ich bezeuge, dass Mohammed sein Gesandter ist.“ Von nun an ist Stefan kein Christ mehr. Von nun an ist er Muslim.

    Stefan ist 17 Jahre alt und heißt in Wirklichkeit anders. Aber stünde hier sein richtiger Name, würde sich seine Mutter vielleicht Sorgen machen. Oder seine Lehrer. Womöglich würden sich sogar die Behörden für ihn interessieren. Denn Stefan hat sich einer umstrittenen Strömung des Islam angeschlossen: den Salafiten. Die propagieren einen ultrafrommen, strikt am Wortlaut des Korans und der Sunna ausgerichteten Urislam. Sie orientieren ihr ganzes Leben am Vorbild des Propheten Mohammed und den „frommen Altvorderen“ vor 1.400 Jahren, den al-Salaf al-Salih – daher die Bezeichnung Salafismus. Sie teilen die Welt in richtig und falsch, in Gebotenes und Verbotenes. Ihren Anhängern prophezeien sie das Paradies – und den Ungläubigen die Hölle.

    Die Salafiten bilden eine kleine, radikale Minderheit unter den Muslimen in Deutschland. Eine Minderheit, die stetig wächst. Das beobachten zumindest Experten wie Claudia Dantschke vom Zentrum Demokratische Kultur, die sich seit Jahren mit der Szene befasst. Sie schätzt, dass inzwischen rund 30 Moscheegemeinden in Deutschland salafitisch geprägt sind – von rund 2.500 insgesamt.

    Im Internet werben die Salafiten massiv um Nachwuchs. Hunderte Missionierungsvideos und Aufnahmen von Konvertierungen haben sie ins Netz gestellt, auf Seiten wie islamvoice.de, einladungzumparadies.de oder diewahrereligion.de. Sie werden zehntausendfach angeklickt, nicht zuletzt, weil sie auf Deutsch sind. Das gab es vorher kaum – bis die Salafiten die Lücke schlossen. Wenn heute Deutsche oder Migranten aus der zweiten und dritten Einwanderergeneration im Netz Informationen zum Islam suchen, landen sie fast zwangsläufig auf den Salafiten-Seiten. Die Verfassungsschützer beunruhigt das zunehmend. Sie warnen vor einer „hochgradig radikalisierungsfördernden Wirkung“ des Salafismus – gerade auf Islamanfänger. Die Frage, was junge Leute an dem erzfrommen Islam fasziniert, beantworten die Behörden nicht.

    Berlin-Neukölln im Juli. Die Al-Nur-Moschee ist in einem Gebäude aus Waschbeton untergebracht. Mehr als 700 Menschen sind an diesem Wochenende gekommen, aus Berlin, Köln, Wiesbaden, Stuttgart. Die Frauen sitzen im oberen Stockwerk, die Männer im Erdgeschoss. Viele von ihnen sind zwischen 14 und 30. Einige tragen Bart, Häkelmütze und weite, knöchelfreie Gewänder. Andere Jeans, T-Shirt und Baseballmütze – noch.

    „Die verborgene Welt“ heißt das Seminar, zu dem sie gekommen sind. Drei Tage lang lernen sie, wie ein gottgefälliges Leben aussieht. Und was sie dafür im Jenseits erwartet. Werbeflyer für das Seminar lagen in Dönerbuden aus. Es richtet sich vor allem an Neulinge. Essen und Übernachtung sind kostenlos.

    Es ist heiß in der Moschee. Immer wieder gehen Helfer mit Wasserflaschen durch die Reihen. Später beim Abendessen sitzen die jungen Männer zusammen auf dem Boden, bei Reis, Fleisch und Salat, sie reichen sich Fladenbrot, nennen sich gegenseitig „Bruder“. Ist es das, was ihnen gefällt? Die Gemeinschaft? Der Zusammenhalt?

    Viele der jungen Männer erzählen voller Abscheu von ihrem alten Leben. Da ist der 30-jährige Deutschlibanese aus Berlin-Neukölln, der „viel Scheiße gebaut hat“, darunter auch Einbrüche. Oder der 25-jährige Deutschtürke aus der Nähe von Ludwigsburg, der früher „von Montag bis Sonntag in der Disko“ war. Oder eben der 17-jährige Stefan, der von diesem ganzen Ghettogehabe genug hatte. „Ich will die Wahrheit finden“, sagt er.

    Es sind Geschichten, wie man sie auch von wiedergeborenen Christen hören kann, den Evangelikalen. Auch in deren Gruppen stranden viele Suchende, Verzweifelte, Gescheiterte. Überhaupt sind die Parallelen zwischen Evangelikalen und Salafiten nicht zu übersehen: Beide Bewegungen kämpfen gegen eine als dekadent empfundene moderne Welt, die voller Pornografie, Homosexualität und anderem Schmutz sei. Und beide versprechen das Heil durch ein gottgefälliges Leben.

    „Allah ist größer als dein Playstationspiel!“, ruft einer der Referenten an diesem Wochenende. Und ein Seminarteilnehmer sagt: „Eine Minute Internet zerstört so viele Gehirnzellen wie ein Glas Wodka.“ Er meint damit die Sexseiten. Die mit den Islamvideos meint er nicht. Es ist eine Bewegung voller Widersprüche.

    Hauptreferent ist Abdul Adhim, der aus Marokko stammende Prediger der Moschee. Er ist Anfang 30 und einer der Stars der deutschen Salafiten. Abdul Adhim trägt einen ungestutzten Bart und einen roten Sarik, die Kopfbedeckung der Vorbeter. Er sitzt an einem Tisch, die Teilnehmer auf dem Boden vor ihm. Kameras filmen den Vortrag, damit er ins Internet gestellt werden kann. Und damit die Frauen im oberen Stockwerk auf einem Bildschirm mitschauen können. Abdul Adhim hebt den Zeigefinger. „Machen wir uns bereit für die Worte Allahs, dass sie unsere Herzen aufmachen“, sagt er.

    Stefan sitzt während des Vortrags auf dem Teppich. Er lauscht aufmerksam, macht sich von Zeit zu Zeit Notizen. Er hat sein Herz schon geöffnet, auch wenn er nicht alles versteht.

    Abdul Adhim wettert gegen den Materialismus, die Fixierung auf Geld und Besitz. Und die Wissenschaft, die heute zur Gottheit erhoben werde. Er lächelt häufig, in vielem, was er sagt, bleibt er blumig, doch in einem ist er eindeutig. Was im Jenseits mit denen passiert, die den Islam nicht annehmen. „Dann sagt Allah zu ihnen: Schmeckt die Strafe für das, was ihr verleugnet habt.“

    Terror und Gewalt verurteilt Abdul Adhim. „Wir wollen so etwas nicht haben“, sagt er. Das hat vielleicht auch mit seinem Vorgänger zu tun, dem Imam Salem el-Rafei. Unter ihm galt die Moschee als Anlaufstelle auch gewaltbereiter Islamisten, 2005 wurde ihm die Wiedereinreise nach Deutschland verweigert.

    Doch auch wer nicht offen Hass predigt, predigt noch lange keine Toleranz. Der Verfassungsschutz hat vor Jahren ein Gespräch zwischen Abdul Adhim und einem Freund abgehört. Sie machen Späße: Wenn sich alle Pilger zusammentäten und auf die Ungläubigen spuckten, dann würden die in einem Meer aus Spucke ertrinken. Vor wenigen Wochen sollte ein jamaikanischer Imam in die Al-Nur-Moschee kommen, der Homosexualität mit dem Tod bestraft sehen möchte. Er sollte mit dem Superstar der deutschen Salafiten auftreten: Pierre Vogel, ein konvertierter Wanderprediger mit rotem Bart, dessen Internetvideos einen großen Anteil am Boom des Salafismus haben. Erst nach Protest des Lesben- und Schwulenverbands wurde der Vortrag des Jamaikaners abgesagt.

    Vogels Videos waren es auch, die Stefan zum Islam geführt haben. Auf dem Seminar in Berlin-Neukölln bleibt er nun das ganze Wochenende. Er hat seinen Schlafsack mitgebracht. Am Abend rollt er ihn in einer Ecke der Moschee aus. Nachts um drei wacht er auf. Zeit für Fadschr, das Frühgebet. Stefan reiht sich ein, verbeugt sich, wirft sich nieder. Nach dem Gebet legt er sich wieder schlafen. Sein Rücken schmerzt vom harten Boden, aber das ist ihm egal.

    Wenige Tage später in einem Einkaufszentrum in Nordberlin. Stefan trägt Jeans und Nike-Turnschuhe. Nach den Sommerferien, erzählt er, wolle er erst einmal sein Abitur angehen, dann vielleicht Entwicklungshelfer werden, Arzt oder Kriminalpolizist. Nur Banker, das könne er sich nicht vorstellen. Zinsen zu nehmen sei unislamisch. Gerade hat sich Stefan seinen ersten Koran auf Arabisch gekauft. Er ist in Leder eingebunden, mit Reißverschluss, ein Koran zum Mitnehmen. „Das Gesetz des Islam ist zum Schutz“, sagt er. „Es schützt dich und die Gemeinschaft.“ Er überlegt nun, sich einen islamischen Namen zu geben. Bilal vielleicht, Ibrahim oder Wasil.

    Stefan ist ein eher ruhiger Junge, aber eine Frage lässt ihn unruhig werden. Glaubt er, dass er seine christliche Mutter im Paradies wiedersieht? „Vielleicht wird sie noch auf ihren Schöpfer zugehen“, sagt er. „Ich hoffe es.“

    („Eine Minute Pornos im Internet kucken zerstört so viele Gehirnzellen wie ein Glas Wodka“ – ob das wohl stimmt? Und wenn ja, gilt das auch für Lesben-Pornos? Anm. H.H.)

  2. Hallo:

    Pinneberg war schon immer eine Salafisten-Hochburg, noch bevor es den Islam überhaupt gab! Das ist doch der Punkt hier: Die ganzen türkischen und arabischen Kommunisten in Kreuzberg und sonstwo, die sind nun mit dem selben Eifer (Hamas) islamisch. Das selbe gilt für immer mehr Christen – vor allem in den USA, für immer mehr Israelis und für immer mehr Hindus, aber auch für die Antifas und die Neonazis: sie fanatisieren und radikalisieren sich.

    Wenn man die Milliarden jungen „Überflüssigen“ nicht in Kriegen verheizen kann, dann machen sie das selber – untereinander.

    D.Sch.
    ein alter Pinneberger, jetzt Neuköllner

    P.S.: Auch die meisten Araber waren nach dem Krieg erst mal alle Kommunisten und Nationalisten – bevor sie wieder gläubig wurden. Und die ganze Zeit haben sie ihren Stil nicht geändert. Es sind eben Anhänger einer „harten Ideologie“ – im Gegensatz zu den westlichen, linken Softies mit ihren „weichen Ideologien“ (Menschenrechte, Ökologie etc.). Das müßte dir doch eigentlich gefallen – als Foucaultist…Religionsscheiß hin oder her…“Die Kacke des Seins umgraben“ – wie auch immer…