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vonHelmut Höge 08.09.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„SyrianRevolution“. Photo: facebook

Überleben als Kunst

Was ist los – heute am Donnerstag? (1) Die Zeitungen sind – quasi im Vorfeld der NineEleven-Zeremonien – voll mit  Auslotungen des „Arabischen Frühlings“. In der Berliner Zeitung wird eine Rede von Tahar Ben Jalloun veröffentlicht, die FAZ porträtiert den schönen Verlag für Literatur arabischer Schriftstellerinnen, wobei kurz der  saudi-arabische Roman von Badfreya El-Beshr „Der Duft von Kaffee und Kardamon“ vorgestellt wird. In allen Romanen, die der palästinensische Pensionär Abdul-Rahman Alawi verlegt, geht es um den Kampf von Frauen um mehr „Freiraum“. Mit dem Westgenre „Roman“ wurde das „Individuum in den Mittelpunkt“ (der gesellschaftlichen Umstände) gestellt. Die FAZ schreibt: „An dem einzelnen Menschen kommt hier [im Orient] niemand vorbei.“ Soll wohl heißen: der Arabische Frühling, das ist ein Aufstand der Individuen („nonmovement“ nannte es 2010 der Iraner Asef Bayat) – in dem die Frauen die Avantgarde bilden, denn sie sind die am Unterdrücktesten. Ihrem kämpferischen „Realismus“ gegenüber neigen selbst die solidarischsten männlichen Autoren zum Märchenerzählen. So heute auch der ägyptische Journalist Wael El Semary im „Freitag“ – in dem er Al Quaida und Tahrir zusammendachte. In der taz wird anhand einer Studie aus einem pakistanischen „Thinktank“ der Frage nachgegangen: „Welche Ziele verfolgt Pakistans Elite in Afghanistan?“ Und in „Die Zeit“ findet sich ein Interview mit Arundhati Roy. An einer Stelle spricht sie von einem  „Mittelklasse-Totalitarismus: Die kulturellen und ökonomischen Codes in Indien haben sich in den letzten 20 Jahren völlig verändert. Ein Beispiel ist der Bollywoodfilm. Im Bollywoodfilm sieht man keine armen Menschen mehr.“

Das trifft auch auf das derzeitige große Kulturprojekt „Über Lebenskunst“ in Berlin zu: es ist ein Mittelklasse-Event.

Die sonst eher leere Kongreßhalle – das Haus der Kulturen der Welt – mit seinem  Betonsee und der Henry-Moore-Plastik davor sowie dem Cafégarten am Spreeufer dahinter, ist mit allerlei Geräten, An- und Einbauten und vor allem interessierten Zuschauern gerammelt voll. Es geht  dort um „nachhaltige Lebenskunst“ von vorne bis hinten. Für 2,3 Millionen Euro von der Bundeskulturstiftung, zeigten Künstler aus aller Herren Länder, was in ihnen steckt – in puncto Klimaerwärmung, Biodiversität, Ökoanbau und Resterecycling.

Es geht dabei um strengsten Reduktionismus, aber anders als in den verhärmten Landkommunen früherer Jahrhunderte hedonistisch – mit Hightech und Technomusik und Teeniebubbler. „Streng“ das hieß: im Sinne des Gestalterischen. Es mußte schon gut aussehen: „Das gute Leben“ – um das es dann explizit in der Expertenkonferenz am Samstagabend ging. Diese schlugen sich erst einmal ein paar „Glücks“-Definitionen um die Ohren. Dabei führten sie bereits vor, wie man als Projektemacher, Politiker oder Professor und quasi persönlich in der Ökologiebewegung  engagiert, ein gutes Leben führen und dabei auch noch glücklich sein kann. Jedenfalls taten sie so. Aber abgesehen davon wurde an keiner Stelle des seit 2010 laufenden Großprojekts „das Leben“ geklärt.

Und abgesehen auch davon ist die sogenannte Ökologiebewegung genau genommen ein „nonmovement“, wie der in Leiden lehrende Soziologe Asef Bayat das nicht nur im Hinblick auf die sozialen Veränderungen im Mittleren Osten nennt. Die „Ökologie“ ist ein konjunkturelles und damit mediales Massenphänomen. Ihre Sprecher – wie etwa der Wissenssoziologe Bruno Latour – versichern: Es geht nicht mehr um  Ökonomie, sondern nur noch um die Ökologie (wobei er jedoch den Dualismus Kultur-Natur auflösen will). Und ihre Gegner – auf der „Achse der Guten“ z.B. – verbinden ihre Ablehnung der Windkraft lückenlos mit z.B. Anti-Islamismus. Verrückt! Die Spanne reicht vom Fundamentalismus bis zum Lifestyle.

Auf der anderen Seite verriet z.B. einer der „Glücks“-Experten auf der Konferenz über das gute Leben: „Es geht uns darum, ein unmittelbareres Verhältnis zur Welt zu bekommen.“ Und dieses stehe  quer zur rapide fortschreitenden „Entverwirklichung unserer Lebenswelt.“

Das Großprojekt „Über Lebenskunst“ war selbstverständlich genkritisch eingestellt. Am Schönsten sahen in diesem Zusammenhang die von einer Künstlerin auf dem Henry-Moore-See liebevoll angelegten schwimmenden Salatbeete aus. Auf der Konferenz am Samstag wurde die „wahre Kunst“ dann auch eher in der (Wieder-)Herstellung des (ländlichen) Gemeineigentums gesehen – genauer gesagt: der „Common“ – ein US-Modewort im Zusammenhang des Hightech-Siegeszugs. (2)

Kurzum – und die elektronischen Konferenzschaltungen nach Brasilien und zu anderen „Schwellenländern“ bestätigten das Phänomen noch einmal: der „Globalisierungskritiker“ ist der kommende Mann bzw. die kommende Frau – und das schier global. „Wie kommen wir aber nun vom Wissen zum Handeln?“ Das war auch so eine Frage auf dem „Festival“ der Öko-Projektemacher. Aus Sao Paulo kam dazu der Hinweis auf das ökologisch vorbildliche Leben der Indigenen, verbunden mit einem Filmbeitrag über eine in „Echtzeit“ gerade in der Stadt stattfindende Indigenen-Demo gegen ein großes Staudammprojekt.

Während in Berlin zur selben Zeit die Fuck-Parade durch die Innenstadt zog – mit lautem Techno-Gedröhne. Die hinter den Boxen Hertanzenden kamen der Bundeskulturstiftungs-Antwort auf die berühmte Leninsche Frage „Was tun? Wie handeln?“ aber schon nahe: „künstlerisch und kreativ!“ Und „nachhaltig“ natürlich. Also weder wurde „das Leben“ diskutiert, noch wurde der Begriff „Gesellschaft“ problematisiert: Kann man ihn einfach ungeklärt voraussetzen? Gibt es „die Gesellschaft“ überhaupt noch? Sind wir nicht nur ein Haufen Sandkörner? wie Mao tse Tung schwante – und das vor allem durch die unermüdliche Tätigkeit der Kreativen und Künstler – diesen Ausgeburten des Individualismus seit der Renaissance?

Nun gut, das war eine Veranstaltung der jungen „Facebooker“, dazu kam dann aber auch noch ein Buch heraus „Über Lebenskunst“ – in dem 20 alte Intellektuelle – von Serres über John Berger bis zu Nuruudin Farah – ebenfalls über „Menschen“ (statt Klassen) utopisierten, in mehr oder weniger märchenhafter Form, wobei sie  „Künstler, Architekten, Designer und Philosophen“ im Sinn hatten. Im Vorwort heißt es: „Wir setzen am Individuum an“.

Je älter ich werde, desto häufiger frage ich mich: Was ist das überhaupt – Leben? Die dafür quasi zuständige (neodarwinistische) Biologie fragt sich das schon lange nicht mehr: Sie ist nur noch an den „Algorithmen des Lebendigen“ interessiert, wie der Genetiker Francois Jacob es ausdrückte. Andere Naturwissenschaftler verstehen die Frage als Suche nach dem Ursprung des Lebens, den sie derzeit mit den ersten Bakterien vor etwa 3,8 Milliarden Jahren ansetzen. Dem russischen Biochemiker Wladimir Wernadsky zeigte sich das „Leben“ – selbst in der kleinsten Zelle – darin, dass es  ständig Photonen abgibt, den Tod könnte man demnach als das Erlöschen einer Lichtquelle begreifen. Die sowjetische Erfindung des „Photomultipliers“ zur physikalischen Erforschung von „Neutrinos“ ermöglichte es, Wernadskys Vermutung zu beweisen. Neutrinos sind  nahezu masselose Teilchen, die  bei einer Kollision ein geladenes „Myon“ erzeugen, dass bei seinem Weiterflug die sogenannte Tscherenkow-Strahlung emittiert. Diese Photonen lassen sich mit Photomultipliern „angeln“ (u.a. im Baikalsee).

Wernadskys „Photonen“-Theorie erklärt nicht, was das Leben ist, sondern eher, wann es aufhört zu sein. Und die Theologie weicht – mit Aristoteles – der Frage aus, indem sie sich statt für das Belebte für das „Beseelte“ – sein Herkunft und Zukunft (bis hin ins „Jenseits“) interessiert. Die  monotheistischen Religionen haben dabei das „Licht“ (und seine Quelle „Gott“) in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit gestellt. In ihren (Heiligen) Büchern wimmelt es von Licht-Beschreibungen, ganze Suren befassen sich nur damit. Mit Spinoza gelangte man (um 1660) jedoch bereits wieder an den Ausgangspunkt zurück: für ihn war „Gott“ in jeder Tomate – was lebt affiziert und wird affiziert.

Was lebt – revoltiert, bzw. was revoltiert lebt, konnte man dann mit dem Résistancekämpfer Albert Camus sagen. Die heideggerisierenden Französischdenker verwenden  seitdem gerne den  Begriff des „Seins“ – George Bataille schreibt in „Der heilige Eros“:  „Ich betone die Tatsache, daß der Tod die Kontinuität des Seins, da sie am Ursprung der Wesen besteht, nicht angreift; die Kontinuität des Seins ist von ihm unabhängig: der Tod bringt sie, im Gegenteil, sogar an den Tag.“ Bataille geht hier so weit zu behaupten, dass es eigentlich (!) der Tod ist, der das Leben am Leben erhält. Geklärt ist damit nichts, nur dem Tod vielleicht der Schrecken genommen, mehr kann man nach Bataille aber auch nicht verlangen: „Ich glaube nicht, daß der Mensch Aussicht hat, Licht in die Situation zu bringen, bevor er nicht beherrscht, was ihn erschreckt. Nicht daß er auf eine Welt hoffen soll, in der es keinen Grund mehr für das Entsetzen gäbe, in die Erotik und der Tod auf die Ebene mechanischer Verkettungen gebracht würden. Aber der Mensch kann das, was ihn erschreckt, übersteigen, er kann ihm ins Gesicht sehen.“

Entsetzen darüber, dass „Erotik und Tod“ – bei Licht besehen – auf die „Ebene mechanischer Verkettungen gebracht würden“? Nein! Eher darüber, dass  offensichtlich – auf der „Ebene mechanischer Verkettungen“ – das Leben nicht verstanden werden kann. Auch nicht, wenn wir stattdessen nun von einer  Ebene „elektronischer Vernetzungen“ ausgehen. Vielleicht ist meine Frage auch einfach nur zu kindisch. Und auch ein empirischerer Spinozist als Spinoza hilft da nicht weiter –  der Insektenforscher  Maurice Maeterlinck z.B.: „Ich glaube nicht an Gott,“ sagte er, „ich sehe ihn jeden Tag“ – beim Beobachten von Insekten nämlich.

Und wenn wir andersherum versuchen, gewaltsam herauszufinden, was das Leben im Innersten zusammenhält? Früher hieß es: 1 Atom – 1 Gen: Ersteres wurde gespalten, um radioaktive Strahlung freizusetzen, letzteres wurde bestrahlt, um zu mutieren (in Berlin-Buch im Kaiser-Wilhelm-Institut von Weizsäcker und Timofejew-Ressowki z.B.). Das Atom zerfiel dabei letztendlich in „nahezu masselose Teilchen“ und das Gen in einen „Algorithmus“ – sogar in noch weniger: „Es  ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft…über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt,“ so die Licht in diese „Konstruktion“ bringende Biologin Silja Samerski.

Ihr entgegnete in der Zeitschrift „Nature Biotechnology“ ein   Berater von Biotech-Unternehmen namens Bains: „Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.“

Das Leben nicht verstehen, sondern einfach neu schaffen. Und das funktioniert auch. Der Philosoph Vilem Flusser meinte dazu: Erschreckt nicht – „mit der Gentechnik beginnt die wahre Kunst. Erst mit ihr sind reproduktive Werke möglich“.  Kann es tatsächlich sein, dass diese Entwicklung mit der malerischen Erfindung der „Zentralperspektive“ durch die ersten autonomen Künstler in der Renaisscane begann? Der russische Theologe und Algenforscher Pawel Florensky hat die „Zentralperspektive“ als  „Maschine zur Vernichtung der Wirklichkeit“ bezeichnet. Ihr und auch den Bolschewiki gegenüber bestand er auf einem „synarchischen Feld“. In der Ikonenmalerei genauso wie im Sozialen. In diesem werden wir heute vielleicht nicht nur atomisiert (indidualisiert), sondern auch noch neutrinoisiert.

Die Neutrino-Experimente haben inzwischen Folgendes erbracht: Es gibt Neutrinos und Antineutrinos und sie haben einen Spin. Genauer gesagt: das Neutrino ist linkshändig. Die amerikanische Neutrino- Biographin Christine Sutton schreibt, es ähnelt „den Vampiren der Gruselromane: es hat kein Spiegelbild“. Inzwischen unterscheidet man mehrere Arten: Tauon-Neutrinos, Elektron-Neutrinos, Myon-Neutrinos. Dazwischen können sie auch noch oszillieren und sich mischen. Zudem lassen sich bei den einzelnen Arten verschiedene „Flavours“ und „Farben“ bzw. „Antifarben“ unterscheiden. Kurzum – so Christine Sutton: „Lewis Carroll hätte die Neutrinos bestimmt geliebt“. Man könnte in ihrem Fall vielleicht von einem bunten Leben sprechen, Aber dabei geht es auch wieder nur um die (ewige) Reproduktion der Gattung. Dr. med. Gottfried Benn hat diese Definition 1947 mit dem Satz abgetan: „Das Leben, das legen die sich so aus: ‚Die Eierstöcke sind die größten Philosophen‘.“ Nicht solch eine  Lebensfunktion, sondern das Leben selbst sollten wir laut Nietzsche bejahen und es als Andauerndes  begreifen, er ging dazu von dessen  „ewiger Wiederkehr“ aus. Das zu Bejahende definierte er so: „Leben, das heißt fortwährend etwas von sich abstoßen…“

Wie das konkret aussehen könnte, wollte ich kürzlich empirisch herausfinden – und widmete mich dazu einige Tage lang Berlin-Touristen, indem ich ihnen – aus sicherer Entfernung – folgte. Im Ergebnis kam dabei heraus, dass sie die ganze Zeit so gut wie nichts abstießen, sondern im Gegenteil etwas aufsaugten: Sehenswürdigkeiten, fremdes Essen und Trinken, Straßentreiben, ungewöhnliches Aussehen von Passanten, Museen, Denkmäler etc.. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen,“ lautete ein Diktum von Adorno. Waren die Touristen im Falschen? Später folgte ich einer kleinen Gruppe in ein Musiklokal, dabei kamen zwei Touristinnen in ein Gespräch mit einheimischen Männern, diese überredeten sie, in ein anderens Lokal zu gehen, wo sie dann tanzten – sich dabei immer näher kamen und später küssten. Hatten sie sich verliebt? Aber die Liebe – das ist ein anderes Thema als das Leben, dachte ich anfänglich, bin mir aber inzwischen nicht mehr so sicher. Obwohl dabei früher oder später wieder die Reproduktion der Gattung ins Spiel kommt – und es dann nicht mehr um das einzelne Leben (um uns – Einzeller?) geht.

Schon Ludwig Feuerbach hatte gegenüber dem Rekurs auf Natur in dieser Frage zu bedenken gegeben: Unmittelbar aus der Natur sei noch nicht einmal ein Regierungsrat erklärbar (was Lenin als sehr „scharfsinnig“ bezeichnete). Der Naturforscher Lamarck hat dann stattdessen von den „Medien“ – „Les Milieux“  – geredet, die den Organismus „erregen“ – damit würde nicht zuletzt die Liebe das Leben am Leben erhalten. Aber Was wird da Womit erhalten – nachhaltig wohlmöglich noch?

Anmerkungen:

(1) Reuters meldet heute aus Syrien:

„Das syrische Regime geht ungeachtet internationaler Sanktionen weiter mit brutaler Härte gegen seine Gegner vor. Brennpunkt der Proteste ist die Stadt Homs. Dort seien auch 40 Soldaten desertiert und zu den Regimegegnern übergelaufen, sagte ein syrischer Aktivist im Libanon am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa. Es habe heftige Schusswechsel zwischen den Deserteuren und regimetreuen Soldaten gegeben. Bei Einsätzen gegen Regimegegner haben syrische Sicherheitskräfte nach Angaben von Aktivisten am Mittwoch insgesamt bis zu 34 Menschen getötet.

Die meisten Opfer habe es in der Protesthochburg Homs gegeben. „Die syrischen Truppen benutzen Panzer, um Gebiete in ganz Homs zu beschießen, Scharfschützen, um Menschen zu töten, und Helikopter, um fliehende Demonstranten zu jagen“, sagte ein Mitglied der Oppositionsbewegung in Libanon. „Die Sicherheitskräfte töten die Verletzten an den Eingängen der Krankenhäuser in Homs“.“

Aus dem Jemen meldet dpa:

„Bei Kämpfen zwischen jemenitischen Regierungstruppen und mutmaßlichen Anhängern des Terrornetzwerks Al-Kaida sind Medienberichten zufolge im Süden des Jemen 25 Menschen getötet worden. Wie der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira am Donnerstag berichtete, fanden die Kämpfe in der Provinz Abyan statt, wo die Islamisten seit Beginn der Regierungskrise im Februar mehrere Orte eingenommen hätten. Bei den Toten handele es sich um 8 Soldaten und 17 mutmaßliche Terroristen.

In den vergangenen Wochen ist das Militär – teils unterstützt von US-Luftangriffen – wieder verstärkt gegen militante Islamisten im Süden des Landes vorgegangen. Nach Beginn der Massenproteste gegen Präsident Ali Abdullah Salih waren die Operationen deutlich zurückgefahren worden.

Für Freitag hat die Opposition erneut zu Massenprotesten gegen das Regime von Salih aufgerufen. Die Opposition solle in der Hauptstadt Sanaa und anderen Landesteilen auf den Straßen gegen die „Lügen des Regimes“ demonstrieren, lautete ein Aufruf.“

(2) Spätestens seit der Verleihung des Wirtschafts-Nobelpreises an die Allmende-Forscherin Eleonor Ostrom gibt es eine sich ausbreitende Diskussion über „Commons“ (Gemeineigentum) – vor allem unter den Internet-Surfern. Das im Netz gespeicherte Wissen soll allen zur Verfügung stehen, so will es die „Open-Source-Bewegung“. Dem Cyberspace-Juristen  und Stanford-Professor Lawrence Lessig z.B. geht es darum, dass die Computertechnologie mit ihren Remix-Möglichkeiten zwar den Kulturschaffenden neue Freiheiten eingeräumt habe, die Copyright-Gesetze diese jedoch wieder einschränken – und deswegen geändert werden müssen, um nicht ähnlich wie zu Zeiten der Prohibition eine wachsende Zahl von Menschen zu kriminalisieren. Der „Krieg gegen die Piraten“ (Raubkopierer) sei „im Prinzip McCarthyismus: ‚Wer das Urheberrecht in Frage stellt, ist ein Kommunist!‘ so drückte sich neulich ein US-Politiker aus.“

Neben dieser neuen sich ausdehnenden virtuellen Allmende werden die realen Commons jedoch täglich reduziert – durch Privatisierung: in Afrika, Lateinamerika und Asien. In Europa gibt es sie kaum noch, wie bereits Karl Marx feststellte. Aber auch hier tut sich (nicht nur im Internet)  was! Kürzlich feierten 32 Berliner Kollektivbetriebe ein Fest im Club „About Blank“, Elisabeth Voß stellte für den Verlag „AG Spak“ einen prall gefüllten Reader über Projekte der „Solidarischen Ökonomie“ zusammen, in Freiburg gründete sich eine „Garten-Coop“ mit 250 Mitgliedern, die Gründung von Genossenschaften wurde per Gesetz erleichtert, in Mecklenburg siedelte sich die europäische Landkooperativen-Initiative „Longo Mai“ an, die sich von Frankreich aus inzwischen bis nach Costa Rica und in die Ukraine ausgedehnt hat, und in Brandenburg gibt es seit einigen Jahren eine „Nichtkommerzielle Landwirtschaft“, die ihre Produkte gegen Mithilfe tauscht. Diese NKL, „Lokomotive Karlshof“ genannt, wirtschaftet auf Äckern, die eine Stiftung kaufte, um sie kostenlos an Kollektive weiter zu geben. Überhaupt gibt es entgegen den Prophezeiungen von Friedrich Engels eine wachsende Zahl von Menschen, die es (aus wirtschaftlicher Not – und primär in Osteuropa) wieder in die Landwirtschaft zurück treibt, wobei sie dann – vor allem in Russland – Produktions-Artels (Genossenschaften) gründen. Ähnliches passiert in der Mongolei, in der Gobi z.B.. In Ägypten schließen sich derzeit massenhaft Kleinbauern zu Einkaufs- und Vertriebsgenossenschaften zusammen. Und in Argentinien übernahmen die Arbeiter nach dem ökonomischen  Zusammenbruch des Landes zig Fabriken, die sie jetzt in eigener Regie betreiben. In den Eidgenossenschaften Schweiz und Friesland werden größere Wirtschaftsprojekte seit jeher kollektiv betrieben. Dazwischen – in der BRD – gibt es immer mehr Gemeinden, die ihre Energieversorgung genossenschaftlich organisieren und eine wachsende Zahl von Dörfern, die kleine Supermärkte auf genossenschaftlicher Basis errichten. Man kann sagen: Zugleich mit der Atomisierung der Arbeiterklasse macht sich infolge der Deindustrialisierung und Temporalisierung von Jobs eine Kollektiv-Konjunktur bemerkbar. Für die „Facebook-Generation“ klingt schon das Wort „Kollektiv“ bzw. „Kollektivprojekt“ attraktiv – im Gegensatz zu „Genossenschaft“ und „Gewerkschaft“. Für die linken Beobachter dieser Entwicklung (z.B. in der nächsten  Ausgabe der Zeitschrift „Wildcat“) stellt sich bereits die Frage, inwieweit der Hang zur  Kollektivbildung  antikapitalistisch motiviert ist oder mindestens das Potential dazu hat. Es macht sie stutzig, dass es selbst im  neoliberalen Politlager (der EU beispielsweise)  Stimmen gibt, die Genossenschaftsempfehlungen aussprechen und – speziell für Osteuropa – entsprechende  -Förderprogramme fordern. Sicher vor dem Hintergrund, durch derartige Selbsthilfe-Initiativen staatliche Sozialhilfen einzusparen. Die Propaganda für „Ich-AGs“ wurde bereits stillschweigend eingestellt, dafür stehen jetzt „Wir-eGs“ auf dem Programm. Und die universitäre Genossenschaftsforschung erlebt nach ihrem Niedergang (seit den späten Achtzigerjahren) erneut einen Aufschwung. Mit ihren BWL-„Spieltheorien“ ist sie jedoch nach wie vor primär an der marktwirtschaftlichen Effektivierung von Genossenschaften interessiert. Um die Mitarbeiter in diesen Kollektiven, ob sie sich darin umfassender entfalten können oder nicht, geht es ihnen in den seltensten Fällen. Dafür ist anscheinend die „Glücksforschung“ zuständig.

P.S.: 2011 hat die UNO zum Jahr der Genossenschaften erklärt, auch die taz-Genossenschaft beteiligt sich daran – mit einem Buch (im Westend-Verlag) über „Kollektive“.

„LibyanRevolution“. Photo: facebook

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/09/08/kairo-virus_116/

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kommentare

  • „Es ist gut, eine Krabbe zu malen. Es ist besser, den Langen Marsch zu malen. Am besten ist es, den Vorsitzenden Mao zu malen. Aber wenn ich eine kranke Krabbe male, bin ich politisch unzuverlässig. Und wenn ich zwei kranke Krabben male, bin ich ein aggressiver imperialistischer Reaktionär.“ (Stanley Spencer, Maler, nach einer Chinareise 1954)

    Die Krabben, die es hierzulande zu kaufen gibt, werden in der Nordsee gefangen, nach Marokko transportiert, dort von Frauen gepult und wieder zurück nach Deutschland expediert.

    Die Arbeitsplätze sind für die marokkanischen Frauen überlebenswichtig, weswegen sie zu Anfang der Arabischen Aufstände kurz protestierten, als es hieß, man werde ihre Arbeitsplätze reduzieren.

    Nun kamen sie erneut in die BRD-Presse:

    „Die niedersächsischen Krabbenfischer haben es nicht leicht. Erst im Mai hatten sie wochenlang für bessere Preise gestreikt. Jetzt ist ein Drittel der Fischer gezwungen, im Hafen zu bleiben. Schuld soll der islamische Fastenmonat Ramadan und das damit zusammenhängende Krabbenpul-Verbot in Marokko sein,“ meldete der NDR.

    (…) Vor allem die Kutterkapitäne aus Ditzum, Neuharlingersiel und Dornumersiel sind betroffen. Sie liefern an die holländischen Händler, die in Marokko pulen lassen. Die Krabbenpul-Pause bedeutet für sie Einnahmeverluste in einer ohnehin schon finanziell schwachen Saison. Die meisten Kutter aus Greetsiel, Norddeich, Carolinensiel, Fedderwardersiel und Dorum, die an deutsche Händler liefern, fahren aber dennoch auf Fang.“

    RP online berichtete von einer Arte-Komödie, in der ein Krabbenfischer, der in Scheidung lebt, nach Marokko fährt, um dort eine Krabbenpulerin kennen zu lernen. Das gelingt ihm auch, wobei es sich sogar um die schnellste Krabbenpulerin dort handelt:

    „Er lädt sie in sein Heimatdorf ein, drei Monate lang, auf Probe. Und wenn es gutgeht, würde er sie heiraten. Kaum angekommen, macht sie die Bekanntschaft der temperamentvollen Rieke und muss realisieren, dass ihr deutscher Traummann längst nicht so frei ist, wie sie dachte.

    Aber sie krempelt die Ärmel hoch und bringt mit ihrem orientalischen Charme und ihrer Lebenslust frischen Wind an die Nordsee – sogar mehr als dem stoischen Friesen lieb ist. So nähern sich die beiden unterschiedlichen Charaktere an, und sie erobert sein Herz.

    Hein zahlt Mona sogar einen Integrationskurs an der Volkshochschule. Aber so leicht integriert es sich nicht, wenn Rieke und Heins Mutter ihren Liebsten noch fest im Griff haben. Da muss sich Hein schon mächtig ins Zeug legen und um Mona kämpfen. „Fischer fischt Frau“ ist eine Landkomödie von der Nordseeküste über eine Liebe in Zeiten von Integration und Globalisierung.“

    Die schnellste Krabbenpulerin der Welt ist jedoch in Wirklichkeit eine Deutsche, wie der Kölner Stadtanzeiger vermeldete:

    Margret Hahnel aus Nordholz in Niedersachsen ist Weltrekord-Halterin im Krabbenpulen: In 20 Minuten schafft sie 522 Gramm. Früher arbeitete sie sogar für eine Fischfirma – doch heute wird die Arbeit in Marokko gemacht,
    weil, sie Margret Hahnel, das bis 1984 für eine Firma in Heimarbeit gemacht hat: Das war zwar ganz praktisch, denn dabei konnte ich die Kinder beaufsichtigen. Und von dem Geld, so rund 100 Mark in der Woche, konnte ich dann richtig schön einkaufen, aber irgendwann kamen Auflagen: Man musste in einem gefliesten Raum arbeiten usw. Wir haben das ja einfach in der Küche gemacht. Jetzt werden die Krabben schon lange nach Marokko zum Pulen geschickt, das ist billiger. Wir in Nordholz haben eine Schälmaschine, aber die kann nur eine bestimmte Größe. Der Rest wird auch weggeschickt.

    Die „welt.de“ meldete, dass es auch bald für die marokkanischen Krabbenpulerinnen vorbei sein könnte mit dieser Arbeit:

    „Ökonomen befürworten, dass die realen Kosten der Umweltverschmutzung endlich in den Preisen enthalten wären. „Mancher Handel sollte in dieser Dimension einfach nicht sein“, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftforschung (DIW). Stattdessen wäre es sinnvoll, die Produktion zu regionalisieren. Kartoffeln aus Niedersachen würden dann eben vor Ort geschält und zu Pommes frites zerhackt – und nicht dafür nach Spanien gekarrt, wie es momentan der Fall ist.

    Zwar müssten sich dann auch die Krabbenpulerinnen in Marokko darauf einstellen, dass sie ihren Job verlieren. Andererseits birgt die Entwicklung gerade für ärmere Länder eine große Chance. Denn dienten sie bislang vorwiegend als billige Werkbank oder Rohstofflieferant, könnte sich in Zukunft mehr Produktion im eigenen Land abspielen. Es lohnt sich nämlich immer weniger, die Wertschöpfungskette in sehr viele einzelne Teile zu trennen. „Anstatt die Hölzer nach Europa zu verschiffen, stellt Brasilien dann eben gleich die Platten für den Parkettboden her“, sagt Lutz Wicke, ehemaliger Direktor des Umweltbundesamtes. Für Entwicklungsländer wäre das ein wirtschaftlicher Schub nach vorne. “

    Eine weitere Möglichkeit erwähnt „wattenmeerundmehr.de“ – unter „zukünftige Entwicklung:

    „z.B. Verlagerung des Krabbenpulens
    von Marokko nach China“

    Die Märkische Oderzeitung berichtet über noch eine Möglichkeit, die allerdings aus Kostengründen schon einmal – in den Achtzigerjahren – verworfen wurde:

    „Die Entwicklung dauerte 25 Jahre: Nun sind vier Krabbenpul-Maschinen im Nordseehafen Ostende einsatzbereit, wie belgische Medien am Donnerstag berichteten. Das mache den Transport der Krabben nach Marokko, wo das Fleisch der grauen Garnelen bisher in billiger Handarbeit aus ihrem Panzer geholt wurde, überflüssig. „Abends gefangen und gekocht, morgens gepult und mittags auf dem Teller“, sagte ein Entwickler der Zeitung „Het Laatste Nieuws“. Das mache auch den Einsatz chemischer Konservierungsstoffe überflüssig: „Der Transport nach Marokko und zurück dauert doch etwa sieben Tage. Darum mussten Konservierungsstoffe hinzugefügt werden, aber dass ist nun nicht mehr nötig“. Eine Maschine schaffe am Tag 250 Kilo, so viel wie 20 marokkanische Krabbenpulerinnen zusammen.“

    Die Zeitschrift Mare orderte schon mal vorsorglich Photos von den Krabbenpulerinnen in Tetuan, Marokko – von Heike Ollertz. Im Mare-Heft 13 erschienen ihre Aufnahmen.

    „kartenbuero.at“ weiß noch von anderen Krabbenpulerinnen:

    10.000 Tonnen Krabben werden von März bis Dezember in deutschen Gewässern gefischt; 5000 Menschen arbeiten in Deutschland im Krabbengeschäft. Das Zentrum der europäischen Krabbenverarbeitung liegt aber in Holland. Hier sind der Marktführer Heiploeg sowie das kleinere Unternehmen Klaas Puul ansässig. Zusammen beherrschen sie 85 Prozent des Marktes.

    Kurz vor 14 Uhr wartet der Heiploeg-Laster im Hafen von Büsum, um die Krabben der NG9 Nordster entgegen zu nehmen. 48 Stunden war Kapitän Hannes Nehlsen mit seinem Schiff auf See. In bis zu 30 Metern Tiefe hat er seine trichterförmigen Netze ausgefahren, rund 1500 Kilo hat Nehlsen heute an Land gebracht. Mehr als 2000 Kilo pro Woche darf er zur Zeit laut Fangquote nicht fischen. In großen Plastiksäcken werden die Schalentiere im gekühlten Lkw in die Sortieranlage zunächst nach Büsum und weiter nach Husum gebracht. Dort werden die Krabben der rund 80 Vertragsfischer der Tönniger Fischergemeinschaft gesammelt, bevor der Krabbentreck in die Heiploeg Zentrale in Zoetkamp bei Groningen zieht.
    300 Tonnen Krabben wöchentlich verschickt Heiploeg von dort zum Pulen weiter. Der Überschuss wird tiefgekühlt und zu einem späteren Zeitpunkt verschickt. „Damit wir gleichmäßig produzieren können“, sagte Robert Pikkert von Heiploeg. Jede Woche werden 20 Tonnen in zwei polnische „Pulstationen“ bei Stettin und Warschau verschickt, wo je 150 Krabbenpulerinnen arbeiten.

    Der größte Teil der Krabben tritt die Reise nach Nordafrika an. In gekühlten Lkws reisen die Tiere bis nach Tetouan, etwa eine Stunde von der Hafenstadt Tanger entfernt. Hier hat Heiploeg seine eigene „Pulstation“. 5000 Marokkanerinnen sind hier beschäftigt. Damit sie nicht zu spät zur Arbeit kommen, gibt es firmeneigene Busse, die die Frauen morgens von zu Hause abholen. Kindergärtnerinnen passen auf den Nachwuchs auf.

    Kommt der Heiploeg-Lkw in Marokko an, werden ungepulte gegen gepulte Krabben getauscht, die Frauen machen sich erneut an die Arbeit. In den Pulstationen sieht es ein wenig aus wie im Krankenhaus: Die Arbeiterinnen tragen weiße Kittel, Plastikhandschuhen bedecken ihre Hände, ihre Haare sind unter einem Haarnetz versteckt. An langen Tischen sitzen sie in endlosen Reihen und pulen. Die Räume sind weiß gekachelt und gekühlt. Mit der einen Hand halten sie den Kopf der Krabbe zwischen Daumen und Zeigefinger fest, die andere Hand dreht den Körper mit einem Ruck nach rechts. Dann ziehen sie die Schwanzplatte routiniert ab, entfernen mühelos das Krabbenfleisch. Ist die bunte Plastikschüssel vor ihnen voll, bringen sie das Fleisch zum Wiegen. Bezahlt wird nach Leistung, zwischen 4 und 6 Euro verdienen die Marokkanerinnen hier am Tag.

    Im Büsumer Hafen beißen Touristen in ihr Krabbenbrötchen. 3 Euro kostet der Snack, belegt mit 50 Gramm Krabbenfleisch: Mittlerweile ist das Fleisch etwa zehn Tage alt. Die maschinell gepulten Krabben aus Friedrichskoog wären frischer. Das Krabbenbrötchen würde dann aber teurer. Nur wenige sind bereit, für Frische mehr zu zahlen.

    Ganze 50 Cent mehr kosten die Krabben im Geschäft von Alfred Urthel in Friedrichskoog in Schleswig-Holstein. Urthels Krabben werden vor Ort maschinell geschält. Je 80.000 Euro hat Urthel für die beiden Krabbenschälmaschinen auf den Tisch gelegt. Am oberen Ende der Maschinen werden die Krabben in Trichter geschüttet. Von dort werden sie gerüttelt, gedreht und in die richtige Position gebracht. Dann werden die Bäuche mit kleinen Messern aufgeschlitzt, mit Druckluft werden sie aus ihrer eigenen Schale gepustet. 600 Kilo kommen wöchentlich in die Maschine rein, 200 Kilo gepultes Krabbenfleisch heraus. Allerdings müssen noch ein Drittel der Krabben per Hand nachgepult werden. Zudem ist selbst bei täglicher Reinigung der Maschinen nicht auszuschließen, dass sich in den feuchten Ritzen der Maschine Keime festsetzen. Dennoch schwört Urthel auf seine Krabben. „Frisch sind die Marokko-Krabben nicht“, sagt er. „Bei uns vergehen hingegen nur 24, maximal 36 Stunden bis zum Verzehr.“

    Bis Mitte der 80er Jahre pulten Frauen an der Nordsee die Schalentiere zu Hause, zum Beispiel in Büsum. „Morgens haben die Fischer die Krabben zu uns nach Hause gebracht, mittags wurde das geschälte Fleisch wieder abgeholt“, erzählt Rüdiger Kock von der Tönniger Fischergemeischaft in Husum. 6,50 DM wurden damals pro Kilo Krabbenfleisch gezahlt. Dann kam die „Krabbenpulkrise“: Die Lohnkosten stiegen, seit Anfang der 90er Jahre durften Krabben infolge der Öffnung des EU-Binnenmarkts nur noch in gekachelten und klimatisierten Räumen gepult werden. „Das macht die Heimpulerei unmöglich“, sagte Kock.

    Schließlich sei noch der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun erwähnt, der in seinem Roman „Verlassen“ auch eine Krabbenpulerin verwewigt hat:

    „Ein Café in Tanger. An den Tischen sitzen Männer, die meisten von ihnen jung, trinken Tee, rauchen Haschisch. Sie schweigen, versuchen, jenseits der schmalen Meeresenge die Lichter Spaniens zu erblicken. Sie träumen sich hinüber. Die Nacht bricht an. Im kalt gewordenen, bitteren Tee ertrinken Bienen.

    Mit dieser Szene eröffnet Ben Jelloun, 1944 in Fès geboren, 1971 nach Frankreich emigriert und erst kürzlich wieder nach Marokko zurückgekehrt, seinen Roman über – vor allem – marokkanischer Migrantenschicksale. Die Szene ist von hoher Suggestivkraft. Lakonisch und präzise ist sie sowohl realistische Beschreibung der Wirklichkeit als auch deren poetische Überhöhung, deren Allegorie: Der Traum von einem besseren Leben in der europäischen Fremde endet schicksalhaft in Resignation, Elend, Tod.

    Den zweieinhalb Seiten Allegorie folgt romanlang das Exempel: Azel, 25 Jahre alt, Jurist, arbeitslos, attraktiv, folgt dem 60-jährigen Galeristen Miguel nach Barcelona. Er folgt ihm, um der marokkanischen Ausweglosigkeit zu entkommen, um ein Leben in Luxus, im Genuss führen zu können. Er folgt, wiewohl er nicht schwul ist und weiß, dass er sich für seine Liebesdienste prostituiert. So ist der Verfall vorgezeichnet: Azel verliert seine Würde und Männlichkeit, betrügt und bestiehlt Miguel, wird von diesem verstoßen, versinkt in Alkohol- und Drogenexzessen, wird Spitzel der Polizei und von ausspionierten Islamisten geschlachtet. Was zu beweisen war.“

    Der Roman gehörte in die umfängliche Bibliothek schlichter Thesenliteratur, wären da nicht die zahlreichen Lebensportraits anderer Gestalten, die mit Azel auf dessen Weg in Berührung kommen: die Schwester Kenza etwa, die Krabbenpulerin Malika, die Hure Soumaya, der Türke Nazim, die Pflegerin Siham, der Kameruner Flaubert, der weise Narr Moha. Ihnen werden eigene Kapitel, eigene Leben zugestanden. Ein Gesellschaftsbild soll entstehen. (lyrikwelt.de)

    Rechtzeitig zu diesem Kommentar veröffentlichte der Mohland Verlag in Goldebek einen Roman von Frank Odenthal: „Krabbenmond“. Es geht darin um die letzten drei Krabbenkutter aus Georgensiel/Ostfriesland und ihre Besatzung:

    Sie fahren nur noch einmal im Jahr, in einer Vollmondnacht im August, aus. Im Klappentext heißt es über die Handlung auf See: „Sie alle folgen dem Geheimnis des Krabbenmondes, doch eins der Schiffe wird nicht zurückkehren nach Georgensiel.

  • „Zeit online“ veröffentlichte eine Sammelrezension von vier neuen Büchern über den „Arabischen Frühling“ – unter der Überschrift:

    „Keine Panik! Wir sollten mehr Vertrauen in die arabischen Revolutionen haben…

    Nichts ist so leicht wie die Vorhersage des Schlimmsten. Im rauen Nahost-Gelände sind die Pessimisten seit je in der Überzahl, nur zu Beginn der arabischen Revolution waren sie kurzfristig verstummt. Aber sie haben ihre Stimme längst wieder gefunden: Der Aufstand führt zum Krieg! Soldaten ersticken die Revolution! Christen sind in Gefahr! Islamisten übernehmen die Macht! Meist klingt es, als sähen sie in der Friedhofsruhe vor der Revolte das bessere Modell. Doch am Buchmarkt ist Erleichterung in Sicht. In diesen Wochen sind vier Bücher gegen den chronischen Pessimismus im Nahen Osten erschienen und eine eindringliche Warnung, die neue Zeit nicht zu verpassen.

    Bei den vier Büchern handelt es sich im Einzelnen um:

    1. „Die Arabische Revolution“, ein Aufsatzband. Dazu heißt es in der Rezension:

    „Zu wichtig ist Syrien als Wegkreuzung im Nahost-Dschungel. Zu solide aber auch erschienen im Landesinneren lange Zeit die vier Pfeiler der Macht der Assads. Martina Döring beschreibt sie anschaulich in dem Sammelband Die arabische Revolution von den Journalisten Frank Nordhausen und Thomas Schmid: die Feindschaft zu Israel, die religiöse Toleranz im Inneren, die gute Vernetzung dieser wichtigen arabischen Mittelmacht und der Repressionsapparat.“

    2. „Der französische Politologe Emmanuel Todd lenkt in einem etwas zu schnell zusammengeschusterten Interview-Buch die Aufmerksamkeit auf seine Thesen, mit denen er den arabischen Aufstand »vorhergesagt« habe. Er sieht in der Massenalphabetisierung einen wesentlichen Grund für die Revolution. »Wenn man schreiben und lesen kann, kann man ein Flugblatt lesen. Und sogar eines schreiben!« Fallende Geburtenraten stützen Todds These von der Modernisierung der arabischen Länder. Weiter hergeholt wirkt seine Behauptung, Ägypten sei aufgestanden, weil dort heute weniger Ehen zwischen Cousins und Cousinen geschlossen würden als früher.“

    3. „Das Buch der Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer Demokratie im Islam ist eine erhellende Bestandsaufnahme zur rechten Zeit. Sie beschreibt die Entwicklung des Islamismus im 20. Jahrhundert, einer Ideologie, die sich gegen die westlichen Kolonialmächten schärfte. Doch ganz anders als das Selbstbild vieler Islamisten ist ihr Weltbild ein gemischtes: Ablehnung und Übernahme westlicher Muster gehören dazu. Islamische Mission ist von christlichen Methoden nicht so weit entfernt.“

    4. „Rupert Neudeck beschreibt in seinem Buch Das unheilige Land die Igelhaltung der Regierung und die traurige Menschenrechtslage in den Palästinensergebieten. Neudecks Buch ist eine wichtige Warnung in einer dramatischen Zeit. Wie wolle das Land »die Sicherheit seiner Bewohner garantieren«, fragt er, »wenn es weiterhin alle seine Nachbarn zu Nicht-Nachbarn und Feinden erklärt«?

    Diese Frage gilt in anderer Form auch für jene im Westen, die in jedem Aufstand nur den schlechtesten aller möglichen Ausgänge vermuten: eine antiwestliche arabische Welt. Die Araber, die ihr Leben auf den Straßen riskieren, haben mehr Zuversicht verdient, als manche im Westen ihnen gönnen wollen, auch mehr Zutrauen und Zuspruch. Pessimismus ist nur verbrämte Angst.“

  • In der FAZ von gestern wurde seitenlang die „Geschichte der Symbiose von Terrorismus und Massenmedien“ nacherzählt. Für die Terroristen/Anarchisten bedeutete die „ekstatische Überschreitung im rauschhaften Gewalterlebnis“ laut dem Autor eine „Form gottähnlicher Selbstüberschreitung“.

    Dabei behauptet er, dass „nicht wenige Anarchisten symbolische Orte wie Parlamentsgebäude, Börsen, Opernhäuser oder feine Restaurants für ihre Anschläge auswählten“.

    Damit meint er – ausgehend von der Gruppe „Narodnaja Wolja“ die russischen Anarchisten/Terroristen, die jedoch meiner Kenntnis nach niemals ein Attentat (auf den Zar oder seine Minister) ausführten, wenn die Gefahr bestand, dabei Unschuldige zu verletzen.

    Diese Diskussion gibt es unter den Militanten noch heute. In der Öffentlichkeit, manche Zeitungen richteten im 19.Jhd. „Dynamit-Kolumnen“ ein, galten desungeachtet die russischen Anarchisten bald als „halbzivilisierte Barbaren aus dem Osten“ – eine Folge des „orientalischen Despotismus“, wie z.B. die „Gartenlaube“ 1892 schrieb.

    Bis hin zur heutigen FAZ hat sich in dieser Hinsicht nicht viel verändert, außer dass jetzt statt des russischen Osten der islamische Osten unser aller Verderben androht.

  • In „Die Zeit“ wird ein Schweizer Geldsoziologe namens Aldo Haesler interviewt:

    „Wir erleben heute ein soziales Artensterben, das für unsere Spezies einmalig ist. So wie es eine Biozenose gibt, ein Artensterben in der Natur, spreche ich von einer Soziozenose, einer dramatischen Verringerung der sozialen Artenvielfalt und der menschlichen Beziehungen. Innerhalb von 20 Jahren hat sich zum Beispiel der Intimkreis des Durchschnittsamerikaners von 12,5 auf 2,5 Personen reduziert.“

    Sehen Sie, Geld verbindet uns nicht nur, es trennt uns auch – es bringt das, was eigentlich auseinander ist, in einer künstlichen Form wieder zusammen, das ist seine Symbolik, und es reißt auseinander, was natürlich gewachsen ist. Es bringt zwei Boxer in den Ring, die sich dafür vermöbeln; und es bringt Familien auseinander, die sich um eine Erbschaft streiten. Das ist die Diabolik des Geldes. Doch die Vereinsamung hat im Wesentlichen mit der Dematerialisierung des Geldes zu tun, einem Prozess, den ich seit über dreißig Jahre studiere und den ich hier etwas ausführen muss. Solange Geld materiell vorhanden war, konnte man es verdammen, fernhalten, konnte man seine symbolischen und diabolischen Auswirkungen beobachten, kurz: Man konnte es objektivieren. Das ist heute nicht mehr der Fall. Das Geld immunisiert mich gegen die Wirklichkeit, also auch gegen den Mitmenschen. Solange man es noch verdammen konnte, war man sich seiner Gefahr bewusst. Doch durch seine »Invisibilisierung«, sein Unsichtbar-Werden, wurde diese Gefährdung gebannt. Der entscheidende Sprung fand in den 1970er Jahren statt, mit der Elektronifizierung der Zahlungsströme.“

    (In Geert Maks Buch über den „Untergang des Dorfes in Europa – Jorwert“ meint eine Milchbäuerin, dass der entscheidende Sprung mit der Überweisung des Milchgeldes auf ihr Konto begann, davor hatte sie es immer bar bekommen.)

    “ Viele Studien kommen aber zu dem Schluss, dass es den Menschen heute besser geht als früher. Der Wohlstand sei gestiegen und die Zufriedenheit auch…

    Ach was! In diesem Kapitalismus, der fast kein Realwachstum mehr zustande bringen kann, dienen nun die menschlichen Beziehungen als Rohstoff, um einen künstlichen Mehrwert herzustellen. Jede Parzelle der Beziehung, von der alltäglichen Kommunikation übers Handy bis zu den Coaching-Kursen für angeschlagene Ehen, alles wird jetzt zum Rohstoff des endlosen Verwertungsprozesses. Mit der Aufkündigung der Bretton-Woods-Abkommen und der umfassenden Liberalisierung des Geldes zu Beginn der siebziger Jahre erhielt die Sozialgrammatik des Win-win eine ungeheure Unterstützung. Geld ist nicht nur das berühmte Schmiermittel zwischen den Waren, es ist das Mittel der Wertextraktion par excellence, der heute wohl wichtigste Produktionsfaktor. Der wundersame Kniff, der diese Illusion wachhält, ist die Vorstellung, dass in unserer Welt jede Beziehung ein Win-win-Spiel sein kann. Auf diesem Kniff beruht die Moderne. Sein Katalysator ist das Geld. Doch solange man es unter Kontrolle hielt, war diese Pandorabüchse einigermaßen sicher. Durch die Siebziger-Ereignisse ist es nun mit dieser Sicherheit vorbei. Wir schwelgen im künstlichen Glück.“

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