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vonHelmut Höge 09.09.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Arab Women on a Rooftop. Photo: artnet.de

Frauen unterm Islam

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Aus der taz von heute:

taz: Frau Akbar, die afghanische Regierung und die internationale Gemeinschaft streben Verhandlungen zur Lösung der Konflikte an. Erste Vorgespräche hat es in Afghanistan bereits gegeben. Stärken Verhandlungen die Taliban?

Noorjahan Akbar: Ich behaupte nicht, dass die internationale Gemeinschaft die Taliban unterstützt. Aber letztlich sagt sie, ohne es an die große Glocke zu hängen: Lasst uns den Einsatz beenden und Afghanistan verlassen. Aber das heißt, Afghanistan falsch zu einzuschätzen. Denn wollte man den Einsatz beenden und gehen, hätte man das schon nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 machen können – ohne so viele unserer Leben zu riskieren und den Tod von Zivilisten in Kauf zu nehmen. Da die westlichen Länder sich hier aber engagiert und den Frauen einige Freiheiten gebracht haben, können sie jetzt nicht so einfach gehen und alles wieder den Taliban überlassen. Das aber passiert gerade, wenn auch langsam: Bis 2008 wurde versucht, Warlords zur Verantwortung zu ziehen. Es gab sogar Versuche, das sie schützende Amnestiegesetz aufzuheben. Aber wenn heute ein vierjähriges Mädchen vergewaltigt wird, erhebt niemand für das Kind seine Stimme.

Sie sagen, selbst im Zentrum Kabuls, wo Sie leben, herrsche ein frauenfeindliches Klima.

Ja. Kürzlich ging ich mit meiner Schwester in der Abenddämmerung die Straße entlang. Ein Auto fuhr erst langsam neben uns her und kam dann direkt zu mir herangefahren, woraufhin ich weglief. So etwas passiert fast wöchentlich. Ich höre Männer auf der Straße sagen: „Hoffentlich kommen die Taliban bald zurück und zahlen es diesen Prostituierten heim“. Früher war das nicht möglich, da konnte ich noch zur Polizei gehen. Doch heute behandelt mich auch die Polizei wie eine Prostituierte. Polizisten stoppen uns am Abend und wollen meine Heiratsurkunde sehen, selbst wenn ich von meinem Bruder begleitet werde. All das erweckt den Eindruck, als hätten die Regierung und die internationale Gemeinschaft die eine Hälfte unserer Gesellschaft komplett vergessen.

Ausländische Frauen in Afghanistan machen meist nicht diese Erfahrung. Woran liegt das?

Weil diese Frauen Bodyguards und Autos haben. Sie sind keine armen Afghaninnen, die sich nicht mal ein Taxi leisten können. Für internationale Organisationen wie für die Regierung zählen nur die Zahlen: Wie viele Mädchen gehen zur Schule, wie viele Frauen arbeiten? Sie wissen nicht, was einem Mädchen oder einer Frau auf dem Schulweg passiert. Im Schnitt geht ein afghanisches Mädchen nicht mehr als zwei bis vier Jahre zur Schule. In dieser Zeit lernt sie in dem afghanischen System oft nicht einmal Lesen und Schreiben. Und dann heiratet sie, oft zwangsweise.

Wie erleben Sie das konkret an Ihrem eigenen Wohnort?

Das Viertel in Kabul, in dem ich lebe, gilt als sicher, dort gibt es gebildete Menschen, Schulen und Universitäten. Trotzdem bekamen wir seit unserem Einzug bereits drei Warnungen von unserem Vermieter, der Kommandeur ist. Weil die Mitarbeiter unserer Organisation sich oft bei uns in der Wohnung treffen, halten er und andere uns vor, wir würden hier ein illegales Gewerbe, ein Bordell betreiben. Noch vor zwei Jahren hätte jemand dies nicht so einfach behaupten können. Doch jetzt, wo durch den sogenannten Versöhnungsprozess ein entsprechendes Klima im Land geschaffen wurde, meinen diejenigen, die wie die Taliban denken, dass sie sowohl von der Regierung als auch der internationalen Gemeinschaft Rückenwind haben.

Den Erklärungen der internationalen Gemeinschaft zur Unterstützung der Frauen sind keine Taten gefolgt?

2001, als die von den USA geführten Nato-Kräfte den Krieg „gewonnen“ hatten, erklärte die US-Präsidentengattin Laura Bush, das Ziel der USA sei, die Menschen- und Frauenrechte zu schützen. Wenn Sie jetzt, zehn Jahre später, in Kabuls US-Botschaft jemanden fragen, ob dies das vorrangige Ziel der USA sei, wird er nein sagen. Das Hauptziel der USA ist, zu verhandeln und in Afghanistan Frieden zu erreichen. Frauen werden dabei nicht erwähnt. Frauen sind niemand. Es ist erschütternd, wie sich das verändert hat.

Heute schaut die Welt auf die arabischen Staaten. Inspirieren die dortigen Ereignisse, trotz aller Unterschiede, die junge afghanische Generation?

Ich habe mich kürzlich in einem Interview gegen die Idee einer Friedensdschirga ausgesprochen. Denn der Hohe Friedensrat kann nicht zu einer Friedensdschirga werden, wenn er zu 80 Prozent aus Warlords besteht, die in den 90er Jahren Kabul in Brand gesteckt haben. Jetzt behaupten sie, sie würden über Frieden sprechen. Das ist lächerlich. Es ist so, als würden Kriminelle über Gerechtigkeit sprechen. Kritisieren wir das öffentlich, wird schnell versucht, uns mundtot zu machen.

Wie geht Ihre Organisation Young Women for Change vor? Am 14. Juli haben wir mit Flugblättern und Plakaten öffentlich dagegen protestiert, dass Frauen in der Öffentlichkeit belästigt werden. So konnten wir eine öffentliche Debatte anregen. Einer der lokalen TV-Sender widmete seine Freitagssendung dem Thema Belästigungen auf der Straße. Aber statt für uns zu argumentieren, machten sie die Frauen dafür selbst verantwortlich. Zumindest hat unser Marsch ihre Aufmerksamkeit und die der internationalen Medien geweckt. Für uns sind die Belästigungen eine Verletzung unserer Menschenrechte. Sie hindern Frauen an einer sozialen Teilhabe.

Das ist ein großes Risiko.

Alles, was Sie in diesem Land machen, ist mit Risiken verbunden. Das hat sich noch einmal verschärft. Wenn ich heute vergewaltigt werde, wird sich niemand vor Gericht für mich einsetzen. Die Menschenrechtskommission wird schweigen, und ich werde wahrscheinlich nicht einmal einen Anwalt bekommen, um mich verteidigen zu können. Das Risiko einer Vergewaltigung ist für mich als Frau, die jeden Tag das Haus verlässt, sehr groß.

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Die Junge Welt berichtete am 2.9. aus dem Irak:

Rania war 16 Jahre alt, als sie von Offizieren des Saddam-Regimes 1991 während einer Offensive gegen Schiiten im Südirak vergewaltigt wurde. »Man hatte meine Brüder zum Tode verurteilt. Um sie zu retten, bot ich meinen Körper an«, erinnert sie sich heute. »Das war der Preis.« Doch die Familie dankte es ihr nicht. Sie wurde verstoßen, weil sie angeblich Schande über ihre Angehörigen gebracht hatte. Rania schlug sich bis in die Hauptstadt Bagdad durch, wo sie bald im Rotlichtmilieu landete.

In dem durch die US-Besatzung und ethnische Konflikte gezeichneten Land sind Prostitution und Frauenhandel weit verbreitet. Rania wurde schließlich die rechte Hand eines Frauenhändlers und dafür zuständig, die Kunden abzukassieren. Bis zu 20000 US-Dollar habe der Ring am Tag verdient, sagt sie. Jungfrauen hätten sich für 5000 Dollar in den Norden des Landes, nach Syrien und in die Vereinigten Arabischen Emirate verkaufen lassen, während die übrigen Frauen für die Hälfte des Preises zu haben seien. Mädchen, die vor häuslicher Gewalt und Zwangsheiraten fliehen, fallen besonders rasch Helfern von Zuhältern in die Hände. Andere werden von ihren eigenen Verwandten an Männer oder Verbrecherbanden verkauft.

Die meisten Menschenhändler im Irak sind dabei selbst Frauen und betreiben kleine Bordelle in heruntergekommenen Vierteln wie Al-Battaween im Zentrum Bagdads. Rania wurde gemeinsam mit anderen Prostituierten vor sechs Jahren von US-Truppen verhaftet und angeklagt, Beihilfe zum Terrorismus geleistet zu haben. Sie kam in das Al-Kadimiyah-Gefängnis, wo eine Hilfsorganisation für Frauen Kontakt zu ihr aufnahm. Inzwischen arbeitet Rania für die Gruppe und verschafft sich heimlich Zugang zu Bordellen, um Informationen über die Zustände dort weiterzugeben. Sie nutzt dafür ihre Erfahrungen und gibt sich als Frauenhändlerin aus. So entdeckte sie auch ein Bordell in Bagdad, in dem 16jährige Mädchen US-Soldaten zu Willen sein mußten.

Früher konnten im Irak viel mehr Frauen als in anderen Ländern der Region lesen und schreiben. Zudem arbeiteten viele in Berufen, die eine höhere Ausbildung voraussetzten. 20 Jahre später wird ihr Alltag dagegen zunehmend vom islamischen Recht, der Scharia, geprägt. In einem 2010 veröffentlichten Bericht der Organisation »Norwegian Church Aid« heißt es, der 2003 begonnene Krieg der USA habe im Irak zu wachsender Unsicherheit und Gesetzlosigkeit geführt. Auch die Korruption in den Behörden und religiöser Fanatismus hätten zugenommen. Frauen seien immer häufiger Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt, ohne daß die Täter zur Verantwortung gezogen würden. Mädchen und Frauen würden entführt und in die immer stärker globalisierte Sexindustrie hineingezogen.

Die Praktiken sind im Irak zwar verfassungswidrig, es fehlen aber konkrete Gesetze dagegen. Solange die irakische Regierung nicht entschieden gegen die Menschenhändler vorgeht, werden noch viele andere Frauen das gleiche Schicksal erleiden wie die 18jährige Zeina. Ihr Großvater hatte sie mit 13 an einen Zuhälter in Dubai verkauft, wie die Organisation für die Freiheit von Frauen im Irak (OWFI) herausfand. Nach vier Jahren als Prostituierte gelang Zeina die Flucht. Als sie nach Bagdad zurückkehrte, zeigte sie ihren Großvater an. Seitdem ist sie verschwunden. Nach Erkenntnissen von OWFI wurde sie dieses Mal von ihrer Mutter an Kriminelle in Erbil im Nordirak verkauft.

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Ebenfalls am 2.9. berichtete die Junge Welt über die Situation von Frauen in einer jordanischen Textilfirma:

Für ausländische Arbeitskräfte ist es – selbst bei legalem Aufenthaltsstatus – in vielen Ländern ohnehin schwierig, ihre Rechte durchzusetzen. Noch mehr trifft dies auf Frauen zu. In Jordanien gibt es aktuell einen Skandal um den größten Exporteur der Textilbranche. In der Firma Classic Jeans Apparel Manufacturing Ltd. (Classic Brands) sollen aus Südasien stammende Arbeiterinnen mindestens seit 2007 immer wieder durch Mitglieder des Managements sexuell belästigt, vergewaltigt und in Einzelfällen sogar gefoltert worden sein. Unterdessen wird der Druck auf die namhaften US-Handelspartner des Unternehmens immer größer, etwas gegen die Zustände bei dem jordanischen Zulieferer zu unternehmen. Nichtregierungsorganisationen und progressive Medien rund um den Globus haben die Vorfälle öffentlich gemacht.

Die zuständigen Behörden haben bislang wenig zur Aufklärung der Vorfälle beigetragen. Mitte Juni wurde lediglich Anil Santha, einer der beschuldigten Manager, zwei Tage lang von der jordanischen Polizei festgehalten und verhört, danach aber umgehend wieder auf freien Fuß gesetzt. Anil Santha steht im Mittelpunkt des Skandals. Immer wieder soll er sich für gewaltsame sexuelle Eskapaden jeweils fünf bis sechs junge Frauen aus Sri Lanka in ein Hotelzimmer haben bringen lassen. Gegen solche Übergriffe hatten die Arbeiterinnen 2010 sogar gestreikt, letztlich aber ohne Erfolg. Sanal Kumar, Eigentümer und Direktor von Classic Brands, nahm seinen Chefaufseher in der Fabrik lediglich für wenige Wochen aus der Schußlinie, indem er ihn auf Rekrutierungsmis­sion für neue Arbeitskräfte nach Südasien schickte. Anschließend war Anil ohne jegliche Konsequenzen wieder an seinem alten Platz.

Allein die Arbeitsbedingungen in der jordanischen Firma sind skandalös. Von den 4800 Beschäftigten sind die meisten Migranten. Sie stammen aus Sri Lanka, Indien, Nepal, Bangladesch und Ägypten. Eine Tagesschicht dauert einem aktuellen Bericht des Institute for Global Labour & Human Rights (IGLHR) zufolge in der Regel 13 Stunden, bei anstehenden Auslieferungen können aber auch 18 Stunden daraus werden. Die Näherinnen müssen demnach sechs, oft sogar sieben Tage pro Woche arbeiten, werden mit umgerechnet gerade einmal 61 US-Cent pro Stunde entlohnt, häufig geschlagen, beschimpft und zu Überstunden gezwungen. Die Gemeinschaftsunterkünfte, in denen sie hausen, sind von Ungeziefer befallen und haben in den oft kalten jordanischen Wintern weder Heizung noch warmes Wasser.

Das IGLHR, die Organisation Change sowie andere Menschenrechtsgruppen machen in den USA, Jorda­nien und Sri Lanka Druck. Sie fordern nachhaltige Ermittlungen wegen der Vergewaltigungsvorwürfe einerseits und wegen der extremen Ausbeutung und Unterbezahlung andererseits. Sowohl das Arbeitsministerium in Jordaniens Hauptstadt Amman als auch ein behördliches Untersuchungsteam aus Sri Lanka haben aber angeblich keine Anhaltspunkte für Übergriffe gefunden. Anil sei offenbar zu Unrecht beschuldigt worden, sagten Kingsley Ranawaka vom Sri Lanka Bureau of Foreign Employment und Oberst Nissanka Wijerathne vom zuständigen Ministerium vor der srilankischen Presse.

Classic Brands produziert für die führenden US-Handelsketten Wal-Mart, Kohl’s, Target, Hanes und Macy’s. In den dortigen Konzernzentralen versucht man, den Skandal um einen wichtigen Hersteller der in den Vereinigten Staaten verkauften Kleidung bislang totzuschweigen. Wie die britische Huffington Post in einer Titelstory berichtete, war keine der Abnehmerfirmen auf Nachfrage bereit, Fragen zum Umgang mit dem Zulieferer zu beantworten. Hanes antwortete gar nicht auf eine Interviewanfrage, während die Führungen der anderen Konzerne lediglich ihre Besorgnis über die Zustände in Jordanien zum Ausdruck brachten, sich aber nicht dazu äußern wollten, ob man weiter mit Classic Brands zusammenarbeiten oder Veränderungen im dortigen Management einfordern werde.

Unterdessen hat eines der Vergewaltigungsopfer, eine junge Frau aus Bangladesch, gegenüber Medienvertretern von den Übergriffen gegen sie und ihre Kolleginnen berichtet. Und vor dem Hauptquartier von Sears, einem weiteren namhaften Abnehmer der Ware, demonstrierten in Chicago kürzlich Schüler. Sie forderten das Unternehmen auf, seinen Einfluß auf die Arbeitsbedingungen in Jordanien geltend zu machen und Menschenrechtsverletzungen zu unterbinden.

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In der taz berichtete Peter Böhm am 30.8. aus Saudi-Arabien:

Sie ist eine Kämpferin, sagt sie über sich selbst. Vielleicht ist das der Schlüssel zu ihrer Geschichte. Eine Kämpferin: Sie lässt sich nichts gefallen, soll das heißen. Von niemandem. Auch nicht von Männern. Nennen wir sie Adal, denn ihren richtigen Namen will sie nicht nennen. Nicht mal ihren Geburtsort, nur dass sie aus dem Süden Saudi-Arabiens kommt und Mitte vierzig ist.

Dass Frauen außerhalb des Hauses ihren Namen nicht nennen, ist nicht ungewöhnlich in Saudi-Arabien. Viele nennen sich „Um X“, „Mutter von X“. Und einen Familienstreit an die Öffentlichkeit zu bringen, gilt hier als schlimme Schande. Das ist jedoch genau das, was Adal gerade tut. Dass sie also überhaupt mit einem Journalisten spricht, ist nur so zu erklären, dass sie „nicht mehr kann“, wie sie sagt. Und so gibt ihre Geschichte einen seltenen Einblick in das Leben einer normalen saudischen Frau, weit weg vom im Umgang mit medienversierten Aktivistinnen. Und ihre Geschichte zeigt auch, dass sich immer mehr saudische Frauen gegen die Vormundschaft eines Mannes wehren (siehe Kasten). „Weil wir eine offenere Gesellschaft werden, sehen wir solche Fälle zunehmen“, sagt Hussein al-Scharif, der Chef der Gesellschaft für Menschenrechte (NSHR) in Dschidda. Und die Zahlen bestätigen das. Laut der Tageszeitung Arab News steigt die Scheidungsrate in Saudi-Arabien stetig an. Fast 62 Prozent der Ehen werden geschieden, und nach einer Schätzung wird es im Königreich 2015 vier Millionen unverheiratete Frauen über 35 Jahren geben.

Sollte noch irgendein Zweifel bestanden haben, wo wir uns hier befinden, wären sie schon am Eingang unseres Treffpunktes verschwunden. Das NSHR-Haus in Dschidda ist eine klassizistische Villa direkt an der Stadtautobahn. Sie hat zwei separate Eingänge, mit Schildern für „Frauen“ und „Männer“ darüber. Sie führen in zwei separate Haushälften, in denen die beiden Geschlechter getrennt arbeiten. Zusammen kommen sie nur in einem breiten Konferenzraum, der sich über beide Haushälften erstreckt. Selbst das ist jedoch ein Tribut an die Moderne. In vielen Institutionen in Saudi-Arabien, in denen Frauen arbeiten, kommunizieren sie mit Männern per Videokonferenz oder Telefon.

In diesem die Trennwände überspannenden Konferenzraum sitzt Adal. Sie trägt die Abaya, jene pechschwarze, weite Robe, die alle Frauen hier tragen; außerdem den schwarzen Gesichtsschleier bis über die Nase gezogen und über dem Kopf ein trapezförmiges Tuch in derselben Farbe, das sie an die Silhouette Darth Vaders gemahnen lässt, des Erzschurken aus der Star-Wars-Trilogie. Aus dem engen Schlitz, der frei bleibt, lugt sie mit dunklen, lebendigen Augen.

Wenn sie sich zurücklehnt, teilt sie den Raum vor sich mit flinken Bewegungen ihrer Hände, wie das Frauen im Mittleren Osten so tun. Dann sieht man, dass sie auf den Nägeln der linken Hand Nagelack trägt – die rechte Hand ist die gute Hand im Islam. Dort trägt sie auch einen großen Silberring und drückt nervös auf einem Papiertaschentuch-Ball herum. Wenn sie noch etwas nervöser ist, hat sie auch noch eine Gebetskette vor sich liegen. Die nimmt sie dann in die rechte Hand und lässt sie, jede Kugel einzeln, schnell durch die Finger gleiten.

Das ist Adals Geschichte: Von ihrem Vater wurde sie mit 13 Jahren in die Ehe mit einem Mann aus dem Nachbardorf gegeben. Hat sie ihn vorher einmal gesehen? „Nein, das ist bei uns nicht Tradition“, sagt sie und stellt gleich klar, der Grund für die frühe Hochzeit sei allein die Gier ihres Vaters gewesen. „Er wollte den Brautpreis für mich.“ Später wird sie sagen, bei fast allen Familienstreitereien gehe es im Grunde ums Geld, und die NSHR-Mitarbeiterin, die im Raum dabei sitzt, wird nicken. Von Anfang an jedoch, sagt Adal, habe es Probleme in ihrer Ehe gegeben, weil ihr Mann ihr Vorschriften machen wollte. Aber da sie, wie gesagt, eine Kämpferin ist, beendete sie die Schule und studierte sogar. Heute ist sie Lehrerin in einer staatlichen Mädchenschule.

Mit ihrem Mann zusammen zog sie nach Dschidda, ans Rote Meer. Erst arbeitete er dort in einer Bank, heute ist er Geschäftsmann. Zusammen hatten sie einen Sohn, dann eine Tochter. Als ihre Tochter drei Jahre alt war, ließ Adal sich jedoch scheiden. Das war vor 20 Jahren. Die Probleme hörten damit jedoch nicht auf, denn ihr geschiedener Mann ist der Vormund ihrer Tochter und muss deshalb allen wichtigen Entscheidungen zustimmen, die sie betreffen.

Eigentlich sollte die Tochter heute mit ihr zu dem Interview kommen, aber sie hatte Angst und blieb deshalb zu Hause. Adal sagt, ihr geschiedener Mann lasse das Haus überwachen und wäre zur Polizei gegangen, hätte er gesehen, dass sie mit ihrer Tochter zur NSHR geht. „Ich kann nichts machen“, sagt sie und lässt die Gebetskette rotieren. „Wenn ich zur Polizei gehe, sagen die mir: „Wir können Ihnen nicht helfen. Kommen Sie mit Ihrem Vormund wieder.“

Kurz nach der Scheidung hat ihr Exmann die einjährige Tochter zu sich genommen. Adal musste vor Gericht gehen, um das Sorgerecht für sie zu erstreiten. Nun will sie, dass ihre Tochter im Ausland studiert. Sie ist gerade im zweiten Semester ihres Medizinstudiums. Doch ihr geschiedener Mann will sie nicht gehen lassen. Adal ist sicher, dass er sie verheiraten möchte. Er ist der Vormund, er kann das entscheiden. In Saudi-Arabien geht gerade ein Verfahren durch die Instanzen, in dem eine Ärztin klagt, den Mann ihrer Wahl, nicht der ihres Vaters, heiraten zu dürfen. Aber nach derzeitiger Rechtslage entscheidet noch der Vormund. „Mein Exmann hat eine zweite Frau geheiratet. Deren Tochter hat er mit 15 Jahren verheiratet“, sagt Adal, und wieder klackert die Gebetskette. Adal selbst würde gerne nach Syrien reisen, um sich die Zähne richten zu lassen. Dort seien die Ärzte billiger, sagt sie. Aber sie bekommt die Zustimmung ihres Vormundes dafür nicht.

Und es kommt noch schlimmer: Ihr Vormund ist nämlich ihr älterer Stiefbruder, mit dem sie sich seit Jahren vor Gericht um die Erbschaft ihres Vaters streitet. Die zwei Häuser stehen in ihrem Heimatdorf im Süden des Landes. „Er nimmt meine Anrufe nicht an. Er hilft mir gar nicht“, sagt sie über ihren Stiefbruder. „Wenn wir uns treffen, beschimpft er mich. Ich stelle immer sicher, dass ich nicht allein mit ihm im Raum bin, damit mir nichts zustoßen kann.“

Ein Gericht hat Adal ihren Anteil an den Häusern zugesprochen, aber bisher hat sie noch nicht darauf zugreifen können. Den Richter hat sie gebeten, die Vormundschaft ihres Bruders auf ihren Sohn zu übertragen. Der studiert allerdings gerade in Indien. Der Richter hat das abgelehnt. Er wolle erst den Erbschaftsstreit abarbeiten, habe er gesagt, sagt Adal, dann werde er über die Vormundschaft entscheiden.

Die Wurzel des ganzen Übels für Frauen in Saudi-Arabien, sagt Adal, liegt darin, dass Männer in dem Land nicht damit umgehen könnten, dass die Frauen ihr eigenes Geld verdienen. Sie sagt, seit dem Tod ihres Vaters zahle sie die Zinsen für den Kredit des Hauses, in dem ihr Stiefbruder nun wohnt. Und später wird sie mit einem breiten Lachen erzählen, das man selbst durch den Schleier sehen kann, dass sie ein eigenes Auto hat und einen Fahrer und ein Dienstmädchen aus Indonesien – die saudischen Statussymbole, ohne die hier keine Familie auskommt.

Deshalb ärgert sie sich so, dass sie für so viele Sachen die Zustimmung eines Mannes braucht. „Das Vormundschaftssystem macht mir das Leben zum Spießrutenlauf“, sagt sie. „Für jemanden wie mich, die geschieden ist, die mit ihrem Stiefbruder Streit hat und deren Sohn nicht im Land ist: Was soll ich machen?“

Das System will sie gar nicht ändern. „Ich will nur eine Lösung für mein Problem. Das ist alles.“ Und wieder heiraten, was viele Frauen in Saudi-Arabien machen, um einen neuen Mann in ihr Leben und damit einen neuen Vormund zu bekommen, steht für Adal nicht zur Diskussion. „Nach meiner ersten Ehe ist mir dieser Gedanke nicht ein einziges Mal gekommen“, sagt sie, ohne das Ende der Frage abzuwarten. „Ich hatte viel zu viel Angst, dass nur jemand anderes kommt, der über mein Leben bestimmt.“ Die Gebetskette liegt dabei unberührt vor ihr auf dem Tisch.

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Am 17.8. interviewte die taz die islamische Feministin Amina Wadud:

taz: Frau Wadud, seit wann gibt es eine Frauenbewegung im Islam?

Amina Wadud: Historisch sehe ich die ersten Schritte eines Feminismus im Islam etwa in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Diese Frauen bezogen sich mit ihrem Engagement nicht speziell auf den Islam. Sie waren Muslimas und setzten sich vor allem für die politische Partizipation von Frauen im öffentlichen Leben ein. Dazu gehörten das allgemeine Frauenwahlrecht, Bildungsfragen oder die Menschenrechte. Oft waren diese Frauen Teil einer nationalen Bewegung, die den Wandel zur Etablierung von Nationalstaaten vorantrieb.

Mit Blick auf islamisch geprägte Länder war der Erfolg dieser Bemühungen aber mäßig?

Das vorläufige Ergebnis ihres Engagements war, dass ihre Anliegen – speziell zur Rolle der Frau im öffentlichen Leben – kaum berücksichtigt wurden. Teilweise gab es sogar Rückschritte.

Inwiefern?

Als der politische Islam an Bedeutung gewann, also zu Beginn der 70er Jahre etwa, versuchten die Fundamentalisten den Islam als perfektes System zu vermitteln, auch was die Rolle der Frau betrifft. Diese Bewegung artikulierte eine klare Treue zum Islam und ebenso eine klare Opposition zum westlichen Imperialismus – diese Haltung war für viele recht attraktiv. Die Fundamentalisten konkurrierten aber bald mit den Frauenrechtlerinnen, insbesondere bei der Frage, inwieweit Frauen Bürger zweiter Klasse seien oder eben nicht.

Feminismus und Islam ist kein Widerspruch in sich?

Für die Fundamentalisten war der Gedanke der Gleichberechtigung von Mann und Frau oder auch die Identifikation mit den Menschenrechten Teil westlichen Gedankenguts – und mit dem Islam unvereinbar. Die Feministinnen vertraten sehr schnell die Ansicht, dass das Problem in der Religion selbst liege, und plädierten dafür, die Religion aus dem Diskurs herauszuhalten. Muslimische Frauen standen also vor der Wahl: entweder die Treue zum Islam oder die Identifikation mit den Menschenrechten. Die Mehrheit muslimischer Frauen aber identifizierte sich sowohl mit dem Islam als auch mit der Idee der Menschenrechte. Und wir Feministinnen waren davon überzeugt, dass wir diese Wahl nicht brauchen.

Die Mehrheit muslimischer Männer sieht das nicht so?

Es hat eine Zeit lang gedauert, bis wir in der Lage waren, die Vereinbarkeit von Islam und den Menschenrechten klar zu formulieren. Dass beides geht, am Islam festzuhalten und sich mit den Menschenrechten zu identifizieren, basiert auf dem Bewusstsein einer nationalen Identität und der Überzeugung, dass wir Frauen unseren eigenen Beitrag leisten müssen, den Islam zu interpretieren. Das heißt, eben auch mitzuwirken beim Auslegen islamischer Textquellen. In der Tat werden wir sehr oft missverstanden. Entweder man steckt uns in die Ecke der Islamisten oder man unterstellt uns säkulare Tendenzen.

Worin unterscheidet sich islamischer Feminismus von der herkömmlichen Frauenbewegung?

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es eine Alternative für muslimische Frauen, die sich nicht zwischen den Menschenrechten und dem Islam entscheiden wollen. Und es gibt einen Namen für das, was wir tun: islamischer Feminismus. Denn wir ziehen den Islam heran, um die Gleichwertigkeit von Mann und Frau ins Bewusstsein zu rufen. In den letzten zehn Jahren ist eine neue Dimension hinzugekommen. Es geht uns nicht mehr nur um Gleichberechtigung innerhalb der Gesellschaft, also im öffentlichen Leben, sondern auch um Gleichberechtigung innerhalb der Familie. Derzeit arbeiten wir sehr intensiv daran, unter anderem das Familienrecht zu reformieren. Es geht nicht darum, die Geschlechter einander anzugleichen, sondern Gleichberechtigung im öffentlichen wie im privaten Leben herzustellen. Wir wollen, dass Frauen die freie Wahl haben und dass diese Entscheidung respektiert wird – ganz egal ob sich Frauen beruflich engagieren oder zu Hause innerhalb der Familie. Das Bewusstsein der Vereinbarkeit von Islam und der Idee der Menschenrechte ist neu und die Zahl der Muslime, die das so sehen, wächst stetig.

In Saudi-Arabien, wo es noch immer ein Fahrverbot für Frauen gibt, ist dieses Bewusstsein einfach noch nicht angekommen?

Ich kenne Frauen in Saudi-Arabien, die sich erst kürzlich im Rahmen einer Kampagne gegen das Fahrverbot engagiert haben. Wir haben Twitter-Messages aus den USA gesendet, um sie dabei zu unterstützen.

Ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Es wird oft übertrieben, was die Situation in Saudi-Arabien angeht, so als täte sich dort gar nichts. Gerade im Moment arbeiten saudische Frauen daran, ihre Situation zu verbessern. Auch wenn diese Frauenarbeit sich auf die jeweils lokalen Bedürfnisse konzentriert: jeder Tropfen hilft, das Fass zu füllen. Nicht alle Tropfen sind dieselben, aber wir tun sie alle hinein – und irgendwann ist das Fass der Gleichberechtigung gefüllt.

Vor sechs Jahren haben Sie erstmals vor einer gemischten Gemeinschaft in New York ein Freitagsgebet geleitet. Das sorgte für einen Eklat in der islamischen Welt. Was hat das gebracht?

Es gab natürlich viel Raum für Gegenreaktionen, aber auch ein klares Mandat für sehr viel klarere Antworten hinsichtlich der Partizipation von Frauen im öffentlichen religiösen Leben. Auch wenn es noch immer eine Minderheitshaltung ist, dass Frauen vor gemischten Gemeinschaften Freitagsgebete leiten, so ist doch die Zahl der Befürworter gewachsen. Es hat begonnen und es passiert auf unterschiedliche Art und Weise. Von einer Kollegin habe ich erst kürzlich erfahren, dass die „Mohammedia“, die zweitgrößte muslimische Organisation weltweit, entschieden hat, Frauen bei der Leitung der Gebete unter bestimmten Umständen zu beteiligen. Das ist im Moment der größte Zuspruch seit dem Ereignis 2005 in New York. Es gibt Moscheegemeinden, die es befürworten, dass regelmäßig Frauen Gebete leiten. Nicht jede Woche, aber zum Beispiel im Wechsel mit den Imamen. Diese kleineren Fortschritte gibt es immer häufiger, wo immer sich Raum dafür auftut. Und das ist der Beginn dessen, wofür ich immer gekämpft habe: dass die Teilhabe von Frauen auch in religiösen Führungspositionen als Normalität betrachtet wird.

Wie beurteilen Sie die Umbrüche, die durch die arabischen Revolutionen angestoßen werden, aus der Perspektive eines islamischen Feminismus?

Etwa Mitte des vergangenen Jahrhunderts haben sich die Frauen oft im Rahmen nationaler Bewegungen für die Etablierung eines Nationalstaates engagiert. Von den Errungenschaften der postkolonialen Zeit haben sie nie in vollem Umfang profitiert. Im Gegensatz dazu sind die Frauen des arabischen Frühlings heute mit an der Basis tätig: als Politikerinnen, als Richterinnen, als Geschäftsfrauen, als Studentinnen. Sie wirken mit, auch beim Schreiben neuer Verfassungen arabischer Staaten, und sie sind sich darüber im Klaren, dass es notwendig ist, auch die Belange der Frauen mit einzubeziehen, das heißt, den vollen Zugang zu den Vorteilen einer erfolgreichen Revolution zu erhalten.

Liegt die Umgestaltung der arabischen Staaten nicht mehrheitlich wieder in der Hand der Männer?

Natürlich gibt es diese Leute, die Frauen von der Teilhabe der Errungenschaften abhalten wollen, die sagen: „Wir wollen euch gerne auf dem Tahrirplatz die Transparente hochhalten sehen, aber ihr könnt nicht für das Amt des Präsidenten kandidieren.“ Diese Position gibt es. Aber der Unterschied ist, dass wir jetzt eine kritische Masse von Frauen haben – und diese Frauen gehen nach der Revolution nicht einfach so nach Hause. Diese Frauen sind kompetent, sie haben Fähigkeiten, sie haben das Wissen über den Islam, sie haben die Motivation – persönlich, spirituell, politisch, akademisch und intellektuell – für ihre Teilhabe in einem neuen Ägypten, Libyen, Syrien oder Jemen zu kämpfen.

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Die Le Monde Diplomatique Autorin Charlotte Wiedemann schreibt über die Frauen in Saudi-Arabien:

Draußen Sandsäcke, bewaffnete Wachen und eine versenkbare Straßensperre – aber das ist nicht der Rede wert; nur die übliche Angst vor Anschlägen. Das Erstaunliche ist hier drinnen: eine Redaktion, in der  Männer und Frauen niemals zusammentreffen. Voilà, dies ist Saudi-Arabien.

„Al-Riyadh“ ist die größte Tageszeitung des Landes. Drüben im Hauptgebäude arbeiten etwa 300 Männer, hier im Nebentrakt zwölf Frauen, unterstützt von zehn Korrespondentinnen in anderen Städten. Überladene Schreibtische, überquellende Pinnwände, alles wie in jeder beliebigen Redaktion – bloß dass diese Journalistinnen mit den Männer drüben nur per Telefon, Email oder Fax verkehren. Einen Grund zur Klage sehen sie darin nicht, im Gegenteil. „Wir nutzen die Technik zu unserem Vorteil“, sagt die Wirtschaftsjournalistin Bariah Ibrahim.

Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Geschlechtertrennung so strikt wie in Saudi-Arabien. Eine westliche Besucherin wird in der Hauptstadt Riad vom ersten Moment an von einem seltsamen Gefühl befallen: nicht vorgesehen zu sein. Nicht in der schönen Lobby des Hotels, nicht in den schicken Cafés um die Ecke, nicht auf der Straße und nicht in den milden Strahlen von Riads Wintersonne. Alles Öffentliche, Offene, Luftige ist ein männlicher Ort, ein rot-weiß markierter Ort – rotweiß gescheckt sind die arabischen Tücher der Männer.

Den Journalistinnen von „al-Riyadh“ ist die Eifersucht, es den Männern gleich tun zu wollen, fremd. Und sie haben wenig Lust, über Geschlechtertrennung zu diskutieren, das seien doch Äußerlichkeiten, ihnen geht es um ihre Arbeit, um Qualität, um Anerkennung.

„Früher wollten die Männer in den Ministerien nicht einmal am Telefon mit mir reden. Vieles hat sich verändert“, sagt Bariah. „Es wird heute akzeptiert, dass eine Journalistin auch draußen recherchieren muss.“ Eine Kollegin, die für eine Reportage fünf Tage in abgelegenen Wüstengebieten verbrachte, wurde von ihrem Bruder begleitet. Gibt es nicht für alles eine Lösung? Im Zimmer der Autorin hängt die Reportage hinter Glas, sie wurde mit einem Preis ausgezeichnet, alle stehen stolz davor, und irgendwie versteht man in diesem Moment, dass es Wichtigeres gibt als die Frage, warum sich eine gestandene Mutter von vier Kindern von ihrem Bruder begleiten lassen musste.

Die Protagonistinnen dieser Geschichte sind pragmatische Heldinnen. Sie erkämpfen sich Freiräume, wo wir gar keinen Raum sehen. Sie erwarten Respekt, nicht Mitleid. Und sie entziehen sich unseren Klischees von Emanzipation. Bariah, die Wirtschaftsredakteurin,  verschleiert ihr Gesicht nicht, anders als viele saudische Frauen. „Niemand kann mich dazu zwingen“, sagt sie. Aber wenn man sie hinter ihrem Schreibtisch fotografieren möchte, dann hängt sie sich plötzlich alle verfügbaren Lagen schwarzen Stoffs über Gesicht. Für ein Massenpublikum ausgestellt zu werden, für eine Masse unbekannter Männer, erscheint ihr wie ein Angriff auf ihre Intimsphäre.

Als Bariah vor 13 Jahren mit den ersten Artikeln begann, war ihr Vater entsetzt: Du verdirbst den Ruf der Familie! Er lief zum Schwiegersohn: Halte Du sie zurück! Schließlich verlangte er: Schreib` wenigstens nicht unter unserem Familiennamen! Also zeichnete sie nur mit Erst- und Zweitnamen: Bariah Ibrahim. Später, als sie anerkannt war, besann sich der Vater. „Möchtest Du nicht vielleicht unter unserem Familiennamen schreiben?“ bat er. „Warum sollte ich?“ entgegnete sie.

Draußen wartet ihr Wagen, am Steuer ihr sudanesischer Fahrer. Eine Frau darf in Saudi-Arabien nicht Autofahren. Dabei ist Riad Auto-Stadt pur, ein amerikanisch anmutendes Stadtgebilde mit vier Millionen Einwohnern und schnurgeraden, überbreiten Straßen, die bis zum Horizont über ein brettflaches Wüstenplateau kriechen. Das Fahrverbot produziert einen der vielen bizarren Widersprüche im saudischen Sittenkosmos: Die Frau verbringt jeden Tag Stunden mit einem fremden Mann. Die meisten Fahrer sind Ausländer, Gastarbeiter; aus Sicht eines saudischen Mannes zählen sie nicht ganz, verwandeln sich für die Dauer der Arbeitszeit quasi in moderne Eunuchen.

Das Fahrverbot ist plakativ, demütigender ist anderes: So alt eine saudische Frau auch werden mag, sie wird gesetzlich nie voll mündig.  Will sie in einem Hotel absteigen oder außer Landes reisen, braucht sie auf einer gelben Karte das schriftliche Einverständnis eines männlichen Verwandten, in der Regel Vater oder Ehemann. Gegen den Willen dieses Vormunds kann sie kein Haus mieten, keinen Personalausweis beantragen, keine Operation vornehmen lassen. Und trotzdem gibt es Frauen, die eine Universität leiten oder einen Betrieb. Oder fliegen lernen, obwohl sie nicht fahren dürfen.

Anruf aus Mekka. Am Telefon ist Saudi-Arabiens erste Pilotin. „Insha´allah“, sagt sie, so Gott will, „bin ich eine Pionierin“, und ehe ihre Stimme einen Punkt hinter diese Hoffnung setzt, sagt Hanadi Zakarya Hindi noch einmal: „Insha`allah.“  Die fromme 27jährige hat ihre Ausbildung in Jordanien absolviert, finanziert vom mächtigsten Unternehmer Saudi-Arabiens, dem reformerisch gesinnten Prinz Walid bin Talal. Wenn die Pilotin künftig über die Landesgrenze fliegt, wird sie dafür die schriftliche Erlaubnis des Vaters brauchen –  sie reist ja allein. Hanadi übersieht das einfach: „Ich liebe das Fliegen, und andere Frauen werden mir folgen, insha`allah.“

Selbstbewusst, gebildet und hartnäckig – das ist die andere, die wenig bekannte Seite der saudischen Frauen. Etwa 400 000 (rund zehn Prozent) sind trotz aller Hindernisse berufstätig, vor allem in Schulen, Krankenhäusern, in der Verwaltung, wo Geschlechtertrennung leichter fällt. Für die Monarchie ist die Trennung ein Beleg, wie islamisch-fromm ihre Herrschaft sei – und dies muß betont werden angesichts des Drucks, den eine islamistische Opposition auf das Königshaus ausübt. Auf der anderen Seite möchte die Regierung die Berufstätigkeit von Frauen durchaus ausdehnen, als Teil der „Saudisierung“ des Arbeitsmarkts: Bisher sind zwei Drittel aller Beschäftigten Gastarbeiter. Liberale Reformer wollen wiederum mehr Teilhabe von Frauen als Schritt zu mehr Demokratie; den Ultrareligiösen geht hingegen jetzt schon alles viel zu weit. So zerren alle Seiten an den Frauen, mit ihrer Rolle verknüpft sich die Frage nach dem künftigen Gesicht dieser zugleich verunsicherten und stoischen Gesellschaft:

Um zu verstehen, warum das so ist, hilft ein Blick auf die saudische Geschichte. Saudi-Arabien ist ein junger Staat, gegründet 1932, also gerade 74 Jahre alt. Die arabische Moderne des frühen 20. Jahrhunderts ging an der Halbinsel vorbei, etwa jene berühmte Geste einer ägyptischen Frauenrechtlerin, die sich auf dem Kairoer Bahnhof 1922 demonstrativ den Schleier vom Kopf riss.

Als die Modernisierung mit den amerikanischen Ölfirmen verspätet nach Zentralarabien vordrang, beschränkte sie sich aufs Materielle, Technische – in widersprüchlicher Koexistenz mit einem strikten Islam: Das saudische Königshaus hatte sich seit dem 18. Jahrhundert aus machtstrategischen Gründen mit dem Wahhabismus verbunden, einer puristischen Reformbewegung. Aber Tradition erklärt beileibe nicht alles. Erst durch Wohlstand, Verstädterung und verwestliche Konsumgewohnheiten entstanden jene goldenen Käfige, in der die Ehefrauen und Mütter der Mittel- und Oberschicht aufbewahrt werden konnten: behütet und kontrolliert, verwöhnt – und auch verachtet.

Die spiegelglatten Marmorgänge von Riads Shopping-Malls sind ihr Auslaufgehege: eine klimatisierte Halb-Öffentlichkeit, wo schwarz-verschleierte Gestalten vor der Kulisse einer globalisierten Markenwelt eine völlig inhaltsleer wirkende saudische Identität verkörpern. Islam?  Zaynab, die Tochter des Propheten, durfte auf einem Kamel von Mekka nach Medina reiten; 14 Jahrhunderte später sitzen die Urenkelinnen in so genannten family-sections von Fastfood-Ketten, von der Außenwelt durch Stellwände und Milchglasscheiben getrennt, und selbst das dürfen sie, streng genommen, nur in Anwesenheit des männlichen Vormunds.

Der Blick hinter die Stellwände, hinter die Fassade des Frauenlebens beginnt mit dem Kauf einer Abaya, der schwarzen Verhüllung. In der Boutique stellen sich ungeahnte Fragen:  Schmetterlings-Stil, China-Stil, Oman-Stil? Die Abaya ist zu einem Modeartikel geworden, bestickt und mit Pailetten besetzt kann sie bis zu 1500 Euro kosten. Die vielen Varianten, die jetzt selbst im strikten Riad getragen werden können, gelten als Zeichen wachsender Freiheit, ein saudischer Frühling. Auch die Presse ist freier, und die Religionspolizei hält sich zurück.

Saudische Frauen sagen: Nicht die Abaya als solche,  sondern wie sie getragen werde, sei entscheidend – nämlich „auf dem Kopf “ oder „auf den Schultern“. Das sind politische Chiffren: „auf dem Kopf getragen“ ist die Abaya ein Umhang, der die Frau zu einem formlosen Dreieck macht; so verlangen es die Ultrareligiösen. Auf den Schultern getragen gleicht die Tracht einem schwarzen Mantel, kann durchaus elegant sein.

Morgens am Tor 3 zum Frauen-Campus der König-Saud-Universität: Die Dozentinnen verschleiern sich für die wenigen Meter vom Wagen bis zum Eingang, drinnen ist die Atmosphäre wie ausgewechselt.  Wie überall, wo Frauen unter sich sind, ist der Campus Abaya-freie Zone, entspannt flaniert der weibliche Teil einer jungen Nation. Bildung ist das Billet in eine freiere Zukunft, das haben die Mädchen längst begriffen. Zugelassen an fünf von acht Universitäten stellen sie dort bereits eine knappe Mehrheit.  1970 gab es, wenn die staatlichen Angaben stimmen, gerade 313 Studentinnen, jetzt sind es 49 000, plus etwa 100 000 an Frauen-Colleges. 60 Prozent aller saudischen Professoren sind weiblich, auch dies eine Folge der Geschlechtertrennung. Gelegentlich lauschen die Studentinnen männlichen Professoren:  sie sehen sie auf einem Bildschirm, Fragen werden per Telefon zum Männer-Campus übermittelt.

Als Hind Al-Khuthaila 1971 zum Studium in die USA ging, erhob sich ihr Stamm in Aufruhr; die elegante sanfte Professorin wurde später erste weibliche Dekanin der König-Saud-Universität. Zu ihren vielen Tätigkeiten gehört heute, das Bildungsniveau in den Golfstaaten zu evaluieren – aber wenn sie ein Flugticket buchen will, fragt der Mann im Reisebüro, wo ihr Gatte sei. Die Professorin erzählt mit Humor; saudische Frauen lassen sich gegenüber Fremden selten anmerken, worunter sie leiden.

Gegen die ersten Mädchenschulen Zentralarabiens griffen Männer zu den Waffen; das ist erst 40 Jahre her. Um den Widerstand zu besänftigen, stellte der König die Mädchenbildung unter die Aufsicht der Geistlichen – ein für Saudi-Arabien typischer Kompromiss. Das Arrangement zerbrach erst im März 2002, als 15 Mädchen starben: Weil sie ohne Abaya nicht aus ihrer brennenden Schule fliehen durften. Das war in Mekka, der heiligen Stadt; viele im Land waren schockiert. Jetzt unterstehen die Mädchenschulen dem Staat, aber die Geistlichen haben weiterhin die alleinige Macht zu definieren, was Frauen dürfen.

Beispiel Fahrverbot: Aus dem Islam ist das Verbot nicht abzuleiten – aber jeder Versuch es aufzuheben ist fruchtlos ohne den Segen der Religionsgelehrten. „Der Prophet hat gesagt: Lehret eure Kinder reiten und schwimmen. Damit waren auch die Mädchen gemeint.“ Suhaila Zain al-Abidin doziert mit erhobenem Zeigefinger über ihrer Teetasse. „Jede Art des Transports ist für Frauen erlaubt.“ Die Verfasserin von 90 Büchern und Broschüren über den Islam verbindet den äußerlichen Habitus der frommen Muslimin – ungeschminkt und mütterlich – mit einer unschlagbaren Kenntnis aller frauenrelevanten Textstellen. Suhaila wurde als Tochter eines Religionsgelehrten in Medina geboren, irgendwann in den 40er Jahren, das wurde damals nicht so genau notiert. Sie lernte bis zur Universitätsreife nur zu Hause; es gab noch keine Schule für sie. „Alle unsere Probleme resultieren aus unserer Kultur, unserer Tradition. Aber die Männer manipulieren, sie erklären die Sitten zum Bestandteil der Religion. Und die Regierung will weder mit den Geistlichen noch mit den Islamisten einen  Konflikt riskieren.“

Viele Frauen können einen Wagen steuern; sie haben heimlich in der Wüste geübt. Dörflerinnen dürfen stillschweigend sogar fahren, weil sie Gemüse und Ziegen zum Markt bringen müssen. Warum also fügen sich Millionen Städterinnen dem absurden Verbot? Am 6. November 1991 setzten sich 47 Frauen in Riad hinters Lenkrad und fuhren im Konvoi durch die Stadt. Die erste Frauenaktion der saudischen Geschichte – und bis heute die letzte. Die Veteraninen treffen sich an jedem Jahrestag; keine von ihnen konnte mehr Karriere im Regierungsdienst machen, erzählt die Pädagogin Fauziah Albakr. Sie hatte zeitweise Arbeitsverbot an der Universität, auch Reiseverbot. „Wir sind abgestempelt als die Ex-Fahrerinnen.“ Besonders abschreckend habe die Veröffentlichung ihrer Namen gewirkt, die Bloßstellung, die Skandalisierung. „Unsere ganze Erziehung zielt darauf, sich an Normen zu halten, den Familiennamen nicht zu gefährden. Keine Frau will etwas als Erste tun.“

Und viele verteidigen sogar die Traditionen, die sie fesseln. Einer Petition für die Aufhebung des Fahrverbots folgt sogleich eine dagegen, ebenfalls von Frauen. Verschleierte rügen Bargesichtige im Vorübergehen mit dem Satz „Möge Gott dir deine Sünden vergeben“. 40 Prozent der Privatvermögen gehören Frauen; sie hätten Macht, wenn sie einheitlich handelten. Sie tun es nicht. So setzen alle Vorkämpferinnen für Frauenrechte Hoffnung in den neuen König Abdullah. Er traf sich gleich nach der Thronbesteigung mit Akademikerinnen, später mit Schriftstellerinnen und Journalistinnen. „Der König ist fortschrittlicher als das Volk“, glaubt die Professorin Hind al-Khuthaila. –

Wie schwarze Stoffpakete sitzen verschleierte alte Frauen auf den Wartebänken am Eingang eines Krankenhauses. Die „King Abdulaziz Medical City“ ist ein weitläufiger Komplex mit 5000 Beschäftigten im Osten Riads. Die betagten Patientinnen kommen aus den Dörfern, ihr Dialekt ist schwer verständlich. Vor der Kulisse ihrer Unbeholfenheit fällt auf, welche eine andere Welt die jungen Expertinnen im Krankenhaus verkörpern. Sie heißen Patientenbetreuerinnen und helfen den Alten, die moderne Medizin zu verstehen. Sie haben Sozialarbeit, Psychologie oder Health Administration studiert, sie schultern die Doppelbelastung berufstätiger Mütter und finanzieren mit einem Teil ihres Gehalts ein Hausmädchen.

Die Tür zum Büro der Patientenbetreuerinnen steht offen, damit die Hemmschwelle für Ratsuchende niedrig ist. Hinter der offenen Tür steht indes ein Sichtschutz: damit vorbeigehende Männer nicht in das Büro der Frauen blicken können. Zur Mittagszeit hat ein Kollege Essen in einem Restaurant besorgt; er stellt die Tüten vor dem Sichtschutz ab, von dem freundlichen Helfer sieht man nur einen rot-weißen Tuchzipfel. Kurz darauf kommt jemand, der ein Telefon reparieren soll: Er klopft, ruft vor dem Sichtschutz laut sein Begehr, erst dann darf er eintreten.

Eine geschlechtergetrennte Arbeitswelt, wo sich die Geschlechter dennoch begegnen, ist eine schwierige Angelegenheit. Uns mögen ihre Regeln absurd erscheinen, doch es gibt Momente, da man Respekt empfindet vor der Disziplin und der Hingabe, mit der Männer und Frauen diese Regeln einhalten. Später wird eine Studentin auf die Frage, welche Qualitäten ihr künftiger Ehemann haben solle, antworten: „Ich möchte einen Mann, der anklopft. Das meine ich wörtlich.“ Anklopfen bedeutet: die Sphäre der Frauen respektieren, nicht zudringlich sein.

Bitte anklopfen!, steht auf dem Zettel, den Ghada, eine Assistentin, an ihre Bürotür im Krankenhaus geklebt hat. Ihre Chefin ist eine Frau, die Direktorin des Sozialdienstes, und die Abteilung ist gemischt. Oh, das ist kompliziert! Denn zwischen dem Zimmer von Ghada und dem Büro ihrer Chefin liegt ein „Männerflur“, er bemisst  nur drei Meter, aber jedes Mal, wenn die zierliche Assistentin hinübersprintet auf ihren weichen Plateausohlen, schlägt sie für die drei Meter Flur ihren schwarzen Gesichtsschleier hinunter. Zurück im eigenen Zimmer fliegt der Schleier, zack, wieder hoch, er ist hinderlich, wenn sie flink etwas in den Aktenmappen sucht. Bevor sie wieder zurückflitzt, kann man gerade noch fragen, wie oft sie den Schleier am Tag hoch- und runterklappt, sie strahlt und ruft „Eine Million mal!“, zack, Tuch runter, ist sie wieder auf dem Flur.

Welche Energie manche Frauen aufbringen, um ihre Berufstätigkeit mit ihren Vorstellungen von Sitte und Anstand zu vereinbaren!

Samiha Al-Haydar, die Direktorin des Sozialdienstes, empfängt mit einer spitzen Bemerkung: „Dass ich eine gemischte Abteilung leite, ist sicher für Sie aus Deutschland besonders wichtig.“ Die ewige Unterschätzung der saudischen Frauen! „Wir haben noch kein Modell für unsere Emanzipation“, sagt sie, „aber wir haben eine Identität, und das westliche Modell passt nicht zu uns.“ Umstandslos kommt sie dann zu ihrem wichtigstem Thema: häusliche Gewalt. Immer wieder landen in der Ambulanz des Krankenhauses schwer misshandelte Frauen. Acht Jahre rang Samiha mit den Behörden, dann konnte sie den ersten saudischen Kriseninterventionsdienst einrichten. „Das ist mein Beitrag zur Modernisierung des Landes.“ Oft schämten sich die Frauen, Hilfe zu suchen. „Weil es den Familiennamen beflecken würde. Sie haben Angst, dass später niemand ihre Kinder heiraten will.“

Gerade ist eine Lehrerin eingeliefert worden, ihr Mann hat ihr zwei Finger abgehackt, Schlimmeres verhütete das Eingreifen des Sohns. Die Lehrerin war die Haupternährerin der Familie; wie in anderen Ländern sind in Saudi-Arabien Umbrüche in der Rollenverteilung eine Ursache für Gewalt. Die soziale Realität deckt sich oft nicht mehr mit der offiziellen saudisch-islamischen Definition: Danach soll der Mann für den ganzen Lebensunterhalt der Familie aufkommen; die Frau darf berufstätig sein, sofern sie ihre Mutterpflichten nicht vernachlässigt – und dann kann sie ihr Einkommen für sich allein behalten. Aber viele junge Männer bleiben heute lange ledig, weil sie keine Stelle haben, und manche Eltern drängen dann den widerstrebenden Sohn in die Ehe mit einer der 50 000 Lehrerinnen.

Zum prominentesten Opfer männlicher Gewalt wurde eine  Fernsehmoderatorin. Sie tat etwas bis dahin Undenkbares: Sie ließ aus dem Krankenhaus das Foto ihres Gesichts veröffentlichen, es war durch Knochenbrüche völlig entstellt. Ihr Mann hatte sie halbtot geschlagen; bevor sie das Bewusstsein verlor, befahl er ihr, das islamische Glaubensbekenntnis zu sprechen, ein Sterberitus.

„Es gibt auf Seiten der saudischen Männer eine massenhafte Fehlinterpretation des Koran“, sagt der Psychologe Turki Al-Otayan. Er lehrt an der nationalen Polizeiakademie und hat Pilotstudien zu häuslicher Gewalt betrieben. „Ich weiß, das ist ein ungewöhnliches Thema für einen Mann. Aber ich sorge mich um meine Gesellschaft.“ Die Saudis müssten endlich begreifen, „dass sie nicht einzigartig sind“, sagt Turki. „Wir haben ähnliche Probleme wie alle anderen Leute auf der Welt.“ 40 Prozent der saudischen Ehen werden nach spätestens drei Jahren geschieden. –

Teilhaben, ohne sichtbar zu sein. Das ist die Rolle der Frauen beim „Nationalen Dialog“. Ein Demokratieversuch, das einzige Forum, wo sich alle Strömungen im Königreich die Meinung sagen, von liberalen Reformern bis zu religiösen Fanatikern. Beim ersten Dialog vor drei Jahren war noch keine Frau dabei, dann durften zehn mitreden, nun sitzen 35 Männer und 35 Frauen – nein, eben nicht zusammen. Sie sitzen getrennt, in zwei Sälen.

Eine Vorbereitungskonferenz: Im Frauensaal sehen wir die Männer auf einem großen Bildschirm. Sie sehen uns nicht, bei uns ist keine Kamera installiert, nur Mikrofone. Wenn die Männer auf ihren Bildschirm blicken, sehen sie sich nur selbst – irgendwie symbolisch. Ob sie realisieren, dass sie dennoch nicht alleine sind? Der Vorsitzende eröffnet, bismillah, im Namen Gottes, die Konferenz, er begrüßt auch die Frauen, die er nicht sieht. Die zeigen Dekolleté und freie Schultern, wir sind ja unter uns.

Durch den Saal geht eine Kellnerin mit einem Riesentablett Schokotäfelchen, auf dem Bildschirm sehen wir den Rücken einer männlichen Bedienung, ob es im Männersaal auch Schokotäfelchen gibt, ist nicht zu sehen. Nun werden Referate gehalten, abwechselnd von Frauen und Männern. Wenn eine Frau spricht, zeigt der Bildschirm Männer, die in ihren Papieren kramen, dazu hört man die weibliche Stimme. Auch im Fernsehen wird abends diese Bild-Ton-Schere klaffen. Die meisten Teilnehmerinnen empfinden ihre Unsichtbarkeit nicht als Missachtung. „Wir wollen nicht extrem sein, auch nicht in der äußeren Form“, sagt eine von ihnen. „Wir müssen die ganze Gesellschaft mitnehmen.“

Beim Nationalen Dialog 2004 saß Wafa Rashed plötzlich diesem Ultrareligiösen gegenüber. Er war nur auf dem Bildschirm, aber sonst sah sie diese Bärtigen nicht so von Auge zu Auge. Er schien direkt zu ihr zu sprechen, er schüttete seinen Hass aus auf Frauen wie sie, westlich gebildete Frauen, die Saudi-Arabien zerstörten mit ihrem Zynismus und dafür vom Westen bezahlt würden. Wafa Rashed, 34, mit einem Pariser Diplom in internationaler Politik, war zufällig die nächste Rednerin. Die Männer sahen sie nicht, sie hörten nur eine Stimme, die Stimme war kloßig von Tränen und von Wut. Sie sei noch nie so beleidigt worden, sagte Wafa. Und dann sprach sie über die Panzer, die vor dem Tagungshotel standen – Saudi-Arabien war im Ausnahmezustand, ein Amerikaner war entführt worden, später wurde er geköpft; Männer wie dieser Bärtige, sagte Wafa, der sie so beleidigt hatte, würden diesen Terrorismus züchten.

Alle schrieben über sie; zum ersten Mal hatte eine Frau auf offener Bühne einem Islamisten Contra gegeben. „Der Mann hatte einen Doktor“, erinnert sich Wafa, „und er war für die Ausbildung von Lehrern zuständig. Von Lehrern!“ Wir sitzen in ihrem lichten Büro bei den Vereinten Nationen in Riad; hier wird „gemischt“ gearbeitet, eine Insel der Freizügigkeit. Männer durchqueren das Büro, und Wafa, in einer halbärmeligen Bluse, zuckt nicht mit der Wimper. Die junge Frau, die ihr ein Papier hereinreicht, ist eine Prinzessin, genauso unverschleiert. Manches tut sich stillschweigend im Königreich. Wafa ist dezidiert demokratisch: „Wir brauchen eine konstitutionelle Monarchie. Und wenn die Islamisten die erste Wahl gewinnen, dann müssen wir durch diese Phase eben durch.“

Beim Abschied erzählt sie: Eben wollte sie auf der Bank ein Sparkonto für ihren dreijährigen Sohn eröffnen; sie durfte nicht. Obwohl sie ihr eigenes Geld einzahlen wollte. Eine Frau darf ohne Zustimmung des Ehemannes nicht im Namen des Kindes handeln. „Zum Glück ist mein Sohn noch zu klein, um zu merken, wie wenig Wertschätzung seine Mutter genießt.“ –

Generation Bluetooth. Wenn junge Leute ein Mobiltelefon kaufen, fragen sie zuerst: Hat es Bluetooth?! Bluetooth erlaubt unkontrolliertes Flirten, und das geht so: Der junge Mann hampelt draußen herum, gestikuliert durch die Scheibe des wartenden Autos, sie solle ihr Bluetooth aktivieren, damit er ihr seine Telefonnummer schicken kann. Die verschleierte Schöne haucht: „Ich bin nicht so eine!“, aber dass  er draußen weiterhampelt, gefällt ihr doch sehr: „Vielleicht hat er sich in mich verliebt.“

Flirten über Bluetooth, Konferenzen in zwei Sälen – mit Hilfe der Technik wird Geschlechtertrennung zugleich aufrechterhalten und unterlaufen. Ein Übergangsstadium? In der Zukunft werde es viel mehr Mischung geben, prophezeit eine saudische Arbeits-Expertin. „Aber die Frauen müssen sich dann besonders verantwortlich verhalten. Sie müssen sorgsam auf ihren Ruf achten, oder sie schaden allen.“ Der Geschlechtertrennung liegt eine anthropologische Annahme zugrunde, welche die meisten Frauen zu teilen scheinen: Ein stark sexualisiertes Menschenbild; darin verkörpert das Weib die ständige Versuchung, und der Mann ist nicht Herr seiner Triebe.

Aura ist ein schwer zu übersetzender arabischer Begriff, er bedeutet Scham, Blöße oder Geschlechtsteil, meint jedenfalls „das-zu-Verbergende“ an einer Frau, und je mehr von der Frau aura ist, desto radikaler – vereinfacht gesagt – der Islam. Daran lassen sich die ultrareligiösen Oppositionellen sortieren, die dem saudischen Königshaus Druck machen. Radikale Islamisten wollen gar keine Frauen in der Öffentlichkeit;  sie schrieen auf, als sich König Abdullah mit Frauen filmen ließ. Selbst die weibliche Stimme in Radio oder Fernsehen ist ihnen ein Graus.

Gemäßigten Islamisten geht es indes wie Ahmed, einem Religionspolizisten von der freundlicheren Sorte: Er möchte mehr Demokratie im Land, aber auch zurück zu mehr Geschlechtertrennung; dass beides nicht zusammen geht, ahnt er selbst. So macht er sich Regeln, an denen er sich festhält auf schwankendem Grund: Frauen sollen nur im Fernsehen arbeiten,  wenn Männer dafür nicht zur Verfügung stünden; es müsse „nötig“ sein, sagt er. Als die Besucherin während des Gesprächs die Bürotür schließen will, weil auf dem Flur lautstark geputzt wird, breitet sich im Gesicht des Bärtigen heftiges Unbehagen aus. Allein mit einer Frau?! Man sieht, wie es in ihm arbeitet, plötzlich hellt sich seine Miene auf, er hat eine Lösung gefunden: „Wenn es für Ihre Arbeit nötig ist, bitte!“ Vielleicht kann nur Sachzwang von sexuellen Schuldgefühlen entlasten. –

Besuch bei einer Familie. Eine ummauerte Villa. Der Herr des Hauses hat die Reporterin im Auto hergebracht, nun klopft er an den Fraueneingang und zieht sich sofort zurück, ohne einen Blick hinein zu werfen  – denn es sind auch Besucherinnen aus der Nachbarschaft anwesend, und drinnen ist Abaya-freie Zone. Ein riesiges Frauenwohnzimmer; nach arabischer Sitte ziehen sich die Sitzgelegenheiten an den Wänden entlang, in der Mitte ein Großfernseher. Aus der Küche, die bis zur Marke des Tomatenketchups amerikanisch anmutet, strömen in dichter Folge die Beweise arabischer Gastfreundschaft auf die Besucherin ein: Tee, Kaffee, süße Säfte, kandidierte Datteln, Obstsalate, schwere Torten.

Die jungen Frauen in der Runde sind modisch gekleidet und sehr religiös, sie haben in Saudi-Arabien studiert, nicht im Westen. Sie möchten wählen dürfen und Auto fahren, doch die strikte Geschlechtertrennung soll bleiben; sie sei ein religiöses Prinzip und besser für die Frauen. Mehr Demokratie? Ja, aber bloß nicht weniger Islam. Man sehe doch in der Türkei, wohin Verwestlichung führe: zum Verbot des Kopftuchs!  „Ich spüre den Druck aus dem Westen, dass die saudischen Frauen alle Berufe ausüben sollen“, sagt die 26järige Lehrerin Seham. „Aber auch wenn wir uns nicht frei fühlen: Die Veränderung darf niemals von außen kommen.“

Seham strahlt einen Trotz aus, der sich gegen den Westen ebenso richtet wie gegen die eigene Kultur. In der lärmigen Family-section eines Fastfood-Restaurants erzählt sie anderntags, bis über die Augen verschleiert,  ihre persönliche Geschichte; sie sagt, es sei eine Geschichte aus dem Herzen Saudi-Arabiens. Den Cousin, den sie liebte, durfte sie nicht heiraten; er war sechs Monate jünger, und der Mann hat der Ältere zu sein. Auf Geheiß des Vaters verlobte sie sich mit einem anderen, sie konnte ihn nicht ausstehen, nach zwei Jahren war Schluss. Nun drängte der Vater sie in die Ehe mit einem frommen Dattelverkäufer. „Er hält die Landung auf dem Mond für eine Lüge der Amerikaner“, sagt Seham tonlos. „Und er will, dass ich die Abaya auf dem Kopf trage.“ Als er ihr eine Liste gab mit allem, was sie binnen fünf Tagen zu unterlassen habe, verlangte sie die Scheidung. Nun lebt sie wieder im Elternhaus.

„Ich bin so wütend“, sagt Seham. „Ich bin 26 Jahre und kann keine einzige Entscheidung über mein Leben treffen. Ich verstehe sehr gut, dass es Terroristen gibt.“

Ausflug in die Wüste. Ein Bruder von Seham sitzt am Steuer, er hat keine Lust, aber ein Mann muss uns ja fahren, eine große Familienkutsche mit Klimaanlage und Allradantrieb voller Frauen und Kinder. Ziel ist ein Picknick-Gebiet nordöstlich von Riad. Sehams Mutter ist besorgt, den richtigen Fleck zu wählen; in Saudi-Arabien ist alles kompliziert: Es darf kein Platz sein, wo ringsum nur Männer picknicken, es muss eine Flecken mit Frauen und Kindern sein, selbst die Wüste hat quasi Family-sections. Denn sonst, sagt die Mutter, drohe Gefahr, eine der Töchter könne vergewaltigt werden, „und niemand hilft uns“. Auf einem sicheren Platz wird ein Teppich entrollt, wir essen Bonbons, Donuts und Chips, umgeben von den Plastiktüten des Supermarkts.

„Gib` mir den Wagenschüssel“ ruft Seham ihrem Bruder zu. Der Höhepunkt des Ausflugs! Sie sitzt lässig zurückgelehnt am Steuer, der Schleier ist hinuntergerutscht, ihre kurze Haare zeigen blonde Strähnchen, sie dreht die Musik hoch, eine selbstgebrannte CD, zu sinnlich um legal zu sein, und dann gurken wir über die bucklige rötliche Erde, auch die Sonne ist rot, gleich wird sie untergehen, ein paar Kilometer Freiheitsromantik. Zurück zur Mutter, sie wartet schon, auf dem Teppich zwischen den Plastiktüten. –

Nach zehn Tagen in Riad: Atemnot, Bewegungshunger. Kein Sportplatz für Frauen im Freien. Nur eine schnurgerade Pflasterstrecke zum Marschieren mit Abaya, im Volksmund „Straße der schwangeren Frauen“ genannt. Nicht weit davon entfernt kreischen nachts die Reifen der männlichen Joyrider. Haben auch sie Atemnot? Aus dem Fenster des Hotelzimmers fällt der Blick auf einen Swimmingpool: Nur für Männer.

Abreise ans Rote Meer, an die Westküste, nach Jeddah. Im Flugzeug Stewardessen! Der saudische Mann mag es, wenn ihm eine hübsche Frau lächelnd einen Mango-Saft serviert, aber die eigene Tochter oder Schwester soll sich dafür nicht hergeben, folglich sind  die Stewardessen aus Jordanien, Libanon, den Philippinen. Auf dem Nebensitz küsst eine alte Beduinin durch ihren Gesichtsschleier hindurch das Mekka-Foto im Airline-Magazin. Was für ein Land!

Saudi-Arabien ist nicht homogen, war es nie. Groß sind die  kulturellen Unterschiede zwischen den Regionen, zwischen den Küsten und jenem lange isolierten Inneren der Halbinsel, wo Riad liegt. In Jeddahs Hafen kamen über Jahrhunderte die Mekka-Pilgerer an; eine tropisch-feuchte Stadt der Händler, geprägt vom internationalen Austausch, lange bevor der Staat Saudi-Arabien gegründet wurde.

Durch die Straßen weht eine andere Atmosphäre: Frauen zu Fuß, kaum Gesichtsschleier, gelegentlich sogar unbedeckte Haare, und gewagte Abayas. Auf dem Rücken eines Models steht in pinkfarbener Glitzerschrift: „My boyfriend is back &  I´m going to be in trouble!“

3000 Betriebe sind in Jeddah auf Frauen eingetragen, die Geschäftsfrauen der Stadt sind bekannt für ihr Selbstbewusstsein- und heute ist ein historischer Tag: Zum ersten Mal stehen in Saudi-Arabien Frauen zur Wahl. Was sie in der Politik noch nicht durften, proben sie nun bei der Wahl zum Vorstand der Handelskammer. In einem Land, wo es weder Arbeitgeberverbände noch Gewerkschaften gibt, ist die Handelskammer die mächtige Vertretung der Business-Welt. Ihrem Vorstand anzugehören bedeutet Titel und Einfluss hinter der glitzernden Glasfassade eines modernen 11stöckigen Atriumbaus.

Vor dem Seiteneingang stehen die obligatorischen Stellwände gegen männliche Blicke. Drinnen aufgeregtes Stimmengewirr, die Luft ist schwer von Parfüm, über allen Stuhllehnen hängen Abayas. 17 Kandidatinnen sitzen aufgereiht hinter Tischchen mit Wahlkampf-Material,  Helferinnen mit Baseballkappen stürzen sich auf jede eintretende Wählerin. Gewählt wird nach Geschlechtern getrennt, aber die Frauen brauchen später auch Stimmen von Männern;  die stellen zehnmal mehr Mitglieder in der Kammer.

Die Lust am Aufbruch ist unterlegt von der Angst zu scheitern. Zum Gruppenfoto hüllen sich alle Kandidatinnen sorgsam in Abayas und Schleier, „Halt, noch nicht!“, manche nesteln noch an ihren Tüchern. Nichts darf passieren, bloß keine Zwischenfälle provozieren! Zwei reaktionäre Scheichs im fernen Riad haben die Frauenwahl für haram, islamisch verboten, erklärt.

„Dies ist ein Test“, sagt die Unternehmerin Madawi Al-Hassoun, „sind die Frauen so weit? Ist die Gesellschaft so weit? Wenn alles gelingt, können wir die nächsten Schritte wagen.“ Madawi handelt mit Möbeln, Antiquitäten, besitzt Schönheitssalons; sie war früher die erste Bank-Managerin des Landes, nun war sie hier die erste Kandidatin. Eine wohlhabende  Karrierefrau, große Limousine, zwei Dienstmädchen, teure Abaya. Und doch ist sie aufgeregt wie ein junges Mädchen über das Wagnis dieser Wahl. „Mein Bild war auf den ersten Seiten der Zeitungen. Ich war so stolz! Eine saudische Frau auf der ersten Seite!“

Jede der Kandidatinnen in diesem parfümschwangeren Saal hat eine Geschichte zu erzählen, Geschichten von Diskriminierungen, Rückschlägen und Neuanfängen, und immer bedarf Erfolg eines toleranten Vaters oder Gatten im Hintergrund. „Eine Frau kann in Saudi-Arabien viel erreichen“, sagt eine Bauunternehmerin. „Aber es ist hart, sehr hart. Es ist, als ob du versuchst, deinen Namen mit bloßen Fingern in Stein zu schreiben.“

Draußen beginnt abends der Wahlgang der Männer. Sie haben ein großes Zelt aufgebaut, es ist voller rot-weißer Silhouetten vor weißen Tischdecken, jemand hält einen Vortrag, und alle sitzen da in der ruhigen Würde derer, die immer schon den öffentlichen Raum beherrschten.

Ein paar Tage später werden die Frauen wissen: zwei ihrer Kandidatinnen haben es in den Vorstand geschafft. Ein Meilenstein!, jubelt die Zeitung Arabnews. Doch eine Party findet nicht statt. „Wir sind froh, wenn alles ohne Zwischenfälle vorüber ist“, hatte Madawi Al-Hassoun gesagt. „Wir feiern leise, in unseren Herzen.“ –

So gleich „wie die Zähne eines Kamms“ seien die Menschen,  hat der Prophet gesagt. Die Gesellschaft im Königreich ähnelt eher einer steilen Treppe, auf deren absteigenden Stufen acht bis neun Millionen ausländische Gastarbeiter stehen, weiter oben Araber, weiter unten Asiaten, ganz unten die indische Klofrau. Im Verborgenen: eine Million asiatische Hausmädchen. Auf dem Pflaster von Jeddahs Altstadt sitzen Händlerinnen und Bettlerinnen aus Somalia, Burkina Faso, Äthiopien, sogar aus dem fernen Dagestan. Welch ein Kontrast zum saudischen Ideal der umsorgten und moralisch behüteten Frau: die Migrantin, unbehütet, unbehaust. Natürlich gibt es Prostitution. –

Um sieben Uhr morgens fahren bei „Jamjoom Medical Industries“ kleine weiße Werksbusse mit geschwärzten Scheiben vor. Busse für saudische Frauen, nicht einsehbar. Die Verschleierten steigen aus, hinter ihnen schließt sich sofort das massive Eisentor. Drinnen tauschen die jungen Frauen die schwarze Abaya gegen einen weiten weißen Overall, darüber ein knöchellanger Kittel, damit selbst von den plumpen Körperkonturen im Overall nichts zu sehen. Ihren Gesichtsschleier behalten die Frauen an, darüber streifen sie einen weißen Kopf- und Mundschutz. Derart doppellagig verpackt, Scham wie Hygiene wahrend, arbeiten sie die nächsten acht Stunden im Akkord, stecken lila Schläuche für Infusionen zusammen, 5000 am Tag.

Saudische Frauen in einer Fabrik, das ist neu, ein soziales Experiment. Die Eltern wurden zur Inspektion eingeladen; sie sahen beruhigt, wie züchtig bedeckt die Töchter sind. Deren Arbeit verrichteten vorher männliche Gastarbeiter,  sie waren billiger, doch die Frauen sind schneller und fingerfertiger, außerdem belohnt der Staat Firmen, die ein minimales Quorum Einheimischer beschäftigen.

Mohamed Kamal Jamjoom, der Fabrikbesitzer, könnte also zufrieden sein, doch er wirkt zerrissen. Der Schock darüber, dass sich auf seine erste winzige Stellenanzeige gleich 150 Bewerberinnen meldeten, hat ihn nicht verlassen. „Ich habe nicht geahnt, wie viele saudische Frauen verzweifelt Arbeit suchen.“ Seine eigenen Töchter, klagt er unvermittelt, schöben Heirat und Mutterschaft auf. „Mir tun die Männer leid, deren Frauen keine Zeit mehr für sie haben. Das Hausmädchen kocht, niemand ist da, du fühlst dich wie ein Gast in deinem eigenen Haus! Alles gerät außer Kontrolle. Wir verändern uns von einer familienbezogenen Gesellschaft zu…“, er stockt, ihm fehlen die Worte, dann reißt er die Arme hoch und ruft „Wumm!“, eine Explosion.imitierend.

Seltsam – Saudi-Arabien, das uns so statisch erscheint, verändert sich für seine Bewohner so rasch, dass manchen schwindelt.

Auf den Bildern der Malerin Hanan Al-Faisal sind die Silhouetten der Frauen zerbrochen; in dunklen Öltönen das Vergangene, die Zukunft ist weiß, unbekannt, noch leer. Ein Bild malte sie morgens um sieben, vorher hatte sie sich im Schutz der Dunkelheit ans Steuer ihres Autos gesetzt und ihre beiden Töchter gestohlen, zurückgestohlen aus dem Haus des geschiedenen Ehemanns. Dann malte sie. Ihre Bilder handeln von Entscheidungen, sagt sie, „und von der Furcht, die uns abhält, sie zu treffen“. Die männlichen Silhouetten sind schwarz,  isoliert, wie eingesperrt.

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Christina Dodwell: „Jenseits von Istanbul (München 2001) – auf ihrem Pferderitt durch Ostanatolien und den Iran hatte die Autorin vor allem mit Frauen zu tun. Ihr Bericht gehört zu den besten orientreisender Frauen.

Erfahrungshunger (1)

In der schon fast unüberschaubar gewordenen Sekundärliteratur über Reisende Frauen aus dem Westen – vom 18. Jahrhundert bis heute, die den „Orient“ erkundeten, wird meist unterschieden zwischen der Orient-Wahrnehmung von aristokratischen europäischen Frauen und der von bürgerlichen Frauen, nur selten werden dabei die Orientreisen von „proletarischen“ Frauen und ihre Berichte erwähnt bzw. die von Frauen, die nach der russischen Revolution mit der sowjetischen „Gesellschaft für Proletarische Touristik (GPT) die asiatischen – islamischen – Sowjetrepubliken bereisten. Erwähnt seien hier nur die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren dort gereisten die Feministinnen Fannina W. Halle und Ella Maillart. Die erstere, eine Wiener Historikerin, veröffentlichte 1937 im Anschluß an ihre große Studie über die Emanzipation „der russischen Frau“ ihr Buch „Frauen des Ostens“ – im Zürcher Unions-Verlag. Letztere, eine Schweizer Sportlerin, veröffentlichte ihr Reisebuch „Turkestan solo“ 1934 in Paris bei Grasset.  Den ersteren waren immer schon die reisenden europäischen Männer zuvorgekommen – erwähnt seien nur die Orientberichte von Fürst Pückler-Muskau, Alexander v.Humboldt und Alfred Brehm. Während die adligen und bürgerlichen Männer den Orient vor allem exotisch und erotisch finden, besonders natürlich die verschleierten und aus der Öffentlichkeit verbannten Frauen, die sie aber gar nicht richtig wahrnehmen können, weil ihnen die Frauenorte – Harem, Hammam und Sklavenmarkt – nicht zugänglich sind, sind dies vor allem die Orte, die keine der  orientreisenden Frauen ausläßt. Dabei empfinden sie die orientalischen Frauen, die sie von Kopf bis Fuß mustern und mit denen sie mitunter auch ein paar Worte – über Dolmetscherinnen – wechseln – grundhässlich. Während jedoch die adligen Frauen dem Harem immerhin noch abgewinnen können, dass die Frauen dort geschützt sind und ggf. im Luxus leben, bedauern die bürgerlichen Frauen die Haremsfrauen vor allem deswegen, weil sie dort zur Untätigkeit, Unbeweglichkeit und langsamen Verblödung verdammt sind. Die männlichen Orientreisenden finden die arabo-islamischen Männer eher hässlich, wohingegen die weiblichen Orientreisenden von einzelnen Exemplaren durchaus hingerissen sind. Und obwohl einige Frauen sich unterwegs als arabische Studenten bzw. Männer verkleidet, loben sie die Höflichkeit im Orient. Sie reisen allerdings nicht selten mit großer Entourage – mit bis zu 30 Bediensteten und Leibwächtern (Body-Guards) den Nil rauf und runter z.B..

Sonja Zekri berichtet in der SZ über eine Iranreise 2007

Ja, in diesem Moment sind wir froh über das Kopftuch, froh über jeden Zentimeter Baumwolle zwischen uns und dieser Glut. Der Moment dauert zwanzig Minuten. Es ist ein Tausendstel der Reise.

Den Rest der Zeit ist der Hidschab das, was man vermutet: Der Kompromiss, den eine Touristin eingeht, um ein Land zu besuchen, dessen Ideologie reisende Frauen ohne männliche Verwandte eigentlich nicht vorsieht, ein Land, das wie so viele in dieser Gegend den Kampf um Modernität, um Fortschritt, ja, um sein Verhältnis zum Rest der Welt über die Kontrolle des weiblichen Körpers austrägt. Und das doch so viel mehr ist.

Plötzlich taucht aus dem Nichts eine Verschleierte auf und weist Frauen mit einem glatten Lächeln auf verrutschte Kopftücher hin. Die beiden Mädchen neben ihr lächeln nicht. Sie tragen Jeans und schwarze Mäntel wie viele Frauen, ihre Kopftücher sind nicht gewagter als die anderer Frauen.  15, vielleicht 16 Jahre sind sie alt und telefonieren nervös. Dann spuckt die Kulisse dieses Sommerabends eine zweite Verschleierte aus, schließlich einen Polizisten, der betreten guckt. Ein paar Worte werden gewechselt, dann führt er die Mädchen ab, flankiert von den Frauen wie von schwarzen Krähen.  So also sieht es aus, wenn die Religionspolizei zuschlägt. Attacken gegen Frauen hat es oft gegeben, doch sie sind immer wieder abgeflaut. In diesem Jahr flauen sie nicht ab. Tausende wurden aufs Revier geschleppt. Nach der unheimlichen Szene schwimmen immer noch Schwanen-Boote über den Fluss. Aber die Vergnügungen haben etwas Subversives, fast etwas Politisches.

Isfahan gehört zum Weltkulturerbe, aber wenn die Amerikaner eines Tages Iran bombardieren, werden sie wohl auch Isfahan anvisieren, denn hier liegen die Atomanlagen. Andere Ziele sind Buschehr, Arak und Natanz.Aus der staubigen Ebene vor der Bergflanke kurz vor Natanz ragen künstliche Hügel auf mit Flugzeugabwehrraketen darauf. Die entscheidenden Anlagen liegen unter der Erde, trotzdem ist es über Kilometer verboten anzuhalten, es ist verboten zu fotografieren. Kameras beobachten den Verkehr. Erinnerungen an die Transitstrecke durch die DDR werden wach.“

Im Qom am Eingang zur Moschee, in der sich dder Fatima-Schrein befindet, „gibt es Leih-Tschadors, und wer nicht zu europäisch aussieht, kommt mit etwas Glück in den Innenhof, und mit etwas Dreistigkeit sogar bis zum Schrein selbst. Drinnen schieben und drängeln die Gläubigen, eine Frau zertrampelt einer Pilgerin den Gebetsstein. Die Luft ist zum Schneiden, die Stimmung aggressiv wie beim Schlussverkauf. Und der Tschador rutscht.

So sehr kreist die Staatsideologie um diese paar Quadratzentimeter Stoff, dass die vielleicht vielversprechendste Reformkampagne „Eine Million Unterschriften“ den Hidschab nicht mal erwähnt, um keinen Vorwand für ein Verbot zu liefern. Die Kampagne will die haarsträubendsten Gesetze ändern: dass das Schmerzensgeld für Frauen nur halb so hoch ist wie jenes für Männer; dass die Aussagen von Frauen vor Gericht nur halb so viel zählen wie jene von Männern; dass Mädchen ab 13 Jahren verheiratet werden dürfen; das Scheidungsrecht; die Polygamie. „400 Frauen und Männer sammeln seit einem Jahr Unterschriften“, sagt Ali Abdi, „unser Ziel ist eine Million.“ Wie viele haben Sie bis jetzt? – „Die genaue Zahl ist ein Geheimnis.“ – Sind Sie nah dran? – „Nein.“

Abdi kennt das Risiko. Aktivisten wurden eingeschüchtert, einige verhaftet.

Aber er ist jung, er hat seine Zukunft noch zu verlieren. Also sagt er: „Schwarzsehen kann man immer noch.“ Hat er wenigstens die Familie auf seiner Seite?  „Nein, meine Eltern sind dagegen.“ – Weil sie seine Ziele nicht teilen? – „Nicht deshalb. Aber ihre Generation hat die Revolution durchgeführt, sie haben an einen Aufbruch geglaubt, an Freiheit und Wohlstand. Sie haben alles aufs Spiel gesetzt und alles verloren. Wahrscheinlich ist es die desillusionierteste Generation, die es je gegeben hat“, sagt Abdi und fügt grinsend hinzu: „Und wahrscheinlich ist Iran heute das am wenigsten religiöse Land des Nahen Ostens.“

Also raus ins Freie, an die Luft. Bald schon pirscht sich eine junge Frau heran. Salam, sie sei Theologie-Studentin, ah, Sie sind aus Deutschland! Und dann platzt sie heraus: „Was halten Sie eigentlich vom Schleier?“ Ja, ein weites Feld, wie sagt man das deutlich, aber sensibel? Vielleicht so: „Frauen, die den Schleier tragen möchten, sollten ihn tragen. Wer ihn nicht tragen will, sollte ihn nicht tragen.“ Sie nickt zufrieden: „Ja, es kommt auf die Person an.“

„Auf den ersten Blick passt vieles nicht zusammen in Iran. Auf den zweiten auch nicht. …Aber nichts, was man aus dem Iran mitnehmen kann, ist so verwirrend wie das Gefühl, sich gut erholt zu haben.“ Es war also wohl eine Urlaubsreise.

Die Asymmetrisierung in den Geschlechtsbeziehungen ist das Thema des Romans „Liebesleben“ (2001) der israelischen Bibelwissenschaftlerin und Schriftstellerin Zeruya Shalev: Ihre Icherzählerin, eine angehende Bibelwissenschaftlerin, ist mit einem gleichaltrigen Computerfachmann verheiratet, mit dem sie sich in die traditionellen Rollen einer jungen und modernen Ehe eingefunden hat, er nennt sie zärtlich „Wühlmäuschen“. Als sie einen älteren Mann, ein Jugendfreund ihrer Eltern, kennenlernt, der sie zwar laufend verunsichert und demütigt, gelingt ihr, indem sie ihn trotzdem begehrt, eine Umdrehung ihrer asymmetrischen Beziehungen – sowohl zu ihrem Mann, den sie nur noch bemitleidet, als auch zur Universität, wo sie leichtfertig ihre Karriere gefährdet. Am Schluß hat sie ihre ganze Existenz aufs Spiel gesetzt. Sie schleicht in die Uni-Bibliothek und läßt sich dort über Nacht einschließen – um zu lesen.

In der F.R. v.30.Juli rezensiert die Afrikanistin der Redaktion, Marie-Sophie Adeoso das neue Reisebuch von V. S. Naipaul „Afrikanisches Maskenspiel“, in dem der Literaturnobelpreisträger 2001 seine Eindrücke in sechs afrikanischen Ländern schildert:

Als der Soziologe Émile Durkheim einst „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ untersuchte, da meinte er im australischen Totemismus die Grundform aller Religionen entdeckt zu haben. Durkheim stand dafür gar nicht erst von seinem Schreibtisch auf, sondern verließ sich auf das ethnografische Wissen seiner Zeit. So blieb ihm, als er die Welt in eine heilige und eine profane Sphäre aufteilte, die Erkenntnis verwehrt, dass sich eben diese Dichothomie in vielen Teilen der Welt, in der Religiöses und Profanes untrennbar ineinanderfließen, nicht aufrechterhalten lässt.  Dem Schriftsteller V.S. Naipaul ist es in diesem Punkte zu Gute zu halten, dass er sich nicht auf Schreibtisch-Erkenntnisse verließ. Sein Buch „Afrikanisches Maskenspiel“, das „Einblicke in die Religionen Afrikas“ bieten will, beruht in großen Teilen auf dem Augenschein. Auch ihm geht es um eine ominöse religiöse Ursprünglichkeit. Christentum und Islam erscheinen ihm indes – lediglich von Ferne betrachtet – „wie eine eingeführte ansteckende Krankheit. Sie heilten nichts, lieferten keine endgültigen Antworten, machten jeden nervös, fochten falsche Kämpfe aus und verengten den Geist.“

Warum sich der Literaturnobelpreisträger 2008 und 2009 aber wirklich auf den Weg machte, sechs afrikanische Länder (Uganda, Nigeria, Ghana, Elfenbeinküste, Gabun und Südafrika) zu bereisen, welchen Erkenntnisgewinn er sich davon versprach, einmal mehr mit dem Blick des Außenstehenden die diversen Glaubensüberzeugungen verschiedenster Kulturen in das vorgefertigte Raster einer angenommen afrikanischen Tradition zu pressen, das erschließt sich beim Lesen seines Buches nicht. Denn in erster Linie scheinen die Reisen für den bald 80-Jährigen eine Qual gewesen zu sein. Bedrängt von Moskitos, Sandfliegen und Menschen, die – so scheint es ihm – immer nur Geld und Schnaps von ihm verlangen, empfindet er bereits seine Ankunft in Lagos, als „bedrohlich“, ja, „zu dieser Nachtzeit schienen die Frauen besonders beunruhigend“.

(…) Doch das [Lese-]Vergnügen wird überschattet durch zahlreiche sachliche Fehler, durch Behauptungen ohne Beleg und durch wiederholt erzählte Anekdoten, die auch auf ein schlampiges Lektorat verweisen. So sind für Naipaul, der bereits in früheren Jahren einige der nun besuchten Länder bereiste, Lagos und Abidjan noch immer die Hauptstädte Nigerias respektive der Elfenbeinküste (obschon seit Jahrzehnten durch Abuja und Yamoussoukro ersetzt). Polygamie gibt es ihm zufolge in Afrika nur noch unter Muslimen (zu denen der vielfach verbandelte protestantische Staatschef Südafrikas, Jacob Zuma, sicherlich nicht zu zählen ist, um nur ein prominentes Beispiel zu nennen).  Und ein Besuch im nordnigerianischen Kano ist Naipaul willkommener Anlass, erneut die Intoleranz des Islams zu schelten und dem erstbesten Gesprächspartner zu glauben, der behauptet, christliche Kirchen seien nur an der Peripherie der Stadt geduldet und würden nur von „Ausländern“ besucht. Nun lässt sich in der Tat viel Kritisches über das Verhältnis von Christen und Muslimen in Nordnigeria schreiben, erst unlängst wurden wieder Kirchen in Kano niedergebrannt. Tatsächlich existiert aber in Kano, wie in den meisten nordnigerianischen Städten, ein Viertel für Zugezogene („Sabon Gari“) unweit des Altstadtkerns – in dem nicht „Ausländer“, sondern Yoruba, Igbo und andere Christen aus den südlichen Landesteilen leben.

Doch solche Ungenauigkeiten würde man dem alten Reisenden noch durchgehen lassen, würde er – der erst unlängst mit sexistischen Äußerungen über den „femininen Quatsch“ von Schriftstellerinnen für Aufruhr sorgte – den Menschen nicht mit abfälliger Überheblichkeit, ja zuweilen mit rassistischen Deutungen ihres Wesens begegnen. Kulturen erscheinen in seinen Schilderungen in bester Tradition Johann Gottfried Herders, als homogene, in sich geschlossene Kugelsysteme.  So meint Naipaul – und stützt sich dabei auf den britischen Afrika-Forscher John Hanning Speke -, die Ugander seien ihrem Wesen nach besonders reinlich und lebten heutzutage entgegen ihrer „Instinkte“ im Müll – den er später in Nigeria indes als „die afrikanische Art“ hinnimmt. Es erscheint in seiner Argumentationslogik nur folgerichtig, jenes „Talent für analytisches Denken“, das er einem ghanaischen Gesprächspartner gönnerhaft bescheinigt, als „Erbe seines dänischen Vorfahrens“ zu interpretieren.  Insgesamt scheint Naipaul für Tiere größere Empathie zu haben. Wiederholt schildert er entsprechende Episoden. Und einzig der heilige Wald von Oshogbo vermag sein Herz zu berühren. Er findet „das alles sehr bewegend, vor allem die Vorstellung des Hains als Tierschutzgebiet“. (Das gilt auch für den Reiseschriftsteller Alfred Brehm, der z.B. in seinem Bericht über eine „Reise zu den Kirgisen“ 1876 auch eher an den Pflanzen und vor allem Tieren interessiert ist als an den Kirgisen, deren Dörfer er nur als eine Ethnie wahrnimmt, die er zudem nach alter Orientalistenmanier evolutionär unter seiner Ethnie ansiedelt.)

Von der FR-Rezensentin Marie-Sophie Adeoso, die demnächst auch für die Berliner Zeitung Afrikanismen, und – ähnlich wie Dorothee Wenner – speziell Nigerianismen  aufbereitet, fand ich darüberhinaus noch eine Besprechung des Romans: „Die meerblauen Schuhe meines Onkels“ der nigerianischen Schriftstellerin Adaobi Tricia Nwaubani – hier zusammengefaßt von „perlentaucher.de“:  Die Rezensentin Marie-Sophie Adeoso hat sich großartig mit Adaobi Tricia Nwaubanis Roman aus der „419er -Szene“ amüsiert und darin zugleich erhellende Einsichten in die von Korruption und sozialer Ungleichheit geprägte nigerianische Realität gewonnen. Der Ausdruck 419-Szene geht auf den nigerianischen Betrugsparagraphen 419 zurück, der zum Synonym für die per E-Mail verschickten Versuche von „Vorschussbetrug“ mit aberwitzigen Versprechen von Gewinnen geworden ist, wie uns die Rezensentin aufklärt. Im Roman tritt der studierte Ingenieur Kingsley zwar mit nicht eben überzeugender Leichtigkeit aus der Legalität und wird zum Designerklamotten tragenden Finanzbetrüger. Für diese nicht recht plausiblen Handlungsmomente sieht sich die Rezensentin aber durch gelungene Dialoge und einen überbordenden Humor mehr als entschädigt. Und bei aller Komik wird Adeoso auch höchst überzeugend die nigerianische Wirklichkeit vor Augen geführt, die Nwaubani mit dem, wie die Rezensentin meint, für Nigeria typischen „fatalistischen Humor“ schildert. Schön wäre es allerdings gewesen, wenn so mancher Ausdruck aus dem nigerianischen Igbo oder Pidgin-English für deutsche Leser in einem Glossar erklärt worden wären, so die ansonsten sehr eingenommene Adeoso.

Ein Erfahrungsbericht von „Sonja 017 tunesien“:

Ich war bereits 44 Jahre alt und lebte seit fast einem Jahr in Scheidung. Da hatte ich erst einmal genug zu schlucken, denn meine Ehe war kein Zuckerschlecken. Trotzdem genoss ich dann die letzte Woche mit Mohamed, er verbrachte fast jeden Abend mit mir, war ungeheuer zärtlich und ich hatte das Gefühl auf Wolken zu schweben. Jahrelang hatte ich kein einziges nettes Wort von meinem Mann gehört, geschweige denn irgendwelche Zärtlichkeiten erhalten. Obwohl ich es nicht wollte, hatte ich mich am Ende des Urlaubs verliebt. Zurück in Deutschland erzählte ich zunächst nur meiner Arbeitskollegin von der Geschichte und sie empfahl mir das Buch „Sand in der Seele“. Ich verschlang diesen unwahrscheinlich spannenden Roman regelrecht und fühlte mich danach doch etwas mulmig. Es gab so viele Parallelen in der Verhaltensweise und ich sprach dann mit meiner Freundin darüber. Auch sie konnte sich nicht vorstellen, dass Mohamed so ein Typ war. Dennoch, die Geschichte ließ mir keine Ruhe und ich sprach mit Mohamed am Telefon über dieses Buch. Er rastete sofort aus und bezichtigte die Autorin als Lügnerin und sagte, dass sie niemals in Tunesien gelebt hatte und das alles nur ihrer Fantasie entsprach. Er wisse das genau, weil er aus dem gleichen Ort kam, wo die Autorin gelebt haben soll. Dort würde sie aber niemand kennen. Ich fragte mich allerdings woher er dieses Buch kennen würde – aber irgendwie glaubte ich ihm und dachte nicht mehr darüber nach.

Er meldete das Auto auf seinen Namen an. Danach habe ich nichts mehr von ihm gehört. Alle Anrufe waren sinnlos. Die Reisegesellschaft, bei der er angeblich geschult hatte, kannte ihn nicht, das Hotel in dem ich in Tunesien gewohnt hatte, sagte mir, dass Mohamed die Ausflüge damals privat organisiert hatte und dass er überhaupt mit keiner deutschen Agentur zusammen arbeitete.

Ich war einem Betrüger in die Falle gegangen. Und nicht nur ich. Später rief mich eine Frau aus München an. Sie fand in den Sachen, die Mohamed zurückgelassen hatte einen Zettel mit meiner Telefonnummer. Bei ihr war er die drei Wochen, die er angeblich zur Schulung war. Auch ihr hatte er die Ehe versprochen und auch sie hatte ihm Geld gegeben. Angeblich habe er das für seine Linzens als „Touristenfahrer“ gebraucht. Es waren mal eben 20.000 Mark. Diese Frau und ich, wir taten uns dann zusammen, reisten den Sommer drauf nach Tunesien und machten den lieben Mohamed ausfindig.

Er behauptete einfach, er habe das nicht unterschrieben und außerdem würde er uns beide überhaupt nicht kennen. Das tat wirklich weh. Ein älterer Kellner im Hotel, dem wir die Geschichte erzählten, sagte uns, dass das viele junge Tunesier machen würden. Es sei hier ein Geschäft und es gäbe keine Strafe dafür. Schließlich bringe es viele Devisen ins Land.

Geschichte 228 – Vier Frauen – Marokko:

Da sitzen wir nun, vier Frauen in den Schweizer Bergen an einem Freitag im Juni, es schüttet, und erzählen uns die Geschichten mit und über M, lachend und auch weinend, „Er war meine große Liebe“, sagt Cordula, „Ich wollte mein gesamtes Leben nach Süd-Marokko verlegen und dort mit ihm ein Projekt machen“, sagt Susanne, „Er war und ist immer noch meine Lebensaufgabe, es wurde nie langweilig, immer hat er mich besetzt“, sagt Rosa – und, „Er war so gut im Bett“, sagt Gundula.

Das Begehrt werden ist verführerisch, die Vision, einen Seelenpartner gefunden zu haben. Jede von uns meint, ihn schon lange zu kennen. Er hat das alles genau studiert, auf was wir abfahren und wir sind verdammt heiß auf ihn abgefahren Und wir sind bedürftig, offen für ein verrücktes Abenteuer aus 1001er Nacht.

Nun merke ich, ist ja sein Job dort – täglich; wöchentlich im Hotel, auf den Trekkings auf neue Frauen zu warten und sie kommen, sind auf der Suche, sind bedürftig.

Susanne schlägt vor, wir sollen folgendes Marketing anbieten: „Wenn ihr Frauen also ein Persönlichkeitsentwicklungstraining braucht, mit der Garantie, bereits am ersten Tag angemacht zu werden, zumindest für eine Nacht professionell verführt zu werden, die vermeintlich große Liebe des Lebens zu treffen und dann in Namen der Liebe finanziell ausgebeutet und betrogen zu werden – dann bucht das Seminar nur gleich.“Und irgendwie verstehen wir es auch .Es gibt so viele große Betrüger, warum sollte M, im Outfit eines gefakten Tuareg – das macht Eindruck, er Wüstensohn, der in Marokko verachtete Berber, er, der keine Chance hat dort ohne Bildung, es nicht auch versuchen in einem Bezness, der gefragt ist: Sehnsuchtsvolle Mitteleuropäerinnen im Aufbruch zur wahren Liebe in einem mutigen Abenteuer zu beglücken. Sie hat uns aufgewühlt, diese Liebe – eine Gletscherschmelze – und sie wurde schmählich ausgenutzt. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft, sehr schmerzhaft.

Und immer gibt es genügend Frauen, Frauen auf der Suche, gestandene Frauen, Frauen mit Sehnsucht, Frauen, die sich erst danach darüber im Klaren werden, dass sie sich auch Liebhaber günstiger einkaufen könnten, wie die Männer es tun, ohne sich gleich mit Kopf und Kragen zu verlieren. Weil das Begehren in unserer Gesellschaft allein der Jugend gehört, hat es uns nach Marokko gezogen.“ (aus „1001geschichte.de“)

Auf „afrikaroman.de“ findet sich eine  Rezension des Romans „Meine Zeit mit Marie Claire von Habin Selmi. Der Autor ist ein tunesischer Beduine, der als Arabischdozent in Paris lebt. Er erzählt in seinem Buch „die Liebesgeschichte zwischen einem Tunesier und einer Französin. In einem Café lernen sie sich kennen, der sensible Machfûdh, der schon seit Jahren allein in Paris lebt, und die temperamentvolle Marie-Claire. Schon bald zieht sie bei ihm ein und stellt fortan mit ihrem Tatendrang sein Leben auf den Kopf. Machfûdh genießt die Beziehung, nimmt sich aber möglichst zurück, um ja nichts falsch zu machen, und tut bis zur Selbstverleugnung alles, um seine Geliebte nicht zu verlieren. Doch Marie-Claires Lebenslust, überhaupt ihr Anderssein, empfindet er zunehmend als Provokation. Immer mehr Unausgesprochenes staut sich zwischen ihnen an, und schließlich findet keine echte Kommunikation mehr statt. Anhand alltäglicher Kleinigkeiten schildert Habib Selmi verblüffend ehrlich die komplexe Beziehung zwischen Mann und Frau aus unterschiedlichen Kulturkreisen und widerlegt mit der Figur des feinfühligen, unaufdringlichen Machfûdh das westliche Klischee vom dominanten arabischen Mann. Der Roman wurde in die Shortlist des Arabischen Booker-Preises 2009 aufgenommen.“


Späte Heirat nicht ausgeschlossen: Lob des multikulturellen Sextourismus  von Sabine Vogel

Bei manchen Affenarten bekommen die Weibchen blaue Hintern, wenn sie rollig sind. Wir Menschenweibchen signalisieren das nur wenig subtiler. Feuchtrot glänzt das Lipgloss. Je nach Schönheitsideal und Volkskultur setzen wir die Männchen-aufreizende Betonung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale in Szene. Wespentaillen-Korsett und eingebundene Füßchen sind zwar aus der Mode, aber die sexy Aufbrezelung bestimmt nach wie vor die Frauenmode.  Doch die Natur ist gnadenlos: Nach dem Klimakterium leuchtet unser Hintern nicht mehr. Wir werden unsichtbar. Wenn Backen und Brüste absacken, unsere Gesichter zu Apfelbutzen verschrumpeln und die Figur verkartoffelt, dann hat unser Körper seine biologische Legitimation verbraucht. Wir sind sichtlich keine Sexualobjekte mehr.  Zumindest nicht für deutsche Männer. Zum Glück gibt es Migranten. Die sehen und nehmen uns noch. Wie freudlos wäre der Alltag ohne den samtäugigen Syrer im Kiosk, den zuvorkommenden Türken in der Kfz-Werkstatt oder den sehnsüchtigen Flötisten aus den Anden. In einer stadtbekannten Abschleppdisco in der Kantstraße tanzen deutsche Frauen um die Vierzig in Pullis, Jeans und flachen Schuhen. Manche dick, manche hager, alle gepflegt, kaum Make-Up. Sie wiegen sich hüftbetont im pfirsichfarbenem Kerzenlicht zu Marvin Gaye und softem Salsa. Schwarze Muskelmänner und knackige Latinlovers schauen ihnen zu. Sie trinken Weizenbiere, das ist billiger im Verhältnis zur Menge. Trotzdem die Frauen in der Überzahl sind, sind die Machtverhältnisse klar. Wenn eine allein nach Hause gehen wird, dann nur, weil sie keinen gefunden hat, der ihr gefiel.  „Ich könnte deine Mutter sein.“ Ja und? „Ich liebe meine Mutter.“ Mit einem Muttergeschlecht haben wir bei den Mittelmeermachos immerhin noch ein Geschlecht. Und nicht das Schlechteste.

Die Matrone als weibliches Pendant des Padrone ist im südländischen Raum eine Respektsperson. Ein der Schwerkraft des Alterns huldigendes Hinternmassiv aus Lebenserfahrung. „Auf alten Schiffen lernt man segeln“, lautet das uncharmante Sprichwort, mit dem deutsche Halbstarke in morsche Bretter bohren.  Aber es ist gar nicht unbedingt unsere Lebens- oder Liebeserfahrung, mit der wir wuchern können. Es ist das Bedürfnis, auch als Oma noch als Frau zu gelten, das uns lüstern aus den „sexy Augen“ blinzelt. Der Hunger nach Geschlechtlichkeit, der deutsche Männer voll Entsetzen in die Flucht schlägt, wird von den anderen Verhungernden unserer Gesellschaft erkannt. Weil die schönen jungen Frauen für sie nicht erreichbar sind, baggern sie uns „Sugarmamas“ an. Das ist warmer Regen auf ausgedörrte Äcker.  Was Thailand für die Houellebecq-Touristen ist Kenia, Gambia oder Senegal für die „reife“ Frau. Hier lümmeln gutgebaute „Toyboys“ am Strand oder in der Hotelbar und bieten ihre Dienste an. Sie lieben uns alte Schachteln natürlich nicht wirklich, aber sie spielen das schön vor. Sie sagen uns, was wir hören wollen, sie wissen, was wir brauchen. Mit Sonnenschirm, Charme und Melone verkaufen sie ihre Männlichkeit gegen das schrumpelige Versprechen auf eine Einladung in die Erste Welt. Wir sind ihre Chance, die wir längst bei der BfA begraben haben, was die Jungs aber noch nicht wissen. Wir bekommen die Illusion, begehrt zu werden und bezahlen mit der Illusion möglicher späterer Heirat.  Unser Pass bügelt unsere Falten aus. Und wir zahlen viel besser als die knickrigen Bangkok-Bumser ihren Mätressen. Frauen, die lieben – und das tun sie dann gerne auch – sind wesentlich großzügiger als die Freier auf dem afro-asiatischen Sexmarkt.  Ein Auto, ein Geschäft, ein Haus? Kein Problem.

Das ist praktische Entwicklungshilfe ohne Zwischenhändler. Es kostet uns freilich auch weniger als drei Wochenenden mit einem Masseur ohne Migrationshintergrund daheim. Und wir sind viel dankbarer. Weil wir wissen, dass es uns in unserer Kultur nicht mehr zusteht.  Es ist ein Tauschgeschäft wie jeder Ehevertrag. Bei uns Omas gewinnen beide Beteiligten – beide Partner sind Profiteure der wechselseitigen Ausbeutung. Wir bekommen Sex und romantische Gefühle, der Liebesdiener wird mit Geschenken entlohnt, erhält so manche Devisen und vielleicht gar ein Visum. Was ist daran unmoralisch? Dass bei diesem Sextourismus die nordeuropäischen Frauen die Zahlenden sind und die Männer die Abhängigen? Heirat mit uns wäre für sie der Einlass ins Schengenparadies. Aber wir müssen sie nicht mal heiraten. Wir können sie einfach nur aushalten.  Mit den Liebhabern aus der Dritten Welt können wir den Jammer unseres Alterns vergessen. Und verfallen dabei manchmal doch der Liebe. Darin machen wir uns wieder gemein mit dem Unglück der von uns Abhängigen. So sind wir ihnen nahe in Schande und Scham. Manche Omas heiraten dann wirklich – den Fremdenführer aus Borneo, den Teppichverkäufer aus Kaschmir, den afrikanischen Prinzen wie die „Weiße Massai“, mit dem sie kein Wort reden können. Aber wozu viel unterhalten? „Rhythm is it“. Es geht weniger um Exotismus oder Abenteuer. Es geht darum, sich selbst noch einmal zu spüren.  Und manchmal geht es gut. Es gibt glückliche Ehen zwischen alten europäischen Frauen und jungen Männern aus der armen Welt. Hand in Hand stehen sie auf der Tanzfläche, die ältliche weiße Frau aus Friedenau und ihr schöner Gigolo aus Afrika. Umgekehrt übrigens auch: In Hessen soll es ein ganzes Dorf glücklicher Paare aus vierschrötigen Bauern und per Katalog gekauften Bräuten aus Thailand geben.  Ab 65 sollen deutsche Stoffel übrigens wieder gleichaltrige Partnerinnen aus ihrem Kulturkreis bevorzugen. Krankenschwestern, die sie verstehen. Mal sehen, ob wir sie dann noch wollen. Denn wir können dann noch.“

dpa vom 29.07.11:

Zeitehe im Iran: Ein Kinofilm thematisiert das umstrittene Phänomen Von Farshid Motahari Frauenaktivisten verurteilten die Zeitehe im Iran als Erniedrigung der Frauen. Der Film „Im Bazar der Geschlechter“ zeigt dagegen, dass dieser Brauch auch seine gute Seiten haben kann: Frauen können mit ihren Partnern zusammen sein, ohne sie unbedingt gleich zu heiraten.  Teheran (dpa) – Sigheh, die Zeitehe, ist eine der kontroversen Themen innerhalb des schiitischen Islams, der im Iran praktiziert wird. Sigheh ist auch das Thema des Dokumentarfilms „Im Bazar der Geschlechter“ der jungen iranischen Regisseurin Sudabeh Mortezai. Was viele iranische Frauenaktivisten jahrzehntelang als religiös gesegnete Prostitution verurteilten, gilt für viele Frauen der jungen iranischen Generation als eine durchaus praktische Lösung für eine Beziehung ohne den im Iran obligatorischen Trauschein. Diesen Aspekt reflektiert auch die in Österreich lebenden Mortezai in ihrem Film. „Natürlich hört sich das Ganze blöd an, aber wenn ich damit mit meinem Freund sein kann, ohne von Sittenwächtern belästigt zu werden, ist es doch nicht so schlecht“, findet zum Beispiel die 35-jährige Unternehmerin Lejla. Diese Meinung teilen mittlerweile viele junge Iranerinnen und ihre Partner, die sich entweder eine Heirat nicht leisten können oder geschieden sind und eine Beziehung ohne Trauschein wollen. Im Gottesstaat Iran sind Beziehungen unverheirateter Paare verboten. „Straftäter“ werden verhaftet, die meist ahnungslosen Eltern benachrichtigt und am Ende kommt dann häufig eine saftige Geldstrafe.  Sigheh ist ein Brauch im schiitischen Islam, der von den Sunniten nicht anerkannt ist. Laut schiitischen Vorschriften kann die Sigheh-Predigt entweder von einem Geistlichen ausgesprochen werden oder auch von einem normalen gläubigen Schiiten. „Hiermit erkläre ich euch als getraut in einem bestimmten Zeitrahmen.“ Daraufhin müssen beide Seiten mit einem „Ghabalto“ – arabisch für „einverstanden“ – antworten.

Danach sind sie zueinander „legitim“, ob nun für eine Nacht oder mehrere Jahre. Die Sigheh kann auch von einem Notar amtlich in einer Urkunde registriert werden, kommt aber, anders als bei einer klassischen Heirat, nicht in den Personalausweis. Daher hätten sowohl die Frau als auch die Kinder einer solchen Zeitehe keine Rechte, solange der Mann oder Vater dies nicht bewilligt.  „Das ist eine Erniedrigung der Frau, weil sie quasi als Lustobjekt des Mannes degradiert wird“, sagt daher eine Frauenaktivistin in Teheran. Das sehen zwar viele Frauen im Iran genauso, aber nur, wenn die Frau sich aus purer Verzweiflung auf solch eine Zeitehe einlässt. „Wenn eine Frau das notwendige Selbstbewusstsein hat und der Partner dezent ist, dann ist es eine pragmatische Form, den Umständen entsprechend das Beste aus der Situation zu machen“, sagt eine 41-jährige Journalistin und allein erziehende Mutter in Teheran. Wie auch im Film von Mortezai dargestellt, finden Frauen sogar eine gewisse Genugtuung, islamische Vorschriften zu ihren Gunsten zu gestalten.  Die Aufführung des Films „Im Bazar der Geschlechter“, der 2009 gedreht wurde, ist wegen seiner angeblich sarkastischen Sichtweise gegenüber einem religiösen Thema in Teheran verboten. „Film und Thema sind vielleicht im Ausland exotisch, aber hier ist das Thema weder aktuell noch interessant“, fand beispielsweise ein Filmkritiker. Junge Kunststudentinnen im Haus der Künstler in Teheran halten zudem nicht viel von Filmen, die nur im Ausland gezeigt werden. „Wenn man gesellschaftlich kritische Filme machen und damit auch wirklich was bewirken will, muss man auch im Land sein“, sagte eine junge iranische Filmemacherin. „Im Ausland kann man sich zwar als Dissident einen Namen machen, aber von dort aus nicht zur Lösung der gezeigten Probleme beitragen.“

Erfahrungshunger (2)

In den Foren „Turkish-Talk“, „gofeminin“, tunisianloverats.com, „1001Geschichte“  und ähnlichen Internetportalen tauschen die in den Orient gereisten Frauen ihre  Urlaubserfahrungen aus. Es gibt auch schon die ersten Statistiken über die  Saison 2011: von 227 Türkeiurlauberinnen sind 68% noch nie von einem „türkischen Partner abgezockt“ worden, und immerhin 12% haben außer einem „gebrochenen Herzen“ sowie „unnötigen Flug- sowie Hotelkosten“ keine bleibenden Schäden davongetragen. 44% der Frauen haben jedoch von etwas unter 1000 bis über 10.000 Euro an ihren „Askim“ (Liebling) verloren. Zählt man die Hälfte der Frauen mit „gebrochenen Herzen“ und „unnötigen“ Unkosten dazu, weil sie den Betrug noch so rechtzeitig „rochen“, dass er nicht allzu sehr ins Geld ging, dann haben sich heuer gut 50% aller in die Türkei gereisten deutschsprachigen Urlauberinnen auf einen „Beznesser“ eingelassen (das Wort setzt sich aus „Beziehung“ und „Business“ zusammen).

Ähnliche Zahlen gibt eine Beznesser-Studie im ägyptischen Badeort Hurghada her, die Franziska Tschanz Kassem als Diplomarbeit an der Schweizerischen Tourismusfachschule in Siders einreichte – aus dem Jahr 2007. Dort können sich amerikanische und russische Ägyptenurlauberinnen schon vorab bei ihren Reiseveranstaltern die zu ihnen „passenden“ Beznesser in Katalogen aussuchen. Dadurch gewinnen sie quasi ihre Initiatiative wieder, die ansonsten – vor Ort – von den Beznessern ausgeht, die die Frauen am Strand, an Souvenirständen oder als Kellner bzw. Hotelangestellter ansprechen. Da es für einen Ägypter verboten ist, mit einer europäischen Frau  Kontakt aufzunehmen, gibt es hier – ähnlich wie im Iran die „Zeitehe“ die sogenannte Orfi-Heirat, der Vertrag dafür wird gegen eine geringe Gebühr von Notaren ausgestellt, neuerdings auch gleich in Discotheken, so dass die Frau ihren „Habibi“ (Liebling) quasi von der Tanzfläche aus direkt ins Hotel mitnehmen kann. Die Urlauberinnen sind hier nicht selten 30-40 Jahre älter als die Beznesser. In der Regel wird die Beziehung für sie umso teurer je älter sie sind und umso sexueller je jünger sie sind. Die Russinnen haben regelrechte Listen mit Photos  zusammengestellt – von besonders „miesen Habibis“ – u.a. auf den Internetseiten „kunstkamera.net“ und „dezy-house.ru. Dort steht z.B. über so einen: „Waleed Kamal, gutaussehend, 24 Jahre alt, „arbeitet in der Nähe des Long Beach, ist verrückt nach Russinnen, treibt sich gerne im Beirut Hotel herum, sagt, er wäre Ex-Kommandeur einer militärischen Spezialeinheit gewesen, hat mindestens fünf Frauenherzen gebrochen, hat noch eine ORFI-Frau in Deutschland, die ihn ein paar Mal im Jahr besucht, sagt, er sei gläubiger Moslem, hat aber keine Ahnung von den Ritualen, ist heißblütig und hartherzig, kann gewalttätig und beleidigend werden, aber auch weinen, wenn man sich verabschiedet“.

Die  deutschen Urlauberinnen scheuen ebenfalls keine Kosten und Mühen, um den Beznessern auf die Schliche zu kommen. In einem ihrer „Chats“ auf gofeminin geht es z.B. um Mohamed Abotaleb in Hurghada, der dort im Grand Hotel arbeitete. H., die ihn seit über einem Jahr kennt, fragt, ob jemand Näheres über ihn weiß. J. antwortet:  „also, mein freund scheint ihn zu kennen und mit ihm befreundet zu sein, er steht wohl sogar noch gelegentlich im kontakt mit ihm, ruf  mich am besten an, dann kann ich für dich etwas spionieren.“ M. fragt H.: „haste mal bei Facebook nachgeschaut. die jungs sind ja meistens da angemeldet, vielleicht kannste da was erfahren. Es gibt einige dort mit dem Namen. H.:  „ja im facebook ist er drin, aber er hat keine freunde er ist nur angemeldet!“ M: „Schick ihm doch eine Kontaktanfrage. Dann siehste erst die Freunde! Man kann alles komplett ausblenden. Wenn er die annimmt und dann immernoch keiner drin ist, dann ist er völlig einsam oder hat noch ein anderes Profil bei Facebook. In der Regel haben die da ganz viele Kontakte auch untereinander. Worüber kommuniziert ihr denn? über MSN? oder Skype? Für MSN gibt es nämlich einen Profilechecker, da kannste seine email-adresse eingeben und es zeigt dir  alle Profile an, die er hat. Bei Skype haben sie auch häufig mehrere Profile auf einer Adresse.“ H.: „ja hab das ganze internet auf dem kopf gestellt, im 1001 geschichten, dezy house, habe sein name gegooglet, alles mögliche, aber habe nix gefunden! also er hat keine lange haare, er arbeitet in der küche!!und wie ich weiss arbeitet er immer noch dort!!! ich telefoniere jeden tag, er hat immer zeit ,manchmal bis zu 2 stunden sind wir am telefon, er kommt auch in den messenger um mich zu sehen, wenn er geld hat!!! er hat auch noch nie gesagt das er keine zeit hat, eigentlich will er mich immer hören, aber eben man weiss ja nie!!!!! falls du was weisst, wär ich dir dankbar!!!!und danke für die antwort!!!“ D.: „Ägyptische Männer die in hurghada wohnen sind ekelhaft!! Aber sie wissen genau, was sie sagen oder tun sollen, also pass auf!!!! Diese internetseite zeigt dir die Männer die nur spielen oder dich ausnutzen wollen! Ist zwar russisch steht aber auch auf deutsch da!!!! Also www.dezy-house.ru Übrigens bin selber Ägypterin und verstehe wie sie denken!!!!

J.: Uiuiui…ich weiß ja nicht…will dich ja nicht enttäuschen aber ich habe das komplette letzte jahr in ägypten gearbeitet, war animateurin in vielen verschiedenen hotels (auf eigene faust, ohne arbeitsvertrag, krankenversicherung oder irgendwelche großen firmen im rücken, sozusagen mit rucksack durch die gegend gezogen, hatte also auch sehr viel kontakt mit einheimischen und dem „echten“ ägypten) und habe sooo viel gesehen… ich kann nur (vollkommen vorurteilsfrei) sagen, ägypter, die mit touristen arbeiten, sind mit vorsicht zu genießen! erstens ist ägypten wirklich eines der rückständigsten, ärmsten, frauenverachtendsten und schockierendsten länder, die ich je gesehen habe (und ich war viel unterwegs) und, wie bereits erwähnt, sind gerade die osteuropäischen touristinnen sehr, sehr freizügig und fahren zum größten teil mit festen erwartungen nach hurghada! von vielen russischen touristinnen und vor allem arabischen arbeitskollegen habe ich hurghada als „the center of touristic sex for women“ beschrieben bekommen… die meisten kollegen die ich in der zeit kennen gelernt habe, hatten immer mehrere freundinnen zugleich, und haben sich immer mindestens eine „warm gehalten“ die etwas geld hat (ägyptisches monatseinkommen für animateure: 250-400 dollar, barpersonal: 40-80 dollar) und zu der sie im notfall irgendwann mal gehen können, wenn es mit der animationskarriere vorbei ist… teilweise hatten sie sogar frauen in kairo sitzen, und wollten sich in der animation nur mit europäerinnen vergnügen… ich werde auf jeden fall mal meinen freund fragen, ob er ihn kennt. er hat insgesamt 5 jahre in hurghada und sharm el sheikh als dj gearbeitet und kennt dort fast jeden.“

Mitunter findet man in diesen Frauen-Foren auch eine Mail von einem Mann:

Frisör aus Hurghada. Von Hessenmann 4.4.2010: Wer kann Infos zu nem Frisör Namens Ahmed geben – arbeitet im Hairdresser auf der sheraton Road ,sein Alter wurde mit 27 angegeben !!Wohnhaft auch in Hurghada .Seine spezialität ist das Augenbrauen zupfen ,und dabei die Frauen um die Finger zu wickeln !! Gibt es Frauen ,die auf ihn reingefallen sind ,meine Frau meint die wahre Liebe dort gefunden zu haben !!! Bitte um Infos ,wem er noch die ewige Liebe versprach mittlerweile kommen fast täglich SMS  und er sagt ihr, das er Geld braucht, um geliehenes zurückzuzahlen ,glaube nicht,  das meine Frau die einzige ist , sie will es nicht glauben das es fadenscheinige Methoden sind ,wer kann ihr hier die Bestätigung geben?? Würde zu Not auch das Bild von ihm reinstellen ,was aber auch recht heikel ist . Betroffene bitte hier posten ,das Licht ins dunkel kommt ,eine Familie wird hier zerstört!

Literatur:

– Bowman, Glenn „Fucking Tourists: Sexual Relations and Tourism in Jerusalem’s Old City in Critique of Anthropology, Volume 9, Nummer 2, 1989, SAGE Publications, Seiten 77-93

– Cohen, Erik „Arab Boys and Tourist Girls in a mixed Jewish – Arab Community“ in International Journal of Comparative Sociology, Volume 12, 1971, Seiten 217-233

– Dahles, Heidi und Bras, Karin „Entrepreneurs in Romance – Tourism in Indonesia, in Annals of Tourism Research, Volume 26, Nummer 2, 1 April 1999, Elsevier, Seiten 267-293

– De Albuquerque, Klaus „In Search of the Big Bamboo: How Caribbean Beach Boys Sell Fun in the Sun.“ in The Utne Reader, 2000, Seiten 82-86 – De Albuquerque, Klaus „Sex, Beach Boys and Female Sex Tourists in the Caribbean in Sex Work and Sex Workers, Volume 2, 1999, London, Seiten 87-111

– De Alburquerque, Klaus „In Search of the Big Bamboo: Among the sex tourists of the Caribbean, in Transition, Volume 8, Nummer 77, 1998, Seiten 48-57

– Evans, Rhonda D. u. A. „Macro and Micro Views of Erotic Tourism in Deviant Behavior, Volume 21, Nummer 6, 1. November 2000, Routland, Seiten 537-550

– Herold, Edward u. A. „Female tourists and beach boys – Romance or Sex Tourism? in Annals of Tourism Research, Volume 28, Nummer 4, 2001, Elsevier, Seiten 978-997

– Jeffreys, Sheila „Sex tourism: do women do it too? in Leisure Studies, Volume 22, Nummer 3, July 2003, Routledge, Seiten 223-238 – Kempadoo, Kamala „Freelancers, Temporary Wives, and Beach-Boys: Researching Sex Work in the Caribbean in Feminist Review, Volume 67, Nummer 1, 2001, Palgrave Macmillan, Seiten 39-62

– Lévy, Joseph u.A. „Tourisme et sexualité en Tunisie“ in Anthropologie and Science, Volume 25, Nummer 2, 2001, Seiten 61-68 – Meisch, Lynn.A. „Gringas and otavalenos – Changing Tourist Relations, in Annals of Tourism Research, Volume 22, Nummer 2, 1995, Elsevier, Seiten 441-462

– Nyanzi, Stella u. A. „Bumsters, big black organs and old white gold: Embodied racial myths in sexual relationships of Gambian beach boys in Culture, Health & Sexuality, Volume 7, Nummer 6, 1. November 2005, Routledge, Seiten 557-569

– Omondi, Rose Kisia „Gender and the political Economy of sex tourism in Kenya’s coastal resorts, paper presented at the International Symposium/ Doctorial Course on Feminist perspective on Global Economic and Political Systems and Women’s struggle for Global Justice at Sommoroya Hotel, Tromso, 24. -26. September 2003

– Oppermann, Martin „Sex tourism, in Annals of Tourism Research, Volume 26, Nummer 2, 1 April 1999, Elsevier, Seiten 251-266

– Pruitt, Deborah und LaFont, Suzanne „For love and money – Romance Tourism in Jamaica in Annals of Tourism Research, Volume 22, Nummer 2, 1995, Elsevier, Seiten 422-440

– Rigo, Helene „White Lady give good real Love – Sextourismus in Jamaika“ in Südwind, 1998, Nummer 7-8, Seiten 30-31

– Ruch, André „Weiss und blauäugig, in Berner Zeitung, Rubrik Leben, Montag, 12. Februar 2007, Seite 33

– Ruch, André „Weiss und blauäugig, in Neue Luzerner Zeitung, Bund 5, Donnerstag, 1. März 2007, Seite 37

– Sanchez Taylor, Jacqueline „Female sex tourism: a contradiction in terms? in Feminist Review, Volume 83, Nummer 1, August 2006, Palgrave Macmillan, Seiten 42-59

– Sanchez Taylor, Jacqueline „Dollars are a Girl’s Best Friend? Female Tourists‘ Sexual Behaviour in the Caribbean in Sociology, Nummer 35, 2001, Seiten 749-764

– Vielhaber, Armin u.A. Ägypten verstehen, SympathieMagazin, Studienkreis für Tourismus und Entwicklung, 2001

Erfahrungshunger (3)

Der Traum von einem Mann/ Von Edith Kresta (taz):

Der Bereich Urlaub und Sexualität in bezug auf Frauen ist weitgehend eine Leerstelle sozial- und sexualwissenschaftlicher Forschung. Es gibt nur wenige Untersuchungen über Motive und Verhalten der Frauen, noch weniger über die der sich anbietenden Männer. Der tunesische Film „Beznes“ (vom englischen Wort Business) setzt sich kritisch mit der Prostitutionskarriere eines jungen Tunesiers auseinander. Er zeigt die Entwurzelung, die Zerrüttung des Wertekodex, die der planmäßige Kontakt mit den Touristinnen bringt. Und er zeigt auch die Faszination des westlichen Lebensstils, inklusive seiner sexuellen Freiheiten. Trotz Verstoßes gegen das kulturelle Wertgefüge bleibt die männliche Nutte zu Hause der Patriarch, der seine Schwester hinter Gardinen verbannen darf. Er gilt darüber hinaus als potent, als ganzer Mann. Männliche Prostitution ist in der patriarchalen tunesischen Gesellschaft kein soziales Stigma, wenn auch nicht gern gesehen. Undenkbar für die tunesische Frau. Und dieses Grundmuster ist sicherlich auf afrikanische, südeuropäische oder lateinamerikanische Gesellschaften übertragbar. Der Mann darf ungestraft polygam vögeln, selbst wenn er sich dafür bezahlen läßt. Der bezahlte Sex kratzt kaum am männlichen Selbstbildnis und verspricht immer noch Lustgewinn.

Und die Balz entspricht diesem männlichen, patriarchalen Selbstverständnis. Der „Südmann“ – ob Afrikaner, Latino oder Türke – umschwirrt die „Nordfrau“, gibt ihr das Gefühl „strahlender Weiblichkeit“ und sich selbst das Statussymbol sexueller Freizügigkeit, materieller Vorzüge und vielleicht die Hoffnung auf ein besseres Leben im reicheren Land. Und die Frau spielt bei diesem Spiel mit uralter Rollenverteilung mit. Die Frau freit, indem sie sich freien läßt. Sie wählt unter einem Überangebot an Männern aus. „Frauen“, so Kleiber/Soellner/Wilke in ihrer Untersuchung zu Sextourismus, „fühlen sich viel häufiger als Männer einem romantischen Liebesideal verpflichtet. Verliebtsein, Liebe und eine romantische Verklärung der sexuellen Interaktion liefern oftmals erst die Basis für ,legitime‘ sexuelle Kontakte und dienen als Rechtfertigung für die Herstellung sexueller Intimität.“  „Nöö, ich hatte mich nicht geschützt, man sah, es ist ein einfacher Junge vom Land…“, erzählt eine Frau über ihr Liebesleben an fremden Gestaden. Eine Aussage, die für viele gilt, so das Fazit einer Befragung von Frauen über ihre Urlaubsaffären in Kenia. Denn die Frauen selbst zählen ihre Affäre nicht zu der Kategorie Sextourismus. Und auch der sich anbietende Mann definiert sich seltenst als Prostituierter, selbst wenn er hauptsächlich davon lebt. Oft gibt er sich, wie im obigen Zitat, als die Unschuld vom Lande. Und die Frau zahlt diese Unschuld vom Lande kaum in barer Münze. Sie macht Geschenke, lädt ein, nimmt ihn für eine paar Tage mit auf die Reise oder finanziert ihm den Flug in den saturierten Norden.

Die Bezahlung der Urlaubsliebe, auch wenn sie erwartet wird, ist nicht wie bei der weiblichen Prostituierten klar geregelt. Sie spielt sich verschämt in traditionellen Rollenmustern ab, sie kommt oft als Liebesdienst daher. Die Frau hilft, unterstützt, leidet mit.  Die sexuelle Lust der Frauen segelt unter romantischer Flagge. Es ist daher nur logisch, wenn alle in der Studie von Kleiber/Soellner/ Wilke befragten Frauen lediglich mit einem einheimischen Partner sexuelle Kontakte hatten. Dies steht in eindeutigem Gegensatz zum Verhalten männlicher Sextouristen, die innerhalb von 24 Tagen durchschnittlich fünf Partnerinnen hatten.  Die Lust der Frauen braucht Nähe, Vertrauen. Und in einer solcherart intimen Beziehung stört schon das Kondom, ist quasi ein Vertrauensbruch. „Safer Sex“, so die Studie, „wurde nur von einer einzigen befragten Frau praktiziert. Doch nicht einmal sie hat das Kondom immer verwendet. Das augenscheinlich Gesund- oder Unbedarftaussehen des Partners wurde als potentielle Schutzmöglichkeit, besser gesagt, als ,Schutzillusion‘ gesehen.“ Die Frau hält die Illusion der „Urlaubsliebe“ aufrecht. Vom professionellen Liebhaber will sie nichts wissen. Deshalb nehmen viele in der Studie befragte Frauen zwar die Prostitution der Männer wahr, ihre eigene Urlaubsliebe fällt aber nur selten in diese Kategorie. Daß dieser nach ihrem Abschied gleich die nächste anfliegt, sieht Frau nicht. „Liebe“ macht ohnehin blind. In diesem Fall mit fataler Konsequenz für den eigenen gesundheitlichen Schutz, die eigene Sicherheit. Frauen sorgen eben nicht vor, sie stellen sich im Gefühlsrausch selbst zurück.  Die Urlaubssituation beflügelt das romantische Liebesgefühl.

Der Autor Uwe Wandrey hat Frauen, die in den Armen des „undurchschaubaren Südmanns“ lagen, befragt, „was Frauen in den Süden zieht“. Ein Fazit: „Der Undurchschaubare strahlt Überlegenheit aus, wie brüchig er auch in seinem Inneren beschaffen sein mag…, und die soziale Regression zum einfachen Mann führt der Frau vor, mit wie vielen Verlusten ihre privilegierte Stellung in der modernen Welt bezahlt wird.“ Hier darf sie sich fallenlassen und sinnlich entfalten. Der erotische Kick, die wilde Begierde in einer Überfülle von Natur und männlicher Ursprünglichkeit. „Da“, so weiß Wandrey, „schmelzen die frauenbewegtesten Frauen dahin.“

Denn die Urlauberinnen, die sich in Ländern des Südens oder der Dritten Welt einlassen, „haben oft studiert und kommen aus der Mittel- oder Oberschicht“, schreibt die Ethnologin Marta Aparicio. Es sind die Frauen, die allein oder zu zweit reisen. Das Herz der in den Süden reisenden Pauschaltouristin aus Böblingen läßt sich allenfalls von der Stupsnase des Hausdieners in der Urlaubsanlage anrühren. Sie reist nicht allein. Ihr Willy ist auch dabei.

Die sogenannte Sextouristin sucht in der Regel nicht den schnellen Sex, den one-night stand. Das kommt sicherlich auch vor, ist jedoch die Ausnahme. Die Frauen sind, glaubt man den Untersuchungen, unter Palmen und fern des grauen Alltags in besonders erotischer Stimmung, bereit für den schönen Macho aus Berufung und Beruf. Ein entscheidender Unterschied zum zielstrebigen Bordellbesuch der Männer, zum Kegelclubausflug nach Thailand mit wechselnden Partnerinnen. Bei den männlichen Sextouristen ist der Geschlechtsverkehr auf dem Reiseplan vorprogrammiert, bei den meisten Frauen nicht. Mag er auch als reger Wunsch eines sinnlichen Traumurlaubs mitschwingen. Nur selten wird er bei Frauen planmäßig anvisiert.

Bei den Beach Boys von Kenia, den Strandadonissen von Sousse oder den einsamen Strandläufern von Antalya schon. Sie sind Einzelunternehmen in Sachen Sex, und ihr Kapital ist der eigene Körper und Charme. Beides setzen sie spielerisch ein. Ihr Bordell ist der ganze Strand. Die Ethnologin Aparicio weiß, daß vielen dieser Strandjünglinge sämtliche Register der Verführung zur Verfügung stehen: „Sie treten auf mit viel Einfühlungsvermögen, abgestimmt auf den sozialen Status und die Persönlichkeit der Touristin.“

Doch diese schlichten Anbieter haben wenig gemein mit einer durchorganisierten, aggressiven Prostitutionsindustrie wie auf den Philippinen oder in Thailand mit all ihren kriminellen Methoden zur Sicherung der „Frischfleischzufuhr“ für die männlichen Freier. Von eindeutigen Etablissements für Frauen, im Pauschalangebot inbegriffen, hat frau weder auf Jamaika, in Kenia oder Tunesien gehört. Solche Bumsschuppen für Frauen stünden den weiblichen Freierbedürfnissen konträr entgegen: Ihre funktionale Eindeutigkeit zerstört die Lust der Vorlust und alle Liebesillusion von vornherein.  Die sogenannten weiblichen Sextouristen bewegen sich in einer Grauzone von Anmache und Anziehung, von materiellem Nutzen, sexueller Ausbeutung und manchmal vielleicht auch Liebe… Weiblichem Sextourismus fehlt die organisierte Eindeutigkeit und triebhafte Eindimensionalität männlicher Sexausflüge nach Bangkok.

Die Frau also letztendlich doch Opfer patriarchaler Selbstherrlichkeit: hereingelegt und ausgebeutet von polygamen männlichen Strandschönheiten? Mitnichten. Sie ist auch romantisch verbrämte Lusttäterin, die sich holt, was sie braucht und wie sie es braucht.

Allein aus Deutschland sollen jährlich zirka 800.000 Sextouristen ins Ausland reisen. Ein Viertel von ihnen sucht sexuelle Kontakte mit Einheimischen in außereuropäischen Ländern. Befragungen unter Sextouristen vor Ort zeigen, dass im Schnitt 70 Prozent von ihnen von vornherein Sex mit Einheimischen planen. Männer verhalten sich überwiegend promisk: Sie haben durchschnittlich vier Partnerinnen in zwei Wochen. Noch aktiver sind homosexuelle Männer, die es durchschnittlich auf sechs Partner bringen. Mit ihren weltweiten Travel-Guides im Gepäck suchen sie die einschlägigen Treffs auf.  Gemeinhin spricht man hier von Ausbeutung, von Machtverhältnissen oder auch Dominanzbedürfnissen innerhalb patriarchaler, frauenfeindlicher Strukturen.

Der Autor Houellebecq hingegen sieht die Prostitution als Business as usual in einem globalen Markt mit seinen strukturellen Ungleichheiten. Die schnelle Triebbefriedigung im Sextourismus gibt vor allem Hilfsorganisationen Anlass zur Sorge, denn es geht dabei nicht nur um Sex unter Erwachsenen: Tendenziell wird der Hunger auf den kindlichen Körper größer. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef hat recherchiert, dass „Millionen von Kindern weltweit wie Vieh gehandelt und als Sexsklaven benutzt werden.“ Allein in Indien gebe es 400.000 minderjährige und weibliche Sexsklaven. Etwa 300.000 in den USA, 175.000 in Ost- und Zentraleuropa. Ecpat Deutschland (End Child Prostitution, Pornography and Trafficking), ein internationales Netzwerk, das Kinderrechte vertritt, betont: „Der Anstieg der Kinderprostitution verlief parallel zur Zunahme des weltweiten Tourismus. Auch wenn nur eine Minderheit der Reisenden Kinder sexuell missbraucht und auch Einheimische zu den Kunden gehören: Tourismus und die Devisen aus den Ländern des Nordens haben dem „Sexmarkt“ in den Entwicklungsländern entscheidende Impulse gegeben.“ Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen schätzt, dass kriminelle Banden mit Kinderprostitution und Kinderpornografie weltweit jährlich fünf Milliarden Dollar umsetzen.

Bezahlter Sex mit Einheimischen ist ein Schmuddelthema. Wenn es bislang öffentlich diskutiert wurde, dann als Sache von Ausbeutern und Opfern. Prostitution gilt als Endstation verpfuschter Frauenbiografien. Auch die beteiligten Männer haben kein gutes Image: Sie gelten als schwächliche Typen, die sich in der Ferne aufspielen, weil sie gleichberechtigte Partnerinnen meiden.  Der Ulmer Kriminalhauptkommissar Manfred Paulus, der seit Jahren als Fahnder kriminellen Sextouristen auf der Spur ist, sagt: „Der deutsche Prostitutionstourist gilt als geizig, stellt aber hohe Anforderungen und hat pervertierte Wünsche. Er fühlt sich als Krösus und steht auf der Liste der Prostituierten ganz unten.“ Mehr als die Hälfte von befragten deutschen Sextouristen in Thailand beschrieben ihre Sexualpartnerinnen als „mädchenhaft“. Unter den männlichen Sextouristen finden sich mehr unsichere Persönlichkeiten als im Bevölkerungsdurchschnitt, aber auch doppelt so viele Extrovertierte. Sie kommen aus allen Schichten der Bevölkerung. Neunzig Prozent sind alleinstehend. Ihr Durchschnittsalter liegt bei knapp 35 Jahren. Das sind die Ergebnisse von Untersuchungen zu Täterprofilen.

Ob Thailand oder Brasilien, weibliche Körper locken. Die Werbung im organisierten Tourismus spricht in der Regel den lüsternen Herrenblick an. Ein Blick mit Tradition. Dieser hat kulturgeschichtlich unsere Vorstellung von der Erotik der Fremde geprägt. Der Arzt und Hobbyethnologe Gregor Kraus etwa zeigt in seinem Bildband „Bali“ die Einwohner dieser Südseeinsel als Menschen eines fernen, unberührten Paradieses. Krauses Fotografien, entstanden 1912 und 1913, waren eine ethnologische Sensation, die allerdings auch als Pin-ups ihre Funktion erfüllten. Die „wilde Frau“ – ein einziges sexuelles Versprechen, ihre Leib „eine unglaubliche Fantasie des Ausdrucks, voll pflanzlicher Anmut, tierhafter Bewegtheit und erotischer Gespanntheit“. Am Bild der Südsee, ihrer prallen, unverhüllten, anarchistischen Erotik haben viele Herren gestrickt. Von Tahitis Entdecker James Cook über den Forschungsreisenden Louis Antoine de Bougainville bis zum Maler Paul Gauguin – sie alle wirkten mit am Bild einer vibrierenden, wollüstigen, exotischen Atmosphäre. Diese verdichtete sich letztlich zur Gestalt „eines einzelnen weiblichen Körpers, der sich uns entgegenschwang“ (Hickman Powell).

Paul Gauguin, der prominenteste Propagandist der Südseeidylle, erschuf wunderschöne Bilder von Frauen im Naturzustand. Vor allem aber liebte er sie: „Jede Nacht kamen die teuflischen Straßenmädchen in mein Bett. Gestern hatte ich deren drei, um weiterarbeiten zu können. Ich muss dieses wilde Leben beenden und mir ein ernsthaftes Mädchen suchen, um ohne Pause weiterzuarbeiten, zumal ich mich in Topform fühle, und ich glaube, dass ich bessere Arbeit als je zuvor leiste“, schrieb er 1895 in einem Brief an seinen Freund und Agenten. Seine neue feste Freundin wurde ein Mädchen von dreizehneinhalb Jahren.  „Die schwarze Sklavin, die Frauen mit den Mandelaugen, die Indianerin und über allen das Südseemädchen. Sie alle zusammen beginnen den Körper zu bilden, der sich den Wünschen zum Aufbruch gerüsteter Männer als geheimnisvolles Ziel anbietet; dieser Körper enthält mehr Lockungen als der Rest der Welt zusammen.“ Schreibt Klaus Theweleit in seinen „Männerphantasien“.

Aber auch Nordafrika war und ist so ein Ort der Verheißung. Und da die Frauen dort tabu sind, wurde es zum Mekka homo-, bisexueller wie auch päderastischer Männer. Autoren der Beat-Generation wie Allen Ginsberg und William S. Bourroughs, Paul Bowles, Sir Alfred Douglas, Robin Maugham, Jean Genet oder Oscar Wilde: die Liste der Autoren, die Nordafrikas Versprechen auf schöne Männerkörper zwischen Tanger und Algier anzog, ist nahezu endlos.  Bis heute sind unsere Stereotype der Südsee, des Harems, der Exotik schlechthin durch den männlichen Blick geprägt. Männerfantasien. „Ich wünsche mir, dass die Welt sehen möge, wie die Damen weit besseren Nutzen aus Reisen zu ziehen wissen als die Herren. Die Welt ist von Männerreisen bis zum Ekel überladen, alle mit denselben Kleinigkeiten angefüllt. Eine Dame hat die Fähigkeit, einen abgenutzten Stoff mit neuen Bemerkungen zu verschönern“, notierte pikiert Marie Esther, eine enge Vertraute von Mary Wortley Montagu. Diese englische Lady, die zwischen 1716 und 1718 als Gattin des britischen Gesandten Harems in Konstantinopel besuchte, hatte die Chance, das Dolcefarniente und die Körperlichkeit in türkischen Bädern zu beobachten. Ihre Brief an Freunde wurden postum veröffentlicht. Sie waren mit die ersten Zeugnisse weiblicher Reiseschriftstellerei.

Der Tourismus nimmt sich unserer Wünsche an. Er entführt uns in ferne Paradiese, er stillt die Bedürfnisse nach Ruhe, Natur und legt uns die Kultur fremder Länder zu Füßen. Er errichtet Luxustempel an den schönsten Flecken der Erde und lockt mit aufreizenden Körpern an die Strände dieser Welt. Was er uns mit seiner erotisierten Werbung jedoch verspricht, organisiert er letztendlich (noch) nicht oder nur halbherzig: Sex.  Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq klagte in seinem Buch „Plattform“ genau das ein. Sein Protagonist Michel lobt den Sextourismus als idealen Tausch: „Auf der einen Seite hast du mehrere hundert Millionen Menschen in der westlichen Welt, die alles haben, was sie sich nur wünschen, außer dass sie keine sexuelle Befriedigung mehr finden. Und auf der anderen Seite gibt es mehrere Milliarden Menschen, die  nichts anderes mehr zu verkaufen haben als ihre Körper und ihre intakte Sexualität.“ Michel entwickelt ein Konzept für Ferienclubs, „in denen die Leute vögeln können“.  Die Sexprovokation brachte dem Bestsellerautor Houellebecq vor allem in Frankreich Medienrummel auch für sein neues Buch. Sein Bekenntnis zum sexuellen Defizit und die Forderung nach organisiertem Sextourismus zielt ins Herz eines sensiblen Geflechts aus sexueller Praxis der Urlauber, verschwiegener Zurückhaltung der Reiseveranstalter und der allgemeinen moralischen Entrüstung darüber. Doch Tourismus & Sex sind längst eine gut funktionierende Liaison eingegangen.

Die Dominikanische Republik, Thailand, Brasilien, Vietnam, Kambodscha – mehr und mehr Länder erscheinen auf der touristischen Landkarte als Sexdestinationen. Genaue Zahlen sind allerdings schwer zu bekommen, denn die Grenzen sind fließend. Eine Studie des Bundesgesundheitsministeriums von 1995 definiert Sextouristen als Reisende, „die in den Zielländern materiell belohnte sexuelle Kontakte mit einheimischen Partnern haben.“  Sextouristen bilden keine homogene Gruppe: Es können Frauen oder Männer sein, Schwarze, Gelbe, Weiße, homosexuell oder heterosexuell, sie kommen aus allen Schichten. Zahlenmäßig bilden die westlichen heterosexuellen Männer die größte Gruppe.  Allein aus Deutschland sollen jährlich zirka 800.000 Sextouristen ins Ausland reisen. Ein Viertel von ihnen sucht sexuelle Kontakte mit Einheimischen in außereuropäischen Ländern. Befragungen unter Sextouristen vor Ort zeigen, dass im Schnitt 70 Prozent von ihnen von vornherein Sex mit Einheimischen planen. Männer verhalten sich überwiegend promisk: Sie haben durchschnittlich vier Partnerinnen in zwei Wochen. Noch aktiver sind homosexuelle Männer, die es durchschnittlich auf sechs Partner bringen. Mit ihren weltweiten Travel-Guides im Gepäck suchen sie die einschlägigen Treffs auf.  Der Sexmarkt wächst und ist schwer durchschaubar. Seine Regeln jedoch sind durchsichtig und folgen einem schlichten Muster: „Der Motor für die Entwicklung des Sextourismus ist vor allem das Wohlstandsgefälle zwischen den Angehörigen der Ersten und der Dritten Welt. In dem Moment, in dem es beseitigt ist, würden sich die Verhältnisse rasch normalisieren und würden vermutlich ähnliche – wenn auch landesspezifische, kultur- und politikabhängig variierende – Formen des Sexgewerbes entstehen, wie wir sie auch hierzulande kennen.“ So urteilt das Bundesgesundheitsministerium in seiner Studie.

Es schließt die Beobachtung an: „Wo immer Menschen aus vergleichsweise reichen Ländern in Regionen mit starkem Gefälle kommen, scheint so etwas wie eine Sonderangebotsmentalität bei den Reisenden zu entstehen. Sexuelle Dienstleistungen sind eine Sonderform solcher Angebote.“  Der Körper als käufliche Ressource der Dritten Welt. Gemeinhin spricht man hier von Ausbeutung, von Machtverhältnissen oder auch Dominanzbedürfnissen innerhalb patriarchaler, frauenfeindlicher Strukturen.  Exotisch-erotische Obsessionen von Frauen sind literaturhistorisch kaum dokumentiert. Es blieb den Frauen von heute vorbehalten, sie nicht nur zu leben, sondern auch darüber zu schreiben. Die amerikanische Dozentin Maryse Holder schilderte in den 70er-Jahren ihre Reiseerlebnisse in Briefen an eine Freundin. Diese Briefe wurden veröffentlicht, nachdem die Autorin auf ihren erotischen Streifzügen in Mexiko ermordet worden war. Holder machte vorsätzlich Jagd auf mekikanische Machos, um sich ihnen an den Hals zu werfen. Sie rauchte und trank, sie dröhnte sich mit Marihuana zu und liebte hemmungslos, auch die, die sie zurückwiesen. Im Vorwort der Buchausgabe „Give sorrow words – Maryse Holders letters from Mexico“ würdigt die amerikanische Feministin Kate Millet die Sprengkraft dieser Thematik: hemmungsloser Sextourismus, praktiziert von einer Frau. Sie sah in Maryse Holder „eine Schwester, Abenteurerin, eine Verrückte, so kühn wie früher Henry Miller, so selbstzerstörerisch wie Janis Joplin, die Stimme Genets in einer Frau.“ Maryse Holder machte nach eigenen Angaben Urlaub von der Political Correctness des Feminismus der frühen Siebzigerjahre. Ihr Credo: entdecken, welche Art von Lust sie als Frau eigentlich wollte.

Vor allem in den Siebzigerjahren trieb diese Programmatik viele Frauen in die Welt. Sie machten sich auf nach Jamaika, zu Reggae und Rastas, um sich ohne Gewissensbisse an der Schönheit männlicher Körper zu erfreuen: „Welche Frau hier könnte es sich leisten, ihre männliche Muse stundenlang versonnen zu betrachten, wie es die Frauen auf Jamaika von sich berichten?“, fragten sich Autorinnen der Frankfurter Szenemagazins Pflasterstrand. Frauen experimentierten mit Fischern in Griechenland und auf Tobago, mit arabischen Wüstenprinzen und brasilianischen Strandurlaubern. Sie suchten den besonderen, vielleicht den archaischen, auf jeden Fall den erotischen Mann. Ihren zurückgelassenen Männern in heimatlichen Gefilden gab dies zu denken: Denn vor allem Frauen aus dem Umfeld der Frauenbewegung hatten sich zur dunkel-lockenden Fremdheit des südländischen Mannes aufgemacht. Gerade jene Frauen, die am herrschenden Männerbild herumgemeißelt hatten, bis es kippte.

In seinem Buch „Liebesfluchten“ analysierte Uwe Wandrey verständnisvoll: „Viele Frauen erleben sich im nördlichen Beziehungsklima als weniger begehrenswert und besitzen dort ein geringeres Selbstwertgefühl als im südlichen Reizklima.“ Nicht wenige jedoch, weiß Wandrey aus seinen Gesprächen mit ungefähr dreißig südlastigen Frauen, finden dort mehr als nur eine kurze Affäre. Sie finden „eine ekstatische Erschütterung“.  Reflektiert über den Aufbruch in den 70ern wurde vor allem von den Frauen selbst. „Manche Frauen träumen von einer Fremdheit, die sich bis zum Schmerz steigert und erst dann in einer wilden Orgie des Über-sich-Herfallens zusammenbricht. Sie träumen von Verführungsspielen, von Männern, die ihnen ihre Wünsche von den Augen und Lippen ablesen. […] Erotik wuchert unerwartet häufig dort, wo sich Nähe und Verständnis nur selten herstellen. Erotik ist die Suche nach dem Fremden, Anderen“, schrieben die frauenbewegten Pflasterstrand-Frauen. Ihr Statement in der Blütezeit der Beziehungsdiskussionen: „Erotik ist Geschlechterkampf, kein Pazifismus.“

Unentschieden bis heute bleibt die Frage, ob der weibliche Ausbruch unter die Kategorie konventioneller Sextourismus fällt oder nicht. Denn zumindest in einem unterscheiden sich männliche und weibliche SextouristInnen: Frauen lassen sexuelle Begierde meist nur dann zu, wenn sie als romantischen Liebe daherkommen. Sei es aus Angst davor, als Hure denunziert zu werden, sei es aus anerzogener Scham, aus emotionaler Konditionierung. Der Feminismus der Siebziger versuchte diese Konditionierung aufzubrechen und das ziellose erotische Begehren, bislang eine männliche Domäne, auszutesten. Und vielleicht war es auch ein Versuch, das herrschende Machtgefälle zwischen den Geschlechtern zu untergraben: Kraft ihrer ökonomischen Potenz konnten die in die Welt hinausziehenden Frauen die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu ihren Gunsten korrigieren.  Auf der Landkarte des sexuellen Begehrens zog es die Männer traditionell in die östliche Hemisphäre und Frauen eher gen Westen. Die männlichen Sehnsüchte richteten sich auf die dienende, demütige, geschmeidige asiatische Kindfrau, die naturumflorte Nackte und die verschleierte Orientalin, die aus ihren Hüllen heraus dem Mann verheißungsvolle Blicke zuwirft.

Weibliche Lüste treibt es zu gestandenen, urwüchsigen Männern in Latino-Gefilden oder auf den dunklen Kontinent. Beide Geschlechter suchen Orte auf, an denen sich historische Bilderwelten und Projektionen mit gelebtem Sex verbinden lassen.  Die alten Klischees der Männerwelt über die Frauen bestehen weiter, aber die Frauen haben aufgeholt. Leni Riefenstahl feierte die Körper der Nuba und die Schweizerin Corinne Hofmann erlag der Erotik eines Massai und bastelte daraus einen Bestseller, den die Frauen hierzulande verschlangen. Die Tirolurlauberin schwärmt bedingungslos für knackige Mannsbilder, der Skilehrer und Bergführer ist das Synonym für den attraktiven Hirsch schlechthin.  Tourismus sucht das Fremde, das Andere. Aber er sucht es inzwischen überall. Der globale Tourismus kennt keine Grenzen des Zugriffs mehr. Er bedient sich der fremden Körperlichkeit, wo und wie er will. Sex sells. Der Erfolg der Reiseindustrie verdankt sich nicht zuletzt ihrer unterschwelligen erotischen Botschaft. Der internationale Tourismus schafft heute die Orte der sexuellen Begegnung selbst, etwa in der Dominikanische Republik. Dort funktioniert das Kennenlernen unproblematisch. Touristen finden problemlos halbprofessionelle BegleiterInnen für die Urlaubszeit und ein großes Angebot attraktiver Sexarbeiterinnen in einschlägigen Clubs und Diskos. Es würde nicht verwundern, wenn Sexarbeiterinnen in naher Zukunft zum All-inclusive-Konzept dazugehörten wie der Sundowner an der Bar.

Dr. Carlos Ganter, Chefredakteur der deutschsprachigen Monatszeitschrift Hallo der Dominikanischen Republik, vermutete in einer Fernsehreportage: „Ich wage die Prognose, dass zwei Drittel aller Touristen mit der Absicht hierher kommen, die sie auch haben, wenn sie nach Bangkok reisen, nämlich dass sie Sextouristen sind.“ Die meisten Urlauber bleiben dabei unter sich: in touristischen Hochburgen und Single-Treffs am Strand unter Palmen, wo Baccardi lockt und lockert und geschulte Animateure rund um die Uhr fröhliche Stimmung verbreiten. Elementare Reize wie warmes Wasser, Sonne und Salz auf nackter Haut lockern den Körperpanzer und die Gefühle. Für verknitterte Nordländer sind das Sensationen sinnlichen Erlebens.  Es ist das ideale Ambiente für erotische Spielchen. Dieses Ambiente ist weit entfernt vom Geschlechterkampfszenario der Pflasterstrand-Frauen: Es ist frei von Irritation, Reibung, Eigenbewegung. Die erotischen Spielchen im Club verwirklichen sich in einer gezähmten Fremde.  Manche Fachleute sehen in diesem durchkalkulierten touristischen Betrieb die Erotik auf dem Rückzug.

Bruno August Krümpelmann (Düsseldorfer Touristik-Institut) bescheinigt der Reiseindustrie eine wachsende Produktion erotischen Frusts und behauptet forsch: „Die von der Reiseindustrie produzierten erotischen Wunschimages und die damit verbundenen Verheißungen werden von den Reiseprodukten immer weniger eingelöst. Die Tourismusindustrie betreibt Raubbau an der Reiseerotik.“ Sie verspiele sie mit der Verplanung von Zeit, der Anreise ohne Eigenbewegung, der Vermeidung selbstbestimmter Rhythmen, der Normierung fremder Erfahrungsräume zu touristischen Spielburgen, der Aufhebung jeglichen Leerlaufs, wo doch gerade Leerlauf die Vorbedingung für Muße sei.  Wenn man – wie Krümpelmann – davon ausgeht, dass mit Erotik mehr gemeint ist als ein bisschen nackte Haut und Triebabbau, sondern die Lust der schöpferischen Kraft“, dann liegt es auf der Hand, dass der organisierte Tourismus kein Garant für erotisches Erleben ist. Das pauschale Arrangement konditioniert uns, es verplant unsere Zeit, es verschafft uns eine normierte Befriedigung. Wo uns Tourismus Glück verspricht, nimmt er uns am Gängelband. In der schön verpackten Fremde spiegeln sich die eigenen Verhältnisse wider. Wir dürfen uns ganz wie zu Haus fühlen. Irritationen und Herausforderungen müssen draußen bleiben, denn im Urlaub darf nichts schief gehen, er ist teuer bezahlt, wertvoll und terminiert. Die Konsumlogik des Tourismus mag den Eros locken und befriedigen, aber dieser verliert an Vitalität.

„Wo bleiben jene Wünsche, die im Konsum nivelliert werden? Wo verschwindet das, was sich hinter den Lifestyle-Masken an Begierden verbirgt?“, fragt Krümpelmann. Er beklagt ein Defizit.  Mit seinem Vorschlag, die Erotik zu locken, befindet er sich in Gesellschaft aller, die für ein anderes, nachhaltiges Reisen plädieren: für Langsamkeit und Entschleunigung, für längere Aufenthalte und Eigenbewegung. Eros brauche die Herausforderung und Zeit, um sich zu entfalten, meint Krümpelmann. „Eine gedehnte Zeit ist die Conditio sine qua non der Erotik.“

Erwähnt sei dazu das Buch von Dea Brikett, „Schlange im Paradies“, die Geschichte einer Frau, die alleine nach Pitcairn auswandert. Oder Evelyn Kerns unsägliches Buch „Sand in der Seele“ über eine Urlaubsliebe in Tunesien. Und schlußendlich Corinne Hofmann: Mit ihrem Buch „Die weiße Massai“ führt sie seit Wochen die Bestsellerlisten an.  Das Ende August 1998 erschienene Buch hat bereits die neunte Auflage und 250.000 verkaufte Exemplare erreicht. Eine Erfolgsstory, die bald in die Kinos kommt.  Die Handlung ist so schlicht wie abenteuerlich. Die Schweizerin Corinne Hofmann fuhr in den Urlaub nach Kenia, sah ihn, wollte ihn und eroberte ihn. Sie lief dem Mann geradewegs zu, der es eigentlich gewohnt ist, für die Ehefrau zu bezahlen. Für ihre Obsession zu dem „schönen Massai, ihrem Krieger“ gab Corinne Hofmann Freund und eine gesicherte Existenz auf. Sie zog zu ihrem „Halbgott“ in die kenianische Steppe und wohnte in einer Kuhfladenhütte. Dort fühlte sie sich endlich daheim. Angekommen bei sich und dem Mann ihrer Träume.  Vier Jahre lebte sie unter extremen Bedingungen im kenianischen Busch. Vier Jahre, in denen ihr „Halbgott“ immer irdischer wurde. Aus dem wunderschönen Krieger und Beschützer wurde nach und nach ein eifersüchtiger, unzufriedener Tyrann. Die Beziehung zerbrach. Corinne Hofmann kehrte mit ihrer in Kenia geborenen Tochter fluchtartig in die Schweiz zurück.  Das Buch, frei von literarischen Ambitionen dahinerzählt, läßt Frauenwangen glühen.

Auf ihren Lesungen schlägt Corinne Hofmann Bewunderung entgegen. Die Frauen zeigen sich fasziniert von ihrem Mut, aber vor allem von der Entschlossenheit, sich kompromißlos der Obsession für den Mann zu ergeben.  Ihre Geschichte ist eine Frauengeschichte. Sie ist unmöglich auf einen Mann umzuschreiben. Dieser kann sich die süße Regression, das Aufgehen in den Armen der schönen Wilden nur dann leisten, wenn er die Hosen anbehält. Die hatte Corinne Hofmann bei ihrem Massai letztendlich auch an, aber sie konnte nach dem Muster völliger Hingabe zunächst in die andere Gesellschaft eintauchen. Solcherart bedingungslose Hingabe wäre bei einem Mann geradezu lächerlich. Den Massai – ob Mann oder Frau – ist sie ohnehin fremd.  Hofmanns Obsessesion paßt jedoch wunderbar in unser romantisch-verkitschtes patriarchales Bild der Geschlechterbeziehung. Völlige Hingabe, sich aufgeben wird bei diesem Konzert der Gefühle mit weiblicher Erfüllung gleichgesetzt. Hofmanns schöner Krieger ist die ideale Projektionsfläche für die alte Geschichte vom Prinzen: Sie hatte den Beschützer, „ich hatte nie Angst mit ihm, ich fühlte mich getragen.“ Sie stellte sich an die Seite des „jungen Gottes“, der weiß, wo es langgeht. Sie hatte die ganz große Leidenschaft gefunden, für die frau alles steh’n und liegen läßt. Ihre Geschichte macht kühnste Frauenträume wahr. Und so lebte Corinne Hofmann in der ärmlichsten Kuhfladenhütte den Exzeß europäischer Weiblichkeit. Daß der Prinz schließlich keiner war, ist Nebensache.  „Das war einmal etwas anderes“, sagt Hofmann heute, „etwas, was jede gefühlsmäßige Dimension sprengte.“ Auf jeden Fall war es eine Grenzerfahrung. Und für diese Grenzerfahrung ist Hofmann dankbar: „Es hat mich gelassener gemacht. Gestärkt.“ Heute lebt die attraktive Corinne Hofmann als erfolgreiche Autorin in der Schweiz. Ihr Massai hat sie schlußendlich doch noch glücklich gemacht.

„Im Fremden liegt ein Reiz, ein Abenteuer, aber auch Angst. Es ist furchteinflößend, aber auch betörend. Auf die Fremde ist viel Sehnsucht gerichtet. Sie repräsentiert das Andere, das sich der Einverleibung ins eigene Leben widersetzt. Die Fremde ist aber auch immer das eigene Fremde, das in der fremden Fremde aus dem Tiefschlaf erwacht. Ein erregender, hocherotisierender Prozeß.“ Der Freizeitforscher Bruno August Krümpelmann hat die Erotik des Reisens analysiert. Jahrhundertelang hat dieser Reiz des Fremden Männer um den Globus getrieben. Nun lassen sich auch Frauen davon treiben. Und sie verfallen der Erotik des Reisens ganz. Denn wie könnte man sich das Fremde besser einverleiben, als durch die gelebte Nähe zu einem Fremden?  Dank einer intakten touristischen Infrastruktur kommt die moderne Reisende bis ins letzte Wüstendorf. Dank ihrer sexuellen Freizügigkeit in die unscheinbarste Strohhütte.

Ganz anders ihre viktorianischen Vorgängerinnen wie Alexandra David-Neel, Isabella Bird oder auch die deutsche Ida Pfeiffer. Sie waren die ersten unabhängig in die Welt hinausziehenden Frauen, die Reisen für sich als Lebensstil entdeckten. Sie fuhren gepanzert mit ihrem britischen Habitus und dem dazu passenden Kostüm durch die Welt. Und der grundlegenden Voraussetzung: materielle Absicherung und Selbständigkeit. Bei aller Weltoffenheit blieben sie ihren gesellschaftlichen Normen und Weltbildern treu. Niemals gaben sie vor, in eine andere Haut, eine andere Rolle schlüpfen zu können. Noch im letzten Wüstendorf beharrten sie auf der Teestunde. Und mögen sie bei ihren Ausflügen in die Welt nicht nur dem Charme der Fremde, sondern auch dem Charme eines Fremden erlegen sein, so kommt er in ihren Aufzeichnungen allenfalls als Fußnote vor. Very british in Diskretion und standesgemäßen Tabus. Sie wandelten im Bewußtsein ihrer überlegenen Kultur.

Die moderne Reisende, die sich aus den touristischen Bahnen herauswagt, kennt keine Tabus. Ihre Kultur möchte sie am liebsten abstreifen. Sie nimmt sich, was sie braucht und schlüpft in die Rolle, die sie sich wünscht: ob als Südseeinsulanerin oder als weiße Massai. Sie erfindet sich neu.  Imperialismus der Gefühle? Geschenkt. Wer sich so einläßt auf eine andere Kultur, kann wenig erobern. Wer sich so einem mittelalterlichen Männerideal ausliefert, kann wenig zerstören. Außer vielleicht sich selbst. Diese schreibenden Frauen mit ihrer Obsession für die Fremde probieren sich aus. Ganz ichbezogen, ganz privat. Ihre Bühne ist der ganze Globus, die unterschiedlichsten Kulturen sind ihre Kulissen. Der Stoff, aus dem die Träume sind, ist immer gleich: Wunderschöner Prinz legt Prinzessin sein sagenhaftes Königreich zu Füßen. Der Tourismus hat die fernen Königreiche nähergebracht, die Auswahl an Prinzen erhöht. Frauen folgen gespannt der globalen Glückssuche und verschlingen die Talkshow-mäßig aufbereiteten Erfahrungsberichte. Und die daheimgelassenen Männer schauen neidisch zu.

Literatur:

„Aids, Sex, Tourismus – Ergebnisse einer Befragung deutscher Urlauber und Sextouristen“, Band 33. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG), Nomos Verlagsgesellschaft, Baden- Baden, 388 S., 54 DM.

Uwe Wandrey: „Liebesfluchten – Was Frauen in den Süden zieht“. Rasch und Röhring, 1992, 208 S.

„Aktuell“, das Magazin der Deutschen Aids-Hilfe zum Thema: Sex, Tourismus Aids, Dieffenbachstr. 33, 10921 Berlin. Zur Sache, Schätzchen!

(Erwähnt sei ferner die Erzählung „Sonne“ von D.H.Lawrence 1926, Insel taschenbuch 2004)

Berlin-Agadir – 29 Euro 80. Photo: etix-flug.de




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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/09/09/kairo-virus_117/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Der „Kairo-Virus“ in Kairo selbst: Hier versucht das Militär mit allen Mitteln die Empörung der Massen von innen nach außen zu lenken – u.a. mit der Besetzung der israelischen Botschaft:

    Zurück zu alten Zeiten: Nach der Wiedereinsetzung der Notstandsgesetze am Samstag geht das Militär in Ägypten gegen die Revolutionsbewegung vor – mit jenen Methoden, die vor der Revolution der gestürzte Präsident Husni Mubarak anwandte. Das Kabinett hatte die Wiedereinsetzung des Ausnahmezustandes verkündet, nachdem es am Freitag nach einer Demonstration zu einem Angriff auf die israelische Botschaft gekommen war.

    Am Sonntag wurden 93 Männer festgenommen. Die berüchtigte Sicherheitspolizei, die nach der Revolution aufgelöst wurde, seit April jedoch wieder arbeitet, verhaftete sie offenbar zu Hause und an ihren Arbeitsstellen. Am Freitag waren vor der Botschaft rund 40 Personen festgenommen worden. Ihre Gesichter wurden im Staatsfernsehen gezeigt. Die Regierung sagt, sie seien an dem Angriff beteiligt gewesen und würden vor Sondergerichte gestellt. Aktivisten sagen, es handele sich um Protestierende, die auf dem Tahrirplatz waren.

    Derweil häufen sich Vorwürfe gegen das Militär, der Angriff auf die Botschaft sei von diesem gebilligt oder gar initiiert worden. Augenzeugen berichten, Soldaten hätten die vier jungen Männer, die in die Botschaft eindrangen, bis zur deren Tür gebracht. Diese bestätigten das in Interviews.

    Rund 3.000 Demonstranten waren nach einer friedlichen Großdemonstration auf dem Tahrirplatz am Freitagnachmittag zur israelischen Botschaft gezogen und hatten dort eine Schutzmauer eingerissen, eine Gruppe drang in die Botschaft ein, legte Feuer und warf Akten aus dem Fenster. Das Militär griff, obwohl anwesend, erst nach sieben Stunden ein.

    An den Ausschreitungen beteiligt waren radikale Fußballfans der Kairoer Clubs Ahly und Zamalek. Sie hatten sich der Demonstration auf dem Tahrirplatz angeschlossen, nachdem zwei Tage zuvor bei Zusammenstößen mit der Polizei ein Fan getötet worden war.

    Innenminister Mansour al-Essawy kündigte in einem Fernsehinterview ein hartes Vorgehen an. Auf jeden, der eine Polizeistation oder ein offizielles Gebäude angreife, werde scharf geschossen. Das Notstandsgesetz werde insbesondere gegen Drogen- und Waffenhändler, baltagiyas (Verbrecher) sowie Streikende angewandt, die dem Land schadeten. Im Staatsfernsehen wurde zudem gewarnt, jeder, der im Internet „Falschinformationen“ verbreite oder das Militär kritisiere, werde nach dem Notstandsgesetz verurteilt.

    Nach dem ersten Schock wächst in der Revolutionsbewegung der Widerstand. Die „Koaliton der Jugend der Revolution in Suez“ wies in einer Erklärung das Verhalten des Militärrates scharf zurück: „Wir werden uns das nie wieder gefallen lassen“, heißt es darin. „Ganz gleich, ob der Ausnahmezustand herrscht, wir werden weiter demonstrieren und protestieren.“

    Vier Mitglieder der Gruppe reichten Klage gegen Armeechef Hassan Tantawi und vier Polizisten ein. Sie waren am Freitag verhaftet und gefoltert worden. Viele Aktivisten riefen zum Wiederaufleben eines Bündnisses mit islamischen Gruppen und ArbeiterInnen auf.

    Die islamischen Gruppen, die den Militärrat in den vergangenen Monaten unterstützt und die Gewalt gegen Militär und Polizei am Freitag verurteilt hatten, wechselten nach der Ausrufung des Ausnahmezustands ihre Position. Hazem Abu Ismail, ein Führer der Salafiten, veröffentlichte Sonntagabend eine Erklärung, in der es hieß: „Das Militär steckt hinter dem Angriff auf die Botschaft. Wir müssen uns bereitmachen für eine heftige Konfrontation, sei es jetzt oder später.“ Mubarak hatte das Notstandsgesetz auch genutzt, um die Islamisten zu verfolgen.

    Am Sonntag traten die Ärzte der staatlichen Kliniken in Assuan aus Protest gegen das Notstandsgesetz in den Streik. Neben Fabrikarbeitern und Angestellten streiken auch Lehrer und Dozenten in ganz Ägypten für mehr Lohn. Der Schulunterricht fällt aus, in vielen Universitäten haben sich die Studierenden angeschlossen. (Juliane Schumacher)

  • Der „Kairo-Virus“ in Chile:

    In Chile sind Demonstrationen zur Erinnerung an den Militärputsch gegen Präsident Salvador Allende am 11. September 1973 in gewalttätige Zusammenstöße mit der Polizei umgeschlagen. Eine 15-Jährige wurde an einer Barrikade vor ihrem Haus in der Hauptstadt Santiago durch eine Kugel schwer verletzt, wie Zeugen am Montag mitteilten. Nach Angaben des Innenministeriums gab es landesweit 40 verletzte Polizisten und 280 Festnahmen.

    Am Sonntag gedachten Teilnehmer eines friedlichen Marschs in Santiago der mehr als 3000 Menschen, die unter der Militärdiktatur von General Augusto Pinochet getötet wurden. Als Vermummte vor dem Zentralfriedhof postierte Polizisten angriffen, eskalierte die Lage. Demonstranten bewarfen die Beamten mit Steinen und anderen Gegenständen und setzten Autoreifen in Brand. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. (AFP)

    In Griechenland:

    Der Widerstand in Griechenland gegen das Sparprogramm der Regierung hat am Montag mit einem Streik von Finanz- und Zollbeamten zugenommen. Die Gewerkschaft der beim Energieversorger beschäftigten Mitarbeiter kündigte zudem an, sie werde nicht zulassen, dass der Stromversorger als Steuereintreiber eingesetzt werde.

    Die Regierung wollte eine neue Steuer über die Stromrechnung eintreiben lassen, weil die Finanzbehörden als nicht effizient gelten. Zwei Milliarden Euro soll die neue Abgabe in die Staatskassen spülen. Die Regierung nannte die Drohung der Gewerkschaft inakzeptabel.(AP)

    In Berlin:

    Im Rahmen der Woche zu 30 Jahre Hausbesetzung „Geschichte wird gemacht“ findet am Mittwoch, den 14.9. um 17 Uhr eine Diskussion statt:

    „Revolution… and no end?“ Ägypten ein halbes Jahr nach der (ersten) Revolution. Diskussion und offener Austausch mit ägyptischen Aktivisten vom Tahrir-Platz.

    Im Anschluss: Internationalismus wird gemacht. Die Solidaritätsarbeit der 80er Jahre war geprägt durch die Unterstützung bewaffneter Befreiungsbewegungen. Woran orientiert sich Internationalismus heute? Kurzberichte und offene Diskussion. Versammlungsraum im Mehringhof. Veranstaltet vom BUKO (Bundeskoordination Internationalismus).

  • In der August-Ausgabe der New York Book Review werden zwei Bücher besprochen, die sich mit „Exzeß“ bzw. „Ekstase“ befassen. Im ersteren – von einem Psychoanalytiker: Adam Phillips- wird der Exzeß als eine Neigung zum Fundamentalismus begriffen, die es auszubalancieren gilt. „On Balance“ heißt dann auch sein Buch. Den Rezensenten erinnerte der Text bisweilen an den eines „Pop-Psychologen“ – an Stellen wie diesen z.B.:

    „Ich möchte kein Selbstmordattentäter sein, aber ich möchte etwas in meinem Leben haben, dass mir so wichtig ist, dass ich dafür mein Leben riskiere.“

    Die Rezension des zweiten Buches „Sex and the River Styx“ von Edward Hoagland hat den Titel „Life is an Exstacy“. Der altehrwürdige Essayist Hoagland ging periodisch „on the road“ und „Women captivated him“. Kein Wunder, dass er nun immer wieder auf „die Natur“ zu sprechen kommt:

    „Giraffes licked salt off my cheeks when I worked in the circus at 18 and discovered that sweat often coexists with pleasure but that everything should be seen as temporary, with regard to place and glee and colleagues, exept I was going to love elephants at a throbbing level as long as I lived.“

    Der NYBR-Rezensent freut sich, dass es diesen Thoreauisten und „first-rate essayisten“ noch gibt – „contemplating the landscape of old age and mortality“.

    Komischerweise enden also die neuesten Herumrätseleien dieser beiden US-Autoren über Exzeß und Ekstase im Nachdenken über Vergänglichkeit und Tod. Das haben sie mit den alten Ekstasetechniken exzeßverliebter islamischer Sekten gemein, wenn man den diesbezüglichen Schilderungen des holländischen Kurdologen Martin van Bruinessen folgt.

    Auf Deutsch erschienen kürzlich ebenfalls zwei Bücher, die sich mit der „Ekstase“ befassen:

    1. Thomas Rolf: „Vom Subjekt auf dem Siedepunkt“ Zur Phänomenologie der Ekstase bei Ludwig Klages und Georges Bataille.

    2. Richard Reschika: Das Versprechen der Ekstase. Eine philosophische Reise durch das erotische Werk von Georges Bataille und Julius Evola.

    Georges Bataille hatte ebenfalls schon die Ekstase und den Tod (Eros und Thanatos) zusammengedacht:

    In der „Heilige Eros“ heißt es z.B.:

    „Ich betone die Tatsache, daß der Tod die Kontinuität des Seins, da sie am Ursprung der Wesen besteht, nicht angreift; die Kontinuität des Seins ist von ihm unabhängig: der Tod bringt sie, im Gegenteil, sogar an den Tag.“

    „Ich glaube nicht, daß der Mensch Aussicht hat, Licht in die Situation zu bringen, bevor er nicht beherrscht, was ihn erschreckt. Nicht daß er auf eine Welt hoffen soll, in der es keinen Grund mehr für das Entsetzen gäbe, in die Erotik und der Tod auf die Ebene mechanischer Verkettungen gebracht würden. Aber der Mensch kann das, was ihn erschreckt, übersteigen, er kann ihm ins Gesicht sehen. Um diesen Preis entgeht er dem merkwürdigen Mißverständnis seiner selbst, das ihn bisher bestimmte.“

  • In der taz berichtet Juliane Schumacher vom Tahrir-Platz in Kairo:

    Es dauert, bis der Protest in Gang kommt: Seit Wochen hatten AktivistInnen für den 9. September mobilisiert, doch am Freitagmorgen stehen nur einige hundert DemonstrantInnen auf dem Tahrirplatz in Kairo. Erst nach Mittag strömen die Menschen hinzu, einige Zehntausend sind es am frühen Nachmittag. „Viele sind erst nach dem Mittagsgebet gekommen, weil es dieses Mal kein Gebet auf dem Platz gegeben hat“, sagt ein Aktivist.

    Aus Angst vor Angriffen des Militärs hätten die Organisatoren auch keine Bühnen aufgebaut. Bis zum Vortag noch war es unklar, ob die Kundgebung überhaupt stattfinden kann. Seit das Militär am 1. August das Protestcamp auf dem Tahrirplatz geräumt hat, war der Platz von Soldaten umstellt. Erst Donnerstagabend räumte das Militär den Platz und sagte zu, es werde die Kundgebung am Freitag bis Mitternacht erlauben. Zeitgleich finden auch in anderen Städten Demonstrationen statt.

    Die Hauptforderung ist ein fester Zeitplan für die Wahlen und die Machtübergabe vom Militär an eine zivile Regierung. Die Wahlen sind auf November verschoben worden, einen Termin oder Zeitplan gibt es aber weiterhin nicht. Aufgerufen haben verschiedene Gruppen der Jugend- und Protestbewegungen. Islamische Gruppen wie die Muslimbrüder haben sich nicht angeschlossen. Dafür sind mehrere tausend Ultras der Fußballclubs Zamalek und Ahly dabei: Sie haben sich zwei Tage zuvor heftige Kämpfe mit der Polizei geliefert, die sie wegen des Singens von Revolutionssongs im Stadion angegriffen hatte. Bis zum Nachmittag bleibt es auf dem Platz ruhig, die Zahl der Demonstranten wächst weiter an.

    Am Donnerstag hatte die Regierung überraschend angekündigt, dass Ausländer künftig ein Visum bei einer Botschaft beantragen müssen. Fast alle Reisenden konnten dies bisher einfach bei der Ankunft am Flughafen erhalten. Laut der staatlichen Agentur Mena soll die Regelung voraussichtlich ab nächste Woche gelten. Pauschalurlauber sind ausgenommen. Die Änderung ruft Unverständnis hervor: „Wunderbare Idee, die Visa-Bedingungen zu verschärfen, wenn Ägypten darum kämpft, die Touristen zurückzugewinnen“, meint etwa Hossam Bahghat auf Twitter. „Unser Militär hat wohl einen akuten Anfall von Fremdenfeindlichkeit.“

    Andere vermuten, dass sich die Maßnahme vor allem gegen Journalisten richtet oder im Zusammenhang mit den geplanten Wahlen steht, für die Ägypten bereits internationale Beobachter abgelehnt hat. In den vergangenen Monaten wurden bereits die Regeln für im Land lebende Ausländer verschärft. Eine Medienkampagne schürt seit April Misstrauen gegen Ausländer, die als „Spione“ Unruhe verbreiten würden.

    In der taz vom Montag berichtete die Autorin noch einmal vom Tahrirplatz:

    Die ägyptische Militärregierung hat nach der Erstürmung der israelischen Botschaft am Freitag das Notstandsgesetz in vollem Umfang wieder in Kraft gesetzt und ein hartes Vorgehen gegen die Beteiligten angekündigt.

    Mehrere tausend DemonstrantInnen hatten am Freitag die Botschaft attackiert, Militär und Polizei erst nach Stunden eingegriffen. Bei anschließenden Straßenschlachten kamen mindestens 3 Menschen ums Leben. Zunächst hatten am Freitag mehrere zehntausend Menschen friedlich auf dem Tahrirplatz in Kairo und in vielen anderen Städten des Landes demonstriert. Sie forderten einen Zeitplan für Wahlen und die Übergabe der Macht vom Militär an eine zivile Regierung.

    Zu den Demonstrationen aufgerufen hatten die Jugend- und Protestbewegungen – islamistische Gruppen lehnten eine Teilnahme ab. Am späten Freitagnachmittag zogen dann rund 3.000 der DemonstrantInnen vom Tahrirplatz zur israelischen Botschaft. Mit mitgebrachten Hämmern und Eisenstangen zerschlugen sie in rund drei Stunden die drei Meter hohe Mauer vor dem 20-stöckigen Gebäude, in dem sich die Botschaft befindet. Die Mauer war nach Protesten vor der Botschaft in der Woche zuvor errichtet worden.

    Während diese symbolische Aktion geplant und im Internet angekündigt wurde, ist unklar, wer die vier jungen Männer waren, die zeitgleich an der Außenfassade des Botschaftsgebäudes hochkletterten. Ungeklärt ist auch, warum das anwesende Militär sie nicht stoppte. Im 18. Stockwerk angekommen, verbrannten sie die israelische Flagge, legten Feuer im Gebäude und begannen Dokumente aus den Fenstern zu werfen, die sie im Botschaftsarchiv fanden. Offenbar drang zudem eine Gruppe von rund 30 Leuten über den Haupteingang ins Gebäude ein.

    Auch wenn die jungen Protestierenden einheitlich eine weniger unterwürfige Israelpolitik von Ägypten fordern, war und ist das Eindringen in die Botschaft unter den Aktivisten umstritten. Während ein Teil der Protestierenden den Platz verließ, trafen mehr Leute vor der Botschaft ein, die den „Triumph“ teils euphorisch feierten.

    Die Demonstranten tanzten, hebräisch beschriebene Papiere in der Hand, auf den Panzern der Armee. Erst am späten Abend, rund sieben Stunden nach Beginn der Aktion, griff zunächst die Polizei, dann das Militär ein. Soldaten evakuierten sechs israelische Staatsbürger.

    Straßenschlachten brachen aus, die sich bald zum nahen Polizeiquartier Giza verlagerten. Die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein, das Militär schoss später scharf in die Menge. DemonstrantInnen warfen Steine und Molotowcocktails, das Polizeihauptquartier geriet in Brand, ebenso ein Teil des Zoos und der saudischen Botschaft.

    Früher am Nachmittag hatte es bereits einen versuchten Sturm auf das Innenministerium gegeben, auch dort war Feuer ausgebrochen. Gegen 6 Uhr morgens beruhigte sich die Lage. Drei Menschen starben laut Gesundheitsministerium bei den Auseinandersetzungen, 1.049 wurden verletzt. Am Sonntag sammelten sich erneut Gruppen von Demonstranten nahe der Botschaft, zwei ausländische Reporter wurden beschuldigt, „israelische Spione“ zu sein, und angegriffen.

    Während ein Teil der bekannten Blogger und Aktivisten die Aktion stolz als Ausdruck neuen ägyptischen Selbstbewusstseins und als „Internationalisierung der Tahrir-Revolution“ feiert, kritisieren andere den Angriff auf die Botschaft als „Dummheit“, „emotionalen Scheiß“ oder als fatale Ablenkung von Problemen im Land.

    Zahlreiche Protestierende wunderten sich zudem über das Verhalten des Militärs, das die Stürmung der Botschaft über Stunden hinweg mit angesehen hat, und äußern die Vermutung, dass da „etwas faul“ sei. Die islamistischen Gruppen äußerten sich positiv zum Angriff auf die Botschaft, verurteilten aber Gewalt gegen andere Gebäude und gegen Polizei und Militär. Salafisten sammelten sich am Samstag vor dem Polizeiquartier in Giza, um es vor weiteren Angriffen zu schützen.

    In einer am Samstag veröffentlichten Erklärung führte die Regierung die Vorfälle am Freitag auf die allgemein prekäre Sicherheitslage zurück. Der Ausnahmezustand soll wieder in vollem Umfang gelten. Damit sind unbegründete Verhaftungen möglich, Demonstrationen müssen genehmigt werden. Bereits Freitagabend hatte die Regierung die Polizei in Alarm versetzt und alle Polizisten aus dem Urlaub zurückgerufen.

    Das lang erwartete Verhör von Armeechef Hussein Tantawi im Mubarak-Prozess, das an diesem Sonntag stattfinden sollte, ist unter Verweis auf die Sicherheitslage auf den 24. September verschoben worden. Am Sonntagnachmittag ließ die Regierung 16 internationale TV-Stationen durchsuchen und schloss das Büro von al-Dschasira Ägypten. Die Sendeanlagen wurden beschlagnahmt, ein Mitarbeiter verhaftet.

    Karim El-Gawhary hat folgende Notiz in die taz von heute einrücken lassen:

    Mein “Tagebuch der Arabischen Revolution” ist jetzt erhältlich – Seit dieser Woche gibt es mein neues Buch im Laden oder Online. Ich habe ein kleines Video dazu erstellt: http://www.youtube.com/watch?v=9oOpNK5H5VA —- Auf diesem Link kann man einen Blick in einen Auszug werfen. Hier geht es zum Feedback. Das sind die ersten Online-Rezensionen: Auf http://www.humanrightsaustria.at Auf: http://neuwal.com

  • „welt.de“ berichtet aus Marokko:

    Amina war stolz, als sie zum ersten Mal mit ihren Broschüren durch die Straßen ging. Sie wollte den Mädchen im Viertel erklären, was die Moudawana ist, Marokkos seit 2004 geltendes Frauen- und Familienrecht. Noch immer stehen der 23-Jährigen Schreck und Enttäuschung im Gesicht geschrieben. „Sie haben mich angeschrien“, erzählt die Studentin mit klarer Stimme. „,Hör auf damit!‘, haben sie gesagt. ,Sonst finden wir keinen Mann mehr, der uns heiraten will.'“

    Amina lebt in Sidi Bernoussi, einem verarmten Stadtteil am Rand von Casablanca. Seit ein paar Monaten ist sie bei Intilaka, einem Verein von Jugendlichen, die Aufklärungsarbeit machen, zum Beispiel eben über die Moudawana. Was Amina in Sidi Bernoussi bei ihren Aktionen erlebt, steht exemplarisch für ganz Marokko. Für ein Land im Umbruch, in dem jene auf massiven Widerstand stoßen, die eine in vielerlei Hinsicht extrem traditionelle, teilweise mittelalterliche Weltanschauung hinter sich lassen und den Anschluss an die Moderne schaffen wollen.

    Najia Zirari kann sich noch gut erinnern, wie 1985 die allererste Frauengruppe Marokkos gegründet wurde. „Die letzten zehn Jahre waren ein Riesenschritt nach vorn“, sagt die Feministin, die Projekte der deutschen Entwicklungsagentur GTZ betreut. „Aber es muss noch sehr viel passieren.“

    Denn das Leben vieler Marokkanerinnen ist der neuen Moudawana zum Trotz von strenger Tradition geprägt. Daran ändert auch nichts, dass Mohammed VI. vor drei Jahren das offizielle Amt der Mourchidate einführte, eines weiblichen Imam – eine Sensation in der islamischen Welt. Zuvorderst ging es dem König dabei um die Institutionalisierung der Religionslehre, und damit um Kontrolle. Denn seit den Anschlägen islamistischer Extremisten in Casablanca 2003 verharrt das Land in Angst vor dem Terror der Fanatiker. Beinahe jeden Monat nimmt die Polizei Verdächtige fest.

    Zugleich aber wollte der König Frauen in die Moscheen bringen, die anderen Frauen die friedliebende Lehre des Korans vermitteln. Frauen wie Fatima-Zahra Salhi. Die 28-Jährige blickt schüchtern unter ihrem dunkelgrünen Kopftuch hervor. Sie ist stolz, „die Arbeit des Propheten“ in einem Gebetshaus in Rabat ausüben zu können. Und dass die Frauen mit ihr jemanden haben, dem sie ihr Herz ausschütten können, was sie bei einem Mann nie täten.

    Auch viele Mädchen kommen zu Fatima-Zahra. Die Mourchidate berät sie „spirituell“, erklärt die Fastenregeln, manchmal gibt sie auch Rat in einer konkreten Lebenssituation. „Aber Verhütung ist nicht mein Thema“, sagt sie. Und wenn sich eine schwangere Frau an sie wendet? Dann rate sie zur Abtreibung, wenn die werdende Mutter keinen Ausweg sehe und noch nicht über den vierten Monat hinaus sei. „Der Druck der Gesellschaft auf nicht verheiratete Mütter ist einfach zu groß“, meint die Mourchidate. Und fügt hinzu: „Die Moudawana hat nichts wirklich Neues gebracht.“

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