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vonHelmut Höge 10.10.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Geölte Demokratien

Ende September fand in der Akademie der Künste eine Diskussion über den „Arabischen Aufbruch“ statt. U.a. berichteten dort Stephanie Doetzer Journalistin, bis 2011 bei Al-Dschasira, Sarah Rifky, eine Kuratorin und Bloggerin aus Kairo und die in Kairo und Hamburg lebende Regisseurin / Filmwissenschaftlerin Viola Shafik. Sie waren sich einig, dass das „Öl ein Hindernis für die Demokratie“ ist. Der Staat lebt in den Öl-Ländern nicht von den Bürgern – über Steuern, sondern „schwebt quasi oben drüber“ – die Bürger leben eher umgekehrt vom Staat, und „die wichtigen Entscheidungen fallen woanders“. Man dachte dabei sowohl an die Emirate und an Saudi-Arabien wie an den Irak und Libyen, dies trifft aber auch für die neuen Länder Zentralasiens zu, wovon die Mongolei gerade wegen ihrer „reichen aber unausgeschöpften Öl- und Gasvorkommen“, wie die Presse meint, von Bundeskanzlerin Merkel mit einem Besuch „beehrt“ wird. Die Amerikaner errichten schon seit Jahrzehnten Stützpunkte in den Ländern Zentralasiens.

Dort fand bereits im 19. Jahrhundert ein sogenanntes „Great Game“ statt. Damals wurde dieses „Spiel“ noch weitgehend mit Geheimdienstlern, Wissenschaftlern, Verrätern und Abenteurern ausgetragen:  Mit dem Great Game“ ist die koloniale Geheimpolitik zwischen 1813 und 1917 gemeint – im geopolitischen Konflikt zwischen den imperialistischen Mächten England und Rußland um die Vorherrschaft in Zentralasie,“ schreibt Eva Horn in ihrem Aufsatz „Kulturelle Mimikry im Great Game“, in dem es vor allem um das „Rollenspiel“ von T.E. Lawrence im Arabischen Aufstand geht (siehe dazu: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/07/02/).

In Zentralasien finden auch heute noch die Weltmachtkämpfe statt. Das „Great Game“ befindet sich mithin inzwischen in seiner dritten oder vierten Runde – im sogenannte „“Postkolonialismu“s “ „Wer die mittelasiatischen Republiken beherrscht, beherrscht ganz Eurasie“n,“ meint der ehemalige US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski. Auch für andere neoimperialistische Geopolitiker, wie die Amerikaner Huntington und Kissinger und der russische Putinberater Alexander Dugin, ist „Zentralasien“ in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Dahinter stehen die riesigen Ölvorkommen der Region und die Einschätzung, dass China in zehn Jahren voraussichtlich so viel Öl brauchen wird, dass der Preis dafür nur noch von den Ländern bezahlt werden kann, die an diesem Verbrauch mitverdienen. In Washington konstituierte dich dazu die Arbeitsgruppe „Foreign-Oil-Companies“ und in China eine „2 plus 4-Gruppe“, die „The Shanghai Six“ genannt: an der Rußland, China und vier zentralasiatische Republiken teilnehmen. Wer heute „einzige Weltmacht“ wird, ist oder bleibt, entscheidet sich allein in Zentralasien, darüber sind sich die geopolitischen Strategen einig. Die Bekämpfung des Terrorismus in Afghanistan und im Irak is bloß Vorwand.

Der Ambassador-Professor Klaus W. Grewlich, Ex-Botschafter in Baku und Bischkek diskutiert in seinem neuen Buch „Geopolitik und Governance. Energie, Wasser, Herrschaft des Rechts in Zentralasien und Afghanistan“ die gegenwärtigen Konflikte in dieser Region: „Unterdrückung und Zwang im Inneren; verrottende Infrastruktur; enormes Ausmaß an staatlicher Korruption; weitreichende Überschneidungen von Politik und organisierter Kriminalität; Energiereichtum, der das besondere Interesse der regionalen Großmächte Russland und China sowie der Vereinigten Staaten auf sich gezogen hat; sich abzeichnende intra-regionale Wasserkonflikte, die untrennbar mit selbstgemachten Umweltproblemen von potentiell katastrophalen Ausmaßen verbunden sind; zu erwartende Folgeprobleme des Abzugs der internationalen Stabilisierungstruppen aus Afghanistan.“ (FAZ)

Für Europa folgt daraus laut Grewlich: „Zentralasien nicht sich selbst und anderen Interessenten zu überlassen, sondern die eigenen Interessen ins Spiel zu bringen. Diese konzentrieren sich auf die Öl- und Gas-Ressourcen in der Region, denn Europa bleibt, aus verschiedenen Gründen, noch viel zu tun, um eigene Energiesicherheit zu erreichen.“

Dabei geht es um „Governance“ – diese müßte laut Grewlich darin bestehen, „Außendruck“ zu machen –  „auf die regionalen Akteure, in ihren Staaten mehr Rechtsstaatlichkeit zu etablieren,“ zudem  „würde ein multilateraler Energie-Vertrag die Interessen aller Beteiligter optimieren und es käme schließlich zur regionalen Kooperation zwecks Regelung der gemeinsamen Wassernutzung.“  Der FAZ-Rezensent fügt hinzu:  „Allerdings beklagt Grewlich die Mattigkeit, mit der die Regierungen Europas und die EU ihre Ziele in dieser Region verfolgen.“

Abseits der Kämpfe in und um die asiatischen Ölländer – in Ägypten und Tunis z.B. – richtet sich die Aufmerksamkeit nach wie vor auf die Subjekte der Aufstände, den Verlauf der arabischen Demokratiebewegung. Einer der Teilnehmer an der Diskussion in der Akademie der Künste – der palästinensische Redakteur der Deutschen Welle und des Internetforums „Quantara“, Loay Mudhoon, sah deren Einheit in Ägypten auf dramatische Weise zusammengebrochen. Als Beweis kann man vielleicht die Vorgänge von gestern in Kairo bezahlten: „Bezahlte Schläger griffen den friedlichen Protest von koptischen Christen an, das Staatsfernsehen machte Stimmung. 24 Menschen starben bei den Straßenschlachten.“ (taz v. 10.10.). Laut Mudhoon wird die ägyptische Demokratiebewegung „immer heterogener. Wir haben im Augenblick nicht mal die Begriffe, um die Vorgänge seit der anfänglichen Revolte zu beschreiben.“ In diesem Zusammenhang wurden die Begriffe „Arabellion“ und „arabischer Frühling“ als wenig hilfreich abgetan.

Zudem, so Sarah Rifky, begann das Ganze schon 2008 – mit Bewegungen traditioneller Natur: Arbeiterstreiks und Gewerkschaftsaktivitäten. Daraus entwickelten sich „social networks, Neighbourhoods, Sozialarbeit und Umweltschutz“. Viola Shafik ergänzte diese an die gründlichen Kairo-Studien von Asef Bayat „Life as Politics. How Ordinary People Change the Middle East“ erinnernden Gedanken dahingehend, dass sie meinte: „Die Araber sind fast ununterbrochen im Internet. Ich bin auch sehr sehr oft online. Der neue Geist ist da. Alle reden durcheinander. Jeder hat Ideen. Auch die Künstler, Filmer z.B., veröffentlichen im Internet. Es ist daraus ein Volksjournalismus entstanden. Permanent werde bei allen Aktivitäten und Vorkommnissen (siehe dazu aktuell: http://www.youtube.com/results?search_query=cairo+kopts&aq=f) mit Handys gefilmt und die Schnipsel sogleich ins Internet gestellt. Andere machen daraus dann Dokus. Und wieder andere aus diesen Dokus ganze Filmgeschichten. Sie werden trotz Mängel auf Festivals gezeigt und bei internationalen Meetings (z.B. auf Anarcho-Treffen mit tunesischen Bootsflüchtlingen in Marseille). Diese Filme sind aber noch keine Revolutionskunst. Das dauert auch noch – wahrscheinlich zehn Jahre. So lange hat die Kunst auch nach der russischen und der kubanischen Revolution gebraucht, um sich ihrerseits zu revolutionieren. Ähnliches gilt für die iranische Revolution, die einige Jahre später ebenfalls ein ganz neues Kino hat entstehen lassen. Was die derzeitige Online-Welt betrifft, so gehe es darum, sie in die Wirklichkeit einzubilden – anders ausgedrückt: zu kucken, wie die Kunst und Kultur mit den politischen Ereignissen zurandekommt…“

In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt der Politologe Jean-Pierre Filiu, Autor des kürzlich erschienenen Buches „La Révolution arabe“:

„Die Demokratiebewegung von 2011 ist nicht der erste derartige Aufschwung, der die arabische Welt ergreift. Und sie trägt auch die Hoffnungen weiter, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit der «Nahda», der arabischen Renaissance, verbunden waren.  Jenes «liberale Zeitalter des arabischen Denkens», wie es der Historiker Albert Hourani genannt hat, war die politische und intellektuelle Antwort auf den Einbruch des Okzidents in die arabische Welt, der gleichzeitig als militärische Aggression und als Infragestellung der eigenen Zivilisation empfunden wurde. Das Osmanische Reich wurde dadurch derart erschüttert, dass in Tunesien und Ägypten – den schon damals progressivsten Ländern – zwei fortschrittsorientierte Dynastien ihre Reformprogramme weitgehend unabhängig von der Hohen Pforte entwickeln konnten. So setzte Sadiq Bey 1861 in Tunis erstmals innerhalb der arabischen Welt eine Verfassung in Kraft, welche die Trennung zwischen Staat und Religion festlegte.  Dank der Verbreitung der Drucktechnik in der arabischen Welt entstanden Dutzende von Zeitungen und Zeitschriften, die nicht nur neue Ideen und freie Information zu den Lesern brachten, sondern dafür auch eine allgemein zugängliche Sprache fanden – ein Innovationsschritt, der sich heute mit dem Aufkommen des Satellitenfernsehens vergleichen lässt. An der Stelle der Facebook-Generation stand im 19. Jahrhundert die kosmopolitische Klasse der Hochschulabsolventen, die oft ein gespanntes Verhältnis zu den religiösen Autoritäten – muslimischen wie christlichen – unterhielten und deren Ideen in der arabischen Diaspora in Europa und Amerika ihren Nachhall fanden. (…)

Die nationalistische Dimension der arabischen Revolten entfaltet sich im Rahmen der nachkolonialen Landesgrenzen: Trotz dem übergreifenden Charakter der Befreiungsbewegung werden diese derzeit nicht etwa in Frage gestellt, sondern vielmehr affirmiert. Daher rührt auch die extreme Sensibilität, wenn es um Interventionen von aussen geht. Die libyschen Aufständischen wären zu Beginn ihrer Revolte ohne internationale Unterstützung schlicht liquidiert worden; aber es waren die Bürger von Tripolis, unterstützt von Rebellentruppen aus Misrata und der Region des Jebel Nafusa, welche im vergangenen Monat Ghadhafis Anhängern die Hauptstadt des Landes entrissen. Diejenigen Autokraten, die mit der Gefahr eines Bürgerkriegs drohen, um ihren Thron zu retten, versäumen es selten, die Regimegegner als «Marionetten des Auslands» zu denunzieren. Bashar al-Asad ist der unübertroffene Meister dieser Art von Taschenspielerei, und die Zersetzungskraft seiner Propaganda kann in einer Bevölkerung, die an den Folgen der amerikanischen Invasion im Irak schwer mitzutragen hat, durchaus Wirkung entfalten: Syrien hat in den vergangenen Jahren mehr als eine Million Iraker aufgenommen, die vor den ethnischen und religiösen Konflikten in ihrer Heimat fliehen mussten. Aus diesem Grund haben sich die tansiqiyyat , die Koordinationskomitees des syrischen Widerstands, kategorisch drei Verbote aufs Programm gesetzt: Nein zur Gewalt, Nein zur Konfessionalisierung und Nein zur Internationalisierung. (…)

In Tunesien wie in Ägypten werden die bevorstehenden Wahlen für eine verfassunggebende Versammlung den Beginn eines institutionellen Wiederaufbaus markieren, der endlich von der gesamten Nation mitgetragen werden sollte. Denn noch schreiben wir erst das erste Jahr der zweiten arabischen Renaissance.“

Was bleibt der EU und der USA – außer sich ins „Great Game“ zu stürzen? Dazu fragte die Berliner Zeitung am 10.10. den US-Soziologen und Jimmy-Carter Berater Amitai Etzioni, der seine Hoffnung auf neue soziale Bewegungen gegen den Neoliberalismus setzt (die taz sieht diese bereits bei den „Wall Street Protestlern“: „Landesweit lauten nun die Parolen: „Power to the people“, „Lasst die Banken zahlen“ und „Occupy everywhere“. An zahlreichen Orten – darunter Grand Rapids in Michigan, Missoula in Montana, Iowa City und Austin, Texas – besetzen sie Plätze und Parks. Im Bankenviertel von Manhattan rücken sich die „VeteranInnen“ der Bewegung, die seit mehr als drei Wochen im Zuccotti-Park residieren, und die UmweltschützerInnen näher…“

Etzioni meint: „Es gibt keinen Weg, dies alles so fortzuführen wie bisher. Finanzpolitisch oder politisch kann es nicht so weitergehen. Der Weg führt direkt in den Bankrott.“

Die Berliner Zeitung fragt weiter: „Sind wir in ein Zeitalter der Unsicherheit eingetreten, sowohl wirtschaftlich als auch politisch?“

„Ja, absolut. Ich gehöre einer Generation an, die daran gewöhnt war, dass es jedes Jahr besser wird. Die Menschen gingen davon aus, dass es in der nächsten Dekade besser sein wird als in der vorangegangenen, mit mehr Lohn, reichhaltigeren Dienstleistungen, mehr Spaß, mehr Unterhaltung. Das ist vorbei. Es ist sehr schwer, ein Urteil darüber zu fällen, wenn man keine minimalen Ziele mehr kennen kann. Es ist wie ein plötzlicher Tod.“

Die US-Soziologin Barbara Ehrenreich spricht von einer um sich greifenden „Fear of Falling“. Diese Angst vor dem sozialen Abstieg gebiert in Europa Rassismus und Araber-Verfolgung. In Griechenland, wo die „Fear of Falling“ am heftigsten um sich greift, kann man studieren, wie die Regierung, die Staatsorgane und das Kapital den Druck der protestierenden Volksmassen auf illegale und legale „Ausländer“, den Ärmsten der Armen,  gewissermaßen umbiegt. (1)

Der niederländische Autor Geert Mak hat in seinem Essay über „Den Mord an Theo van Gogh“ die „Geschichte einer moralischen Panik“ nachgezeichnet, u.a. am Beispiel des einst „roten“ Amsterdamer Stadtteils Betondorp, wo 1994 plötzlich ein Fünftel der Wähler die Rechtsextremen wählte. Über diese „Insel der Seligen“ – mit „Gärten vor und hinter den Häusern, guten Schulen, viel Grün und frischer Luft“ – schrieb die Stadtteilzeitung: „Früher waren die Betondorper im Vorteil, weil sie wußten, wie ihre Zukunft aussehen würde. Heute wissen wir nur noch, wie die Vergangenheit aussah.“

Dieser sich dehnende Moment, da man von der Zukunft(sschau) in die Vergangenheitsbetrachtung rübergleitet, produziert Ressentiment. Was laut Wikipedia so viel  „bedeutet wie ‚heimlicher Groll‘. Dem Ressentiment liegt regelmäßig das Gefühl dauernder Ohnmacht gegenüber erlittener Ungerechtigkeit und Niederlage oder persönlichen Zurückgesetztseins zugrunde. Es findet sich sowohl individualpsychologisch wie in sozialpsychologisch-historischer Ausprägung. In der Philosophie ist das Ressentiment Gegenstand der Moralkritik.“

In Betondorp lebten so gut wie keine Migranten, genaugenommen nur vier marokkanische Familien, dennoch machten große Teile der Betondorper die „Ausländer- und Integrationsproblematik“, die Absage an „Multikulti“ zum Hauptthema der Politik, die sie sich wünschten.

Scheinbar war in der Vergangenheit, der sie sich nun zuwendeten alles besser, noch alles in Ordnung, aber die (selbst erzwungene) Erinnerung hält sich damit nicht auf, sondern holt andauernd eigenes Fehlverhalten, lauter verpaßte Chancen und vergurkte Beziehungen hoch. Und diese Erinnerungen verlöschen nicht, „insofern ist Scham nicht heilbar,“ schreibt der Psychiater Boris Cyrulnik in seiner Phänomenologie des Schamgefühls „Im Bann des Schweigens – wenn Scham die Seele vergiftet“. Sarrazin und Co haben wirklich Millionen „Deutschen“ buchstäblich aus der Seele gesprochen. Und die unter ihnen hier lebenden Araber (sowie auch die Türken?) bekommen das jetzt zu spüren. Jeden Tag – hier und da und überall. „Man könnte fast zum Moslem werden,“ schreibt Geert Mak. Der auch die antiislamische Mantra der Sarrazinisten immer wieder in Holland gehört hat: „Das muß man doch mal sagen dürfen!“ (2)

Anmerkungen:

(1) Auf einer Veranstaltung in Kreuzberg (61) erfuhr man dazu kürzlich Näheres: „Der Aufstand und Ich“ (auf Französisch) hieß am 25.9. die Diskussionsveranstaltung der Gruppe TOP (Theorie-Organisation-Praxis) in der Mehringhof-Kneipe „Clash“ (Aufprall). Sie hatte dazu einen Vertreter der griechischen Gruppe „Terminal 119“ und der Pariser Autonomengruppe „Tiqqun“ eingeladen. Es ging um die „Krise“, die jedoch bisher niemanden unter den etwa 150 Zuhörern erreicht zu haben schien. Die Latte Macchiato wird hierzulande noch lange in Strömen fließen, so dass die Veranstaltung den Geist einer Krisensitzung der Mitglieder eines Steglitzer Kleingartenvereins atmete. Der griechische Genosse ließ noch einmal alle Highlights der jüngsten Widerstandsbewegung in seinem Land Revue passieren, um sodann auf den sich dort immer stärker bemerkbar machenden Nationalismus und Rassismus zu sprechen zu kommen, der nicht einmal mehr vor Pogromen gegen Migranten zurückschreckt, derweil die Regierung diesen Menschen mit immer neuen Gesetzen das Überleben in Griechenland erschwert.

Der Sprecher der Gruppe TOP holte ebenfalls weit aus – bis zurück zu den Zwanzigerjahren, um zum heutigen „Postmarxismus“ zu kommen, der eine „Umkehrung“ bedeute. Im Zuge der „weltweiten Rückkehr des Politischen“ müsse „das Proletariat sich nun für den Kommunismus selbst negieren,“ meinte er. Whateverthatmeans. Ansonsten blieb er jedoch mit sich und seinem (marxistischen) Jargon identisch. Ganz anders der Vertreter der Gruppe Tiqqun, der erfreulicherweise das große Wort „Krise“ zurückwies, weil von einer „Krise des Kapitalismus“ nicht die Rede sein könne. Wenn diese in den Kapitalmedien nun ständig beschworen werde, dann heisse das bloß: „Jetzt geht es euch an den Kragen“. Auf der einen Seite, der der herrschenden, mache sich derzeit allerdings ein krisenhafter Übergang von der politischen Ökonomie des „Managing“ der Volksmassen – hin zu ihrem „Engineering“ mittels Kybernetik bemerkbar. Und auf der anderen – der linken Seite – gäbe es eine Krise der politischen Identität. Als Beispiel für ihre Überwindung erwähnte er die „Anarchisten“, die sich im italienischen Val de Susa, wo für 25 Milliarden Euro ein Bahntunnel der Strecke Lyon-Turin gebaut werden soll, mit der sich dagegen wehrenden Ortsbevölkerung solidarisieren: Diese Linken würden dort nicht als radikale Anarchos auftreten, sondern mit den alten Leuten im Angesicht der Polizei sogar gemeinsam beten – mithin also nicht auf ihre „Identität“ bestehen. Wenn ich sein Englisch da richtig verstanden habe, dann ist das ein gutes Beispiel für linken Opportunismus – und überhaupt nicht lustig: Gemeinsam beten – so weit kommt es noch! In der ostdeutschen Betriebsräteinitiative wurde ich bereits laufend mit verquasten Nationalismen und Rassismen (gegen Türken z.B., mit denen keiner der Betriebsräte je gesprochen hatte) konfrontiert. Hätte ich da Zustimmung heucheln sollen? Es war für mich als Rätekommunist auch so schon ein unschöner Ritt zwischen Aufrichtigkeit und Opportunismus, und eigentlich hatte ich mir bereits 1974 geschworen, nie mehr mit verheirateten und bekinderten, immer-neue-autos-fahrenden, wie-blöd-elektrotechnik-kaufenden und mallorcaurlaub-machenden Arbeitern zusammen was auf die Beine zu stellen. Von den sie infantilisierenden Gewerkschaften ganz zu schweigen! Lieber arbeite ich mit und bei Bauern – mit denen man sich allerdings auch nur so weit verständigen kann wie ihre Scholle reicht – darüberhinaus sind die meisten ebenfalls reaktionäre Flachpfeifen. Zurück zum Vertreter der Gruppe Tiqqun: Es gehe darum, die derzeitige Situation zu verstehen – dafür müssten wir uns organisieren und den „Madness of Internet“ vergessen. Ich nehme an, er meinte: sich zusammensetzen und gemeinsam sozusagen Aug in Aug studieren (jedoch um Gotteswillen nicht im bachelor- und babyfreundlichen Nordneuköllner Becksbier-Ambiente, füge ich aus Orts- und Menschenkenntnis hinzu).

Vom Blogger zum Blocker: Es war die Rede von Barcelona, Athen, Paris und London, von den „Zeltern“, die „sozial“ werden – in diesen sich radikalisierenden Zuständen…, aber es fiel kein Wort über die aufständischen Araber. Das ebenso junge wie dumme und gelangweilte Deutsch-Publikum war sich selbst genug, hatte es doch gerade klammheimlich die „Piratenpartei“ gewählt. Und die tumbe Moderatorin hätte auch besser auf die nächste Stummenveranstaltung gepaßt: „Perspektiven feministischer Organisierung nach dem Slutwalk. Mit Gebärendolmetschung. Im Tristeza. (sic).

(2) In dieser Scheißsituation denken hierzulande viele ans Auswandern oder mindestens daran, aufs Land zu ziehen – sich auf die Natur zu konzentrieren, den Gebrauchswert der Dinge wieder entdecken, lernen, sich wenigstens ein bißchen selbst zu versorgen. Die Intelligenzpresse registriert bereits einen regelrechten „Run aufs Land“. Hier ein radikales Beispiel:

Der Semiewenke Michail Grey Wolf Guruev, der in der DDR zur Schule ging und dort als halber Indianer immer wieder gemobbt wurde, weswegen er irgendwann in die USA zu den Navajos ging, bei denen er Kunst studierte, hat am mongolischen Huvsgul-See ein Kulturzentrum gebaut – für die nordasiatischen kleinen Völker: „Ihre Situation hat sich seit dem Ende der Sowjetunion noch mehr verschlechtert – unsere Leute sind fast alle arbeitslos, und es fehlt an Ausbildungsmöglichkeiten“, wie er sagt. Daneben arbeitet Michail Grey Wolf Gurujew nahe der russisch-sibirischen Grenze an einem großen Tierdenkmal: „Das Wichtigste für die indigenen Völker Nordasiens ist ihre Verbindung zur Natur, d. h. zur Flora und Fauna – von und mit denen sie leben. Dies führt zu einem weiteren Punkt: Was kann der Westen von ihnen lernen? Neben ihrem Heilwissen ist es eben dies: ein anderes, unmittelbareres Verhältnis zur Natur – zur Umwelt.“

Tatsache ist, wir sind mehr und mehr über unsere kulturell-industrielle Zurichtung zu Hybriden geworden, die ihr Heil in der letztlich künstlichen Dekonstruktion, d.h. in der absoluten Negation der Natur sehen, indem wir auf ein „Zeitalter der wahren Kunst“ hinarbeiten. Dieses beginnt laut Vilem Flusser „mit der Gentechnik – erst mit ihr sind selbstreproduktive Werke möglich“.

Wenn der russische Mönchpriester und Algenforscher Pawel Florenski recht hat, dann begann dieses Elend mit der Renaissance – und der (künstlerischen) Erfindung der Zentralperspektive, denn sie ist – folgt man Florenski – nichts anderes als „eine Maschine zur Vernichtung der Wirklichkeit“. Ähnliches hat uns seinerzeit auch der marxistische Philosoph Alfred Sohn-Rethel gelehrt, allerdings aus der Perspektive der sich damals in Italien erstmalig auf dem Markt etablierenden Künstler und Wissenschaftler (Mathematiker, Stratiker). Er erzählte deren intellektuell-ökonomische Ich-Setzung derart authentisch, dass man meinte, der sei dabei gewesen – in den oberitalienischen Städten der Renaissance. Auch Albrecht Dürer sah damals – in Nürnberg – diese Entwicklung kommen, nur dass er sie nicht begrüßte: diese schier absolute Trennung der Hand- und Kopfarbeiter. Dürer setzte stattdessen auf das Wir-Werden – indem er sich vom „Großen deutschen Bauernkrieg“ mitreißen ließ. Konkret verfaßte er für seine Handwerks-Lehrlinge zwei Lehrbücher, in denen er das praktische Wissen und die Mathematik zusammenführte. Sie machen sein eigentliches Genie aus – mehr noch als seine Bilder und Stiche.

Aber er scheiterte nach drei Seiten hin: 1. war seinen Lehrlingen der Stoff zu hoch; 2. lobten zwar die italienischen Kollegen von Dürer, Festungsbauer vielfach, seine zwei „Vermessungslehren“ über alle Maßen, mitnichten verrieten sie aber deren Inhalt an die Arbeiter und Handwerker, denn sie wurden fortan für dieses „Wissen“ bezahlt; und 3. gerieten Dürers Lehrbücher über seine „betenden Hände“ und dem „Hasen“ etc. schier in Vergessenheit, ebenso, dass er um ein Haar gehängt wurde – als die adlige Reaktion über die „Bauernhaufen“ siegte und Rache für die Revolution nahm. Deutschland sähe heute anders aus, besser, wenn es umgekehrt gekommen wäre, meinte noch der Freiherr von Stein. Ähnlich urteilte dann auch Friedrich Engels. Gelobt seien beide – und erst recht Albrecht Dürer. Was für ein seltsamer Renaissance-Mensch! So recht nach Walter Benjamins Geschmack: während für Karl Marx die Revolutionen noch „Lokomotiven“ waren „um den langsamen Zug der Geschichte zu beschleunigen“, gab Walter Benjamin zu bedenken: „Vielleicht sind sie der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse“.

Dürer hat mit seinen zwei Lehrbüchern die Notbremse gezogen, aber der Zug der Geschichte war nicht mehr aufzuhalten. Inzwischen müssen wir die letzten edlen Wilden schon unter Artenschutz stellen. In seinem Versteck vor dem Wüten der Reaktion hatte Dürer seltsame Träume und malte ein Bauernkriegsdenkmal: Ein von hinten erdolchter Bauer auf einer Säule (ähnlich der Siegessäule), zu Füßen der Säule kauern jedoch Rinder, Kühe und Schafe und trauern um den Bauern, dessen Tod tatsächlich zu der Zeit besiegelt wurde: indem man die von ihm noch verkörperte Einheit zwischen Theorie und Praxis zerriss – zentralperspektivisch. Dürer hat das gemalt: Wie man einem weiblichen Akt damit zu Leibe rückt. Und dann noch einmal mit einem seiner drei Meisterstiche: „Melencolia I“. Da haben wir auch schon den Benjaminschen Engel der Geschichte.

P.S.: Erwähnt sei hier neben dem Semiewenken Michail Grey Wolf Guruev auch noch der Süddeutsche Ernst von Waldenfels, der ebenfalls in die Mongolei zog, dort die Mongolin Bolor-Erdene heiratete und Kanufahrten für Touristen organisiert. Soeben veröffentlichte er eine umfangreiche Studie über den russischen Maler und Theosophen „Nikolai Roerich – Kunst, Macht und Okkultismus“. Davor schrieb er eine Monographie über „Das geheime Leben des Seemanns Richard Krebs“. Dieser erlebte die Novemberrevolution1918/1919 in Deutschland und ihre Niederschlagung. Seitdem wurde er zum Parteigänger des Kommunismus und in den Zwischenkriegsjahren ein kommunistischer Agent. Zunehmend von der Komintern enttäuscht, floh er schließlich 1938 in die USA, wo er den autobiographischen Roman Out of the Night schrieb, in der BRD nach seinem Tode 1957 veröffentlicht als Tagebuch der Hölle (Wikipedia). Die Komintern ging in die GPU (den Vorläufer des russischen Geheimdienstes KGB) auf – und mit der GPU organisierte Nikolai Roerich Mitte der Zwanzigerjahre eine Tibet-Expedition – die damit ebenfalls eine Aktivität im „Great Game“ war.

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kommentare

  • Zur Entwicklung der Künste seit der Renaissance…

    In einer FAZ-Rezension zweier Bücher von Friedrich Kittler heißt es an einer Stelle:

    Seine Hauptpointe aber, und das schon seit Jahren, ist der bereits erwähnte Zusammenhang von Krieg und der Entwicklung optischer Medien. Aller Fortschritt auf diesem Feld verdanke sich seit der Renaissance, als die Universalgenies revolutionäre Festungen planten und ebensolche Bilder malten, dem militärischen Interesse an Beobachtung und Planung. Für beides sind optische Medien, die Bewaffnung des Blicks, entscheidend. Kittler beschreibt äußerst kurzweilig, wie alle Androhung von Strafen für den, der sich an Heeresgerät vergreift – eine Formulierung, die er bereits 1988 zum Mittelpunkt eines Aufsatzes machte und die elf Jahre danach die ganze Vorlesung akzentuiert -, nicht verhindern konnte, daß gerade im zwanzigsten Jahrhundert das Potential militärischer Forschung immer wieder nutzbar gemacht werden konnte für Zivilprodukte (der Computer ist dafür nur ein aktuelles Beispiel). In den deutschen Wirren nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Kasernen praktisch permanent ihren offenen Tag, und so entwickelte sich gerade in Deutschland eine avancierte Filmindustrie, die sich der abgerüsteten militärischen Geräte bediente. Gleiches galt nach Kittler einen Weltkrieg später für die Vereinigten Staaten, die dann die Fernsehtechnik perfektionieren konnten, weil sie nicht wie die Europäer gezwungen waren, alle entsprechende Forschung auf die Radartechnik zu konzentrieren. In dem Aufsatz „Krieg im Schaltkreis“ von 2000 ist diese Behauptung übrigens wesentlich schlüssiger belegt als in der Vorlesung.

    (…) Daß Kittler den europäischen Blick, der tatsächlich der einer konsequenten Abbildung von Wahrnehmung ist, als alleinige Maxime seiner Technikgeschichtsschreibung einsetzt, kann man angesichts seiner Gleichsetzung von künstlerischen mit militärischen Interessen verstehen. Es wäre indes auch interessant zu wissen, wie Kulturen, die sich bis in die Moderne gar nicht darum bemüht haben, perspektivengerecht zu zeichnen, und trotzdem nicht eben als friedlich galten, zeitweise reüssieren konnten (man denke an Mongolen, Japaner, Araber). Doch das ist eine Frage, die an Kittlers epistemologisches Selbstverständnis rührt.

    Wie denn das? Kittler hat zweifellos zur Popularisierung des Zusammenhangs von Krieg und Optik so viel beigetragen wie sonst bestenfalls noch Paul Virilio. Daß sich diese beiden Theoretiker dafür wechselseitig bewundern, ist nur zu verständlich und tritt auf schöne Weise in einem Gespräch zutage, für das der Kultursender Arte Virilio und Kittler 1995 zusammenbrachte und dessen Mitschrift jetzt in die „Short Cuts“ eingegangen ist.

    (…) Zwei Zukunftsszenarien kennt er: „eines, das mit Lévi-Strauss gesprochen die Menschen ausspuckt, das wäre die Computertechnologie, und das andere, das die Menschen auffrißt, das wäre die Gentechnologie. Und erstere ist mir lieber, weil es dann Götter gibt auf der einen Seite, oder Dämonen, und auf der anderen Seite Menschen, die es immer schon gab.“ Die neuen Götter, sie stecken also im Rechner. Alexander Kluge fragt den Propheten deshalb, gleichfalls in „Short Cuts“, einigermaßen entgeistert: „Und Sie sagen als Heide, Herr Kittler, die sind heute noch genau so tätig?“ Und der Heide antwortet einfach: „Ja.“ Man ist fast versucht, es diesem Gläubigen zu glauben. Deshalb könnte sein Buch „Optische Medien“ auch einen anderen Untertitel tragen, der dem Phänomen wie den etymologischen Finessen des Autors gerecht würde: „Berliner Vorsehung“.

    Friedrich Kittler: „Optische Medien“. Berliner Vorlesung 1999. Merve Verlag, Berlin 2002. 331 S., br., 16,70 [Euro].

    Friedrich Kittler: „Short Cuts“. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2002. 292 S., 3 Abb., geb., 13,- [Euro].

  • Zu Ernst von Waldenfels‘ neuem Buch “Nikolai Roerich – Kunst, Macht und Okkultismus” sei noch hinzugefügt,
    dass es quasi die historische Studie zu Thomas Pynchons Roman „Gegen den Tag“ ist. Wie Pynchon ist auch Waldenfels nicht abgeneigt, davon auszugehen, dass der mystische Ort im Himalaja „Shambhala“ sowohl real als auch imginär ist. Wobei Pnchon sich auf einen Göttinger Mathematiker berufen kann. Dazu heißt es in einer Rezension auf „artifarti.de“:

    „Und der eigentliche Held, der Pynchon Pate bei seinem Unterfangen steht, eine reale Fiktion einer Gegenwelt zu entwickeln, tritt in Gegen den Tag gar nicht selber auf: Es ist der deutsche Mathematiker Bernhard Riemann, dessen Arbeiten die Wissenschaften um 1900 maßgeblich beschäftigten und sie vor Probleme stellte, die bis in die heutige Zeit ungelöst sind. Die bekannteste und für Pynchons Roman zugleich wichtigste Theorie Riemanns ist die so genannte »Zeta-Funktion«, der zufolge die Welt nicht aus den drei Dimensionen des Raums besteht, sondern aus vier. Was konkret zur Folge hat, dass jeder Ort auf dieser Welt nicht nur einmal existiert, sondern aus zwei Perspektiven betrachtet werden könnte. Ein Ort kann real und zugleich imaginär sein, je nach Sicht der Dinge. Der Clou an Riemanns komplexer Funktion, die hier nicht ausführlich doziert werden soll (das können Pynchons Figuren in ihren obskuren wie erhellenden Gesprächen besser), besteht nun darin, dass sie bisher weder verifiziert noch falsifiziert wurde. Die mathematische Wahrscheinlichkeit, dass Orte, die im Graphen der Riemann’schen Funktion die Nullstellen markieren, zugleich real und imaginär sind, also schlichtweg zweimal existieren, ist durchaus denkbar. Und wenn irgendwann der Beweis erbracht wird, dass Riemanns Vermutung zutrifft, dann wäre unser euklidisches Weltbild aus den Angeln gehoben. Und Gegen den Tag ist gewissermaßen die literaturgewordene Hypothese, dass Riemann vielleicht doch Recht hat. Klingt schwierig, ist es auch.“

  • Es wurde gesagt, die russische Revolution war ein „Projekt“ der Bolschewiki, insbesondere Lenins.

    Demgegenüber hieß es jetzt auf einem Kongreß in der FU über die arabischen Aufstände:

    „Ein ‚Projekt-Charakter‘ ist den Protesten in der arabischen Welt nicht nachzusagen.“ (So Ingeborg Szöllösi in einer Rezension)

    In der FAZ schreibt heute der algerische Schriftsteller Boualem Sansal, der Ende der Woche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommt:

    „(…) Und wenn von Freiheit die Rede ist, sollten wir ganz vorne beginnen und die Frau aus all ihren Fesseln befreien, aus denen ihres Ehemanns, ihrer Brüder, ihrer Onkel, der Religion, des Staates, aber auch aus den Fesseln jener unsinnigen Sitten und Bräuche, die sie selbst dann in Unwissenheit halten, wenn sie zehnmal mehr Bildung besitzt als alle Männer in der Familie und im Viertel. Kurz, wir müssen den Annapurna der Verbote und des Elends besiegen, den wir in uns tragen, und nicht nur den kleinen Diktator von nebenan, der von ein paar Pfennig Bakschisch lebt.“

    „(…) Wir hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera

    Und die großen Fragen, die in diesem „Labor“ untersucht wurden, lauteten: „Wie weit werden die Diktatoren die Unterdrückung treiben, um ihren Fortbestand zu sichern? Bis zu welchem Punkt werden die westliche Öffentlichkeit und die internationale Gerichtsbarkeit ihre Augen vor den Verbrechen verschließen? Wie weit werden die unterdrückten Völker in ihrer Zerrüttung gehen, ohne zu revoltieren, oder wie weit werden sie in ihrer Rache gehen, falls sie revoltieren? Und werden sie sich im Fall einer Niederlage für die Islamisten oder für das Militär entscheiden, für Pest oder für Cholera? Werden sie massenhaft auswandern? Und noch eine Frage: Wo beginnt und wo endet der Islamismus? Wer ist Träger des Virus, wer ist davon befallen, wie kann man es aufspüren, und wie kann man es zerstören? Welche Auswirkungen hat das auf den Rohölpreis?“

    Das sind die eigentlichen Fragen. In Algerien, das einst der Vorreiter in der Revolte war, gingen und gehen die Machthaber sehr weit in ihrer blutigen Unterdrückung, ohne dass irgendjemand sich darüber aufregte, weder der Sicherheitsrat noch die westlichen Regierungen. Niemand verhängte damals Sanktionen gegen die algerische Staatsführung, die heute noch an der Macht ist. Alle verschlossen die Augen und unterstützten beide Parteien, die Islamisten und die Diktatoren. Heute erregt sich die Welt über Libyen und die Libyer, und sie tut, was getan werden muss, um ihnen zur Hilfe zu kommen, aber niemand rührt einen Finger für Tunesien und Ägypten, niemand sagt etwas zum Jemen und zu Syrien – und auch nicht zu Algerien, das wie die Titanic in Schweigen und Eiseskälte versinkt.

    Gleiche Ursachen zeitigen niemals gleiche Wirkungen, es gibt stets etwas, das für einen Unterschied sorgt: das Erdöl, der regionale Kontext, die laufenden Geschäfte…“

  • Eine Veranstaltung auf der Frankfurter Gegenbuchmesse über die arabischen Aufstände:

    Die Junge Welt schreibt:

    „Selbstverständlich setzt sich die GegenBuchMasse mit den ins Wanken geratenen Diktaturen der arabischen Welt auseinander. Die Veranstalter des Initiativkreises sind froh, dazu einen »Experten« vorstellen zu können, »der den Namen verdient«: Der freie Journalist Bernhard Schmid sei keiner derjenigen, die »nur schnell auf den Zug aufspringen«, lobt Kim Müller vom Initiativkreis GegenBuchMasse. Der Autor des Buchs »Die arabische Revolution? Soziale Elemente und Jugendprotest in den nordafrikanischen Revolten« befasse sich bereits seit Jahren mit den nordafrikanischen Ländern. Am Freitag will er bei seiner Lesung im Café ExZess die Frage beantworten: Was wollen die Protestierenden eigentlich? Und: Welche emanzipatorischen Kräfte gibt es im arabischen Frühling?“

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