Kairo-Virus 124

Photo: amnesty-stuttgart.de

Erst lobhudelten die Kapital- und Staats-Medien die sich ausbreitende „Occupy Wall Street“ (War Street) – Bewegung hoch wie blöd, nun springen auch die Rechten auf diesen Zug – der weltweiten Protestbewegung gegen die Macht des Kapitals: Vorneweg die unermüdliche Zapp-La-Rouche-Sekte, unter dem Label „Büso“, aber auch NPD, „Zeitgeist“ und ähnliche Konsorten. In der taz berichtet darüber heute Martin Kaul:

„Die Spaltungsgeschichte der Linken ist sicher kein Ruhmesblatt. Oft und gern stellten dogmatische Besserwisser Differenzen in den Bewegungen vor Verbindendes. Doch am Beispiel der Occupy-Bewegung zeigt sich in diesen Tagen: Von den oft beschimpften Spaltern lässt sich auch etwas lernen.

Am Wochenende wurde deutlich, was auf die vordemokratische Parole folgte, „99 Prozent“ der Menschen repräsentieren zu wollen: In Frankfurt mobilisierten auch Rechtspopulisten zum Protest, Mitglieder einer sektenähnlichen Organisation versuchten, die Deutungshoheit über die Bewegung zu gewinnen – und im Internet wirbt die rechtsextreme NPD mit der Parole „Okkupiert Occupy!“.

Keine Frage: Das sind Minderheiten, nicht der Kern des Protests. Doch die programmatische Beliebigkeit von Occupy sorgt dafür, dass sich viele Globalisierungskritiker den Protesten nicht anschließen. Sie fühlen: Wer zu allen Seiten offen ist, kann irgendwo nicht ganz dicht sein.

Noch heute erinnert sich das historische Gedächtnis der deutschen Linken an den Berliner Straßenbahner-Streik von 1932, bei dem KPD und NSDAP Seit an Seit marschierten. In der Bundesrepublik ist vielen Alt-68ern zu spät aufgefallen, dass die sexuelle Revolution für einige nur ein Vorhängeschild für Pädophilie war. Es ist wichtig, schon am Beginn eines Weges zu schauen, wer sich unter der eigenen Fahne tummelt.

Beruhigend ist: Am Samstag legten sich Globalisierungskritiker mit rechtspopulistischen Demonstranten an, die den Protest instrumentalisieren wollten. Und das Netzwerk Attac hat erkannt, dass es der Bewegung mit sinnvollen Forderungen und organisatorischer Kompetenz weiterhelfen kann. Vor allem aber ist eine Illusion schnellstens zu beerdigen: 99 Prozent ist eine Zahl, auf die sich sonst nur Diktatoren berufen. Zu einer gesunden Mehrheit reichen 51. Ohne Neonazis, Populisten und Verschwörer. Deshalb gilt: Spaltet Occupy jetzt!“

Mir kam die kleine „Occupy-Bewegung“ in Berlin vor dem Reichstag ein bißchen vor wie ein Kinderparlament – Sich organisieren üben, üben, üben, und das an dem touristischen Ekelplatz, der (bisher jedenfalls noch) zu den demokratieungesundesten Plätzen Berlins gehört, zusammen mit dem ganzen Ensemble Brandenburger Torheit, Pariser Platz, Akademie der schönen Künste, Adlon. Hier demonstrierten am Wochenende zur gleichen Zeit die Uiguren – für die Selbständigkeit ihres Landes „Ost-Turkestan“, also gegen die chinesische KP-Regierung, ferner die Iraner – gegen ihre Mullah-Regierung und einige andere, die ich nicht decodieren konnte, dazwischen hampelten diese ganzen us-futuristisch oder ddr-soldatisch gekleideten Arbeitslosen herum, um sich gegen einen geringen Obulus mit und von irgendwelchen bescheuerten Berlin-Touristen photographieren zu lassen, mehrere Pferde langweilten sich derweil in der Sonne, die Rikschafahrer, deren Fahrräder im Gegensatz zu den Droschken immer futuristischer aussehen, tauschten ihre bemerkenswertesten Fahrgast-Erfahrungen aus, und ein unaufhörlicher Flaneur-Strom bewegte sich durchs große „Tor“ in den Tiergarten, wo etliche dann auch an den von schwarzen Bullenketten eingerahmten „Occupy“-Protestierern auf dem Rasen vor dem Reichstag vorbeikamen, die meisten ignorierten jedoch dieses „Event“ und würdigten eher die ganzen Souvenir- und Imbißstände ringsum, wo der Toilettenbesuch – auch für die geschätzten 800 „Occupyer“ – 50 Cent kostete.

Die taz-Berlin war – am Rande – fast vollständig vertreten. Das ist mal eine Bewegung nach dem Geschmack von Realvernünftlern (99%). Jörn und Broeckers aus der taz-abtlg. „bewegung.de“ sind geradezu enthusiasmiert.Deleuze gibt zu bedenken: „Nur Minderheiten sind produktiv!“

Im Jemen gab es unter den Protestierern gegen Präsident Saleh wieder 20 Tote, zuvor hatte es eine UN-Resolution gegen sein Regime gegeben: Die 15 Mitglieder verabschiedeten die Resolution, in der sie den „sofortigen“ Beginn des politischen Übergangsprozesses forderten, einstimmig.

In der jeminitischen Hauptstadt ebenso wie in Spanien, New York und Frankfurt gehört zu der Protestbewegung das Aufstellen von Zelten, um den jeweiligen öffentlichen Ort, meistens der zentrale Tourismus-Hotspot, zu „occupyen“. Aus Jerusalem meldet dazu heute AFP:

„Fünf Tage nach der Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Schalit aus palästinensischer Geiselhaft haben seine Unterstützer ihr Protest-Camp vor dem Amtssitz von Regierungschef Benjamin Netanjahu in Jerusalem abgebaut. Das symbolträchtige Zelt der Familie Schalit wurde am Sonntag abgeschlagen. „Das ist einer der schönsten Tage meines Lebens“, sagte Ohad Kaner, der in den vergangenen 15 Monaten vor Ort verantwortlich war für die Zelt-Kampagne zur Freilassung Schalits. Jeden Morgen aktualisierte der 32-jährige Kaner auf einem Schild die Zahl der Tage der Gefangenschaft, die über einem Bild Schalits angezeigt wurden.

Das Zelt war Hauptquartier der Unterstützer Schalits: Im Juli vergangenen Jahres hielten sich dort auch dessen Eltern Noam und Aviva Schalit auf, seither besuchten es täglich zahlreiche Menschen. Auch für Minister, ausländische Regierungsvertreter und Diplomaten führte bald kein Weg mehr an einem Solidaritäts-Besuch in dem Zelt vorbei. Freiwillige verteilten davor Aufkleber und gelbe Bänder die zum Symbol des Protests wurden. T-Shirts mit dem Konterfei des Entführten wurden für umgerechnet vier Euro verkauft.“

Infolge all dieser Aktivitäten stieg der (moralische) Wert des von Palästinenser gefangen genommenen israelischen Soldaten ins schier Unermeßliche: zuletzt war er 1027 von Israel gefangenen Palästinensern äquivalent.

„Libyen erklärt sich nach Gaddafis Tod für befreit,“ meldet eine andere Nachrichtenagentur – aus Tripolis. Wer oder was ist „Libyen“? Die berühmten „99%“ – einschließlich Bodenschätze und Industrieanlagen? Der das auf einer PK in Tripolis verkündete war der „Übergangsrat“.

Aus Beirut meldet AP:

„Der Tod des früheren libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi strahlt auf die Proteste in Syrien und Jemen aus. Tausende Demonstranten in beiden Ländern drohten auf Kundgebungen ihren Herrschern, dass sie als Nächstes an der Reihe sein könnten. „Du bist an der Reihe, Baschar“, skandierten die Menschen am Freitag in Syrien, wo Sicherheitskräfte von Präsident Baschar Assad wieder mindestens 24 Menschen töteten.“

Aus Athen meldet die selbe Nachrichtenagentur:

Griechische Gewerkschaften haben für die kommende Woche weitere Streiks im öffentlichen Dienst angekündigt. Der Generalsekretär des Gewerkschaftsverbandes ADEDY, Ilias Iliopoulos, erklärte am Freitag, das am Donnerstag im Parlament in Athen verabschiedete Sparpaket „wird nicht umgesetzt“. Er warf den regierenden Sozialisten vor, mit der Verabschiedung weiterer Sparmaßnahmen den Widerstand der Griechen zu ignorieren. „Unsere Antwort lautet: Verschwindet so schnell ihr könnt. Ihr habt keinen Platz mehr in Griechenland“, sagte Iliopoulos.

Das würde die lokale Anti-Gentrifizierungs-Bewegung auch gerne sagen können: „Verschwindet ihr Miethaie. Ihr habt keinen Platz mehr in Berlin.“ Wobei das „Luxusauto-Abfackeln“ natürlich deren zweite Flucht aus der Frontstadt nachgerade verhindert.

Aus Chicago meldet AP:

„Die aus einer kleinen Gruppe von Demonstranten hervorgegangene Occupy-Bewegung hat am Wochenende in etlichen amerikanischen und europäischen Städten Kundgebungen mit tausenden Teilnehmern abgehalten. In Chicago wurden 130 Personen am Sonntagmorgen festgenommen, weil sie einen Park in der Innenstadt nicht räumen wollten. Auch in Cincinnati wurden elf Demonstranten in Gewahrsam genommen, weil sie die Schließung eines innerstädtischen Platzes ignorierten.

In Oakland im US-Staat Kalifornien verzichteten die Stadtväter in der Nacht zum Samstag darauf, ein gestelltes Ultimatum zur Räumung des Platzes vor dem Rathaus durchsetzen zu lassen. Auch nach Ablauf der gesetzten Frist schallte Musik über den Platz und weitere Teilnehmer gesellten sich mit Zelten zu den bereits dort campierenden hunderten Demonstranten. In Detroit zeigte ein Paar seine Solidarität mit der Bewegung, indem es sich am Samstag inmitten der Demonstrantenschar das Jawort gab.

In New York wurde am Samstag in der Nähe des Zuchotti-Parks, dem Ausgangspunkt der Proteste, ein 24-jähriger Kanadier in Polizeigewahrsam genommen, weil er eine zwölf Meter hohe Skulptur erklommen hatte. Er wolle erst wieder herunterkommen, wenn der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg zurückgetreten sei, verkündete er.

Nach stundenlangen Verhandlungen mit der Polizei stieg er wieder herab. Laut Angaben der Polizei wurde er zu einer psychologischen Begutachtung in ein Krankenhaus gebracht…“

„Occupy Frankfurt“ meldet am 8.Tag der Bewegung via Facebook:

„Danke an alle die, die unserem ja doch recht verspätet beworbenen Aufruf gefolgt sind und gestern mit uns und 4.000 anderen Menschen in Frankfurt für mehr demokratische Teilhabe und eine gerechtere Finanzpolitik auf die Straße gegangen sind!
Der gestrige Tag hat uns noch mal einen positiven Schub gegeben und wir starten heute voller Tatendrang in die zweite Camp-Woche. Es wird ein langer Kampf und wir sind nicht unfehlbar, aber wir haben Kraft und Herz.“ (Am 22. gabs dazu einen Clip auf Youtube).

Die „Junge Welt“ macht mit scheinbar etwas anderem auf: mit einem Bericht über „Die Linke“ und ihres Erfurter Parteitags auf: „Linke stellt Systemfrage“ betitelt.

„Erfurter Parteitag beschließt Programm mit »roten Haltelinien«. Ernst bekennt sich zum Erbe der Pariser Kommune, Rosa Luxemburgs und Carlo Giulianis…“

Mit diesen drei Erinnerungskomplexen hat „Die Linke“ einen eleganten Bogen geschlagen von ihrer quasi urkommunistischen Vergangenheit über die mit Rosa Luxemburg als Stiftung und Ehrenmal hinüberdräuende Gegenwart bis hin  zur roten Zukunft – mit Orientierung auf die derzeit sich  weltweiit ausbreitende Protestbewegung: Carlo Giulianis  war 2001 beim Protest gegen den G-8-Gipfel in Genua von der Polizei erschossen worden. Quasi der erste Märtyrer dieser neuen sozialen Bewegung. Die Kommunisten leben/zehren nicht zuletzt von Märtyrern, das haben sie mit der islamischen Bewegung gemein.

Ansonsten scheint in der Partei jedoch erst mal noch business as usual zu herrschen – die JW berichtet:

„Eine der zwölf Enthaltungen bei der Schlußabstimmung kam von der stellvertretenden Vorsitzenden Halina Wawzyniak, die als »Reformerin« innerhalb der Linken gilt. Wawzyniak begründete ihre Nichtzustimmung damit, daß die Formel »Freiheit durch Sozialismus« in der Präambel nicht durch »Freiheit und Sozialismus« ersetzt worden sei.“

Ich zitiere diese Passage auch deswegen, weil die Genossin Halina bzw. ihr Wahlkreisbüro oder wie man das nennt, also ihr Domizil mittenmang ihrer Wähler, am Mehring-Platz vor dem Halleschen Tor hat und ich regelmäßig daran vorbeikomme, wenn ich zu meinem anarchistisch-syndikalistischen Buchladen im Mehringhof gehe. Am Schaufenster von Halinas Büroladen klebt ganz groß ein farbiges Porträtphoto von ihr – ich glaube sie sieht ein bißchen wie eine Blondine aus, ich kann mich aber auch irren, ist aber auch sowieso unwichtig. Ich habe ihre Location hier nur erwähnt, falls mal jemand wegen ihrer Enthaltung mit ihr reden will.

Ansonsten berichteten die Kapitalmedien heute nur Böses über den Erfurter Parteitag der „Linken“: dass sie nämlich für die Freigabe auch der harten Drogen sei.

1. Ist es doch scheißegal, was eine Partei in ihrem Programm fordert; 2. Kommt sowieso nur Scheiße dabei raus, wenn von oben eine „Erleichterung“ durchgesetzt wird – wie z.B. zuletzt das Prostituiertengesetz, das bloß bewirkt hat, dass jetzt der Staat an die Stelle der Zuhälter getreten ist: Die Prostituierten werden nämlich seitdem von der Steuerfahndung gejagt, erpreßt und bedroht. Für eine der Betroffenen mußte ich gerade leicht laszive Photos am Wannsee für ihre Online-Annoncen aufnehmen – man sollte jedoch ihr Gesicht nicht da drauf erkennen. Eigentlich eine optische Quadratur des Kreises. Und das nur wegen des Finanzamts.

Ein anderes Beispiel sind die „freien Träger“ der Jugendämter, die nach Art eines Pyramidenspiels – wie es die „Beschäftigungsgesellschaften“ mit den Belegschaften abgewickelter Betriebe vorgemacht haben – immer mehr Familien die Kinder wegnehmen müssen, damit sie ständig in ihren offenen und geschlossenen „Einrichtungen“ zu betreuenden Nachschub und damit Lohn und Brot haben. Es ist die Rede von 50.000 Fällen. Gleichzeitig wird die Familie jedoch von Staats wegen zur Keimzelle der Gesellschaft hochgejubelt und ideologisch werbewirksam umgarnt – bis hin zum 19 Euro 50 Kita-Zuschlag ab dem 7. Kind. Während die bürgerlichen Feuilleton und die Inlandsredaktionen nicht müde werden, die Verrohung der Familiensitten bis hin zu Kindestötungen zu geißeln, denen die Jugendämter nicht schnell und effektiv genug beikommen.

Eigentlich trägt der Staat mit all seinen Anstrengungen nur dazu bei, dass die berühmten „99%“ noch gewitzter werden, er ist also eine ständige Quelle von bürgerlicher Kreativität. Im Falle der Internetüberwachung mittels Staats-Trojaner und -Drohnen läuft das ganze allerdings auf ein blödes Hase-Igel-Rennen hinaus.

Die JW schreibt über die neue kommunistische Drogenpolitik:

„Zahlreiche Medien hatten am Samstag einen Parteitagsbeschluß skandalisiert, in dem die Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten und die langfristige Legalisierung aller Rauschmittel gefordert wurde. Nachdem Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi in einer Rede erläutert hatte, daß es doch um »kontrollierte Abgabe« durch Ärzte an schwer Suchtkranke gehe, wurde dies kurzfristig abgestimmt und in den Programmentwurf eingearbeitet.“

Da sollen der Ärzteschaft und den Apothekern also bloß weitere Einnahmequellen erschlossen werden, eigentlich müßte zumindestes die Intelligenzpresse das doch begrüßen, wenigstens in ihren „Gesundheits“-Beilagen. Man soll also nichts mehr bei den Dealern in der Hasenheide – auf dem freien Markt quasi – kaufen, sondern sich als Fixer krankenversichern – und dann die Droge auf Rezept kriegen. Das klappt doch nie Gysi! Das ist ungefähr so wirklichkeitsnah gedacht wie die Initiative der PDS-Sozialtante von Marzahn/Hellersdorf, die für die Mädchen, die sich dort an der Landstraße nach Küstrin prostituieren, ein Laufhaus errichten wollte – damit die armen Dinger von der Straße runterkommen: ins Warme! Die Mädchen mußten hart kämpfen, damit sie kapierte, dass sie keinen Staatszuhälter haben wollen (100 Euro kostet ihnen da drin ein Zimmer – täglich!), dass sie lieber an der Straße stehen wollen, wo sie kommen und gehen können wie es ihnen paßt. Außerdem gibt es schon viel zu viele „Laufhäuser“ in Gesamtdeutschland.

Ich sitze hier schon wieder allein im taz-Haus: Sonntagskrimi, Tatort. Public or Private Viewing. Die ARD wirbt für ihre Krimis auf einer riesigen Plakatwand, die ein gewissenloser Unternehmer namens Wall (Street) direkt auf den Rasen vor der taz geknallt hat. Wenn man die Produktewerbung – auch auf Facebook – verbieten würde, wäre schon viel gewonnen. Mit so einem Programmpunkt würde „Die Linke“ mindestens 9,9% der stolz-stimmberechtigten Deutschen einfahren, wenn nicht sogar…

An diesem Punkt nähern wir uns dem weiten Feld der Stochastik:

„Die Stochastik (von altgriechisch στοχαστικὴ τέχνη stochastikē technē, lateinisch ars conjectandi, also ‚Kunst des Vermutens‘, ‚Ratekunst‘),“ heißt es bei Wikipedia, „ist ein Teilgebiet der Mathematik und fasst als Oberbegriff die Gebiete Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik zusammen.“

Ich habe mich bei der Pressereferentin von Hermes in Haldensleben gerade blamiert, weil sie, als sie mir die Funktionsweise des Warenlagers vom Otto-Versand erklärte und dabei von „Stochastik“ sprach, woraufhin ich sie verbesserte: „Stochistik“ – ein Wort zu dem es laut Google keinen einzigen Eintrag gibt, erst jetzt – mit der Veröffentlichung dieses blog-eintrags.

Ich wollte damit auf Folgendes hinaus: Die Produktivität von Minderheiten läßt die Stochastik/Stochistik komplett außen vor, während es jedoch das tägliche Brot der Parteien und Gewerkschaften undundund ist. Grauenhaft.

Interessant ist jedoch die Neigung der Russen zur Wahrscheinlichkeit, die mit den Sowjets ihre höchste Blüte – in der Planwirtschaft – fand. „Die axiomatische Begründung der Wahrscheinlichkeitstheorie wurde in den 1930er Jahren von dem sowjetischen Mathematiker Andrei Kolmogorow entwickelt. Ein Wahrscheinlichkeitsmaß muss demnach seine drei Axiome erfüllen.

„Andrei Nikolajewitsch Kolmogorow (russisch Андрей Николаевич Колмогоров, wiss. Transliteration Andrej Nikolaevič Kolmogorov; * 12.jul./ 25. April 1903greg. in Tambow; † 20. Oktober 1987 in Moskau) war einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts.“ Heißt es bei Wikipedia. „Kolmogorow leistete wesentliche Beiträge auf den Gebieten der Wahrscheinlichkeitstheorie und der Topologie, er gilt als der Gründer der Algorithmischen Komplexitätstheorie. Seine bekannteste mathematische Leistung war die Axiomatisierung der Wahrscheinlichkeitstheorie.“

Berühmt wurde ferner der sowjetische Wahrscheinlichkeitsmathematiker Alexander Solschenizyn, jedoch wegen seines dreibändigen Werkes über den sowjetischen Arbeitslagerkomplex „Gulag“.

Heute meldet die Nachrichtenagentur AFP aus Russland nur:

„Ein Jugendlicher aus der russischen Ural-Region Tscheljabinsk muss sich wegen der Entführung einer Straßenbahn möglicherweise bald vor Gericht verantworten. Wie die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti am Freitag berichtete, holte sich der 15-Jährige die Tram am 9. Oktober aus ihrem Depot und fuhr sie rund 40 Minuten lang durch die Kleinstadt Slatoust. Dabei folgte er der normalen Strecke und nahm etliche Fahrgäste auf.

Erst nach einer Weile sei aufgefallen, dass die Bahn nicht in ihrem Depot stand, daraufhin sei die Polizei eingeschaltet worden, berichtete Polizeichef Pawel Pawlow RIA Nowosti. Nach seinen Angaben hatte sich der Jugendliche schon längere Zeit für Straßenbahnen interessiert und sogar einen Theoriekurs über das Führen von Trams absolviert. Dass er es nicht bei der Theorie bewenden ließ, könnte ihm nach russischen Recht nun bis zu fünf Jahre hinter Gittern einbringen.“

Aus Tunesien kommt die Meldung: „Hohe Wahlbeteiligung“ – es geht – konkurrent – um Mehrheiten: die berühmten 99%, die die Kommunistischen Parteien im Osten einst noch bei jeder Wahl eingefahren haben. Aber statt auf Werbung haben sie dabei – billigbillig – auf persönlichen Druck und Wahlfälschung gesetzt, wodurch sie ihr ganzes „Vertrauenskapital“ (in Form von Zu-Stimmen) verspielten. Traurig! Ach, Scheiß darauf, auf ein Neues. Die „Tunesische Wahlkommission“ gibt bekannt: „Beteiligung übertrifft alle Erwartungen“. Nun kommt die noch einmal spannende „Auswertung“ – das sogenannte Wahlergebnis.

Letzte Meldung aus Berlin von dpa – eine Werbemaßnahme:

„Arabischer Frühling im Kino – Festival in Berlin

Der Arabische Frühling kommt ins Kino. Das Berliner Festival „Alfilm 11“ zeigt vom 2. November an Filme über die Aufstände und Revolutionen in den arabischen Ländern. Zur Eröffnung ist „18 Days/Yaum thamania ‚ashra“ zu sehen, eine Zusammenstellung von 10
Kurzfilmen über die Revolution in Ägypten – der erste ägyptische Film, der die achtzehn Tage der Demonstrationen am Kairoer Tahrir-Platz reflektiert, wie die Festivalveranstalter ankündigten. Der tunesische Film „No more Fear“ (Regie Mourad Ben Cheikh) zeige am Beispiel einer Menschenrechtsanwältin, eines Journalisten, einer Bloggerin und eines psychisch Kranken, welche Befreiung es bedeutet, nach Jahrzehnten der Diktatur nicht mehr bespitzelt und verfolgt zu werden.

„Forbidden/Mammnou“ des ägyptischen Regisseur Amal Ramsis entstand im Winter 2010/2011 in Kairo. Kurz vor der Revolution zeige Ramsis, wie weitreichend das Leben unter dem Mubarak-Regime von Verboten bestimmt war. In „Scheherazade, Tell Me A Story“ von Yousry Nasrallah geht es um eine ägyptische Talkshowmoderatorin, die von ihrem Mann gebeten wird,
ihr Programm weniger politisch zu gestalten – um seine eigene Karriere nicht zu gefährden.

Bis zum 10. November zeigt das Festival insgesamt 60 Filme, die sonst kaum in europäischen Kinos zu sehen sind. Dazu zählen auch Regiearbeiten aus Palästina, Marokko, Syrien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Dokumentarfilm „Ali im Paradies/My Name is not Ali“ von Viola Shafik folgt den Spuren des Fassbinder-Schauspielers El Hedi Ben Salem („Angst essen Seele auf“). Eine extra Reihe ist dem „Humor im arabischen Film“ gewidmet. Gezeigt werden dabei vor allem Produktionen, die jenseits des von europäischen Institutionen geförderten arabischen Autorenfilms stehen, wie die Festivalmacher mitteilten.

Einige der Filmregisseure reisen zum Festival nach Berlin und stellen ihre Werke persönlich vor. Das Festivalprogramm ist zu sehen in den
Kinos Eiszeit, Babylon Mitte und Rollberg, in der ifa Galerie, im Café Al Hamra und im Theater Hebbel am Ufer. Das Festival findet bereits zum dritten Mal statt. Im vergangenen Jahr zählten die Veranstalter rund 4000 Besucher.“

Das sind 0,09% aller Neuundneunzigprozentigen – potentiellen Filmkucker – in der Frontstadt.

Kommentare (5)

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  1. Der taz-Korrespondent auf dem Platz der Besetzer in Frankfurt schreibt:

    Am Samstag konnte das einhundertste Zelt gefeiert werden. Heute kamen noch einmal fünf dazu. Auch auf Facebook hat die „Occupy Frankfurt“-Seite die 12.000er-Marke knacken können. Außerdem ist in den letzten Tagen die Infrastruktur des Camps weiter angewachsen. Mehrere größere Zelte und Pavillons kamen dazu, in denen zum Beispiel kleinere Versammlungen abgehalten werden können.

    (…) „Jetzt müssen wir erstmal wieder zur Ruhe kommen und uns um unsere innere Geschlossenheit kümmern“, erzählte mir Anousha, 21, gestern nach der Demo. Sie gehört zum aktiven Teil der CamperInnen. Nicht wenige im Camp sind eher passiv. Auch viele Obdachlose und Alkoholisierte halten sich im Camp auf. Das ist einerseits schön, weil die soziale Durchmischung ja eines der Kennzeichen und ein Ideal der Bewegung ist. Andererseits war man im Camp aber um das Erscheinungsbild besorgt.

  2. Aus Tunesien berichtet Reiner Wandler:

    „Die islamistische Partei Ennahda hat Tunesiens erste freie Wahlen klar gewonnen. So viel ist schon klar, auch wenn das offizielle Ergebnis noch aussteht.

    Während sich die Parteien mit Kommentaren zurückhalten, bis das offizielle Ergebnis vorliegt, wurde vor allem unter Bloggern und in den Facebookgruppen, die einst die Jugend auf die Straße mobilisierten, die Furcht vor den Islamisten laut. „In den letzten Tagen habe ich nur eine Sorge, das Tunesien von morgen. Wie wird es sein? Wer wird es führen? Das Volk oder eine neue Diktatur? Ich bin beunruhigt … ich habe Angst meine Identität zu verlieren, ich habe Angst meine Rechte als Frau zu verlieren …“, schreibt die junge Bloggerin Zohra Ben Khoud. In einem anderen Post heißt es: „Allen, die in Frankreich Ennahda gewählt haben, wünsche ich Marine Le Pen zur Präsidentin.“

    Außerdem bekam ich eben noch einen Veranstaltungshinweis:

    Montag, 24.10. 18 Uhr:
    Ausstellungseröffnung „Revolution auf Tunesisch – der rote Faden“ – eine Ausstellung über den Arabischen Frühling u.a. mit Gedenkstättendirektor Hubertus Knabe und dem neuen Botschafter Tunesiens in Deutschland, Elyes Ghariani

    Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen – Berlin Genslerstr. 66

    Dazu heißt es – von der Weiterleiterin im 3.Stock der taz:

    Man fragt sich, wieso das in der Stasi-Gedenkstätte passiert?

  3. Die taz-„bewegungs.de“-Abteilung ist völlig abgeturnt von den ganzen taz-Bedenkenträgern und -Kopfwacklern in den Redaktionen angesichts der jungen Occupy Wall Street Bewegung und ihres Berliner Ablegers, die an allem, was diese versuchen, herumnörgeln.

    Wenn das stimmt, dazu müßte man alle diesbezüglichen taz-Artikel der letzten Woche bis heute lesen, dann ist sie immerhin fast das einzige Medium, das kritisch berichtet.

    Bemerkt hat das in den Achtzigerjahren der ID-Medienkritiker Richard Herding in Frankfurt: Dort hatte die taz bereits sehr viel kritischer über die Startbahn-Gegner und dann auch über weitere ähnliche Initiativen berichtet als alle bürgerlichen Zeitungen. So als müßte sie aufgrund ihrer Nähe zu den vorangegangenen sozialen Bewegungen nun endlich – besonders „objektiv“ sein, meinte er.

    Nicht zufällig lautete damals das Lieblingswort in vielen Redaktionen: „Professionalität“ – und das Mantra so mancher damals sich hervormendelnden Ressortleiter war: „Ich seh das ganz leidenschaftslos“. Seit einigen Jahren kommen dazu nun noch möglichst kreative („steile“) Thesen – mit bildungsbürgerlichen bzw. anspruchsvoll-konsumistischen Witzen als Titel (was sich inzwischen bei allen Intelligenzblättern durchgesetzt hat) – bestehend zumeist aus der Verballhornung eines mehr odedr weniger bedrühmten Film- oder Romantitels oder auch eines Goethesatzes.

    In immer mehr „Jobs“ wird einem eine „artistische Balancemeierei ohne gleichen“ (Oskar Huth) abverlangt.

  4. Die taz veröffentlicht heute einen Bericht aus Benghasi über die Siegesfeiern der siegreichen Aufständischen:

    „Die Haupttribüne ist den Mitgliedern des Nationalen Übergangsrats (NTC) vorbehalten, von denen die wichtigsten sich in große Ledersessel fallen
    lassen, dieweniger prominenten hingegen mit Stühlen vorlieb nehmen müssen. Auf der linken Seitentribüne sitzen die westlichen Ehrengäste, Vertreter der Europäischen Kommission, ein Nato-Militär, der französische Botschafter aus Tripolis und Chris Stevens, der US-amerikanische Gesandte in Libyen.“

    Wenn das kein Rückfall in die finstersten Zeiten der Repräsentation ist – aber es kommt noch dicker:

    „Als Mustafa Abdul Dschalil auf der Bühne seine lang erwartete Rede mit den Worten„ Im Namen Gottes“ beginnt, wird es zum ersten Mal an diesem Tag still auf dem Platz.

    Zuvor hatte ein Einpeitscher zehnmal hintereinander „Gott ist groß!“ in das
    Mikrofon gerufen und Hunderttausende brüllten ebenso oft „Gott ist groß!“ zurück.

    Von nun an handelt Dschalils Rede nur noch vom Islam! Dschalil sagt: „Für uns als islamisches Land sind die Regeln des Islams der einzige Maßstab für die Schaffung und Gestaltung des neuen Libyens. Gesetze, die nicht
    im Einklang mit dem Koran stehen, wird es bei uns nicht geben.“ Die Menschen jubeln und rufen: „Ya Allah!“ Dschalil verkündet: „Männer, ihr könnt wieder vier Frauen heiraten! Denn so steht es im Koran, dem Buch Gottes. Ihr könnt beruhigt nach Hause gehen, denn ihr müsst nicht eure erste Frau um Erlaubnis fragen.“ Die libyschen Männer jubeln.

    Was für ein reaktionäres Früchtchen, dieser Dschalil, das kann heiter werden.

  5. Die FAS lief in ihrem Wort zur Sonntags-Gesellschaft, das sie an diesem Wochenende „Occupy Wall Street“ widmete, zu geradezu lyrischer Hochform – à la „Götterdämmerung“- auf:

    Nachdem der rasende FAS-Reporter das „Camp“ der Protestierer auf der „Asamblea“ vor der Eunropäischen Zentralbank ausgiebig auf Widersprüche hin – zwischen Theorie und Praxis, Anspruch und Wirklichkeit, Subjekt und Objekt, Natur und Kultur, Fakt und Fetisch sowie alt und neu abgeklopft hat, blickt er zum Opernplatz hin – und sieht gerade noch, wie die Bundeskanzlerin von 99% aller Deutschen lächelnd im Sonnenschein auf den Eingang – mit dem eingemeißelten Spruch „Dem Wahren Schoenen Guten“ oben drüber – zugeht:

    „Als Angela Merkel durch die Tür verschwunden ist, liegt die Oper vollständig in dem Schatten, den die Hochhäuser der Deutschen Bank werfen.“

    Bald sind 99% aller Menschen dafür, die Macht der Banken zu „beschneiden“.

    „Fehlt nur noch der Logos“, könnte man mit dem Nachruf auf Friedrich Kittler von Cord Riechelmann in der selben FAS fortfahren. Es geht ihm darin primär um seinen Streit mit dem Verstorbenen über „Paulus“, ich habe mir aus seinem Text folgende Sätze rausgeschrieben:

    Kittler konnte zeigen, „dass der Kampf gegen die Natur keine Eroberung von Sümpfen im Frieden (wie Friedrich der Große meinte), sondern eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln war.“

    Laut Kittler war „der in Preußen Staat gewordene Idealismus keine Befreiungsbewegung, er war nichts anderes als ein Beschleuniger industrieller Produktionsformen, deren Ergebnis ‚geometrische‘ Wasserstraßen waren, in denen auch das Wasser immer schneller floß.“

    „Die denkende Hingabe Kittlers an seine Gegenstände ist immer mehr dem Prozeß des Denkens verpflichtet geblieben als dem Stillstand im Ergebnis.“

    Dem kam der französische Résistance-Begriff bis hin zu Camus, Foucault etc. und der amerikanische Luddismus (u.a. von Pynchon) entgegen, der dem Bernsteinschen Diktum „Das Ziel ist nichts, die Bewegung alles“ verpflichtet zu sein schien, in Wahrheit jedoch von Deleuze/Guattaris Schizo-Analyse inspiriert war: Es geht um das „Revolutionär-Werden“ – und nicht um die „Revolution“, die immer beschissen ausgeht.

    Das macht nun auch ein Teil der aufständischen Jugend im Orient und im Okzident für sich geltend.

    Die FAZ hatte am Freitag bereits ihre fünf, einige sagen sechs internationalen Handzeichen seinen geneigten Lesern erklärt, in der FAS wird dem Sonntagspublikum nun noch einmal verklickert:

    „Die Anwesenden schütteln die Hände in der Luft, das ist ihr Zeichen für Zustimmung, auch so ein globaler Code des Protests.“

    Hört sich nicht sehr nach „Revolutionär-Werden“ an, immerhin ist der FAS-Bewegungs-Reporter jedoch von der noch relativ neuen Absage an Repräsentanten in der Occupy Wall Street Bewegung überzeugt, zur Sicherheit ruft er aber noch mal beim Berliner „Protestforscher“ Rucht an – und fragt den: „Braucht eine neue Bewegung nicht eine zentrale Figur, mit der man sich identifizieren, die einen repräsentieren kann? ‚Nein!'“ sagt der.

    Die taz hat am Wochenende in New York von der US-Korrespondentin – also quasi im Zentrum der Bewegung – deren Verhältnis zu den Medien recherchieren lassen. Das Schema der Informationsbeschaffungdafür war in etwa das selbe wie das bei der FAS – nur war es hier eine Frau, Extrotzkistin, und sie konzentrierte sich auf einen Aspekt der Occupy Wall Street – Bewegung. Dabei kam ihr ein interessanter Widerspruch unter, den sie nicht wegredigieren wollte oder konnte:

    „Auf der Mitte der Liberty Plaza in Manhattan – hinter ein paar im Viereck aufgestellten Tischen, auf denen das Schild „Media“ steht – arbeitet das Hirn der Bewegung. Die Medienleute der Besetzer verstehen sich in erster Linie als Nachrichtenmacher. Sie arbeiten rund um die Uhr. Sie veröffentlichen eine Zeitung auf Englisch und Spanisch: Das großformatige und gratis verteilte Occupied Wall Street Journal. Sie strahlen per Lifestream (auf occupywallst.org) ihre Vollversammlungen und Demonstrationen in den Rest der Welt aus. Sie produzieren eigene Filme und Radiobeiträge. Und sie twittern.“

    Das Hirn der Bewegung, die sich als „Hirn einer Blume ohne Hirn“ (Nadja) begreift, ist ausgerechnet ihre Presseabteilung (mit eigenem Tent). Das ist mehr als grotesk, aber nur logisch allzulogisch für die sogenannte „Facebook-Generation“. Von der der „prekäre Kulturschaffende“ aus Rom Christian Raimo (in der „Jungle World“) allerdings behauptet: „Genua hat diese Generation geprägt“ Hier steht ein Märtyrer gegen das Einschreibgerät, das kittleresque gesagt am „Face“ mitarbeitet („Gefällt mir“).

    Gemildert wird dieser Eindruck des medialen Overkills nur dadurch, dass von den „Besetzern“ des nach dem Spekulanten Zuccotti benannten Parks in Manhattan fast alle „Kameras oder Aufnahmegeräte“ haben. „Kaum beginnt eine Reporterin ein Interview, wird sie selbst von Besetzern gefilmt und fotografiert. Im Notfall können sie so das Originalinterview neben das von den „Mainstreammedien“ bearbeitete Resultat stellen. Als ein erzkonservativer „Enthüllungsblogger“ auf dem Platz erscheint, läuft er live übers Internet“ – und tot ist er, quasi in flagranti ertappt und damit auch schon so gut wie erschossen.

    Die taz-Korrespondentin zitiert abschließend „Swanson, der nicht nur bloggt, sondern auch besetzt“ (ein typischer Multitasker). Er hat „eine Hoffnung: Dass aus der Bewegung nicht nur neue Medien hervorgehen, sondern ‚dass sie die ganze Kultur ändert‘.“

    Dazu paßt die Titelseite der „Jungle World“, die mit der Abbildung einer Guy Fawkes Maske auf ihren dieswöchigen Schwerpunkt „Die weltweiten Proteste gegen die Banken“ hinweist, wobei sie der Bewegung gerade mal „1 Prozent Revolution“ zubilligt.

    Dies trifft sich auch mit der Einschätzung der Berliner Occupy Wall Street Bewegung durch die taz-Berlinredaktion, die am Wochenende titelte: „Occupy besetzt nichts“… Sowie auch mit dem Resümee des taz-Tunesien-Korrespondenten Reiner Wandler, der in der Wochenendausgabe schreibt:

    „Es naht der Arabische Herbst“

    Ähnlich hatte es zuvor bereits in einer Rezension eines Berliner Kongresses über den Arabischen Aufstand von Ingeborg Szöllösi geheißen:

    „Der Frühling ist vorbei, wir sind im Herbst angekommen – das lässt uns nicht nur die Außentemperatur spüren, daran erinnerte auch Prof. Dr. Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität Berlin, als er am 6. Oktober 2011 die 500 Teilnehmenden des 18. Internationalen Kongresses der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient (DAVO) begrüßte. Ein Rückblick auf die turbulenten Ereignisse, deren Zeuge wir seit einem knappen Jahr sind, bietet sich an: 350 gegenwartsorientierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus 33 Ländern, die sich schwerpunktmäßig mit den Ländern des Vorderen Orients beschäftigen, bemühten sich vom 6. bis 8. Oktober im Rahmen ihrer 18. Arbeitstagung um ein „menschlich allzumenschliches“ Verstehen sowie um eine wissenschaftliche Einordnung des Arabischen Frühlings. Perspektiven auf ein Ereignis, das derzeit noch immer die ganze Welt in Schach hält, sollen geboten, Zukunftsfragen gestellt werden – so Anspruch und Zielsetzung der Tagung.“

    In der „New York Review of Books“ haben die Protest- und Islam-Experten Hussein Agha und Robert Malley schon mal die „Zukunftsfrage“ beantwortet:

    Danach ist die arabische „Facebook-Generation“, die den Aufstand lostrat, nurmehr noch „für das Sichtbare und die Publizität zuständig, „the real action“ findet jedoch zu ihrem Leidwesen woanders statt“.

    Mit den arabischen Aufständen verhält es sich wie mit den Revolutionen: „Sie werden zu radikalen Brüchen führen, sie werden neue Kräfte an die Macht bringen – und andere marginalisieren.“

    Konkret werden die Militärs und die Islamisten gewinnen. Daraus folgt für die beiden US-Autoren: „Der Westen wird es mit einer arabischen Welt zu tun haben, dessen Herrscher repräsentativer und nachdrücklicher sein werden, aber nicht sympathischer oder freundlicher.“