Kairo-Virus 123

New York. Photo: echte-demokratie-jetzt.de

In scheinbarem Widerspruch zur weltweiten Ausbreitung des Kairo-Virus steht der blog-clicks-Zähler, wenn er anzeigt, dass seit mindestens einem Monat die fortlaufenden Eintragungen zum „Kairo-Virus“ nur noch einen „visitor“ täglich haben.

Statt „Wir sind das Volk“ heißt es nun von New York ausgehend:“Wir sind 99%“, hier und da wird verlangt, die für die ganze Scheiße auf der Welt „Verantwortlichen“ (Banker) vor Gericht zu stellen, vor allem in den USA.

Die „Guy Fawkes“-Maske, auch „Vendetta-Maske“ genannt – hinter der sich nicht wenige Protestierer verbergen, entbirgt gleichzeitig die Spanne der Forderungen: von der Statistik – und der Wahrscheinlichkeit – bis hin zum konkreten Individuum (mit seiner ganzen „Schuld“ und „Sühne“). Da hallt noch der gute alte Humanismus nach – bevor er im Digitalen verrauscht.

Die Sprecher der „Occupy Wall-Street-Crowds“ (-Mengen, per Facebook zusammengetrommelt) könnten aus dem taz-Ausbildungsprogramm stammen, und tatsächlich gibt es in Frankfurt/Main, dem Zentrum der Deutsch-Banken, ihrem Hauptzeltplatz, auch schon ein „Taz-Tent“, sowie auch einen neuen blog für den taz-Praktikanten live und vor Ort.

Guy Fawkes, erklärte mir der taz-Blogwart Broeckers, war ein Freiheitskämpfer bzw. Terrorist, der hingerichtet wurde, weil er am 5. November 1605 das englische Parlament in die Luft sprengen wollte. Im Gedenken an das Scheitern dieses Attentats feiert man seitdem an diesem „Guy Fawkes Day“ eine „Bonfire Night“, auch die taz werde in ihrem Café ihm zu ehren eine Party veranstalten, wo der verfilmte  Comic über Guy Fawkes „V wie Vendetta“ gezeigt wird. Noch heute sage man in England: „Guy Fawkes war der einzige, der jemals das Parlament mit ehrlichen Absichten betrat“.

Guy Fawkes‘ Comicgesicht wurde dann als Maske bekannt, mit der die Hackergruppe „Anonymous“ auftrat. Das Internet-Forum “gulli.com” legte in einem Bericht Anfang Oktober aus New York nahe, dass die weltweite Aktion „Occupy Wall Street“ auf eine „Anonymous“-Initiative zurückgeht:

“Die Operation „Occupy Wall Street“ des Hacker- und Aktivistenkollektivs Anonymous hält weiter an. Erneut haben Unbekannte private Daten von berühmten Bankern des amerikanischen Finanzviertels ins Netz gestellt. Die Angreifer bezeichnen den Schritt als Vergeltungsaktion für die Verhaftung von Demonstranten in New York. Betroffen ist der Chef der New York-Community Bank, Joseph Ficalora sowie Kerry Killinger, der die Washington Mutual Bank bis zu ihrem Zusammenbruch 2008 leitete. Wie “Golem” berichtet, stellte die Anonymous-Splittergruppe C@b!n Cr3w die Informationen der beiden Personen ins Netz. Betroffenen sind Mobiltelefonnummern, Anschriften und Bezüge. Allerdings sind Daten aus dem Leak zum Teil zehn Jahre alt, was ihre Aktualität infrage stellt.

Anonymous droht für jede Verhaftung eines Demonstranten in der Wall Street weitere Daten über bedeutende Personen der New Yorker Finanzwelt zu veröffentlichen. Dort wurden bei Protesten bereits zu Beginn der Aktion am 2. September rund 700 US-Bürger von der Exekutive festgesetzt. Von Polizeigewalt war zu diesem Zeitpunkt keine Rede.

Die C@b!n Cr3w machte erst kürzlich auf sich aufmerksam, als sie die persönlichen Daten eines Polizisten publizierte, der eine Demonstrantin mit Pfefferspray attackiert haben soll. Der Chef von JP Morgan Chase und der von Goldman-Sachs zählen auch bereits zu den Opfern der Hacktivisten.“

Der „stern“ erklärte seinen Lesern:

„In Deutschland sah man Fawkes‘ Konterfei nicht nur bei Anti-Scientology-Demonstrationen, sondern auch 2009 bei den Protesten gegen die Netzsperren der damaligen Familien- und Innenminister Ursula von der Leyen. Und auch mancher schwäbischer Wutbürger demonstrierte maskiert gegen „Stuttgart 21″. Das Accessoire des Anarchismus gibt es mittlerweile für wenig Geld im Internet zu kaufen.“

Wikipedia ergänzte:

„Guy Fawkes war viele Jahre lang Soldat und erlangte dabei Kenntnisse im Umgang mit Sprengstoff. 1593 verdingte er sich in der Armee des Erzherzogs Albrecht VII. von Österreich in den Niederlanden und kämpfte dort als Katholik gegen die Protestanten im sogenannten Achtzigjährigen Krieg. 1596 war er an der Belagerung und Einnahme von Calais beteiligt. Bis 1602 war er zwar nicht über den Rang eines Fähnrichs hinausgekommen, war aber als mutiger und entschlossener Soldat ausgezeichnet worden. Guy Fawkes, Robert Catesby und seine Mitverschwörer versuchten am 5. November 1605, das englische Parlament im Palast von Westminster in London in die Luft zu sprengen. Der Grund hierzu lag in der Verfolgung, der Angehörige der katholischen Kirche ausgesetzt waren. Für das Attentat hatte er bereits 36 Fässer mit mehr als zwei Tonnen Schwarzpulver in den Kellern der Gebäude deponiert (daher auch die englische Bezeichnung „Gunpowder Plot“ für das Attentat), die er zu diesem Zweck als Lagerraum gemietet hatte. Fawkes plante, mit dem Anschlag am Tag der Parlamentseröffnung im House of Lords König Jakob I. samt Familie, alle Parlamentsmitglieder, alle Bischöfe des Landes und den Großteil des Hochadels zu töten sowie anschließend einige politische Gefangene aus dem Tower von London zu befreien.“

Im Pynchonwiki heißt es im Index von Thomas Pynchons letzten Roman „Gegen den Tag“ unter „D“ wie „Thomas Derrick“:

„Derrick was a convicted rapist who was pardoned on condition that he become an executioner. He invented the gallows that bears his name. Derrick (allegedly) executed over 3,000 people, including the aristocrat who pardoned him and (perhaps) Guy Fawkes.“

Über Pynchons Roman „Against the Day“ (contre-jour/Gegenlicht/ man kann den Titel aber auch als eingelöstes Versprechen verstehen, tiefer als der Tag zu denken und gegen die Veralltäglichung zu handeln) schrieb der gestern morgen verstorbene Neubegründer der Kulturwissenschaft nach 89 an der Humboldt-Universität: Friedrich Kittler 2007 – in einer Pynchon gewidmeten Ausgabe der Zeitschrift „Literaturen“:

Der nach wie vor medial unbehelligt lebende Autor habe mit „Gegen den Tag“, indem er sich auf die Göttinger Mathematiker um 1900, namentlich auf Hilbert, Rieman und die junge Sonja Kowalewskaja (Yasmeen Halfcourt im Roman genannt) einließ, d.h. auf ihre mathematischen Träumereien, ein „Wunder“ vollbracht. Nämlich, „dass ein Romancier 2000 bis 2006 sich wirklich der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg anverwandeln kann.“

So entgegnete dort damals das „Fräulein Halfcourt“ dem Professor – Hilbert – im Göttinger Institut für Mathematik: „Herr Geheimrat, könnte es nicht sein, dass physikalische Eigenschaften des Universums sich bei uns Mathematikern in diesen Nullstellen der Zeta-Funktion anmelden?“

Kittler merkte dazu an:

„Das ist, denke ich, der Grundgedanke des Romans; dass Dinge, die es gibt, sich als Mathematik melden; dass aber die Mathematiker, wie alle professionell Deformierten, taub dafür sind, dass sie in der Mathematik, in ihren Erleuchtungen, neuen mathematischen Einsichten, der Welt ins Angesicht blicken. In jedem Handy, in jedem Fernseher, in jedem Radio, überall begegnet uns das physikalische Korrelat eines Satzes, den ein großer Mathematiker erträumt hat, ohne damals überhaupt Existenzaussagen zu wagen.“

Pynchon habe dagegen mit seinem bisher dicksten Buch „Gegen den Tag“ bewiesen (es braucht Tage, um es gründlich durch zu lesen):

„dass ein Roman also nicht bloß eine simulierte Zeitreise ist, sondern nach so vielen gelesenen Büchern und Quellen und Wissenschaften mehr ist als ein blöder historischer Zeitroman – vielmehr eine Anstrengung des Denkens, in die Zeit zurückzukommen, als Anarchie noch war.

Und vielleicht die Hoffnung zu haben, dass, wenn man die Zeit damals so gut rekonstruiert samt ihren Wundern, die gar nicht eingetreten sind, die aber doch theoretisch, physikalisch, mathematisch hätten sein können, dass dann eine andere Zeit und Geschichte uns gegönnt wäre, in der die Wünsche wenigstens adressierbar, wenn nicht erfüllbar sind, immer. Dass es sich lohnt zu schreiben, anstatt Literatur zu verbrechen.“

Und mit „schreiben“ meinten Friedrich Kittler (und seine „Kittler-Jungs, deren blogs zunächst die „Berlin“-Seiten der FAZ waren) nicht zuletzt „programmieren“, also handeln – die Tat, die u.a. aus dem Kampf der Mathematiker mit den Primzahlen bestand und immer noch besteht:

„Der Beweis für Riemanns Vermutung steht bis heute aus…, schreibt Kittler 2007. Es gibt also noch was zu tun. Aber um was geht es dabei überhaupt? Riemann hatte 1859 die Hypothese aufgestellt, „dass man die Primzahlen viel schärfer in ihrer Verteilung angeben kann, in dem man die nach ihm bereits benannte „Zeta-Funktion“ benutzt – und dann vermutet, dass alle nicht-trivialen Nullstellen der komplexen Zeta-Funktion beim Real-Anteil von 0,5 liegen.“

Kittler wird an dieser Stelle persönlich – quasi physikalisch:

„Ich gestehe, dass ich als Computergrafiker die trivialen Nullstellen der Zeta-Funktion viel mehr geliebt habe, die sind aufregend, grafisch. Aber es geht um die nicht-trivialen.“ (bei Riemann, bei Sonja Kowalewskaja – nach der man übrigens einen hochdotierten Berliner Mathematikerpreis benannt hat, den derzeit die russische Mathematikerin Olga Holtz an der TU „verdenkt“ – und in Pynchons Roman).

Warum ist die Riemannsche Vermutung über die Primzahlenverteilung nun aber so wichtig?

Laut Kittler ist „seit Gauss, seit etwa 1800, klar, dass die Anzahl der Primzahlen von 2 bis x etwa der Gleichung gehorcht: x durch natürlicher Logarithmus von x; das läßt sich mit einem Integral analytisch angeben. Aber natürlich kann man auf diese Weise noch nicht auf einzelne Primzahlen, das Gegenteil aller mathematischen Ordnung, präzise zugreifen – was wir doch [alle, 99%?] wollen, weil wir alle fremden Codes knacken wollen, weil wir doch die ‚National Security Agency‘ sind und weil wir selbst die Einzigen sein wollen, die nicht geknackt werden können. Das ist schließlich das Geheimnis der amerikanischen Informationsmacht. Deshalb sind die Primzahlen kein harmloses Spiel mehr, sondern seit 70 Jahren das wichtigste mathematische ‚Tool‘ der Kryptografie.“

Einer der Schüler, nicht von Riemann, sondern von Pynchon und Kittler, Stefan Heidenreich, hat heute den Nachruf auf Friedrich Kittler in der taz geschrieben. Er, wie auch der ehemalige Kittler-Assistent Peter Berz, hatten ihn bis zuletzt immer wieder im Krankenhaus besucht. Heidenreich hörte so gewissermaßen die letzten Worte des Meisters: „Mehr Licht“, flüsterte er, „reden Sie über Theorie“. Im Nachruf faßt er nun dessen theoretische Leistung zusammen:

„Die sogenannte deutsche Medientheorie, von der in letzter Zeit im Netz so oft die Rede ist, geht wesentlich auf das Werk Kittlers zurück. Doch er selbst ist dabei nicht stehen geblieben. 1995 stellte er im Nachwort zur dritten Auflage seines Buches „Aufschreibesysteme“ fest: „Mediengeschichte wäre nur verkappte Nostalgie, wenn sie auf dem Umweg über Schreibzeuge und Nachrichtentechniken wieder bei Dichterreliquien und Gedanken ankäme. Sie steht und fällt vielmehr mit der Heideggerschen Prämisse, dass Techniken keine bloßen Werkzeuge sind.“ Nirgends zeigt sich das besser als in unserer vom Internet geprägten Zeit. Wenig hätte gefehlt, um die Theorie technischer Medien für die Gegenwart des Netzes fruchtbar zu machen. Doch Kittlers Befürchtung, dass sein Ansatz als Geschichte ins Nostalgische kippen könnte, bewahrheitete sich.“

Kittler selbst gelang es jedoch, seinem eigenen „Ansatz“ zu entkommen, meint Heidenreich, wenn ich ihn richtig verstanden habe – indem er nach einem neuen „Ansatz“ suchte:

„Er sagte sich von seiner zum akademischen Mainstream gewordenen Schule los, um sich einer neuen Wahrheit zuzuwenden: den Griechen, der Liebe, der Musik und der Mathematik. Sosehr er damit Befremden noch unter seinen eigenen Schülern hervorrief, so konsequent dachte er sich selbst damit an einen Ursprung und ein Ende.“ So weit Heidenreich, der Kittler eingangs die angeblich letzten Worte Goethes in den Mund gelegt hatte – womit jener am Ende seiner „Technik-Diskurse“ und seiner Griechenland-Expeditionen dann doch – nolstalgisch wie alle – „wieder bei Dichterreliquien und Gedanken“ angekommen wäre. Das liegt sicher nicht zuletzt daran, dass Kittler schon mit acht Jahren den ganzen Faust auswendig kannte/konnte.

Nebenbeibemerkt: Auch die ganzen Anarchisten und Bombenleger in Pynchons Roman „Gegen den Tag“, so sie die Zeit überlebt haben – zwischen der Chicagoer Welltausstellung und dem Ersten Weltkrieg, da laut Kittler die Anarchie noch war – werden am Ende lyrisch – nostalgisch: Sie heiraten und kriegen Kinder, die sie auf kreative Weise groß ziehen (Ich habe den Roman deswegen gerade einer schwangeren taz-Anarchistin nahegelegt).

In einem Text über den „Anarchismus, der war“ und der vielleicht wieder sein wird,  hatte Thomas Pynchon bereits 1984 (!) geäußert:

“Is it O.K. to Be a Luddit?” fragte er sich  in der New York Times Book Review. Ludditen – so nannten sich ab 1811 Banden von maskierten Männern, die nächtens in England Maschinen der Textilindustrie zerstörten. Der Name geht auf Ned Lud zurück, der 1799 in  Leicestershire “in einem Anfall rasender Wut”, wie es im Oxford Dictionary heißt, zwei Maschinen, mit denen Strumpfwaren gestrickt wurden, zerstörte. Die Einführung der Maschinen beschleunigte den Niedergang des Handwerkertums und die allgemeine Arbeitslosigkeit. Die offizielle Geschichtsschreibung bezeichnet die Ludditen als ebenso fortschrittsfeindliche wie hoffnungslose “Maschinenstürmer”. Marx ging dem gegenüber davon aus, dass die “Totengräber” des Kapitalismus im Schosse desselben heranwachsen: “Sonst wären alle Sprengversuche Donquichotterie”.

Von den “Ludditen” der neueren Zeit erfuhr man bereits 1953 in dem Roman  “Das höllische System” von Kurt Vonnegut, in dem es um die Massenarbeitslosigkeit produzierenden  Folgen der Computerisierung ging, die  den Menschen nur noch die Alternative Militär oder ABM läßt. Schon bald sind alle Sicherheitseinrichtungen und -gesetze gegen Sabotage und Terror gerichtet. Trotzdem organisieren sich die unzufriedenen Deklassierten im Untergrund, sie werden von immer mehr “Aussteigern” unterstützt. Irgendwann schlagen sie los, d.h. sie sprengen alle möglichen Regierungsgebäude und Fabriken in die Luft, wobei es ihnen vor allem um den EPICAC-Zentralcomputer in Los Alamos geht. Ihr Aufstand scheitert jedoch. Nicht zuletzt deswegen, weil die Massen nur daran interessiert sind, wieder an “ihren” geliebten Maschinen zu arbeiten. Bevor die Rädelsführer hingerichtet werden, sagt einer, von Neumann: “Dies ist nicht das Ende, wissen Sie.”

Thomas Pynchons Text in der “Book Review” greift dieses vorläufige “Ende” 1984 wieder auf: “Wir leben jetzt, so wird uns gesagt, im Computer-Zeitalter. Wie steht es um das Gespür der Ludditen? Werden Zentraleinheiten dieselbe feindliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie einst die Webmaschinen? Ich bezweifle es sehr…Aber wenn die Kurven der Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Robotern und der Molekularbiologie konvergieren. Jungejunge! Es wird unglaublich und nicht vorherzusagen sein, und selbst die höchsten Tiere wird es, so wollen wir demütig hoffen, die Beine  wegschlagen. Es ist bestimmt etwas, worauf sich alle guten Ludditen freuen dürfen, wenn Gott will, dass wir so lange leben sollten.”

Aber die andere Seite ist auch nicht auf den Kopf gefallen, wie man so sagt – oder wie Kittler in seinem Pynchon-Text in der „Literaturen“ schreibt:

„Wir wollen doch alle fremden Codes knacken, weil wir doch die ‚National Security Agency‘ sind und weil wir selbst die Einzigen sein wollen, die nicht geknackt werden können.“

Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der inzwischen so links denkt, dass er nicht mehr in der taz als Redakteur anfangen könnte, wie taz-Herausgeber unken, schreibt heute über den Bundesinnenminister Friedrich, der den „Trojaner-Angriff“ seiner Staatssicherheitsorgane auf friedliche Bürger gegenüber der Justiz verteidigte:  „Die Meinung einer Regierung, sei halt manchmal anders als die Meinung eines Gerichts. Weiß er noch, was er sagt?“ fragt sich Schirrmacher.

„Man erlebt hier politischen Kontrollverlust angesichts komplexer technologischer Systeme in Echtzeit. Es ist ein Lehrstück. Friedrich kann nicht zugeben, dass die Komplexität digitaler Systeme den Staat ebenso kalt erwischt, wie sie schon vorher die Finanzmärkte erwischt hat. „Wir vertrauten Computern“, hatte Alan Greenspan während seiner denkwürdigen Anhörung vor dem amerikanischen Senat nach der Lehman-Pleite gesagt.

Das tut auch Friedrich. Offenbar setzt er auf die Überforderung der Öffentlichkeit. Anders ist sein Satz nicht zu erklären, dass er nicht wisse, was für ein Trojaner dem Chaos Computer Club zugespielt wurde. Die Wahrheit ist, dass der Code des Spionageprogramms seit dem vorvergangenen Samstag im Netz steht und die Sicherheitsbehörden wenig später wussten, worum es sich handelt. Schon diese Behauptung allein zeigt, dass der Innenminister entweder nicht weiß, wovon er redet, oder dass er ein hohes Risiko eingeht.

Auf dem Gebiet der Überwachungssoftware führt Friedrich einen Angriffskrieg aus dem vergangenen Jahrhundert. Dabei ist sein Vorwurf an den Chaos Computer Club, dieser habe mit seiner Enthüllung, dass der Staatstrojaner gesetzwidrig programmiert sei, nichts als „Chaos“ verbreitet, alles andere als witzig. Denn Hacker haben gezeigt, dass zumindest bei Landesbehörden die Produktion amtlicher Spionageprogramme außer Kontrolle geraten ist. Es ist skandalös genug, dass eine Firma, deren Vorläuferin wegen Bestechung von Zollbeamten verurteilt wurde, immer noch für viele Millionen Euro die Instrumente für die heikelste aller Überwachungsaufgaben herstellen darf.

Nicht weniger skandalös ist das Niveau der Software, wie mittlerweile alle Fachleute bestätigen. Bis heute ist es ein Rätsel, ob sich die Firma selbst eine Hintertür in den Code offenhielt. Völlig unklar ist auch, ob die Beamten überhaupt wussten, was man ihnen an die Hand gab – alles Aufgaben für einen Innenminister, der nicht nur das Recht, sondern auch die Freiheit zu schützen hat.“

In einem der heutigen FAZ-Nachrufe auf Friedrich Kittler erinnert die Kittler-Schülerin Rose-Marie Gropp daran:

Ach . . . „Die deutsche Dichtung hebt an mit einem Seufzer“, so beginnt seine noch immer uneingeholte Habilitationsschrift „Aufschreibesysteme 1800/1900“, auch damit arbeiten wir alle weiter. (…)

Irgendwann einmal hat er mir seine Mitschrift einer „Begegnung mit Jacques Lacan“, wie er das Typoskript selbst überschrieb, gegeben, vom 26. Januar 1975, ich glaube in Straßburg. Lacans, des französischen Häretikers der Psychoanalyse und Philosophie, komplizierte Ausführungen, die vom Ursprung des Begehrens handeln, das – weiß Gott! – mehr und anderes ist als blödes Habenwollen, gipfeln in Kittlers Notat dieser Sitzung so, wie er selbst Lacans Suada ins Deutsche übersetzte: „Man schließt den Kreis, wie man kann. Darum hat Freud übrigens seine ,Traumdeutung‘ mit der Formel begonnen, die Sie kennen: ,Wenn ich die Götter nicht bewegen kann, nehme ich den Weg‘ – worüber? ,über die Hölle‘, eben. Wenn es irgendetwas gibt, was Freud offenkundig macht, so dies, dass aus dem Unbewussten resultiert, dass das Begehren des Menschen die Hölle ist und dass man nur so etwas begreifen kann. Darum gibt es keine Religion, die ihr nicht einen Platz einräumte. Die Hölle nicht zu begehren ist eine Form des Widerstands.“ Friedrich Kittler hat seinen eigenen Kreis geschlossen, und er hat seinen Widerstand geleistet…“

In einem weiteren FAZ-Nachruf auf Friedrich Kittler – von Jürgen Kaube – heißt es:

„Sterben hieß, hört man, für die Römer „ad plures ire“, zu den Meisten gehen.“ (den 99%?)

„…Lebend gehörte er jedoch „auch in der sogenannten Medienwissenschaft zu den Wenigsten. Nicht nur, weil für ihn schon das griechische Alphabet und die Mathematik zu ihrem Gegenstandsbezirk gehörten. Für Kittler waren „Medien“ überhaupt kein eigener Gegenstand, sondern eine, und zwar die entscheidende Dimension jeglicher Kultur. (…) Zu den Wenigsten gehörte er nämlich auch insofern, als er stets in Dinge verliebt war, die er sich erst mühsam aneignen musste und auf seltsamen Wegen anverwandelte: Altphilologie, Musiktheorie, Algebra.“

Aber: „Kittler hatte Schüler, und zwar eigensinnige, deren Produktion heute Pflichtlektüre für den ist, der beispielsweise Computerspiele, das wissenschaftliche Zeichnen, die Geschichte der Kybernetik, die Begeisterung der Romantik für den griechischen Befreiungskrieg oder das Radio als Gerät und Sendeverfahren verstehen will.“

Den Trost müssen wir jedoch heute woanders suchen. Z.B. in „La Tunisie“, das neue Tunesien, das, wenn man dem Madrider taz-Korrespondenten Reiner Wandler in seinem heutigen Bericht folgt, „weiblich ist“:

„Ich heulte nicht. Ich schaute dem Polizisten einfach in die Augen“, erinnert sich Marwa Rekik an den Tag, als sie auf der Hauptstraße von Tunis, der Avenue Habib Bourguiba, zuerst zusammengeschlagen, dann an den Haaren mehrere hundert Meter bis zu einem Mannschaftswagen geschleift wurde, wo sie festgehalten und bedroht wurde. Blutüberströmt saß die Reporterin des oppositionellen Internetradios Kalima da. Ein Polizist setzte sich neben die zierliche Frau und beschimpfte sie. „Dann wollte er immer wieder wissen, warum ich auf die Demos gehe und für Kalima berichte“, erinnert sich Rekik. „Weil ich Tunesien liebe, weil mein Tunesien lebt und eures tot ist. Ich verachte euch und mit euch das ganze Regime“, gab sie zur Antwort, starr, gefasst, ohne eine Gefühlsregung zu zeigen. Schließlich wurde sie freigelassen, die Platzwunde am Kopf musste mit fünf Stichen genäht werden.

Das war im Mai, vier Monate nach dem Sturz von Präsident Zine el-Abidine Ben Ali. Die Demonstration führte schließlich zum Rücktritt der Übergangsregierung aus alten Parteigängern der Diktatur. „Es war das einzige Mal, dass ich in all den Jahren von der Polizei so angegangen worden bin“, erinnert sich die junge Frau. Sie sitzt im Straßencafé neben dem Stadttheater der Hauptstadt und zieht wenige Tage vor den ersten freien Wahlen Resümee.

Marwa Rekik ist 25 Jahre alt. Sie gehört damit zu der Generation, die fast ihr ganzes Leben unter der Diktatur von Ben Ali verbracht hat. Und sie gehört zu denen, die seiner Herrschaft nach 23 Jahren, am 14. Januar 2011, ein Ende bereitete. „Es war die Revolution der jungen Menschen, und es war die Revolution der jungen Frauen“, sagt Rekik selbstsicher. Den vorsichtigen Blick über die Schulter hat sie sich abgewöhnt. Zwar sei noch immer Zivilpolizei im Stadtzentrum unterwegs, aber die Angst ist weg.

„Ich habe schon auf dem Gymnasium meinen Respekt vor der Diktatur verloren“, erinnert sich Rekik. Das System war damals überall präsent. Als Schülerin in Fax, der zweitgrößten Stadt Tunesiens, engagierte sie sich beim Schulradio und wurde schließlich dessen Chefredakteurin. So stand ihr „die große Ehre“ zu, am 7. November, dem Jahrestag der Machtübernahme von Ben Ali, die vom Bildungsministerium verfasste Grußbotschaft an den Präsidenten im Namen der Schüler über die Lautsprecheranlage zu verlesen und patriotische Gesänge abzuspielen, berichtet die junge Frau. „Ich hielt das nicht aus.“ Die ersten Jahre meldete sie sich einfach krank. Im Abiturjahr dann weigerte sie sich und sprach offen aus, was sie vom Regime hielt. Der Direktor war entsetzt. „So redet man nicht“, schimpfte er und gab ihr den Ratschlag, „meine Haltung zu überdenken“.

Rekik ließ sich nicht irritieren und ging zum Studieren nach Tunis an die Filmhochschule. „Das war meine persönliche Explosion“, erinnert sie sich. Schnell bekam sie Kontakt zu der Studentengewerkschaft UGET, trat vorübergehend der geduldeten oppositionellen Demokratischen Fortschrittspartei (PDP) bei und lernte 2008 die Bürgerrechtlerin Sihem Bensidrine kennen. „Eine wirklich mutige Frau“, sagt sie über Bensidrine, Gründerin und Chefredakteurin der oppositionellen Onlinezeitung „Kalima“ und des gleichnamigen Internetradios. Rekik arbeitete fortan als Straßenreporterin für Radio Kalima.

„Die Polizei verfolgte mich auf Schritt und Tritt. Schließlich drohte man mir, dass ich meinen Hochschulabschluss nicht machen kann.“ Rekik legte eine Pause ein. Statt auf der Straße nach Themen für das Radio zu suchen, begann sie mit Dokumentarfilmen über kritische Stimmen in Tunesien und stellte die Kurzfilme auf Festivals vor. „Den letzten von drei Filmen haben wir nie fertiggestellt“, erzählt sie.

Es war Anfang Januar 2011. Mitten in die Dreharbeiten platzten die Demonstrationen gegen Ben Ali in Tunis. „Das ganze Team war nur noch auf der Straße“, erinnert sich Rekik. Als der Diktator nach Saudi-Arabien floh, kam bei Kalima plötzlich die Idee auf, den Sender auszubauen, auf UKW zu gehen. „Ich war sofort wieder dabei“, sagt Rekik.

Mittlerweile hat die Journalistin ein eigenes Programm mit einer kritischen Presseschau, in dem sie außerdem Facebookseiten vorstellt und Interviewpartner aller Couleur einlädt, „auch solche, die fest hinter dem Regime standen“. In die Parteienlandschaft will sich Rekik auch jetzt nach der Revolution und vor den Wahlen nicht einmischen. Sie sieht ihren Ort weiterhin in der Zivilgesellschaft. „Im Radio kann ich so frei reden wie sonst nirgends.“

„Es sind Frauen wie Marwa, die dieses Land so besonders machen“, ist sich Nejiba Bakhtri sicher. Die 62-jährige Sportlehrerin ist schon ihr ganzes Leben lang in der Gewerkschaft UGTT aktiv. Dort betreut sie auch jetzt nach der Pensionierung noch die Lehrer der Mittel- und Oberstufe in Tunis. „Die UGTT war einer der wenigen Freiräume im Regime“, sagt die kleine, kräftige Frau, die nach einem Ausflug in die Welt der Parteien – erst war sie bei der PDP, dann gründete sie „als engagierte Ökologin“ in der Illegalität die Grüne Partei Tunesien mit – sich wieder ganz der Gewerkschaftsarbeit widmet.

Nejiba Bakhtri und Marwa Rekik lernten sich in Rekiks Phase als Filmemacherin kennen. „Grün Orange“ heißt die kurze Reportage, die Rekik ihr gewidmet hat. Wer Bakhtri in ihrem Haus in Hammam-Lif, 20 Autominuten südlich der Hauptstadt, besucht, weiß, warum. Alles steht voller Pflanzen, die Türrahmen, die Wände und große Teile der Wohnungseinrichtung sind orange gestrichen. „Mein kleines Paradies“, sagt die geschiedene Frau stolz. Hierher zieht sie sich zurück, wenn ihr draußen alles zu viel wird. Das kommt oft vor. „Denn als Frau musst du ständig gegen den Machismus ankämpfen. Doch wir tunesischen Frauen sind stark und dominant“, sagt sie bei Kaffee und Zigarette am kleinen Tisch mitten in ihrem kleinen botanischen Innenhof.

Für Marwa Rekik ist Nejiba Bakhtri ein Vorbild, so etwas wie die politische Mutter. Bakhtri gehört zu der Generation, die nach der Unabhängigkeit ihres Landes 1956 aufgewachsen ist. „Wir waren die erste Generation von Frauen, die freien Zugang zu Schulen und Universitäten hatte“, sagt sie. Der erste Präsident des freien Tunesiens, Habib Bourguiba, hatte Gesetze erlassen, die die Frau rechtlich dem Mann gleichstellte. Ein Novum in der arabischen Welt. In den Nachbarländern Algerien und Marokko ist dies bis heute nicht so.

„Aber auch in Tunesien brauchen wir noch mindestens zwei Generationen, bis die Frau tatsächlich völlig gleichgestellt ist, vielleicht sogar Präsidentin werden kann“, sagt Bakhtri. Bei den kommenden Wahlen machen die Frauen einen weiteren wichtigen Schritt. Alle Parteien sind per Gesetz angehalten, paritätische Listen aufzustellen.

Dennoch ist Bakhtri angespannt. Sie hat wie viele ihrer Geschlechtsgenossinnen Angst, es könne zurückgehen. Der Grund ist der große Zulauf, den die islamistische Partei Ennahda genießt. Sie wird bei den Wahlen wohl am besten abschneiden. 30 Prozent, 40 Prozent, keiner weiß es zu sagen. Meinungsumfragen sind in Tunesien während des Wahlkampfs nicht erlaubt. Zwar reden die Islamisten Ennahdas von den Rechten der Frauen, von Gleichstellung und Toleranz, doch wie viele befürchtet auch die Gewerkschafterin Bakhtri, dies sei „nur ein doppelter Diskurs, um Stimmen zu gewinnen und die Menschen zu beruhigen“.

„Selbst in meinen Kreisen, in der Gewerkschaft und in den fortschrittlichen Parteien herrscht der doppelte Diskurs. Offiziell sind alle für die Gleichberechtigung, aber mit der Realität hat das nur wenig zu tun“, sagt sie. Deshalb könne eine traditionellere, islamistische Politik durchaus auf Zustimmung stoßen. „Doch wir sind wachsam, wir werden dagegenhalten“, sagt Bakhtri selbstsicher.

„Die Islamisten sagen immer wieder, dass das Gesetz der persönlichen Freiheiten, das die Frau gleichstellt, nicht heilig sei“, sagt auch Maya Jribi, Generalsekretärin der PDP, jener Partei, die einst Rekik und Bakhtri als Freiraum diente. „Wir werden es nicht zulassen, dass es verändert wird. Unter anderem deshalb bin ich Kandidatin für die verfassunggebende Versammlung“, fügt Jribi hinzu. Sie ist die einzige Frau, die in Tunesien einer Partei vorsteht. Im gesamten Nordafrika gibt es nur eine weitere, Louisa Hanoune von der Arbeiterpartei in Algerien.

Jribi ist zuversichtlich: „Wer sich umschaut, sieht, wir leben in der Ära der Frau. Nicht nur in Tunesien, auch in anderen Ländern spielt die Frau bei den Protesten eine wichtige Rolle. Selbst im Jemen. Dort sind sie verschleiert, aber gehen auf die Straße“, sagt die 51-Jährige. Ein weiterer Beweis seien die Regierungschefinnen überall auf der Welt. Sie selbst wird es vorerst nicht so weit bringen. Selbst wenn der PDP so ein wichtiges Amt oder gar das des Präsidenten zufallen würde, hätte der Parteigründer Vorrang.

Dass die Männer auch in Jribis Partei noch immer mehrheitlich die wichtigen Ämter besetzen und nur 3 von insgesamt 33 regionalen Kandidaturen der PDP von Frauen angeführt werden, ist für Jribi „normal“. „Das ist ein Abbild der Realität. Die Diktatur hat alle unterdrückt, aber die Frauen ein Stück mehr. Die Frau steht so in der Politik Tunesiens mehrheitlich an zweiter Stelle“, sagt Jribi. „Das ist übrigens nicht nur in der arabischen Welt so“, gibt sie zum Abschied zu bedenken.

Aus Algerien kommend erklärte dazu der diesjährige Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels Boualem Sansal:

„Im Jahr 2000 wurde hier meine Landsfrau Assia Djebar geehrt, die viel für die Durchsetzung des eigentlich selbstverständlichen Gedankens getan hat, dass auch bei uns in den arabisch-muslimischen Ländern die Frau ein freies Wesen ist, und dass es ohne Frauen im Vollbesitz ihrer Freiheit keine gerechte Welt geben kann, sondern nur eine kranke, lächerliche und gehässige Welt, die ihr Dahinsterben nicht wahrnimmt. Ich kann hier sagen, dass ihr Kampf Früchte getragen hat: Echter Widerstand, also ein Widerstand voller Würde und Zähigkeit, wird in Algerien heute hauptsächlich von Frauen geleistet.

Während des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren, dem schwarzen Jahrzehnt, wie wir jene Zeit nennen, waren Frauen eine bevorzugte Zielscheibe der islamistischen Horden, aber zugleich sah das andere Lager, also die Machthaber und ihre Klientel, in ihnen die Wurzel all unserer andauernden Übel und suchte sie mit aller Kraft des Gesetzes und der Propaganda zum Schweigen zu bringen. Die Frauen aber haben großartigen Widerstand geleistet, und mit ihrem Bemühen, einen permanent schwierigen Alltag zu bewältigen, bauen sie unsere Zukunft auf. Und überhaupt sind sie wie stets unsere letzte Zuflucht.“

Aus „Griechenland“ (F.Kittler) meldet die taz von morgen:

„Mit dem größten Streik seit vielen Jahren habe mehrere zehntausend Beschäftigte in Griechenland das öffentliche Leben lahmgelegt. Zum Auftakt ihres zweitägigen Generalstreiks gegen das Sparprogramm der Regierung haben Arbeiter und Angestellte in Griechenland für weitgehenden Stillstand im öffentlichen Leben gesorgt.

Der Flugverkehr kam am Mittwochvormittag komplett zum Erliegen. Auch mehrere Dutzend Flüge aus und nach Deutschland wurden verschoben, tausende Reisende waren betroffen. Neben dem griechischen Luftverkehr wurden Ministerien und staatliche Unternehmen sowie viele Banken, Apotheken, Tankstellen und Bäckereien bestreikt. Schulen, Geschäfte und Praxen waren geschlossen, der Nahverkehr litt unter Beeinträchtigungen.“

Die Süddeutsche Zeitung ist noch aktueller – was die Berichterstattung über den „griechischen Befreiungskrieg“ angeht:

„Es ist die Rede vom „größten Streik seit Jahrzehnten“, von der „Mutter aller Streiks“. Premier Panpandreou warnt vor einem „Kriegszustand“. Auf dem zentralen Platz vor dem Parlament in Athen versammeln sich mehr als 100.000 Menschen, zunächst verlaufen die Demonstrationen friedlich. Doch dann liefern sich mehr als hundert Vermummte Auseinandersetzungen mit der Polizei, sie schleudern mehrere Brandsätze auf die Einsatzkräfte. Mit Hämmern und Brechstangen schlagen die Demonstranten auf Gebäude ein, abgebrochene Marmorstücke werfen sie auf die Polizisten.

Die Beamten setzen Tränengas und Blendgranaten ein, die Demonstranten pfeifen die Randalierer aus. Über dem zentralen Syntagma-Platz hängt dicker Rauch, die Stimmung ist aufgeheizt, doch die Lage beruhigt sich wieder. Auch in Saloniki, der zweitgrößten Stadt des Landes, werden die Schaufenster von mehreren Läden eingeworfen, die trotz des Streiks geöffnet haben.

Zu Massendemonstrationen kommt es auch in anderen Städten: In Thessaloniki gehen 15.000 Menschen auf die Straße, in Patras 20.000.

„Wir haben die Grenzen unserer Geduld erreicht, und, was noch schlimmer ist, es gibt keinen Schimmer Hoffnung“, zitiert das Wall Street Journal (!) einen Sprecher der Gewerkschaft GSEE.  „Wir wollen eine starke Botschaft senden, dass der drakonische Sparkurs eine Katastrophe für Griechenland ist.“

Der Grund für die Wut: Am Donnerstag wird das Parlament erneut über die radikale Sparpolitik entscheiden und über einen weitreichenden Gesetzentwurf des Finanzministers abstimmen. Der sieht unter anderem massive Einschnitte für die Griechen vor.“

Aus Spanien meldet die Junge Welt:

„Seit der Großdemonstration am vergangenen Samstag halten Aktivisten der Bewegung der »Empörten« im Zentrum der spanischen Hauptstadt das bislang leerstehende Hotel »Madrid« besetzt (Foto). Ziel der rund 100 Menschen ist es, das Haus in unmittelbarer Nähe der Puerta del Sol zu renovieren, damit dort obdachlose Familien leben können. Das Gebäude gehörte ursprünglich der auf Luxusimmobilien spezialisierten Immobilienfirma Monteverde, die 2010 Konkurs angemeldet hatte.

Auch in Barcelona hat am Dienstag eine Hausbesetzung fünf obdachlosen Familien eine neue Wohnung verschafft, die ihre bisherige Bleibe aufgrund von durch Banken veranlaßte Zwangsräumungen verloren hatten. Unterstützt werden sie in dem armen Viertel Nou Barris von mehr als 300 Empörten. Die Plattform der Hypothekenopfer (PAH) erklärte dazu: »Es gibt Millionen leere Häuser, doch sie ersticken uns mit Hypotheken und Mieten. Die Wohnung muß ein öffentliches Gut sein«.“

Aus Berlin kommt folgende Meldung, die weitergeleitet werden soll:

Vom 2. bis 7.11.2011 veranstaltet das Theater Hebbel am Ufer das Programm: CONFLICT ALT ESC – News aus Bagdad, Beirut, Jaffa und Kairo

Kurztext Programm

Gerade ist die Aufmerksamkeit für die Revolution in Kairo geringer geworden. Die Euro-Krise hat alles verdrängt, wir sind zum Alltag übergegangen. Mubarak ist nicht mehr an der Macht, aber die Herrschaftsstrukturen haben sich nicht wirklich verändert. Auch in Madrid und London hat es Aufstände gegeben: Während in London zunächst nur vom „Mob“ die Rede war, hat sich langsam ein anderer Blick darauf entwickelt, und plötzlich verweisen die Aufstände auf den Hintergrund einer übergreifend verlorenen Generation.

Eröffnet wird das Programm „Conflict Alt Esc“ mit der Inszenierung „Irakese Geesten/Irakische Geister“ von Mokhallad Rasem (2. und 3. Nov.). „Without the war I could not be in this show. Thanks to the war. Without the war I could not make you applaud in the end…thanks to the war.” 2006 kommt Mokhallad Rasem von Bagdad nach Brüssel. Im Gepäck hat er den Krieg, das Trauma und die Knarre Theater.

Ebenfalls am Eröffnungsabend wird der ägyptische Regisseur Tamer el Said kleine Ausschnitte aus seinem gerade entstehenden Film „In the Last Days of the City“ zeigen. 2006 begann er daran zu arbeiten, gegen Ende der Dreharbeiten, Anfang 2011, wurde die Utopie/Apokalypse des Films wahr. Im Artist Talk mit Tamer El Said und in der Präsentation des von ihm ausgewählten Filmes „Afaq“ (Infos zum Film demnächst online) von Shadi Abdel Salam (1970) geht es um das Verhältnis von Künstler und Staat.

Im Jahre 2006 kam die Premiere von Rabih Mroués „Who’s Afraid of Representation?“ beim Context-Festival im HAU heraus. Seither war die Arbeit viel auf Tour und hat sich dabei sehr verändert. Mroué ist fasziniert von den Werken westlicher Body Art und ihren Selbstverletzungen, aber in der libanesischen Gesellschaft treffen sie auf einen völlig anderen Zusammenhang (am 3. und 4. Nov.).

Laila Soliman ist eine junge Regisseurin aus Kairo, die als Dramaturgin an Stefan Kaegis „Radio Muezzin“ mitgearbeitet hat. Jetzt hat sie, schnell und rau, eine dokumentarische Serie zu den Ereignissen auf dem Tahir Platz zusammengestellt. Soliman lässt in No Time for Art“ (am 4. und 5. Nov.) vor allem hören:  Notizen aus Tagebüchern, persönliche Berichte und ein Märtyrer-Body-Count hat sie verdichtet zu einem eigenen Prozess.

„Emergency as Routine“ ist der Titel eines Film- und Literaturprogramms am 5. November, das Irit Neidhardt zusammengestellt hat. In den letzten Jahren hat sich in der arabischen Welt eine Künstlergeneration etabliert, die in die Krisen der Region hineingeboren wurde. In ihren Arbeiten befasst sie sich mit Notlagen, die weder Anfang noch Ende haben sowie mit der Surrealität ihrer Realität. Mit großer Liebe zu ihren Figuren, stoßen sie einen anhaltenden stummen Schrei aus. Emergency as Routine: Filmvorführungen von „Port of Memory“ (Kamal Aljafari) und „Everyday is a Holiday“ (Dima El-Horr), Lesung aus „Der Schlafräuber. Gharib Haifawi“ von Ibtisam Azem sowie eine Podiumsdiskussion mit den drei KünstlerInnen, die das Programm aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet.

„I like London and Kairo: Facebook Revolten“ ist Titel eines Gesprächs, in dem am 7. November Chalid Al-Chamissi, Elias Koury und James Miller diskutieren werden, ob die Aufstände in der arabischen Welt und in Westeuropa nicht doch mehr miteinander zu tun haben als man auf den ersten Blick glaubt.

(„Conflict Alt Esc“ wird gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung und das Goethe-Institut)

Anonymouslogo. Photo: gulli.com

Kommentare (5)

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  1. Die taz „bewegungs.de“-Abteilung schreibt soeben – völlig enthusiasmiert:

    Liebe Aktive,

    so etwas hat es seit den Sechzigern nicht mehr gegeben. Inspiriert von den #occupywallstreet-Protesten in New York entwickelt sich eine neue globale Bewegung. Vom Tahrir-Platz über Madrid und New York hat sich der Wunsch nach mehr Demokratie inzwischen über alle Kontinente verbreitet. Am 15 Oktober sind in über 1000 Städten, in mehr als 80 Ländern, Menschen auf die Strasse gegangen, um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen.
    „Wir sind die 99%“, so lautet der Slogan der Bewegung und er vereint die Forderung nach echter Demokratie mit der Kritik an den Banken und dem Finanzsystem. Wir sind gespannt wie es weitergeht.

    – Occupy-Proteste am Samstag, 22.Oktober
    – Das Blog aus dem Camp von #occupyFrankfurt
    – Castor Strecken-Aktionstag 2011
    – Ich bin doch kein Atom-Bürger!
    – ?Biosprit? – Aufruf der Wissenschaftler
    – Das Online-Manifest für ein anderes Europa
    – Aktionstag – Die Isolation durchbrechen 22.10. in Erfurt

    – Occupy-Proteste am Samstag, 22.Oktober
    Auch an diesem Samstag wird wieder bundesweit protestiert. Anlass ist der EU-Gipfel in Brüssel am Tag darauf, bei dem ein neues Bankenrettungspaket geschnürt werden soll. Bisher sind Aktionen in 19 Städten bekannt, es kommen aber fortlaufend neue Orte dazu – Termine und mehr:
    http://bit.ly/npqM4A

    – Das Blog aus dem Camp von #occupyFrankfurt
    Hierzulande ist der besetzte Rathenauplatz in Frankfurt das Zentrum der Proteste. Mitten im Banken- und Börsenviertel gelegen und direkt vor der Europäischen Zentralbank, hat sich ein Camp nach dem Vorbild der spanischen „acampadas“ gebildet. Unser Reporter vor Ort ist Jannis Hagmann – er berichtet täglich hier im Blog:
    http://bit.ly/niihX7

  2. EINLADUNG:

    Wir laden Sie herzlich zu einem Abend mit dem Russland-Kenner und Journalisten Ernst von Waldenfels ein. Nach langjährigen Recherchen stellt von Waldenfels sein neues Buch, „Nikolai Roerich: Kunst, Macht und Okkultismus“ vor.

    Die Veranstaltung findet am Donnerstag, den 27. Oktober um 21 Uhr in der Schankwirtschaft Rumbalotte continua, Metzer Strasse 9, 10405 Berlin statt. Der Eintritt ist frei.

    Ernst von Waldenfels, geboren 1963, lebt als freier Journalist, Russland-Experte, Übersetzer und Reiseveranstalter in Ulan Bator, Mongolei. Er schrieb „Der Spion, der aus Deutschland kam. Das geheime Leben des Seemanns Richard Krebs“.

    Das geheimnisvolle Leben des Nikolai Roerich.
    Erste kritische Biografie in Deutschland

    Waldenfels‘ Biografie bringt erstmals Licht in das Dunkel eines geheimnisvollen Lebens. Sie beruht auf langjährigen Recherchen, die ihn in die Archive von Amherst, Washington, New York, Delhi, St. Petersburg, Berlin und Ulan Bator sowie an die wichtigsten Wohnorte von Nikolai Roerich in Indien, Russland und den USA geführt haben. Diese ist die erste kritische Roerich-Biografie in deutscher Sprache.

    Die Biografie erschien am 26. September 2011 im Osburg Verlag.

    Ernst von Waldenfels
    Nikolai Roerich – Maler, Magier, Abenteurer
    Sachbuch
    460 Seiten
    Gebunden
    Preis: € 26,90[D], € 27,70 [A], SFr 39,90
    ISBN: 978-3-940731-71-5

    Im vorrevolutionären Russland war der 1874 geborene Maler einer der einflussreichsten Männer im Kunstbetrieb St. Petersburgs. 1920 tauchte er in New York auf, schuf eine eigene mystische Lehre und scharte einen Kreis von wohlhabenden Jüngern um sich, die ihm eine Expedition nach Tibet finanzierten, um nach den „Mahatmas“, den heimlichen Herrschern der Welt zu suchen. Der Landwirtschaftsminister und spätere Vizepräsident der USA wurde sein Jünger; Präsident Roosevelt selbst ließ sich von den Mahatmas, mit denen Nikolai Roerich in telepathischem Kontakt stand, in politischen Fragen beraten. Bis heute glauben hunderttausende in aller Welt an Roerichs mystische Lehre Agni Yoga.

    Herzliche Grüße,

    Caitlin Hahn

    Schwindkommunikation
    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

    Hinzugefügt sei hier noch:

    Was Nikolai Roerich und seine Frau mittels Telepathie und Theosophie versuchten – Kontakt mit den buddhistischen Weisen in Shambala zu bekommen, unternimmt die anarchistische Mannschaft des Luftschiffs „Inconvenience“ in Thomas Pynchons Roman Gegen den Tag“ mit Hilfe der Göttinger Mathematik von Hilber, Riemann und Kowalewskaja.

    Waldenfels‘ schreibt in seiner Biographie über Nikolai Roerich, dass dieser seine erste Expedition durch die Äußere Mongolei – auf der Suche nach „Shambala“ – mit Unterstützung der sowjetischen Staatssicherheit durchführte. Der KGB (der damals noch GPU hieß) reichte Roerich sozusagen „Buddhas kleinen Finger“.

    So heißt auch ein Roman von Viktor Pelewin, in dem es um eine Dekonstruktion des legendären roten Partisanenführers Tschapajew sowie seines Politkommissars und Biographen Dimitri Furmanow geht. In der deutschen Übersetzung des Pelewin-Romans „Buddhas kleiner Finger“ wurde ein Vortrag beigefügt, den Viktor Pelewin 1998 im Centre Pompidou gehalten hatte. Der Vortragende ging der Frage nach: „Wer war Wassili Tschapajew? Oder: Der Mythos vom Feldkommandeur“.

    Die FAZ schrieb in einer Rezension des Romans 1999:

    Einen Roman über ihn schrieb Dimitri Furmanow, Tschapajews Politkommissar. Er setzte dem Mann, unter dem er litt, weil seine Ehefrau mit dem Feldkommandeur ein Verhältnis hatte, ein Denkmal im Stil des sozialistischen Realismus. Der zweite Roman über Tschapajew trägt den Titel „Buddhas kleiner Finger“. Pelewin dreht das Verhältnis von Geschichte und mythologischer Figur um. Er zieht den mythologischen Schleier vor Tschapajew beiseite, nicht um einen säbelschwingenden Grobian zu zeigen, sondern einen buddhistischen Meister.

    Man sollte das Nachwort als ein Vorwort lesen. Tschapajew war ein Feldkommandeur der Roten Armee, der später dank der unzähligen Witze, die über ihn und seinen Gehilfen Petka kursierten, berühmt wurde.

    Beide machten sich auf einen Trip durch die Innere Mongolei, die in den Augen Lenins nur eine innere Mogelei gewesen wäre.

    (…) So endet ein Roman, der es mit der Geschichte der Sowjetunion aufnehmen möchte. Aber mit der Geschichte ist das so eine Sache. Petka meint sogar: „Das Gedächtnis will uns glauben machen, daß das Gestern wirklich war, doch woher soll man wissen, ob das Gedächtnis insgesamt nicht erst entstand im ersten Morgensonnenstrahl?“ Petka weiß zwar auch nicht, wie man einen solchen Satz verstehen soll, aber eines weiß er sicher, daß ein solcher Satz mit Politik nichts zu schaffen hat. Wenn man also einen Roman über die Sowjetunion schreiben möchte, dann muß man nicht unbedingt einen historischen Roman schreiben. Man kann eben auch einen Roman darüber schreiben, was es heißt, die materialistischen Grundlagen des Weltverständnisses zu verlassen und draufloszumarschieren bis an den Rand des buddhistischen Nichts.

    Die nachleninschen Materialisten halten es mit Ernst Mach, dem Lenin schlampiges Denken vorwarf. „Was berechtigt uns aber“, so schreibt Mach in der „Analyse der Empfindungen“, „eine Tatsache der andern gegenüber für Wirklichkeit zu erklären und die andere zum Schein herabzudrücken? . . . Die Tatsachen sind daran unschuldig. Es hat nur einen praktischen, aber keinen wissenschaftlichen Sinn, in diesen Fällen von Schein zu sprechen. Ebenso hat die oft gestellte Frage, ob die Welt wirklich ist oder ob wir sie bloß träumen, gar keinen wissenschaftlichen Sinn. Auch der wüsteste Traum ist eine Tatsache, so gut als jede andere.“ Diese Worte konnten Lenin in Rage bringen. Denn mit einer solchen Einstellung der Wirklichkeit gegenüber konnte man einer Revolution nicht die Weihen der historischen Notwendigkeit verleihen.

    Viktor Pelewin geht einen Schritt weiter. Tschapajew war nicht nur ein großer Held, er war größer als angenommen. Er war ein Soldat im Feld, aber er war auch ein Feldkommandeur der Inneren Mongolei. Vielleicht war er sogar nicht der einzige, der in der Inneren Mongolei lebte, während er durch die Sowjetunion zog. (…)

    So weit die FAZ-Rezension, angemerkt sei hier noch.

    Nikolai Roerichs zweite – antileninistische – Expedition in die Innere Mongolei finanzierte die US-Regierung.

    Und ferner auch noch dieses Zitat aus dem Nachruf von Peter Berz – auf Deutschlandradio Kultur:

    „Ausgangspunkt von Kittlers Denken war, einen Punkt gegen die Hermeneutik zu finden, gegen das Verstehen, gegen den Sinn. Und er hat dagegen andere Kategorien gesetzt“, sagte Berz. An die Stelle der Semantik seien bei Kittler Analysen von symbolischen und medialen Prozessen getreten.

  3. Zum obigen Satz „Rockmusik sei ‚Mißbrauch von Heeresgerät'“:

    Kittlers Satz vom Mißbrauch wird ausführlich in seinem Buch Grammophon Film Typewriter (GFT) illustriert. „Um die Weltgeschichte abzulösen“, schreibt Kittler dort, produzierte das Mediensystem in drei Phasen. Phase 1, seit dem amerikanischen Bürgerkrieg, entwickelte Speichertechniken für Akustik, Optik und Schrift: Film, Grammophon und das Mensch-Maschinesystem Typewriter. Phase 2, seit dem Ersten Weltkrieg, entwickelte für sämtliche Speichermedien die sachgerechten Übertragungstechniken: Radio, Fernsehn und ihre geheimeren Zwillinge. Phase 3, seit dem Zweiten Weltkrieg, überführte das Blockschaltbild einer Schreibmaschine in die Technik von Berechenbarkeit überhaupt. (GFT: 352)

    Will heißen: Phase drei, Weltkrieg Zwei, brachte uns die Computertechnik ein. Zwar wurde, wie Kittler zugibt, das technische Gerät zur Übertragung von Radiowellen 1903 von dem Berliner TU-Professor Adolf Slaby, unter Verwendung des Lichtbogensenders von Valdemar Poulsen, entwickelt, und die erste „Radiosendung“ 1906 von Reginald A. Fessenden von der University of Pennsylvania an all die wenigen drahtlosen Schiffstelegraphen der Welt gesendet, es mußte aber, so Friedrich Kittler, „erst noch ein Weltkrieg, der Erste, ausbrechen, um Poulsens Lichtbogensender auf Liebens oder de-Forests Röhrentechnik und Fessendens Experimentalanordnung auf Massenproduktion umzustellen.“ (GFT: 148) Was wahrscheinlich so viel heißen soll, wie, daß die Radiotechnik ohne den Ersten Weltkrieg in den Kellern von Universitäten eingestaubt wäre.

    Denn, so geht das Argument, in den Jahren 1914-18, in denen die Entwicklung von Verstärkerröhren höchste Dringlichkeitsstufen erhielt – die beiden neuen Waffengattungen Kampfflugzeug und U-Boot setzten drahtlose Kommunikation vorraus – wuchsen die Funkertruppen (von ca. 6.000 auf ca 190.000 Mann) exponentiell an (Vgl. GFT: 148f). So daß sich irgendwann, in der Ödnis eines zähen Stellungskrieges irgendwo in den Ardennen, neue Möglichkeiten der Unterhaltung erschließen ließen:

    Schützengrabenbesatzungen hatten zwar kein Radio, aber „Heeresfunkgeräte“. Vom Mai 1917 an konnte Dr. Hans Bredow, vor dem Krieg AEG-Ingenieur und nach dem Krieg erster Staatssekretär des deutschen Rundfunks, „mit einem primitiven Röhrensender ein Rundfunkprogramm ausstrahlen, bei dem Schallplatten abgespielt und Zeitungsartikel vorgelesen wurden. Der Gesamterfolg war jedoch dahin, als eine höhere Kommandostelle davon erfuhr und den >Mißbrauch von Heeresgerät< und damit jede weitere Übertragung von Musik und Wortsendungen verbot." (GFT: 149)

    Genau in der von ihm zitierten Wendung aus dem Funkspruch einer "höheren Kommandostelle" findet Kittler den Anstoß zur Formulierung seiner allgemeinen These "Unterhaltungsindustrie ist in jedem Wortsinn Mißbrauch von Heeresgerät" (GFT: 149) und belegt diese für den Ersten Weltkrieg anhand der bürgerlichen Karriere von Kriegsfunkgeräten und deren übriggebliebenem Bedienungspersonal.

    Die Inspektion der Technischen Abteilung der Nachrichtengruppe (Itenach) […] gründete eine Zentralfunkleitung (ZFL), die am 25. November [1918] vom Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin auch Funkbetriebserlaubnis empfing. Ein "Funkerspuk", der die Weimarer Republik im technischen Keim erstickt hätte und darum sogleich zum "Gegenangriff" Dr. Bredows führte. Einfach um anarchistischen Mißbrauch von Heersfunkgerät zu verhindern erhielt Deutschland seinen ersten Unterhaltungsfunk. (GFT: 150)

    Kittlers Satz vom Mißbrauch und sein medientheoretisches Produktionsmodell der Kriege besagen, daß es ohne Kriege keine neuen Medien gibt. Allein Kriege besitzen für Kittler die Wucht, einen medialen Innovationsschub anzustoßen. Für die (Massen-) Entwicklung des Computers also mußte nach Kittler erst noch ein Weltkrieg, der Zweite, ausbrechen.

    Thomas Goldstrasz und Henrik Pantle auf:
    http://waste.informatik.hu-berlin.de/Diplom/ww2/kittlerthese.html

  4. „Die Zeit“ schreibt in ihrem Nachruf auf Friedrich Kittler:

    In seinem Buch „Grammophon Film Typewriter“ heißt es, dass die Medien meist Kinder des Krieges sind. Ursprünglich militärisch verwendet, werden sie irgendwann in entschärfter Form für Amüsement und Kommunikation unters Volk gebracht. Damit aber wird der Krieg in den Alltag getragen und der Mensch auf den nächsten vorbereitet.

    Der Medienphilosoph Paul Virilio hat das ähnlich gesehen, und mit seinem französischen Kollegen teilt Kittler auch die Lust an der Polemik: »Radio, dieser erste Missbrauch«, habe vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg geführt, und Rockmusik werde vom Zweiten zum Dritten Weltkrieg führen.

    Auch die Computertechnologie ist nach Kittler alles andere als harmlos. Schon 1986 ist er sich vollkommen darüber im Klaren, dass der Computer alle anderen Medien schlucken wird. Problematisch erscheint ihm vor allem, dass der Computer alles in den binären Code von Nullen und Einsen umsetzt, in die Formel eines Ja/Nein. Das aber sei genau die Form des Kommandos, »die Sprache der oberen Führung«.

    In der Süddeutschen Zeitung heißt es im Nachruf auf ihn:

    Im Marbacher Literaturarchiv steht ein primitiver Synthesizer, den Friedrich Kittler in den siebziger Jahren baute, vermutlich weniger aus Begeisterung für die elektronische Musik als vielmehr in einem Akt der Teilhabe am letzten Kapitel der Menschheit, so wie er es sah. Denn „zu sich selbst“, wie der alte Hegel gesagt hätte, kam dieser Apparat in einer Theorie, die Friedrich Kittler zu einem Song der englischen Popgruppe „Pink Floyd“ formulierte.

    Denn diese hatte in den späten sechziger Jahren ein System von Verstärkern, Lautsprechern und Lichteffekten entwickelt, das den räumlichen Abstand zwischen der Musik und den Hörern auslöschte, das Konzert in den Köpfen des Publikums stattfinden ließ und in nicht wenigen von ihnen dauerhafte Verwirrung auslöste. „There’s someone in my head but not me“, lautet die Zeile aus dem Song „Brain Damage“ (1973), die Friedrich Kittler als Bestätigung seiner Medientheorie begriff: „Der Kopf, nicht bloß als metaphorischer Sitz eines sogenannten Denkens, sondern als faktische Nervenschaltstelle, wird eins mit dem, was an Information ankommt.“ Am Ende aller Schaltungen aber warteten die Raketen aus Thomas Pynchons „Gravity’s Rainbow“, wartete der totale Krieg. Der Satz, Rockmusik sei „Missbrauch von Heeresgerät“, wurde ein Hit.

    „Der Spiegel“ schreibt über Kittler:

    Ende 2010 überließ er seinen Nachlass dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach…Mit 33 Jahren habe er in seinem Zettelkasten die Themen angesehen, über die er noch schreiben wolle, erzählte Kittler anlässlich der Übergabe seines Nachlasses. Zuletzt waren „Musik und Mathematik“, sowie die „Liebe“ Gegenstände, mit denen er sich befasste. Aber seine Prognose bewahrheitete sich dennoch: „Dieses Leben reicht dafür nicht.“

  5. Slavoj Zizeks Rede in New York zu den „Occupy Wall Street“-Aktivisten über deren „Human Microphone“:

    Don’t fall in love with yourselves

    They are saying we are all losers, but the true losers are down there on Wall Street. They were bailed out by billions of our money. We are called socialists, but here there is always socialism for the rich. They say we don’t respect private property, but in the 2008 financial crash-down more hard-earned private property was destroyed than if all of us here were to be destroying it night and day for weeks. They tell you we are dreamers. The true dreamers are those who think things can go on indefinitely the way they are. We are not dreamers. We are the awakening from a dream that is turning into a nightmare.

    We are not destroying anything. We are only witnessing how the system is destroying itself. We all know the classic scene from cartoons. The cat reaches a precipice but it goes on walking, ignoring the fact that there is nothing beneath this ground. Only when it looks down and notices it, it falls down. This is what we are doing here. We are telling the guys there on Wall Street, „Hey, look down!“

    In mid-April 2011, the Chinese government prohibited on TV, films, and novels all stories that contain alternate reality or time travel. This is a good sign for China. These people still dream about alternatives, so you have to prohibit this dreaming. Here, we don’t need a prohibition because the ruling system has even oppressed our capacity to dream. Look at the movies that we see all the time. It’s easy to imagine the end of the world. An asteroid destroying all life and so on. But you cannot imagine the end of capitalism.

    So what are we doing here? Let me tell you a wonderful, old joke from Communist times. A guy was sent from East Germany to work in Siberia. He knew his mail would be read by censors, so he told his friends: “Let’s establish a code. If a letter you get from me is written in blue ink, it is true what I say. If it is written in red ink, it is false.” After a month, his friends get the first letter. Everything is in blue. It says, this letter: “Everything is wonderful here. Stores are full of good food. Movie theatres show good films from the west. Apartments are large and luxurious. The only thing you cannot buy is red ink.” This is how we live. We have all the freedoms we want. But what we are missing is red ink: the language to articulate our non-freedom. The way we are taught to speak about freedom— war on terror and so on—falsifies freedom. And this is what you are doing here. You are giving all of us red ink.

    There is a danger. Don’t fall in love with yourselves. We have a nice time here. But remember, carnivals come cheap. What matters is the day after, when we will have to return to normal lives. Will there be any changes then? I don’t want you to remember these days, you know, like “Oh. we were young and it was beautiful.” Remember that our basic message is “We are allowed to think about alternatives.” If the rule is broken, we do not live in the best possible world. But there is a long road ahead. There are truly difficult questions that confront us. We know what we do not want. But what do we want? What social organization can replace capitalism? What type of new leaders do we want?

    Remember. The problem is not corruption or greed. The problem is the system. It forces you to be corrupt. Beware not only of the enemies, but also of false friends who are already working to dilute this process. In the same way you get coffee without caffeine, beer without alcohol, ice cream without fat, they will try to make this into a harmless, moral protest. A decaffienated process. But the reason we are here is that we have had enough of a world where, to recycle Coke cans, to give a couple of dollars for charity, or to buy a Starbucks cappuccino where 1% goes to third world starving children is enough to make us feel good. After outsourcing work and torture, after marriage agencies are now outsourcing our love life, we can see that for a long time, we allow our political engagement also to be outsourced. We want it back.

    We are not Communists if Communism means a system which collapsed in 1990. Remember that today those Communists are the most efficient, ruthless Capitalists. In China today, we have Capitalism which is even more dynamic than your American Capitalism, but doesn’t need democracy. Which means when you criticize Capitalism, don’t allow yourself to be blackmailed that you are against democracy. The marriage between democracy and Capitalism is over. The change is possible.

    What do we perceive today as possible? Just follow the media. On the one hand, in technology and sexuality, everything seems to be possible. You can travel to the moon, you can become immortal by biogenetics, you can have sex with animals or whatever, but look at the field of society and economy. There, almost everything is considered impossible. You want to raise taxes by little bit for the rich. They tell you it’s impossible. We lose competitivity. You want more money for health care, they tell you, „Impossible, this means totalitarian state.“ There’s something wrong in the world, where you are promised to be immortal but cannot spend a little bit more for healthcare. Maybe we need to set our priorities straight here. We don’t want higher standard of living. We want a better standard of living. The only sense in which we are Communists is that we care for the commons. The commons of nature. The commons of privatized by intellectual property. The commons of biogenetics. For this, and only for this, we should fight.

    Communism failed absolutely, but the problems of the commons are here. They are telling you we are not American here. But the conservatives fundamentalists who claim they really are American have to be reminded of something: What is Christianity? It’s the holy spirit. What is the holy spirit? It’s an egalitarian community of believers who are linked by love for each other, and who only have their own freedom and responsibility to do it. In this sense, the holy spirit is here now. And down there on Wall Street, there are pagans who are worshipping blasphemous idols. So all we need is patience. The only thing I’m afraid of is that we will someday just go home and then we will meet once a year, drinking beer, and nostaligically remembering “What a nice time we had here.” Promise yourselves that this will not be the case. We know that people often desire something but do not really want it. Don’t be afraid to really want what you desire. Thank you very much.

    — END OF TRANSCRIPT —

    Astra Taylor made the documentaries Zizek! and An Examined Life. (She also happens to be married to Jeff Mangum, who performed earlier in the week for the protestors.) Aus: http://www.imposemagazine.com/bytes/slavoj-zizek-at-occupy-wall-street-transcript