https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/Samuel_Zeller_Fallback.png

vonHelmut Höge 05.12.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Gorleben – Pfeffersprayeinsatz

 

Pogrom vs. Integration

Statt sich anläßlich des Jubiläums „50 Jahre Gastarbeiter“ eventmäßig für mehr Fremdenfreundlichkeit zu verausgaben, hätte man besser daran getan, die deutsche Mittelschicht, also quasi sich selbst, zum Thema zu machen, denn der derzeit um sich greifende Sarrazinismus – als pseudointellektuelle Speerspitze des Ausländerhasses – ist ein Resultat ihrer „Fear of Falling“, wie die US-Soziologin Barbara Ehrenreich die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg nennt.

Der niederländische Autor Geert Mak hat in einem Essay über „Den Mord an Theo van Gogh“ die Geschichte dieser „moralischen Panik“ nachgezeichnet – u.a. am Beispiel des einst „roten“  Amsterdamer Stadtteils Betondorp, wo 1994 plötzlich ein Fünftel der Wähler die Rechtsextremen wählte. Über diese „Insel der Seligen“ – mit „Gärten vor und hinter den Häusern, guten Schulen, viel Grün und frischer Luft –  schrieb die Stadtteilzeitung: „Früher waren die Betondorper im Vorteil, weil sie wußten, wie ihre Zukunft aussehen würde. Heute wissen wir nur noch, wie die Vergangenheit aussah“.

Dieser sich dehnende Moment, da man von den Zukunftsperspektiven in die Vergangenheitsbetrachtung rübergleitet, produziert Ressentiment. In Betondorp lebten so gut wie keine Migranten, nur vier marokkanische Familien, dennoch machten große Teile der Betondorper die „Ausländer- und Integrationsproblematik“, die Absage an  „Multikulti“, zum Hauptthema der Politik, die sie sich wünschten.  Und dies geschieht derzeit nahezu überall in den Mittelschichten. Der Soziologe Amitai Etzioni wurde kürzlich gefragt: „Sind wir in ein Zeitalter der Unsicherheit eingetreten, sowohl wirtschaftlich als auch politisch?“ Er antwortete: „Ja, absolut. Ich gehöre einer Generation an, die daran gewöhnt war, dass es jedes Jahr besser wird. Die Menschen gingen davon aus, dass es in der nächsten Dekade besser sein wird als in der vorangegangenen, mit mehr Lohn, reichhaltigeren Dienstleistungen, mehr Spaß, mehr Unterhaltung. Das ist vorbei. Es ist sehr schwer, ein Urteil darüber zu fällen, wenn man keine minimalen Ziele mehr kennen kann. Es ist wie ein plötzlicher Tod.“

Die Ostberliner taz-Autorin Jana Simon veröffentlichte kürzlich einen Bericht über ihren jüngsten Amerika-Aufenthalt, dabei kam sie kurz auf eine frühere US-Reise zu sprechen: 1993 hatte sie dort bereits „Armut, krasse soziale Unterschiede, Kriminalität“ gesehen, „aber auch einen unglaublichen Optimismus, eine arglose Zukunftsgläubigkeit. Nie werde ich vergessen, wie wir bei den Eltern einer Freundin in St. Pauls, North Carolina, auf dem Fußboden saßen, im Hintergrund ratterte der Kühlschrank. Der Vater unserer Freundin präsentierte uns die Eiswürfel, die das Gerät fabrizierte, und zeigte uns glitzernde Fischköder aus Plastik, die er gerade gekauft hatte. Das Bild ist in meinem Gedächtnis eingefroren: Eine zufriedene Mittelschicht genießt den Konsum.“ Nun, in Arizona, erinnerte sie zwar vieles an damals – „eine Stadt der Mittelschicht. Nur dass mir meine Gesprächspartner nicht mehr stolz ihre Fischköder präsentieren, sondern darüber reden, was sie alles verloren haben, wie schlecht es ihnen und dem Land geht und wie schlimm es noch werden wird. Schuld sind in ihren Augen die anderen: die Immigranten, die sozial Schwachen…“

Der Journalist Patrick Bauer ging in den Achtzigerjahren auf eine Kreuzberger Grundschule, rechtzeitig zum Gastarbeiter-Jubiläumsjahr suchte er seine ehemaligen Mitschüler auf, um sie nach ihrem Leben zu befragen. Seine Interviews  sind nun als Buch erschienen: „Die Parallelklasse. Ahmed, ich und die anderen. Die Lüge von der Chancengleichheit“. Einer erzählte dem Autor, dass er während der Grundschulzeit in Kreuzberg eine gute Zeit hatte.  „Es fing erst auf dem Gymnasium an, dass ich der Türke war“. Ein anderer meint, dass sich die Türken und die Deutschen früher ähnlicher waren: Es sind die Deutschen, die sich deintegriert haben – spätestens seit der Wiedervereinigung und dem Ende der „Arbeitsgesellschaft“. Diese „Deintegration“ ist besonders in Kreuzberg spürbar, wo die Berliner Bohème quasi zu Hause ist, die sich inzwischen fast flächendeckend zu Sarrazinisten gewandelt hat. Das sei kein Wunder, sagt der Soziologe Rolf Lindner, „die Bohème wurde schon immer im Alter reaktionär“. Die Bohème gehört zur Mittelschicht, lehnt jedoch deren Alterssicherheitsmaßnahmen ab – und fühlt sich deswegen mit zunehmendem Siechtum ins soziale Aus gedrängt und gedemütigt. In Kreuzberg wird sie gerade komplett von der nächsten studentischen Generation weggentrifiziert.

Als sie noch selbst studentisch war – in den Sechzigerjahren, hatte sie sich zunächst links und rechts des Kurfürstendamms angesiedelt, wo seit dem Mauerbau 1961 viele große Wohnungen leer standen. In den Siebzigerjahren wurden diese Wohnungen jedoch langsam wieder von ihren Besitzern mit Beschlag belegt, so daß die Scene sich nach Schöneberg und Kreuzberg verlagerte. Gleichzeitig zogen aber auch immer mehr türkische Gastarbeiter, die bis dahin in Wohnheimen untergekommen waren, in diese stark heruntergekommenen Bezirke.

Ende der Siebzigerjahre hatte sich die „Politisierung“ der Studenten derart auf einige Aspekte des Alltags – nämlich der „behutsamen Stadterneuerung unter ökologischem Vorzeichen“ – beschränkt, dass sie in Kreuzberg mit den Türken aneinander gerieten. In diesen sahen sie bald nur noch „Stoßtrupps der Hausbesitzer“ – zum endgültigen Herunterwohnen der letzten Altbausubstanz. 1980 schrieb die damals noch linke Scene-Zeitung Zitty: „In einem Türkenghetto entscheiden nur noch Justiz und Polizei…Türken raus? Warum nicht. Zumindest einige. Es sei denn, man will den Stadtteil sterben lassen“. Viele Türken ließen nach und nach ihre Familien nachkommen, was die Kreuzberger Bezirksregierung mehrmals mit „Zuzugssperren“ zu verhindern suchte.

Aber zumindestens die alten Kreuzberger versuchten auch, sich mit den Türken zu verbünden: Man lud sie beispielsweise zum  Weihnachtsfest ein und bemühte sich – mindestens in den Großbetrieben, sie als Arbeitskollegen u.a. gewerkschaftlich mit einzubeziehen. In den Schulen entstanden deutsch-türkische Freundschaften, die bis heute halten. Alte Gewerkschafter erinnern sich: „Die meisten türkischen Betriebsräte, die sich  durchweg sehr kämpferisch gaben, waren früher kurdische Maoisten.“ Andere, wie z.B. eine Kreuzberger Sozialarbeiterin, behaupten: „Es waren die Türken, die als erste die ganzen Grünflächen, die man nicht betreten durfte, einfach benutzt haben. Wir Deutsche haben es ihnen dann nachgemacht. Und schon bald war das kein Thema mehr.“

Bis der Touristenboom einsetzte war es auch kein Thema, dass nahezu die gesamte Infrastruktur in Kreuzberg und Neukölln von Türken und Arabern aufgebaut wurde, die nach der Wende als erste von den Betrieben in Westberlin entlassen worden waren, die Deutschen traten hier bald nur noch als Parasiten in Erscheinung.

Erst mit den Touristen und einer ihnen sich anpassende Infrastruktur änderte sich das wieder – und prompt argumentieren die davon nicht profitierenden Altbohèmiens sarrazinistisch: „Das muß man doch mal sagen dürfen!“ ist dabei zu einem Kreuzberg-Slogan geworden.

Neulich verstieg sich eine Neuköllner „Feministin“ sogar zu der Behauptung: „Mein Freund ist Gynäkologe an der Charité, der hat mir erzählt, dass die Türkinnen alle fünf Kinder kriegen, behinderte, nur damit sie 300 Euro monatlich pro Kind kassieren können.“

Für die Türken ist eher das Gegenteil von Integration angesagt: So hat z.B. die taz-Redakteurin Cigdem Akyol von den rassistischen Anmachen auf der Straße dermaßen die Schnauze voll, dass sie lieber heute als morgen ins Ausland gehen möchte.

Die meisten Türken verlassen jedoch unfreiwillig Kreuzberg/Neukölln: sie werden in die Hochhausviertel von Spandau weggentrifiziert, die zu sozialschwachen Deutschen weichen stattdessen nach Marzahn aus. Dort entstehen jetzt die neuen „Problemviertel“, wie Spandauer und Marzahner Lokalpolitiker befürchten.

 

Via Internet erreichte uns ein Artikel von Thomas Pany:

Die hiesigen Regierenden haben Angst vor Ausschreitungen und sozialen Unruhen

Das britische Außenministerium hat seine Diplomaten dazu angehalten, sich auf einen möglichen Euro-Kollaps einzustellen und dabei auch die Wahrscheinlichkeit von Unruhen mit einzubeziehen.

Wenn es stimmt, was Familienangehörige, Freunde und Bekannte erzählen, dann gibt es in Deutschland unzählige Personen, die nachts kaum mehr schlafen, weil sie an den Euro denken. Dann sind tausende Keller bis obenhin mit Vorräten gefüllt, die zwei Monate reichen müssen, dann hätten Diebe momentan die allerbesten Aussichten in Wohnungen auf riesige Mengen Bargeld zu stoßen, wenn sie – wie in doch längst veralteten Geschichten – in Schubladen, unter Matrazen und in alten Kaffeedosen suchen. Vielleicht finden sie sogar Gold wie im Märchen.

Dass die Angst, die in den Büro-, Flur- und Mittagspausenerzählungen weitergereicht wird, durchaus ernst zu nehmen ist, merkt man spätestens dann, wenn die Mütter am Telefon kaum mehr über ihre Kinder reden, sondern fast nur mehr über Euro-Kollaps-Gegenmaßnahmen – und anschließend die Sparguthaben überprüft werden..

Wenn stimmt, was die britische Zeitung Telegraph berichtet, dann liegen die Pläne für Gegenmaßnahmen zum Eurogeddon schon nicht mehr in den Schubläden der Ministerien, sondern auf dem Schreibtisch. Ein ranghoher Minister soll der Zeitung verraten haben, dass die Regierung davon ausgeht, dass der Währungszusammenbruch nur mehr eine Frage der Zeit sei. Dass sich Merkel, Sarkozy und Monti gegen das Unausweichliche noch wehren – umso besser, sagt der Minister, so habe man mehr Zeit für die Vorbereitungen:

„It’s in our interests that they keep playing for time because that gives us more time to prepare.“

Laut Informationen der Zeitung hätten das Außenministerium und das Commonwealth Office längst Botschaften und Konsulate dahingehend instruiert, dass diese im Notfall Pläne bereit halten, die sich auf extreme Szenarien, namentlich soziale Aufstände und Unruhen, einstellen. Chaotische Reaktionen, „civil disorder“, seien keineswegs auf Griechenland beschränkt. Die britischen Diplomaten sollten darauf vorbereitet sein, dass sie Zehntausenden von britischen Staatsangehörigen, die sich in der Eurozone aufhalten, helfen können, wenn sie nach einem Zusammenbruch des Euros mit Bankomaten außer Betrieb und ohne Zugang zu ihrem Konto zurechtkommen müssen.

Die Finanzmarktaufsichtsbehörde FSA hat die britischen Banken ebenfalls angemahnt, sich auf einen Währungszusammenbruch einzustellen.

In der Berliner Zeitung hat sich Simon Hurtz schon mal des Themas „Pfefferspray“ angenommen, wobei er mit Paprika, Chili und den verschiedenen Pfefferarten beginnt, um sodann zur Aktualität zu kommen:

„Pfefferspray gegen amerikanische Occupy-Demonstranten, Pfefferspray gegen deutsche Castorgegner, Pfefferspray gegen die Jugendproteste in Madrid, Tel Aviv und Santiago de Chile. Das Krisenjahr 2011 ist auch das Jahr des Pfeffersprays.“

„Die Geschichte des Reizgases beginnt mit der Angst vor dem Tier: In den sechziger Jahren schützten sich Postboten mit einem Mix aus Cayennepfeffer und Mineralöl vor übereifrigen Wachhunden, und amerikanische Park-Ranger hielten damit zudringliche Grizzlybären auf Distanz. Aus dem frei verkäuflichen Pfefferspray entwickelte das FBI „waffenfähiges Material“, wie es die New York Times nennt, und Anfang der Neunziger begannen dann Polizisten in aller Welt, das scharfe Zeug einzusetzen.“

„Die Amerikanische Bürgerrechtsunion ACLU hat etliche Todesfälle nach Pfefferspray-Einsätzen recherchiert, allein in Kalifornien starben zwischen 1993 und 1995 26 Menschen. 2003 veröffentlichte das amerikanische Justizministerium eine Studie, die 63 Todesfälle im Zusammenhang mit Pfefferspray dokumentiert. Zwar ließ sich die genaue Todesursache nicht immer mit Sicherheit bestimmen, fest steht aber: Pfefferspray kann töten…Auch für psychisch Kranke ist Pfefferspray gefährlich, in Deutschland hat es in der Vergangenheit mehrere Todesfälle beim Einsatz gegen Menschen im Wahnzustand gegeben.“

„Wenn ein Soldat Pfefferspray einsetzt, verstößt er gegen das Genfer Biowaffenabkommen. Ein deutscher Polizeivollzugsbeamter darf Pfefferspray als Hilfsmittel der körperlichen Gewalt gegen Menschen einsetzen. Was genau er versprüht, ist streng geheim.“

„Zwei Studien aus den Niederlanden haben ergeben, dass an sich harmlose Situationen häufig eskalieren, wenn Pfefferspray eingesetzt wird, und in North Carolina ging die Zahl der Vorfälle von Polizeigewalt um mehr als die Hälfte zurück, nachdem Pfefferspray verboten wurde.“

Nichtsdestotrotz ist das Reizgas beliebt bei Polizei und Behörden. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut, hält es für „ein unerlässliches Mittel“. Rüdiger Reedwisch von der Deutschen Polizeigewerkschaft pflichtet ihm bei: Pfefferspray werde verwendet, um den Einsatz schärferer Mittel zu verhindern und wer sich ordnungsgemäß verhalte, „der kriegt auch nichts ab“.

Möchte man trotzdem auf Nummer sicher gehen und rüstet sich mit einer Skibrille aus, dann droht bis zu einem Jahr Gefängnis. Denn die Brille gilt laut Versammlungsgesetz nicht nur als Vermummung, sondern auch noch als „Schutzwaffe“, also als Gegenstand, der „dazu bestimmt ist, Vollstreckungsmaßnahmen eines Trägers von Hoheitsbefugnissen abzuwehren“.

Der Autor der Berliner Zeitung hat angesichts dieser „Rechtslage“- den Einsatz von Pfefferspray betreffend – nur den Rat parat:

„Wer die Schärfe partout lieber im Essen als im Gesicht haben möchte, macht um Demonstrationen am besten einen großen Bogen.“

…Und geht stattdessen z.B. zum Empfang der Hannah-Arendt-Gesellschaft von und zu Bremen, wo der Orientexperte Navid Kermani den „Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken“ bekommt. Oder er begnügt sich mit den Orientanalysen des deutsch-ägyptischen Politikwissenschaftlers Hamed Abdel-Samad in der FAZ oder der Aufstands-Einschätzung der ägyptischen Schriftstellerin Mansura Eseddin in der NZZ.

Während die vielen jugendlichen Aufständischen dort in Arabien Tränengas, Pfefferspray und Kugeln zu gegenwärtigen haben, werden die wenigen arabisch-iranischen Aufstands-Deuter hier mit Preisen, Ehren und Honoraren überhäuft.

„Was wir bislang gesehen haben, ist die erste Szene in einem langen Theaterstück. Niemand kann vorhersehen, wohin die Reise führt und wie dramatisch die Ereignisse sich entwickeln werden. Diese Revolution hat den versteinerten Boden gepflügt. Nun kommt alles heraus, was unter dem Deckel der Diktatur unterdrückt war: die Kreativität der jungen Menschen, aber auch die versteckten Krankheiten und die unversöhnlichen Ideologien. Wir befinden uns gerade in einem innerägyptischen Kampf der Kulturen, zwischen Militärs und Demokratiebewegung, zwischen Salafisten und Liberalen. Dieser Kampf kann sehr fruchtbar oder auch sehr destruktiv werden. Doch er muss zu Ende geführt werden.“ (Hamed Abdel-Samad)

„Vor einem Wahllokal traf ich einen einfachen Arbeiter in den Fünfzigern, dem die Freude über den bevorstehenden Urnengang ins Gesicht geschrieben stand. Er hatte einige Zettel in der Hand, auf die er die Namen der Kandidaten notiert hatte, für die er stimmen wollte; er sagte mir, dass es das erste Mal sei, dass er wählen gehe. Er wollte weder die Muslimbrüder noch die Salafisten, geschweige denn die in neuen Verbindungen angetretenen Repräsentanten des alten Systems an der Macht sehen, sondern er hatte sich die unbekannten Namen herausgesucht, von denen er eine wirkliche Erneuerung erhoffte. Zur Ernennung des 78-jährigen Mubarak-Parteigängers Kamal al-Ganzuri zum neuen Regierungschef sagte er: «Die machen sich ja nur noch lustig über uns. Wir haben gegen das alte System revoltiert, jetzt setzen sie uns was noch Älteres vor.» (Mansura Eseddin)

 

Kairo-Tahrirplatz – Tränengaseinsatz

 

Könnte es sein, dass das Morgenland seinen eigenen „Anti-Ödipus“  hervorbringt? In dem Sinne, dass dort die (arabischen) Väter ihre Söhne in den Tod schicken, um anschließend die Früchte des Sieges zu ernten? Die Söhne, das ist der männigliche Teil der  „Facebook-Generation“, der um mehr Freiheit kämpft, aber am Schluß nur eine neue Riege alter Säcke an die Macht gebracht hat.

Anti-Ödipus – das heißt bei ihnen auch und zugleich: antigriechisch, antimodernistisch, antiwestlich. Die alten Säcke sind natürlich alle mehr oder weniger Muslimbrüder – und von daher anti-sozial, anti-feministisch – nur an der Befolgung der Koranregeln aller – zu ihrem eigenen Vorteil – interessiert.

Unser Anti-Ödipus beinhaltet eine Schizo-Analyse („Der Schizo weiß aufzubrechen, er macht aus dem Aufbruch so etwas Einfaches wie Geboren-Werden und Sterben“), bei Wikipedia heißt es: „Das Konzept der Schizo-Analyse soll die bei Freud zu findende Vorherrschaft des Ödipusthemas überwinden.“

Aber auch hier und schon zu Sophokles‘ Zeiten war die Wirklichkeit nicht ödipal, sondern anti-: Die alten Männer  schickten ihre überflüssigen Jungs in den Krieg, damit sie sich gegenseitig totschlugen, und nicht länger ihre Geschäfte störten oder sie sich davon sogar einen Gewinn erhofften. Das war doch schon immer so – anti-ödipushaft, schizophren?

So wie auf der anderen geschlechtlichen Seite die Mädchen immer sitzen gelassen wurden, geschwängert – und sich deswegen hernach im Mühlgraben ertränkten – was an der Altmännerfront eine Unmenge von Nymphen- und Meerjungfrauen-Märchen produzierte, die alle gleich ausgehen (bis hin zu den Geschichten der Amazonas-Indianer): dass die Männer sich in diese Nixen verlieben- und alsdann von ihnen in die Tiefe gezogen werden, wo es wunderschön ist, nur nützt ihnen das leider nichts. Sie müssen leiden – an einer „Hydropsie des Imaginären“, wie die Dissertation über „Undine“ von Gerlinde Roth heißt.

(Fouqués „Undine“ wurde zum Vorbild für Hans-Christian Andersen „kleine Meerjungfrau“. Und 1961 für Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“. Auch hier wendet sich die Frau, wieder „unter Wasser“, noch einmal, ein letztes Mal, an den Mann, an die Männer“ – „Ungeheuer“ und „Verräter“ allesamt, „Feiglinge“ nennen die saudischen Frauen sie heute, und „Feinde“ die marokkanischen Frauen ihre Ehemänner.)

Die Nachrichtenagentur dpa fragt sich: Wird Ägyptern islamistisch?

Zum Aufschwung islamistischer Parteien in Ägypten schreibt die niederländische Zeitung „de Volkskrant“ am Montag:

„Die ägyptische Gesellschaft ist längst durchdrungen vom Islam. Es ist daher selbstverständlich, dass islamistische Bewegungen auf der politischen Bühne auftreten. Jetzt, wo das Volk nach jahrelanger Unterdrückung durch Husni Mubarak endlich sein eigenes Parlament wählen kann – auch wenn noch unklar ist, wie viel Macht es haben wird. Ob Ägyptenwirklich einen streng islamistischen Kurs verfolgt, dürfte zum großen Teil von den Muslimbrüdern abhängen. Bislang ist auch den weltlichen politischen Parteien eine Rolle vorbehalten. Besonders wenn sie das Angebot der Muslimbrüder akzeptieren und eine weltlich-islamistische parlamentarische Mehrheit möglich machen.“

AP meldet aus Syrien:  Assad läßt umfangreiche  Militärmanöver durchführen

Das syrische Militär hat am Wochenende umfangreiche Kriegsmanöver am Boden und in der Luft durchgeführt. Wie das Staatsfernsehen berichtete, wurden unter anderem Raketen getestet. Das Manöver habe gezeigt, dass die syrischen Streitkräfte die Nation verteidigen und einen Angriff verhindern könnten. Die Raketen hätten ihr Ziel mit Präzision getroffen, hieß es. Die staatliche Nachrichtenagentur SANA zitierte Verteidigungsminister Daud Radschha mit den Worten, die Streitkräfte seien „in voller Bereitschaft, jeden Befehl auszuführen, den wir ihnen geben“. Zuletzt hatte die Arabische Liga mit weiteren Sanktionen den Druck auf das Regime von Präsident Baschar Assad erhöht.

Aus Libyen meldet AFP:

Die libyschen Behörden haben nach eigenen Angaben mehr als 400 afrikanische Flüchtlinge bei ihrer Überfahrt nach Europa gestoppt. Einem General zufolge wurden die Bootsflüchtlinge am Montagmorgen vor der Küste des nordafrikanischen Landes abgefangen. Wie ein AFP-Journalist berichtete, wurden sie zum Hafen der Hauptstadt Tripolis zurückgebracht und dort von bewaffneten Männern sowie Mitgliedern des libyschen Innenministeriums bewacht. Einem der Flüchtlinge zufolge stammen die etwa 420 Insassen des Bootes aus Äthiopien, Nigeria, der Elfenbeinküste und Ghana.

Die Flüchtlinge seien auf dem Weg nach Italien gewesen, sagte Innenminister Fawsi Abdelali auf einer Pressekonferenz in Tripolis. Er sicherte zu, dass sein Land „anders“ mit der Flüchtlingsfrage umgehen werde als unter der Führung des früheren Machthabers Muammar el Gaddafi. Unter dessen Führung sei das Thema ein „Druckmittel“ gewesen, „um Europa zu erpressen“, sagte Abdelali.

Libyen ist seit Jahren ein Transitland für afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Allein auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa trafen seit Jahresbeginn angesichts der Umbrüche in Tunesien und des Konfliktes in Libyenmehr als 50.000 Flüchtlinge ein. Vor der Küste Kalabriens rettete die italienische Küstenwache am Montag 81 Bootsflüchtlinge aus Seenot. Sie waren an Bord von zwei Schiffen zwischen Libyenund Italien in Schwierigkeiten geraten. Eines ihrer Boote sank.

Aus dem Jemen berichtet AP:

Bei den seit Tagen andauernden Protesten in der jemenitischen Stadt Tais wurde am Montag Aktivisten zufolge mindestens ein Mensch von Soldaten getötet. Die Regierungstruppen hätten das Feuer auf die mehr als 200.000 Demonstranten eröffnet. Diese hätten gefordert, dass das Militär den willkürlichen Beschuss von Wohnvierteln unterlässt, sagte ein Aktivist. Seit Freitag sind in der Stadt Tais bei Zusammenstößen 28 Menschen ums Leben gekommen, darunter 13 Zivilisten.

Reuters meldet aus dem Irak:

Im Irak sind bei einer Serie von Bombenanschlägen auf schiitische Pilger am Montag mindestens 29 Menschen getötet worden. Fast 70 andere Gläubige wurden nach Angaben von Polizei- und Krankenhauskreisen verletzt. Unter den Toten sind viele Frauen und Kinder.

Das „Neue Deutschland“ schreibt:

„Die Islamische Republik Iran wird zur Zeit sturmreif geredet, von den USA, Israel, der Europäischen Union und nicht zuletzt Deutschland. Ein Krieg wird nicht ausgeschlossen.“

 

Ödipus und Sphinx

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/12/05/kairo-virus-132/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Aus einem Interview des heute erschienenen „Freitag“ mit Marjane Satrapi. Sie 
wurde 1969 geboren und ist in einem linksliberalen Milieu in Teheran groß geworden. Seit ihrer Autobiografie Persepolis, die verfilmt und für einen Oscar nominiert wurde, gilt Satrapi als eine der weltweit bekanntesten Comic-Zeichnerinnen. Ihr neuer Film Huhn mit Pflaumen kommt am 5. Januer 2012 in die deutschen Kinos:

    Iraner im Exil seien Meister der Anpassung, sagte die deutsch-persische Schauspielerin Jasmin Tabatabai. Stimmt das?

    Jasmin hat recht. Iraner finden sich in allen Metiers, in der NASA, im Kino, in der Medizin. Sie sind kultiviert, sie verursachen niemals Skandale. Sie sind tolerant, weil sie den Westen mögen. Sie wollen dort leben.

    War es auch für Sie leicht, in der neuen Welt anzukommen?

    Anfangs musste ich häufig gegen Vorurteile und Klischees über den Iran kämpfen. Und im Moment wird in Frankreich die Stimmung wieder feindseliger. Man sagt laut, was man früher nur leise gedacht hat. Rassistische Gedanken.

    Aus Frankreich kam der Aufruf: Empört euch! Rebelliert die Jugend?

    Ich treffe oft Kunst-Studenten. Das Erste, das sie mich fragen ist: Konnten Sie mit Ihrer Arbeit schon immer Geld verdienen? Ich finde die Jugend konservativ, viele interessieren sich nur für ein Metier, wollen heiraten, ein Haus im Banlieue, einen Hund. Das ist die neue Generation.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.