https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/09/Pixabay_stein_CC0.jpg

vonHelmut Höge 07.12.2011

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog
Amazonien. Photo: de.wikipedia.org

Die brasilianische Regierung liebäugelt derzeit mit einer Lockerung des Waldschutzes. So soll Regenwald zur legalen Rodung freigegeben werden und Unternehmen, die illegal Wald gerodet haben, von einer Amnestie profitieren.

Kommt das neue Gesetz durch, sind 76,5 Millionen Hektar Regenwald bedroht – das ist eine Fläche so gross wie Deutschland, Österreich und Italien zusammen, wie der WWF erklärt.

Die Folgen wären laut WWF für das ganze Weltklima fatal: 28 Milliarden Tonnen CO2 würden freigesetzt – so viel wie Deutschland in drei Jahrzehnten ausstösst – und das Weltklima zusätzlich aufheizen. Das Gesetz würde zudem zu einer beispiellosen Zerstörung der biologischen Vielfalt Brasiliens führen.

Der WWF startete deshalb am Montag eine globale Aktion zum Schutz des Regenwalds: Innerhalb eines Tages schickten laut WWF bereits mehr als 8000 Personen ein Protestmail an Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff.  (Eine Meldung des Schweizer „Blick“ – mit der kuriosen Überschrift „Regenwald im Amazonas kann aufatmen. Die Zerstörung des Regenwaldes im Amazonasgebiet ist nach Angaben der brasilianischen Regierung deutlich zurückgegangen“)

 

Wer gründlicher über die Situation in Amazonien informiert werden will, sollte die Zeitschrift „Bumerang – ‚Naturvölker‘ heute“ lesen, die in Kooperation mit dem Verein „Indianerhilfe und Tropenwaldschutz e.V.“ von Hannelore Gilsenbach in Brodowin herausgegeben wird.  Weitere Organisationen sind:

Survival International/England: Link
Survival International/Deutschland: Link
Gesellschaft für bedrohte Völker/Deutschland: Link
Gesellschaft für bedrohte Völker/Schweiz: Link
Gesellschaft für bedrohte Völker/Österreich: Link
Bruno-Manser-Fonds/Schweiz: Link
Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz e. V.: Link
Indianerhilfe und Tropenwaldschutz Dr. Binder e. V.: Link
Waldportal: Link
Tropenwaldnetzwerk Brasilien: Link
Amazonas.de: Link
Rettet den Regenwald: Link
Pro Regenwald: Link
RobinWood: Link
Klimabündnis/Alianza del Clima: Link
Incomindios/AG Genf/UNO: Link
Institut für Ökologie und Aktions-Ethnologie: Link
West Papua Netzwerk: Link
BrasilienPortal/Schweiz: Link

 

Zu Hannelore Gilsenbach, Brodowin und die Halbjahreszeitschrift „Bumerang“ sei noch hinzugefügt:

Vor einiger Zeit machte ich mich auf den Weg nach Brodowin, dort in der Nähe zeigte der „Choriner Landsalon e.V.“ im Ökozentrum „Bahnhof Chorin-Kloster“ das Dokudrama  „Die Zeit der Unvernunft“. Der sehr computerverspielt daherkommende englische Film handelt von der „Klimaerwärmung“. Zuvor war er bereits im Rahmen der „Ökofilmtour2010“ in 69 brandenburgischen Orten gezeigt worden. Obwohl er laut der Lokalpresse „schockierte und nachdenklich machte“, hatte er keinen der sechs Preise dieses aufklärerischen Filmfestivals bekommen. Sie gingen z.T. an TV-Dokumentationen, die das Bienensterben, die Landschaftsvernichtung von oben, die ökologische Landwirtschaft von unten, die „Wildnis“ für Kinder, die „Klugheit“ von Pflanzen und die „Verlogenheit“  der Atomindustrie thematisierten.

Die nochmalige Aufführung des Films „Die Zeit der Unvernunft“ im 2006 privatisierten und für Kultur ausgebauten Bahnhofs von Chorin, inmitten des Biosphärenreservats Schorfheide, war diesmal mit einem Auftritt des Biologen Michael Succow verbunden, der überall in Osteuropa die Einrichtung von Nationalparks initiiert. Über den (ostdeutschen) „Naturschutzpionier“ und Träger des alternativen Nobelpreises lief auf dem „Ökofilmtour-Festival“ bereits ein eigener Film. Der Abend im Choriner Bahnhof begann mit den die Umweltzerstörung thematisierenden Liedern von Hannelore Gilsenbach. Die Biologin tourte damit bereits in den Achtzigerjahren durch die Kirchen und  Umweltbibliotheken der DDR – zusammen mit ihrem Mann Reimar Gilsenbach.

Der Natur- und Menschenrechtler half in der Wende mit, seinen Wohnort Brodowin in ein  „Ökodorf“ umzuwandeln. Heute kann man dort im LPG-Laden sogar die ökologisch getesteten Upperclass-Kosmetika von Dr. Hauschka kaufen. Der einst in Anarchistenkreisen groß gewordene Raimar Gilselbach starb 2001 im Alter von 76 Jahren. Die Grüne Liga – Mitorganisatorin des Brandenburger Ökofilmfestivals – benannte wenig später einen Teil ihres  „Haus der Natur“ in Potsdam nach ihm. Seine Witwe, Hannelore Gilsenbach, die nach wie vor in Brodowin lebt, aber auch immer wieder an den Amazonas reist, gibt seit einigen Jahren die Zeitschrift für gefährdete Völker, „Bumerang“ – des Naturvölker-Bundes – heraus, u.a. wird darin genau vermeldet, wann sich welche vom Verschwinden bedrohte Kleinstethnie allen Globalisierungstendenzen zum Trotz dennoch vergrößert hat.

So heißt es z.B. in der  Ausgabe 1/2009: „Die ‚Negrito‘-Ureinwohner der Andamanen vom Volk der Onge freuen sich über die Geburt eines Mädchens. Es kam am 9.Juli 2008 in Dugong Creek gesund auf die Welt. Damit stieg die Zahl der Onge auf 98 Menschen.“

Darüberhinaus veranstaltete  Hannelore Gilsenbach auf ihrem Hof jahrelang die einst von Reimar Gilsenbach initiierten „Brodowiner Gespräche“, wo die unterschiedlichsten Themen diskutiert wurden. So lud sie z.B. die zwei Aktivisten gegen die Abbaggerung des Lausitzdorfes Horno, Werner Domain und Michael Gromm, ein, um über deren  (gescheiterten) Widerstand zu diskutieren. Bei der Gelegenheit entdeckte ich zum ersten Mal freilebende Laubfrösche – in der Hecke des Anwesens von Hannelore Gilsenbach, außerdem zeigte die Biologin, die auf Insekten spezialisiert ist, mir im Gras eine mit der Klimaerwärmung zugewanderte italienische Grille.

Die jetzigen  „Choriner Debatten“ des „Landsalons e.V.“ im ökologisch umgerüsteten und dazu u.a. mit Elektroautos und Fahrrädern ausgerüsteten Choriner Bahnhofs sind eine Fortsetzung der Brodowiner Hofveranstaltungen von Hannelore Gilsenbach. Die beiden Orte liegen etwa sieben Kilometer auseinander. Wir gingen den Weg hin und zurück – durch den Biosphären-Wald,  zwischen Seen hindurch und vorbei an einigen Dorfkneipen, begleitet nur von einigen Blaumeisen und  Zitronenfaltern, einem roten Milan und vielen Mücken. Der Himmel war blau. Auf einem Ökohof sahen wir müde bei einem Glas Dickmilch den munteren FÖJlerinnen bei der Arbeit zu. FÖJ ist die Abkürzung für Freiwilliges Ökologisches Jahr und die es ableisten sind meistens Mädchen, sie tun das aus naheliegenden Gründen fast nie in der konventionell industrialisierten und giftsprühenden Landwirtschaft, sondern investieren ihre Kräfte lieber in Projekten, die die Welt verbessern (sollen). Eigentlich wollten wir uns  auch noch den berühmten, mit einer russischen Wölfin zusammengesperrten dreibeinigen polnischen Wolf „Piotr“ im Wildgehege Schorfheide  ansehen, aber so weit trugen unsere Füße nicht.

 

 

In einer Ausgabe der Zeitschrift „Bumerang“ ist von einem Kulturzentrum für die „kleinen Völker“ die Rede – allerdings für die in Nordasien, von wo aus die heutigen „Indianer“ einst über die Behringsee nach Amerika aufbrachen:

Der Semiewenke Michail Grey Wolf Guruev, der in der DDR zur Schule ging und dort als halber Indianer immer wieder gemobbt wurde, weswegen er irgendwann in die USA zu den Navajos ging, bei denen er Kunst studierte, hat am mongolischen Huvsgul-See ein Kulturzentrum gebaut – für die nordasiatischen kleinen Völker: „Ihre Situation hat sich seit dem Ende der Sowjetunion noch mehr verschlechtert – unsere Leute sind fast alle arbeitslos, und es fehlt an Ausbildungsmöglichkeiten“, wie er sagt. Daneben arbeitet Michail Grey Wolf Gurujew nahe der  russisch-sibirischen Grenze an einem großen Tierdenkmal: „Das Wichtigste für die indigenen Völker Nordasiens ist ihre Verbindung zur Natur, d. h. zur Flora und Fauna – von und mit denen sie leben. Dies führt zu einem weiteren Punkt: Was kann der Westen von ihnen lernen? Neben ihrem Heilwissen ist es eben dies: ein anderes, unmittelbareres Verhältnis zur Natur – zur Umwelt.“

Tatsache ist, wir sind mehr und mehr über unsere kulturell-industrielle Zurichtung zu Hybriden geworden, die ihr Heil in der letztlich künstlichen Dekonstruktion, d.h. in der absoluten Negation der Natur sehen, indem wir auf ein „Zeitalter der wahren Kunst“ hinarbeiten. Dieses  beginnt laut Vilem Flusser „mit der Gentechnik – erst mit ihr sind selbstreproduktive Werke möglich“.

Wenn der russische Mönchpriester und Algenforscher Pawel Florenski recht hat, dann begann dieses Elend mit der Renaissance – und der (künstlerischen)  Erfindung der Zentralperspektive, denn sie  ist – folgt man Florenski – nichts anderes als „eine Maschine zur Vernichtung der Wirklichkeit“. Ähnliches hat uns seinerzeit auch der marxistische Philosoph Alfred Sohn-Rethel gelehrt, allerdings aus der Perspektive der sich damals in Italien erstmalig auf dem Markt etablierenden Künstler und Wissenschaftler (Mathematiker, Stratiker). Er erzählte deren intellektuell-ökonomische Ich-Setzung derart authentisch, dass man meinte, der sei dabei gewesen – in den oberitalienischen Städten der Renaissance. Auch Albrecht Dürer sah damals – in Nürnberg – diese Entwicklung kommen, nur dass er sie nicht begrüßte: diese schier absolute Trennung der Hand- und Kopfarbeiter. Dürer setzte stattdessen auf das Wir-Werden – indem er sich vom „Großen deutschen Bauernkrieg“ mitreißen ließ. Konkret verfaßte er für seine Handwerks-Lehrlinge zwei Lehrbücher, in denen er das praktische Wissen und die Mathematik zusammenführte. Sie machen sein  eigentliches Genie aus – mehr noch als seine Bilder und Stiche.

Aber Dürer scheiterte nach drei Seiten hin: 1. war seinen Lehrlingen der Stoff zu hoch; 2. lobten zwar die italienischen Kollegen von Dürer, Festungsbauer vielfach, seine zwei „Vermessungslehren“ über alle Maßen, mitnichten verrieten sie aber deren Inhalt an die Arbeiter und Handwerker, denn sie wurden fortan für dieses „Wissen“ bezahlt; und 3. gerieten Dürers Lehrbücher über seine „betenden Hände“ und dem „Hasen“ etc. schier in Vergessenheit, ebenso, dass er um ein Haar gehängt wurde – als die adlige Reaktion über die „Bauernhaufen“ siegte und Rache für die Revolution nahm. Deutschland sähe heute anders aus, besser, wenn es umgekehrt gekommen wäre, meinte noch der Freiherr von Stein. Ähnlich urteilte dann auch Friedrich Engels. Gelobt seien beide – und erst recht Albrecht Dürer. Was für ein seltsamer Renaissance-Mensch! So recht nach Walter Benjamins Geschmack:  während für Karl Marx die Revolutionen noch „Lokomotiven“ waren „um den langsamen Zug der Geschichte zu beschleunigen“, gab Walter Benjamin zu bedenken: „Vielleicht sind sie der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse“.

Dürer hat mit seinen zwei Lehrbüchern die Notbremse gezogen, aber der Zug der Geschichte war nicht mehr aufzuhalten. Inzwischen müssen wir die letzten edlen Wilden schon unter Artenschutz stellen. In seinem Versteck vor dem Wüten der Reaktion hatte Dürer seltsame Träume und malte ein Bauernkriegsdenkmal: Ein von hinten erdolchter Bauer auf einer Säule (ähnlich der Siegessäule), zu Füßen der Säule kauern jedoch Rinder, Kühe und Schafe und trauern um den Bauern, dessen Tod  tatsächlich zu der Zeit besiegelt wurde: indem man die von ihm noch verkörperte Einheit zwischen Theorie und Praxis zerriss – zentralperspektivisch. Dürer hat das gemalt: Wie man einem weiblichen Akt damit zu Leibe rückt. Und dann noch einmal mit einem seiner drei Meisterstiche: „Melencolia I“. Da haben wir auch schon den Benjaminschen Engel der Geschichte.  (Im „Kommentar“ unten findet sich ein Text von Michail Grey Wolf Guruev!)

 

Hier noch einige weitere Texte zum „Thema“:

1. Kirche von hinten

Niemand bezweifelt, dass die Kraft des Gebets im Quadrat seiner Entfernung abnimmt, wohl aber die „Kraft des Glaubens“. Diese ist physisch – auf Menschen und an Mitmenschen gerichtet und jene nicht-physikalisch an Gott. Der Philosoph Tzvetan Todorov attestiert Christopher Kolumbus, dass er, der 1492 die Schwelle zur Moderne mit seiner Atlantiküberquerung buchstäblich überschritt, dort in der Neuen Welt nicht anders gehandelt hätte, wenn er statt christlichen mohammedanischen oder jüdischen Glaubens gewesen wäre: „Wichtig ist die Kraft des Glaubens als solche“.

Sie bewirkte u.a., dass Kolumbus unbeirrt alle neuen Phänomene in Amerika durch die Schriften seiner Offenbarungsreligion interpretierte: Er „hat [im Gegensatz zu seinem Nachfolger, dem Aztekenschlächter Cortez] nichts mit einem Empiriker gemein – sein entscheidendes Argument stützt sich auf Autorität, nicht auf Erfahrung“. Und seine „konkrete Erfahrung hat die Funktion, eine Wahrheit zu belegen, die man bereits besitzt“. Darüberhinaus speist die Erfahrung noch sein Wunschdenken: „Auf See weisen für Kolumbus alle Zeichen auf die Nähe des Landes hin, weil das sein Wunsch ist. An Land offenbaren alle Zeichen das Vorhandensein von Gold“. Mit dem im übrigen seine Förderin, Isabella von Kastilien, ein christliches Werk – die Befreiung Jerusalems – finanzieren soll.

Gelegentlich wendet Kolumbus seine „Wahrheiten“ aber auch schon so listig an wie sein Vorfahr Odysseus und sein Nachfahr Cortez: 1504  nutzte  er z.B. auf Jamaika sein Wissen um eine baldige Mondfinsternis aus, um die Eingeborenen zu erpressen: Wenn sie nicht weiterhin seine Mannschaft mit Lebensmitteln versorgen, werde er ihnen den Mond stehlen…“Der Erfolg stellte sich umgehend ein“, schreibt Todorov in: „Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen“. Auch der Goldrausch  war also noch religiös motiviert: „Die Spanier bringen das  Christentum und nehmen dafür das Gold“ – and more: Als der Evangelisator-Kolonisator Kolumbus Kuba betritt, nimmt er als erstes, ohne sich um die verdutzten Eingeborenen zu kümmern, eine „Benennungszeremonie“ vor, indem er im Beisein eines Notars und zwei seiner Kapitäne als „Augenzeugen“ die gesamte Insel in den Besitz des Königs und der Königin überführte.

„Man kann sagen, daß die spanischen Konquistadoren historisch der Übergangsperiode zwischen einem von der Religion beherrschten Mittelalter und der Neuzeit, die materielle Güter an die Spitze der Werteskala setzte, zuzuordnen sind.“ Mit fortschreitender Eroberung reduzieren sie dabei die Bevölkerung Amerikas bis zur Mitte des 16. Jds., also in rund 50 Jahren, von 80 auf 10 Millionen. „In Mexiko beträgt die Bevölkerung am Vorabend der Konquista etwa 25 Millionen, im Jahr 1600 ist es noch eine Million,“ schreibt Zvetan Todorov.  Dabei dachten die Spanier die ganze Zeit, sie wären in Asien: Kolumbus bleibt z.B. auf Kuba gegen alle Einwände der Eingeborenen dabei, das er sich bereits auf  Festland befindet. Und noch der Schlächter Hernandez de Cordoba bezeichnet die Maya-Tempel als „Moscheen“ und die erste große Stadt, auf die er bei seiner Expedition stößt, als das „große Kairo“. Den Konquistadoren geht es darum, mit dem friedliebenden Christentum den Indianern ihren „barbarischen Brauch des Menschenopfers“ auszutreiben, wobei sie entscheiden, „daß das Menschenopfer Ausdruck der Tyrannei ist und das Massaker nicht.“

Der Historiker und selbst Konquistador Pedrarias Oviedo schreibt: „Wer will leugnen, daß das Pulver, das man gegen die Heiden verwendet, für Unseren Herrn Weihrauch ist?“ Daraus leitet sich das Recht und  sogar die Pflicht ab, anderen das Gute aufzuzwingen, d.h. sie alle glücklich zu machen, jedenfalls die, die alle Säuberungen überlebt haben – in diesem „gerechten Krieg“, der – just da man alle Araber, Juden und Mauren aus Spanien vertrieb – ein gewaltiges „Bekehrungswerk“ und kein Genozid organisierte! Der Dominikaner Diego Duran, „ein zum Indianertum bekehrter Christ, der die Indianer zum Christentum bekehrt“, ist 1581 empört darüber, dass es den Überlebenden gelang, „Bruchstücke ihrer alten Religion in das Brauchtum der christlichen Religion einzuschmuggeln“. Der es ihm nachtuende Franziskaner Bernardino de Sahagun verfeinert daraufhin das Instrumentarium: „Man muß die Sitten der Indianer genauso gut kennen, wie man, um  eine Krankheit zu heilen, den Kranken kennen muß“. Die Anfänge der Ethnologie befinden sich am Krankenbett. Noch heute gibt es Ethnologen, die den letzten, meist „kleinen Völkern“ helfen, d.h. die sie heilen wollen!

 

 

2. Perspektivwechsel

Ab 5 Uhr 45 blicken die Anderen zurück! Die Amazonas-Indianer am Fuße der Anden hängen noch immer dem alten Glauben an, dass die „perversen Weißen eine unstillbare Lust auf das Fett der Eingeborenen“ haben, schreibt Philippe Descola in seinem Buch „Leben und Sterben in Amazonien. Bei den Jivaro-Indianern“. Die Weißen „verschaffen es sich, indem sie die Unglücklichen, derer sie habhaft werden, in großen Kochtöpfen kochen oder sie wie Schläuche entleeren. Manche behaupten, diese makabren Praktiken dienten in Wirklichkeit dazu, die gigantischen Maschinen, dank derer die Weißen die Welt beherrschen, mit Kraft- und Schmierstoffen zu versorgen, einen monströsen Stahlmoloch, der laufend neue Opfer zu seiner Ernährung braucht.“

Diese fettgierigen Weißen, die Indianer jagen, sind jedoch keine wirklichen Weißen, sondern Dämonen, Pishtaco genannt. Nur unterscheiden sie sich kein bißchen von den anderen – wirklichen – Weißen. So daß es laut Descola „für jeden, der eine helle Hautfarbe hat, äußerst gefährlich ist, sich auf Abenteuerfahrt in gewisse Regionen zu begeben, wo sein angenommener Kannibalismus ihm ein übles Schicksal einbringen könnte. Einige naive Forschungsreisende haben in den letzten Jahren diese traurige Erfahrung gemacht.“

Der Ethnologe lebte mehrere Jahre bei Jivaro-Indianern – ein Volk von   Sammlern, Anglern und Jägern, die es vor allem auf Pekaris, eine Wildschweinart, abgesehen haben. In ihrer Kosmologie besitzen alle Tiere eine Seele und leben ähnlich wie die Menschen, so dass sie auch wie diese von bösen und guten Geistern heimgesucht werden. Die Pekaris haben sogar eine Urmutter – Jurijri genannt: Sie hat eine bleiche Haut, einen langen Bart, langes Haar, und spricht viele Sprachen. Sie sieht also genauso aus wie der Franzose  Descola. Im Unterschied dazu trägt Juriji jedoch „Stiefel, Eisenhelm und  Schwert“. Womit sie wie ein „zum Konquistador herausgeputzter Weißer“ aussieht. Man kann vermuten, dass dieser Geist mit der blutigen spanischen Eroberung Gestalt annahm. Juriji frißt Menschen – „solche, die das Wild verhöhnen, solche, die Tiere nur aus Spaß an der Freude töten…“ Deswegen muß man den Pekaris, die man jagt, äußerst respektvoll begegnen.

Der Afrikanist und Antifaschist Julius Lips veröffentlichte 1937 im Exil das Buch: „Der Weiße im Spiegel der Farbigen.Die Wildnis schlägt zurück“ – zu dem Bronislaw Malinowski ein Vorwort beisteuerte. Dieser erwähnt darin ein Gespräch mit einem alten Kannibalen, der von den Missionaren erfahren hatte, dass in Europa ein Krieg ausbrach. „Was ihn daran am meisten verwunderte, wie wir Weißen es schaffen würden, derart enorme Mengen Fleisch zu essen. Als ich ihn darüber aufklärte, dass wir niemals Menschenfleisch essen würden, war er noch mehr erschrocken: Was wir doch für Barbaren wären, das  wir ohne Grund töten.“

Um diese gefährlichen Doppelwesen  abzuwehren, entstanden in einigen Teilen Afrikas Abwehrzauber mit sogenannten  „Colon“-Plastiken: Holzskulpturen, die die weißen Kolonialherren verkörpern: Offiziere, Soldaten, Schlips- und Anzug tragende Beamte, Kaufleute mit ihren Insignien: Tropenhelm, Armbanduhr, spitze Nase, schmale Lippen, Revolver, Hände in den Hosentaschen, usw.

Der französische Dokumentarist Jean Rouch hat in den Fünfzigerjahren einen Film über Besessenheitsrituale bei den Haukas gedreht, dazu erklärte er: „Die koloniale Erfahrung der Begegnung mit den Europäern und ihrer Macht, die die Macht ihrer Technik, Gewehre, Kanonen. Lokomotiven und der starren Hierarchie der Armee ist, wird in den vom Ritual kontrollierten Ausbrüchen der Hauka symbolisch wiederholt und überschritten. Dabei ist der Wahnsinn, die Gewalt und die Brutalität, die die Hauka im Ritual ausspielen, der Wahnsinn, die Gewalt und die Brutalität der kolonialen Gesellschaft. Auch wird dem Europäer der Spiegel vorgehalten, und er sieht sich, wie die Afrikaner ihn sehen.“

In einem anderen Film begleitete Jean Rouch einen afrikanischen Ethnographen nach Paris, wo dieser eine Feldforschung über die dortigen Eingeborenen und ihre Probleme beim Wohnen in Hochhäusern durchführte. Erst vor einigen Jahren drehte eine afrikanische Ethnologin einen Film über protestantische Initiationsrituale am Beispiel einer norddeutschen Konfirmation. Ihren „Informanten“ gelang es jedoch, ihn schnell aus dem Verkehr zu ziehen. Inzwischen gibt es in Hamburg einen Studienbereich „Europäische Ethnologie“, der eine solche Umdrehung der Perspektive sogar noch forciert – als eine Art angewandten Antifaschismus sozusagen.

 

3. „Jenseits von Natur und Kultur“

So heißt ein weiteres Buch des Pariser Ethnologen Philippe Descola. Der Titel deutet es bereits an: Der Autor will mit diesem Buch über die moderne Dichotomie von Natur und Kultur hinaus gelangen. Im Gegensatz zum Wissenssoziologen Bruno Latour, der vor die Moderne – mit ihren Unterscheidungen Subjekt – Objekt, Natur – Kultur und Fakt – Fetisch – zurück will. In ihrer Begründung sind sich beide einig: Die „Reduktion der Vielfalt alles Existierenden auf Ordnungen heterogener Realitäten“ wird der komplexen Wirklichkeit nicht mehr gerecht. Latours wie Descolas methodische Überlegungen lassen sich auf die Formel „Follow the Actors“ bringen, aber während Latour dabei mikrosoziologisch vorgeht, hat Descola einen diachronischen und synchronischen Zugang gewählt:

Zum Einen geht er auf die abendländische Entwicklung der modernen Trennungsbegriffe Natur und Kultur zurück und zum anderen vergleicht er unser Weltbild mit denen von anderen Völkern rund um den Globus. Ausgangspunkt der dabei von ihm anvisierten „monistischen Anthropologie“ ist seine – dem Begründer der „strukturalen Anthropologie“, Claude Lévi-Strauss, nachfolgende – Feldforschung: „Am Unterlauf des Kapawi, eines Flusses im Amazonasbecken, habe ich angefangen, mich nach der Evidenz der Natur zu fragen“.

Das Studium der Kosmologien anderer Völker – wie die der Eskimos, Inder, Japaner, Aborigines usw. – bestärkte ihn dann in der Vermutung, „dass die Art und Weise, wie das moderne Abendland die Natur darstellt, etwas ist, was in der Welt am Wenigsten geteilt wird.“ In seinem Kapitel „Die große Trennung“ hakt Descola an der Renaissance-„Erfindung“ der „Linearperspektive“ an, die im 15.Jhd. durch die“Mathematisierung des Raumes“ ein „neues Verhältnis einführte zwischen dem Subjekt und der Welt“.

Aber „wie üblich beginnt alles in Griechenland“ – d.h. mit Aristoteles und seiner „Objektivierung der Natur“ – zu der jedoch auch noch der Mensch zählte. Erst mit dem Christentum nimmt ihre Abspaltung von den nichtmenschlichen Wesen Gestalt an. Inzwischen hat uns die Verhaltensforschung/Ethologie aber schon wieder dahin gebracht, dass wir z.B. den Menschenaffen so viel Kultur zugestehen, dass sie ethnologisch erforscht werden können. Auch unser einstiges „Alleinstellungsmerkmal“ – die Sprache – wird inzwischen auf den Gesang einiger Vogelarten ausgedehnt und ist damit keines mehr.

All dies läuft auf das Postulat einer Universalität der Natur hinaus. Angedacht war es bereits beim Soziologen Roger Caillois, für den z.B. die Mimese/Mimikry von Insekten den selben Ursprung wie die Kleider-Mode bei den Menschen hat: „Es gibt nur eine Natur!“

Über kurz oder lang führt dieses Denken zur Ausweitung der Menschenrechte auf die Tiere. In der Schweiz diskutiert man bereits die Rechte von Pflanzen – als Individuen. Ein Kapitel bei Descola heißt: „Das denkende Schilfrohr“. Die sibirischen Tschukschen gehen noch weiter: Für sie bilden „sogar die Schatten an der Wand besondere Stämme und und haben ihr eigenes Land, wo sie in Hütten leben und sich von der Jagd ernähren.“

Für viele Stämme der Amazonas-Indianer sind die Tiere und Pflanzen „Personen“ – mit einer den Menschen analogen „Interiorität“, so dass diese „mit den Pflanzen, den Tieren und den sie schützenden Geistern individuelle Beziehungen unterhalten, die von einem ähnlichen Verhaltenskodex wie dem bei den Indianern geltenden geleitet werden.“
Neben unserer „naturalistischen“ Weltauffassung unterscheidet Descola „animistische“, „totemistische“ und „analogische“ Gesellschaften. Sein kosmologischer Rundumschlag läuft zuletzt auf ein Plädoyer für ein Nebeneinander all dieser Typen „des In-der-Welt-Seins“ hinaus – in einem Verhältnis der „Gegenseitigkeit“, die er für dringend geboten hält.

 

4. Die zeitlos Glücklichsten

„Es kann sein, dass uns die Zeit ausgeht, bevor alle anderen Ressourcen erschöpft sind.“ (W.S.Burroughs)

Die ganze Welt ist dem Geld und der (Zeit-)Logik unterworfen. Nein, nicht ganz: ein kleines Volk in Amazonien, mit kaum 400 Menschen, ist standhaft geblieben: Es nennt sich „Hiaiti’ihi“ (die Aufrechten), Piraha heißen sie bei den  Weißen und Wissenschaftlern. Sie führen ein „Leben ohne Zahl und Zeit“, schreibt der Spiegel. Außerdem kennen sie keinen Gott und keine Götter, haben keine Rituale und keinen Besitz. „Hüter der Glücksformel“ werden sie auch genannt, weil der erste Erforscher ihrer Lebensweise und ihrer komplizierten Sprache, der Linguist Dan Everett, sie als „Das glücklichste Volk“ beschrieb.

Es hütet jedoch kein Geheimnis, sondern eine einfach strukturierte Sprache – mit dem sich die Piraha viel erzählen. Sie siedeln an einem Seitenarm des Amazonas, jagen und angeln und sind mit ihrem Leben überaus zufrieden. so dass sie sich kaum von irgendetwas affizieren lassen. „Die Piraha reden sehr gern. Kaum etwas anderes fällt Besuchern, die ich zu den Piraha bringe, so stark auf wie ihre Neigung, ständig zu reden und gemeinsam zu lachen,“ schreibt der einstige US-Missionar Everett, der während seiner langjährigen Arbeit umgekehrt von ihnen zum Unglauben bekehrt wurde und nun quasi ihr Stammes-Ethnologe ist. Aber ihre „kulturellen Werte“ schränken die „Themen“ ihrer endlosen Unterhaltungen stark ein, meint er. Mit den „Werten“ ist ihr unbedingter Wille zum Sein in „unbegrenzter Gegenwart“ gemeint. Die Piraha kennen weder Vergangenheit noch Zukunft – und akzptieren sie auch nicht.  Everett spricht von ihrem „Prinzip des unmittelbaren Erlebens“, dem er viel abgewinnen konnte, nachdem er ihre Sprache gelernt hatte: „Die Piraha sind ganz und gar dem pragmatischen Konzept der praktischen Relevanz verhaftet. Sie glauben nicht an einen Himmel über uns, an eine Hölle unter uns oder irgendeine abstrakte Sache, für die zu sterben sich lohnt. Damit verschaffen sie uns die Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie ein Leben ohne absolute Werte, ohne Rechtschaffenheit, Heiligkeit und Sünde aussehen könnte. Das ist eine reizvolle Vision.“

Und weil es bei den Piraha im Prinzip keine höhere Autorität als den Bericht eines Augenzeugen gibt, stoppten einige ältere Männer, die sich mit dem Autor angefreundet hatten, eines Tages auch dessen Missionstätigkeit: „Die Piraha wollen nicht wie Amerikaner leben,“ sagten sie ihm. „Wir trinken gern. Wir lieben nicht nur eine Frau. Wir wollen Jesus nicht – und auch nichts von ihm hören.“

Nach einer Glaubenskrise reifte in dem sich dann bei Noam Chomsky zum Linguisten umschulenden Autor die Erkenntnis: „Ist es möglich, ein Leben ohne die Krücken von Religion und Wahrheit zu führen? Die Piraha machen es uns vor. Sie stellen das Unmittelbare in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit und damit beseitigen sie mit einem Schlag gewaltige Ursachen von Besorgnis, Angst und Verzweiflung, die so viele Menschen in den westlichen Gesellschaften heimsuchen.“

Die stets gegenwärtig bleibenden Piraha sorgen sich nicht. Dabei gäbe es Gründe genug: Sie sterben früh, u.a. an Tropenparasiten und den Krankheiten der Weißen, haben Jagdunfälle und Streitereien mit Nachbarstämmen. Weil die mit Schiffen gelegentlich bei ihnen anlegenden Händler sie bei Tauschgeschäften oft übervorteilen, wollten sie Zählen und Rechnen lernen, aber ihr transzendentaler Präsens verhinderte auch das Denken mit der Abstraktion Zahl. Die Begriffe für  „links“ und „rechts“ kennen sie ebenfalls nicht. Und keine Häuptlinge, Rituale, Initiationen, weder  Schwüre noch Schmuck, und keine Diskriminierung von Frauen oder Kindern, wenn man den Berichten glauben darf. Ihre Konzentration auf das Wesentliche könnte man mit Friedrich Engels als urkommunistisch bezeichnen, Everett hält die Piraha-Kultur jedoch mitnichten für „primitiv: Vielleicht machen gerade Ängste und Sorgen eine Kultur primitiv und wenn sie fehlen, ist eine Kultur höher entwickelt. Wenn das stimmt, haben die Piraha eine sehr hoch entwickelte Kultur.“ Außerdem kennen sie nicht weniger Begriffe als wir.

Für den Philosophen der Französischen Revolution Kant war die „transzendentale Gegenwart“ allein Gott vorbehalten, dafür war für ihn die „Zeit“ transzendental – d.h. uns allen innerlich mitgegeben. Inzwischen meinen wir schon, dass es sich dabei um eine „substantielle Größe“ handelt, mit der wir immer ökonomischer umgehen können – um z.B. „Quality-Time“ daraus zu machen.  Gleichzeitig bestritt  die westliche Moderne ihren globalen Siegeszug mit den Zahlen – über Handel,  Technik und Ingenieurwissen bis hin zur Kybernetik. Aber bereits jetzt zeichnet sich ab, dass uns dabei die Gegenwart immer mehr abhanden kommt: Wieviele gegenwärtige Gesprächsrunden werden zerstört durch permanente Handyanrufe  aus der Zukunft. Wieviele Sehenswürdigkeiten werden statt sie sich genau anzukucken nur schnell  photographiert oder gefilmt – für später. Wieviele Anstrengungen unternehmen wir täglich, um uns die Zukunft zu sichern – und sei es nur den Rest der Woche. Zeit ist Geld, heißt es, und Geld ist Zahl. Aber die Entleerung der Gegenwart geht noch weiter.

In seinem Buch „Geistige und körperliche Arbeit“ schreibt der Sozialphilosoph Alfred Sohn-Rethel: „In der Kybernetik verfällt die Funktion der menschlichen Sinnesorgane und operativen Hirntätigkeit selbst der Vergesellschaftung.“ – Während wir zugleich – beginnend mit der Industriearbeiterschaft – atomisiert werden. In der „Wissensgesellschaft“ angekommen haben wir es bald nur noch mit Algorithmen zu tun. Dafür können wir uns dann z.B. abends mit unserem Waschmaschinen-System unterhalten. Horkheimer und Adorno konnten 1944, als die Kybernetik sich gerade aus der Lenkwaffenforschung „befreite“, noch gnädig sein – in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ schrieben sie: Die ganze  „Wissenschaft rechnet, rechnen ist nicht Denken. Denken entzündet sich am Widerstand. Systembauen ist die Ausräumung des Widerstands im Denken. Bei Mathematikern, Programmierern und Technikern geht das in Ordnung, bei allen anderen ist es eine höhere Form des Schwachsinns.“ Das Ranking z.B. – heute wird sogar das Schwachsinnigste gerankt. Der zur Frankfurter Schule zählende Alfred Sohn-Rethel war in den Siebzigerjahren radikaler: „Wenn es dem Marxismus nicht gelingt, der zeitlosen Wahrheitstheorie der herrschenden naturwissenschaftlichen Erkenntnislehren den Boden zu entziehen, dann ist die Abdankung des Marxismus als Denkstandpunkt eine bloße Frage der Zeit.“ Jahrzehntelang arbeitete er an seinem o.e. Buch darüber, in dem er nachzuweisen versuchte, dass und wie die naturwissenschaftlichen Begriffe „Realabstraktionen“ sind, die auf dem entwickelten Warentausch basieren.

Die Piraha am Maici-Fluß sind trotz gelegentlichem Handel gegen „Realabstraktionen“ anscheinend resistent. Inzwischen leben sie in einem Reservat und auf jeden Piranha kommen vier Diplomanden, zwei Doktoranden und ein Professor. Auch der Staat Brasilien schickt immer mal wieder Komissionen vorbei. Man hat jeden von ihnen schon x-mal photographiert. Zweidimensionalen Bildern können die Piraha übrigens auch nichts abgewinnen. Schon das Selbe wieder zu erkennen fällt ihnen, die alle paar Jahre ihren eigenen Namen ändern, schwer. Sie sind die ersten und vielleicht letzten großen Verweigerer aller „Realabstraktionen“. Bald werden die Touristen kommen, spätestens dann gilt auch für die Piraha das kapitalistische Wertgesetz. „Die bürgerliche Gesellschaft ist beherrscht vom Äquivalent, indem sie es auf abstrakte Größen reduziert,“ schreiben Adorno/Horkheimer. „Der Aufklärung wird zum Schein, was in Zahlen, zuletzt in der Eins, nicht aufgeht; der moderne Positivismus verweist es in die Dichtung. Einheit bleibt die Losung von Parmenides bis auf Russell. Beharrt wird auf der Zerstörung von Göttern und Qualitäten.“

Die Piraha, die überall nur Qualitäten wahrnehmen und statt Götter höchstens dort gelegentlich Erscheinungen sehen – wo wir noch so genau hinkucken können, sind wahrscheinlich als Ewiggegenwärtige dazu verdammt, in Zukunft nur noch eine romantische Idee aus der Vergangenheit zu sein. Eine Ironie des Realen. In seinem Amazonas-Bericht „Traurige Tropen“ hat der Ethnologe Claude Lévy-Strauss das bereits 1955 befürchtet. Als stets Gegenwärtige wird es den Piraha aber wohl in gewisser Weise am Arsch vorbei gehen. Ihre Population hat sich in letzter Zeit sogar vergrößert. Es kann mithin auch anders kommen, dass sie z.B. an einem Institut für Antiamerikanistik zum Nukleus einer widerständigen Linguistik-Gemeinde werden. Bereits jetzt  haben sie die „Universalgrammatik“ von Noam Chomsky, die global und genetisch argumentiert, und für uns alle gelten soll, allein durch ihre extravagante Sprache, die laut Everett „in zahlreichen Punkten extrem ungewöhnlich ist und strukturell massiv von anderen, auch ‚exotischen‘, Sprachen abweicht“, quasi listig widerlegt, indem sie die kurzen Sätze  ihrer Erlebniserzählungen wie Perlen auf eine Kette reihen.

Aber was immer mit den Piraha passieren wird, sie helfen uns –  das zu erfassen, was Rousseau den vielfältigen Ursprung unserer Gesellschaft nennt, „der nicht mehr existiert, vielleicht nie existiert hat und wahrscheinlich auch nie existieren wird und von dem wir dennoch richtige Vorstellungen haben müssen, um unseren gegenwärtigen Zustand beurteilen zu können.“

Letzte Meldung: Im brasilianischen Bundesstaat Rondonia wurde vor einiger Zeit noch ein kleines Volk entdeckt, das auf ewig „im Jetzt lebt“, wie die Süddeutsche Zeitung am 21. Mai 2011 schrieb. Die 150 noch lebenden Amundawa zählen sich zu den (Amazonas-) Indianern. Und wenn sie in den dort von der Regierung gegründeten Schulen Portugiesisch lernen, haben sie auch „keinerlei Probleme mehr, Aussagen über Zeitverläufte zu treffen, ebenso lernen sie dann rechnen. In ihrer Sprache können sie nur bis 4 zählen.

 Piraha-Porträts. Photo: rolandwegerer.wordpress.com

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2011/12/07/dazwischengeschoben/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Marshall McLuhan schrieb 1967 ein Brief an einen befreundeten Journalisten, eine Stelle daraus findet sich nun im Nachwort seines 1968 erschienenen Buches „Krieg und Frieden im globalen Dorf“:

    „Wir befinden uns mitten in unseerem Dritten Weltkrieg, unserem ersten Fernsehkrieg. Wie Bonanza und der Western im allgemeinen hilft uns das Fernsehen dabei, unser Bild von der Grenze (frontier) wieder aufzurichten, als der Indianer die Gefahr darstellte…“

    Anläßlich der von Schah ausgerichteten 3000-Jahresfeier Persiens inszenierte Robert Wilson mit einer ganzen Kompanie iranischer Soldaten diese „Frontier-Situation“ samt Fernseher und Indianer im Iran noch einmal nach.

  • Noch ein Text über den Konflikt zwischen Naturschutz und Menschenrechten in Lateinamerika – von Anne Vigna aus der Le Monde Diplomatique von heute:

    Streit um den Blumenberg
    Ein mexikanisches Dorf wehrt sich gegen falschen Naturschutz

    Arcenio Osorio zeigt auf den mächtigen Berg, der das Dorf Santiago Lachiguiri am Isthmus von Tehuantepec im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca überragt. „Er versorgt alle Dörfer hier in der Umgebung mit Wasser, und für uns Zapoteken ist er heilig. Ihn wollten wir offiziell schützen lassen.“ Osorio ist Sekretär der Gemeindeversammlung und somit gewählter Vertreter der traditionellen Rechtsstruktur. Die 8 000 Bewohner des Landkreises haben schon immer an der Bewahrung ihres Cerro de las Flores („Blumenberg“) mitgewirkt. Auch die in Mexiko für Naturschutzgebiete zuständige Bundesbehörde Comisión Nacional de Áreas Protegidas (Conanp) hat dem Berggebiet seine „außergewöhnliche Artenvielfalt“ und den „hervorragenden Zustand der Ökosysteme“ bestätigt.

    Unten in den Tälern wächst biologisch angebauter Kaffee. Auf den Berghängen wechseln sich Wald und Maisfelder ab. Nach mehreren Stunden Fußmarsch und Kletterei gelangt man zu Kiefernwäldern, unter denen hunderte verschiedener Blumenarten beheimatet sind. Die Höhe von 2 200 Metern und sein besonderes Gestein machen den Berg zu einem riesigen natürlichen Schwamm, der den Großteil des Wassers für die Region liefert. Doch in den letzten Jahren ist der Berg zu einem Exempel für die Konflikte um den Naturschutz geworden.

    Im August 2003 wurde der Cerro de las Flores zum ersten „Naturschutzgebiet auf Gemeindeinitiative“ erklärt. Laut Conanp sind das Programme, die „auf Ersuchen der örtlichen Bevölkerung eingeführt werden und die natürliche Artenvielfalt bewahren, indem sie den Bewohnern nachhaltige wirtschaftliche Perspektiven bieten“. (Inzwischen, so Conanp, werden in Mexiko 207 887 Hektar Land auf diese Weise verwaltet.) Aber nach nur sieben Jahren beschlossen dieselben Dorfbewohner bei einer Gemeindeversammlung, künftig auf den Status des „Naturschutzgebiets“ zu verzichten. „Die Regierung hat uns hinters Licht geführt“, erläutert Osorio zornig. „Wir sind zwar noch die rechtmäßigen Besitzer des Landes, aber wir haben hier jetzt nichts mehr zu sagen.“

    Enan Eduardo, im Dorf für die Verwaltung des Gemeindelands zuständig, sieht das ähnlich: „Wir haben herausgefunden, dass die Naturschutzzertifizierung der 1 400 Hektar auf dem Cerro de las Flores nicht für fünf Jahre gilt, wie in der Gemeindeversammlung beschlossen, sondern für dreißig.“ Doch es geht nicht nur um die Laufzeit des Programms: „Diese Auffassung von Naturschutz läuft darauf hinaus, dass wir unsere landwirtschaftlichen Produktionsmethoden ändern müssen, obwohl das in ökologischer Hinsicht keinen Sinn macht.“

    Mit der Zertifizierung wird eine neue Raumordnung in Kraft gesetzt. Sie beruht auf einer Bestandsaufnahme des jeweiligen Gebiets durch Vertreter von NGOs und Bundesbehörden wie der Conanp und dem Ministerium für Ökologie. Eigentlich sollte dieser Prozess mit einem „offenen Workshop“ beginnen, in dessen Rahmen die betroffene Bevölkerung informiert, angehört und in die Entscheidungen miteinbezogen wird. Vor allem Letzteres gilt allgemein als unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Naturschutzpolitik. Doch in Santiago Lachiguiri kam das Mitspracherecht zu kurz. Zwar gab es laut Conanp eine „Mitwirkung und Information der Bewohner“, doch wie die aussah, beschreibt Arsenio Osorio anschaulich: „Wir sind mit ihnen jeden Winkel unserer Felder abgegangen und haben ihre Fragen beantwortet. Aber wir hatten nicht die geringste Ahnung, was sie da ausarbeiten wollten.“
    Hier wächst kein Mais mehr

    Das Ergebnis: Zum Naturschutzgebiet gehören nun auch die Berghänge. 517 Hektar, auf denen 140 Bauern bisher ihren Mais anpflanzten. Auf diesen Flächen ist nun jede landwirtschaftliche Nutzung untersagt, und die Gemeinde bekommt eine Entschädigung: 400 Pesos (etwa 21 Euro) pro Hektar und Jahr, insgesamt also 11 000 Euro. Das ist weniger, als die Gemeinde vorher mit der Bewirtschaftung verdiente. Im Umweltschutzplan waren außerdem eine Reihe von Gewerben vorgesehen, die als ökologisch unbedenklich gelten, in diesem Fall vor allem der Ökotourismus und eine Abfüllanlage für Mineralwasser. Doch schon nach vier Jahren waren beide Projekte am Ende. Zwei Berghütten mussten schließen, weil kaum Touristen in die abgelegene Region kamen. Die Abfüllung scheiterte an den hohen Transportkosten für den Vertrieb.

    Der Streit zwischen Behörden und Bevölkerung entzündete sich aber vor allem an der Frage der Landnutzung. Die indigenen Gemeinden arbeiten mit der Technik der Brandrodung. Dabei wird alle sieben Jahre ein neues Waldstück gerodet und besät. Die Asche wirkt als natürlicher Dünger. Auf den Feldern wachsen Mais, Bohnen, Tomaten und Paprika.

    „Der Wanderfeldbau ist die beste Art, ohne Umweltschäden das Land zu bestellen – wenn er sachkundig und nach strengen Regeln angewandt wird“, erklärt der mexikanische Biologe Eckart Boege. Doch die maßgeblichen Institutionen im In- und Ausland halten eben diesen Wanderfeldbau für eine ökologische Bedrohung, seit die Reduktion von CO2-Emissionen zu einem Hauptanliegen der Umweltpolitik geworden ist und damit Geld verdient werden kann. Hinzu kommt, dass unsachgemäße Brandrodung in Mexiko tatsächlich große Schäden an Wäldern, Böden und der Artenvielfalt angerichtet hat.

    Das gilt jedoch nicht für das Land der indigenen Bevölkerung, die in Santiago Lachiguiri und anderswo den Feldbau traditionell sehr diszipliniert und nachhaltig betreibt.(1 )“Richtig angewandt, kann diese Technik Artenvielfalt und Biomasse des Waldes sogar vergrößern“, meint der auf Brandrodungen spezialisierte Agrarwissenschaftler Álvaro Salgado. In der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur ist das mittlerweile Konsens, doch die Conanp wollte davon nichts wissen. Sie setzte im Fall von Santiago Lachiguri auf eine andere Methode: die Agroforstwirtschaft(2). Dabei werden bestehende Feldkulturen mit Bäumen durchsetzt (in Santiago Lachiguiri waren es Aprikosenbäume). Auch diese Maßnahme war schlecht vorbereitet, wurde der Bevölkerung aufgedrängt und überzeugte sie nicht. Nach drei Jahren waren die Böden ausgelaugt, die Bäume verkümmert. „Als der Mais nicht wuchs, riet uns die Conanp zur Verwendung chemischer Dünger, um den Boden zu verbessern“, erzählt Enan Eduardo. Von den 140 landlos gewordenen Bauern haben die meisten das Dorf verlassen. Einige sind in die USA ausgewandert, andere in mexikanische Städte. Manche arbeiten auf einer nahe gelegenen Autobahnbaustelle, und die Jüngsten haben sich nach einer Anwerbungskampagne der mexikanischen Armee zum Dienst verpflichtet.

    Nun verlangt die Gemeinde von Santiago Lachiguiri die Aufhebung des Naturschutzstatus und will auch keine „Ausgleichszahlungen für ökologische Leistungen“ mehr in Anspruch nehmen. Sie entsandte zwei Vertreter zum Alternativen Forum, das zeitgleich mit der 16. UN-Klimakonferenz der Unterzeichnerstaaten im Dezember 2010 in Cancún stattfand. Für den internationalen Klimaschutz sind deren Tatsachenberichte brisant, denn sie stellen das 2007 auf Bali beschlossene REDD-Programm (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation) grundsätzlich infrage.

    Nachdem sich die Staaten nicht auf die Reduktion ihrer Emissionen einigen konnten, erhofften sie sich von diesem Programm einen 15-prozentigen Einspareffekt bei Treibhausgasemissionen durch CO2-Bindung. Diego Rodriguez, Sondergesandter der Weltbank beim Klimagipfel in Cancún, war sich sicher: „Mit REDD schaffen wir die Kehrtwende beim Klimawandel.“

    Allerdings macht REDD seine Rechnung ohne die 300 Millionen Menschen auf der Welt, die im und vom Wald leben. Es beruht auf dem Prinzip der Wiedergutmachung: Ein Unternehmen oder ein Staat soll seine Treibhausgasemissionen (umgerechnet in Tonnen Kohlendioxid) durch den „Schutz“ eines Waldes ausgleichen können. Zwar gibt sich das Verfahren rigoros wissenschaftlich, doch es überzeugt längst nicht alle Fachleute. So hat eine Forschergruppe an der Stanford University nachgewiesen, dass der Weltklimarat IPCC das gespeicherte CO2 eines Waldes in Peru um ein Drittel zu hoch eingeschätzt hat.(3)

    „Das Prinzip der CO2-Speicherung bringt ein Verbot von Rodungen mit sich“, erklärt Anne Petermann von der NGO Global Justice Ecology Project. „Indigene Gruppen wenden sich gegen REDD, weil sie der Auffassung sind, dass das Programm zur Vertreibung ganzer Dorfgemeinschaften führen und ihre Lebensweise ernsthaft beeinträchtigen wird.“ Die zahlreichen Vertreter indigener Völker in Cancún wollten dementsprechend vor allem das Prinzip der Freiwilligkeit verankern: Kein REDD-Projekt sollte in Kraft treten, bevor die Gemeinden vor Ort nicht ausdrücklich und in Kenntnis der Sachlage zugestimmt haben. „Wir fordern das Recht, nein zu sagen, wenn ein Unternehmen auf unserem Land CO2 kompensieren will“, sagte Orel Masardule, ein Vertreter des Volkes der Kuna in Panama. Im Schlussdokument der offiziellen Konferenz fand sich allerdings nur ein vager Verweis auf „soziale und ökologische Garantien“. Zudem ist die Erklärung nicht bindend. Zwei aktuelle Studien(4) legen den Schluss nahe, dass die Landrechte, die Mitspracherechte und der Anspruch auf Information indigener Völker systematisch missachtet werden.

    Seit sechs Jahren werden in diesem Rahmen verschiedene Projekte finanziert – von Unternehmen (etwa von Shell und Gazprom in Indonesien, von BP in Bolivien, von Rio Tinto in Australien) und von Staaten (Frankreich in Mexiko, Norwegen in Indonesien und Brasilien(5)). Auch Sonderfonds internationaler Institutionen wie der Weltbank und verschiedene Unterorganisationen der UNO sind auf diesem Gebiet aktiv. Im Klimaabkommen von Cancún wird die Frage nach der Art der Finanzierung gar nicht angeschnitten, und auch der Vorschlag der Weltbank, REDD-Zertifikate in den Weltmarkt für Emissionsrechte einfließen zu lassen, scheint immer weniger aussichtsreich.

    Zudem mehren sich Hinweise, dass Zertifikatmärkte weder zum Abbau von Emissionen noch zur Finanzierung einer umweltschonenden Wirtschaft beitragen werden. „Der CO2-Handel bietet keinen Anreiz, den Verbrauch einzuschränken, sondern nährt die Illusion, man könne Umweltverschmutzung wiedergutmachen“, sagt die Forstwirtin Kate Dooley von der NGO Fern. „Wenn das REDD-Prinzip zur Grundlage eines CO2-Markts wird und dem Wald ein ,CO2-Wert‘ zugeschrieben wird, könnten wir bald eine gewaltige Welle der Bodenspekulation erleben.“ Was aus den vielen Kleinbauern werden soll, die einfach nur weiter ihren Mais anbauen wollen, bleibt dabei völlig offen.

    Fußnoten:
    (1) Zwingend vorgeschrieben sind zum Beispiel: Brachen alle sieben Jahre, strenge Vorkehrungen beim Feuerlegen, Anbringen von Abtragssperren.
    (2) Vgl. Mark Hertsgaard, „Sawadogos Leidenschaft für Bäume“, Le Monde diplomatique, August 2010.
    (3) Die Studie entstand 2010 unter der Leitung von Greg Asner an der Carnegie Institution for Science in Stanford und erfasste 43 000 Quadratkilometer Wald in der peruanischen Region Madre de Dios.
    (4) Kate Dooley, Tom Griffiths, Francesco Martone und Saskia Ozinga, „Smoke and Mirrors: A Critical Assessment of the Forest Carbon Partnership Facility“, Fern und Forest Peoples Programme, Brüssel, Februar 2011; Emmanuel Freudenthal, Samuel Nnah und Justin Kenrick, „REDD and Rights in Cameroon“, Forest Peoples Programme, Moreton-in-Marsh, Großbritannien, Februar 2011.
    (5) Im Rahmen des sogenannten Amazonienfonds, an dem auch Deutschland beteiligt ist: http://www.dgvn.de/815.html.

    Aus dem Französischen von Herwig Engelmann
    Anne Vigna ist Journalistin in Mexiko.

  • latina-press meldet:

    Mit einer Todesliste prominenter Anführer der Guarani-Indianer verbreiten Söldner in Brasilien Angst unter den Indigenen. Dies berichtet die internationale Nichtregierungsorganisation Survival International. Erst letzten Monat wurde der Guarani-Anführer Nísio Gomes ermordet. Laut der NGO wurden die Soldaten von einflussreichen Großgrundbesitzern im Bundesstaat Mato Grosso do Sul angeheuert, um die Indigenen einzuschüchtern und von der Rückkehr auf ihr Land abzuhalten.

    Dabei sollen die neusten Übergriffe auf Guarani-Indianer fast identisch verlaufen sein. Bewaffnete kreisten Fahrzeuge ein in denen Guarani unterwegs waren, zwangen sie anzuhalten, beschimpften die Passagiere und befragten sie zu den Namen auf der Todesliste. Demnach hat ein Guarani-Anführer Survival International berichtet: “Sie haben uns ausfindig gemacht und sind entschlossen uns zu töten. Wir sind in großer Gefahr. Wir haben hier in Brasilien keine Gerechtigkeit. Wir haben keinen Ort mehr, an den wir fliehen können.”

    Laut Stephen Corry, Direktor von Survival, ist dies eine weitere Tragödie im Feldzug gegen die Guarani, die sich gegen den Raub ihres Landes wehren. Nach seiner Meinung wird die Viehzüchter nichts daran hindern, ihre eigenen Interessen zu schützen. Die Mörder von Gomes wurden noch nicht gefasst. Letzte Woche gab Brasiliens Staatsanwaltschaft jedoch bekannt, dass sechs Männer für den Mord an zwei Guarani-Lehrern 2009 angeklagt wurden. Unter den Angeklagten sind ein lokaler Politiker und ein brasilianischer Viehzüchter, der die Gemeinde der Lehrer umzingelt hatte.

  • Derzeit befinden sich die Indianer Perus im Kampf gegen die peruanische Regierung und einen US-Konzern, der allerdings bereits seinen Rückzug angekündigt hat – die Frankfurter Rundschau schreibt:

    Wenn Demonstrieren der Volkssport ist, dann feiert Peru gerade die Meisterschaften: Bis zu 20.000 Demonstranten waren im Norden des Landes auf der Straße.

    Die Wut der Menschen richtet sich gegen den Ausbau einer Goldmiene. Es geht um Investitionen in Höhe von 4,8 Milliarden Dollar (3,55 Milliarden Euro). Klingt absurd: Gerade der Bergbau hat Perus Wirtschaft in den letzten Jahren traumhafte Wachstumsraten beschert. Besonders die Goldindustrie boomt, weil der Preis sich in den letzten drei Jahren verdoppelt hat. Im Departement Cajamarca wird besonders viel gefördert. Dort liegt die größte Goldmiene des ganzen Kontinents.

    Auf dem Land herrscht trotzdem kein Goldrausch, sondern Katerstimmung. Das Projekt verschmutze die Wasserreserven, befürchten Umweltschützer. Laut taz soll das Gold mit giftigem Zyanid aus dem Boden geholt werden, außerdem müssten drei Seen trockengelegt werden. Sie enthalten Wasser, das Kleinbauern und Viehzüchter dringend brauchen – also die, die in Peru am wenigsten vom Aufschwung profitieren.

    Seit elf Tagen demonstrieren Tausende gegen das Projekt. Die Menge hat Hauptverkehrsstraßen lahmgelegt und den Nahverkehr in der Provinzstadt Cajamarca. In einem Dorf haben aufgebrachte Bürger vier Angestellte der nationalen Wasserbehörde gezwungen, in Frauenkleidern durchs Dorf zu marschieren.

    Nachdem es immer noch keinen Kompromiss gibt, verliert die Regierung in Lima die Geduld. „Die Unversöhnlichkeit von manchen lokalen und regionalen Protestführern hat sich wieder einmal gezeigt“, sagte Präsident Ollanta Humala am Sonntag.

    Die Regierung habe den Demonstranten unter anderem zugesichert, dass die landwirtschaftliche Nutzung des Wassers oberste Priorität habe. Genutzt hat es genauso wenig wie das Versprechen des Minenbetreibers, die Seen zu verlegen.

    Humala sprach bemüht ruhig, trotzdem wählte er das härteste aller Mittel: Er verhängte 60 Tage lang für vier Provinzen den Ausnahmezustand. Der erlaubt den Einsatz der Armee zur Sicherung der Ordnung und schränkt das Demonstrationsrecht ein. Seine Begründung: Die Bevölkerung habe ein Recht darauf, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen.

    Wie Boliviens Präsident Morales schlüpft Humala als Vertreter der Staatsmacht in eine neue Rolle. Für ihn ist das brisant – schließlich gewann er die Präsidentschaftswahlen mit dem Versprechen, die Landbevölkerung zu stärken.

  • Naturschutz vs. Menschenrechte

    Sinnigerweise im Darwinjahr 2009 verkündete die Verwaltung des Nationalparks „Galapagos-Inseln“, dass sie das Naturschutzgebiet noch mehr als bisher schützen wolle, nicht zuletzt um den Tourismus zu fördern. So soll u.a. der Fischfang verboten werden, die Fischer will man dazu bewegen, Arbeitsplätze in der Tourismusindustrie anzunehmen. Sie weigern sich jedoch einstweilen noch. Während die eine Seite von Umweltschützern unterstützt wird, bekommt die andere Hilfe von Menschenrechtlern.

    Über diesen Konflikt – zwischen Natur- und Menschenschutz – diskutierte Mac Chapin im Berliner „Mehringhof“. Der Anthropologe ist Direktor des „Center for the Support of Native Lands“ in Arlington, Virginia und arbeitet seit 40 Jahren mit indigenen Völkern im Lateinamerika zusammen. 2008 war zu dem Problem bereits das Buch „Naturschutz und Profit“ von Klaus Pedersen erschienen, das sich nicht zuletzt einem Artikel von Mac Chapin im „World Watch“-Magazin 2004 verdankt. Darin werden die großen amerikanischen Naturschutzorganisationen (WWF, The Nature Conservancy, Wildlife Conservation Society u.a.) kritisiert – in ihrem Umgang mit den Einheimischen, die von ihren „Projekten“ betroffen sind. Vordergründig wollen beide das selbe: Im Amazonasgebiet z.B. wollen die „conservationist“ (Umweltaktivisten) den Regenwald schützen – und die dort lebenden „indigenous people“ (Waldindianer) ebenfalls. 1990 unterzeichneten sie ein Kooperationsabkommen, aber es funktionierte nicht: Die Umweltschützer hatten das Geld und machten Pläne, die Einheimischen sollten helfen, diese umzusetzen. Ersteren ging es um den Erhalt der „Biodiversität“ (ein Begriff, der damals gerade aufkam), letztere wollten verbriefte Rechte für ihr Territorium. Die Naturschutzorganisationen planten dessen „nachhaltige ökologische Entwicklung“, während die Einheimischen ihren Lebensunterhalt weiter mit den natürlichen Ressourcen dort bestreiten wollten. Dazu mußten und müssen sie sich mit mächtigen Gegnern (als Partner) arrangieren: Neben den Naturschutzorganisationen waren und sind das internationale Konzerne, sowie Großgrundbesitzer und die nationalen bzw. regionalen Regierungen und ihre bewaffneten Organe. Die „Waffen“ der indigenen Völker sind diesen Mächten meist intellektuell und technisch unterlegen. Immer häufiger finden sie sich deswegen in Nationalparks oder Naturreservaten wieder – und werden fortan z.B. als „Wilderer“ verfolgt, wohingegen zahlende Touristen in ihrem angestammten Territorium nach Herzenslust jagen und fischen dürfen. (1) Anderswo werden sie von Agrarkonzernen vertrieben, die ihre Wälder abholzen, um Monokulturen anzulegen oder – wie in der Mongolei – von Bergbaukonzernen, die das Nomadenland ebenfalls großflächig verwüsten. In Somalia wurden die Viehzüchter dadurch dezimiert, dass man auf Druck von IWF und Weltbank ihre Brunnen privatisierte.

    In den Neunzigerjahren bekamen die „Conservationist“ hunderte von Millionen Dollar an Spenden, sogar von der Weltbank und von umweltschädigenden Multis, u.a. von Ölkonzernen, die sich damit „grünwaschen“ wollten. „Das Geld ist das größte Problem,“ meinte Mac Chapin, „es unterminiert jede lokale Initiative.“ Aber auch die Menschenrechts-Aktivisten benötigen spenden für ihre Arbeit – und müssen ebenso wie die Umweltschützer Erfolge vorzeigen, um weiter an Spenden heranzukommen. Dazu hat sich die Konzentration nahezu aller NGOs auf „Single Point Issues“ bewährt. In der wirklichen Welt hängt jedoch alles mit allem zusammen.

    Die kalifornische Anthropologin Shirley Strum studierte, ähnlich wie die Schimpansenforscherin Jane Goodall, 14 Jahre lang Paviane – auf einer englischen Rinderfarm in Kenia, die 18.000 Hektar umfaßte. Als diese verstaatlicht wurde und man Kleinbauern auf dem Land ansiedelte, kam es zum Konflikt: Die Paviane plünderten deren Maisfelder. Dabei wurde immer wieder einer der Räuber getötet. „Ich hasste die Bauern,“ schrieb Shirley Strum in ihrem Buch „Leben unter Pavianen“. Dennoch bemühte sie sich um Deeskalation. Sie war während ihrer 13jährigen Feldforschung nicht ganz so menschenfeindlich geworden wie ihre US-Wissenschaftskollegin Dian Fossey, die Berggorillas in Ruanda studierte. Die FAZ schrieb über die 1985 von einem US-Kollegen ermordete Forscherin: Ihre Begabung, sich in das Wesen der Gorillas einzufühlen, habe in „extremem Gegensatz zu ihrer Unfähigkeit gestanden, im zwischenmenschlichen Bereich Feingefühl, Diplomatie oder Kompromissbereitschaft zu zeigen“. Shirley Strum erreichte es zusammen mit einem US-Kollegen, den sie später heiratete, dass eine Schule für die Bauern gebaut wurde und man ihnen Landwirtschaftskurse sowie „Wildlife-Erziehungsprogramme“ anbot. Zwar änderte sich daraufhin ihre Einstellung gegenüber dem US-Forschungsvorhaben – bis dahin, dass einer der Bauern meinte: „Lieber haben wir Überfälle durch die Paviane und ein Pavian-Projekt, das sie studiert und uns hilft, als keine Paviane und kein Projekt,“ aber schließlich mußte die Forscherin mit ihren etwa 120 Paviane doch weichen: 1984 fing sie die Tiere ein und siedelte sie auf dem Gelände einer anderen Farm in Kenia an. Sie selbst kaufte sich mit ihrem Mann ebenfalls eine Farm – in der Nähe der Hauptstadt Nairobi. Ein anderer US-Anthropologe, Robert Sapolsky, erforschte ebenfalls jahrzehntelang Paviane in Kenia. Diese lebten in einem Schutzgebiet, das dann jedoch zerstört wurde – und mit ihm die Pavianhorde. Sapolsky kehrte daraufhin nach Amerika zurück, wo er sich seitdem mit den neuronalen Ursachen von Depressionen befaßt.

    Von einer anderen Vertreibung berichtete die in New York lehrende Anthropologin Paige West, die auf Papua-Neuguinea acht Jahre lang Menschen studierte – den Stamm der „Gimi“. Um deren Lebensraum war ferner die US-Naturschutzorganisation „Biodiversity Conservation Network“ (BCN)“ besorgt. U.a. kartographieren die BNC-Ökologen, ähnlich wie die Geologen früherer Zeiten, die im Auftrag von Staaten und Bergbauunternehmen unterwegs waren, eine „definierte Fläche“ im Hinblick auf seine Bodenschätze. Nur dass es hier jetzt im Auftrag von Pharma- und Gentechnik-Unternehmen um lebende Organismen ging. „Ziel von BCN war es“, schreibt Klaus Pedersen, „das soziale Leben der Gimi innerhalb von vier Jahren naturschutzkompatibel umzukrempeln“. Paige West bezeichnete deren Aktivitäten zusammenfassend als eine „neoliberale Herangehensweise an den Naturschutz.“ Das Problem bestand nicht darin, dass die Gimis dem Wald, den Pflanzen und Tieren einen anderen „Wert“ beimaßen als die Ökoaktivisten von BCN, sondern darin, dass sie diesen „Dingen“ überhaupt keinen Wert beimaßen, weil sie sich nicht als getrennt von ihnen begriffen. Pedersen zitiert dazu einen Dorfältesten aus Kamerun: „Der Wald gehört nicht uns. Wir gehören dem Wald. Mó-bele hat ihn als unser Zuhause geschaffen. Wenn wir nicht im Wald leben, wird Mó-bele wütend, weil dies zeigt, dass wir Mó-bele und seinen Wald nicht lieben.“

    Statt von einer Ökonomie sollte man ihre Wirtschaftsweise besser als „anökonomisch“ bezeichnen, schlug deswegen Jacques Derrida vor. Diese hat auch in anderer Hinsicht Folgen: Eine Mitarbeiterin einer Umweltschutzorganisation, die sich in Laos engagierte, meinte auf der Veranstaltung mit Mac Chapin: „Wir standen unter dem Zeitdruck, dort in fünf Jahren etwas zu erreichen, die Indigenen hatten jedoch ein ganz anderes Zeitkonzept.“ Und auch ganz andere Mittel: Ich sprach einmal mit zwei „Health-Officers“ aus Papua-Neuguinea, die sich auf Einladung der UNESCO zur medizinischen Weiterbildung in Manila befanden: Sie gewährleisteten die medizinische Versorgung und Gesundheitsprävention in schwer erreichbaren Gegenden, in einem lebten auch ihre Eltern als Subsistenzbauern. Ihr Rang war etwas unterhalb von ausgebildeten Krankenschwestern, man könnte sie als „Barfußärzte“ bezeichnen, eingebunden jedoch in ein englisches Gesundheitssystem, das kostenlos war. Einer der beiden „Health-Officer“, er war etwas devoter als der andere, bezeichnete die „Heiler“ und „Zauberdoktoren“, die Geld für ihre Behandlung nahmen, als seine „Hauptgegner“, die er bekämpfte, indem er sie als „Betrüger“ entlarvte. Während der andere, der souveräner wirkte, bei dem „Hauptproblem“ in seiner Region – die Bisse einer bestimmten Giftschlange – sogar die „Heiler“ um Unterstützung bat, die in solchen Fällen die Bißstelle mit Lehm und bestimmten Pflanzensäften beschmierten und dazu Zaubersprüche murmelten: „Das hilft fast immer – und ich spare mein teures Serum,“ erklärte er mir.

    Die Allmende, das Gemeineigentum (oder „Common), das jeder nutzen, aber keiner besitzen darf, wird weltweit immer kleiner, allerdings erstarkt auch der Widerstand – gegen seine Privatisierung (die bis hin zur Patentierung von Zelllinien geht) sowie gegen die Vernutzung auch noch seiner letzten Ressourcen. Das geschieht ebenfalls weltweit. Gleichzeitig wird in den industrialisierten Ländern infolge des Internets die Forderung nach Übertragung der neuen virtuellen Allmenden (freie Software, Linux, Wikipedia) auf die Realökonomie laut. Also auf eine Ausweitung der Kampfzone. Von ihren um Patentschutz und Kopierverbot besorgten Gegnern (Universitäten und Konzernen) werden diese Vorkämpfer einer neuen „Peer-Ökonomie“ als (kriminelle) „Netz-Piraten“ beschimpft. Während umgekehrt die Menschenrechtler und die um freie Nutzung etwa des Saatguts besorgten „NGO“s (Via Campesina z.B.) von „Biopiraterie“ sprechen, wenn Konzerne – wie Monsanto, Unilever oder BASF – Anspruch auf Saatpatente anmelden oder das „Wissen ganzer Stämme (um den Nutzen bestimmten Pflanzen z.B.) klauen“, wie der „Planet Diversity“-Kongreß 2008 in Bonn befand. Er wurde von der anthroposophischen „Zukunftsstiftung Landwirtschaft“ organisiert, namentlich von Benny Härlin, der zuvor bei Greenpeace arbeitete und früher Hausbesetzer sowie taz-Lokalredakteur war. Heute organisiert er die Kampagnen gegen Genmais-Anbau. Den Begriff der „Biopiraterie“ hatte zuvor bereits die indische Ökofeministin Vandana Shiva popularisiert, deren gleichnamiges Buch 2002 auf Deutsch erschien.

    Aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Böse so nah ist?! Überall mehren sich die Zwangsnomaden. Und alles kann privatisiert werden – sogar die Sonne und der Wind. In Deutschland wurden einst die Windkraftanlagen gegen die Gebietsschutz beanspruchenden Stromkonzerne und den Staat durchgesetzt – von unten, aber kaum hatten die „local people“ das geschafft, wurde ihnen das Geschäft von den selben Konzernen abgerungen, die nun mit internationalem Venture-Kapital von oben den Gemeinden und Dörfern ganze „Windparks“ vor die Tür knallen. Im Alten Land bei Hamburg versuchte der Senat und der Airbus-Konzern ein Obstbauerndorf per Gesetz zu enteignen, um die Landebahn für ein neues noch größeres Flugzeug zu erweitern. Auf der Eiderstedter Halbinsel gibt es nicht nur einen Widerstand gegen die meist grünen Naturschützer, die hier laut Aussage des Kehdinger Bauern Schmoldt gegenüber dem Spiegel „das Land beherrschen wie einst die Gutsherren“, sondern auch einen wachsenden Unmut gegen die staatlichen grünen BSE-Maßnahmen – vor allem um die existenzzerstörenden Massentötungen von Rindern zu verhindern .Und in der Lausitz baggert der schwedische Energiekonzern Vattenfall trotz Widerstand ein sorbisches Dorf nach dem anderen ab, jüngst wurde gerade das schönste dort – Horno – „devastiert“.

    Die letzten Regenwälder der Welt werden vor allem von Öl- und Gasgesellschaften heimgesucht, meinte Mac Chapin, „die großen Umweltschutzorganisationen bekommen Geld von ihnen – und sagen deswegen nichts zu deren Zerstörungen“. Diese Erfahrung machte er in Brasilien, bestätigt wurde sie von der Kassler Soziologin für Entwicklungsländer Clarita Müller-Plantenberg, die Mac Chapin mit Hilfe ihrer Organisation „Forschungs- und Entwicklungszentrum Chile-Lateinamerika“ (FDCL) nach Deutschland eingeladen hatte. Ein im Publikum sitzender Entwicklungshelfer berichtete später von einer ähnlichen Erfahrung in Peru. Zwar gibt es allein in Lateinamerika noch insgesamt 40 Millionen Indigenas, aber viele Völker sind schon so dezimiert, dass die im märkischen Naturschutzgebiet Brodowin von der Biologin Hannelore Gilsenbach redigierte „Zeitschrift für gefährdete Völker – Bumerang“ mitunter sogar ihre kleinsten Ausbreitungserfolge für anzeigenswert hält. Im letzten Heft heißt es z.B.: „Die ‚Negrito‘-Ureinwohner der Andamanen vom Volk der Onge freuen sich über die Geburt eines Mädchens. Es kam am 9.Juli 2008 in Dugong Creek gesund auf die Welt. Damit stieg die Zahl der Onge auf 98 Menschen.“ An anderer Stelle wird vermeldet, dass der kanadische Premierminister sich bei den nahezu zehntausend Ureinwohnern des Landes für ihre jahrelange Mißhandlung durch weiße Erzieher entschuldigt habe: Diese hätten versucht, „den Indianer im Kind“ zu töten. Im Gegensatz zur australischen Regierung, die sich bei „ihren“ Ureinwohnern nur entschuldigte, sicherte ihnen die kanadische auch noch eine Entschädigung in Höhe von zwei Milliarden Dollar zu.

    Ein Zehntel der Fläche Brasiliens und ein Viertel der Fläche von Kolumbien sind als Indigene Territorien und ein Drittel der Mongolei ist als Nationalpark ausgewiesen. „Aber“, wie mir ein Förster und GTZ-Mitarbeiter in der Wüste Gobi, wo der Nationalpark alleine 5,4 Millionen Hektar umfaßt, sagte: „das meiste steht nur auf dem Papier“. Immerhin gelang es der GTZ dort, die Viehzüchter in 80 Kooperativen zu organisieren und in die Nationalparkverwaltung einzubinden. Daneben profitieren diese auch vom neuen Naturtourismus. Bisher mußte noch niemand aus der Gobi mangels einer Erwerbsmöglichkeit wegziehen, dafür nahmen die „Communities“ jedoch schon viele Viehzüchter aus anderen Teilen der Mongolei auf, wo sie von großen Bergbauvorhaben vertrieben wurden. Und statt der „Armutswilderei“ gibt es im Gobi-Nationalpark heute nur noch gelegentlich eine „Neureichen-Wilderei“.

    Die Zerstörung der Regenwälder begann laut Mac Chapin in den Fünfziger- und Sechzigerjahren: Bis dahin hatten Malaria und Gelbfieber noch jedes Kolonisierungsprojekt verhindert: „die Hälfte der Leute starb jedesmal.“ Aber dann wurde 1. das DDT entwickelt – und von den amerikanischen Soldaten zum ersten Mal im Krieg gegen Japan eingesetzt, 2. 1947 die Motorsäge erfunden – in Oregon, und 3. Straßenbaugeräte und die Asphaltierung. Dies geschah überall auf der Welt – und bis heute, wobei die medizinischen Mittel immer besser wurden, die Straßenbaugeräte immer größer und die Motorsägen immer mehr. Ein ehemaliger Umweltschützer, der im Publikum saß, ergänzte Mac Chapins Ausführungen dahingehend, dass ein Teil dieser „Errungenschaften“ auch den indigenen Völkern zugute komme. In dem Teil Boliviens, wo er arbeitete, hätten sie das dortige Ökoystem allerdings völlig zerstört, allein „weil sie zu viele waren“.

    Dieses Problem – der „Überbevölkerung“ einer Region – hat Timothy Mitchell thematisiert – am Beispiel Ägyptens. Sein Text „Das Objekt der Entwicklung“ erschien gerade auf Deutsch in dem Reader „Vom Imperialismus zum Empire“, den der Afrikanist Andreas Eckert und die Ethnologin Shalini Randeria herausgaben, um zu dokumentieren, wie sich die Globalisierung aus Sicht der Dritten Welt darstellt. In Ägypten waren es Weltbank und IWF, die aus einem Lebensmittel-Exportland mit Hilfe ihrer Agrarexperten ein Getreide-Importland machten, wobei aus dem riesigen „Freiland-Gewächshaus“ des Nil-Schwemmlandes armselige Weiden für deutsche Rinderzuchten wurden – und zigtausende von Fellachen in die Städte abwandern mußten. Seitdem sprechen die westlichen Experten dort malthusianisch-zynisch von „Überbevölkerung“. In Vietnam, wo die US-Luftwaffe mit dem Entlaubungsgift „Agent Orange“ Ähnliches anrichtete, sprachen US-Soziologen von einer „nachgeholten Urbanisierung“. Während man in China und im Iran die „Überbevölkerung“ durch Umwandlung von Weide- in Ackerland und die Ansiedlung von immer mehr Seßhaften auf Nomadenland forciert. Die Mongolen in China fühlen sich bereits auf ihrem eigenen Territorium als Minderheit bedroht, zumal der Staat auch noch ihre Kultur als sezessionistisch angreift.

    Die Veranstaltung im Kreuzberger Mehringhof endete versöhnlich: „Menschenrechtler wie Umweltschützer,“ so meinte einer aus dem Publikum, „müßten in einen Dialog mit den Vorstellungen und Ideen der Indigenen treten“, bisher hätten sie sich damit noch nie richtig auseinandergesetzt.

    Die Mitarbeiter der GTZ-Ökoprojekte in der Mongolei haben das bisher sehr wohl getan – indem sie sich hüteten, „als Experten aufzutreten“. Eine Viehzüchterin aus der Wüste Gobi erzählte mir: „Nach 1990 war jede Familie auf sich selbst gestellt, und sie wanderte so gut wie gar nicht. Das konnte nur durch die Communities gelöst werden. Das sind Kollektive wie im Sozialismus, aber diesmal bestimmen wir selbst, was zu tun ist. Etwas 2000 Viehzüchter haben sich bisher hier zusammengeschlossen. Schon im ersten Jahr 1999 haben wir das Positive daran gemerkt. Nach sieben Jahren können wir nun sagen, dass es richtig war. Wir haben uns kundig gemacht, wie die negative Entwicklung zustande kam. Außerdem haben wir jetzt bessere Möglichkeiten, unsere Produkte zu vermarkten. Wir bekommen bessere Preise für Kaschmirwolle und Leder, die Schafwolle verarbeiten wir selbst. Die Wilderei hat völlig aufgehört und keine Familie sammelt mehr Feuerholz. Wir wissen heute, wie die Natur zu verbessern ist. Außerdem waren wir drei Mal im Ausland, haben viel gesehen und sind auf neue Ideen gekommen. Ich bin selbst ein Beispiel dafür: Obwohl eine einfache Viehzüchterin habe ich mich in den letzten Jahren sehr verändert und mein Leben verbessert. Wir sind 35 Familien, 144 Menschen und haben 7000 Tiere. 1999 ging es nur sechs Familien gut, der Rest war arm. Wir hatte keinen Zugang zu Informationen und waren zerstreut. Heute geht es uns allen gut.“

    Die Gobi-Nomaden sind Mitglied in der „World Alliance of Mobile Indigenous People“ (WAMIP). Einmal im Jahr treffen sich Delegierte von potentiell allen nomadischen Völkern zu einer internationalen Konferenz, die von der UNESCO gesponsort wird. 2005 fand sie in Äthiopien statt, Gastgeber waren hier die Guji-Oromo, die nahe am „Omo Nationalpark“ leben. Ende 2004 hatte die Polizei zusammen mit der Parkverwaltung 463 Hütten der Guji-Oromo niedergebrannt, um die Guji (nomadische Viehzüchter) und Kore (Mais- und Sorghum-Anbauer) aus dem Nationalpark und seiner nahen Umgebung zu vertreiben. Dieser wird von der niederländischen „African Parks Foundation“ gemanagt, die den Park zu „einer Attraktion für Dollar-Touristen ausbauen will“, wie die davon Betroffenen in ihrem Bulletin „The Human Cost of Tourist Dollars“ schrieben. Neben einer Kritik an solchen und ähnlichen Vertreibungsaktionen sprach sich der Kongreß der nomadischen Völker für eine Unterstützung des Widerstands der Massai in Kenia aus, die dafür kämpfen, dass ihre Weideflächen, die ihnen einst durch englische Kolonialverträge genommen wurden, für ihre Rinderherden wieder zugänglich sind. Außerdem wurde noch auf die anhaltende Verfolgung der „sea gypsies“ (Seezigeuner) in Burma und Indonesien aufmerksam gemacht, deren „Existenz als Kultur und Volk“ besonders gefährdet ist. Während es über die burmesischen „Meeresnomaden“ einige neuere Untersuchungen von französischen Ethnologen gibt sowie auch einen Dokumentarfilm, werden sie in Indonesien als „Piraten und Verbrecher“ begriffen – und seit Auflösung der DDR von der indonesischen Marine mit NVA-Schiffen verfolgt, die ihnen ihre Schiffe abnimmt oder versenkt. Ansonsten waren sich die etwa 120 Delegierten durchaus uneinig, ob sie für die Umwandlung der Weideflächen in Nationalparks oder für eine legale Selbstverwaltung ihrer Territorien votieren sollten, wie es einige Waldnomaden aus Peru forderten. In jedem Fall ging es um „den Erhalt der biologischen und kulturellen Vielfalt“. Im Herbst 2008 wurde das auf der Konferenz in Barcelona noch einmal in Form einer Deklaration bekräftigt. Obwohl die Naturschützer dies nur begrüßen können, gibt es doch einen gravierenden Unterschied zwischen ihnen und den nomadisch lebenden Indigenen: Während die Nomaden den Raum beherrschen, nehmen die Seßhaften ihn in Besitz, sie zerstückeln und markieren ihn, um ihn aufzuteilen. Zwar hat auch der Nomade Punkte (Wasserstellen, Winterplätze, Versammlungsorte), aber die Frage ist, was ein Prinzip des nomadischen Lebens ist und was nur eine Folge: „die Punkte sind den Wegen, die sie bestimmten, streng untergeordnet, im Gegensatz zu dem, was bei den Seßhaften vor sich geht,“ schreiben Gilles Deleuze und Félix Guattari in „Mille Plateaux“. Während der Seßhafte „einen geschlossenen Raum unter den Menschen aufteilt, verteilt der Nomade die Menschen und Tiere in einem offenen Raum, der nicht definiert und nicht kommunizierend ist“. Anny Milovanoff kommt in „La seconde peau du nomade“ (Die zweite Haut des Nomaden) zu dem Schluß: „Der Nomade hält sich an die Vorstellung seines Weges und nicht an eine Darstellung des Raumes, den er durchquert. Er überläßt den Raum dem Raum.“

    (1) Der holländische Autor Midas Dekkers fragte einmal den Tierfilmer Sir David Attenborough, ob die Primatenforscherin Dian Fossey, mit der Attenborough befreundet gewesen war, nicht zu weit gegangen sei – bei ihrer Verteidigung der Berggorillas gegenüber den von ihr sogenannten Wilderern: „Ja,“ antwortete der. „Und sie ging überhaupt zu weit in ihrer Abneidung gegen die Afrikaner. So ließ sie die Bauern in Ruanda wissen, dass sie ihr Vieh nicht im Naturpark weiden lassen durften. Aber es ließ sich kaum sagen, wo der Park begann und endete. Und die armen afrikanischen Bauern hatten nur wenig zu essen. Wenn ihr es doch tut, sagte sie, treffe ich Gegenmaßnahmen. Trotzdem tat es einer von ihnen. Also jagte sie jeder seiner Kühe eine Kugel ins Rückrat. Sie tötete sie zwar nicht, doch sie lähmte sie und raubte dem Besitzer damit Hab und Gut.

    Einst verschwand ein Gorillababy. Dian glaubte, zu Recht oder zu Unrecht, dass sie den täter kannte und kidnappte seinen Sohn. Sie band Afrikaner mit Stacheldraht an einen Baum und prügelte sie durch. Das ist keine Art, um die Unterstützung der ansässigen Bevölkerung zu bekommen. Wie auch immer – seit dem Tod von Dian Fossey [sie wurde 1985 ermordet] ist kein einziger Gorilla mehr verschwunden.“

    Über eine ganz andere Form der Auseinandersetzung berichtete 2008 der Ethnologe Werner Krauss: In seiner Studie „Die ‚Goldene Ringelgansfeder'“ geht es um die langjährigen Kämpfe zwischen wissenschaftlichen Naturschützern und bäuerlichen Kulturschützern im Nationalpark Wattenmeer an der Nordseeküste. Wobei der Autor sich als teilnehmender Beobachter und Berichterstatter von der forschungspolitischen „Akteur-Netzwerk-Theorie“ des Wissenssoziologen Bruno Latour leiten ließ, die nahelegt, vorderhand keine Entscheidung zwischen Natur und Gesellschaft, Subjekt und Objekt, Fakten und Fetische (mehr) zu treffen.

  • Kann es sein, dass die letzten Indianer in ihrer traditionellen Lebensweise nicht mehr zu retten sind?

    Der polnische Soziologe Zygmunt Baumann spricht vom Elend der „Überflüssigen“ – also von all jenen, die weltweit eine neue Existenzweise suchen – und dabei jedoch nicht mehr wie noch vor 150 Jahren auf so genanntes „unterbesiedeltes Land“ auswandern können.

    Damals stellte der US-Präsident Theodore Roosevelt die Ausrottung der büffeljagenden Indianer durch diese meist aus Europa kommenden armen Siedler und Pioniere noch als einen „gerechten Krieg“ dar: „Dieser großartige Kontinent konnte nicht einfach als Jagdgebiet für elende Wilde erhalten werden,“ sagte er.

    Slavoj Zizek meinte unlängst in der Volksbühne:

    Die Araber sind für die Israelis das, was die Indianer für die weißen Amerikaner waren.

    Zwei alte SED-Funktionäre meinten neulich zu mir:

    Wir sind die letzten Indianer.

    Ähnlich äußerte sich auch einmal der Lette Indulis Bilzenz:

    Wir Letten sind die letzten Indianer Europas.

    Den Kulturforscher Joachim Schivelbusch inspirierte die Eroberung der DDR durch die BRD zu einer Kulturgeschichte der Niederlage:

    Er thematisierte darin u.a. den „amerikanischen Süden“, dessen Niederlage im Bürgerkrieg 1861 bis 1865 und die anschließende Wiedervereinigung zwischen dem Süden und dem Norden die deutsche „Wende“ 1989/90 vorwegnahm. Auch dort wurden zunächst die ökonomischen Grundlagen zerstört, woraufhin das Land von unternehmungslustigen Yankees geradezu überfallen wurde, die es einem „reconstruction“ und „reeducation“-Program unterwarfen. Zunächst dominierten die (ritterlichen) „Joint-Ventures“, dann ging es nur noch um Abwicklung und strengstes Wirtschafts-Regiment. Derweil versank das Land völlig in Armut. Während die Meinungsführer von einem „New South“ sprachen und behaupteten, es gehe nun aufwärts, waren die Reisejournalisten entsetzt über „die Ruinenlandschaft der Städte und Plantagen“. Und es wurde immer schlimmer – ökonomisch und kulturell: bis heute. Auch die Hoffnung auf frische, arbeitswillige Einwanderer zerschlug sich schnell. Nur die „Eskapismusindustrie“ (à la MDR) blühte. All das führte dazu, daß man die Vergangenheit im Süden nostalgisch verklärte. Etwa so wie ein Mitarbeiter des Deutschen Historischen Museums in Ostberlin rückblickend meinte, „gegenüber dem neuen Direktor Stölzl war unser Chef doch der reinste Menschenfreund“.

    Bereits in „Onkel Toms Hütte“ wurde der gute willensschwache alte Plantagenbesitzer aus dem Süden dem zugewanderten sklavenschindenden Yankee-Bösewicht entgegengesetzt. Bald erkannten immer mehr Intellektuelle im Norden (Westen), daß die Niederlage des Südens (Ostens) auch ihre eigene war. Viele starben weg oder verfielen dem Suff, sie fühlten sich laut Henry Adams „wie die letzten Indianer und Büffel“.

    Aus einem taz-Artikel über die Trockenlegung des Oderbruchs:

    Die innerdeutschen Landgewinnungsprojekte begannen etwa zur gleichen Zeit wie die nordamerikanische Besiedlung durch europäische Einwanderer. Was dort dann jedoch die immer weiter in den „Wilden Westen“ verschobene Frontier (die Zivilisationsgrenze) war, geschah hier nach Osten hin, den man nach 1990 ebenfalls als „wild“ bezeichnete. Und so wie man in Amerika die Indianer bekämpfte, ging es hier gegen die Polen, die von den Nazis dann gleichfalls als „Indianer“ bezeichnet wurden – vor allem, als sie begannen, sich zu Partisanengruppen zu formieren, und aus den riesigen Sümpfen und Wäldern heraus die deutschen Soldaten und Neusiedler angriffen.

    Bereits Friedrich der Große hatte „das liederliche polnische Zeug“ mit „Irokesen“ verglichen, und den neuen „geometrisierten deutschen Dörfern Namen wie Florida, Philadelphia und Saratoga“ gegeben. Der Generalgouverneur des besetzten Polen Hans Frank bezeichnete darüberhinaus 1942 auf einer Parteiversammlung in Lemberg die Juden als „Plattfußindianer“. Adolf Hitler befahl etwa zur gleichen Zeit – angesichts der sich entfaltenden Partisanenkriegs im Osten: „und immer aufknüpfen! Das wird ein richtiger Indianerkrieg werden.“

    Der polnische Schriftsteller Ludwik Powidaj hatte bereits 1864 in seinem Essay „Polacy i Indianie“ das Schicksal der amerikanischen Indianer dargestellt und dabei die Frage gestellt: „Welcher Pole wird darin nicht die Lage seines eigenen Landes erkennen?“ Nachdem Ostelbien kommunistisch geworden war, entstand dort eine ganze Indianerbewegung, die offiziell „Indianistik“ betrieb, d.h. sich dem Studium der Ureinwohner Nordamerikas widmete, die als Pioniere im Kampf gegen den Imperialismus begriffen wurden. Einige Aktivisten sahen darüberhinaus aber auch Parallelen zwischen den letzten Indianern und sich – den Bewohnern der Ostzone: „Wir lebten in der DDR ja auch in einem Reservat.“

  • Krisenkulte, die die Indianer bereits hinter sich haben:

    Nach dem „Scheitern“ kriegen wir es jetzt mit dem „Krisen“-Begriff zu tun. Das „Krisenzentrum für weibliche Komik“ an der UdK zeigte kürzlich „La Derniere Crise – Frauen am Rande der Krise“ in den Sophiensaelen. Kurz danach veröffentlicht die berühmte Lehrerin und Bloggerin „Fräulein Krise interveniert“ ihre Geschichten für viel Geld als Buch. Hier wie dort wandert eine weibliche „Krise“ von online quasi zu inline. Während ihre psychologische Vorgängerin – die Hysterie – zu den Männern übergewechselt ist, wo man sie jedoch als Sexualhormon-Überdruck eher abtut als therapiert. Dies bewirkt auf der anderen Seite anscheinend, dass „Frauen in der Krise nach der Macht greifen“ (Der Spiegel). Die „Krise als Chance“ – so sehen das auch viele Selbsthilfsgruppen für „Frauen in Lebenskrisen“.

    Die Frauenzeitung „Brigitte“ nannte bereits ihre Krisen-Studie 2009 „Frauen auf dem Sprung“. Das Onlineforum „pariser stadtgeflüster“ freute sich darob: „Weltweite Krise: die Frauen ans Werk!“ Und die Zeitung des Frauenberufszentrums Bergisch Land titelte: „Mit Frauen aus der Krise“. Selbst der „Finanzberater Cosmopolitan“ weiß, „Warum Frauen besser durch die Krise kommen“. Umgekehrt sprach die Journalistin Ute Scheub von einer „Männerkrise“ – von „Heldendämmerung“ gar, und „Emma“ von einer „Überraschung: Die Krise hat Männer so gebeutelt, dass der Weg frei wird für Frauen“.

    Die feministische Linke, in Sonderheit das Schweizer „Genderportal“, sieht das ganz anders und behauptet stattdessen: „Frauen als Verliererinnen der Krise“. Und das nicht ganz zu Unrecht, denn wenig später kam eine US-Arbeitsmarkt-Studie bereits zu dem Ergebnis: „Frauen sind die Verlierer der Finanzkrise“. Selbst hierzulande bekamen die „Frauenkrisentelefone“ bald „erheblich“ mehr zu tun. Hinzu kam nämlich auch noch eine Zunahme der „Ehekrisen“ – unter denen die Frauen bekanntlich mehr leiden als Männer, warum, weiß man noch nicht genau. Zumal eine „Fit for Fun“-Expertenrecherche uns zur gleichen Zeit mit dem Ergebnis kam: Frauen suchen in der Krise „Geborgenheit“, deswegen „profitieren Paare von der Krise“. Was u.U. jedoch durchaus wieder zu Gunsten der Männer ausgehen kann – wie der „Weltbund zum Internationalen Frauentag“ warnt: „Größeres Risiko von Gewalt gegen Frauen in der ökonomischen Krise“. Dem schloß sich die WAZ an: „Frauen sind Hauptopfer der Finanzkrise“. Was der „Informationsbrief Weltwirtschaft“ dann auch noch auf deren Kinder erweiterte: „Wie die 3-F-Krise Frauen und Kinder trifft“. (Mit den 3 F sind die drei berühmten Dinge gemeint, die jeder Mann braucht: Food, Fuel und Finance.)

    Eine der wenigen Medien, die new-age-optimistisch grundgestimmt stur dagegen hielten, war Florian Rötzers Wissensforum „telepolis“, indem es z.B. „Die Schönheit der Frauen in Zeiten der Krise“ herausarbeitete. Auch das immer mehr Frauen plötzlich „Irgendwas mit Medien“ machen wollten, trug – mindestens im Umfeld der Programmverantwortlichen – durchaus zur Stimmungsaufhellung bei. Nicht jedoch bei der Süddeutschen Zeitung, die einen männiglichen Artikel über „Kündigungen“ mit: „Krise trifft Männer stärker als Frauen“ übertitelte. Schon wenig später kam eine geschlechterdifferenzierte Lebensgefühls-Untersuchung umgekehrt zu dem selben Ergebnis: „Frauen fühlen sich als Gewinner der Krise“. Wohingegen eine urban-rural-differenzierte UNO-Studie nachwies, dass „die Krise Frauen auf dem Land härter trifft“ bzw. wie „clio-online“ präzisierte: „Die Krise der Männer“ bewirkt eine Mehr-„Arbeit der Frauen“. Und das war nicht positiv gemeint. Erwartungsgemäß schloß sich diesem Negativbefund das „diva-portal.org“ an.

    Als dann auch noch der „Frauenbund“ forderte: Die „Frauen angemessen an der Bewältigung der Finanzkrise [zu] beteiligen“, hielt die Bild-Zeitung nichts mehr, das Krisenthema auf ihre übliche autoritäre Kurzformel runterzubrechen: „Krisen-Gipfel im Kanzleramt: Warum saß keine weitere Frau am Tisch?“ Das inspirierte immerhin den Partivorsitzenden Rösler zu einer Lösung seiner „FDP-Krise: Jetzt sollen die Frauen ran…“ Andere deutsche Dumpfmeister machten in dieser Situation erneut auf Ost-West-Unterschiede aufmerksam: Während eine Focus-Umfrage ergab: „Ossi-Frauen trotzen der Krise“, sah eine DGB-Migrantinnenstudie West-„Frauen in der Krise“. Dort bemerkte die Rheinische Post jedoch gleichzeitig auch „Immer mehr reiche Frauen“. Zugleich reagierten aber auch „immer mehr Frauen“ auf die Krise mit einer sie eher arm machenden Schwangerschaft.

    Die Beratungsstellen warnten: „Weitaus mehr Frauen als man allgemein vermutet, geraten vor oder nach der Geburt ihres Kindes in eine seelische Krise.“ Die Wirtschaftsforscher beruhigten sie jedoch: „Die Wirtschaftskrise wird langfristig zu einem Geburtenrückgang führen“ – was sich jedoch schon bald wieder zu der Negativschlagzeile „Krise torpediert Familienplanung vieler Frauen“ verdichtete.

    Fassen wir zusammen: Einerseits heben die Krisendiskurse (und damit das Krisengerede) auf den Gewinn ab, den Frauen von der Krise erwarten können, andererseits werden sie dadurch noch mehr beansprucht, sogar existentiell gefährdet.

    Erwähnt sei ferner das Buch von taz-Redakteur Felix Lee über China: „Die Gewinner der Krise“

    Das Wort Krise leitet sich ab vom griechischen Wort „crisis“: Entscheidung. Von da aus ist es nicht mehr weit bis zum „Krisenkult“ – den man auch als ein letztes Aufbäumen bezeichnen kann.

    Berühmt wurden in diesem Zusammenhang die „Geistertänze“ in den 1860er-Jahren: Sie drückten die verzweifelten Hoffnungen einiger nordamerikanischer Indianerstämme aus – und waren laut der Historikerin Anjana Shrivastava beseelt „vom Verschwinden aller Weißen und der Rückkehr der Bisonherden. Diese Heilslehre breitete sich wie ein Feuer über die trockenen Ebenen der ihnen noch verbliebenen Territorien aus. Die indianische Euphorie drückte sich in sogenannten Geister-Tänzen aus, die Männer und Frauen bis zur Erschöpfung veranstalteten. Eine solche Tanz-Zeremonie – auf dem Pine Ridge, South Dakota – war es dann auch, aus der sich 1890 die Schlacht am Wounded Knee entwickelte, die den Endsieg der Weißen über die Indianer bedeutete. Bei ihren Tänzen trugen die Siuox Baumwollhemden, die sie mit Symbolen der Erweckungsbewegung bemalt und deren Ränder sie ausgefranst hatten, damit sie ihrer traditionellen Lederkleidung ähnelte, die sie nicht mehr besaßen.“

  • In Deutschland Ost wie West haben es die Indianer leichter als in den beiden Amerikas – dies läßt sich am Beispiel von „Winnetou“ beweisen:

    Jörg Schröder ließ sich, noch als März-Verleger, in der taz einmal über Karl May, Arno Schmidt und Fußball aus – und darüber, wie er diese drei Dinge in den Sechzigerjahren hassen lernte. „Maggi Pur“ hieß seine 1983 veröffentlichte Suada: „Und Karl May war endlich auch durchschaut: was für ein widerlicher, blöder, verkappter protofaschistischer deutscher Autor er ist. Und prompt kommt dieser Arno Schmidt in den frühen Sechzigern mit seinem ekelhaften Blick und den grässslichen Augen in dem schrecklichen Gesicht – und seiner Karl-May-Analyse angewackelt und erklärt mir, daß die Appalachen eigentlich Arschfalten sind. Na, das brauchte der mir doch nicht auszudeuten, das haben wir gelebt als Kinder, was die Karl-May-Werke für Wichsvorlagen sind. Glücklich davon entwöhnt und ebenso von den rennenden Menschen auf den Fußballfeldern, ruckt jetzt alles wieder hoch.“ Und wie! Nicht nur Fußball.

    So veranstaltete z.B. das Deutsche Historische Museum kürzlich eine ganze Ausstellung über „Karl May“ – und seine „Imaginären Reisen“. Den Karl-May-Verächtern und -Kritikern versicherte ein Professor Zeilinger, Mitglied in der Karl-May-Gesellschaft, im Katalog: „Nicht nur der junge Hitler hat Karl May gelesen, sondern auch Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Karl Liebknecht und Albert Schweitzer. Die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner bezeichnete May als ihren Gesinnungsgenossen, und Adolf Hitler, der May nur sehr selektiv gelesen hatte, war ja weit entfernt von Mays Postulat, der Mensch müsse sich vom Gewaltmenschen zum Edelmenschen verwandeln.“

    Schon Ernst Bloch äußerte einst liebvoll über Karl May: „Dieser wunderbare Proletarier hat sich den Traum von seiner Welt aus der Seele geschrieben.“ Diese „Welt“ war kleinbürgerlich und von Heimatkitsch durchdrungen, sie trat gegen die zersetzende Großstadtliteratur an – und ihre Lichtgestalt hieß „Winnetou“. Noch 1943 ließ Adolf Hitler trotz Papiermangel 300.000 Exemplare des Winnetou-Bandes drucken, um die Frontsoldaten mit diesem vorbildlichen Helden anzuspornen (im Ersten Weltkrieg hatte man ihnen – schon vor dem Fronteinsatz – Goethes „Faust“ in den Tornister gepackt).

    Für den jungen Hitler war seinerzeit in Wien ein Vortrag von Karl May so etwas wie ein Gottesdienst gewesen. U.a. lernte der Damals-noch-nicht-Führer aus den Karl-May-Büchern fürs spätere Leben – wie man z.B. eine Armee in der afrikanischen Wüste befehligt, ohne jemals dort gewesen zu sein. Albert Speer riet deswegen nach dem Krieg allen Hitler-Biographen, Karl May gründlich zu studieren, um die Seele des Führers zu verstehen.

    Dazu erschienen gerade drei neue Bücher, zuvor waren bereits fünf veröffentlicht worden: „Karl May in Berlin – Eine Spurensuche“ (von J.Zeilinger), „Auf Karl Mays Fährte“ (von F.Gusky und W.Ollbrich), eine „Karl May-Chronik“ (von D.Sudhoff und H.D. Steinmetz), ein Dokumentenband „Karl May und seine Zeit“ (von G.Klussmeier und H.Plaul), ein neues „Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft“ und eine etwas breiter angelegte Populärliteraturanalyse von H.Schmiedt mit dem Titel „Dr.Mabuse, Winnetou & Co“

    Um die Seele der postfaschistischen Deutschen – wenigstens der im Westen – zu verstehen, muß man weniger die Winnetou-Bände als den Winnetou-Verkörperer in den Karl-May-Filmen, – Pierre Brice – studieren. Der 1929 geborene Kriegsfreiwillige eines Partisanenvernichtungskommandos in Indochina war zunächst Fotoroman-Model in Paris geworden. In der dortigen Filmbranche fand er jedoch keine „Clique“ – und ging deswegen als Schauspieler nach Rom (wo er u.a. „Zorro“ und „Robin Hood“ spielte). 1959 wurde er auf der Berlinale von Horst Wendland als „Winnetou“ entdeckt. Es entstand daraus 1962 abermals ein „Heimatfilm“, der jedoch erstmalig in einem fremden Land – in Amerika nämlich – spielte: „Der Schatz im Silbersee“. Er geriet zum teuersten, aber auch erfolgreichsten deutschen Film der Nachkriegszeit. „Pierre Brice gab Winnetou eine Seele,“ urteilte ein deutscher Professor jetzt in einem ARTE-Film über den Winnetou-Darsteller, der kürzlich ausgestrahlt wurde. Pierre Brice selbst meint darin: „Der berühmte Blick in die Ferne wurde mein Markenzeichen.“ Die Nazis wollten es kurz zuvor noch den Amerikanern nachtun und alle Russen als „Indianer“ ausrotten – sie waren auch sehr erfolgreich damit, aber nun ging es, anders als etwa in den US-Western, um eine Männerfreundschaft zwischen einem Weißen (Lex Barker) und einem Roten. Über Jahre wählte man den eher handelnden als dialogisierenden Apachen Pierre Brice dafür zum „beliebtesten deutschen Schauspieler“.

    Als er 1965 in „Winnetou 3“ starb, bekam 1. sein weißer „Mörder“ nie wieder eine Rolle in Deutschland und wurde auch nicht mehr auf Parties eingeladen, 2. organisierte „Bravo“ eine Kampagne: „Winnetou darf nicht sterben!“ Und so geschah es dann auch. Ein Karl-May-Experte erklärte sich das Phänomen so: „Er ist eine Erlösergestalt – jesusähnlich. Deswegen kehrte er auch auf die Erde zurück.“ Aber 1968 war dieses Comeback auf der Leinwand dann doch zu Ende: die Studentenbewegung räumte mit dem ganzen postfaschistischen Karl-May-Film-Muff auf, auch die unsäglichen „Heimatfilme“ verschwanden im Archiv. „Die Winnetoufilme waren in einer ästhetischen Sackgasse gelandet,“ so der Karl-May-Experte. Sie waren überdies nie – außer gelegentlich im sozialistischen Osten – über die ideologisch zu engen deutschen Grenzen hinweggekommen.

    Anfang der 70er-Jahre spielte Pierre Brice in einer neuen feministischen Science-Fiction-TV-Serie mit, die erstmalig in Farbe ausgestrahlt wurde. Er sehnte sich darin jedoch nach seinem alten „Männerplaneten“ zurück. Die Serie floppte, Brice fing an, Schlager zu singen, einer hieß „Winnetou“. Das war bereits ein Hilferuf, in seiner Verzweiflung heiratete er eine „Hella“. Aber all das war vergeblich. Erst als er 1976 wieder den Original-Winnetou gab – bei den Karl-May-Spielen im Sauerland, war „der Erfolg“ wieder „umwerfend!“ so Pierre Brice. Derweil ging es mit den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg bergab.

    Die dortige Betreibergesellschaft kürte schließlich einen freigekauften DDR-Cascadeur namens Peter Hicks, der bis dahin in Segeberg immer bloß den Bösen in Nebenrollen verkörpert hatte, zum Intendanten. Hicks, der seit der Wende die ehemaligen „Arbeiterfestspiele“ auf Rügen unter dem Logo „Störtebecker-Festspiele“ weiter betreibt, gelang es, Pierre Brice als Winnetou nach Bad Segeberg zu verpflichten. Das führte dazu, die Freiluft-Veranstaltung dauerhaft aus dem Minus zu katapultieren, wie Hicks sich erinnert.

    „Kein Schauspieler kann sich auf Dauer als Winnetou gegen Pierre Brice durchsetzen,“ erklärte dazu der Karl-May-Experte. Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse an Brice für sein Lebenswerk war deswegen überfällig. 1997 versuchte Brice in dem TV-Zweiteiler „Winnetous Rückkehr“ erneut ein Leinwand-Comeback. Danach war aber wirklich Schluß, d.h. er wirkte nur noch in der Vorabend-Serie „Ein Schloß am Wörthersee“ mit und warb im deutschen Fernsehen für den französischen Camembert „Val Bries“.

    2007 filmte Arte den 78jährigen noch einmal an all diesen o.e. Wirkungsstätten seiner kerndeutschen Winnetou-Werdung, die sich ironischerweise vor allem in Kroatien abspielte. Der Bretone Brice ist darüber jedoch eher trist geworden: „Am Ende gehöre ich immer noch keiner Clique an,“ meinte er fast erstaunt, während er sich seine einstigen Triumphe noch einmal im Kino ankuckte – ganz allein.

    Nun gibt bzw. gab es aber noch ein zweites – antifaschistisches – Deutschland. Hier warf man Karl May „Rassismus“ und „Deutschtümelei“ vor und benannte die Radebeuler „Karl-May-Straße“ deswegen gleich nach dem Krieg in „Hölderlinstraße“ um. Stattdessen wurde in der DDR der Indianer-Darsteller Gojko Mitic berühmt. Man nannte ihn bald den „Winnetou des Ostens“. Auch über ihn gibt es einen „Hommage“-Film: „Ein Leben als Indianer“ – man kann ihn als DVD bei der Firma „Icestorm“ bestellen, die regelmäßig ihre Filmware auch auf dem Rosa-Luxemburg-Kongress in Berlin verkauft. Dazu gehörfen sieben weitere Indianerfilme, in denen Gojko Mitic die Hauptrolle spielte.

    Der 1940 in Serbien geborene Mitic, desssen Vater im Krieg Partisan gewesen war, studierte Sport in Belgrad und wirkte nebenbei als Statist in italienischen Kostümfilmen mit. Ab 1964 bekam er kleine Rollen in den westdeutschen Karl-May-Filmen „Old Shatterhand“, „Winnetou 2“ und „Unter Geiern“, die in Jugoslawien gedreht wurden. Danach arbeitete er in der DDR: 1966 gab er den Lakota-Häuptling Tokei-ihto in dem DEFA-Film „Die Söhne der großen Bärin“ – nach einem 1951 im Berliner Verlag Lucie Groszer erschienenen „Millionenbestseller“ von Liselotte Weiskopf-Henrich.

    Ihr sechsbändiger Romanzyklus beruht im Gegensatz zu den Karl-May-Büchern auf „wissenschaftlichen Erkenntnissen“ und ist auch deutlich weniger vom Gut-Gegen-Böse-Schwarz-Weiß-Denken („der gute Rote Mann gegen den bösen Weißen Mann“) geprägt. Der Autorin galt die Gesellschaftsordnung der Prärieindianer als eine Form von „Urkommunismus“. Der Literaturwissenschaftler Thomas Kramer hat dazu Näheres in der Zeitschrift der Humboldt-Universität „Spektrum“ veröffentlicht – unter dem Titel „Tokei-ihto versus Winnetou“ (Heft 1/2001)

    Der DEFA-Spielfilm „Die Söhne der großen Bärin“ war ähnlich erfolgreich wie zuvor der Romanzyklus von Liselotte Weiskopf-Henrich: 10 von 17 Millionen DDR-Bürger sahen ihn sich an. „Gojko Mitic wurde Tokei-ihto und Tokei-ihto wurde Gojko Mitic,“ schrieb der Tagesspiegel. „Es gibt Schlimmeres als den DEFA-Chefindianer,“ so sah Gojko Mitic das. Seine DDR-Karriere wies dann erstaunliche Parallelen zu der von Pierre Brice in der BRD auf, so dass man hierbei geradezu von einer Konvergenz der Systeme sprechen kann. Ihre zwei Indianerrollen waren jedoch sehr unterschiedlich angelegt – und mitunter direkt auf das Heute bezogen.

    So etwa, wenn in dem DEFA-Indianerfilm „Blutsbrüder“ der in die DDR übergesiedelte US-Sänger und -Schauspieler Dean Reed mitspielen durfte, um die Überlegenheit des Kommunismus gegenüber dem Westen zu demonstrieren. In dieser zu Vietnamkriegszeiten verfilmten „Geschichte aus seiner Heimat“ geht es um das Massaker von Sand Creek in Colorado und Dean Reed gibt einen US-Soldaten, der wegen des menschenverachtenden Verhaltens seiner Kameraden gegenüber den „Indianern“ die Seiten wechselt, d.h. fortan mit „den Roten“ und Gojko Mitic gegen den Westen kämpft. Die spätere DDR-Autorin und Historikerin an der Humboldt-Universität Liselotte Welskopf-Henrich hatte schon als Elfjährige einen Brief an den damaligen US-Präsidenten Roosevelt geschrieben, in dem sie sich über die Vernichtung der Indianer durch die US-Truppen beschwerte. Zu ihrer und ihrer Eltern großen Überraschung beantwortete Roosevelt den Brief – und gelobte Besserung.

    Gojko Mitic gab bis 1975 jedes Jahr einen Indianerhäuptling, seine letzte diesbezügliche Rolle spielte er 1988 in dem Film „Präriejäger in Mexiko“. In Mexiko wirkte auch Pierre Brice einmal in einer Reihe halbwegs realistischer französischer Indianerfilme mit. Und wie dieser übernahm dann auch Mitic Nebenrollen in einigen schlechten Sex- und Science-Fiction- sowie Kostümfilmen. Er moderierte „Ein Kessel Buntes“, heiratete eine Renate Blume, ließ sich zwei Jahre später scheiden, nahm einige Platten auf, obwohl er nicht singen kann, machte Werbung für „Fisherman’s Friend“, spielte 1996/97 in der gesamtdeutschen Nachmittags-Serie „Verbotene Liebe“ mit, hatte einen Auftritt in der ZDF-Serie „Erfolgreich zum Nichtraucher“, schrieb seine Autobiographie und war dann ab 1992 Nachfolger von Pierre Brice in Bad Segeberg als „Winnetou“.

    2006 wurde Mitic dort von dem Türken Erol Sander abgelöst, weil er am Schweriner Staatstheater in dem Stück „Einer flog über das Kuckucksnest“ den Indianerhäuptling Bromden spielen wollte – und das auch tat. „Würde er einmal aufhören, sollte es mit ‚Winnetou 3″ sein. Da stirbt er dann den Heldentod,“ schrieb der Tagesspiegel.

    Die DDR hatte schon Anfang der Achtzigerjahre ihre ablehnende Haltung gegenüber Karl May korrigiert – ihn sozusagen rehabilitiert und sogar – für 1992 – die Herausgabe einer Briefmarke mit seinem Konterfei geplant. „Die Gründe für diese radikale Umkehr liegen im Dunkeln,“ heißt es dazu im Katalog der Karl-May-Ausstellung im DHM, mutmaßlich läge es daran, dass die „DDR dem Bedürfnis der Bevölkerung nach Unterhaltung entgegenkommen mußte“. Dafür spräche, dass um das „Karl-Marx-Jahr“ 1983 „Winnetou“ zum beliebtesten „Wunschnamen junger Eltern für ihre Neugeborenen wurde“. In der BRD gab die Bundespost 1987 eine 80-Pfennig-Briefmarke mit Winnetou heraus. Ach.

    Aber 2007 kam es noch dicker: Da veröffentlichte der laut Schweizer Wochenzeitung „einflußreiche Strippenzieher Manfred Pohl“ ein Buch zur Rettung des „Weissen Mannes“ – bevor es zu spät ist: eine regelrechte „Handlungsaufforderung“, die dann der Industriehäuptling Hans-Olaf Henkel stolz auf einer Bundespressekonferenz vorstellte. Das muß man sich mal vorstellen.

  • Gras oder Öl

    Zum problematischen Verhältnis von Nomadismus und Industrialisierung/ von Michail Grey Wolf Guruev

    Since a couple of years, especially after the break in Northern Asia’s economy caused by the new policy of the former Sovietunion, Mongolia and China, also a discussion had started about the theme nomadism. To make it clear for those who have not any knowledge on or have only a certain kind of imagination, mostly a false or romantically one, talking about nomadism means as well talking about the fact nature, thousand of years old lifestyle and most important about economy. Do I try to write about those three facts in a short way, here at first I’ll like to give some causal annotation about „Nature & Nomadism, Nature & Industry“ as seen by a man who belongs by his mother’s side to one of the partly still active nomads, the Evenkis, living in Siberia, Mongolia and North-China. Many centuries back, since Northern Asia’s First Nations had started to fight for daily survival by being a fisher, hunter or and being a herder, all of them had to life on what nature and weather could offer day by day. As long they were living in their own world each day they had to manage their arrangement and compromise with nature and the weather.

    First break for them was happen when the most part of mankind took up the line of being a farmer and trader. Second break was happen, one step harder, when societies of industry began their work. The run for natural recourses and how to make endless profit took a great impact even on those people which still kept the lifestyle of their own gone generations. And the common attitude of „higher“ leveled societies to work with the tool of registration, control and overwhelming bureaucracy as well their loss on respect for nature, and what ever is hidden in the ground or water, caused a break with nomadic and other natural living people. Till our days, and by the example Mongolia good to be seen, the discussion about natural recourses, how to use them, about nomadic life, even about the clime and how much modern societies can be named as guilty, responsible, for certain effects – till present days no true results of compromises are found. By the way, less governments worldwide have signed jet a paper that offers recognition, protection and support for still natural living people, also for nomads too. Such compromises which could satisfy both side, natural living people and the „society of the metaman“ are hard to establish. Especially for the latter they can not agree by mind and heart „that no more can be taken as in a bucket is in“. That means, according with the old knowledge of natural living people, you can’t take more from nature than nature, the planet earth, does offer. Here must be said, it’s quite amazing how a „higher“ leveled society, the metaman, that call themselves a more intelligent society (by looking very stuck-up on those which they call primitive) is unable to handle consequential after what is reality on earth.

    Now let’s talk about two different ways of life. Nomadism means, you have to be firm in many ways if you like to manage a life that depends directly on nature. You must own a great basic knowledge for being able to survive in the great outdoor. You must be a human being of good mind, excellent memory and golden hands at ones. Such necessity, such immense knowledge has not great relevance when you’re a member of the modern society. A society that owns countless specialists for many directions, that is endless hungry for recourses and energy but in trouble when it comes to the question of spirituality and inner peace. The last point probable is one reason why such people like to fall in romantic thoughts whilst they think on our First Nations‘ old nomadic lifestyle, which is not romantically at all. Otherwise we wouldn’t have so many tourists in the regions of Northern Asia, where Mongolia is one of the most visited countries. The joke on all is, as soon oil or other materials get short or as soon you pull the plug off the socket or coldness, heat, the brake down of computers, no watch, no news or broken engines do face modern people as soon they get simply hysterical if not even helpless. In other words, would we have a contest in true survival our nomadic people would be for sure the winner. About economy ? To follow the headline of this annotation – several thoughts, or call them facts, will come into my mind. I remember Mongolia after the break with the Sovietunion. The Russians cut off any support, especially the providing for gasoline. But the nomads of Mongolia, the herder, pointed to the grass and spoke: „This is our benzina !“ (Russian for gasoline). And indeed, without the nomads‘ help Mongolia wouldn’t have had survive in those days. Now the country is in an other danger. After the new wave of the new economy and change, people own now own land and people try to have as much as possible a great number of cattle, they overgraze simply the green hills. The high number of kashmir wearing goats (China payees for more or less well) does destroy too much nature, just for getting a lot of green bucks in the hand.

    So some people think that Mongolia’s clime-catastrophe (one too hot summer and two incredible hard winter after) was not good for the nomads but good for the nature. But this are thoughts of others. At the other side in Siberia, there the reindeer-herders can hardly sale their products by the lack of transportation, what was better organized in Soviet days. To talk about Northern Asia’s First Nations‘ new developed high quality products, nothing you can see at time in this particularly. You dear reader of this article should note such facts when it comes at the end to my idee of having the CULTURE CENTER OF NORTHERN ASIAS‘ FIRST PEOPLES‘ ART – for Education and Training“ in Mongolia’s north at Hovsgol Nuur (see: http://www.CultureCenterNorthernAsia.org , this homepage still must be actualized). Other thoughts of my own are a part of the following theme: Global economy; China’s economical boom and Korea’s or Japan’s present economy (will the Russian Federation be able to save the nature, will its government really like to care for ?); the new wave of traveling, the countryside quitting, laborers of and in Siberia, Mongolia and China (their cities get more and more a higher rate of rootless people); the problems for First Nations‘ studied members (Russian: „intelligencia“) who like to join China’s, Korea’s or Japan’s modern way of life, instead of living with their own nations to support their own future; which kind of part could play the existents of First Nations which live on both side of borders ?

    What’s happen when every Chinese does own a car and what’s happen when Siberia’s nature, inclusive wild animals, is gone – effecting the clime ? What’s happen with First Peoples‘ old knowledge, culture, tradition or their nomads‘ way of living in and with nature ? This are my own thoughts since long time. Many questions can fill a head. But can be found ever an answer and compromises which satisfy still natural living peoples and the member of the metaman ? You dear reader of my article, whether you life in Siberia, Mongolia, China or elsewhere, whether you are a nomad or a modern human being, yourself may think „what do I care for other people problems“. But I think it makes sense to care for the questions of nature, of nomads, of modern life and our all future (read the center’s homepage under >OUR ECONOMY>). Natural recourses are not endless (see what China’s economical boom does cause to the global one; keyword oil, steel, wood, etc.) whilst the mind of modern societies is hungry for being rooted with true spirituality. Is it not common especially for an Asian mind, to search for a way of compromise and harmony, whilst life isn’t an easy one anyway ? I guess we should care more for such tradition. Very interesting, just in our days a Chinese writer has created a bestseller with the title „Wolf Totem“, quite much sold caused this book a great discussion among the readers. Even such book, no matter how its theme is accepted, will try to show how much tradition, culture and a past can be important for each single person’s life and aim.

    Grass or oil, nomadism or industry is the title of this article. I’ll like to say „Grass AND oil, nomadism AND industry“ should be the better one and both side should have a respected place in our all everyday life. Only in such way life can be richer, only in such way nature will be able to offer well what nature has to offer. To learn from both side what is good and what not, only in such way can the species human being, and what ever is cultural with her, survive. Yes I even would like to use in this case the word morality. Pointing a last time on Mongolia as an example, I remember those gone hard two years when life was filled only with the hunt after money. But the Khalkha-Mongolians started to care for their tradition, culture and past what gave them pride back and made their life better to handle. Same I wish for my own people and equal First Nations too. Pointing ones more on the theme nomadism in the case of herding, I guess it could be good to establish more semi-nomadism as it can be seen by the examples Scandinavia’s Saami or by the American cattle breeders (First Peoples and Anglos). This could offer a better chance of survival, especially in the winter. By the way, one idee of the „Project Culture Center“ is that First Peoples‘ member develop own and new high quality products, instead of buying what others do offer badly. This will lower costs and can be seen even as a chance to export.

    For such case we must really learn what elsewhere in this world is common already. Therefor two concrete idees. Mongolia’s kashmir-wool production should not offer more wool but first class worldwide accepted products in co-operation with its own well educated, really creative designers (note what for example Japan’s fashion-scene has to offer). As for Siberia’s First Peoples‘ herders, the should go the same way instead selling only the good antler, fur, wood, ivory, fish and berry. Taking care for what is with us for many centuries in the question of arts & crafts in combination with excellent innovative design and know how in marketing we could have a better future for our First Nation’s people. Last but not least – being an ethnographer and Evenk artist may I tell a little bit about my visions and targets which are in causal context with the top written theme ? First of all and step by step I like to have materialized in Mongolia the Culture Center of Education and Training (now for 10 years I work for). The draft of the center’s syllabus will offer the chance that First Nations‘ children and youths, unemployed person and those which like to be better educated can participate on old and modern knowledge (read the center’s homepage under >OUR SERVICE & OFFER<). This center shall be an independent, under the flag of autarky and public utility, running center, Second, in Mongolia I like to establish the MUSEUM OF TEMPORARY ART OF THE NORTHERN ASIAN FIRST PEOPLES; ARTISTS to cause an extra Magnet of Tourism; and so economical support for a region. But the main idee is to create in such way also step by step a cultural counterpart to the western domineering artscene. In this case very straight spoken, Northern Asia does own a couple of real good artists. But why must they go on a pilgrimage to the temples of western art when they could found with pride a serious artscene in their own countries ? Here I underline "a serious artscene!". Also this can be a fact of developed economy;cause even art can offer an economical input as you can see when you watch western places. My third vision and already existing draft and financial calculation is with the idee to create a MONUMENT FOR ANIMALS in Northern Asia (Mongolia, Tuva and Buryatia).

    It will be unique worldwide and the greatest landscape-art project on earth and I guess also a spectacular magnet for tourists (see. http://www.grey-wolf-guruev.com/projects ) later on, if also Siberia's region will agree with my aim. It could be an economical input too for the region where the project's result is to be seen. The idee is to cover in my artstyle, that bases even on the ancient Altai-style, three huge rocks (between 80 and 120 Metre high) with engraved pictures of in Northern Asia living animals, alike the petroglyphs (rock-art) you can find dotted in the whole Northern Asia. At time I'm busy with finding sponsors for such giant work and the logistic gives me an extra task too. Will I really be successful I guess both side, our nomads and modern visitors, will be inspired, will be excited. Could this not be a good way to bring natural living people and members of the metaman in touch to talk same times about the future of our earth ? I guess yes and so nothing more I have to write.

  • „Das Mädchen vom Amazonas“

    Hört sich blöd an, der Titel, aber es ist ein gutes und engagiertes Buch, der Verlag schreibt über die Autorin:

    „Catherina Rust, geboren 1971 in Bonn, wuchs bis zu ihrem sechsten Lebensjahr bei den Aparai-Wajana-Indianern im brasilianischen Urwald auf, wo ihre Eltern ein völkerkundliches Forschungsprojekt durchführten. Als erste Sprache lernte sie Aparai. Nach der Trennung der Eltern lebte sie bis zum 18. Lebensjahr in den USA. Zurück in Deutschland studierte sie Politikwissenschaften, Ethnologie und Psychologie und volontierte beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit engagiert sich Catherina Rust für die Sammlung ihres Vaters, die bislang umfangreichste Dokumentation der Kultur der Aparai-Wajana-Indianer. Catherina Rust lebt mit ihrer Familie in Berlin.“

    Entstanden ist das Buch dadurch, dass die Autorin anfing, ihrer Tochter zu erzählen, wie sie dort im Regenwald bei den Indianern gelebt hat.

    „Ich habe das Glück gehabt, etwas zu erleben, was andere Kinder hierzulande nicht erleben“, sagt die heute 40-Jährige rückblickend. „Es war einfach eine unglaublich schöne Natur“, so Rust im Gespräch mit stern TV. Und: „Wo sonst kann man sich noch so frei bewegen. Und jeden Tag im Fluss baden, mit anderen Kindern spielen, herumstromern und niemals einsam zu sein.“

    Dem NDR erzählte die Autorin:

    Die kleine Catherina bekommt eine Wahlfamilie, die sie annimmt wie ein eigenes Kind. Wahlverwandtschaft gilt genauso viel wie Blutsverwandtschaft. Catherina bekommt Patenschwestern, um Verantwortung und Mitgefühl zu lernen. „Bei den Aparai gibt es so eine Art inoffizielles Patensystem. Jedes Kind bekommt ein älteres Kind zur Seite gestellt, das auf dich aufpasst, und du wiederum bekommst irgendwann ein kleineres Kind, auf das du aufpasst. Und man hat eine Ebenbürtige, eine Gleichaltrige, damit man lernt, konstruktiv und produktiv Konkurrenzsituationen auszuhalten.“ Ein kluges Sozialsystem. Einsamkeit und Verlorenheit kennt hier niemand, schreibt sie. Die Gemeinschaft ist ein indianisches Lebensmodell.

    Dem RBB erzählte sie:

    „In meiner Kindheit trugen die Aparai-Wajana-Mädchen im „Wehjus“. Mein klassisches Lendenschürzchen, an normalen Tagen eines aus Stoff und zu hohen Feiertagen so ein schönes aus Perlen. Und als ich dann 18 Jahre später als Studentin wieder in mein Dorf kam, trugen die Mädchen alle Röcke und Boxershorts weil sie inzwischen missioniert waren von evangelikalen christlichen Sekten, die ihnen eingeredet haben, dass der blanke Popo eine Sünde sei.“

    Das meinen auch andere Ethnologen, dass die Missionare, meistens ebenso dumme wie bornierte Amis, wirklich die Pest sind.

    Arte schreibt:

    Denkt Catherina Rust heute in Berlin an das Dorf am Fluss zurück, hat es ihr im Urwald an nichts gefehlt. Im Gegenteil: Obwohl das Leben fernab des westlichen Komforts elementare Bedrohungen mit sich bringt, war es das Paradies. Nirgendwo sonst hat sie mehr Nähe und Geborgenheit erlebt, und sie fragt sich, ob unser heutiges Besitz-, Wohlstands- und Sicherheitsstreben das einzig wahre Lebensmodell sein kann.

    „survivalinternational.de fragte die Autorin, wie sah dort Ihr Tag aus?

    Unsere Tage begannen mit dem Sonnenaufgang und endeten nicht lang nach Sonnenuntergang, da wir im Urwald keinen Strom hatten. Morgens versammelte sich das gesamte Dorf zum Baden und Waschen am Fluss. Während die Männer der Aparai zum Jagen in den Urwald gingen, verrichteten die Frauen ihrer Arbeit auf den Pflanzungen und wir Kinder hatten die Freiheit, den ganzen Tag lang zu spielen und in dieser grandiosen Natur herumzustromern. Die Alten passten auf, dass nichts passierte, ansonsten kümmerten sich hauptsächlich die älteren um die kleineren Kinder.

    An den Nachmittagen, wenn die Männer von der Jagd oder vom Fischfang zurückkamen, war Zeit für Handarbeiten und Kunsthandwerk. Baumwollhängematten wurden gewebt, Paddel und Pfeile geschnitzt und wir Kinder wurden spielerisch in die kleineren Aufgaben eingeweiht, was uns mehr eine Ehre denn eine Pflicht war. Die Männer kümmerten sich derweil um die Kleinkinder, damit sich die Frauen auch mal entspannen konnten.

    Es war eine behütete Kindheit ohne jeglichen Zwang und ohne Repressionen. Am schönsten waren die Abendrunden am großen Lagerfeuer. Da wurden Neuigkeiten ausgetauscht und alte Mythen zum Besten gegeben. Was allemal spannender war, als das Vorabendprogramm im Fernsehen hierzulande.

    Welche Gefahren begegnen einem im Urwald?

    Natürlich gab es Krokodile, unzählige Giftschlangen, Jaguare, Zecken, Parasiten und andere gefährliche Tiere, allerdings habe ich das als Kind nie so bedrohlich empfunden wie das heute klingen mag. Wer lernt, sich adäquat in seinem Umfeld zu bewegen, wie es die Indianer auch ganz selbstverständlich machen, ist kaum mehr in Gefahr als in einer durchschnittlichen europäischen Großstadt.

    Die schlimmsten Bedrohungen kamen meist durch Menschen. Eindringlinge aus den Städten, die immer tiefer in den Urwald und die Gebiete der Indianer vorstießen. Christliche Missionare im Bekehrungswahn etwa, die ganze Völker des Regenwalds durch ihre unachtsam eingeschleppten Viren und Krankheiten in Gefahr brachten, Goldsucher, Kautschukzapfer, Holzfäller und die Straßenbauer der damaligen Transamazonika.

  • Weitere Amazonas-Meldungen – von oben:

    Forscher haben im Amazonas -Gebiet ein unbekanntes Indio-Volk entdeckt, das bislang noch nie Kontakt zur Außenwelt hatte. Die Siedlung des kleinen Stammes liegt in Brasilien nahe der Grenze zu Peru. Bei einem Überflug im April seien auf mehreren Lichtungen im Javari-Tal vier große Hütten entdeckt worden.

    Die Zerstörung des Regenwaldes in Brasilien nimmt ein immer größeres Ausmaß an. In den vergangenen zwölf Monaten sei im Amazonasgebiet 15 Prozent mehr Wald abgeholzt worden, als im gleichen Zeitraum zuvor, teilte das Weltraumforschungsinstitut INPE nach der Auswertung von Satellitenbildern mit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.