Kairo-Virus 137

Ein Virus ist weder etwas Belebtes noch Unbelebtes. Das aber nur am Rand.

 Frau geht neben Pilonen in die Luft. Alle Photos: Peter Loyd Grosse

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„And so on and so on,“ wie Zizek immer sagt. Ein Jahr Tahrirplatz-Event. Das westdeutsche Intelligenzfeuilleton feiert dieses Jubiläum derart, dass man den Eindruck hat, ohne bezug auf das arabische Aufstandszentrum in Kairo lassen sich bald überhaupt keine staatlichen Fördertopfgeburten auf dem Kultursektor mehr einleiten. Der FAZ-Rezensent des Nachwuchs-Filmfestivals von Saarbrücken will selbst dort ganz deutlich gespürt haben: Alle „Filme künden vom kommenden Aufstand“. Demnächst in diesem Theater quasi. Also hier und heute. Die Gruppe „Tiqqun“ gab bereits den Ton vor. „Die Zeit“ titelt gerade: „Bitte neu anfangen“ und meint damit: „Auch wenn die Krise mal Pause macht – das Gebot bleibt bestehen: Der Kapitalismus kann so nicht bleiben.“

Die stellen also selbst da in Hamburg schon das ganze Gesellschaftssystem in frage. Man muß sich fragen: Ob man im Gegensatz zu ihnen die ganze Zeit geschlafen hat. Oder hören die das Gras wachsen? Dass ein Aufstand in der Luft liegt. Nur weil hier die staatlichen „Rettungsschirme“ nicht so recht greifen und da in Amerika derzeit „im Kampf um das geistige Eigentum die alten Medien gegen die neuen verlieren“, was bedeutet, „dass sich gegen das Netz keine Politik mehr machen läßt“, wie „Die Zeit“ ahnt, die deswegen bereits davon spricht, dass „Hollywood besiegt ist“. Schön wärs, leider kämpft dort nur das alte Hollywood gegen das neue:  Google, Youtube, Youporn, Twitter, Wikipedia, Facebook…Bei letzteren, dem aggressivsten Kapitalisierer der gesammelten „Daten“, sind wir mit der „Facebook-Generation“ (800 Mio „active users“) wieder mittenmang den Aufständischen auf dem Tahrirplatz. Hinzu kommen livehaftig „Stuttgart 21“, „Occupy“ und „Heiopei“ – die Piratenpartei usw.. An den Berliner U-Bahnhofsausgängen, von denen aus es zu den „Jobcentern“ geht, ließ das Wirtschaftsministerium  neulich schon große Plakate kleben mit der Aufschrift „Noch nie gab es so viele Jobs wie heute. Danke Deutschland!“ Die Bundesregierung signalisierte uns damit, dass sie notfalls zum Äußersten bereit ist: zur blanken Lüge.  Dazu paßte auch ihre  nächste Meldung, dass die Zahl der Kinder, die unterhalb der Armutsgrenze leben, sich glatt halbiert habe. Das müssen wir noch mal genau nachzählen, hat sich da so mancher „Hartz IV“ler gedacht. Zeit hat er ja genug dafür.

Wie tief die sogenannte „Unzufriedenheit“ reicht, zeigt sich aber nicht nur am routinierten Gejammer der ruinierten Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz („Mir hatte et nich vom Ausjebe, sondern vom Behalde!“), sondern an der stillen Verzweiflung der Prekären, deren schiere Masse inzwischen Macht generiert – so dass die Sozialpsychologen sich bereits besorgt fragen: „Wieviel Globalisierung vertragen wir überhaupt?“. Und wie lange noch? Es ist schwierig, sich in der heutigen Gemengelage der Befindlichkeiten zu orientieren, so viel ist daran richtig. „Neue Unübersichtlichkeit“ nennt Jürgen Habermas sie. Die Süddeutsche Zeitung meint, dass die Einwohner von Pompeji einst in in der Mehrheit auf den Vesuvausbruch „nicht panisch genug“ reagierten. Während die FAZ vermeldet, dass die italienische Regierung jetzt „sogar die Privatisierung der weltberühmten Ausgrabungen“ dort plant. Einen schönen „Schlüsselroman“ – aus der mit „Bologna“ vom Humboltschen Bildungsideal „befreiten“ Neo-Universität Freiburg – hat die dort wirkende Dozentin Annette Pehnt veröffentlicht: „Hier kommt Michelle“. Es geht darin um eine Abiturientin (Michelle), die sich durch die Bachelor-Module kämpft, aber drumherum geht es auch um das Elend des heutigen akademischen  Rahmenpersonals. Zuvor hatte bereits Tom Wolfe das  selbe Thema in seinem „Campusroman“ (Der Spiegel) „Ich bin Charlotten Simmons“ bearbeitet. „Die „Badische Zeitung“ rezensierte Annette Pehrts realzynische „Campuserzählung“ unter dem Titel: „Die Universität brennt“. Liegt also wirklich ein Aufstand in der Luft?

Die EU-Staaten bauen jedenfalls schon mal ihre Überwachungstechniken aus. Eine „Medienenexpertin“ der Grünen erklärt sich mit den bereits überwachten Kadern der Partei „Die Linke“ solidarisch, indem sie erklärt: „Ich will auch elektronisch überwacht werden“. Alle Hoffnungen und Befürchtungen werden sofort aufs Internet verlagert, wo sie sich in endlose Debatten über Datenschutz und -eigentum auflösen.  Auch dort stellt sich jedoch die Frage – mit  den Worten des Wissenshistorikers Michel Foucault: „Was gibt es überhaupt in der Geschichte, was nicht Ruf nach oder Angst vor der Revolution wäre?“

Badende Poller in Baden-Baden

 Weltgeister

„Den Kaiser – diese Weltseele – sah ich durch die Stadt zum Recognosciren hinausreiten. – Es ist in der That eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier, auf Einen Punct concentrirt, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht,“ schrieb Hegel an Niethammer über Napoleon, den er 1806 in Jena sah – von weitem. Aber seitdem wird der Weltgeist (bzw. die Weltseele) gerne mit herausragenden Männern in Verbindung gebracht – als Personifizierungen einer „geistigen Macht“, mit der sich die „Vernunft in der Geschichte“ durchsetzt. Nach  der Wahl von Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA listete die Süddeutsche Zeitung einige auf: „Manchmal trägt der Weltgeist eine Nickelbrille, wie Ghandi, dann hat er einen Schnurrbart, wie Lech Walesa. Manchmal redet er sächsisch und hat eine Kerze in der Hand, wie 1989/90, bei den Montagsdemonstrationen.“

Während Adolf Hitler davon überzeugt war: „Männer machen Geschichte, nicht die Massen!“ ging Karl Marx davon aus, dass „die Theorie zur materiellen Gewalt wird, wenn sie die Massen ergreift“. Dementsprechend depersonalisierte er auch den Weltgeist – als „Weltmarkt“ –  der mit „unsichtbarer Hand“ regiert. Darauf folgten, um 1900, jede Menge „Weltprojekte“ (Welt-Sprache, -Währung, -Funknetz, Fleurop, -Standardisierungen). Und schließlich die „Weltrevolution“, die in die russische gipfelte – und dort einige „Weltrevolutionäre“ zur Geltung brachte. Erwähnt seien Trotzki und Lenin, die sich, dialektisch geschult, gewissermaßen als Vollstrecker des Weltgeistes begriffen. Ernst Bloch hielt noch 1929 dafür: „Ubi Lenin ibi Jerusalem“. Es folgten die „Weltmaschinen“: als solche werden sowohl die riesigen Forschungsapparate der Physiker (Teilchenbeschleuniger z.B.) bezeichnet als auch künstlerische Objekte wie etwa die von Marcel Duchamp und Franz Gsellmann. Neuerdings scheint sich der Weltgeist vorwiegend im „Worldwideweb“ zu tummeln. Parallel dazu kehrte die alte Vorstellung von der „anima mundi“, der Beseeltheit sowohl aller Lebewesen wie des Kosmos, wieder – in naturwissenschaftlichem Gewand: mit der „Gaia-Hypothese“ des Geochemikers James Lovelock, die auf das Konzept der „Noosphäre“ von Wladimir Vernadski zurückgeht. Danach ist die Erde einschließlich ihrer Atmosphäre ein einziger lebender Organismus, der sich selbst reproduziert, wobei primärer Beweger hier jetzt nicht mehr der Geist, sondern der Einzeller ist: Beginnend mit den Archaebakterien, die gewissermaßen am Anfang allen Lebens stehen, sowie den Mikroorganisamen, die bereits einen Zellkern besitzen – und ferner allen anderen (höheren) Lebewesen, die über Symbiosen aus den anfänglichen Einzellern entstanden.

Der globale Buchhandel meldet: „Weltgeist bei Amazon.de. Größte Auswahl an Büchern“. Hier kann man sowohl die neusten juristischen Überlegungen zum „Weltgericht“ als auch den linken Bestseller aus dem Verlag Roter Stern „Weltgeist Superstar“ bestellen. Ein neuer „Philosophie-Atlas“ zeichnet die „Wanderschaft des Weltgeistes“ nach: Es ist ein unruhiger Geist, der mal hier und mal da „recognoscirt“. Eins scheint jedoch klar zu sein: In Europa läßt er sich so schnell nicht wieder blicken.

Aber vielleicht in China, wo dieser „wandernde Geist“ houniaojingshen heißt. In seinem Buch „Der Aufstieg Chinas und der Niedergang der kapitalistischen Weltökonomie“ versucht der marxistische Ökologe Minqui Li zu beweisen, „dass der ökonomische Aufstieg Chinas das kapitalistische Welt-System auf verschiedene Weise stark destabilisieren und damit zu seinem endgültigen Niedergang beitragen wird.“ Bereits 2006 stieg China zum weltweit größten Gläubiger auf und die Welt wurde im Ganzen gesehen zu einem kleinen „Schuldner“, wie Li zeigt. Mit der Folge, dass „das existierende Welt-System sich seiner Endkrise nähert.“ Das „Welt-System“ hängt von billigen Löhnen, niedrigen Steuern und geringen Umweltkosten ab. Alle drei Parameter zeigen jedoch eine steigende Tendenz, die sich durch den Aufstieg Chinas noch beschleunigt. Deswegen „muss sich die Menschheit dafür einsetzen, das globale kapitalistische System so rasch wie möglich abzuschaffen. Um die totale Selbstzerstörung der Menschheit zu vermeiden, wäre – von diesem Standpunkt aus gesehen – sogar der Feudalismus besser als der Kapitalismus; klarerweise wäre irgendeine Art von Sozialismus zu bevorzugen. Wenn dieser Versuch scheitert, so wird die kapitalistische Welt-Ökonomie aufgrund ihrer eigenen Bewegungsgesetze auseinander fallen; und zwar nicht später als in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Allerdings wäre zu diesem Zeitpunkt schon zu viel Zeit verloren, um globale Katastrophen zu verhindern. Es wird Mitte des 21. Jahrhunderts auf der ganzen Welt wahrscheinlich sozialistische Regierungen geben. Aber die Aufgabe zukünftiger sozialistischer Regierungen bestünde nicht mehr länger darin, Katastrophen zu verhindern, sondern im Versuch, diese zu überleben, während sie stattfinden.“ Und diese sozialistischen Regierungen favorisieren dabei dann einen Mix aus Disziplinar- und Kontrollgesellschaften – einen  wahren Weltungeist.

 

Poller mit Hut

Bohème, Besserwisserei und Weltgeist

1. „Der Weltgeist im Turnschuh“ betitelte die FAZ heute eine Rezension des Suhrkamp-Buches über den „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“. Gemeint sind mit den „Hipsters“ Yuppies wie du und ich – nur eben in New York und deswegen natürlich viel „cooler“, zudem „vegetarisch“ und überhaupt sehr viel stilbewußter, also eigentlich blöde angepaßte Schleimer. „Neo-Bohème“ nennt die FAZ sie,  der Herausgeber Mark Greif ging gerade eben in der taz durch die Flure, wahrscheinlich stellt er dieser Tage sein Buch über die Hipster als neue kreative Klasse in Berlin vor. Die FAZ bemängelt daran, „warum befreit sich diese Literatur, bevor sie uns alle befreien will, nicht erst einmal selbst? Von ihren Ambitionen. Sollen die Autoren doch ihre liebsten Bands hören, sie sind interessant genug. Auch ihr Nachtleben sei ihnen gegönnt. Aber weshalb muss es mit dem Weltgeist kurzgeschlossen werden?“

2. In Patrick Bauers Buch “Die Parallelklasse. Ahmed, ich und die anderen. Die Lüge von der Chancengleichheit” meint einer der von ihm interviewten Türken aus seiner alten Kreuzberger Grundschule, dass sich die Türken und die Deutschen früher ähnlicher waren: Es sind die Deutschen, die sich deintegriert haben – spätestens seit der Wiedervereinigung und dem Ende der “Arbeitsgesellschaft”.  Diese “Deintegration” ist besonders in Kreuzberg spürbar, wo die Berliner Bohème quasi zu Hause ist, die sich inzwischen fast flächendeckend zu Sarrazinisten gewandelt hat. Das sei kein Wunder, sagt der Soziologe Rolf Lindner, “die Bohème wurde schon immer im Alter reaktionär”. Die Bohème gehört zur Mittelschicht, lehnt jedoch deren Alterssicherheitsmaßnahmen ab – und fühlt sich deswegen mit zunehmendem Siechtum ins soziale Aus gedrängt und gedemütigt. In Kreuzberg wird sie gerade von der nächsten studentischen Generation weggentrifiziert, viele Bohemiens verdrücken sich in dieser Situation aufs Land.

3. In einem blog namens „Neo Bohemia“ schreibt die Autorin Sarah Kröger: „Hat die heutige Boheme ihren Subkulturcharakter verloren? Gerade im Hinblick auf 40 Jahre Abstand zu den 68ern ist das eine wichtige Frage. Der Boheme von heute wird immer wieder vorgeworfen, dass sie sich angepasst hat – und noch viel schlimmer, dass ihre Werte und Überzeugungen nun in die Massenkultur übergehen. In Mainstream der Minderheiten z.B. schreiben die Autoren Terkessides und Holert darüber, wie aller Kopf und gegenkulturellen Bewegungen in einen Mainstream übergehen, der von einem Differenzkapitalismus gesteuert ist. Das ist nur ein Beispiel. Viele stellen die kreativen Leute von heute als komplette Marionetten eines bösen Kapitalismus dar, der irgendwo da draußen auf sie lauert. die Autoren Lobo und Friebe sehen das in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“, in dem von einer digitalen Bohème die Rede ist, ein wenig gelassener: der Mythos der Gegenkultur sei sowieso schon immer hinfällig gewesen, jedoch läßt sich die Ökonomie trotzdem benutzen um die Spielräume der Kunst zu erweitern. Die Frage sei wer wen beherrscht und ausnutzt.“

4. In Siegen fand vom 1.-3. Februar an der Universität eine Tagung „Zur Aktualität der Bohème nach 1968“ statt –  organisiert von Walburga Hülk-Althoff und Georg Stanitzek. Es referierten dort u.a. Diedrich Diederichsen  – über die „Berliner Bohème-Theorie“, Gabriele Dietze über eine „Second Wave Bohème“, Nicole Pöppel über die „Bobo-Kultur“ und Jens Grimstein über die „Ökobohème“. In der taz schrieb Phillip Goll hernach:

„An der Universität Siegen wurde nun über die „Aktualität der Boheme nach 1968“ diskutiert. Die mit dem Jahr 1968 gesetzte Zäsur dieser von der Romanistin Walburga Hülk-Althoff und dem Germanisten Georg Stanitzek veranstalteten Tagung hat ihren Grund: Der Literaturwissenschaftler Helmut Kreuzer hatte die Boheme 1968 als sozialgeschichtliche Kategorie gesetzt. In seiner bis heute maßgeblichen Studie öffnete Kreuzer den Begriff Boheme für die Popkultur, in dem er Beatniks, Hippies, und Künstler in die Tradition der in den urbanen Zentren des 19. Jahrhunderts entstehenden antibürgerlichen „Subkultur von intellektuellen Randgruppen“ stellte.

Dass der Boheme-Begriff weiter positiv besetzt ist, bezeugen Bezeichnungen wie digitale Boheme und Ökoboheme. Es ist allerdings ebenso offensichtlich, dass beide Milieus gefährlich nahe an das herankommen, wovon sich die traditionelle Boheme eigentlich unterschied – dem Spießertum nämlich. Während diese Beispiele beweisen, dass die Boheme als Abgrenzungsbegriff in Stellung gebracht wird gegen Angestellte beziehungsweise Arme, verdeutlichte der Literaturwissenschaftler Jan-Frederik Bandel anhand des Beispiels der Hamburger Recht-auf-Stadt-Bewegung, wie eine bürgerlich romantische Vorstellung der bohemischen Lebensweise für die Imagination von Gemeinschaft wieder benutzt wird. Man verlangt nach „Kaschemmen“, „Wildwuchs“ „Orten der Leidenschaft“. Merkwürdige Überschneidungen mit der Prosa des Stadtmarketing würden dabei unkritisch übergangen.

Der Soziologe Wolfgang Eßbach (Freiburg) fragte ganz grundsätzlich nach den Bedingungen der Möglichkeit bohemischer Identität. In den Augen der marxistisch geschulten Studentenschaft der 1960er erschien die Boheme mit ihrer Abneigung gegenüber dem Proletariat noch als lumpiges Gesindel. Erst mit den subkulturellen Fraktionierungen in den folgenden Jahrzehnten, so Eßbach, begann die Karriere der Boheme. Seiner Definition der Boheme als „Ansammlung von Abweichungen“ folgte auch Gabriele Dietze (Berlin), die den Begriff für den Second-Wave-Feminismus fruchtbar machte. In den Filmen Ulrike Ottingers oder im Selbstverständnis feministischer Publikationsorgane wie der Schwarzen Botin stelle die Ablehnung des feministischen Mainstreams und seiner von-Frauen-für-Frauen-Mentalität ein zentrales Element der Identitätspolitik bereit.

Für den FAZ-Redakteur Jürgen Kaube hingegen sind Abweichungen längst nicht mehr konstitutiv für bohemische Milieus. In Zeiten des „kulturellen Allesfressertums“ und dem Verschwimmen der Grenzen von High und Low Culture ließe sich über ästhetische Präferenzen längst kein Dinstinktionsgewinn mehr einfahren. Chancen für die gegenwärtige Boheme sieht Kaube allein in der Mode, wo Abweichung und Normalität zum selben Programm gehörten. Hier sei Raum für die „Reform-Elite“, die vormacht, was andere dann nachmachen.

Kaubes Argumentation übersieht, dass es der Boheme immer schon um mehr ging, als Distinktionsfunken zu schlagen. Zentral für die Boheme war seit je der Anspruch auf ein besseres Leben jenseits ökonomischer Verwertungszusammenhänge. Diedrich Diederichsen nannte das ein „existenzielles Besserwissen“ der in Armut Lebenden. Einer zeitgenössischen Boheme müsse es also wiederum um Fraktionierungen, um Abschottungen, Entnetzungen gehen.

Bohemisierung von oben muss man es nennen, wenn prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse auf Dauer gestellt sind und nicht mehr als Wahlmöglichkeit offenstehen. Auch die „symbolische Aggression“ der Boheme (Helmut Kreuzer) läuft unter Individualisierungszwängen ins Leere. Paradigmatisch steht dafür der Hipster, der allenfalls ein Zombie des Bohemians ist. Sein Habitus ist ihm zum reinen Tauschmittel geworden.

Man könnte hier natürlich auch vom Untergang der Boheme sprechen. Viel wichtiger ist aber eine ideologiekritische Perspektive auf die kommerzielle und romantische Überformung der Boheme. Das wäre dann wieder eine Frage der Perspektive.

 

Poller im Nebel 1

Poller im Nebel 2

 

 

Weltwitze

Um Weltstadt zu werden, privatisiert  Berlin nach und nach alle sozialen, medizinischen,  kulturellen und betreuenden Einrichtungen – sie werden „freien Trägern“ überlassen, was meist einer schleichenden Abwicklung gleichkommt. Derzeit trifft es z.B. in Pankow die Musikschule Buch-Karow, die Stadtteilbibliothek Karow, die Galerie Pankow, das Museum in der Heynstraße,  das Kulturzentrum Wabe im Ernst-Thälmann-Park und einige Bereiche der Volkshochschule. In Kreuzberg u.a. das Statthaus Böcklerpark.

Dafür werden immer unsinnigere Großprojekte auf Weltniveau staatlich gefördert: das „Humboldt-Forum“ im zukünftigen Schloß, eine weitere „Kunsthalle“, die Kunstbiennale usw.. Die Berlin-Touristen sollen aus dem Staunen nicht herauskommen. Dergestalt wird aus Friedenau oder Rixdorf langsam Welt: „Die Welt hat uns vernichtet, das kann man sagen,“ meinte Herbert Achternbusch, „ein Mangel an Eigenständigkeit soll durch Weltteilnahme ersetzt werden. Man kann aber an der Welt nicht wie an einem Weltkrieg teilnehmen. Weil die Welt nichts ist. Weil es die Welt gar nicht gibt. Weil Welt eine Lüge ist. Weil es nur Bestandteile gibt, die miteinander gar nichts zu tun haben brauchen. Weil diese Bestandteile durch Eroberungen zwanghaft verbunden, nivelliert wurden. Welt ist ein imperialer Begriff. Auch da, wo ich lebe, ist inzwischen Welt. Früher hat man einen Bachlauf nicht verstanden, heute wird er begradigt, das versteht ein jeder. Ein Bach, der so schlängelt. Karl Valentin sagt: ‚Das machen sie gern, die Bäch’….“

Achternbusch wurde von Heiner Müller einmal als „Klassiker des antikolonialen Befreiungskampfes auf dem Territorium der BRD“ bezeichnet. Diese ganze Weltsucht – das ist also nichts weiter als ein schlechter Witz. Kommen wir deswegen zu einem guten – Weltwitz:  So heißt ein Weiler der Gemeinde Schmieritz im thüringischen Saale-Orla-Kreis. Dort werden Schäferhunde gezüchtet, die alle „von Weltwitz“ mit Nachnamen heißen, ferner gibt es da eine Station, die das Weltwitz-Wetter ermittelt, eine Agrargenossenschaft, einen Pizza-Lieferservice, einen Gebäudereinigungsbetrieb und regelmäßig ein Motocross-Rennen. Außerdem leben nicht weniger als 20 Künstler in und um Weltwitz. Der Ort wird 1264 erstmals urkundlich erwähnt, er hat sehr fruchtbare Böden. Seit Einführung des Internets ist auch der Name des Dorfes äußerst fruchtbar, insofern alle möglichen Witzbolde ihre Scherze unter Weltwitz ins Netz stellen: einer bescheuerter als der andere. Von Witzen aus dem Dorf Weltwitz ist nichts bekannt, wohl aber von einem eigenwilligen  Provinzlexikon aus dem nicht weit davon entfernten Waltershausen. Dort lebt Henner Reitmeier, er erwarb 1971 das fünfbändige Weltlexikon Brockhaus, über das er sich wegen all der darin enthaltenen „Verzerrungen/Auslassungen/Lügen“ so ärgerte, das er sein eigenes einbändiges „Relaxikon“ namens „Der Große Stockraus“ zusammenstellte und veröffentlichte. Dieses  beinhaltet nun seine Lieblingsautoren ebenso wie einige noch nicht existierende Einrichtungen – das „Misfitness-Center“ z.B. sowie schwer abzugewöhnende Gewohnheiten: u.a. das „Rauchen“ und etliche persönlichen Macken: „Fluchen“, „Circus Herkules“ und „Hochmut des Alters“… Trotz vieler privater Vorlieben, wie „Landkommunen“, „Musik“  und „Thälmanns Enkelin“ (statt Teddy Thälmann), ist der „Große  Stockraus“ ein echtes Lexikon – mit ausführlichem Register und – Welthaltigkeit. Letzteres für meinen Geschmack sogar zu viel, denn der Autor lebt  auf dem Land und ich erwartete von ihm, dass er zwar noch im kleinsten zerdärmten Frosch am Feldrand  die Abwesenheit Gottes erkennt – und meinetwegen beklagt, aber solche Ochsenfrosch-Eintragungen wie „Gerhart Schröder“, „Rudolf Augstein“ und „George Bush“ getrost dem „Bild“-Lexikon aus dem Springerstiefelverlag überlassen würde.

Immerhin hat sich der Autor, Henner Reitmeier, in seinem „Relaxikon“ auch über viele Tiere, besonders über Vögel,  ausgelassen – und diese sind laut Martin Heidegger per definitionem „weltarm“. Infolge seiner Weltarmut ist „dem Tier das Seiende als Seiendes nicht zugänglich, es ist verwoben in seine Umwelt, bestehend aus einem ‚Umring‘ von Trieben, die auf einzelnes Begegnendes hin enthemmen und dazu führen, dass das Tier von der Sache ‚hingenommen‘ ist,“ heißt es bei Wikipedia unter dem Stichwort „Weltoffenheit“ – und weiter: „Damit ist dem Tier jedoch ein freies ‚Verhalten‘ zum Seienden verwehrt; Verhalten ist nur dem Menschen eigentümlich. Durch die Verbindung von Trieb und seinem Gegenstand ist das Tier in seinem Tun ‚benommen‘. Wegen dieser Benommenheit und in Abgrenzung zum menschlichen ‚Verhalten‘ sagt Heidegger, das Tier ‚benimmt‘ sich.“ (1)

Leider stimmt das nicht: In Berlin erleben wir derzeit einen starken Zuzug von „Provinzlern“ – mit Drang zur Welt, und daneben  einen vermehrten Zuzug von allen möglichen Wildtieren. Sie haben zwar keinen Hang zur Welt, aber sie nehmen die Wandlung, Entleerung Berlins zur Weltstadt billigend in Kauf, d.h. die einen wie die anderen Landbewohner passen sich an die sich rapide verweltlichende Stadt an – die ersteren erwartungsvoll, die letzteren notgedrungen. „Benommen“ sind sie jedoch zunächst beide, aber nur anfänglich. Zu fragen wäre dabei, ob dies nicht zu bedauern ist, denn – so die feministische US-Biologin Donna Haraway: Die Wildheit bleibt doch unsere ganze Hoffnung. Oder ist auch das nur ein „Weltwitz“ – wenn „theoretical girls“ auf „real animals“ treffen?

(1) Nicht weit von diesen Heideggerschen Tieren sind bei dem dänischen Schriftsteller Herman Bang die „Frauen“ angesiedelt, in der FAZ heißt es über seine Romane: „Seine Helden waren Frauen, weil Frauen seine weibliche Seite eben am besten verkörperten. Sie haben ihre Idee von der Welt und vom Leben, sie haben ihre Sehnsucht, sie lassen nicht von ihr ab, aber diese Sehnsucht lässt auch nicht von ihnen ab. Sie sind in ihr gefangen. Es sind eigenwillige Frauen, aber nicht unbedingt starke, sie setzen ihren Willen ja nicht durch: Bangs Frauen nehmen sich das Leben wie Tine oder sterben an gebrochenem Herzen wie Katinka in „Am Weg“. Gert Ueding nannte Herman Bang in dieser Zeitung einmal einen „Flaubert des Fin de Siècle“.“

Waldpoller – in Reihe

Waldpoller vereinzelt

Wiesenpoller – unikat

Lachen ist gesund

Empirisch verifiziert hat das Mitte der Achtzigerjahre ein  Amerikaner, der an einer tödlichen Krankheit litt und dem die Ärzte nur noch eine kurze Lebenszeit gaben: Er nahm 70 Filme von Charlie Chaplin, Buster Keaton, Dick & Doof, Monthy Pyton etc., dazu eine geballte Ladung Vitaminpillen und zog sich in ein Zimmer  zurück. Nach gut vier Wochen kam er gesund wieder heraus. Inzwischen ist er Medizinprofessor an einer Universität.

Noch empirischer haben andere Professoren an einer anderen US-Uni festgestellt, dass niemand – auch nicht in Japan – gerne ausgelacht wird, manche merken es nur nicht. Das gilt auch für Hunde, wie bereits 1950 vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz aus Niederösterreich in seinem berühmten Buch „So kam der Mensch auf den Hund“ beschrieben. Dort ist außerdem nachzulesen, wie die Hunde selbst lachen. Der slowenische Filmphilosoph Slavoj Zizek schreibt über die in Fernsehkomödien zu jeder witzig gemeinten Bemerkung eingeblendeten  Lachsalven: Ähnlich wie der antike Chor und die Klageweiber „befreit uns der Fernsehapparat damit von unserer Pflicht zu lachen, d.h. er lacht an unserer Stelle. Selbst wenn wir also, von einem stumpfsinnigen Tagwerk ermüdet, den ganzen Abend nur träge auf den Bildschirm starren, können wir danach doch sagen, dass wir objektiv, durch das Medium des anderen, einen wirklich schönen Abend verbracht haben. “

Das Internet gibt in puncto „Lachen“ nicht viel her, außer halbwitzige Clips auf Youtube mit Lachversprechen und alle Sportvereine des süddeutschen Ortes „Lachen“, was aber mit langem a ausgesprochen wird, was widerum im Norddeutschen der Plural von kleinen Pfützen ist: Lachen. Viele Populärphilosophen haben sich dem Thema Lachen gewidmet, und dementsprechend gibt es  etliche blogs, die ihre Sprüche sammeln. Zuvörderst natürlich von Nietzsche, der eine ganze „Fröhliche Wissenschaft“ verfaßte. In seinem Buch „Also sprach Zarathustra“ heißt es an einer Stelle – in der es darum geht, dass wir noch genügend Chaos in uns haben, um einen tanzenden Stern zu gebären: „Da lachen sie: sie verstehen mich nicht…“ Damit kann nur das Auslachen gemeint sein, so wie man z.B. die ellenlangen Ausführungen eines Esoterikers oder eines allzu eigensinnigen Weltendeuters witzig findet. Aber  Otto ist witziger, ähnlich Robert Gernhardt, Heinz Erhardt, Heino Jäger, Ringelnatz, Tucholsky… Mich haben übrigens mal zwei junge Orang-Utan ausgelacht, das ist aber eine längere Geschichte (1).

Man kann vielleicht sagen: Die Grenze zwischen denen, die witzig sein wollen und denen, die damit aufklären, ist fließend. Am Unwitzigsten sind die Bücher über Witze – den „deutschen“, den englischen, den „obszönen“ usw. Witz. Das sind Früchte  harter Arbeit – am Erkenntnisgewinn. Ich wollte mal eine „Witzeerfinder“ interviewen – in Hanau bei Frankfurt. Aber seine Frau verleugnete ihn jedesmal am Telefon. Es kam schließlich raus, dass er seine Witze, die er zusammenstellte und gegen eine Jahresgebühr an diverse Redaktionen verkaufte, aus ausländischen  Zeitungen übersetzte und sie dabei sozusagen verhanauerte. Hört sich witzig an, war es aber nicht. Ebensowenig wie die Witze, mit denen ein gewitzter Unternehmer Klopapier bedrucken ließ. Auch hierbei ließ das Interesse schnell nach. Im Internet findet man unter dem Stichwort „Lachen“ natürlich, möchte man fast sagen, auch viele minderheiten-feindliche Witze. Andererseits ist es aber auch nicht voll verwerflich, wenn man sich mal –  wenigstens beim Lachen über einen Witz – zur Mehrheit zählt. Gesünder jedenfalls, als sich auf Kredit eine Doppelhaushälfte zu kaufen.

Angeblich taugt das Lachen jedoch auch für das Gegenteil: „Ein Lachen wird es sein, das euch beerdigt“ Gemeint war mit dieser alten Plakat-Zeile der Anarchisten die Bourgeoisie und ihr Büttel, der Staat, der es besonders auf sie abgesehen hat: „Terroristen“ allesamt. In den Achtzigerjahren erschien im „Klartext“-Verlag ein Buch des anarchistischen Bremer Pfarrers Wolfgang Schiesches, den ausgerechnet die Maoisten in seinem Gemeinderat des Amtes enthoben hatten – es hieß kurz und knapp: „Ein Lachen wird es sein“.  Wieder zehn Jahre später fand auf Betreiben des Aktionszentrums Wuppertal eine „autonome 1.Mai Demonstration“ statt – unter dem Motto: „Nicht nur ein Lachen wird es sein, was euch beerdigt.“ Halten wir als vorläufiges Endergebnis fest: Das Lachen scheint irgendwo zwischen Leben und Sterben auf, hat eventuell sogar eine aufschiebende Wirkung, kommt und geht aber („Da vergeht mir das Lachen“) und ist ziemlich ansteckend: „With a smile on my face – for the whole human race“, konnte Dean Martin deswegen in den Sechzigerjahren singen. Der Philosoph Michel Foucault ergänzte 10 Jahre später: „d.h. ein zum Teil schweigendes Lachen“ – womit er an das Lächeln der Cheshshire-Katze in Lewis Carrolls Buch „Alice im Wunderland“ erinnern wollte. Slavoj Zizek hat dieses Bild erst kürzlich wieder – in einem Film über ihn selbst –  verwendet. Wir befinden uns im Land des verschwindenden Lächelns. Der Kabarettist Wolfgang Neuss riet deswegen schon Jahre vor der Wende dem RIAS-Moderator Lord Knut – bei einer ihrer Haschisch-Sessions: „Befehl doch mal den schmallippigen Ost- und Westberliner Hörern in deiner Wakeup-Easy“-Sendung: ‚Ab 5 Uhr 45 wird zurückgelächelt!'“ Knut versprach sich jedoch und redete wieder von „zurückgeschossen“, war darüber jedoch so verwirrt, dass er seine Hörer stotternd fragte: „Äh, finden Sie das etwa witzig?!“ Ein typisch Deutsch-„Freudscher Versprecher“ – live aus dem amerikanischen Sektor. Unter Liebenden erfreut sich hier und heute – in der „Spaßgesellschaft“ – die leicht empört-verunsicherte Frage „Was lachst du!?“ großer Beliebtheit. Was neue Lachfragen aufwirft.

(1) 1967 eröffnete der indische Großtierhändler George Munro in Bremen einen Zoo, der gleichzeitig eine große Handelsstation war, daneben besaß er noch eine kleinere in Kalkutta. Ich fing als Übersetzer bei ihm an – für seine Frau, die  Büroleiterin war und nur englisch und hindi sprach. Da die beiden jedoch nicht genug Tierpfleger hatten, war ich die meiste Zeit mehr draußen als drinnen beschäftigt. Das fing schon morgens an: Als erstes hatte ich vier kleine Kragenbären in ihr Freigehege zu tragen – jeweils zwei auf einmal, die  ich am Kragen gepackt von mir weghielt, weil sie währenddessen versuchten, mich herzhaft in die Hand zu beißen.

Dann kamen zwei halbwüchsige Orang-Utans dran, die ich mit dem Schlauchboot auf eine kleine Affeninsel in einem See zu bringen hatte. Auf dem Weg dorthin nahm ich sie an die Hand, sie bissen mir dafür ständig in den Fuß oder ins Bein. Auf der Insel mußte ich erst einmal die Tür eines kleines Häuschens aufsperren, damit sie bei Regen darin Schutz suchen konnten. Einmal sprangen mir währenddessen die beiden Orangs wieder zurück ins Schlauchboot – und ich befand mich allein auf der Insel, während die Affen über den See trieben und sich halb totlachten: Vor Freude hüpften sie  auf die Wülste des Schlauchboots und kreischten. Zum Glück kam gerade Buddha, der kleine Sohn der Munros, vorbei. Er krempelte sich eilig die Hose hoch, stieg ins kalte Wasser und bekam nach kurzer Zeit das Schlauchboot zu fassen. Als er es geentert hatte, hörten die Orangs auf zu lachen.

Da lacht das Herz

Auch die FAZ-Moskaukorrespondentin Kerstin Holm lacht – über so viel Fröhlichkeit bei einer Massendemonstration gegen die Regierung Putin in Moskau. Zugleich fand eine noch größere Manifestation der Putin-Anhänger im Siegespark statt, die aber zum großen Teil nur aus Leuten bestand, die die kostenlose Verköstigung „und sogar Geld“ dort abgreifen wollten – mit denen die Regierung die Massen angelockt hatte, nicht wenige Teilnehmer waren auch gezwungenermaßen da, weil man ihnen gedroht hatte, sie würden ihre gepachteten Räume oder ihren Job verlieren. Diese Pro-Putin-Veranstaltung hieß „Wir haben etwas zu verlieren“, die FAZ-Autorin schreibt über die Anti-Putin-Demo: „Die Cafés an der Jakimanka sind überfüllt von Leuten mit weißen Schleifen oder Ballons. Der Philosoph Viktor Aslanow, der sich in einem davon stärkt, fühlt sich an die Antiglobalistendemonstrationen in Florenz und Malmö erinnert, bei der es ausgesprochen gentlemanlike zugegangen sei. Die offenen Gesichter, die glänzenden Augen, die er hier sehe, bildeten einen eindrucksvollen Kontrast zu den stumpfen bis gereizten Blicken der Pro-Putin-Demonstranten am Siegespark, wo er in die Metro gestiegen sei.“

Die taz ist ganz aufgekratzt, die chilenische Studentensprecherin Camila Vallejo ist in Berlin – auf Interviewtour. Wer geht da hin? „Sie kämpft gegen die zu General Pinochet zurückreichenden Wurzeln des chilenischen Erziehungswesens. Aber die Kommunistin zielt auf ein weit über die Universität hinausragendes politisches Betätigungsfeld.  Neu ist sie nicht, die Unzufriedenheit der chilenischen Jugend mit dem Erziehungssystem des Landes. Immer wieder waren in den zurückliegenden Jahren Konflikte eskaliert wie etwa 2007 in der Regierungszeit der Sozialistin Michelle Bachelet. Neu ist diesmal, dass die wachsende Unzufriedenheit ein Gesicht hat, ein hübsches noch dazu“, schreibt „Cicero“.

Während sich in Ägypten die Aufstände gegen die Militärregierung mehren, und auch die toten Demonstranten, haben sich die Auseinandersetzungen in Syrien zu einem „Bürgerkrieg“ ausgeweitet, wie die Intelligenzpresse meldet.  AP berichtet: „Dies ist ein dem Untergang geweihtes Regime und auch ein mörderisches Regime“, sagte der englische Außenminister Hague mit Blick auf die Regierung des syrischen Präsidenten Baschar Assad.“

 

Poller mit Elefant

 

Lamarxismus

In einem Aufsatz, „E.coli und Ich“,  befaßte ich mich einmal mit den Bakterien in und auf uns sowie in einem Atemzug mit der Agar-Forschung Russlands bzw. der Sowjetunion. Letztere gipfelte parallel zur Kollektivierung der Landwirtschaft in eine „proletarische Biologie“. Der Althusser-Schüler Dominique Lecourt bezeichnete diesen auch „Mitschurinismus-Lyssenkoismus“ genannten „Lamarxismus“ als „spontane Philosophie eines Gärtners“ (ohne dessen praktische Nutzen für die Landwirtschaft schmälern zu wollen). Diese „Philosophie“  war in der Tat voluntaristisch und partisanisch, noch 1948 versuchte man mit ihr die gesamte „bürgerliche  Genetik“ zu liquidieren, die schon wegen ihrer Nähe zur rassistischen Eugenik der Nazis diskreditiert war – und bezeichnete z.B. Forschungen mit dem „Number One Labortier“ der Genetiker – der Drosophila – als lächerlich, weil dabei u.a. herauskam, dass und wie sich eine Fruchtfliegenpopulation in Charkow während der deutschen Besatzung verändert hatte.

Grundsätzlich kann man sagen, dass die russischen Wissenschaftler eher die „Symbiosen“ als den „Kampf ums Dasein“ in der Natur erforschten. Und dass diese „Priorität“ ökonomische Ursachen hat. Schon Marx machte gegenüber Vera Sassulitsch in den 1880er-Jahren geltend, dass die auf gemeinschaftlichem Landbesitz basierende russische Dorfgemeinschaft „Obschtschina“  Keimzelle des Sozialismus sein  könnte, wenn ihr die Revolution quasi entgegenkomme – bevor sie sich von innen langsam durch das Privateigentum zersetzt. Der Darwinismus war in Russland äußerst  populär. „Viele der russischen Intellektuellen verwarfen jedoch in Übereinstimmung mit Marx und Engels, aber auch unabhängig von ihnen, die Idee von der Höherentwicklung durch Konkurrenzkampf, die Darwin von dem englischen Nationalökonom Thomas Malthus übernommen hatte,“ schreibt der Biologiehistoriker Torsten Rütting. Malthus glaubte, bewiesen zu haben, dass das rapide Bevölkerungswachstum verbunden mit einem ständig zunehmenden Mangel an Nahrung quasi automatisch eine natürliche Auslese der Besten gewährleiste. Während jedoch Marx und Engels davon ausgingen, dass Darwin Malthus überwunden habe, indem er dessen Gesetz auch in der Tier- und Pflanzenwelt für gültig erklärte, hielt man in Russland das ganze Prinzip der Konkurrenz eher für ein englisches Insel-Phänomen, dass in den unterbesiedelten russischen Weiten keine Gültigkeit habe.

In dieser Einschätzung war sich noch der revolutionäre Narodnik Michailowski mit dem ultrakonservativen Oberprokuror Pobjedonoszew einig: Beide taten diesen Aspekt des Darwinismus als eine „händlerische Faustregel“ ab, die „unsere [russische] Seele nicht annehmen“ könne. Auch der Anarchist Pjotr Kropotkin war dieser Meinung und bemühte sich, demgegenüber die „Sittlichung“ der biologischen Gesetze – ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen in Sibirien – heraus zu arbeiten: d.h. der reaktionären Soziobiologie eine fortschrittliche Biosoziologie entgegen zu stellen. Dazu wurde bereits im 19.Jhd. – zunächst von Botanikern – die Symbiose (der Artel- bzw. Genossenschaftsgedanke, wie er auch genannt wurde) in der Natur studiert und systematisiert. Heute wird – forciert noch durch die letzten Krisen des Neoliberalismus – erneut in diese Richtung biologisch geforscht: So geht es z.B. den Primatologen des Leipziger Max-Planck Instituts bei ihren Schimpansenexperimenten um „Altruismus“ und den US-Verhaltensforschern um Frans de Waal um „Empathie“.

Die berühmte (lamarckistische) US-Mikrobiologin Lynn Margulis, sie starb 2011, war geradezu eine Symbiosen-Sammlerin: Überall in der Natur, in unserem Körper und in unseren Zellen entdeckte sie Lebewesen, vor allem – wie von Kropotkin bereits vorausgesehen: bei den Mikroorganismen, die kooperierten, um auch unter den extremsten Bedingungen zu überleben. Im äußerst nährstoffarmen tropischen Regenwald geht z.B. die Orchidee gleich mehrere Symbiosen mit verschiedenen Mikroorganismen und Insekten ein – zur Nahrungsaufnahme sowie zur Fortpflanzung. Die französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari haben daraus ein ganzes postmodernes Beziehungs- und Organisationsmodell gemacht: „Werdet wie die Orchidee und die Wespe!“

Umgekehrt reden postsowjetische Agrarsoziologen heute bei ihrer Analyse der seit den Privatisierungen sich neu strukturierenden Beziehungen zwischen kleinen Selbstorganisationen und großen Kollektiven von „Symbiosen“, die für die  russische Ökonomie bereits seit dem 13.Jhd charakteristisch seien. „Erotik des Informellen“ nennt der Russlandforscher Kai Ehlers sein Buch, in dem er sie dazu interviewte.

Reichsautobahnpoller

Heiliger Poller

 

Bedürfnisbefriedigung

In seiner Untersuchung „Bäuerliche Gesellschaften und die Vorstellung von begrenzten Ressourcen“ stellte der US-Ethnologe Foster die These auf, „daß bei Bauern in der ganzen Welt die Vorstellung verbreitet ist, die Menge der Güter sei begrenzt, und was einer dazugewinne, müsse einem anderen notwendig verloren gehen. Von dieser Vorstellung ausgehend entwickeln Bauerngesellschaften Strategien, die die Akkumulation von Reichtum bei einzelnen verhindern,“ so der Agrarsoziologe Gerd Spittler in einem Aufsatz über den russischen Agrartheoretiker Tschajanow (1888-1939). Darin erwähnt er auch den Soziologen  Jorin, der 1984 in einem französischen Fischerdorf die „starke Einkommensnivellierung“ ebenfalls auf solche Strategien zurückführte: „Jorin erklärt damit nicht nur die Egalisierung des Lebensstandards, sondern auch das Fehlen von Investitionen“.

In Ostafrika gehören zu diesen Strategien magische Praktiken, wie der Ethnologe David Signer herausarbeitete – in seinem Buch: „Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt“. Für Signer sind die magischen Praktiken kein psychologisches, sondern ein soziologisches Phänomen. Wenn Frantz Fanon von eine „magischen Überbau“  sprach, dann könnte man nun mit David Signer von einem „magischen Unterbau“ reden. Dieser bewirkt jedenfalls nachhaltig – bis in Migration und Urbanisierung hinein, eine „Egalisierung“ der Gesellschaft.

In der russischen Agrardiskussion vor und nach der Revolution spielte laut Spittler die Frage, ob die Bedürfnisse der russischen Bauern relativ stabil sind und unter welchen Bedingungen sie sich entwickeln, eine wichtige Rolle: Bei Tschajanow finden sich „Bemerkungen, die auf ein fixes Bedürfnisniveau hinweisen, das allerdings unter dem Einfluß städtischer Kultur veränderbar ist…In seiner Modellkonstruktion geht Tschajanow jedoch von einer individuellen Bedürfnishierarchie aus. Die Bedürfnisse sind im Prinzip unbegrenzt, werden aber nach Prioritäten geordnet.“ Spittler meint, „diese Auffassung steht in Einklang mit modernen Bedürfnistheorien, die auf dem Engelschen Gesetz basieren, sie ist aber nur schwer mit den Daten vereinbar, die bei höherem Ertrag nicht eine Ausweitung der Bedürfnisse, sondern einen Rückgang der Arbeit zeigen.“ Das Engelsche Gesetz  ist laut Wikipedia die  von dem Statistiker Ernst Engel (1821 – 1896) erstmals beschriebene Gesetzmäßigkeit, „dass der Einkommensanteil, den ein Privathaushalt für die Ernährung ausgibt, mit steigendem Einkommen sinkt. Dies ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass die Einkommenselastizität der Nachfrage nach Nahrungsmitteln kleiner als 1 ist.“

Wie Tschajanow ermittelte, arbeiten die russischen Bauern durchschnittlich 132 Tage im Jahr: „Sie empfinden die Arbeit als so mühselig, daß sie nur zu einem geringen Arbeitseinsatz bereit sind. Ihr geringer Wohlstand wäre dann weniger mit ihren begrenzten Bedürfnissen als mit ihrer Unlust bei der Arbeit zu erklären. In der Tat heben schon die sprachlichen Formulierungen bei Tschajanow die negative Seite der Arbeit hervor. Auch die strikte Gegenüberstellung von ‚Arbeit‘ und ‚Bedürfnis‘ betont den Gegensatz. Im Modell von Tschajanow stehen sie ausschließlich in Opposition zueinander, die Arbeit kann nur sehr eingeschränkt zum Bedürfnis werden.“

Unter den sowjetischen Schriftstellern hat sich insbesondere Andrej Platonow Gedanken über eine Zusammenführung von Bedürfnis und Arbeit in der (sozialistischen) Landwirtschaft gemacht. Durchaus inspiriert vom utopischen Sozialisten und Genossenschaftstheoretiker Charles Fourier, der die Leidenschaft in seinem Kommunemodell (Phanlanstère) an die Stelle von Leistungsdruck setzte – so konsequent, dass Marx und Engels seine Werke immer wieder mit Vergnügen lasen und André Breton im Exil nichts anderes. „Wünscht sich nicht jeder, die Arbeit in Lust zu transformieren (und nicht etwa die Arbeit zugunsten der Freizeit nur auszusetzen)?“ fragt sich Roland Barthes – in „Sade, Fourier, Loyola“.

Die mit Leidenschaft ausgeübte Tätigkeit findet ihren Sinn in sich selbst, im Gegensatz zu der von oben oktroyierten Leistung, also Leidenschaft versus Leistung. Fourier entwarf eingedenk dessen eine kollektive Wirtschaftsweise, deren „Ziel in der Anziehungskraft der Arbeit besteht – also darin, dass das Vergnügen daran uns zur Landwirtschaft locken wird, die heute für die Menschen aus guter Familie eine Strafe ist. Diese Tätigkeit, das Pflügen zum Beispiel, erfüllt uns verständlicherweise mit einer Abneigung,“ schreibt er, „die an Abscheu grenzt. Dieser Widerwille werde jedoch  durch die unwiderstehliche Anziehungskraft der Arbeit völlig überwunden.“ Und mehr noch – aus Fouriers Wirtschaftsplan ergibt sich,  „wie überall in der genossenschaftlichen Ordnung, ein erstaunliches Resultat: je weniger man sich um den Gewinn kümmert, um so mehr verdient man.“ Auch dies kann u.U. ein Bedürfnis sein.

Softpoller – im Stapel (Arbeit und Vergnügen)

 

 

 

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