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vonHelmut Höge 09.02.2012

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Niedrigwasser 1. Alle Photos: Mathias Königschulte

 

Im vergangenen Jahr ging die taz-Reise nach Friesland, Ostfriesland und Westfriesland. Nun bleibt uns für dieses Jahr noch Nordfriesland.Vom 7. – 11. Juli 2012.

Wir beginnen die Nordfriesland-Reise in Husum, wo wir während der fünf Tage auch übernachten. Mit dem Bus klappern wir dann die „Highlights“ der Region ab:

Das Emil-Nolde-Museum an der dänischen Grenze, die Windkraftanlagen-Werke in und um Husum, den Nationalpark schleswig-holsteinisches Wattenmeer, die Tourismus-Entwicklung am Beispiel von St. Peter-Ording, die Erinnerungsorte an die Landvolkbewegung und die Polderlandschaft von Dithmarschen, die Holländersiedlung Friedrichstadt und die musealisierten Reste der 1362 im Sturm untergegangenen Stadt Rungholt im Wattenmeer vor der Halbinsel Nordstrand, eventuell auch noch das „Nordfriisk Instituut“ in Bredstedt, auf alle Fälle jedoch das „Nissen-Museum in Husum.

Wiewohl sich alle Friesen, zusammengeschlossen in einer Art Eidgenossenschaft, von den Deutschen zu unterscheiden wissen, sind die Nordfriesen die widerständischsten: Mehrmals schlugen sie alle Adelsheere zusammen, die ihre Eigenständigkeit bedrohten.

Der Husumer Dichter Theodor Storm bedauerte es noch 1864, dass die tumben Preußen den liberalen Dänen das friesische Territorium abnehmen konnten. Und in den Zwanzigerjahren bekämpfte ihre „Landvolkbewegung“ die sozialdemokratische Steuerpolitik, u.a. indem sie Finanzämter in die Luft sprengte. Ihr Anführer war der Dithmarscher Bauer Claus Heim, seine Enkelin Susanne Heim ist nebenbeibemerkt taz-Autorin.

Niedrigwasser 2

Niedrigwasser 3

Zur Einstimmung auf Nordfriesland seien hier die Farben aus dem dort spielenden Roman „Deutschstunde“ wiedergegeben:

Der zur Schulpflichtlektüre gehörende Roman von Siegfried Lenz „Deutschstunde“ aus dem Jahr 1968  handelt vom „Malverbot“ Emil Noldes während der Nazizeit. Dieser hat sich mit dem besonderen Licht an der nordfriesischen Küste, seiner Heimat, auseinandergesetzt – mit Farben also. In dem Roman von Lenz wird das in gewisser Weise nachvollzogen. Das beginnt auf Seite acht mit einer „messingblitzenden Barkasse“ und einem „blauen Direktionsgebäude“.

Auf der darauffolgenden Seite geht es um einen Klassenkameraden des Ich-Erzählers, der seine Gesichtsfarbe willentlich ändern und „nach Belieben blaß, grünlich“ aussehen konnte. Es folgen „maulwurfsgraue Gräben“, das „schwarze winterliche Meer“, der „grauäugige“ Maler Nansen (alias Nolde), „schweres, beleidigtes Gelb“, „von dunklem Blau durchzuckt“, „dramatisches Orange“. Dann das „Zinngrau des Horizonts“, das zu „schneegrau“ wird, „violett bleibt nicht violett, rot verzichtet auf sein Komplement“, „bläulich schimmerndes Treibeis“, „wütendes lila und kaltes Weiß“, „schlohweiße Kraftlinien“, „weiße Staubtücher“, ein „grau getünchtes Gasthaus“, ein „Tor aus weißen Planken“, ein „rostroter Stall“, „Schwarzschlachtung“, ein „graublauer Mantel“ mit „schwarzem Wildledereinsatz“, ein „violett gesträubter Fuchspelz“ und „ein Bart aus brodelndem Orange“. Ferner „erdgrüne Hügel“, „braune, rot unterfeuerte Finger“, „sterbendes Grau“, „Dunkelgrün fehlt noch“, „braun und begabt“, „gelbe Propheten“, „grüne, verschlagene Marktleute“, „das ganze phosphoreszierende Volk“, „grüne langstielige Gläser“, „aufblickend in olivgrünem Licht“, „rot-weißes Leuchtfeuer“, „ein ockerfarbenes Transparent“, „weiß und rostrot getünchte Anwesen“, „mit Schlemmkreide geweißte Schuhe“, eine „rote Ameise“, die „sandhelle  Spitze der Halbinsel“, „weißgewaschenes Wurzelwerk“, „aus schwarzer Weite“, „rotäugig, gelbschnäbelig“, „Schnee aus Daunen“, „blaugrüne, graue und schwarzbraune Eier“, „Addis blaurot verfärbtes Gesicht“, ihr „aufgesperrter, korallenroter Schlund“, „gelbe Hoheitszeichen“, ein „weißlicher Vorhang“, „alles wächst sich schwarz und knollenhaft aus“, „graue geduldige Augen“, „das Grau der Sanddünen“, „die blaue Meereskarte aus Leinwand“, „Stücke blaßgelben Streuselkuchen“, „altersgraues Meergetier“.

„Juttas rot-weiß kariertes Kleid“, „ebenmäßig silbriger Bartkranz“, „da überredete ein weiches Zitronengelb ein lichtes Blau zur Selbstaufgabe“, „schwebende Segel büßten ihr Weiß ein“, „das Weiß, das will noch zu viel sagen“, „sein brauner knorriger Stock“, „auf dem gewellten schwarze Erdboden“, „die schwarzen Gartenwege“, „am rostroten Stall“, „die blauen Tümpel und das flockige Weiß“, „ein altes weißes Entenpaar“, „ein rot durchkreuzter Eilbrief“, „rötlich behaarte Hände“, „mit flatternder blauer Fahne“, „Braun löste Weiß ab“, „in dem Rot und Geld sich pathetisch unterhalten“, „das gelbliche Gebiß“, „am rotbemützten automatischen Feuer“, „rotblonde Wimpern“, „ihr strenges rötliches Gesicht“, „eine langsame Morgendämmerung, in der sich ein unaufhaltsames Geld mit Grau und Braun auseinandersetzt“, „plumper weißer Verband“, „harte, graue, selbstgewebte Laken“, „torfbraunes Wasser“, „in weiße Rahmen gefaßte Fenster“, „schwarz und untauglich im Blickfeld“, ein „dunkelgrünes Auto“, „eine geflochtene Troddel von einem Polizeisäbel, die matt silbrig schimmerte“, „ihre Vorliebe für weiße Kleider und weiße Strümpfe“, „grauweißer Pamps“, „sowohl ins Grüne als auch ins Rote spielender Rhabarbermus“, „weiße, mit Sommersprossen und Leberflecken besäte Arme“, „meine blaue, selbstgemachte Fahne“, „torfbrauen Erde“, „schwarze,  lauwarme Gräben“, ein „alter blauer Mantel“, der „violette Fuchspelz“, „in schreckhaftem Orange beispielsweise, in weißem, wie mit Deckfarbe aufgesetzten Tupfen“, „ins Schwarzgrau einen scharfen Ruf: Gelb, Braun und Weiß,“ „und Erdgrün“, „sein graues Auge“, „helläugig, mit blauem Gesicht“, „schwere, graugrün gestrichene Türen“.

„Ein grauweißes, oben links leicht geflecktes Rechteck“, „das rote, längliche, sauertöpfische Gesicht“, „weiße Ringe“, „eine milchige Sonne“, „das wirft gelbe und grüne Blitze übers Meer“, „ein schwärzliches Licht von der Morgensonne“, „Rotalgen, Braunalgen, Grünalgen“, „sein riesiges blauweißes Taschentuch“, „die Planken weiß schrubben“, „blaue Schatten über der See, die von grauen Bändern geteilt wurden“, „die Frau mit dem zusammengesteckten braunen Haarkranz“, eine „niedrige, dunkelgrün gestrichene Decke“, der „Sonnenuntergang Rot und Grün“, „statt Orange – Violett“, „die gewohnten Farben: weißgrau und ziegelrot“, „aschblondes Haar“, ein „brauner, abgeplatteter Daumen, „schwarzes Brett“, „braune und sandfarbene Staubmäntel“, „Flaschengrün und Schwarzblau“, „seine blaue Fahne“, „rot eingekastelt“, ein „silbergrauer Kajak“, „Gesichter auf zerlaufenem Silber“, „wäßriges Blau“, „dunkle Naturgeister“, „gelbe Verderbnis“, „Farballergie stop Braun“, „Mann im roten Mantel“, „grünweiß geflammte Furcht“, „die blaue Grundierung, um das Rot des Mantels daran zu brechen“, eine „schwarze, winterliche Nordsee“, „Dittes grauer Bubikopf“, „weißes öliges Zeug“, „graue Augen, klein und kalt“, „ein braunes Ungetüm von Kommode“, „bläuliche Metallflecken“, „Rot auf Weiß und Grün auf Weiß“, „mehlweiße Heringe“, „gelb und braun glänzend vor Fett“, eine „braune Schüssel“, ein „rotleuchgtendes Papierstück“, „grüne Gesichter“, „schiefe und schwarze Münder“, „grüne Gesichter“, „eine Schale mit bräunlichem Apfelmus“, „einige rote und grünweiße Schnipsel“, „rote, grünew, weiße und blaue Flocke ließ er niederregnen“, „blaue Meereskarten“, „graue Modellflotten“, „Rot bestätigte Blau. Weiß brachte Grün in Aufruhr, Braun behauptete sich gegen Grau. Ein brauner gekrümmter Zeh“, „eine schwarze Jacht“, ein „roter Kugelbaum“, „eine rote Glocke“, „unter der grauen Last“, „mit einem schweren grünweißen Körper“, sandgrauer Strand“, „die schwarze, winterliche Nordsee“, „eine ins Blaugrün spielende Welle“, „ein düsteres Braun“, „braune Augen“, „torfbraunes Wasser“, „meine schlammbedeckten Schokoladenbeine“, „ins Bläuliche spilenmder Schlamm“, „schwarz geteerte Bordwände, mit gebleichtem Ducht, die von Mövendreck bespritzt war“, eine „schwarze Schubkarre“, „schwarzweiß gefleckt, grau, verzottelt“, der „grünbraune Wulst“, „braune Torftürme“, eine „ins Schwarze übergehende Wand“.

„Das rote Ziegelhaus“, „auf der grauen Couch“, „Das braune gutmütige Büfett“, „weiße Tage“, „rothaarig“, „ein schwarzer Rock und ein schwarzer Lackgürtel“, „ein großes beleidigteKüken aus gelbem Stoff“, „mit dem schäbigen blauen Mantel“, „sein Gesicht war grau“, „der rostrot getünchte, lange unbenutzte Stall“, „die gekalkte Stallwand“, „das schwarzweiß gefleckte Fell“, „mit grauem Haarnetz“, „mit eisgrauem Haar“, „schwarzweiße Kreisel über die Stirn“, „schwarze, übereinanderliegende Baumstämme“, „das dunkelgrüne Auto“, „der kleine braune Koffer“, „die mausgraue tanduhr“, „in grünem Licht“, „ein unaufhaltsames Braun“, „ein Braun mit schwarze Streifen und grauem Rand“, „seine grauen Augen“, „mein grün gestopfter Pullover“, „die schlammgraue oder tonfarbene Einöde“, „graue Tümpel“, „gelbliche Schaumhügel“, „der rotblaue Ring“, „Blau vor Grün, Blau vor Sandbraun“, „ein tongraues Gebiet“, „bis zum roten Leuchtfeuer“, „weiße Stifelkuppen“, „eine grüne Bohne“, „schon braun“, „noch als grün, hatten jedoch schon gelbbraunen Schimmer“, „Bleifarbe“, „Ziegelrot im Blickfeld“, „diese Ebene, grün, geld und mit braunen Streifen, „mit schwarzen Früchten“, „gebräunt“, „weißblaues Gewölk“, „braungrünes, fettig schimmerndes Ölpapier“, „schwarzer Strom“, „unterschiedliche Brauntöne“, „Spuren im Schnee, schwarz und ohne Herkunft“, „blaue Zaunlatten“, „“bißchen olivfarbener Hintergrund“, „ein kleines, rotes Leuchten“, „die graue, harte, nächtliche Juckreize hervorrufende Decke“, „das violette Kleid“, „in Grün“, „sondern in Gelb“, „Widerstand des schwarze, gestauten Wassers“, Schwarz glänzend die krummen Bäume“, „Die Tünche – weinrot und weißgrau“, „von grauem Haar eingeschlossen“, „die grauen Augen“, „mit dem silbernen Bartkranz“, „schwarzes Seidenkleid“, „schwarze Strümpfe, schwarze Überschuhe und der schwarze Tuchmantel“, „weißlicher Schleier“, „Rotziegel“, „Schwarz stand ihr gut“, „in schwarze Gruppen“, „ein dunkler, hoffentlich kratzender Strickanzug, „keine Rotdrosseln“, „rostrot getünchte Tür“, „braungelacktes Holz“, „weißes Kleid, weißer Spangenschuh“, „graue Kleider“, „mit schwarze Rissen im Nacken“.

„Dünnes weißliches Wurzelwerk“, „“die Erde schwarzbraun“, „die gelben Türme“, „der so rot angelaufene Mann“, „seine safrangelbe Joppe“, „seine mit schwarzem Isolierband geflickte Pfeife“, „die sattgrüne Erhebung“, „das schwere Grün, das glühende Rot der Gehöfte“, „in Streifen roten, gelben und schwefligen Lichts“, „Ocker- und Zinnobertöne am Himmel“, „schwarzweißgefleckte Tiere“, „unter weißlichen Atomstößen“, „das rotblonde Haar“, „einer der aschgelben Heringe“, „Eiszapfen zeigten im Zerspringen, daß sie gefärbt waren,  rot und gelb vor allem“, „grüne Hügel“, „grau im Gesicht“, „ein grüner, olivgrüner Panzerspähwagen“, „eine schwarze Baskenmütze“, „rötliches Kraushaar und zwei rötliche Sterne auf den Schulterklappen“, „olivgrün“, „in dem braunen, kurzärmeligen Kittel“, „die olivgrüne Masse“, „unter der grünschwarz gestreiften Decke“, „“mit brandrotem Fuchspelz“, „Die linke Gesichtshälfte in kraftlosem Rotgrau, die rechte Grüngelb, der Grund rötlich fleckig“, „durch bläuliche Schleier“, „die weißlich schimmernde Stirn“, „das schattige Blau über dem Nasenrücken“, „Rotgrau und Gründgelb“, „Dies innenlichtige Blau“, „in diesem Blau“, „hier rotgrau, dort grüngelb“, „das Blau“, „blau bewimpelt“, „grauweiße Stulpen“, „weiße Fahnenstange“, „weiße Schürze“, „Rotziegel“, „mit dem weißen Vogelbauer“, „auf dem torfbraunen Weg“, „schwarz vor eingefallenen Staren“, „bläulicher Schlamm“, „weißlicher Dunst“, „die beiden olivgrünen Autos“, „“etwas Blaues“, „bei schwarzem Himmel“, „aus grünblauer Tinte“, „verloren unter Grau“, „wenn milchiges Weiß auf sie fiel“, „ihre gespreizten braunen Beine“, „im blauen Kittel“, „der blaßgrüne Unterrock“, „von dem sämigen, honigfarbenen Shampoo“, „eine dunkle Brühe“.

„Das rötliche Licht“, „ein Strauß von gelben und roten Leuchtkugeln“, „Torkelnder Aschenregen vor weißgrauem Himmel“, „mit dem braunen, rot unterfeuerten Finger“, „die gelben Propheten“, „die grüne, verschlagenen Marktleute“, „das ganze phosphoreszierende Volk“, „“mit ihren leicht grüngoldenen Händen“, „ihren eisgrauen Augen“, „mit seinen gelblichen, starken Zähnen“, „die braune, grobe Decke“, „der Mann im roten Mantel“, „ein brauner Umschlag“, „unter einem roten Himmel“, „auf die blaue Musterung“, „unter dem roten Himmel, mit offenem Haar“, „zwei gelbliche Tabletten“, „diese dünne goldene Kette“, „das dünne, aschblonde Haar“, „in dem schwarzen, lackglänzenden Regenmantel“, „“wachsgelbe Haut“, „die Frau in Schwarz mit dem breitkrampigen schwarzen Hut“, „lila Schimmer im Haar“, „das Mädchen im Lederrock mit dem seegrünen Pullover“, „die flache Rothaarige, deren Beine mit roten Pickeln besetzt waren“, „an grünen Schnüren“, „Ihre Sehschlitze waren erdbraun“, „gelbe Baumaschinen“, „bis zur Verkehrsampel, die zeigte noch Grün“, „Rotweinflaschen“, „die grünen Schriftzüge“, „hellblau gestrichene Seekisten“, „auf weißgraue Papper gezogen“, „goldene zuckende Ränder“, „Schwarz und Weiß, ein schwarzer Winkel“, „ein verwinkelter, schwarz gekleideter Mann“, „ließ Blau durch Gelb zucken, ließ Weiß in schimmerndem Grün explodieren“, „das grüne Gesicht“, „ein untersetztes schwarzhaariges Mädchen“, „Die roten Flecken“, „tanzten rote Flecken auf mich zu“, „die Schnipsel des roten Fahrradschlauchs“, „die vergilbte Tapete“, „rotweißgewürfelte Bauerngardinen“, „schwarzes Haar, trägt ein schwarzes Hemd“, „der Stoff seiner schwarzen Hose“, „die silbernen Knöpfe“, „die schwarzgrauen Hefte“, „Grünkohl, Rotkohl, Weißkohl“ und zuletzt: „die grauen und gifgrünen Rauchschwaden“.

P.S.: Der Spiegel veröffentlichte am 28.4.2014 eine ausführliche Rerezension des Romans „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Darin berichtet er von neueren Noldeforschungsergebnissen. Demnach war Emil Nolde als Mensch ein übler Nazi und Antisemit, als Maler war er es jedoch mitnichten. Dem Roman von Lenz über den Maler und Menschen Nolde ist aber anzukreiden. dass darin „Maler und Mensch identisch“ sind. Abschließend heißt es:

„Wirkliche Welterfolge konnte die deutsche Literatur seit 1945 mit fünf Romanen feiern. Neben dem jüngsten, Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, und dem größten, Patrick Süskinds „Das Parfum“, handelt es sich bei dreien von ihnen – bei der „Blechtrommel“ von Günter Grass, dem „Vorleser“ von Bernhard Schlink und eben der „Deutschstunde“ – um Erzählwerke, die sich die allesamt mit der Lenz-Frage beschäftigen, „wie geschehen konnte, was geschehen ist in diesem Land“. Die Antwort, die der Polizeiposten Rugbüll und der Kunstmaler Max Ludwig Nansen darauf geben, gehört zu den nachhaltigsten und zugleich fragwürdigsten, die man in einem Leseleben darauf erhalten kann.“ Also raus aus dem Deutschunterricht mit der „Deutschstunde“.

 

Hochwasser

Storm und Drang

„Die äußere Enge nämlich hinderte mich nicht, innerlich ins Weite zu gehen!“ (Theodor Storm)

Im Sommer 1985 fuhren wir nach Husum – zu einer Theodor-Storm-Tagung. „Bei diesem Autor war es mittlerweile notwendig geworden, hinter dem zum Schulbuchautor zurechtgestutzten und von den Nazis als Repräsentant einer Blut- und Boden-Literatur vereinnahmten Schriftsteller den „ersten deutschen Naturrealisten“ und „kritischen Realisten“ ebenso wiederzuentdecken wie den antimilitaristischen Demokraten Theodor Storm,“ hatte uns die Kulturredaktion der taz mit auf den Weg gegeben.Theodor Storm war eine „stark sinnliche, leidenschaftliche Natur“ (Th. Storm, „Des Amtschirurgus Heimkehr „). Seine überstürzte Verlobung und baldige Entlobung mit Emma Kühl von der Insel Föhr bestätigt das: „Ich wußte damals noch nichts von Liebe; es war alles damals heißes Blut“, gestand er später.  (Vgl. Gertrud Storm, „Jugendzeit I“). In Husum besuchten wir das „Theodor-Storm-Haus“, „das von Storm-Forschern und -Verehrern aus der ganzen Welt besucht wird, “ wie es bei K.E. Laage: „Ein Führer durch die Storm-Stätten“ heißt. Im „Hademarschen-Zimmer“ finden sich in einer Vitrine neuere Storm-Adaptionen, darunter der Photoroman „Immensee“ aus der ‚Hamburger Morgenpost‘: „Von Storms Novelle ist in diesem modernen Photoroman nicht viel mehr als der Titel und der Heldenname Reinhard übriggeblieben; vor dem Hintergrund der späten 1960er Jahre (Studentenbewegung und außerparlamentarische Opposition) scheint diese Trivialisierung des Originals um so bedenklicher.“ (Aus: „Th. Storm – Immensee, Erläuterungen und Dokumente“) .

Ab Mitte der Achtzigerjahrer fanden in Husum regelmäßig „Nordische Filmtage“ statt. Zwischen den Filmen ging man ans „graue Meer“, löffelte einen Eisbecher „Deichgraf“ im „Theodor-Storm-Café“ oder beschäftigte sich mit friesischer Deichbaukunst und kollektiver Eigensinnigkeit. Mit dem  „Schimmelreiter-Syndrom“, wie es der Wattenexperte vom  Bund für Naturschutz nannte.

„Nicht mehr ganz Meer, noch nicht ganz Land, das ist das doppelte Gesicht der Landschaft Wattenmeer“, lasen wir auf einer Tafel im Husumer Heimatmuseum, dem Nissenhaus, vor dem ein Klabautermann in Bronze steht. Der Geschichte der Kultivierung des Saumes zwischen Meer und Marsch ist denn auch eine weite Abteilung von hohem Erlebniswert gewidmet. „Durch die Jahrhunderte hindurch ist die Geschichte des Deichbaus immer wieder belastet gewesen mit dramatisch verlaufenen Deichschließungen – der Geburtsstunde eines neuen Koogs.“ Die friesische Landgewinnungspraxis hat über die Jahrhunderte hinweg eigene Begriffe geprägt. „Schöpfwerke“ der Deichgeschichte sind die Regulationssysteme, die Schleusen zwischen Kultur und Natur. Mit einem solchen wurde „zum ersten Mal, 1955, beim Deichschluß des Lübke-Koogs nacktes Watt mit Erfolg in landschaftliche Kultur genommen.“ Bei der Eroberung der nackten Watten spielt der „Wattenpionier-Queller'“, eine Art Salzgras, eine bedeutende Rolle. Die „Schotten im Deichkern  -unsichtbare Dokumente der Deichgeschichte“ sind unter „Faschinen“ (Buschmatten) und der (bei „örtlicher Gefährdung durch Wellenschlag mit Schadwirkung“ nötigen) „Bestickung“ mit Reet/Stroh befestigt. Neuerdings gilt: „Wenn das Watt einen ausreichend hohen Schlick-Ton-Gehalt besitzt, kann es nach jüngsten Erkenntnissen eingedeicht werden, bevor es biogen (durch Salzpflanzen) verlandet; der über 900 Jahre praktizierte Grundsatz von der Deichreife hat damit für Schlickwatten seine Bedeutung verloren!“

Der aus Friesland stammende und an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrende Maler Raimer Jochims schreibt: „Die Schlickbildung ist schon in meiner Kindheit ein unmittelbares Erlebnis gewesen: das schwarze formlose Chaos, mit dem chaotischen Hintergrund der Sturmfluten und Deichbrüche, also die Doppelqualität des Aufbauens und Zerstörens der Elemente. Das Land, das hier gewonnen wird, ist rechtwinklig strukturiert, alles ist flach, die einzige Vertikale ist der Mensch. Das ist eine Landschaftserfahrung, die durch die Horizontale geprägt ist und durch die Elemente des Feuchten und Chaotischen.“

Nach wie vor gibt es auch noch die Institution des Deichgrafen und Oberdeichgrafen, der heute jedoch meist – entmachtet – die rechte Hand des oft konservativen Landrats ist. Anfänglich baute man die Deiche mit steilen Wänden „wie Festungen“. Der Deichgraf Hauke Haien setzte gegen den Willen der am Deichbau beteiligten Bauern die moderne Bauweise durch, die den Angriff der Wellen nicht parierte, sondern sanft ausrollen ließ. Während Hauke Haien als Held in Theodor Storms „Schimmelreiter“-Novelle an Aberglauben und Fortschrittsfeindlichkeit scheiterte, ist heute ein wichtiger Koog nach ihm benannt.

Imbiss

Politische Ökologie an der Nordsee

1988 unternahmen wir einen Ausflug zur zehn Kilometer von Husum entfernten Insel „Nordstrand“: In der „Nordstrander Bucht“ befindet sich die derzeit umfangreichste friesische Küstenschutz-Maßnahme: der Beltrigharderkoog. Auch eine Katastrophe. „Der Grund liegt darin, daß man im Süden begonnen hat, den Generalplan Küstenschutz, der nach der schweren Sturmflut 1962 aufgestellt worden war, zu realisieren. Deswegen waren wir hier im Norden die letzten, und inzwischen haben sich die politischen Zustände geändert“, so der Ingenieur des Küsten-Bauabschnitts C. Michael Mäurer vom BUND für Naturschutz. „Zehn Jahre wurde gegen diese Eindeichung gekämpft. Das hat viele Leute verschlissen und Feindschaften entstehen lassen.

Auch unter den Naturschützern gab es Kompromißbereite. Am Anfang ging es noch um eine große Lösung: ein Deich vom Hauke-Haien-Koog bis zu den Halligen. Aber auch die kleine Lösung jetzt, die Eindeichung der Nordstrander Bucht zerstört immer noch 3.400 Hektar Naturlandschaft, die in Kunstlandschaft verwandelt werden. Nun müssen wir erstmal sehen, was daraus wird. In der Zwischenzeit wird man über die Problematik Küstenschutz neu nachdenken müssen.“  Der gigantischen Baustelle sieht man schon von weitem an, daß hier ein absurder Kompromiß entsteht: die martialisch eingedeichte „kleine Lösung“ wird nicht etwa landwirtschaftlich genutzt werden, das wäre bei der derzeitigen Agrar-Überproduktion nicht sinnvoll, man wird dort statt dessen Süß- und Salzwasserbiotope anlegen. Die Dame vom Informationspavillon berichtet stolz, daß sich im südlichen Abschnitt schon vier Seehunde tummeln. Mit dem Salzwasser-Naturreservat soll das Wattenmeer „nachempfunden“, mittels Sielen und Pumpen sogar eine Gezeitenbewegung im Biotop simuliert werden. Diese vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Ausgleichsmaßnahmen werden von den Planern als „Paradies aus Menschenhand“ gepriesen.

Viele Touristen schreiben allerdings wütende Briefe an die ‚Husumer Nachrichten‘ und fragen, was dieser ganze Quatsch soll. Zwar hatte es schon 500.000 Protest-Unterschriften gegen die Sicherungsmaßnahme Nordstrander Bucht gegeben, ein Hearing und eine Einstweilige Verfügung des Verwaltungsgerichts Lüneburg, die einen vorübergehenden Baustopp bewirkte. Ein Lehrer aus Nordstrandischmoor hatte eine bedrohliche Erhöhung der Flut für die Halligen aufgrund des neuen Deiches befürchtet. Seit Deichschluß geben ihm einige ältere Halligbewohner recht. Ein Redakteur der Husumer Nachrichten: „Wir haben das mal geprüft, das ist alles gelenkt worden.“ Von wem oder was, will er nicht sagen. Er räumt aber ein, daß das Projekt Nordstrander Bucht die „große Zäsur in der Deichbaugeschichte ist: der Rubikon ist überschritten.“  11O Millionen Mark wird der umstrittene „Puffer zwischen Meer und Siedlungsland“ kosten und den naturhungrigen Urlauber abschrecken.

Zwar verhandeln derzeit der BUND und der World Wildlife Fund, Geschäftstelle Husum, mit den Anliegergemeinden über die Nutzung der Bucht für den „sanften Tourismus“, aber attraktiver wird das „Ingenierbauwerk“ auch durch zwei Badestellen an den Sielen und einem Surfer-Treffpunkt „Fanatic“ nicht. Dennoch signalisiert dieser Versuch, neuen Ökowein in alte Schleusen zu gießen, ein Umdenken. Als Beispiele für kulturelle Küstenbefrachtung könnten das schleswig-holsteinische Musikfestival, die Husumer Filmtage oder auch die zwei von Naturschützern angebotenen mehrtägigen Wattenbildungs-Turns genannt werden („Die Teilnehmer sind unfallversichert“). Inzwischen wird den Ökotouristen dort  noch weit mehr geboten:

Ein Lehrstück im Wattenmeer

Das Stück wird immer noch gespielt. Man kann es sich ankucken. Das wollten wir auch 2007 noch. Und fuhren nun bei grauem Wetter am grauen Meer entlang – durch den „Nationalpark Wattenmeer“ in Nordfriesland. Seit Ende der Siebzigerjahre wurde hier ausgehend vom Beltrigharderkoog ein Kampf zwischen Ökonomie und Ökologie ausgefochten. Die Bauern und das von ihnen einst durch Eindeichung geschaffene Ackerland auf der einen Seite. Auf der anderen Ringelgänse bzw. ihre Sprecher: Biologen und Umweltschützer. „Die Grünen sind schlimmer als die Gutsherren einst,“ so sagte es 2001 ein friesischer Bauer. Während das „Bundesamt für Naturschutz“ bekannt gibt, dass sich die Ringelgänse in den „Schutzgebieten“ bereits auf eine andere Nahrung umgestellt haben: „Sie nutzen die landwirtschaftlichen Kulturen im Küstenbereich sowie die Salzwiesen und haben dadurch im Winterquartier und auf dem energiezehrenden Heimzug in die Brutreviere eine bessere Ernährungsgrundlage“.

Die Ringelgänse machen hier im Watt bloß Zwischenstation auf ihrem Flug von der französischen Atlantikküste nach Sibirien – und zurück. Wir sahen sie aber nicht, so sehr wir nach ihnen Ausschau hielten. Wir hätten im Mai kommen sollen. Da werden auf der Hallig Hooge, wo sich allein 20.000 Gänse zu dem Zeitpunkt aufhalten, die „Ringelgangstage“ veranstaltet, und die „Goldene Ringelgansfeder“ an Menschen verliehen, „die sich besonders um den Nationalpark verdient gemacht haben,“ wie wir im Info-Pavillon erfahren. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen Kultur und Natur – Bauern und Biologen – schaltete man einen Ethnologen ein: Werner Krauss. Er war kein neutraler Beobachter. In seinem Bericht „Die ‚Goldene Ringelgansfeder'“ schreibt er: Der jahrzehntelange „Kampf hat Wunden hinterlassen, aber er hat sich auch gelohnt“. Dazu zitiert er einen der Biologen: „Als die Bauern die Ringelgänse noch bejagten und zu vertreiben versuchten, hatten sie eine wesentlich höhere Fluchtdistanz.“ Heute wird das verbliebene Kulturland vom renaturalisierten Land durch eine weiß-rote Schranke abgetrennt: „In dieser Schranke steckt die ganze Vermittlungsarbeit“. Die Bauern bekommen für den „Wildschaden“ eine Kompensation von der EU, dazu gehört ein spezielles „Hallig-Entschädigungsprogramm“ – und „verbilligte Karten für die Schranke“. Der „Ringelgansschutz ist laut Krauss eine „Erfolgsstory des Naturschutzes.“ Ihr Bestand ist auf 280.000 angewachsen. Es wurde mit den Staaten auf ihrer Zugroute ein „Ringelgansmanagementplan“ verabschiedet.

Wesentlich pessimistischer sieht der holländische Agrarforscher Frank Westerman diesen zivilisatorischen Rückbau. Seine Recherchen unternahm er am Wattenmeer des Dollart zwischen West- und Ostfriesland, wo es nicht um den Lebensraum von Ringelgänsen, sondern von Säbelschnäblern ging. Während der „Watten-Rat“ auf deutscher Seite jubelt: „Bis 2002 erreichte der Vogel in diesem Gebiet ‚internationale Bedeutung'“, schreibt Frank Westerman: „Ende der Neunzigerjahre lagen hier Tausende von Hektar brach: Der Getreideanbau lag in den letzten Zügen und schien ein willenloses Opfer der Landschaftsplaner mit ihren Riesenbudgets.“ Die Verwaltung des „Naturschutzgebietes“ in der ostgroninger Region Oldambt ließ das Land „vogelfreundlich“ anlegen und errichtete für die Menschen „Vogelbeobachtungspunkte“. Westerman schreibt: „Vom Deich aus sah ich Hunderte von Säbelschnäblerpaaren mit ihren Jungen am Ufer des Wattenpriels herumlaufen, dort, wo in den Achtziger Jahren noch Raps gestanden hatte.“

Auch das wollten wir uns ankucken, aber wieder kamen wir anscheinend zu spät. Die Säbelschnäbler sind Strichvögel, wegen des plötzlichen kalten Wetters waren sie vielleicht weiter nach Holland hoch gezogen. Auch der Dollart sah im übrigen so grau wie der Himmel und das „graue Meer“ bei Husum aus. Da wir aber schon mal in Westfriesland waren, fuhren wir noch landeinwärts: Gleich hinter Leeuwarden befindet sich ein Dorf namens „Jorwerd“, an dem der holländische Autor Geert Mak den „Untergang des Dorfes in Europa“ festgemacht hat. Um die Jahrhundertwende wohnten ungefähr 650 Leute in Jorwerd, nach dem Zweiten Weltkrieg waren es noch 420, 1995 nur noch 330, wobei die meisten in der Stadt arbeiteten. 1956 schloß das Postamt, 1959 gab der letzte Schuster auf, der Hafen wurde zugeschüttet, die Bäckerei schloß 1970, zwei Jahre später wurde die Buslinie stillgelegt, 1974 gab der letzte Binnenschiffer auf, der Fleischer schloß seinen Laden 1975, der Schmied gab 1986 auf und 1988 machte der letzte Lebensmittelladen dicht, 1994 wurde schließlich die Kirche einer Stiftung für Denkmalschutz übergeben.

Als wir dort ankamen, hatte nicht einmal mehr die Dorfkneipe „Het Wapen van Baarderadeel“ geöffnet. Geert Mak meint: „Mit der Landwirtschaft war die Stabilität nicht nur aus der dörflichen Wirtschaft, sondern aus dem gesamten sozialen Leben des Dorfes gewichen“. Und die Landwirtschaft habe man sukzessive mit den EU-Subventionen zur Förderung konkurrenzfähiger Agrarbetriebe aus den Dörfern vertrieben. Dafür wurden „Naturpläne“ aufgestellt: „Manche Grundstücke wurden zu Biosphärenreservaten erklärt – und der Bauer erhielt eine Kompensation“. Es wurden sogar Planierraupen eingesetzt, um den fruchtbaren Ackerboden zu entfernen und das Terrain wieder künstlich karg zu machen. Dazu wurde „ein Projekt nach dem anderen konzipiert – ausgereift und unausgegoren, brauchbar und wahnwitzig, alles durcheinander“. Feriendörfer, Yachthäfen, Transrapid – es wimmelte von Masterplänen. So wurde Jorwerd zu einem Global Village.

Wir kehrten um und fuhren zurück nach Osten – an den Dollart: Die Säbelschnäbler waren noch immer nicht zu sehen. Es kam Nebel auf. Frank Westerman hatte sich auf drei Dörfer im Oldambt konzentriert – dem einstigen „Getreideparadies“, in dem es früher viele Landarbeiter gab und in dem noch 1994 über 50% der Wähler für die Kommunisten stimmten. Man nennt diese ostgroninger Region deswegen „das rote Dreieck“. Von hier stammte auch der einstige Herrenbauer und Sozialist Sicco Mansholt – der erste und wichtigste Landwirtschaftskomissar der EU, damals noch EWG genannt. Der „Kulturlandgewinner“ Mansholt entwarf das Agrarsubventionsmodell, das noch heute – wieder und wieder modifiziert – gültig ist. Und er war es auch, der sich zuletzt für „Kulturlandvernichtung“ – die Renaturierung, sogar Flutung von Ackerland einsetzte und an „Stillegungsprämien“ dachte. Das war, nachdem er in Brüssel Petra Kelly kennengelernt und sich in sie verliebt hatte, wie Frank Westerman berichtet, der darüberhinaus neben der „grünen“ auch noch eine „blaue Front“ am Dollart ausgemacht hat, die die Landwirtschaft nun quasi von beiden Seiten in die Zange nehmen. Mit letzteren sind die Wasserwirtschaftsverbände gemeint, die bereits eingedenk der Klimaerwärmung daran gehen, aus der niederländischen Küste eine „Sonderzone“ zu machen, um „auf dem Land Raum für das Meer zu schaffen“. Über all diese „grünen“ und „blauen Projekte“ haben sich jedoch die Getreidepreise in den letzten zwei Jahren verdoppelt, wie ein Oldambter Bauer dem Autor, Westerman, 2007 schrieb. Die zuständigen Behörden hätten ihm außerdem versprochen: „Auf guten, landwirtschaftlichen Böden soll keine Natur mehr angelegt werden.“

Vielleicht kommt es noch so weit, dass die EU sogar Fördermittel für Existenzgründungen von Kleinbauern auflegt. Wie schon Marx und Engels war auch Sicco Mansholt davon überzeugt gewesen, dass der kleinbäuerliche Familienbetrieb keine Zukunft hat – nur die industrielle Großlandwirtschaft. Sein berühmtester Gegenspieler war und ist der ostfriesische Bauer Onno Poppinga – aus Upgant auf der anderen Seite des Dollart. Seit den Siebzigerjahren kritisiert er schon die EU-Agrarpolitik. Das brachte ihm eine Landwirtschaftsprofessur an der Universität Kassel ein. Als er dort 2008 emeritiert wurde, und fortan wieder Pferde züchten wollte, widmete ihm die taz ein Porträt, u.a. heißt es darin: „‚Er hat die herrschende Agrarpolitik immer aus einer linken Perspektive heraus kritisiert‘, sagt der EU-Parlamentarier Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf. Den mag Poppinga, obwohl er bei den Grünen ist‘, ‚Parteien sind mir Wurst‘, sagt er, mit denen wollte ich nie etwas Näheres zu tun haben'“. Poppinga wird sich mit seiner Zeitung „unabhängige Bauernstimme“ auch weiterhin für eine Agrar-Subventionspolitik einsetzen, die den bäuerlichen Familienbetrieb stützt und nicht auslöscht – zugunsten industrieller Agrarbetriebe, die den Gegensatz von Kulturland und Natur verschärfen: „Da zentraler Grundkonsens jeder bisherigen staatlichen Agrarpolitik und der wissenschaftlichen Agrarökonomie die permanente Auflösung landwirtschaftlicher Betriebe und Abwanderung von Arbeitskräften war und ist, konnte von dort eine Bindung von staatlichen Zahlungen an die landwirtschaftliche Arbeit überhaupt nicht in den Blick kommen (es wäre ein ‚Verrat an Grundsätzen‘). Stellt man dagegen andere Interessen nach vorne (z. B. Erhöhung landwirtschaftlicher Wertschöpfung, regionale Erzeugung, sorgfältige Einzeltierbetreuung, Beitrag zur Minderung von Massenarbeitslosigkeit), so verändert sich die Frage nach der Bindung der staatlichen Zahlungen an die in der Landwirtschaft geleistete Arbeit auf den Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit, und die ist leicht lösbar.“ Das wäre jedoch ein ganz anderes Lehrstück – obzwar immer noch eins der politischen Ökologie.

Nordstrandischmoor 1

 

Zum Farb-Vergleich mit der nordfriesischen „Deutschstunde“ empfehlen sich Thomas Pynchons „Hippiephanien“, in einer Rezension heißt es: „Viel Farbe, Atmosphäre, Detailversessenheit“:

Ähnlich wie in seinem berühmten Werk  „Die Enden der Parabel“ schwelgt Thomas Pynchon auch in seinem Roman „Natürliche Mängel“ (2010) in allen möglichen und unmöglichen Farben. Das beginnt auf Seite elf  „mit der dunkelroten psychedelischen Birne“.

Es folgen:“Chinesischrot, Chartreusegrün und Indigoblau“, „Ultraviolet“, „Aquamarin“, „Grün und Magenta“, „fuchsienrote Plastikpolster“, „tropisches Grün“, eine „Asiatin in türkisfarbenem Cheongsam“, eine „Blondine in türkisblauem und orangenem Leuchtfarbenbikini“, „Schwarzlichtsuiten mit fluoreszierendem Rock’n Roll-Postern“, „indigofarbenes Licht“, „eine Vielzahl von Farbtönen, darunter Rotbraun und Blaugrün“, „Orange County“, „Luz in voller Farbenpracht“, „schwarze Extremistengruppen“, eine „flaschengrüne, phosphoreszierende Brandung“, „eine knallgelbe Mondsichel“, ein „kastanienbrauner Auburn mit Innenausstattung in Walnußholz“, „Schwarzweißfernseher“, mit „grell aquamarinblauen Plastikhalmen“ als Dekoration, eine „Lagunenlandschaft in psychedelischen Farben“, eine „Farbe“ -wechselnd „zwischen Orange und einem intensiven Pink“, sich „mehr ins Ultraviolette veränderndes Licht“.

Ein „Goldener Fang“, eine „Strandbude mit lachsroten Wänden und aquamarinblauem Dach“, ein „Kimono in Grün und Magenta“, ein „verschwommener weißer Fleck“, „ein kastanienbrauner 289er Mustang“, ein „seltsam leuchtendes bräunliches Gold“, eine „in Ektrachrome Commercial gefilmte sonnige Szenerie“, ein „roter SS 369“, eine „Kluft im Narzissenton“, „Rote Haare“, eine „grüne und fuchsienfarbene Lunchroom-Nische“, ein „pinkes“ und ein „giftgrünes“ Telefon, „eine scheckige Lackierung aus stumpfem Olivgrün und Grundierungsgrau“, „lila Scheiß“, „White Rabbit“, ein „so weißer Anzug, dass der Rolls daneben schmuddelig aussah“, ein „Kleines Schwarzes aus den Fünfzigern“, eine „braune, helle Ferne“, „farbige Perlen in Erkältungskapseln“, „jede Farbe stand für ein anderes Belladonnaalkaloid“, „päckchenweise Purpurwindensamen“, „schwarze Wolken“, „nicht einfach dunkelgraue, sondern mitternachtschwarze, teergrubenschwarze, noch nie dagewesene Kreis-der-Hölle-schwarze“ Wolken, „blaugrünes Licht“, ein Anzug in „ultravioletter Samtfarbe“, eine  „himbeerfarbene Krawatte“, ein „hoher brauner Glaszylinder“, „mit hellroten Plastikstopfen verschlossen“, „ein in vielen verschiedenen, ‚psychedelischen‘ Farben gestreiftes Minikleid“, eine „weiße Braut“, „eine sinistre indigofarbene Flüssigkeit“, „das weiße Gleißen von Hollywood“, „rote Ampeln“, „Dafür sind die ganzen Farben da, Mann?“, ein „Mercedes – nur in einer Farbe lackiert, Beige“, „jede Farbe, die wir am Lager haben, einschließlich Metallic“, „Purpur mit dunklerem Goldton“, „aus der Mode gekommene Brauntöne“, „ein kalifornischer Weißwein – weißer als der mit diesem kränklichen Geldton“, „ein interessanter blauer Fleck auf Petunias Bein“.

„Eine weitere Kurzhaarperücke, ein kastanienbraunes Ding mit Seitenscheitel“, eine „Hornbrille von blasser Farbe“, „aus der indianischen Überdecke ausgelaufene rote und organge Farbe“, „unansehnliche Papierstapel in unterschiedlichen Größen und Farben“, „beinahe die Farbe von Rauch aus einer defekten Zylinderkopfdichtung“, „Schwarzarbeit“, „Schwarzmarkt“, ein „hellroter 69er Camaro“, „Bettwäsche in Leopardenfellmuster“, eine „japanische Dose aus schwarzlackiertem Holz“, ein „grellgrüner Saguarokaktus“, „eine Krawatte mit Tausenden oder Hunderten magentafarbener und grüner Pailletten bestickt“, „schwarze Revolutionäre“, „mit braunen Anzügen bekleidete Organe der Rechtspflege“, ein „schwarzer Cowboyhut“, „schwarze Assen und Achten in der Pokerhand“, „rote Vinyl-Minikleider“, „schwarze Fischnetzstrümpfe“, „weiße Bräute“, ein „Minikleid aus weinrotem Samt“, „Teppiche von sattem Königspurpur“, „schwarzweiß Gekleidete“, eine „Cocktail-Lounge, möbliert in purpurfarbenen, von Glimmerpünktchen akzentuierten Resopaltönen“, ein „schwarzer Chip“, „90% Silber“, „winzige bernsteinfarbene Lichtkegel“, „großer Ärger in braunen Schuhen“, „in einem weißen Anzug“, „Glasspiralen, die in einem unirdischen purpurnen Schimmer pulsieren“, „Toilettenpapier in verschiedenen Modefarfben und psychedelischen Mustern“, „Spektralstreifen, die sich nach vorne hin zu Blau veränderten“, „Lichtpunkte, die sich in der vom Rückspiegel gerahmten schwarzen Ferne rötlich verfärbten“, „fast kugelförmige hellrote Felsen“, eine „schimmernde schwarze Handfeuerwaffe“, noch ein „Schwarzweißfernseher“, ein „schwarze Liste“, „die Psychedelischen Sechziger, diese kleine Parenthese aus Licht“, „Screaming Ultraviolett Brain“, die „Buntheit der Pizza-Zutaten“, „gefängnisrosa gestrichene Wände, ein Farbton, von dem man damals annahm, er wirke auf Anstaltsinsassen beruhigend“.

„Sein Gesicht erblasste trotz des rosa Widerscheins hier drin zu einem alarmierenden Weiß“, „lebensgroße Plastikfiguren gemeingefährlicher Schwarzer“, „Buntglas“, „knallgrüne Kohlblätter“, noch ein „weißer Anzug“, „schwarze Fedoras“, „Der Zauberer von Oz (1939) im Farbfernseher“, „der Film fängt Schwarzweiß an, oder vielmehr braunweiß, wird dann aber farbig“, „Ihre ’normale‘ Kansasfarbe wird zu einer sonderbaren Hyperfarbe, die unsere Alltagsfarbe so weit hinter sich läßt, wie Technicolor Schwarzweiß“, „was hat das mit ihrer Farbwahrnehmung zu tun?“ „das Foto war in so komischen Farben abgezogen“, sie trug eine „veilchenblaue Kluft“, „ein weißer Detektiv“, eine „Weißbacke“, „die schwarzen und weissen Insassen“, das „grüne Zimmer von San Quentin“, „ein schwarzer bewaffneter Aufstand“, „ein Haufen von weißen Zahnärzten“, „silberne Plastikreproduktionen“, „ein sehr grüne künstliche Hecke“, „modulare Grüner-Zweig-Imitate“, eine „Freakmähne von sattem Rot“, „dieses Gerede von schwarzer Apokalypse“, „ein roter Faden“, „ihre Gesichtsfarbe“, „China White“, „ein mexikanisches Hemd, blassrot mit einer orangen Stickerei“, „Dunkler als früher“, „Schmutzigblond“, „platinblond“, „knallrot im Gesicht“, „ein himmelblauer Anzug“, „tückisch spitze, goldene Eckzähne“, „blaue Flecken“, „wasserstoffblonde Mösen“, „diverse rotangehauchte Drecksäcke“, „rote Brüder“, „stark gesättigte grüne und magentafarbene Staubwolken“, „ein „blauer Stahlvorhang“, „gleißendes Quecksilberdampflicht“, „auf den Plastikschichten traten winzige Farb- und Lichtmodulationen auf“, „dunkle Reste von Blut und Verrat“, „ein Streifen, klar und leuchtend“, „das letzte aprikosenfarbene Licht flutete landwärts“, „gebräunte Titten in Übergröße“, „viel düsteres Holz“, „farbige Lampen“, „sich in kleine Farbklümpchen auflösende Bilder“, „eine Palette wettergebleichter Farben, wie eingetrocknete Kleckse in einer wenig frequentierten Eisenwarenhandlung“, „ein Paar grünliche Punkte“, „Petunia, heute in blassem Fuchsienrot“, „der gelbe Schulbus-Fuhrpark in Palms“, „die stille Weiße vor ihm“, „eine ruhelose Blondine in einem Stingray“…

Das sind die Farben in Thomas Pynchons „psychedelischen Krimi“. Er  spielt in Südkalifornien im Surfer- und Hippie-Milieu während des Vietnamkriegs 1969 – und ist zwar bunt, knalliger als die friesischen Farben, aber seine Farben sind noch blaß im Vergleich zu seinem „Jahrhundertroman“ aus den Achtzigerjahren: „Die Enden der Parabel“, der im Zweiten Weltkrieg spielte.

Feuer 1

Der Deichbruch als Reizüberflutung/Husumer Filmtage

Einem schleswig-holsteinischen Bonmot zufolge soll man an den Brüsten der Friesinnen selbst im Landesinneren noch das Rauschen des Meeres hören, wenn man sich die Brustwarzen ans  Ohr hält. In Husum hat man ihnen auf dem Marktplatz ein Denkmal gesetzt: „Tine“, ist eine junge Friesin in Bronze mit einem Paddel in der Hand – eine Fischersfrau.  Die einzigartige Kulturleistung der küstenbewohnenden Friesen zwischen Holland und Dänemark, liegt aber weder in der Seefahrt noch im Ackerbau, sondern in der Landgewinnung, im Deichbau, mit dem sie seit über 900 Jahren dem Wattenmeer Siedlungsland abringen. „Trutz blanker Hans!

In der Schimmelreiter -Verfilmung des DDR-Regisseurs Klaus Gendries von 1984 wird die Sturheit des gebildeten Deichgrafen Haien, die ihn daran hinderte, Verbündete zu gewinnen, als Grund seines Strandens kritisch beleuchtet.  Nach wie vor begibt man sich bei Sturmflut auf den Deich, um etwaige „Schwachstellen“ rechtzeitig auszumachen und gegebenenfalls das Vieh im Koog dahinter in Sicherheit bringen zu können. „Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht,/Aufgor das Meer zu gischtbetäubten Hügeln,/Wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,/Die Deiche peitschend mit den Geisterflügeln“, reimte der nun gerade 100 Jahre tote Theodor Storm in seinem Gedicht „Ostern“. In den Storm-Verfilmungen, vornehmlich aus der DDR, die den Schwerpunkt der diesjährigen Husumer Filmtage bildeten, geht man auch bei ruhiger See auf den Deich – wenn man innerlich aufgewühlt ist – und blickt stumm über das meist graue Meer. Anders als zur etwa gleichen Zeit die Leute in Wien, die sich hysterisch auf der Couch wälzten und verbalisierten.  Wenn, nach Barthes, das Kino die Couch der Armen ist, dann ist für die Friesen vielleicht der Deich die Couch – und der Deich im (DDR-)Fernsehen das Sublimierungsmodell für ein Stormsches Aufbegehren gegen den aufgeklärten Absolutismus. „Wo blanker Hans war, soll Koog werden!“

In der berühmten fast dokumentarischen Verfilmung der „Schimmelreiter“-Novelle – aus dem Jahr 1933 – wurde die Handlung an einigen wenigen aber entscheidenden Stellen zugunsten des “Führergedankens” verändert. Dadurch bekam das Stormsche Drama ein Happy-End – und aus dem menschlich-fragwürdigen Deichgrafen, der zuletzt bereut, wurde ein rundum positiver Held – der Neuen Zeit, dem Nationalsozialismus, vorauseilend. Auf diese reagierte man in den drei friesischen Siedlungsräumen dann jedoch durchaus unterschiedlich: Die militante, autonome Landvolkbewegung der reichen nordfriesischen Bauern (Gräser) Ende der Zwanzigerjahre verschwand fast sang- und klanglos im “Reichsnährstand”, nachdem die sozialdemokratische Regierung ihre Aktivisten kriminalisiert hatte. Die eher proletarisch orientierten Ostfriesen verschanzten sich in Mikropolitik. Und die Westfriesen wagten den Widerstand, indem sie Teile ihres eingedeichten Landes unter Wasser setzten, Sabotage verübten und Juden vesteckten. Von den 120.000 holländischen Nazi-Kollaborateuren waren 5000 Friesen, aber auch von diesen gingen nur wenige so weit, dass sie ihre Nachbarn verrieten – und deswegen nach dem Krieg hingerichtet wurden.

Der Film „Am grauen Strand, am grauen Meer“ ebenfalls von Gendries und seinem Szenisten Gerhardt Rentzsch, DDR-TV 1980, nach der Storm-Novelle „Hans und Heinz Kirch“ wird mit C.D.Friedrich nachempfundenen Landschaftsmelancholien in Grau und gedämpftem Rotgold das „Schicksalhafte, das bei Storm nicht ganz so definiert wird, näher ins gesellschaftliche Umfeld geschoben. Sozialökonomische Tatbestände sind eingeflochten“ (Programmheft), das heißt die fatalistischen Patriarchalstrukturen erscheinen psychologisch angemenschelt.

In Wolfgang Hübners Verfilmung „Es steht der Wald so schweigend“, 1985, wird vorsichtig ökologische Kritik am Umgang der DDR mit ihren letzten Naturreserven und den Neurosen ihrer Bewohner geübt. Storms zugrundeliegende Novelle „Schweigen“ entstand im Heiligenstädter Exil (der Husumer Rechtsanwalt und Landvogt hatte 1852 gegen die dänische Herrschaft opponiert), und thematisiert das Eheproblem eines Försters, den die Umwandlung „eines letzten Stücks Naturwaldes“ in Kulturlandschaft seelisch verwirrt hat. „Er wirkt zuweilen weibisch, Herr Deichgraf“ bemerkt die knitterne Deichgräfin spitzmäulig, aber treffend. Die romantischen Environments stehen für die Trauer des Neuen Sensiblen über eine zerstörte Lebensheile. Und im Schlußsatz droht gar „die Versetzung in den Staatsdienst“ mit subversivem Zwinkern.

Um eine radikale ökologische Kritik geht es dem schleswig -holsteinisch-berlinischen Rainer Boldt in seinem Film Im Zeichen des Kreuzes“ (1982 im Auftrag der ARD produziert, aber nicht ARD-weit ausgestrahlt): Durch den Unfall eines Atommüll-Transporters kommt es zur Kontamination mehrerer Dörfer und der staatliche Katastrophenschutz versucht, die verstrahlte Region militärisch einzudeichen, statt den verseuchten Menschen Hilfe zu leisten. Ein „Nuclear -Thriller“ als Kritik am „Prinzip Deichschluß“ im Fall einer Strahlenflut?

Im Stummfilm von 1924, in Anwesenheit der lokalen Prominenz mit live Klavierbegleitung vorgeführt, tobt der Bruderkampf um die Erbfolge der „Chronik von Grieshuus“, einem nordgermanischen Landsitz in modisch organischer Kulissenarchitektur (die Babelsberger Studios biegen sich expressionistisch vor unseliger Liebe und qualvoller Sühne). Dazu dichtete Storm „Für meine Söhne“: „Was immer du kannst, zu werden,/Arbeit scheue nicht und Wachen;/Aber hüte deine Seele/Vor dem Karriere machen.“

Eine Katastrophe größeren Ausmaßes ist Ausgangspunkt in Rudolf Jugerts 1948 gedrehten Film ohne Titel, der die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in der Grunewald-Villa eines Antiquitätenhändlers schildert. Als die schließlich ausgebombt wird, macht sich der Hausherr auf nach Westen, wo er im friesischen Bauernhaus seiner ehemaligen Hausgehilfin einläuft, sich als Knecht verdingt, sie heiratet und Tischler wird. Daß dabei „auf dem traurigen Hintergrund dieser Zeit“ eher eine Komödie als eine Katastrophe verhandelt wird, ist nicht der zentralen Geschichte oder ihren Darstellern (Hans Söhnker, Hildegard Knef, Willy Fritsch und Helmut Käutner/auch Buch) zu verdanken, sondern der Rahmenhandlung. Die besteht in einem sonnig selbstironischen Filmteam, „in einer ebenso befreienden wie orientierungslosen Nachkriegs-Situation, auf dem Punkt stehend, wo man es sich leistet, in den Startlöchern herumzufaulenzen, Perspektiven entwerfend und wieder verwerfend, die eigene Ziellosigkeit genießend, ehe dann wieder der alte Ernst und die neue Zielbewußtheit überhand gewinnen und man entschlossen Tritt faßt“. Ein Film aus dem glücklichen Zeitraum zwischen den Katastrophen. Der Regisseur Jugert kreierte in den Fünfzigerjahren das Genre des westdeutschen Arztfilms.

Anders als bei den üblichen Filmfestivals wurden in Husum täglich nur zwei (am Sonntag drei) Vorstellungen gegeben. So bekam man gezwungenermaßen viel von Husum und Umgebung mit: Deich-Kino-Teestube – Hafen-Kino-Braukeller. Watt, Fußgängerzone, Schloßpark. Stormcafe, Museum, Piets Frittenkajüte. Die Intervalle zwischen den Filmen sind ebenso lang wie sie selbst, etwas über 90 Minuten. Die Geschwindigkeit verhusumert sich.

Die Filmtage finden im Kino-Center des Mitorganisators und Husumer Kinomonopolisten Hartung statt. In seinen Kinos darf man rauchen und auf Schalterdruck werden einem Kaffee und Erfrischungsgetränke auch während der Vorstellung serviert. Unter den vornehmlich jüngeren Husumern hat dies bereits eine Veränderung der wenn nicht Seh-, so doch Kinogewohnheiten bewirkt: man trifft sich bereits eine Stunde vor Filmbeginn im Vorführsaal. Das Wohnzimmer hat hier zum Film gefunden. Links neben der Leinwand hängt ein großes Schild „Kino im Trend der neuen Zeit: Dienstag Nichtrauchertag.“

Eigentlich hatte man für die Besucher der Filmtage einen „Stammtisch im historischen Braukeller im Schloßgang“ reserviert, aber weil die drei Kinos „Tahiti“, „Clou“ und „Oldie“ (der große Saal, in dem Crocodile Dundee gezeigt wurde – bei Publikumsrennern wie Schimmelreiter wurde allerdings gewechselt) je mit einer Bar gerüstet waren, blieb der harte Festivalkern samt Presse (‚Husumer Nachrichten‘ und taz) gleich im Vorraum des Kino-Centers, locker um die DDR-Delegation gruppiert, und der Kinobesitzer gab eine Runde nach der anderen aus. Besonders nach der Special Night mit Lotti Huber und zwei Praunheim-Filmen war der Damm gebrochen, oder mit den Worten der geborenen Schleswig-Holsteinerin Huber: „If I can make it here, I can make it anywhere, wie jetzt in Husum!“

Im Gegensatz zu den übrigen vier cinematographischen Mitorganisatoren der Filmtage beurteilte Kinobetreiber und Gastgeber Hartung die derzeitige Entwicklung auf dem Filmmarkt positiv: „Je mehr TV-Verkabelungen und Video -Verleihe es gibt, desto weniger schlechte Filme muß ich zeigen.“ Zu den nächsten Filmtagen will er noch zwei weitere Kinos anbauen mit einem größeren Foyer, „wo man gemütlicher zusammensitzen kann“. Die Verlandung geht ihren Gang. „So reiht sich Spatenstich an Spatenstich als Ausdruck eines großen und beständigen Fleißes der Küstenbewohner!“ (Leitsatz im Nissen-Museum Husum zur „Landgewinnung“)

Am Deich

Als nichtfriesischer Friesenforscher und Reiseführer nehme ich die Nordfriesland-tazreise sehr ernst – und bereite mich schon jetzt darauf vor, indem ich fast täglich mit einer Nordfriesin verhandel. Sie hat mal graue und mal blaue Augen, das aber nur nebenbei.

Pellworm

 

Regionalkrimis

Beinahe täglich läuft auf irgendeinem Fernsehkanal ein Krimi. Und selten wird dabei versäumt, die Schokoladenseiten des Tatorts einzublenden: die neue „Hafen-City“ in Hamburg, die Skyline in Frankfurt, die „Brandenburger Torheit“ in Berlin, das Holstentor in Lübeck, der Hafen in Husum. Auf diese Weise dienen die in den Regionalkrimis verhandelten Verbrechen mehr oder weniger unverblümt dem Standortmarketing.

In anderen (Krimi)regionen Deutschlands kommen dazu noch Krimifestivals, Krimidinner, Krimipreise und von Krimiautoren geleitete Führungen zu den spektakulärsten Tatorten ihrer Romane. Das Kehdinger Land an der Elbmündung bewirbt sich sogar komplett als „Krimiland“, weil dort am Rönndeich auf 2,5 Kilometern 20 gestandene Krimiautoren leben.

Ein weiteres Krimizentrum ist Daun in der Eifel. Dort wohnt und schreibt unter anderen der „Erfinder“ der deutschen Regionalkrimis: Jacques Berndorf. Kürzlich wurde sein 21. „Eifel-Krimi“ in der Mainzer Staatskanzlei vom Ministerpräsidenten vorgestellt. Allein für diesen Roman, „Die Nürburg-Papiere“, gab es 60.000 Vorbestellungen, allerdings auch Missverständnisse: So schrieb ihm eine Leserin, dass sie seine Eifelkrimis wegen der schönen Landschaftsschilderungen sehr schätze, sie bat ihn jedoch, die schrecklichen Verbrechen zwischendrin in Zukunft wegzulassen.

Die Stuttgarter Krimiautorin Christine Lehmann erklärt sich die wachsende Krimibegeisterung der Deutschen so: „Der Regionalkrimi holt ein beliebiges Verbrechen in die Provinz. […] Da schau her: Die italienische Mafia in Wangen im Allgäu. Hätte man nicht gedacht. Und wenn eine junge Lokaljournalistin dem Autor reflexartig die Frage stellt: ,Wie kommen Sie darauf, eine islamistische Terrorzelle in Christazhofen anzusiedeln?‘, antwortet er versiert: ‚Die Idylle trügt.‘ Und dann passiert es, dass mich ein echter Staatsanwalt anspricht und mir darlegt, dass er das Vorbild für meinen fiktiven Staatsanwalt sein muss, denn er fährt denselben Wagen, stammt aus derselben Stadt und wohnt im selben Viertel. Man ist halt gern dabei. Der Regionalkrimi wird als Schlüsselroman gelesen.“ So werden zu Beispiel die „Nordhausen-Krimis“ von der lokalen Buchhändlerin unter Regionalia einsortiert und nicht unter Kriminalromane.

Für die Krimiverleger ist dieses Missverständnis gegenüber ihrer Ware gleichbedeutend mit einem „hohen Wiedererkennungswert“. Den besaß anscheinend auch der „Münster-Krimi“ von Jürgen Kehrer „Wilsberg und der tote Professor“, in dem es um Intrigen, Mobbing und Mord im Unimilieu geht.

Der Spiegel schrieb: „Geheimsprachenforscher Klaus Siewert ist sauer. Im neuesten Roman des Münsteraner Schriftstellers identifiziert sich der Akademiker ausgerechnet mit dem Antihelden. Anhand weniger markanter Übereinstimmungen sei deutlich zu erkennen, dass er als lebendes Vorbild für den Negativ-Charakter des Werkes gedient habe, sagt der Privatdozent. Er fordert ein Vertriebsverbot des Buches unter Androhung eines Zwangsgeldes von 250.000 Euro.“ Der Autor wurde schon einmal verklagt, weil sich jemand in einem seiner Regionalkrimis wiedererkannt hatte. Beide Male wurde Jürgen Kehrer freigesprochen.

Ebenso ist es schon vorgekommen, dass ein Autor sich im Werk eines anderen wiedererkannt hat. Das ist Andrea Maria Schenkel mit ihrem Regionalkrimi „Tannöd“ passiert. Der Sachbuchautor Peter Leuschner entdeckte darin Parallelen zu seinem Werk „Der Mordfall Hinterkaifeck“ und verklagte die Kollegin. Die Richter bescheinigten ihr jedoch, „trotz bestehender Parallelen“ zu dem Sachbuch den Regionalkrimi „Tannöd“ wegen seines eigenschöpferischen Gehalts als „urheberrechtlich unbedenklich“ anzusehen.

„Urheberrechtlich unbedenklich“ – ist das nun gut oder schlecht? Der taz-Medienredakteur Steffen Grimberg, der bereits in mehreren TV-Jurys saß, hat festgestellt, dass inzwischen fast alles (Gesellschafts)kritische in Krimis verpackt wird. Nicht selten fordern die Sender von den Autoren, aus ihrem „spannenden Stoff“ einen Krimi zu machen. Bei den Printmedien ist es ähnlich: „Immer mehr Journalisten packen ihren Frust in Kriminalromanen aus oder verwerten ihre unvollkommenen beziehungsweise unabgesicherten Recherchen auf diese Weise.“

Grundsätzlich was gegen Krimis hat der Schriftsteller Hans-Christoph Buch. Der gestand unlängst den FAZ-Lesern, ein „Krimi-Muffel“ zu sein und solche Romane nur „selten zu Ende“ zu lesen, weil ihn „die Lösung des Rätsels, wer wen wie und warum ermordet hat, nicht wirklich“ interessiere. Er kam dann jedoch darauf, dass eigentlich alle großen Werke der Weltliteratur – „von Ödipus bis Hamlet und Macbeth“ – genau genommen Krimis seien. Wohingegen „95 Prozent aller Krimis Gebrauchsliteratur ohne Kunst- und Informationswert“, eben „Fastfood“ wären, „appellierend an niedere Instinkte“.

Diese Einteilung in Trivial- und Hochliteratur entstammt mit ihrer von Konrad Lorenz postulierten Instinkttheorie noch der alten auf Gustave Le Bon zurückgehenden Dichotomie von Intelligenz und Masse. Letztere, der Plebs, lässt sich selbst bei seinen Lektürevorlieben noch von niederen Instinkten leiten. Heute spricht man von einem Gendefekt – beziehungsweise von Jugendlichen mit Mutationshintergrund. Gleichzeitig gilt jedoch: „Violence and Sex sells.“

In dieser Hinsicht tut man den Regionalkrimiautoren allerdings unrecht: Es ist ihre jeweilige Gebietskulisse, nicht selten inklusive der darin namentlich genannten Restaurants und ihres Speisenangebots, die sie liebevollst schildern. Dazu kommt bisweilen noch ein großes Wissen über die Konfliktlinien des Milieus, in dem ihre Romane spielen.

So ist etwa der Krimiautor Thomas B. Morgenstern im Hauptberuf Biobauer und die Verbrechen betreffen norddeutsche Milchbauern, sein Ermittler ist ein „Milchkontrolleur“. Ähnliche Konstellationen gibt es auch unter den „Allgäu-Krimis“. Überhaupt scheinen die fiktiven Dorfkrimis sich proportional zum realen Sterben der Dörfer und ländlichen Gemeinschaften zu vermehren. Wenn man alle Toten in den „Friesen-Krimis“ allein vom Autor Theodor J. Reisdorf zusammenzählt, müsste dieses Küstenvolk längst ausgestorben sein.

Von Milchwirtschafts-Problemen handelt auch der „Allgäu-Krimi“ der im Ammertal lebenden Reisejournalistin Nicola Förg: Es geht darin um Milchbauern, die wegen des Preisverfalls ein Lieferboykott organisieren. Alle machen mit – bis auf einen, ein moderner Projektemacher, der von der Erfolglosigkeit des kollektiven  Widerstands überzeugt ist. Er wird als „Streikbrecher“ angesehen im Dorf. Von dort stammt auch die  Polizei-Kommissarin, als ein Mord geschieht. Aber während ihr Bruder auf Seiten der Streikenden steht, muß sie nun gegen die Milchbauern ermitteln. Dabei stoßen zwei Logiken aufeinander: eine dörfliche Beziehungslogik und eine städtische Staatslogik.

Bei dem „Münsterland-Krimi“ von Stefan Holtkötter „Das Geheimnis von Vennhues“, dessen Handlung in einem Moordorf nahe der holländischen Grenze angesiedelt ist, könnte man sogar von zwei Moralen sprechen, die in dem Dorf aneinandergeraten – als ein Polizist aus der Bischofstadt   dort hinkommt und ermittelt. Seine Eltern leben in dem (Tat-)Ort, sie und auch die anderen Dörfler versteifen sich darauf, dass der Mörder nicht aus ihrer Gemeinschaft kommt, sondern von draußen – aus dem Ausland am Besten. Der Kommissar merkt bei seinen Ermittlungen, dass man nicht innerhalb und außerhalb zugleich sein kann.  Der aus der Gegend stammende Autor lebt jetzt in Berlin – und steckt vielleicht in einem ähnlichen „Vater-Sohn-Konflikt“. In seinem neuesten Moordorf-Krimi „Bauernjagd“ thematisiert er „die Folgen des um sich greifenden Höfesterbens“ – aktuell wegen der allzu niedrigen Milchpreise, was im Münsterland u.a. um ihr Erbe betrogene Bauern und zerfallende Dorfgemeinschaften hinterläßt.

Um solche „Bauernopfer“ geht es auch in dem Roman von Franz Dobler: „Tollwut“: Den Eltern des Icherzählers wird der  Kleinbauernhof bei Dachau zwangsversteigert, sie müssen in eine städtische Sozialwohnung ziehen. Ihr Sohn kann sich nicht von seinem Geburtsort  und dem Gewehr seines Großvaters treffen, er nimmt Rache – an den neuen Hofbesitzern.

Kürzlich zeigte die ARD einen Film von Gunter Scholz: „Der Fall Harry Wörz“. Das war kein Krimi, sondern eine Dokumentation, obwohl es darin um einen Beinahe-Mord ging – an einer in einem süddeutschen Dorf lebenden Polizistin. Sie ist heute ein Pflegefall. Der von ihr getrennt im Ort  lebende Ehemann, ein Installateur, wurde 1998 als Täter zu 11 Jahren Haft verurteilt. Nach zwei Wiederaufnahmeverfahren ließ man ihn jedoch 2001 wieder frei, 2009  wurde er freigesprochen. Nun fällt der Mord-Verdacht auf den verheirateten Vorgesetzten der Polizistin, die  zur Tatzeit ein Verhältnis mit ihm hatte. Das Besondere  an diesem Fall/Film ist das Dorf: Nahezu die gesamte Bevölkerung stand hinter Harry Wörz, sie hielt ihn für unschuldig – von Anfang an. Hier kam wahrscheinlich wirklich der Täter von außen.

Nicht so in dem Krimi „Todesmuster“ von Norbert Horst, dessen Kommissar  Kirchenberg Blutspuren in einer stillgelegten Mine nahe des (fiktiven) Ortes Ingsen in Nordrhein-Westfalen nachgehen soll. Zwar befragt er sämtliche Dorfbewohner und bekommt auch mit, dass man dort etwas anders als in der Stadt denkt (so wird z.B. eine alte Frau, die kaum Rente hat und ständig kleinere Diebstähle begeht, von den Dörflern nicht davon abgehalten, sie „bringen sie sogar gemeinsam durch“), aber in diesem „Dorfkrimi“ befaßt sich der Autor, der selbst im Hauptberuf Kriminalhauptkommissar ist, vor allem mit dem städtischen Polizeimilieu, aus dem er und sein Ermittler kommen.

In  Theodor J. Reisdorfs Roman „Mörderischer Nordseewind“. Darin geht es um ein Mädchen, dem der ostfriesische Ort, in dem es lebt, zu eng ist und das deswegen nach München zieht. Es wird ebenfalls ermordet, jedoch nicht in der Großstadt, sondern nahe ihrem Elternhaus.

Umgekehrt gibt es viele Frauen aus München und anderen Städten, die irgendwann aufs Land gezogen sind – und nun „Regional-“ oder „Dorfkrimis“ dort schreiben. Genannt sei die Kölner Reiseverkehrskauffrau Cäcilia Balandat, die im norddeutschen  Obstanbaugebiet „Altes Land“ bei Hamburg lebt, wo nun auch ihre Kriminalromane spielen. In ihrem letzten – „Verratenes Dorf“ – machte sie aus dem halb erfolgreichen Widerstand der dortigen Obstbauern gegen die Enteignung ihrer Ländereien durch das nahe EADS-Werk, das größere „Airbusse“ bauen will, einen  „Agrar-Krimi“.

Ihr zweiter Roman: „Tatort Altes Land“ dringt in die Scene der dort beschäftigten Erntehelfer – aus Polen, Rumänien und der Türkei – ein, im Mittelpunkt stehen jedoch erneut die Obstbauern – deren Konfliktlinie im Roman zwischen legal und illegal beschäftigten Saisonarbeitern verläuft.

Von diesem ländlichen Proletariat handelt auch ein in der Kölner Börde spielender Regionalkrimi: „Der Erdbeerpflücker“ von Monika Feth. Die Journalistin konzentrierte sich darin allerdings auf eine „Mädchen-WG“. Von den Erntehelfern ist für sie und ihre drei Hauptfiguren nur einer interessant (aber gefährlich) – deren Mörder.

Das ist bei dem im Kehdinger Land lebenden „Regionalkrimi“-Autor Wilfried Eggers ganz anders: In seinem 500 Seiten dicken Roman: „Paragraf 301“ verschlägt es einen von Scheidungsklagen gelangweilten Rechtsanwalt aus Freundschaft zu einem  alevitischen Agrarbetriebshelfer ins hinterste Anatolien. Auf den Höfen zwischen Elbe und Weser arbeiten mittlerweile viele ehemalige Industrie-„Gastarbeiter“ aus der Türkei: legal und illegal, auf Dauer und saisonal. Bei dem Romantitel „Paragraf 301“ handelt es sich um ein 2005 verabschiedetes türkisches Gesetz, das die Staatsbeleidigung unter Strafe stellt. Der Autor ist selbst Rechtsanwalt und er ist zwecks Recherche anscheinend wirklich bis nach Anatolien gereist, das merkt man dem Roman auch  an, der WDR nennt es: „Ein großes Menschenbuch“.

Bei einem  weiteren Roman von Eggers, der laut Klappentext ein „überzeugter Moorbewohner“ ist, spricht sein Verlag von einem „Bauernkrimi“. Auch in diesem – „Die Tote, der Bauer, sein Anwalt und andere“ – stößt man auf gründliche Milieustudien.

Um eines Verbrechens verdächtigte Saisonarbeiter  bzw. landwirtschaftliche Betriebshelfer aus Polen und der Türkei  geht es auch in dem „Husum-Krimi“ des Unternehmensberaters Hannes Nygaard: „Tod in der Marsch“. Hier handelt es sich bei dem Opfer ebenfalls um eine junge Frau, die aus einem  nordfriesischen Dorf stammt und in „die Stadt“, nach Husum, gezogen ist. Als sie sich mit einem  „Türken“ anfreundet, der auf einem Hof in ihrem Heimatort wohnt und arbeitet und deswegen mit ihrer Tochter dort hinfährt, werden die beiden ermordet. Daraufhin rückt die Husumer Polizei in das Dorf ein. Einer der Ermittler bekommt dabei nach Gesprächen mit Einheimischen in der Dorfkneipe den Eindruck: „In der Dorfgemeinschaft gibt es eine Hackordnung, die mir noch straffer organisiert zu sein scheint als das indische Kastenwesen. Jeder hat seinen Platz. Die Fremden, wie man hier zu sagen pflegt, gehören zwangsläufig zu den Parias. Das sind neben den Familien, die schon in den vorherigen Jahrhunderten kein eigenes Land besaßen, sondern als Knechte und Tagelöhner ihr Dasein gefristet haben, auch jene kleineren Bauern, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht den Sprung zu größeren Anwesen geschafft haben. Der Große frisst den Kleinen, der Schnelle den Langsamen.“ Am Ende bleibt meist nur noch ein Großbauer im Dorf übrig. Hier ist es ein „Kulak“,  „Gutsherr“ genannt, der – wie man zunächst feststellt – seine Erntehelfer und Aushilfen illegal beschäftigt und unwürdig unterbringt. Er und sein noch studierender Sohn werden später von der Polizei des „Kapitalverbrechens“ verdächtigt. Im Dorf ist man jedoch fest davon überzeugt, dass es einer der „Ausländer“ oder jemand von den neuhinzugezogenen „Außenseitern“ war: „Zu solchen Taten sind doch nur diese Leute, die aus dem Osten kommen, nur die sind zu solchen Schweinereien fähig. Wir tun so etwas nicht,“ sagt einer. Diese  Anderen – „Arbeitsscheue, Ausländer, Gesindel und Abartige“ werden „von der Volksmeinung zu Sündenböcken erklärt“, schreibt der Autor. „Eure Vorurteile führen automatisch zur Verurteilung,“ tadelt sein Ermittler die Männer in der Kneipe.

Ein ganz ähnliches Krimischema findet man in dem Dorfkrimi des bei Frankfurt lebenden Autors Andreas Franz: „Schrei der Nachtigall“. Auch hier geht es um einen ebenso gewissenlosen wie geldgierigen Kulaken (Großbauern), der jedoch vor allem seine Familie und seinen Nachbarn terrorisiert. Der Krimi ist in Bruchköbel bei Hanau angesiedelt – und in dieser Rehin-Main-Region gibt es schon lange keine Dörfer im eigentlich Sinne mehr, sondern bestenfalls nur noch ein von Industrie- und Militäranlagen sowie Einkaufszentren und Autobahnen durchfurchtes Agro-Konglomerat. Kein Wunder, dass auch die Bauern dort auf Teufel komm raus reich werden wollen, auch wenn sie das Geld dann nur in Bordellen versenken. Ähnlich wie in diesem Frankfurter „Speckgürtel“ sind die Verhältnisse im Umland von Hannover. Beide Regionen zeichnen sich zudem durch gute Böden aus – deren letzte Fruchtfolge jedoch stets „Bauerwartungsland“ oder „Golfplatz“ heißt. ()

Aber auch kleinere Städte zerstören die Dörfer in ihrem Einzugsgebiet zunächst dadurch dass die zu Reichtum gekommenen Bürger dort landschaftlich reizvolle „Filetstücke“ erwerben, auf denen sie Jagdhütten, Sommerhäuser, Wellness-Oasen, Swinger-Clubs, Landhotels und  Ausflugslokale mit Biofleisch im Angebot errichten. Da kann der Krimiautor dann keine Stadtlogik mehr auf eine Dorfmoral stoßen lassen, wenn er seinen Roman denn unbedingt in dieser Region ansiedeln will. Die Germanistin Edda Helmke und die Journalistin Petra Tessendorf haben ein Klassentreffen in diesem „terrain vague“ stattfinden lassen, bei dem anschließend eine der Teilnehmerinnen in einem nahen See tot aufgefunden wird. Die einstigen  Abiturienten haben inzwischen alle mehr oder weniger erfolgreiche Karriere gemacht, wobei es sie unterschiedlich weit weg vom jetzigen Tatort verschlagen hat, in dessen Nähe sie einst gemeinsam zur Schule gingen. Das zwingt die polizeilichen Ermittler die Biographien aller am Klassentreffen Beteiligten zu recherchieren – und gibt den beiden Autorinnen (geboren in der ersten Hälfte  der Sechzigerjahre) jede Menge Gelegenheiten für sentimentale Rückblicke. Petra Tessendorfs Roman „Der Wald steht schwarz und schweiget“ spielt im Bergischen Land nahe Wuppertal, wo die Autorin auch herkommt. Und Edda Helmkes Krimi „Der Tag nach dem Klassentreffen“ ist in der Rhön nahe einer Kreisstadt angesiedelt, wo die Protagonisten einst zur Schule gingen und ihr Abitur machten.

In topographischer Hinsicht das Gegenteil ist der Regionalkrimi , „Milchgeld“ von einem Lehrer,  Volker Klüpfel, und einem Journalisten, Michael Kobr. Ihr Roman spielt im Allgäu, wo die Autoren auch  leben. Sie konzentrieren sich darin auf den größten Weiterverarbeitungsbetrieb in der Region. In ihren Romanen, die demnächst für das Fernsehen verfilmt werden, handelt  stets ein Kriminalkommissar namens Kluftinger als Ermittler. Im Fall von „Milchgeld“ geht es um eine Käserei, in der ein  Lebensmittel-Chemiker ermordet wurde. Der Ermittler kommt dabei einem Konflikt in der Firma auf die Spur – zwischen dem patriachalischen  Unternehmer, der guten Käse produzieren und die Milchlieferanten – Bauern – anständig behandeln will, und seinem neoliberalen Sohn, der die Käserei übernehmen soll, aber als BWLer bereits weiß, wie man noch viel mehr Geld mit der Klitsche machen kann.  Er läßt sich deswegen auf immer fragwürdigere Produkte und Aktivitäten ein. „Eine Mördergrube im Herzen des Allgäus“, heißt es über den Krimi in der Verlagswerbung.

Um verbotene chemische Zusätze in Lebensmitteln geht es auch in dem  „Allgäu-Krimi“ von Nicola Förg: „Kuhhandel“: Hier kommt eine Tierärztin auf einer abgelegenen Alm Mastexperimenten an Rindern, die u.a. ein Kollege von ihr unternimmt, auf die Spur. Die tierschützerisch engagierte Autorin spricht dabei von „illegalem Ochsendoping“.

Um ein typisch schwäbisches Dorfphänomen kreist der Regionalkrimi der Schwarzwälder Journalistin Uta-Maria Heim: „Das Rattenprinzip“: Darin steht ein kleiner metallverarbeitender Familienbetrieb auf dem Land im Mittelpunkt. Der Besitzer ist Kommunist und wegen der Wende, die langsam auch Baden-Württemberg erfaßt, doppelt deprimiert, denn nun ist auch bei seinen Kollegen mit ähnlichen Klitschen in der Region, die alle den Großbetrieben Drehteile zuliefern, Schluß mit der Solidarität. Hinzu kommt noch die Computerisierung: „Die Ära des roten Karle ging zu Ende. Jetzt hatte man den CNC-Automaten, die erste Maschine, die Karle nicht restlos verstand.“ Seine Tochter lebt mit ihrem Journalistenfreund in Stuttgart, arbeitet aber noch im väterlichen Betrieb mit. Die Aufklärung eines Kapitalverbrechens geht hier mit der  von Verbrechen des Kapitals einher. Die Stuttgarter Krimiautorin Christine Lehmann hält Eva-Maria Heims Regionalkrimi für beispielgebend, wie eine Romanhandlung mit einer Region so verschmolzen wird, dass die Geschichte sich nirgendwo anders abspielen kann. „Wenn man sich einen Ort sucht, der keine unverwechselbare Geschichte in sich birgt, dann hat man als Autorin oder Autor Pech gehabt. Dann muß man sich einen anderen suchen, oder man erzählt eine Geschichte, die einfach nur irgendeinen Ort braucht, aber nicht diesen,“ meinte sie gegenüber der Redakteurin Henny Hidden von „frauenkrimis.net“.

Mit einem bäuerlichen Nebenerwerb beschäftigt sich der „Rhönkrimi“ von Sylvia Schopf: „Madonna gesucht“. In der Rhön lebten die Kleinbauern seit Jahrhunderten im Winter von Holfschnitzarbeiten, Um diese Produkte konkurrenzfähig zu machen, wurden Ende des 19. Jhds. im bayrischen und im thüringischen Teil der Rhön „Holzschnitzschulen“ für begabte Bauernkinder gegründet. Daraus entwickelte sich bis jetzt ein Netzwerk aus Holzbildhauern, -händlern, -fabriken, -werkstätten, -symposien und -galerien. In diesem Milieu hat die Frankfurter Journalistin ihren „Rhön-Krimi“ angesiedelt. Sie hat ein Wochenendhaus in dem heutigen „Biosphärenreservat“.

Ähnlich wie die Frankfurter Wissenschaftsautorin Cora Stephan, die unter dem Pseudonym Anne Chaplet „Rhön-Krimis“ verfaßt. Ihr Wochenendhaus steht jedoch nicht in der Rhön, sondern im Vogelsberg, eine Region westlich davon. Anne Chaplets Romane haben aber sowieso nicht viel mit einer Region zu tun. Die Autorin verhandelt darin eher graue Zeitgeistthemen – wie z.B.  „Stasiverbrechen“ lange nach Abwicklung des MfS (in „Caruso singt nicht mehr“) und Ökoengagierte, die in die Berliner Politik gehen („Nichts als die Wahrheit“). Diese Themen versieht die Autorin  dann in Oberhessen bloß mit Lokalkolorit. Dieser „Ort des Geschehens, Klein-Roda, ist überall,“ wie sie sagt.  Vielleicht hat man ihr dies in dem fiktiven Dorf ganz real übel genommen, dass man es mit ausländischen Verbrechern und ungesühnten Kriegsverbrechen  überschwemmt, denn der Illustrierten  „stern“ verriet sie kürzlich: „Einmal warf mir jemand sogar eine Molotow-Cocktail-Attrappe in den Schuppen“ – mit einer Warnung auf einem Zettel: „Nimm dich in Acht“. Die Autorin wird im Dorf als „Hexe“  bezeichnet.

Auf sogar „offene Feindseligkeit“ stößt der suspendierte Kriminalrat Wegener in einem Dorf in Schleswig-Holstein, als er die Vergangenheit seiner ermordeten Frau ermitteln will, die dort zuletzt lebte. Man hatte ihn zuvor  des Mordes angeklagt, jedoch mangels Beweisen freisprechen müssen. Die Dorfbewohner halten ihn aber weiterhin für den Mörder, obwohl einige Männer, die sich regelmäßig in der Dorfkneipe treffen, es besser wissen. Kriminalrat Wegener ist die Hauptfigur in dem „Dorfkrimi“ des Journalisten Horst Bieber:  „Schnee im Dezember“.

Von der Stadt (Berlin) aufs Land  (ins Schwäbische) begibt sich auch die Protagonistin in dem Dorfkrimi: „Kleiner toter Vogel“ der Germanistin Regina Nössler. Ihr literarisches Ich will sich dort von einer gescheiterten Beziehung erholen und gleichzeitig eine Erbschaft, das Haus ihrer kurz zuvor verstorbenen Tante, verkaufen. Währenddessen erlebt sie einige „Horror-Geschichten“, was  jedoch gleichzeitig dazu führt, dass sie ein paar Frauen im Dorf näher kennen und schätzen lernt. Am Ende löst sie ihre Wohnung in Berlin auf und richtet sich in dem Landhaus auf Dauer ein.

Gerade umgekehrt verhält es sich mit „Bella Block“, der als TV-Kommissarin bekannten Protagonistin in Doris Gerckes Krimis. In ihrem ersten – „Weinschröter, du mußt hängen“, der die Autorin, eine Juristin,  sogleich berühmt machte, wird die Hamburger Polizistin Block in ein Dorf im Umland geschickt, wo sie zwei Selbstmorde aufklären soll. Sie hat dort auch ihr Landhaus. Im Laufe ihrer Ermittlungen stößt sie auf immer mehr Seltsamkeiten und „Brüche in der Dorfidylle“. Als sie die Fälle aufgeklärt hat, verläßt sie ihr Haus – für immer, und nimmt sich vor, den Polizeidienst zu quittieren, sobald sie wieder in Hamburg angekommen ist. Auch Gerckes Krimi „Ein Fall mit Liebe“ spielt in einem vorpommerschen Dorf – an der Ostsee, wo die inzwischen freiberufliche Ermittlerin Bella Block eine vermißte Frau aus Westdeutschland sucht. Es ist ein Nachwenderoman, in dem es vor allem um „Wessis“ gegen „Ossis“ geht, um Täter-Ermittlung dagegen nur am Rande. Bei den Wessis handelt es sich fast durchweg um neureiche Zechpreller oder  betrügerische Investoren, die u.a. einen „Seniorenpark wie in Florida“ an der Küste hochziehen wollen. Ein ähnlich windiges  Bauprojekt (von einem Ost-West-Duo), ebenfalls an der Ostsee in Vorpommern geplant, ist in dem Regionalkrimi „Unter freiem Himmel“ von Peter Godazgar sogar handlungsbestimmend. An sich spielt dieser Roman des Hallenser Journalisten jedoch auf einem Campingplatz, wo man wegen der dünnen Zeltwände jedes Wort mitbekommt.

Ebenfalls an einem Ufer – des Starnberger Sees – hat die dort lebende Pfarrfrau Annette Döbrich ihren Regionalkrimi „Das Ritual des Schweigens“ angesiedelt. Und auch hier liegt eine Frauenleiche im Wasser. Es geht der Autorin in ihrem von der Stadt München mit einem Preis ausgezeichneten Roman jedoch vor allem um die Gebietskulisse Starnberger See („Er hat Könige und Literaten, Künstler, Wissenschaftler, Mächtige aus Politik und Wirtschaft…angezogen“) sowie um eine vermeintliche (Tat-)“Zeugin“ – ein junges Mädchen, das seitdem gestört ist.

Um ein „sensibles“ Sozialgefüge, „wo jeder mit jedem ein Hühnchen zu rupfen hat,“ geht es auch in dem Regionalkrimi „Pferdekuss“ der Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Christine Lehmann. Er spielt auf einem Pferdegestüt  am Fuß der Schwäbischen Alb, mit dem die unkonventionelle Journalistin Lisa Nerz, die dort ermittelt, familiär verbunden war. Sie muß nun feststellen, dass „gegen die kostbaren Pferde das Leben einer Frau“ in diesem Milieu noch immer „nicht viel wiegt“. Das mag auf dem Land vielerorts bis heute so sein, hier handelt es sich jedoch – abgesehen von einem polnischen Pferdepfleger – nicht um ein bäuerliches Milieu, sondern eher um die Personnage eines  mittelschichtigen Dienstleistungsunternehmens für Städter auf dem Land.

Zwischen starken Mittelschichtsfrauen, schwachen Söhnen und Liebhabern (und einigen wohlhabenden Weinbauern) spielt auch der Krimi „Schwarzwild“ von Monika Geier. Die Bauzeichnerin aus Ludwigshafen hat ihn in einem Dorf im Pfälzer Wald situiert. Zu dem Milieu dort gehören mehrere Bedienstete, die aus ehemals sozialistischen Ländern kommen, sowie als Tatort eine im Wald versteckte Liegenschaft, an der  eine Neonazi-Partei Interesse hat.

Mitunter stoßen die Ermittler in den deutschen „Regionalkrimis“ auch bis auf die Hinterlassenschaften der alten Nationalsozialisten. So z.B. die Rechtsanwältin Sylvia Staudacher und der mit ihr verheiratete Heimatforscher Mathias – im „Chiemgau-Krimi“ des Versicherungsmathematikers Roland Voggenauer: „Kreuzweg“. Der dort auch lebende Autor läßt seine zwei Protagonisten, nachdem man im See „Beutekunst der Nazis“ gefunden hat, einen schon lange zurückliegenden Priestermord recherchieren. Dabei führen die Spuren sie zu einem Heim der NS-Organisation „Lebensborn“ in der Nähe von Wasserburg.

In den Regionalkrimis spiegeln sich öffentliche Debatten: Seit einiger Zeit wird zum Beispiel über die Privatisierung der Wasserversorgung gestritten und es bilden sich Bürgerinitiativen, um das wieder rückgängig zu machen. Der Krimiautor Wolfgang Schorlau thematisiert das in seinem Roman „Fremde Wasser“. Er spielt in einer Berliner Konzernzentrale, die mit zunehmend ins Kriminelle lappenden Methoden überall auf der Welt Wasserwerke aufkauft. Das Nachwort klärt darüber auf, das es sich dabei um die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) handelt.

Der grüne Oberbürgermeisterkandidat in Stuttgart, Rezzo Schlauch, schrieb über das Buch: „Öffentliche Daseinsvorsorge als Thema eines Krimis? Muss das nicht schiefgehen? Nicht im Krimi von Wolfgang Schorlau. In diesem Buch geht das Kapital buchstäblich über Leichen. Zunächst ist eine widerspenstige Abgeordnete dran, später beinahe der Privatdetektiv selbst, und wenn es nach dem Oberschurken ginge, wäre auch ein kleines Massaker in Bolivien im Sinne der Rendite durchaus willkommen.“

Rezzo Schlauch diskutierte in seiner taz-Rezension nur die Wasseralternative Staat oder Markt, in Berlin ging und geht es jedoch um seine Vergenossenschaftung. Der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau hat zuletzt „Argumente“ für die Auseinandersetzung mit Stuttgart 21 veröffentlicht. Diesen ganzen seit der Wende sich „im Ländle“ entwickelnden Komplex hatte bereits Uta-Maria Heim 2008 auf den Begriff des „Rattenprinzips“ gebracht – in ihrem gleichnamigen „Stuttgart-Krimi“. Im Übrigen bahnt sich dort demnächst auch noch ein „Wasserkrimi in Fortsetzungen“ an, wie eine Bürgerinitiative auf ihrer Website schreibt.

Als ein weiterer Regionalkrimi, in dem es um Wasser geht, sei hier noch Jacques Berndorfs „Eifel-Krimi“ erwähnt. Dazu heißt es auf krimi-couch.de: „Breidenbach wurde ermordet. Am wahrscheinlichsten scheint ein Motiv für die Tat im beruflichen Umfeld des Chemikers zu sein. Denn Breidenbachs Job war es, die Qualität des Trinkwassers zu kontrollieren, und ziemlich schnell zeichnet sich ab, dass der Wasser-Spezialist Umweltsündern auf die Spur gekommen ist.“

Auch über die Auseinandersetzungen zwischen Windkraftbefürwortern und -gegnern schrieb Jacques Berndorf einen Roman: „Eifel-Sturm“. Die meisten dieser Ökokrimis spielen in den Regionen an der Küste. Einen („Im Norden stürmische Winde“) verfasste der Stern-Autor Wolfgang Röhl. Er polemisiert daneben auch auf der Website „Achse des Guten“ gegen Windkraft. Dort verknüpfen die Autoren ihre Argumente gegen die „Stromerzeugung mittels Windrädern“ seltsamerweise gerne mit Antiislamismus.

Ein anderes aktuelles Thema ist die Schönheitschirurgie. Hier zeigt sich ebenfalls, dass die Autoren oft aus Engagement heraus ihre Krimis schreiben. Erwähnt sei der Roman „Operation Schönheit“ von Barbara Ahrens: Vordergründig geht es darin um eine feministische „Initiative gegen Brustkrebs“, die verdächtigt wird, einen Mammachirurgen ermordet zu haben. Dabei hat sich die Berliner Autorin jedoch gründlich mit der „Schönheit“ als klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit beschäftigt. Dies gilt auch für die Anglistin Sabine Deitmer, in deren Roman „Scharfe Stiche“ ebenfalls ein Schönheitschirurg ermordet wird.

Eher unklar motiviert ist dagegen ein Roman von Burkhard Driest, „Der rote Regen“, in dem es um die Ermordung alternder Frauen in einer Schönheitsfarm auf Ibiza geht, wo der Autor lebt. Grundsätzlich lässt sich über deutsche Regionalkrimis vielleicht sagen: Wer den Autoren nicht passt – wird ermordet. Gleichzeitig strengen sie sich jedoch an, den Täter zu ermitteln. Dialektisch verrucht wird dabei aus der aufgeklärten Gesellschaft Kants ein Volk von Hilfspolizisten.

 

Nordstrandischmoor 2

 

Zwischen Nord- und Ostsee

Der Schweizer „Weltwoche“-Korrespondent Christoph Neidhardt legte in seinem Buch „Ostsee“ bereits die Vorstellung nahe, daß es sich dabei um ein Meer der Gesänge handelt. So spricht er z.B. von der „singenden Revolution der Esten“, die in ihrer Hauptstadt im übrigen das größte „Gesangs-Stadion“ der Welt errichteten. Aber auch im lettischen Riga wurde bei der Konstituierung der dortigen Volksfront „immer wieder gesungen“. Zusammen hätten die beiden Völker „die Fronten der im Kalten Krieg erstarrten Ostseewelt“ regelrecht „zersungen“ – was dort aber quasi Tradition habe. Zu Zeiten der Hanse konnten „fahrende Spielleute und Ratsmusiker in jeder Stadt an der Ostsee arbeiten“. Vor allem die baltischen Städte „zogen viele wandernde Musiker an“. Gesungen wurde an der Ostsee bereits lange vor der Christianisierung: „Auf den Dörfern wurde mit Drehleiern, Strohfideln, Trummscheiten und Sackpfeifen musiziert.“ Elias Lönnrot in Karelien und Friedrich Reinhold Kreutzwald im Baltikum sammelten bereits Mitte des 19. Jahrhunderts dörfliche Liedtexte…“1990 rappten die jungen Rigaer für Lettland“. Die Esten sagen rückblickend, sie seien während der Sowjetzeit in ihr „Liedgut emigriert“. Heute touren „ihre Chöre um die ganze Welt“.

Ich ergänzte: In Litauen wurde 1991 der Komponist Vytautas Landsbergis zum Staatspräsidenten gewählt und wenig später ein Matrosen-Punksong zur Quasi-Nationalhymne erkoren. Die Polen und Russen haben bekanntlich schon immer gerne gesungen, die Finnen sind geradezu tangovernarrt, die Schweden mischen spätestens seit Abba in der internationalen Musikscene mit und in  Dänemark kennt man ebenfalls viele lustige Lieder. Im ostelbischen Deutschland hatte zuletzt das sozialistische Liedgut ein Zuhause und  die Wende wurde dort – mindestens in der Heldenstadt Leipzig – von einem Dirigenten namens Kurt Masur angeführt.

Neben der Gesangskunst, die am Mare Balticum gedeiht, arbeitet der Autor Christoph Neidhardt aber auch noch heraus, daß die Ostsee a) „ein Milchsäuremeer“ und b)  „eine See der starken Überzeugungen“  ist – gemeint sind vor allem Sozialdemokratismus und Bolschewismus, ferner, daß man dort überall gerne Kaffee trinkt. Und dann steigt auch noch das Land ringsum langsam aus dem Meer empor.

Genau umgekehrt ist es an der Nordsee: hier handelt es sich bei den Küstenstreifen durchweg um sinkendes Land. Statt Kaffee bevorzugt man Tee. Und von den Bewohnern des „Mare Frisicum“ behauptete bereits der römische Geschichtsschreiber Tacitus kategorisch „Frisia non cantat!“ Seitdem haben unzählige  Volkskundler und Regionalforscher den Beweis erbracht, daß die Friesen nicht nur kaum eigenes Liedgut besitzen, sondern überhaupt wenig auf Dichtung und Literatur geben. Dafür haben sie anscheinend eine Begabung für die Mathematik: „Am ausgesprochensten ist der Sinn der Friesen für Rechnen“, schreibt der Friesenforscher Rudolf Muus.  Erklärt wird dies u.a. damit, dass das in drei getrennten Nordsee-Regionen – Hollands, Niedersachens und Schleswig-Holsteins – siedelnde Küsten- und Handelsvolk keine einheitliche Sprache hat, so daß die Verständigung immer über eine vierte –  Hochsprache – erfolgen muß, wobei es ihnen primär um kaufmännigliche Vorteile geht.

Dennoch oder deswegen oder desungeachtetwaren die Friesen fast immer frei: Sie haben mehrere  Schlachten gegen Adels- und Bischofsheere gewonnen und erfolgreich städtische Revolutionen durchgeführt. Um 1230 wird ihnen quasi offiziell bescheinigt: „omni jugo servitutis exuti“ – Sie haben das Joch der Knechtschaft verlassen. „Seltsam nahm sich  Friesland unter den deutschen Territorien aus,“ schreibt der Groninger Historiker I.H.Gosses: „Kein Graf, keine Lehnsleute, fast keine Ritter, keine Unfreien, keine ummauerten Städte; ein Land freier Bauern“. In dem die „Amtsgewalt nicht von oben – von einem Grafen, der den König vertritt, sondern von unten, aus der Rechtsgemeinde“ hervorgeht, deren Bemühungen schließlich in das kodifizierte  Stammesrecht  „Lex Frisiorum“ münden.

Im politischen Kampf um den Erhalt der „friesischen Identität“ war noch 1848 der Schriftsteller Theodor Storm in das ihm verhaßte preußisch-deutsche Exil abgetrieben worden, nachdem das dänische Heer die „schleswig-holsteinische Freiheitsbewegung“ zerschlagen hatte. Auch als dann einige Jahrzehnte später Preußen an der „Düppeler Schanze“ die Dänen zurückschlug und Storm als Landvogt im Triumph nach Husum heimkehrte, konnte er sich nicht recht über diese Fremd-„Befreiung“ freuen. Deutschland und Friesland wissen die Friesen bis heute sauber zu unterscheiden. So antwortete mir z.B. der Emder Bürgermeister, auf die Frage, was er früher gewesen sei: „Die bisherige ostfriesische Evolution verlief vom Bauern und Fischer über den Hafen- und Werftarbeiter zum VW-Arbeiter. Ich habe ebenfalls auf der Werft gearbeitet, aber dann auch in Deutschland: vier Jahre – in Köln, dann bin ich jedoch wieder nach Emden zurückgegangen“.

Diese Behaarlichkeit der Friesen erklärt die Forschung damit, daß sie in den Marschen auf von ihnen selbst geschaffenem Land  siedeln: „Deus mare, Frisio litora fecit“ so sagen sie es selbst: Gott schuf das Meer – und die  Friesen die Küste! Diese wenig christliche, selbstbewußte Haltung im Verein mit ihrer Neigung zu Partisanenkampf, Piraterie und Strandräuberei hat die Kirche lange Zeit vergeblich  zu bekämpfen versucht, sie hatte dort denn auch mancherorts schon Schwierigkeiten, den Zehnt einzutreiben, auf Sylt z.B., und ihr  altes heinisches Heiligtum Helgoland ist bis heute eine zoll- und steuerfreie Zone.

Wiewohl Bauern, Händler und Seefahrer, besteht die eigentliche Kulturleistung der Friesen in der Landgewinnung – durch den Bau von Deichen gegen die Flut und Sielen zur Entwässerung bei Ebbe. Das Husumer Nissenmuseum – einst von einem friesischen Auswanderer, der in Amerika reich wurde, gestiftet – ist deswegen auch vor allem ihrer  Deichbau-Kunst gewidmet. Ein anderer Auswanderer – nach Deutsch-Südwest-Afrika, Sönke Nissen, finanzierte sogar die Eindeichung eines ganzen nach ihm dann benannten Koogs (Polder in Westfriesland genannt), inklusive der darin errichteten riesigen Bauernhöfe. Und der Husumer Dichter Theodor Storm wurde nach seinem Tod vor allem mit seinem Deich-Drama „Der Schimmelreiter“ bekannt. Umgekehrt benannte man einen nach dem Zweiten Weltkrieg eingedeichten Koog nach seinem Novellen-Held, den Deichprojektierer „Hauke Haien“.

Mit einer seltsam sturen Leidenschaft versucht dieses stets entlang der Nordseeküste und auf den Inseln bzw. Halligen siedelnde Volk allen Stürmen von See (aber auch allen Heeren von Land) die Stirn zu bieten. Inzwischen hat ihr „Projekt“ – über die Jahrhunderte hinweg – „etwas absolut Extravagantes“ im Sinne einer „poetischen Erfindung“, eines „Unternehmens von großer tragischer Thematik“ bekommen, wie der italienische Schriftsteller Giorgio Manganelli im „Corriere della Sera“ 1985 schrieb.

Schon den römischen Gelehrten Gajus Plinius Secundus hatten einst die Friesen ins Grübeln gebracht: dieses „armselige Volk“, das auf „hohen Erdhügeln“ in Schilfhütten lebt und mit „getrocknetem Kot“ seine kärglichen Speisen kocht, damit sich „ihre vom Nordwind erstarrten Eingeweide erwärmen“. Bei Flut, „wenn die Gewässer die Umgebung bedecken, gleichen sie mit ihren Hütten den Seefahrern, Schiffbrüchigen aber, wenn die Fluten zurückgetreten sind“. Dennoch wollten die Friesen sich partout nicht den reichen, zivilisierten Römern unterwerfen: „wahrlich,“ schloß Plinius, „viele verschont das Schicksal zu ihrer Strafe“.

Indem sie dann jedoch – ausgehend von den Flussläufen – anfingen, das Land einzudeichen, die Moore und Sümpfe trocken zu legen  und neues, künstliches Land zu schaffen, verzichteten sie erst auf die Wohnhügel (Wurten bzw. Warfen genannt) und dann auch auf Haufendörfer. Gleichzeitig entstand durch die Notwendigkeit des andauernden Deichbaus und – erhalts ein enger – kein völkischer, sondern ein eidgenössischer – Zusammenhalt, der sich u.a. in einer Kollektivmoral gegenseitiger Hilfe äußerte: „Wer nicht will deichen – muß weichen!“, gleichzeitig aber auch eigenwillige  Konfliktlösungsstrategien hervorbrachte sowie grüblerische  Charaktere.

Bei Sturm geht der Friese auf den Deich und schaut schweigend über das tosende Meer. Aber auch sonst, während man sich z.B. in Süddeutschland, vor allem in Wien, lärmend auf der Couch wälzt und an der Ostsee anfängt zu singen – heißt es in Friesland: Wo Blanker Hans war – soll Ich werden!

Schon Sigmund Freud griff bei der Beschreibung des Prozesses der Ich-Bildung auf eine friesische Deichbau-Leistung zurück, als er die Notwendigkeit zur Sublimation, d.h. der Kulturarbeit, mit der „Trockenlegung der Zuidersee“ verglich. Wilhelm Reich hat demgegenüber dann, von Kopenhagen und Oslo aus, eher die Notwendigkeit der genitalen Befriedigung, d.h. das Sich Verströmen und Fließen Lassen, ein „ozeanisches Gefühl“, betont. Eine derartige Wunschpolitik müßte laut Klaus Theweleit in die antifaustische Formel münden: „Wo Dämme waren, soll (wieder) Fluß werden!“

Der Friese gönnt sich eine solche Deterritorialisierung  nur in Form des Fernwehs, dem er dann als Seefahrer auch immer wieder nachgibt. Dieser Sturm und Drang rechtfertigt sich dadurch, daß das friesische Ich zu großen individuellen Leistungen vor allem im Ausland fähig ist. Im „Inneren“ setzt dem die altehrwürdige Kollektiv-Ökonomie Grenzen. Das ist der Kern der berühmten Stormschen Novelle über das Scheitern – „Der Schimmelreiter“: „Als Exponent der von Storm so hoch geschätzten Selbstverwaltung ist der Deichgraf auf demokratisches Miteinander angewiesen; Hauke Haiens Verhältnis zu seinen Dorfgenossen aber ist gestört,“ schreibt der Stormbiograph K.E. Laage. Storm selbst spricht von „der Ehrsucht und dem Haß“ in seinem Herzen. Gerade als er eine neue – flache – Deichkonstruktion, die heute nebenbeibemerkt überall zu finden ist, durchsetzen will, gerät er „in Gegensatz zu seinen Freunden“ – und scheitert.

In der berühmten fast dokumentarischen Verfilmung der Novelle – aus dem Jahr 1933 – wird diese Handlung an einigen wenigen aber entscheidenden Stellen zugunsten des „Führergedankens“ verändert. Dadurch bekommt das Stormsche Drama ein Happy-End – und aus dem menschlich-fragwürdigen Deichgrafen, der zuletzt bereut, wird ein rundum positiver Held – der Neuen Zeit, dem Nationalsozialismus,  vorauseilend. Auf diese reagierte man in den drei friesischen Siedlungsräumen dann jedoch durchaus unterschiedlich: Die militante, autonome Landvolkbewegung der reichen nordfriesischen Bauern (Gräser) Ende der Zwanzigerjahre verschwand fast sang- und klanglos im „Reichsnährstand“, nachdem die sozialdemokratische Regierung ihre Aktivisten  kriminalisiert hatte. Die eher proletarisch orientierten Ostfriesen verschanzten sich in Mikropolitik. Und die Westfriesen wagten den Widerstand, indem sie Teile ihres eingedeichten Landes unter Wasser setzten, Sabotage verübten und Juden vesteckten. Von den 120.000 holländischen Nazi-Kollaborateuren waren 5000 Friesen, aber auch von diesen gingen nur wenige so weit, dass sie ihre Nachbarn verrieten – und deswegen nach dem Krieg hingerichtet wurden.

Wenn immer wieder betont wird, dass die Friesen dem Singen abhold sind, dann hängt dies mit ihrer gemeinschaftlichen Position in der Ambivalenz zusammen – zwischen Verlockung und Furcht gewissermaßen eingeklemmt. „Die ganze Küste ist äußerst labil“, urteilt der Kölner Historiker Otto Jessen.  Vom Land her droht Unterwerfung, verbunden jedoch mit verheißenem Wohlstand. Während die Seeseite mit neuen (Siedlungs-)Räumen lockt, im Sturm aber auch alles verschlingen kann.  „Nordsee ist Mordsee“, so hieß einmal ein Jugendfilm von Hark Bohm. Es gab eine lange Zeit, in der Friesland wegen der Sümpfe und Moore leichter von der See als von Land her erobert werden konnte.

In dem berühmten „Freesenleed“ heißt es:

„wo de Möwen schrien, hell in’t Stormgebruus,

dor is miene Heimat, dor bün ick to huus.

Well’n un Wogen sungen dor mien Weegenleed,

un de hogen Dieken kenn’t mien Kinnerleed,

kenn’n ook all mien Sehnsucht, as ick wussen weer,

in de Welt to fleegen, över Land un Meer.“

Das „Friesenlied“ schrieb eine Frauenzeitungsredakteurin im Jahr 1907 – die sinnigerweise aus dem Ostseebadeort Zingst am Darß stammte. Ein in München lebender Flensburger (!) brachte es dann nach Zürich (!), wo ein Arbeitergesangsverein es vertonte. Daneben gibt es noch mehrere hochdeutsche „Ostfriesenlieder“ sowie auch ein holländisches Friesenlied, das in den Niederlanden als Wiegenlied bekannt wurde. Aber auch in jenem  „Freesenleed“, das gewissermaßen die Ostsee den Friesen andichtete, singen nur Möwen, der Sturm und das Meer – kein Mensch. Und an die Gesänge  der Mutter kann dieser sich auch nur noch vage erinnern: angesichts des männlich-mächtigen Damms ringsum – lange nach „Deichschluß“, wie man den dramatischen Abschluß einer Landgewinnungsmaßnahme nennt, der früher in ein Tieropfer gipfelte. Im Lied werden ihm nun die Jugendträume dargebracht.

„Sich (damit) abfinden und gelegentlich auf Wasser sehen,“ riet Dr.Gottfried Benn aus Landsberg/Gorzów. Laut Rudolf Muuß, einem Pastor aus Stedesand, redete ein friesischer Bauer in den Zwanzigerjahren seinem Sohn die Sehnsucht in die Ferne  mit den Worten aus: „Mien Söhn, wat wullt du dor buten? Hier is de Masch und de ganze annere Welt ist bloots Geest“. Noch im Jahr 2004 bestätigte der junge Dithmarschener Bauer und Filmregisseur Detlev Buck diese altfriesische Welt- und Weitsicht, als er – in der taz – schrieb: „Bin einmal um die Welt geflogen, hab gemerkt, das ist ja nicht viel, worum sich’s dreht, und – Mann, da ist ja viel Wüste, mehr als alles andere. Und habe beschlossen, verdientes Geld aus der Filmunterhaltung in Land anzulegen.“

Nicht nur die Friesen lockt das Meer (das im Französischen gar mit dem Wort Mutter ineins klingt) in Form verführerischer Frauen, die man Nixen oder auch Meerjungfrauen nennt. Die Dänen haben solch eine gar zum Wahrzeichen ihrer Ostsee-Hauptstadt gemacht – so als wäre diese die Frucht einer glücklichen Verbindung zwischen Land- und Meeresbewohnern. Als solche begreift sich im übrigen auch das kleine sibirische Volk der Niwchen, das am Ochotskischen Meer lebt und eine Meer-Frau als Urahnin verehrt. Neuerdings besitzt auch das Ostseebad Boltenhagen eine bronzene Nixe, die auf einem Findling im Meer  sitzt, sie schaut allerdings nicht wie die Kopenhagenerin aufs Wasser, sondern „etwas unbestimmt in Richtung Ufer“, wie die FAZ schreibt.

Noch im 18. Jahrhundert hatte der dänische Anatom Caspar Bartholin diese Wassernixen  zusammen mit den Menschen und Affen als „homo marinus“ klassifiziert. Den Friesen locken  jedoch selbst diese notorischen Sängerinnen nicht mit Liedern aufs Meer oder in die Tiefe – im Gegensatz zu den vielen Kulturträgern oben auf der Geest.

Angefangen mit den homerischen „Sirenen“ des Odysseus, der seiner Schiffsmannschaft die Ohren verstopfte, um sie vor deren „verderblichen Gesang“ zu retten. In Goethes Gedicht „Der Fischer“ ist es dann ein „feuchtes Weib“, das dieser vor sich im Wasser auftauchen sieht: „Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;/ Da war’s um ihn geschehn:/ Halb zog sie ihn, halb sank er hin/ Und ward nicht mehr gesehn.“ In Heinrich Heines berühmten Gedicht über „Die Heimkehr“ wird aus den Sirenen eine langhaarige Flußnixe: „…Ich glaube, die Wellen verschlingen/ am Ende Schiffer und Kahn;/ Das hat mit ihrem Singen/ die Loreley getan“. Auch in dem mehrfach als Oper und Ballett auf die Bühne gebrachten romantischen Märchen von Friedrich de la Motte Fouqué „Undine“ umwirbt eine kleine reizende Nixe aus dem „Mittelländischen Meer“ einen Mann mit Gesang: um durch Vermählung mit ihm in den Genuß einer Seele zu kommen. Nachdem er sie als Hexe beschimpft hat, verschwindet sie jedoch  wieder im Wasser, d.h. „verströmt sich“ – um ihn zuletzt mit einem zärtlichen Kuß in den Tod zu befördern. Der Autor hat sich dabei von einer Schrift des Paracelsus aus dem Jahr 1590 inspirieren lassen: das „Liber de Nymphis, Sylphis, Pygmaeis et Salamandris, et de caeteris spiritibus“, das zunächst die allerchristlichsten Hexenverfolger auf die Idee der „Wasserprobe“ gebracht hatte. De la Motte Fouqués „Undine“ war dann  Vorbild für Hans-Christian Andersens „kleine Meerjungfrau“, und zuletzt für Ingeborg Bachmanns frühfeministische Erzählung aus dem Jahr 1961: „Undine geht“. Auch hier wendet sich die Frau, wieder „unter Wasser“, noch einmal, ein letztes Mal, an den Mann, an die  Männer – „Ungeheuer“ und „Verräter“ allesamt.  Neuerdings hat eine feministische amerikanische Anthropologin mit dieser Idee von der singenden Undine als homo marinus noch einmal Ernst gemacht. Laut Elaine Morgan waren es die Frauen, die nach Verlassen der Bäume erstmals Schutz vor ihren Feinden im Wasser suchten. Dort lernten sie den aufrechten Gang, die Schmackhaftigkeit der Meerestiere, bekamen eine glatte, unbehaarte  Haut, veränderten sogar ihre weibliche Anatomie und wurden intelligent und verspielt. So wie im übrigen alle Säugetiere, die wieder ins Wasser zurück gingen: Delphine, Otter und Pinguine beispielsweise. Während die Männer dagegen quasi auf dem Trockenen (auf der Geest?) hocken blieben – und dabei jede Menge Jäger-Idiotismen ausbildeten. Elaine Morgans Studie endet versöhnlich: „Wir brauchen weiter nichts zu tun, als liebevoll die Arme auszubreiten und ihnen zu sagen“ (oder zu singen): „Kommt nur herein! Das Wasser ist herrlich!“

In Russland bildete sich spätestens mit dem Bau von St.Petersburg, als neuer  Hauptstadt an der Ostsee, eine ganze Meerestheologie heraus, die von Neptun bis zur Matrosenvereidigung reichte – und in Ozeanologie überging. Hier herrschte dann der Dichter Wladimir Majakowski  die Männer an: „Solange in dieser Newa-Tiefe/Die rettende Liebe Dir nicht begegnet/Irre weiter durch die Kanäle/Rudere!/Und ertrinke zwischen den Häuser-Steinen“.  Während der Petersburger Dichter und Lehrer von Puschkin, Wassili Shukowski, umgekehrt in seinem Poem „An Undine“ das „feuchte Weib“ geradezu herbeisang.

Als der Jäger und Offiziersschriftsteller Ernst Jünger 1944 einmal mit seiner Kompanie im friedlichen Hinterland – auf dem  norddeutschen Geestrücken bei Hannover – stationiert war, notierte er: daß solch „trockene Böden zur Hervorbringung musischer Existenzen nicht geeignet“ seien, deswegen gelte auch für sie jetzt: „Frisia non cantat“. Diese etwas unbedachte Äußerung – Friesland war von Jüngers Standort Kirchhorst immerhin rund 150 Kilometer entfernt – korrespondiert jedoch auf der anderen Seite mit all jenen, die heute in Friesland Konzerte und dergleichen  veranstalten bzw. touristisch vermarkten – und dabei noch jedesmal behauptet haben: Das Event war ein voller Erfolg, die Gäste  vergnügten sich und sangen bis in die frühen Morgenstunden – womit nun eindeutig bewiesen sei, dass Tacitus sich irrte. Auch der staatliche Norddeutsche Rundfunk verkündet frech: „Die Friesen singen fast immer und überall“. So etwas würde der eigenständige westfriesische Sender nie über den Äther lassen.

Obwohl es stimmt, daß immer mehr Leute von der Geest herunterkommen, um sich in Friesland nieder zu lassen. Sie müssen sich nicht mehr an Deicharbeiten beteiligen. Stattdessen gibt es an der Waterkant nun etwa 50.000 Grundeigentümer, die jährlich Deichsteuer zahlen. Der friesische Deichschutz wurde zum staatlichen Küstenschutz erklärt und Flutkatastrophen zu Bundeswehrübungsaufgaben. Neue Eindeichungen wird es nicht mehr geben – eher sogar eine EU-geförderte Reduzierung der landwirtschaftlichen Flächen – u.a. mittels Milch- und Mistquoten sowie Flächenstillegungsprämien. In Westfriesland wurde darüberhinaus sogar auf manchen  Grundstücken „der fruchtbare Ackerboden entfernt, um das Terrain wieder künstlich karg zu machen,“ wie der friesische Dorfforscher Geert Mak 1999 berichtete. In Nordfriesland, wo man aus dem einen oder anderen Koog ein „Biosphärenreservat“ macht, ferner die Salzwiesen im Deich-Vorland nicht mehr beweiden lassen will und gar einen „Miesmuschel-Management-Plan“ verabschiedete, meint so mancher Bauer inzwischen: „Die Grünen sind schlimmer als die Grafen einst!“ Kein Wunder, daß gerade die  Zugezogenen, die sich in keine Kollektivökonomie und -kultur mehr einpassen müssen, immer mal wieder auf die Idee kommen, in Friesland einen Gesangsverein zu gründen – um wenigstens den Hauch einer Gemeinschaftsaufgabe noch zu spüren. Eine Handvoll solcher e.V.s hat sich inzwischen fest etabliert. Und Husum richtet neuerdings sogar ein „internationales Musikfestival“ aus. Dort hatte der Halbfriese Theodor Storm bereits 1859 den ersten Gesangsverein ins Leben gerufen. Wie man sagt: aus Langeweile. Er ließ es denn auch bald wieder sein.

Der These, dass Freie eben nicht singen – nur Sklaven! hätte er wohl trotzdem nicht zugestimmt. Dabei stammt noch ein Großteil unserer heutigen Musik aus den Gesängen der amerikanischen Schwarzen, der europäischen Zigeuner und der jüdischen Stetl. Der Rigaer „Eastbam“-Konzertmanager Indulis Bilzenz meinte 1989 überdies – angesichts der vielhundertjährigen Fremdherrschaft in Lettland und Estland könne man sagen: „Wir sind die letzten Indianer Europas!“ Dies legte bereits 1927 ein Vorwort zur Autobiographie des baltischen Hochstaplers Harry Domela nahe, in der es hieß: „Die deutschen Balten, auch die nicht adligen…blickten auf die Letten so geringschätzig herab wie die weißen Amerikaner auf die Neger“. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass rund um die Ostsee jahrhundertelang die übelste Bedrückung  und Kolonialisierung herrschte – so daß es dort allen Grund gab, seinen Sehnsüchten wenigstens immer wieder in Liedern Ausdruck zu geben. Bertold Brecht behauptete jedoch, im Grunde sei den „altägyptischen Sklavenliedern“ nichts mehr hinzuzufügen – sie würden bereits alles enthalten. Demnach wäre vielleicht sogar jedes Singen Sklavenmusik! Viktor Schklowski erinnerte 1916 daran, dass das Singen (der Wolgaschlepper z.B.) die Arbeitskommandos ersetze und auch das militärische Marschieren erleichtere. Ein heute beliebter Spruch lautet: „Vögel in Käfigen singen – freie Vögel fliegen!“ Er stimmt aber nicht, weil die Vögel auch und gerade in Freiheit singen.

„Es ist das Volk, das die Musik schafft, wir Musiker arrangieren sie nur,“ meinte zu Anfang des 19. Jahrhunderts der russische Komponist M.I. Glinka. An der Nordsee loteten zuletzt die originalostfriesischen Musiker Otto und Trio mit ihren „Hits“ ironisch die Grenzen zur Nichtmusikalität aus – erwähnt seien ihr  „Honecker-Lied“ und „Da-Da-Da“. Die Friesen werden anscheinend noch immer  vom Schweigen versucht. Es haben aber, schrieb Franz Kafka, „die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe – das ist ihr Schweigen. Ihm kann kann sich keiner entziehen“. In einem hochdeutschen Spruch heißt es dagegen hübsch hässlich: „Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder!“ Das verstehen wir jetzt so: Das Böse, das sind immer die anderen – unbotmäßigen, die sich nicht unterwerfen wollen: Terroristen wohlmöglich, deren blutrünstiges Credo da lautet:  „Lever dod as Slaav“. Die Scheidelinie zwischen Singen und Schweigen  verläuft in diesem Fall exakt entlang des „Sietlandes“ – dem Sumpfstreifen zwischen Geest und Marsch.

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In Berlin entwickelte sich mit der Abwicklung des alten Instituts für Kulturwissenschaften und der Gründung eines neuen an der Humboldt-Universität  u.a. auch eine Nixenforschung, die zunächst darin bestand, dass der Berliner  Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler eine Schiffexpedition in die Gewässer um Capri, der Insel der Sirenen, organisierte, wo Odysseus sich einst ihrem Gesang ausgesetzt hatte. Nach einer der drei Sirenen, Parthenope, wurde später eine Stadt benannt, das heutige  Neapel. Schon Goethe hatte sich dort in Sirenenforschung versucht: „Und nun nach allem diesem und hundertfältigem Genuß locken mich die Sirenen jenseits des Meeres, und wenn der Wind gut ist, gehe ich mit diesem Brief zugleich ab – südwärts,“ schrieb er „leichtlebig“ aus Neapel, kam dann jedoch nie wieder auf seine Forschungfahrt zu sprechen.  Kittler brachte jedoch von seiner Kreuzfahrt zwischen Messina und Neapel, an der sich u.a. auch der Leiter des Tierstimmenarchivs der Humboldt-Universität,  Karlheinz Frommholt, beteiligte, jede Menge audiovisuelles Material mit. Auf seiner CD „Musen, Nymphen, Sirenen“ erstattete er darüber auch schon Bericht.  Aber seine Sirenenforschung ist noch nicht abgeschlossen. Ich, der mein Forschungsbegriff noch vom „Fischbüro“ in der Köpenickerstraße geprägt ist,  erhoffte mir landeinwärts mehr Aufklärung –  aus der einst vomBiologen Anton Dohrn gegründeten Meeresforschungsstation in Neapel. Aber die einzige dort jemals in einem Aquarium gehaltene „Sirenide“ gibt es nicht mehr: Wie der faschistische Theoretiker Curzio Malaparte in seinem Buch „Haut“ berichtet, wurde dieser „Fisch“, wie alle anderen in Dohrns Aquarien auch, 1944 vom Oberkommando der amerikanischen Streitkräfte, die Neapel eingenommen hatten, getötet – um anschließend von ihnen verspeist zu werden. Malaparte will selbst dabei gewesen sein. Weil aber dieses „zur Gattung der Sirenoiden“ gehörende Meerestier („dessen Flanken in einem Fischschwanz endeten – genau wie von Ovid beschrieben“) einem kleinen toten Mädchen zum Verwechseln ähnlich sah, habe eine der anwesenden weiblichen US-Offiziere darauf bestanden, den „Fisch“ stattdessen ordnungsgemäß im Garten zu bestatten. Es geht das Gerücht, dass er später wieder  ausgegraben wurde und dass das Skelett sich heute im „Museo di Biologia Marina e Paleontologia“ von Reggio Calabria befindet (man kann es sich im Internet ansehen).

Für die Amerikaner sind die Sirenen das, was wir  „Seekühe“ nennen: pflanzenfressende Meeressäugetiere, die es nur noch in tropischen Gewässern gibt. Es gab auch noch welche in den sibirischen Gewässern: Sie wurden aber – nur 27 Jahre nach ihrer Entdeckung – ihres Trans und  schmackhaften Fleisches wegen, ausgerottet (siehe dazu „Sirenews“). Die einen wie die anderen Seekühe sehen jedoch weder wie die auf antiken Vasen dargestellten Sirenen aus, noch singen sie wie von Homer geschildert. Das gilt auch für die bis zu ein Meter langen Arten der Gattung „Siren“, die man auf  Deutsch treffend „große Armmolche“ nennt, weil sie nur Vorderbeine haben, dazu Lungen und Kiemen. Sie gehören zur Familie der „Sirenidae“, leben an der Küste Floridas, ernähren sich von Kleingetier und Pflanzen und halten Sommerschlaf. Bei dem von Malaparte beschriebenen „Speisefisch“ aus der „Zoologischen Station“ von Neapel könnte es sich eventuell um eine solche „Schwanzlurche“  gehandelt haben, dann ist sie allerdings nicht mit dem Skelett im Museum von Reggio Calabria identisch. Ich wollte es schon bei diesem (unbefriedigenden) Stand der Dinge bewenden lassen, aber dann entdeckte ich im Medizinhistorischen Museum auf dem Charité-Gelände gleich zwei kleine in Alkohol eingelegte „Sirenen“ – kein Witz! Es handelte sich dabei um tote Kinder, d.h. um in Spiritus eingelegte  „menschliche Fehlbildungen“: Bei der einen –  „Sirenoiden“ – fehlten „die Beinanlagen, der Harntrackt und die Geschlechtsorgane“ – der Körper ging stattdessen ab der Hüfte in eine Art Schwanz über. Der anderen – „Sirenomelie“ – fehlten „Beine, Geschlechtsorgane, Niere, Blase und Enddarm“. Beide waren also nicht lebensfähig, man ließ sie wohl gleich nach der Geburt sterben. Wenn ich nicht irre, befanden sich die Exponate früher in der Anomaliensammlung auf dem Gelände des Veterinärmedizinischen Instituts der Humboldt-Universität – und wurden erst kürzlich in das neue Medizinhistorische Museum überführt, bei dessen minimalistisch-modernistischem Aufbau jetzt das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte federführend ist.  Aus dessen Reihen wurde kürzlich auch eine Recherche – als „Preprint“ -veröffentlicht, in der der Autor den Namen der Mutter von einem der Sirenoiden ausfindig gemacht hatte. Für die zwei ausgestellten „sirenoiden Fehlbildungen“ machen die Kuratoren „übermässigen Alkoholgenuß der Mütter“ verantwortlich.

Kürzlich gelang es in Peru, eine solche „Sirenomelie“ – heute kommt schon auf 70.000 Geburten eine – operativ zu korrigieren, so dass das Kind, Milagros Ceron, nun lebensfähig ist. Der „stern“ sprach von einem „Meerjungfrauensyndrom“.

Von einem regelrechten „Seekuhfieber“ sprach dagegen die Berliner Lokalpresse, nachdem der neue West-Direktor des Ost-Tierparks im Elefantenhaus ein Becken mit fünf Seekühen „aus den Sümpfen Floridas“ eingerichtet hatte. Täglich steigt ihr Tierpfleger nun in einem  Taucheranzug zu ihnen herab, um sie zu liebkosen – d.h. mit ihnen zu kommunizieren, wie man so sagt. „Die brauchen das,“ erklärte er eins ums andere Mal dem rbb.

Nordstrand

 

Friesenromane
Der einst aus Helgoland ausgewanderte Redakteur der New Yorker Zeitung „Frisian Roundtable“, fragte sich und seine Leser 1977,  ob wenigstens „unser inneres Friesland“ überleben wird. Ihm antwortete ein Vorstandsmitglied der niederländischen Fryske Akademy in Leeuwarden: „Wenn das Eigene ausschließlich auf die Sphäre der privaten Liebhaberei beschränkt bleibt, ist es eine verlorene Sache.“ In einem Vortrag  über „Die große und die kleine Welt“ – gehalten auf dem 15. Friesenkongreß in Aurich – bezeichnete der konservative Philosoph Hermann Lübbe den „Regionalismus“ als das „Ringen um Heimat“, dem eine wichtige kompensatorische Funktion angesichts der sich beschleunigenden „zivilisatorischen Innovation“ zukomme. In der Zeitschrift „Nordfriesland“ widersprach ihm daraufhin der Kieler Soziologiestudent Harm-Peer Zimmermann, der eine „Analyse des Wesens des Heimatgefühls“ sowie eine „historische Ableitung der gesellschaftlichen und politischen Bedeutung“ des von Lübbe konstatierten „Vertrauensswunds“ und „Identitätsverlusts“ vermißte. „Wie in Gorleben“, behauptete der Student demgegenüber, „so entsteht Identität überall in der Auseinandersetzung mit dem Alltag. Das Glück stellt sich nicht durch einfache Erinnerung der Vergangenheit ein.“

Diese nun auch schon wieder eine Weile zurückliegende Debatte über privatwirtschaftlichen und politischen „Regionalismus“ hat zuletzt der  Friesen- bzw. Nordseeverächter und Ethnologe  Hans Peter Duerr aus Heidelberg  in seiner Forschungsarbei „Rungholt“ sowie der Föhrer Germanist Olaf Schmidt mit seinem Rom „Friesenblut“ wieder aufgenommen.

Zuletzt legte der friesische Autor Jan Christophersen noch einen nach – mit seinem Roman „Schneetage“, der eine Persiflage ist auf den um die Jahrtausendwende herum im Wattenmeer Scherben sammelnden „Rungholt“-Sucher Hans Peter Duerr. Der Autor hat am Leipziger Literaturinstitut studiert – und sich ordentlich Mühe gegeben. Die  Rezensenten sprechen von einem „friesisch herben Debüt“.

Der Roman „Friesenblut“ ist ein Buch über Friesen – von einem Friesen. Der Germanist Olaf Schmidt lebte die ersten 20 Jahre seines Lebens auf Föhr – und dort spielt auch sein Roman. Man sagt, die Friesen sind den Künsten eher abgeneigt – bis auf die Mathematik. Das komme von ihrer händlerischen Lebensweise – seit dem Megalithikum bereits, die zudem immer wieder ins Piratische lappte. Man könnte sie aber auch als seefahrende Viehhirten bezeichnen – die übrigens keinen Volksstamm bilden, sondern wie die Schweizer eine Art Eidgenossenschaft. Aber anders als diese waren sie immer frei (jedenfalls bis die verdammten Preußen kamen).

Zu Zeiten Karls des Großen erledigten sie zusammen mit den Juden den Handel für das Reich – bis nach Bagdad hin. Um 1230 wird ihnen quasi offiziell bescheinigt: „omni jugo servitutis exuti“ – sie haben das Joch der Knechtschaft verlassen.  „Seltsam nahm sich Friesland unter den deutschen Territorien aus“, schreibt der westfriesische Historiker I. H. Gosses: „Kein Graf, keine Lehnsleute, fast keine Ritter, keine Unfreien, keine ummauerten Städte; ein Land freier Bauern.“ In dem die „Amtsgewalt nicht von oben – von einem Grafen, der den König vertritt, sondern von unten, aus der Rechtsgemeinde“ hervorgeht, deren Bemühungen schließlich in das kodifizierte „Lex Frisiorum“ (friesische Recht) münden.

Auch in dem in der Gegenwart  spielenden Roman von Olaf Schmidt, der heute als Redakteur beim Leipziger Stadtmagazin „Kreuzer“ arbeitet, spielt die friesische Geschichte eine große Rolle. Nicht nur in Nebenbemerkungen wie diese – über das Tourismusgeschäft der Föhrer: „Das kleine Volk der Inselfriesen hatte weiß Gott seinen Beitrag zur Ausplünderung der Welt geleistet. Jetzt fuhr man eben nicht mehr auf Beute hinaus, der Reichtum kam von selbst. Was hatte sich schon wirklich geändert?“

Die Hauptfigur des Buches ist ein auf die Insel Föhr zurückkehrender junger Kunsthistoriker namens Anselm, der dort Material für seine Doktorarbeit über den 1839 gestorbenen und von der Kunstwelt eher gering geschätzten Föhrer Maler Oluf Braren sammeln will, wobei er an den Forschungen eines jüdischen Kunsthistorikers anknüpft, der 1936 auf die Insel gekommen war und dann von den Nazis umgebracht wurde.

Anselm verbindet eine alte Freundschaft mit dem Inselpfarrer, der einmal Anti-AKW-Aktivist war. Er hat von einem bisher unbekannten Bild des Malers erfahren, das sich im Besitz einer Föhrerin befindet, die es erst jüngst von ihrer in den Dreißigerjahren nach Amerika ausgewanderten älteren Schwester erbte. Auch der „Föhringer Verein“ ist an dem Bild interessiert, denn Oluf Braren wird vom Vereinsvorsitzenden „für den einzigen Künstler von Rang“ gehalten, „den unsere Heimatinsel je hervorgebracht hat“.  Aber noch bevor er oder Anselm sich über das Bild hermachen können, ist es verschwunden – gestohlen. Das verleiht  dem Roman  den Schwung eines Krimis. Dieser wird jedoch immer wieder ausgebremst, dadurch dass parallel zur Aufklärung des Gemäldediebstahls,  ausführlich die Lebensgeschichte des Malers erzählt wird.

An der Bildspurensuche beteiligt sich bald auch noch – gegen Exklusivrechte – der Inselreporter, der gewissermaßen auf die Nazizeit in der Föhrer Geschichte spezialisiert ist. Wie der Pfarrer hält auch er den Heimatverein für eine „reaktionäre Bagage“.

Ein Buch – vom Vater des  Vereinsvorsitzenden verfaßt – hatte bereits den Titel „Friesenblut“. Und so ist dieser Roman jetzt von Olaf Schmidt, mit dem selben Titel, auch eine ironische Antifa-Antwort darauf – sowie gleichzeitig eine Erinnerung an die Juden einst auf der Insel, die zumeist Touristen waren: „Wyk [auf Föhr] war kein antisemitisches Seebad. Aber als die Nazis dann hier das Sagen hatten, war man sofort tausendprozentig.“

Eine Ausnahme bildete jene Inselminderheit, die 1920 beim Volksentscheid für den Anschluß Föhrs an Dänemark stimmte. Einer von ihnen lebt noch heute. Er ist immer noch davon überzeugt, „dass damals nicht alles „mit rechten Dingen zugegangen sei“ und dass „die Friesen  weder deutsch noch dänisch sind, sie sind etwas Eigenes für sich. Doch von alters her haben sie zu Dänemark gehört und sind damit immer zufrieden gewesen“. Selbst der Festlandfriese Theodor Storm  konnte sich 1864 nicht recht über die  „Befreiung“ seiner „Husumerei“  durch die Preußen freuen – obwohl ihn die Dänen zuvor ins (preußische) Exil getrieben hatten. Der erste „Friesenblut“-Roman – „Ein Nordseebuch von Schutz und Trutz“ – war unter anderem dem neuerlichen Kampf gegen die „frechen Dänen“  nach 1918 gewidmet.

Diese ganzen Geschichten, nebst die einiger Eskimos, die es zu Hochzeiten der Walfängerei von der dänischen Kolonie Grönland nach Föhr verschlagen hatte, wirken bis heute nach unter der neobanalen Ferienoberfläche der Insel (wobei die aus der dort vor 15.000 Jahren existierenden Hochkultur noch ganz frisch in Erinnerung sind, während andererseits die Nazizeit schon „sehr lange her“ ist). All diese Widersprüche werden von den drei nach dem verschwundenen Bild fahndenden  Protagonisten des Autors als Heimatforscher nach und nach ans Licht gezerrt. Einem  Kapitel hat er das Motto eines Heimatforschers vom Festland aus dem Jahre 1865 vorangestellt: „Wollte und dürfte ich die Geheimnisse der Föhrer und namentlich der Föhrer Nachtschwärmer und Finsterlinge aufdecken, so müßte ich lange Kapitel schreiben.“

Das genau hat Olaf Schmidt nun getan. In einer Rezension seines Inselkrimiromans verbietet es sich jedoch, aufzudecken, wie er ausgeht. Ein Kritiker nannte sein Werk „ein sprachmächtiges Epos über ein Provinzgenie“. Dem möchte ich zuletzt aber doch noch widersprechen, denn ein Schriftsteller ist im Gegenteil  jemand, der Probleme mit dem Schreiben hat – und Olaf Schmidt hat sich bei seinem Erstling „Friesenblut“ jede Menge davon gemacht. Als küstennaher Heimatforscher hat er dabei zugleich gekonnt die Dialektik von Erden (bzw. In See Stechen) und Abheben berücksichtigt.

Südfall

 

Berühmte Friesinnen

Vor Jahren gab es mal im Guardian eine Kolumne „Soziale Erfindungen“, gemeint waren damit z.B. neue Behindertenpädagogiken und Community-Selbsthilfeideen. Können wir demgegenüber bei den seit Margret Thatcher um sich greifenden neoliberalen Ich-Strategien von „Asozialen Erfindungen“ sprechen? Ins Projektemacherische und Hochstaplerische, aber viel vielschichtiger als das lappen die Lebensläufe der zwei berühmtesten Friesinnen: Franziska von Reventlow aus Husum (Nordfriesland) und Mata Hari aus Lieuwarden (Westfriesland). Zu beiden gibt es eine Unmenge Literatur und auch Filme inzwischen, meist von Frauen. Gerade erschien ein Reventlow-Roman von Franziska Sperr, der zu loben ist: „Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich“. Zuvor hatte man  bereits im Osten und im Westen zwei neue Biographien über Mata Hari veröffentlicht.

Die Friesen und erst recht die Friesinnen waren zu herausragenden Ich-Leistungen vor allem in der Emigration fähig – in Friesland selbst setzte ihnen die Kollektiv-Ökonomie enge Grenzen (wie Theodor Storm in seiner berühmten Deichbau-Novelle „Der Schimmelreiter“ herausarbeitete.) Die Gräfin Reventlow und Mata Hari erlebten erst den Niedergang ihres friesischen Heims, dann ging die eine nach Paris und die andere nach München. Zunächst heirateten sie einen sie versorgenden Spießer, dann entdecken sie die Kunst, das wilde Leben einschließlich Rauschgift und freie Liebe. Und beide kommen dabei gut in der Welt herum, wobei es sie in die mondäne zieht, in der es Männer mit Geld gibt, obwohl sie eher jüngere minderbemittelte begehren – die eine Pazifisten, die andere Offiziere. Zwischendurch arbeiten sie im Bordell – die Reventlow in einem teuren Salon, Mata Hari in vier Freudenhäusern gleichzeitig. Beide sind starke Einzelkämpfer und führen darüber Tagebuch. Und sie überleben den Ersten Weltkrieg nicht: Die 1871 geborene Reventlow wird 1914 in einem „neutralen Kurort“ mit einer buntgemischten Gruppe von Ausländern als Spionin verhaftet und verhört, weil man sie und ihren Begleiter verdächtigte, den Deutschen „Lichtsignale“ gegeben zu haben, 1915 veröffentlicht sie darüber die launige Kurzgeschichte: „Wir Spione“ im Simplizissimus, 1918 stirbt sie nach einem Fahrradunfall im Krankenhaus von Ascona . Die fünf Jahre jüngere Mata Hari wird 1917 in Paris als deutsche Spionin verhaftet und kurz darauf in Vincennes hingerichtet.

2005 haben die Mata Hari Foundation und ihre Geburtsstadt Lieuwarden jedoch neue Beweise für ihre Unschuld gefunden und den französischen Staat verklagt. Ihre Recherchen basieren auf ein zweibändiges Werk über Mata Hari, das der 92jährige Résistance-Held Léon Schirmann soeben veröffentlichte: „L’Affaire Mata Hari: autopsie d’une machination“ Das ZDF berichtete am 6.2. 2004  darüber, wobei es zu dem Schluß kam, daß Mata Hari „verrucht aber unschuldig“ war: „Auch wenn sie alles andere als eine Jahrhundertspionin war, so bleibt sie doch eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die ihrer Zeit weit voraus war. Eine moderne Frau, die sich immer wieder neu erfand, intelligent, unabhängig, kosmopolitisch, freizügig, verführerisch, geheimnisumwoben, romantisch und pragmatisch zugleich“. Das selbe sagt man/frau heute auch über Franziska von Reventlow, z.B. in der psychoanalytischen Studie über sie  – von Wiebke Eden: „Weiblicher Narzißmus und literarische Form – ‚Das Leben ist ein Narrentanz'“. Die Autorin kommt darin zu dem Schluß: „Ihr Leben bildete ein einzigartiges Rollenspiel“.

Es gibt bestimmte aktuelle Nöte, bei deren Bewältigung man gerne auf historische Persönlichkeiten  zurückgreift, deren Leben und Werk dann den jeweiligen Erfordernissen angepaßt wird. Das ist nichts Neues, aber kommen wir diesmal um die beiden „Heldinnen“ herum – wo wir uns doch jetzt alle und permanent „selbst erfinden“ sollen?

Kommt noch hinzu: Selbst ihre – eher biederen – Geburtsstädtchen (Husum und Lieuwarden) ehren die berühmtesten Friesinnen aller Zeiten inzwischen: mit Denkmälern, Erinnerungstafeln, Symposien, Ausstellungen und nach ihnen benannten Eisbechern

Feuer 2

Lämmergeburt

Einheimischer Rungholtforscher

Rungholt-Streit (aus: shz.de)

Auf der einen Seite steht Hans Peter Duerr, der gerade im renommierten Insel-Verlag sein Buch „Die Fahrt der Argonauten“ mit seinen wesentlichen Hypothesen veröffentlicht hat. Der emeritierte Kulturhistoriker war 1994 erstmals mit einer Gruppe von Studenten ins Watt nahe der Hallig Südfall aufgebrochen, um nach Spuren Rungholts zu suchen. Auf der anderen Seite tummeln sich Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein, die nicht nur Duerrs Forschungen, sondern auch seine Vorgehensweise massiv kritisieren. Die wesentlichen Vorwürfe, mit denen sich der Bremer Wissenschaftler auseinandersetzen muss: Er suche widerrechtlich nach den Überresten der Siedlung und anderen zivilisatorischen Überbleibseln, seine Funde seien nicht glaubwürdig dokumentiert und seine Schlussfolgerungen nicht haltbar.

Duerr behauptet, während seiner Rungholt-Suche im Watt Spuren von minoischen Seefahrern, die einst auf Kreta lebten, gefunden zu haben; die Minoer hätten vor mehr als 3000 Jahren den weiten Weg in die Nordsee bewältigt – viel früher als bislang angenommen. Demnach sind die minoischen Abenteurer wegen des englischen Zinns, das sie für die Herstellung von Bronze brauchten, nach Nordeuropa gesegelt – und haben von England aus dann den Abstecher in die nordfriesischen Gewässer unternommen, um auch Bernstein an Bord zu nehmen. „Unsere Funde im Wattenmeer sind eindeutig“, sagt Duerr und nennt Keramikscherben, exotische Muscheln und das persönliche Siegel eines minoischen Seemanns als Beispiele. Lange bevor Rungholt entstand, habe an gleicher Stelle bereits ein Handelsplatz für Bernstein existiert. Nur will das kaum ein Experte im Land glauben. „Die verteidigen nach Gutsherrenart ihre eigenen Claims, gerade gegen Störenfriede wie mich, die aus verwandten Wissenschaften stammen“, glaubt Duerr, der seit 1994 insgesamt 19 Expeditionen ins Watt unternommen und dabei viele Funde gemacht hat – und sich beinahe ebenso lange mit den Landesarchäologen streitet.

Wie groß der Frust des Bremers ist, belegt sein Nachwort in „Die Fahrt der Argonauten“; darin rechnet er mit seinen Gegnern ab. Ihnen wirft er vor, „dass der gesunde Menschenverstand durch Pseudoobjektivität, die bisweilen an Realsatire grenzt, verdrängt worden ist“. Duerr nennt auch den Leiter des archäologischen Landesamtes und Leitenden Direktor auf Schloss Gottorf, Claus von Carnap-Bornheim. Dieser habe gegenüber dem Hamburger Magazin „Spiegel“ spekuliert, dass Duerrs Studenten die Funde zuvor selbst ins Gelände geworfen hätten, um ihren Professor zu verulken.

Ist die „Fahrt der Argonauten“ tatsächlich nichts weiter als eine Münchhausen-Saga aus dem Liliencron-Land?

In Schleswig gibt man sich mittlerweile in der Causa Duerr sehr zugeknüpft. Claus von Carnap-Bornheim nimmt lediglich schriftlich Stellung zu dem Streit: „Die Polemik des Kollegen Duerr ist sicherlich unterhaltsam, in der Wiederholung alter, unbegründeter Vorwürfe dann aber doch wieder etwas ermüdend. Wissenschaftlich vermag ich auch weiterhin wesentliche Bestandteile seiner Argumentation nicht nachzuvollziehen und erlaube mir daher im Rahmen meiner wissenschaftlichen Freiheit, mich an einer Diskussion nicht zu beteiligen.“

Auch Duerr sagt, er habe künftig keine Lust mehr auf die öffentliche Auseinandersetzung: „Mit meinem neuen Buch ist das Thema für mich abgeschlossen.“ Schon 2008 habe er alle Funde wieder im Watt vergraben, mit einem Seezeichen versehen und dem Landesamt einen Lageplan übergeben. Aber auch in diesem Punkt kommt aus Schleswig eine andere Version: „Es liegt nichts vor, was als Fundkarte den Standards der schleswig-holsteinischen Archäologie entspricht“, sagt Gottorf-Pressesprecher Frank Zarp. Wenn also im Watt tatsächlich ein archäologischer Schatz vergraben wurde, dann liegt er dort wohl immer noch. Das vorerst letzte Kapitel der Rungholt-Geschichte endet mit einem großen Fragezeichen.

(Noch unterhaltsamer als Duerrs Buch „Die Fahrt der Argonauten“ ist sein vorangegangenes: „Rungholt. Die Suche nach einer versunkenen Stadt“. Der Heidelberger Professor mit einem starken Hang zum Mittelmeer haßt die Uni Bremen, besonders die prüden Feministinnen dort und überhaupt alles Norddeutsche, deswegen war es für ihn nur allzu logisch, dass alle Reste  mittelmeerischer Kulturen, die er im Wattenmeer fand, dort von südeuropäischen bzw. kleinasiatischen Seefahrern hingeschleppt wurden – und nicht umgekehrt: dass friesische Seefahrer sie von ihren Mittelmeer-Handelsfahrten mitgebracht hatten. Zu seiner Rungholt-Lagebestimmung im Watt vor der Hallig Südfall heißt es – auf Wikipedia: „Die Funde Duerrs werden heute dem ebenfalls in der Flut untergegangenen, aber danach wieder aufgebauten Nachbarort ‚Frederingscap vel Rip‘ zugeordnet.“)

Franziska zu Reventlow. Photo: br.de

Küstendichter und -denker

Wenn Frieslandtouristen  über  Theodor Storm räsonieren, ist schnell von einem „Küstendichter“ die Rede. Um sich in ihn reinzuversetzen, spricht man gerne dem „Küstennebel“ (eine  Schnapssorte) zu. Wenn der Spiegel Neues von Hamburger Reedern und Werftenbesitzern weiß, ist stets von „Küstendenkern“ die Rede. Man weiß nicht, ob das ironisch gemeint ist oder nicht. Die wahren „Küstendenker“ sitzen indes in Bremerhaven, der Stadt mit der höchsten Arbeitslosigkeit, dazu ohne Reedereien und Werften, so dass die einstmals in dieser Branche – der Schifffahrt und Fischerei – Beschäftigten viel Zeit zum Denken haben. Hinzu kommt die ortsansässige Seefahrtschule, in der die Offiziere für die ganze unchristlich ausgeflaggte deutsche Flotte ausgebildet werden.  Auch sie blicken „einer unsicheren Zukunft entgegen“ (taz-bremen). Die Ausbildungsstätten der deutschen Reeder für den gemeinen Seemann befinden sich bereits sämtlichst in Südostasien. Warum macht  da keiner was gegen?

Erst mal betreiben die Bremerhavener „Thinktanks“ weiter „Küstenforschung“. Zu ihren Vorbildern bzw. Quellen gehören der Hamburger Seerechtler Rolf Geffken und die  feministische Seeleute- bzw. Piraten-Forscherin  der Bremer Universität Heide Gerstenberger: „Das Handwerk der Seefahrt im Zeitalter der Industrialisierung“ (1995), und der „Globalisierung“ (2002); außerdem die Zeitschrift der Küstenwirtschafts-Kritiker: „Waterkant“ und der Küstenkultur: „Mare“ sowie die Internetseiten der Seeleutegewerkschaft „International Transport Workers‘ Federation“: „itfglobal“. Erwähnt sei ferner der „seefahrerblog“ – für deutsche Marinesoldaten, dessen Motto „navigare necesse est“ auf die altehrwürdige Verbindung von Handel und Krieg anspielt. Die Kriegsschiff-Werften kennen nebenbeibemerkt keine „Küstenwirtschaftskrise“ – im Gegenteil. Desungeachtet gilt, was der französische Seemann und Philosoph Michel Serres am Marinestandort Wilhelmshaven ausführte: „Die berühmte Zeile von Baudelaire sagt, das Meer sei der Spiegel des freien Menschen. Das ist sicher wahr. Die Träume von Freiheit, die sich mit dem Meer verbinden, sind schön, aber Träume unserer Eltern.“ Michel Serres ist gleichwohl „beunruhigt über den Zustand der Meere“, pazifistische Landratten dagegen eher über den Kriegs-„Maritimen Komplex“ des neuen Deutschland.

Bei einigen Küstenforschern stand zuletzt die Beschäftigung mit „abandoned ships“ an: Schiffe, die infolge von Reedereipleiten während der Wirtschaftskrise zum „Aufliegen“ kamen (zwangsweise stilllegen), und deren Rumpfbesatzungen meist auf humanitäre Hilfsorganisatoren angewiesen waren bzw. auf Seemannsmissionen. Die in Kiel eröffnete 2009 bereits eine Anlaufstelle für „gestrandete“ Seeleute: „Baltic Poller“ genannt. Im Golf von Mexiko wurden 2010 hunderte von „abandoned ships“ einfach versenkt. Zwei lettische Schiffe, die in Irland bzw. Holland „strandeten“, erwarben die Finanziers der ersten „Gaza-Flotte“.  Ob mit oder ohne Besatzung ist nicht bekannt. Zu den Küsten-„Thinktanks“ gehört ferner das „Helmholtz-Zentrum Geesthacht –  Institute for Coastal Research“. Von dort kam zuletzt eine Studie des texanischen Küstenforschers Werner Krauss – in der es um die „Dingpolitik of Wind Energy in Northern German Landscapes“ geht. In der neuen Fassung hat seine „Ethnographic Case Study“ den Titel: „Wind Turbines and Landscape“. In Emden z.B. entstand in den leeren Hallen  der Nordseewerft eine Fabrik für Windkraftanlagen. Bis hoch zur Dänischen Grenze reichen inzwischen die Firmengründungen in dieser dank Fukushima derzeit boomenden Branche. Es scheint, als würden die Friesen erneut – wie schon zu Zeiten der Segelschifffahrt – den Wind optimal zu nutzen verstehen.

„Mit einer seltsam sturen Leidenschaft versucht dieses stets entlang der Nordseeküste und auf den Inseln bzw. Halligen siedelnde Volk allen Stürmen von See (aber auch allen Heeren von Land) die Stirn zu bieten. Inzwischen hat ihr „Projekt „- über die Jahrhunderte hinweg – „etwas absolut Extravagantes“ im Sinne einer „poetischen Erfindung“, eines „Unternehmens von großer tragischer Thematik bekommen“, wie der italienische Schriftsteller Giorgio Manganelli im „Corriere della sera“ schrieb. Er meinte damit die friesische Deichbaukunst zur Landgewinnung. Damit ist es jedoch vorbei: inzwischen wird sogar das bereits gewonnene Kulturland wieder renaturalisiert, um Nationalparks zu schaffen bzw. zu erweitern, deren Flora und Fauna nun den Tourismus ankurbeln, der an der Küste bald die Viehzucht ersetzt. Und dann gibt es da noch die „Küstenschutzdenker“ – Nachfolger des Deichgrafen Hauke Haien aus dem Stormschen Sturmflut-Drama „Schimmelreiter“: Sie nahmen die einst genossenschaftlich errichteten Deiche in staatliche Pflege – die Friesen sollen dafür aber nun eine „Deichsteuer“ zahlen. Auch das ist irgendwie „tragisch“.

 

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2012/02/09/nordfriesland/

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kommentare

  • Zu den beiden Blogbeiträgen zu Nordfriesland aus den Jahren 2009 und 2012 möchte ich zwei Sachen richtigstellen und dazu etwas ergänzen.
    Vorerst aber ein großes Kompliment für die weitverzweigte Nordfriesland-Sicht, die meinen Erfahrungen und mein Wissen nur bestätigen. Unterhaltungswert hat es ja schon, wenn Friesen beschrieben werden, wenn auch – ich als hier Aufgewachsener – so manches so auch nicht stimmt, aber doch gut klingt.
    Richtigzustellen ist z. B. bei Detlev Buck, daß er nun mal kein Dithmarscher ist, sondern Stormarner Bauernsohn. Und die Nordischen Filmtage finden auch nicht in Husum, sondern in Lübeck statt. Ansonsten ist aber die Einschätzung der Husumer Filmtage (bin auch ein regelmäßiger Besucher) gut gelungen.
    Über Klaus Theweleit ist folgendes zu bemerken: Haben Sie ihn schon mal live erlebt und auf seine Aussprache geachtet? Es ist dann auch nicht schwer zu erraten, aus welcher Ecke er kommt und warum er die Sturm- und Dämme-Metapher gewählt hat. Er ist in seiner Jugend in Ostenfeld bei Husum und in Bredstedt aufgewachsen. Sein Vater war Eisenbahner. Aufs Husumer Gymnasium ist er auch gegangen, bevor er mit seinen Eltern nach Glückstadt zog. In seinem umfangreichen Werk ist auch seine ganze Biographie verstreut.
    interessant fand ich, besonders im zweiten Artikel, auch die Rungholt-Frage. Ich hatte mir seine beiden Wälzer von Duerr angeschafft und auch gelesen. Nur den letzten Teil der Fußnoten des Argonauten-Buches muß ich noch lesen. Interessant, daß er seine These im Rungholt-Buch , die Kreter in der Vorzeit hätten hier Handel getrieben, widerrufen hat und nun meint, sie hätten nur geopfert und ihre Schätze im damaligen Moorboden versenkt. So genau hat er es nicht geschrieben, aber warum sollten die mythischen Argonauten damals ausgerechnet nach Nordfriesland gekommen sein, zumal Duerr auch kein Anhänger der Helgoländer Atlantis-Theorie eines Jürgen Spanuths ist.
    Auf der anderen Seite bietet das Buch aber eine interessante Auffassung über die griechische Mythologie und der damaligen geschichtlichen Wirklichkeit. Ich bin aber trotzdem enttäuscht. Denn es enthält nichts Wesentliches über die eigentliche Argonauten-Sage.
    Ich finde es auch gut, daß sich Carnap-Bornheim aus dem Rungholt-Streit heraushält (siehe meinen von Ihnen zitierten Artikel auf WestküsteNet). Durch die neue Leitung im Archäologischen Landesamt hat sich das Klima um die Wattenforschung etwas verbessert. Leider fehlt es dort an Wissenschaftlern und vor allem an Geldmitteln, um eine intensivere Rungholt-Forschung zu installieren.
    Es gäbe sicherlich mehr anzumerken, ich wünsche auf jedenfall im Juli einen ereignisreichen Aufenthaltin Husum und wünsche, daß Sie weiterhin mit toller Entdeckerfreude sich der nordfriesischen Landschaft und den damit verbundenen Problemen annehmen. Mir war etwa 90 Prozent der angeschnitten Sachverhalte bekannt, aber es gab doch eine Menge, was ich noch nicht wußte.

    (Die Nordischen Filmtage fanden zunächst in Husum statt – H.H.)

  • Wenn für Hans Peter Duerr die Argonauten bis nach Nordfriesland kamen, dann gelangte Odysseus für Iman Wilkens bis nach Westfriesland.

    „Einen Ausgangspunkt für Wilkens‘ geographische Neudeutung der Epen Homers bildet die auch in älterer Literatur schon zuweilen geäußerte Ansicht, dass einige der von Homer genannten geographischen und klimatischen Gegebenheiten (flussreiche Landschaft, kaltes, nebliges und stürmisches Meer, nach einer Deutung Strabons von Ilias H 422 auch Gezeiten) nicht gut mit dem Hellespont und Mittelmeerraum zusammenstimmten, sondern eher auf nordatlantische Verhältnisse hinwiesen. Auch den archaisch-heroischen Charakter der in Schiffen zu Krieg und Plünderung ausfahrenden Helden Homers empfindet Wilkens als untypisch für griechische Kultur und charakteristisch eher für nordische Völker, die er hierbei nach populären Vorstellungen von mittelalterlichen Wikingern auch schon für das Altertum modelliert.“ (Wikipedia – Eintrag: Where Troy Once Stood)

    Was Wilkens von Duerr unterscheidet: Dieser traut den Mittelmeerkulturen alle nautischen Abenteuer zu und jener den Nordseeanrainern, die dann auch noch gleich einen Homer hervorgebracht haben.

  • Das Fischmagazin meldet:

    Schleswig-Holsteins Muschelfischer dürfen zukünftig keine Saatmuscheln für ihre Miesmuschelbänke im nordfriesischen Wattenmeer importieren. Mit dieser Entscheidung reagierte das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Schleswig auf eine Klage des Naturschutzverbandes Schutzstation Wattenmeer, meldet die Umweltorganisation WWF. Hintergrund des OVG-Urteils ist der vor einigen Jahren begonnene Import von Besatzmuscheln insbesondere aus Großbritannien und Irland, um den fehlenden Miesmuschelnachwuchs vor der schleswig-holsteinischen Westküste auszugleichen. Umweltschützer befürchten, dass durch den Import auch fremde Arten, die an ihnen haften oder als Parasiten in ihnen leben, eingeführt werden. „Auch die eingeführten Miesmuscheln selber sind nicht identisch mit den wilden Miesmuscheln im Wattenmeer, sondern an andere Standorte angepasst“, schreibt der WWF. Die Importgenehmigung sei lediglich nach Fischereireicht erfolgt, ohne zu berücksichtigen, dass das Nationalparkgesetz das Aussetzen standortfremder Tiere verbiete. Peter Ewaldsen, Vorsitzender der schleswig-holsteinischen Erzeugergemeinschaft der Muschelfischer, befürchtet, dass bei Verzicht auf die Importsaat die Ernten schon in zwei Jahren ausfallen könnten. „Ohne Saat kann keine Ernte gemacht werden“, zitiert der NDR den Muschelfischer. Das Kieler Umweltministerium will das Urteil erst kommentieren, wenn die noch ausstehende Urteilsbegründung vorliege. (bm)

    Der für Küstenkultur zuständige Mare-Verlag meldet: Fische retten:

    So heißt ein von Annelies Verbeke erschienener und im Mare-Verlag erschienener Roman. Im Klappentext heißt es dazu:

    Seit sie von ihrer großen Liebe Thomas verlassen wurde, hat für die Schriftstellerin Monique Champagne das Schreiben seinen Sinn verloren. Um der inneren Leere zu entkommen, stürzt sie sich mit Leidenschaft in eine neue Herausforderung: den Kampf gegen die Überfischung. Ihr glühendes Plädoyer zum Thema in einer Zeitung bleibt nicht unbeachtet. Sie erhält die Einladung, Fischkongresse in ganz Europa durch poetische Beiträge aufzulockern, und bricht auf zu einer Reise, die sie nach Tallinn, Lissabon, Athen, Istanbul und an die Ufer von acht Meeren führt – bevor sie am Ende auf sich selbst zurückgeworfen wird und sich der Frage stellen muss: Wie lange kann man sich hinter Lachs und Thunfisch verstecken?

    Auf der Internetseite Powision“ des Leipziger Instituts für Politikwissenschaft wird Bruno Latour interviewt, in dem es u.a. ebenfalls um Thunfisch geht:

    Powision: Läuft Ihr „Parlament der Dinge” nicht auf eine Gleichsetzung der Interessen menschlicher und nicht-menschlicher Wesen hinaus?

    Bruno Latour: Man hat mich schon 1989 auf diese Weise kritisiert, als mein Buch über die Modernen herauskam. Doch mittlerweile ist es doch eine Selbstverständlichkeit.Nehmen Sie den roten Thunfisch, ein nicht-menschliches Wesen. Wenn die Nachfrage der Japaner nach rotem Thunfisch nicht massiv zurückgeht, wird es bald keinen roten Thunfisch mehr geben. Es gibt ganze Organisationen, die sich mit dem roten Thunfisch auseinandersetzen, das heißt, sie interessieren sich dezidiert für das Interesse des roten Thunfischs. Folglich ist es eine Selbstverständlichkeit zu sagen: Man nimmt die Interessen der Japaner für ihr Sushi und die Interessen des roten Thunfischs für ihr eigenes Überleben, setzt sie in Relation und handelt die Interessen jeweils aus. Das Gegenargument übrigens lautet dann oft: Ich interessiere mich lediglich aus egoistischen, anthropozentrischen Gründen für den roten Thunfisch, was natürlich Quatsch ist. Ich kann sehr gut in einer Welt ohne roten Thunfisch leben. Weiterhin gibt es die Umweltschützer und Statistiker, die das drohende Aussterben des roten Thunfisches beschwören. Auch das Interesse der Sushi-Produzenten und der Fischer hängt vom Thunfisch ab. Eine ganze Reihe von Akteuren ist offensichtlich mit dem roten Thunfisch vernetzt, und das Interesse des letzteren ist dabei genauso legitim wie das der Menschen, die ja wiederum differenziert werden müssen in Japaner, Mittelmeeranrainer, große und kleine Fischereibetriebe etc. Also konstruiert man ein Parlament der Dinge, einen Ort, an dem die Repräsentanten der jeweiligen Dinge, der nicht-menschlichen Wesen, die Interessen mit denen der menschlichen Akteure aushandeln. Und wenn Sie darauf erwidern, dass der Thunfisch in der Diskussion gar nicht auftaucht, sein Interesse also gar keine Rolle spielt, dann stimmt das nicht. Er ist in verschiedener Gestalt anwesend, in Statistiken, in den Diskursen der Fischer etc. Das Parlament der Dinge ist zuallererst ein theoretisches Konzept, um sich diese Dinge klar zu machen, obwohl ich auch versucht habe, den französischen Senat umzuwandeln. Der Senat hier dient absolut niemandem. Ich wollte ihn in ein Parlament der Dinge transformieren,was leider nicht geklappt hat. Auch an der Sciences Po machen wir letztlich nichts anderes: Wir bringen den Studenten bei, ein Parlament der Dinge zu konstruieren, sozusagen Mikroparlamente für jeweils verschiedene Gegenstände.

    Powision: Die Kritik ist durchaus noch aktuell. Warum sollte man die Interessen von Dingen berücksichtigen, die dem Menschen gar nicht dienlich sind? Sollten die Dinge nicht vielmehr bloße Mittel, überspitzt: Sklaven des menschlichen Interesses sein? Warum diese Empathie für die nicht-menschlichen Wesen?

    Bruno Latour: Das ist eine verbissen modernistische Attitüde. Natürlich, wenn Sie die Dinge im Sinne des naturalistischen Objektivismus eines John Locke des 17. Jahrhunderts verstehen, ist mein Argument absurd, akzeptiert. Aber es ist gerade das Locke’sche Argument, das absurd ist. Denn die Dinge, die nicht-menschlichen Wesen, waren niemals Objekte im Lockeschen Sinne, weder für Politiker oder Industrielle, noch für Künstler oder Handwerker. Sie waren niemals Sklaven der menschlichen Subjektivität. Das ist die Phantasmagorie des Kantianismus. Kein Mensch hat jemals auf diese Weise gelebt. Selbst Ihr Hut ist kein Sklave ihrer Subjektivität.

    Powision: Er ist ein Element meines Kleidungsstils…

    Bruno Latour: …ein Element Ihres Stils, aber kein Sklave.

    Powision: Ich bin derjenige, der Entscheidung über ihn treffen kann, und er dient meinem Interesse.

    Bruno Latour: Aber was ist Ihr Interesse? Sehen Sie, das Problem ist doch die modernistische Teilung in Subjekte und Objekte. Das setzt voraus, dass man weiß, was ein Subjekt ist. Ein Subjekt mit einem Hut ist nicht das gleiche Subjekt ohne Hut. Folglich ist der Hut ein Akteur, ein Aktant. Man nimmt mein Argument und stellt fest: Aus Sicht der Objekte ist es bizarr, aus Sicht der Subjekte plausibel. Die Grenzziehung ist albern. Ohne Objekte wird es auch keine Subjekte mehr geben. Das ist die Konstruktion der Phantasmagorie von Kant. Eine Frage: Sind Sie die gleiche Person ohne Hut wie mit?

    Andere Frage: Ist die Menschheit ohne roten Thunfisch die gleiche Menschheit wie mit? Wenn die globale Temperatur weiter steigen wird, das Ozonloch sich vergrößert, die Ölquellen versiegen werden, wird die Menschheit selbstverständlich eine andere sein als heute. In diesem ganzen Zusammenhang ist es die Frage, die bizarr ist. Die Leute sagen: Latour hat ein Buch mit dem Titel „Parlament der Dinge” geschrieben, das sehr bizarr ist, weil die Objekte darin nicht die Rolle von Sklaven spielen. Die einzige Rolle, die sie sich für die Dinge vorstellen können, ist die des Objekts. Doch das Objekt ist nichts anderes als eine Rolle, ein gegebener Stil, der in einer bestimmten Epoche erfunden wurde.

    Die ökologische Krise ist eine Möglichkeit, die Absurdität dieser Trennung ins Bewusstsein zu rücken. Plötzlich erkennt man, dass die Überfischung den roten Thunfisch bedroht, dass der Konsum chemischer Produkte das Ozonloch vergrößert und dass das alles Auswirkungen auf die Menschheit haben wird, dass also nicht-menschliche Akteure die Menschen zu Handlungen veranlassen und dass sich deren Subjektivität ändern wird.

    Powision: Anderes Beispiel: Sind die Interessen der Grenzzäune und Patrouillenboote der Festung Europa genauso legitim wie die der afrikanischen Flüchtlinge, die an Europas Küsten gespült werden?

    Bruno Latour: Mein Argument der Naturpolitik macht die Politik nicht einfacher, und zur Migration habe ich auch nichts Interessantes zu sagen. Sie können aber die Politik auch nicht vereinfachen, indem Sie sagen: Wir kümmern uns nur um die afrikanischen Menschen, den roten Thunfisch lassen wir aber außen vor. Die Integration der nicht-menschlichen Wesen wird es zwar nicht schwieriger machen, zumindest aber den Themenkomplex erweitern, der berücksichtigt werden muss. Es gibt also nicht nur die Afrikaner, sondern auch den roten Thunfisch. Wenn ich nun die Dinge so lege, wird mir vorgeworfen, ich würde die Afrikaner objektivieren. Aber das stimmt nicht, beide sind im Interesse verschiedener Akteure. Es gibt überdies noch viele weitere Themen, die Liste der Wesen, die man berücksichtigen muss, ist nicht abgeschlossen. Und sie muss immer wieder neu verhandelt werden. Das übrigens ist meiner Meinung nach die primäre Aufgabe der Politik in der Naturpolitik. Es gibt die Afrikaner, es gibt das Ozonloch, es gibt den roten Thunfisch, die alle als potentielle Kandidaten dieser Liste infrage kommen, die kollektive Angelegenheiten verhandelt. Nichts von all’ dem könnte gelöst werden, wenn man bequem sagen würde: Wir kümmern uns weder um das Ozonloch, noch um den roten Thunfisch, sondern nur um die Afrikaner. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Warum wollen denn überhaupt die Afrikaner nach Europa? Auch weil ihr eigenes Öko-System, ihre eigene anthropogene Konstruktion zerstört oder massiv verändert wurde. Der Anteil der Subjektivität in der Frage der Migration der Afrikaner ist nicht klar destillierbar. Es gibt eine ganze Reihe andere Wesen die mit den Afrikanern aus den jeweiligen Dörfern, Kulturen und Öko-Systemen verbunden sind.

    Ich verstehe die Kritik, es ist aber ein moralisches Argument, was im politischen Raum schon mal grundsätzlich eine komplizierte Angelegenheit ist. Abgesehen davon halte ich sie für eine deutsche Eigentümlichkeit. Für die Deutschen gibt es vier, fünf Basiskonzepte, die man – aufgrund der deutschen Vergangenheit – aufrechterhalten muss. Eingedenk des Nationalsozialismus, achten sie stets auf die „political correctness” und trennen sauber zwischen den Subjekten und Objekten.

    Powision: Eine moralische Frage ist in diesem Zusammenhang keineswegs unangebracht…

    Bruno Latour: Natürlich nicht. Aber es gibt moralische Fragen ganz anderer Art, die ich für interessanter halte. Die Frage ist, wo Sie die Moral ansiedeln. Ich persönlich interessiere mich für die ökologische Moral und dafür, die Moral in der Politik neu zu definieren. Den Moralismus jedoch, der die Subjekte von den Objekten trennt, halte ich für uninteressant.

    Die Moral ist zweifellos eine große Frage, es ist die Frage nach den Zwecken und Mitteln. Mein konkretes Thema ist die Frage, wie die Moral vom Modernismus und seiner moralistischen Trennung der Subjekte und Objekte verdorben wurde. Übrigens sind Sie auch nicht sehr moralisch, wenn Sie die Dinge als bloße Sklaven der Menschen betrachten, wenn Sie Ihren Hut als Mittel, ein simples Mittel betrachten und nicht als einen Zweck. Sie beschuldigen mich vielleicht der Immoralität, weil ich die menschlichen von den nicht-menschlichen Wesen nicht trenne. Doch wenn ich Sie gegenanalysiere, komme ich nicht umhin Ihren Begriff des Sklaven, mit dem Sie die Beziehungen zu den Dingen beschreiben wollen, als ziemlich merkwürdig und unmoralisch zu bezeichnen.

    Powision: Herr Latour, wir danken Ihnen für das Gespräch.

    Das Gespräch führte Daniel Mützel

    Originalzitation: Latour, Bruno (2009): Kann die Menschheit ohne Thunfisch noch dieselbe sein? – Ein Gespräch. In: Powision, Jg. 4, H.1, S.69-73

  • „Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
    Auf freiem Land mit freiem Volk zu stehn.
    Zum Augebnlicke dürft ich sagen
    ‚Veweile doch, Du bist so schön.'“
    (JWvG)

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