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vonHelmut Höge 26.02.2012

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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U-Poller. Photo: Peter Loyd Grosse

 

Im Kino Babylon Mitte wurde der Film einer jungen deutschen Regisseurin über den Kampf der libyschen Rebellen von Benghasi bis Tripoli gezeigt „Win or Die“ – im Beisein von etwa 80 Libyern, von denen nicht wenige im Rollstuhl saßen bzw. auf Krücken liefen, was sie als Veteranen des libyschen Volksaufstandes erkennbar machte. Und im Mehringhof fand gerade eine Veranstaltung einer Kölner „Projektgruppe“ namens „Horreya“ über den ägyptischen Aufstand statt: „Horreya – The Revolution has just begun“ (Bericht folgt).  Dazu hatte man vier Aktivisten vom Tahrirplatz eingeladen:  Drei Ägypter aus verschiedenen sozialen Schichten Kairos und eine Deutsche, die drei Jahre in der Stadt gelebt hatte. Die Diskussionsveranstaltung findet am Dienstag, den 28.2. in Bremen und dann am 1.3. in Köln ihre Fortsetzung. Die Veranstalter, deren Diskussionstour  vom Jugendclub Courage Köln unterstützt wird, hoffen damit, „dass Feuer der Revolution auch ein bißchen in dieses Land zu tragen“. Horreya ist nebenbeibemerkt das arabische Wort für „Freiheit“, in Alexandria gibt es z.B. Lycée Al-Horreya, womit wahrscheinlich so viel wie Freiheit durch Bildung gemeint ist.

Es finden derzeit viele solche Veranstaltungen/Versuche statt. Hinzu kommen noch jede Menge mit ganz anderen „issues“ befaßte „Meetings“, „Workshops“, Filmvorführungen mit anschließender Diskussion, etc., die auf Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen (inklusive der Natur) abzielen, wenn auch vorerst zumeist noch einen nach dem anderen. Selbst das Wissenschaftsmagazin „Max-Planck-Forschung“ scheint vom allgemeinen Drang zum Wandel infiziert worden zu sein: Das neue Heft beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit „Symbiosen“. Aber auch die Akademie der Künste läßt sich nicht lumpen:

„Kunst und Revolte“ heißt die Märzrevolution bzw. das Märzprogramm. Angeboten werden 13 Veranstaltungen zum Thema: „Revolte und Umbruch in Nordafrika“ – das geht bis hin zu einer Einführung in die „Tunesische Dramatik“ und „Elektronischen Experimenten“ (natürlich aus Kairo). Das spanische Kulturinstitut „Cervantes“ zeigt, als Mitveranstalter dieses  Arabische-„Revolte“-Programms, eine „arabische Frauenfilmreihe“  – sie beginnt am Mittwoch, den 29.2. und endet am Samstag, den 3.3. mit dem Film: „Weder Allah noch Meister“ von Nadia El Fani aus Tunesien.

Während die in Damaskus akkreditierte Junge-Welt-Nahost-Korrespondentin Karin Leukefeld sich lang und breit über das von Assad vorgelegte „Referendum“, über das heute in Syrien abgestimmt werden soll, ausläßt, heißt es in der taz kurz und knapp:

„Zwischen Tod und Trümmern lässt Präsident Assad über eine neue Verfassung abstimmen. Eine Farce, sagt die Opposition. Sie will keine andere Verfassung, sie will einen anderen Präsidenten. Syrien hat gerade andere Sorgen als seine Verfassung: Das Land versinkt immer tiefer in bürgerkriegsähnlichen Zuständen. “

Versinkt ein Land wirklich, wenn der Bürgerkrieg sich vertieft und ausweitet? Die Zeitschrift „konkret“ denkt weniger staatstragend als die taz, aber ähnlich makropolitisch wie die Junge Welt, wenn auch weniger in Blöcken – antiimperialistischer Art, sie sieht bereits „Neue Muster“ in Arabien – dadurch dass überall Muslimbruderschaften an die Macht kommen, die bereits heftig von den USA und Deutschland  (Westerwelle) umworben werden. Die Aufständischen vom „Tahrir-Platz“ (Tahir heißt Befreiung auf Arabisch) stören da bald nur. Des weiteren findet sich in der neuen „konkret“ noch eine Rezension des ägyptischen Films „Kairo 678“ (2010), in dem es um drei Kairoerinnen geht, die ständig von Männern bedrängt und bedroht werden. Der Regisseur Mohamed Diab zeichnete in kitschiger Weise „das Bild eines brutalisierten Landes“.

Aktuell äußern sich in der taz von heute zwei ägyptische Journalistinnen „über ihre Erlebnisse während der Revolution, über Zensur und neue Gefahren, über die Muslimbrüder und Vorurteile von Kollegen aus dem Westen“:

„Heute machen wir alle Kampftraining“

taz: Sie beide arbeiten für die staatsunabhängige Tageszeitung Al-Masry Al-Youm (Independent Egypt) und haben von Anfang an über die Revolution berichtet. War es schwierig, den Job als Revolutionsreporterin zu kriegen? War die Konkurrenz im eigenen Haus groß?

Shaimaa Adel: Nein. (lacht) Es war ja gefährlich. Außerdem wollte die Zeitung keine Frauen auf der Straße haben. Der Chefredakteur hat sogar allen Kolleginnen geraten, auch aus dem Newsroom, nach Hause zu gehen. Ich bin auf eigenes Risiko raus. Während der ersten Tage der Revolution waren die Handys abgeschaltet. Es war also schwierig für unsere Chefs, die Reporter zu kontrollieren. Sie konnten ja nicht mit uns sprechen. Das habe ich ausgenutzt.

Nora Younis: Bei der Onlineabteilung, die ich bei Al-Masry Al-Youm leite, habe ich niemanden nach Hause geschickt. Mein ganzes Team hat die ganze Zeit gearbeitet und war mit Videokameras draußen. Aber Print ist konservativer. Online ist der Motor für Veränderung.

War Ihre Zeitung insgesamt für die Revolution?

Younis: Nein. Die Älteren sind bis heute eher skeptisch, die Jüngeren in der Regel dafür. Online ist jung, bei uns sind alle für die Demokratie.

Wie sieht es mit Zensur im Haus aus? Gab es Tabus?

Adel: Erstaunlicherweise gab es keine Einschränkungen. Nachdem ich erst mal draußen auf der Straße war, konnte ich machen, was ich wollte – und alles wurde gedruckt.

Sind Sie selbst verletzt worden?

Adel: Nein. Auf dem Tahrirplatz war es immer ein bisschen sicherer als anderswo. Hier war man ja durch die Gemeinschaft geschützt.

Younis: Das Militär hat versucht, gezielt gegen Frauen vorzugehen. Es wollte uns spalten, wollte, dass wir Frauen nach Hause gehen und dann auch unsere Männer und Brüder heimholen. Wir mussten uns entscheiden: Lassen wir uns zu Frauen machen und entscheiden uns gegen die Revolution? Oder vergessen wir, dass wir Frauen sind, und kämpfen. Ich hab mich von da an nicht mehr als Frau gesehen.

Wie geht das?

Younis: Verdrängung. Manche Demonstrantinnen haben sich besonders viele Schichten angezogen, um sich besser gegen sexuelle Übergriffe seitens der Militärs zu schützen. Ich nicht. Ich habe über meine Verletzlichkeit einfach nicht mehr nachgedacht. Auch nicht mehr über meine Angst. Es zählte nur, dass wir um jeden Quadratzentimeter auf der Straße kämpfen und das Militär zurückdrängen und so viel wie möglich berichten. Wir sind jetzt alle reif für die Therapie, die es in Ägypten aber leider nicht gibt. (lacht) Wir hätten aber auch gar keine Zeit dafür.

Wie gehen Straßenkampf und Journalismus zusammen?

Younis: Wenn man angegriffen wird, verschwimmen die Grenzen zwischen Aktivistendasein und Beobachterrolle. Wir haben immer wieder versucht, Distanz zu wahren. Aber es gab auch Momente, wo wir einfach nur aufseiten der Revolution standen.

Ihr Sohn war zu Beginn der Revolution gerade zehn Monate alt.

Younis: Ja, mein Mann ist Aktivist, war also auch auf der Straße, und unser Kind blieb bei meiner Mutter. Ich habe versucht, jeden Abend nach Hause zu kommen. Aber einmal hatten sie den Tahrirplatz so eingekesselt, dass ich 48 Stunden nicht wegkam. Das war die schwierigste Zeit meines Lebens.

Wie ist die Situation als Reporterin heute?

Younis: Wir können heute viel mehr veröffentlichen als vor der Revolution. Beziehungsweise wir tun es einfach. Gerade online. Wir berichten über alles, so wie es passiert. Früher mussten wir um eine Genehmigung ersuchen, wenn wir das Militär nur erwähnen wollten. Um solche Regeln kümmern wir uns nicht mehr. Ich weiß gar nicht, ob sie noch existieren. Egal. Wenn wir später unter Druck geraten, wollen wir wenigstens das Maximale geschrieben haben. Aber der Druck ist enorm.

Adel: Und die physische Bedrohung ist viel größer, für das Militär sind wir erst jetzt zu Zielscheiben geworden. Vor einem Jahr waren wir Teil der Menge, genauso gefährdet wie alle anderen. Jetzt hat das Regime begriffen, dass ihm Journalisten gefährlich werden können – und geht bewusst brutal gegen uns vor.

Wie gehen Sie mit der neuen Gefahr um?

Younis: Wann immer es eine kleine Pause gibt, trainieren wir unsere Crew. Während der Revolution wurde auf einen unserer Reporter geschossen, er hat sein rechtes Auge verloren. Wir waren damals auf die Gewalt total unvorbereitet. Heute machen wir alle Kampftraining und informieren unsere Leute übers Handy, welche Waffen gerade benutzt werden, damit sie sich schützen können.

Wie sieht das konkret aus?

Younis: Wir bekommen die Nachricht, dass eine Militäreinheit an einem bestimmten Platz mit Pistolen schießt. Also rufen wir unsere Leute an, und die wissen dann, dass sie nur auf 60 Meter rankönnen, damit die Kugeln sie nicht treffen. An einer anderen Stelle wird Tränengas eingesetzt, also informieren wir die Kollegen, damit sie rechtzeitig ihre Masken aufsetzen können. Und so weiter.

Aufhören ist keine Option?

Adel: Nein. Wenn wir jetzt klein beigeben, verlieren wir alles. Ich habe keine Ahnung, was in sechs Monaten sein wird. Aber wenn das Militär gewinnt, ist die Pressefreiheit tot.

Younis: Und wir sind wahrscheinlich im Gefängnis.

Die Muslimbrüder sind auch nicht gerade für ihre Liebe zur Pressefreiheit bekannt.

Adel: Auch sie wollen die Demokratie.

Younis: Das glaube ich nicht. Die Basis der Muslimbrüder hat mit Demokratie überhaupt nichts am Hut, nur die Führungsriege ist politisch aufgeklärt und geschult. Mir machen auch die Islamisten ziemliche Sorgen. Übrigens nicht so sehr wegen der Frauenfrage. Die beschäftigt den Westen ja mehr als uns. Sondern wegen der wirtschaftlichen Agenda. Die Hauptfrage in Ägypten ist Butter und Brot, Benzin, wie kann ich überleben? Aber das interessiert die Brüder überhaupt nicht. Alles wird davon abhängen, ob wir Liberalen den Druck aufrechterhalten können.

Werden Sie es schaffen?

Younis: Wir müssen. Aber wenn es noch länger als ein Jahr dauert, haben wir ein Problem.

Wie hat sich die Leserschaft von Al-Masry Al-Youm verändert?

Younis: Online hat sich unsere Leserschaft verdoppelt. Wir haben vor allem arabische Leser gewonnen. Als die Revolution begann, hatten wir rund 100.000 User pro Tag. Jetzt sind wir im Durchschnitt bei mehr als 200.000. An besonderen Tagen kamen wir sogar auf 400.000. Für Print haben wir keine Zahlen. Aber es heißt, dass rund 30 Prozent der jüngeren ägyptischen Zeitungsleser Al-Masry Al-Youm lesen und sich generell etwa vier Leute eine Printzeitung teilen. Wir können uns über Mangel an Interesse wirklich nicht beschweren.

Wie steht Ihre Zeitung heute finanziell da?

Younis: Genauso wie vor der Revolution. Aufgrund unserer hohen Auflagen haben wir noch relativ viele Anzeigen, auch wenn der Anzeigenmarkt insgesamt eingebrochen ist. Aber wir konnten den Rückgang mit dem Leserzuwachs ausgleichen. Unsere Shareholder sind auch noch da. Mal sehen, wie lange es uns noch gut gehen wird.

Ihre Gehälter sind gut?

Adel: Ja, wir werden überdurchschnittlich gut bezahlt. Ich lebe noch bei meinen Eltern, aber bin finanziell unabhängig. Wir kriegen Gefahrenzulagen und Boni, wenn wir besonders gute Geschichten liefern. Finanziell können wir uns nicht beschweren.

Younis: Nein, überhaupt nicht.

Was ist die nervigste Frage, die westliche Journalisten Ihnen bislang gestellt haben?

Adel: Mich stören weniger einzelne Fragen als die Haltung mir gegenüber. Ein Kollege von der Washington Post zum Beispiel, hat mir einfach nicht geglaubt, dass ich über Libyen, Palästina und eben auch über den Tahrirplatz berichtet habe.

Weil Sie so jung sind und ein Kopftuch tragen?

Adel: Weil er sich nicht vorstellen konnte, dass eine arabische Frau an die Front geht und dort ihren Job macht. Und er ist nur einer unter vielen.

Younis: Klar geht mir auch die Stereotypisierung von arabischen Frauen auf die Nerven. Aber noch anstrengender finde ich die ewige Frage nach der Sicherheit von Israel. Als ob ich dafür verantwortlich wäre, mit jedem Schritt, den ich in meinem Land tue, die Sicherheit von Israel zu garantieren. Israel ist wirklich nicht auf meiner Agenda. Es interessiert mich nicht. Ich habe ganz andere Probleme.

(Das Interview führte die Meinungsredakteurin Ines Kappert)

 

Als Pink-Poller verkleidetes Kind. Photo: Peter Loyd Grosse

 

Zu „Syrien“ läßt die taz heute einen in den USA lebenden Komponisten zu Wort kommen, den die US-Korrespondentin Dorothea Hahn interviewte. Er – Malek Jandali – gibt in April und Mai Konzerte in Österreich und Deutschland:

„Dieses Regime ist gegen Harmonien“

taz: Herr Jandali, letzten Juli haben Sie bei einer Protestdemonstration in Washington ein Klavierstück gespielt. Danach sind Ihre Eltern in Homs, Syrien überfallen und zusammengeschlagen worden. Wie geht es Ihren Eltern jetzt?

Malek Jandali: Gott sei Dank sind sie in Sicherheit. Nach der Attacke konnte ich sie in die USA holen. Sie leben jetzt bei mir in Atlanta. Psychologisch ist es schwierig, so aus dem Land und seiner Geschichte herausgerissen zu werden. Aber wir versuchen, es positiv zu wenden. Es stärkt unsere Entschlossenheit, gegen die Brutalität der Diktatur Stellung zu beziehen.

Wann waren Sie selbst zuletzt in Syrien?

Im März 2011. Damals habe ich in Damaskus die erste Protestdemonstration erlebt. Es war eine Mahnwache mit Kerzen zur Unterstützung des libyschen Volks, der libyschen Revolution. Ich konnte es damals kaum glauben. Es war auch der Anfang der friedlichen Revolution in Syrien.

Haben Sie im März 2011 erwartet, dass eine syrische Bewegung entstehen würde?

Ehrlich gesagt: Niemand hat damals mit der Tapferkeit der syrischen Jugendlichen gerechnet. Ihrem Mut, ihrer Entschlossenheit, ihrem Patriotismus. Dieses Regime hatte alles okkupiert, sogar den Familien- mit dem Landesnamen gleichgesetzt: „Syrien al-Assad“. Seit 40 Jahren. Wir glaubten, dass die meisten weiter den Diktator bewundern, statt ihr Land zu lieben.

Wie hat der Aufstand Ihre Arbeit als Musiker verändert?

Kunst ist auch ein Spiegel der Realität. Ohne die Suche nach Schönheit und Wahrheit kann es keine aussagekräftige Kunst geben. Durch meine Musik beschreibe und reflektiere ich teilweise auch die Ereignisse vor Ort. Die Revolution oder die Geschichte von Qashoush.

Der syrische Sänger, der die Hymne der Protestbewegung komponiert hat und im Juli in Hama ermordet wurde.

Ich habe versucht, mit Musik und Kinematografie die Geschichte dieses syrischen Künstlers zu erzählen. Er hat gegen die Diktatur angesungen. Die Qashoush-Symphony steht seit 10. Februar im Web und wurde schon 90.000-mal angeklickt. (www.youtube.com/watch?v= ax5ck0fzyaU)

Glaubten Sie, als klassischer Musiker und Komponist immer auch schon ein politischer Künstler zu sein?

Ich bin ein humanistisch geprägter Künstler aus Syrien.

Was meinen Sie damit genau?

Ich war nie unmittelbar in Politik involviert. Meine Musik versteht sich als Brückenbau zwischen Kulturen. In meinem ersten Album – „Echos from Ugarit“ – habe ich die älteste Partitur der Welt vorgestellt. Vor 3.000 Jahren haben syrische Künstler das „Alphabet von Ugarit“ erfunden. Ugarit war eine Stadt mit echter Kunst, Amphitheatern, Opernhäusern und Konzertsälen. Aber wenn eine Diktatur die Gedanken und Gefühle kontrolliert, gibt es keine richtige Kunst. Das Regime versucht die Kunst zu instrumentalisieren.

Was ist unter den Assads kulturell in Syrien passiert?

Nennen Sie mir einen glaubwürdigen syrischen Komponisten in der modernen Geschichte. Gibt es nicht. Das Regime hat alles limitiert und alles kontrolliert: Musik, Film, Malerei. Dieses Regime produziert Hass, Spaltung und Analphabetismus. All das ergibt Ignoranz. Dieses Regime ist gegen Harmonien: Die Individuen sind gezwungen, den Ton der Brutalität zu spielen, der der Diktatur gefällt. Aber das syrische Volk war eine wunderbare Symphonie und wird es wieder werden. Mit verschiedenen Tönen und Farben. Wir erleben eine Kulturrevolution in der syrischen Kunst, in Literatur, Meinungsfreiheit. Die syrische friedliche Revolution ist auch eine kulturelle und künstlerische. Es ist der Anfang einer neuen Ära in allen Bereichen, auch der Kunst.

Sie leben nun Tausende von Kilometern von Syrien entfernt. An wen richten Sie sich, an die internationale oder die syrische Öffentlichkeit?

Ich richte mich an keine bestimmte Nation oder Gruppe. Ich bin ein muslimischer Künstler aus Syrien, in Deutschland geboren und in Homs aufgewachsen. Ich war auf der katholischen Schule in Homs. Ich habe zehn Jahre lang Orgel in Homs gespielt. Ich habe meinen Hadsch nach Mekka gemacht. Und ich komponiere Musik in Atlanta. Meine Musik ist für die Menschheit, ob Syrer, Deutsche oder Amerikaner. Mein neues Album handelt von meiner Heimat Syrien und wirft ein Licht auf die Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es ist meine Pflicht, dies mit den Mitteln der Musik zu tun. Ich sende damit den Leuten in Syrien eine Botschaft von Liebe, Unterstützung und Einheit. Sage aber auch: Hey, es gibt mehr als die 20 Millionen Syrer innerhalb des Landes.

Werden Sie im Ausland bedroht?

Ich bekomme Morddrohungen per E-Mail, Telefon und Facebook. Es sind Botschaften von Hass und voll negativer Energie. Es heißt: Wir bringen dich um, du musst mit dieser Musik aufhören. Ich sei ein Verräter. Aber zum Glück lebe ich in einem freien Land und bin nicht wie meine Landsleute in Syrien mit Panzern aus Russland konfrontiert. Aber jedes Mal, wenn ich ein weiteres getötetes syrisches Kind sehe, wächst meine Entschlossenheit. Wenn ein freier Syrer aus Homs in die richtige Umgebung kommt, wie Steve Jobs Jandali – dessen leiblicher syrischer Vater Abdulfattah Jandali hieß -, kann er, wie wir gesehen haben, iMacs, iPhone und andere Computer erfinden.

Sind Sie mit Steve Jobs und seinem biologischen Vater verwandt?

Sein und mein Vater sind Cousins. Die Diktatur unterdrückt mit ihrer Gedankenkontrolle die künstlerische Kreativität. Aber wenn Individuen Syrien verlassen und in freien Ländern wie Deutschland und Frankreich und USA leben, können sie die Welt verändern. Wie eben Steve Jobs.

Was hat die internationale Gemeinschaft in Syrien falsch gemacht?

Ich bin kein Politiker. Aber, ich bitte die freie Welt, dem syrischen Volk beizustehen. Und nicht dem Regime, das sein eigenes Volk bombardiert. Stellen Sie Sich einmal vor, die Bundeswehr würde Frankfurt bombardieren und die Welt guckt einfach zu. Das ist inakzeptabel. Egal wo in der Welt. Egal welche Umstände. Egal welche Religion. Das hat mit Menschlichkeit zu tun. Es ist eine humanitäre Krise.

Welche Hilfe erwarten Sie von außen?

Stoppt das Blutvergießen, die Verbrechen. Wir wissen, dass Russland und China Vetos gegen jede UN-Resolution einlegen. Aber ich glaube nicht, dass das russische oder das chinesische Volk unterstützen, was das Regime tut. Die internationale Gemeinschaft muss Druck machen, um die Massaker zu stoppen.

Sie sprechen von friedlicher Revolution, aber die Opposition in Syrien kämpft auch bewaffnet.

In Daraa, Homs und Damaskus stehen Jugendliche, Kinder und Frauen mit nackten Händen vor Panzern. In diesem Sinn ist die Revolution friedlich. Und wir haben die „Freie Syrische Armee“, die diesen Namen zurückholt. Denn das, was heute syrische Armee genannt wird, sind Assads Gangster, die das syrische Volk angreifen. Es ist eine Gang, die eine Diktatur verteidigt. Das ist nicht die syrische Armee.

Al-Qaida ruft ebenfalls zur Unterstützung des Aufstands auf. Westliche Geheimdienste sprechen davon, dass Al-Qaida-Kräfte sich in Syrien unter die Opposition mischen.

Ich spreche als humanistisch gesinnter Musiker, bin kein Politiker. Das Problem ist: Wir haben eine Diktatur, die das eigene Volk killt. Da musst du dich entscheiden: Bist du mit den Killern oder den Opfern? Ich bin mit den Opfern. Das syrische Volk hat ein einfaches und nobles Anliegen, wie das deutsche, das amerikanische oder das französische: Freiheit. Aber wer in Syrien von Freiheit spricht, dem wird in den Kopf geschossen. Mit diesem Reden über al-Qaida versucht das Regime, das Thema zu wechseln. Doch das syrische Volk will eine echte syrische Revolution. Die Freiheit. Und dafür zahlt es einen hohen Preis. Mehr als 8.000 Syrer wurden schon umgebracht. Die Armee bombardiert Zivilisten! Doch am Ende wird die Freiheit stehen. Wir sind schon jetzt frei, weil wir uns trauen, das Regime im In- und Ausland öffentlich zu kritisieren. Die syrische Revolution hat die Mauer der Angst längst durchbrochen.

Bis zum März 2011 hätten Sie Assad nicht öffentlich kritisiert?

Nein, das hätte ich nicht gewagt. Das ist leider wahr. Das Regime unterhält Botschaften in Deutschland und in den USA, es sind Spionagezentren des Diktators. Ich selbst bin ein Beispiel dafür. Ich habe es selbst erlebt, als ich ein fünf Minuten langes Stück mit dem Titel „Ich bin mein Heimatland“ im Ausland gespielt habe. Syrien ist darin nicht einmal erwähnt. Aber das Wort: „frei“. Das hat das Regime nicht toleriert. Das war schon zu viel. Sie haben meine 64 Jahre alte Mutter und meinen 74-jährigen Vater in Syrien zusammengeschlagen. Dieses Regime schüchtert ein, kontrolliert, verfolgt, terrorisiert und tötet. Es ist eine terroristische Gruppe, bösartiger als alles, wovon die internationale Gemeinschaft spricht. Im Jahr 1982 hat dasselbe Regime bereits mehr als 40.000 Syrer in weniger als drei Wochen getötet. Die Assads haben mehr Syrer getötet als jeder angebliche und ausländische Feind.

Wann werden Sie nach Syrien zurückkehren?

Wenn das Regime fällt. Und das ist nur noch eine Frage der Zeit. Das syrische Volk ist schon frei und drückt seine Gedanken und Gefühle aus. Sobald Assad weg ist, werde ich nach Damaskus gehen, damit dort ein Orchester meine Qashoush-Symphonie zur Aufführung bringt.

 

 

AFP meldet heute aus Syrien:

Die syrische Armee hat am Sonntag nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten erneut zahlreiche Zivilisten getötet. Landesweit seien 16 Zivilisten bei Zusammenstößen mit der Armee und durch Bombardements getötet worden, teilte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Zudem seien zehn Soldaten bei den Kämpfen getötet worden.

Allein in der Protesthochburg Homs starben den Angaben zufolge im Viertel Hamidejeh neun Zivilisten und vier Soldaten. Bei Bombardierungen anderer Stadtviertel seien drei weitere Zivilisten getötet worden. Auch in der Provinz Aleppo, in den Städten Deir Essor und Hama sowie in den Provinzen Idleb und Daraa gab es Explosionen und Gefechte, bei denen weitere Zivilisten und Mitglieder der Regierungstruppen getötet wurden. Am Samstag waren den Menschenrechtsaktivisten zufolge 98 Menschen, darunter 72 Zivilisten, gestorben.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) beriet am Sonntag weiter mit den syrischen Behörden und Oppositionsgruppen über die Rettung Verletzter aus der seit drei Wochen unter Beschuss stehenden Stadt Homs. Die Gespräche waren am Samstag nach zwölf Stunden vertagt worden. Bislang konnten sieben Verletzte sowie 20 kranke Frauen und Kinder in Sicherheit gebracht werden. Zwei verletzte westliche Journalisten sowie die Leichen zweier am Mittwoch getöteter Kollegen konnten bislang nicht aus der Stadt herausgebracht werden.

Eine an den Gesprächen beteiligte westliche Journalistin sagte, Rettungswagen seien zwei Mal in den Stadtteil Baba Amr gefahren, aber beide Male von der oppositionellen Freien Syrischen Armee gestoppt worden. Die aus Deserteuren bestehende Armee habe die Evakuierungen mit dem Hinweis untersagt, neun zuvor in Sicherheit gebrachte Menschen seien anschließend von Regierungstruppen festgenommen worden. Das IKRK wies diese Angaben zurück.

In Syrienbegann am Sonntagmorgen ein umstrittenes Verfassungsreferendum, mit dem das Machtmonopol der seit fünf Jahrzehnten regierenden Baath-Partei beendet werden soll. Die Opposition kündigte einen Boykott der Abstimmung an. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) nannte das Referendum am Sonntag eine „Farce“. „Scheinabstimmungen können kein Beitrag zu einer Lösung der Krise sein“, erklärte Westerwelle. Staatschef Baschar al-Assad müsse die Gewalt beenden und den Weg für einen politischen Übergang freimachen.

In Deutschland kam es wieder zu Demonstrationen gegen das Acta-Abkommen, mit dem die Regierenden das Urheberrecht im Internet verschärfen wollen:

Zum zweiten Mal im Februar haben am Samstag europaweit Tausende gegen das Urheberrechtsabkommen Acta demonstriert. Allein in Hamburg gingen am Samstag 4.000 Menschen auf die Straße, weil sie Reglementierungen bis hin zu Netzsperren im Internet befürchten.

Auch in Wien und Belgrad protestierten Gegner des Abkommens zur Bekämpfung der Produktpiraterie. Bereits am 11. Februar hatten sich in Deutschland 100.000 und europaweit fast 200.000 Gegner des Abkommens an Protestaktionen beteiligt.

Der Aufstand gegen Acta hat bereits erste Erfolge gebracht. Deutschland hat das Abkommen gegen Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen vorerst nicht unterzeichnet. Zur Wochenmitte hatte die EU-Kommission angekündigt, das Abkommen vom Europäischen Gerichtshof überprüfen zu lassen.

„Wir waren überrascht, wie viele Leute wir noch einmal für den Protest mobilisieren konnten“, sagte eine Sprecherin des Bündnisses „Hamburg gegen Acta“. In Frankfurt am Main beteiligten sich nach Polizeiangaben etwa 1.500 Demonstranten an einem Protestmarsch durch die Innenstadt, in Kassel waren es 500. Rund 450 Menschen gingen in Saarbrücken auf die Straße. In Koblenz beteiligten sich nach Polizeiangaben etwa 450 Demonstranten an einem Protestmarsch, in Trier waren es 150.

In Berlin versammelten sich nach Angaben des Veranstalters rund 1.500 Teilnehmer zu einer Protestkundgebung unter dem Motto „Acta aus, Demokratie an“ im Bezirk Mitte. In Dortmund gingen nach Polizeiangaben 1.500 bis 1.800 Kritiker auf die Straße.

Poller mit angelehntem Urheberrechtsverletzer (Raucher!). Photo: Peter Loyd Grosse

 

In der letzten Le Monde Diplomatique äußerte sich der Politologe Navid Hassanpour über den ägyptischen Aufstand, das Internet und die sozialen Netzwerke:

„Die Abschaltung der Angst. Der Durchbruch der ägyptischen Revolution kam mit der Internetsperre“

Gebannt verfolgte die Weltöffentlichkeit im Januar 2011 den Fortgang der Revolution in Ägypten. Der Aufstand wurde live auf allen Bildschirmen übertragen, als hätten Kameras, Twitter-Feeds und Facebook-Statusmeldungen einen Politthriller mit Millionen von Schauspielern aufgezeichnet. Die Medien dokumentierten die Botschaft auf den Bannern der Protestierenden und trugen sie so um die ganze Welt. Die Satellitensender gingen ihrerseits aktiv auf die Ereignisse ein und wurden so ein Teil von ihnen. Kein Wunder, dass Wael Ghonim – der junge Google-Angestellte, der während der Proteste für kurze Zeit inhaftiert war – zu der Schlussfolgerung gelangte: „Um eine Gesellschaft zu befreien, braucht man ihr nur Zugang zum Internet zu geben.“1

Die Ereignisse in Ägypten bieten einzigartige Möglichkeiten, um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu überprüfen. Anhand einer bestimmten Entscheidung des damaligen Präsidenten Husni Mubarak lässt sich das politische Gewicht der sozialen Medien tatsächlich ziemlich genau ermessen.

Am Morgen des 28. Januar 2011 beschloss das ägyptische Regime, alle Internetverbindungen und die Mobilfunknetze komplett abzuschalten. Von genau diesem Zeitpunkt an kam die Mobilisierung der Bevölkerung erst richtig in Fahrt. Der Tahrirplatz in Kairo war von da an schwarz von Menschen, aber auch in anderen Städten wie Alexandria oder Suez begannen die Demonstrationen.

Eine Analyse der verschiedenen Versammlungsorte in Kairo während der 18 Tage des Aufstands zeigt einen deutlichen Anstieg der Demonstrationsbeteiligung und eine plötzliche räumliche Ausdehnung der Protestorte:(2) Von einem einzigen Versammlungsort (dem Tahrirplatz) am 25., 26. und 27. Januar stieg ihre Zahl auf acht am 28. Januar. Am Abend dieses 28. Januar war die Arbeit der Sicherheitskräfte angesichts der vielen Protestorte deutlich erschwert.(3) Gegen 19 Uhr rief das Regime die Armee als Verstärkung zu Hilfe, doch die weigerte sich, einzugreifen. Einige Tage später brach das dreißig Jahre währende Mubarak-Regime in sich zusammen.

Die Behauptung, dass die sozialen Netzwerke ein wichtiger Auslöser von Revolten sind, beruht meist auf einer Annahme: Die Mobilisierung hänge von der Verfügbarkeit von Informationen ab, die eine bislang verborgene Wahrheit aufdecken. Die Onlinemedien trügen auf diese Weise zu einem Bewusstwerdungsprozess in der Bevölkerung bei. Im Falle Ägyptens, so die Annahme, hätten sie erst das vollständige Ausmaß der Unterdrückung ans Licht gebracht und so die neu informierten Menschen zum Handeln motiviert.

Die wirklich aufrührerischen Nachrichten bleiben oft verborgen. Wenn sie doch durchsickern, werden sie von der Machtelite schnell ausfindig gemacht und unterbunden. Im Übrigen sind „revolutionäre“ Informationen nicht immer zuverlässig. Man erinnere sich zum Beispiel an die – falschen – Gerüchte über den brutalen Tod eines 19-jährigen Studenten, die 1989 in Prag die Samtene Revolution auslösten.(4) Auch der Fall der Berliner Mauer ist – zumindest teilweise – auf die bei einer Pressekonferenz im DDR-Fernsehen ausgestrahlte Falschinformation zurückzuführen, die den massenweisen Grenzübertritt von DDR-Bürgern nach Westberlin zur Folge hatte.(5 )

In einer Phase des allgemeinen Aufruhrs sind Übertreibungen und Falschmeldungen manchmal ein effizienterer Brandbeschleuniger als die minutiöse Auflistung von Fällen, in denen das Regime seine Macht missbraucht. Wenn die sozialen Netzwerke zur politischen Mobilisierung beitragen, liegt das also nicht unbedingt daran, dass sie Wahrheiten ans Licht bringen.

Die vom Staat zentralisierte Propaganda wird zuweilen als „Opium fürs Volk“ bezeichnet. Aber auch die neuen sozialen Medien können, auf eine subtilere Weise, Menschen davon abhalten, kollektive Risiken in Kauf zu nehmen. Denn die Ordnung erhält das Regime nicht so sehr durch tatsächliche Kontrollen und die umfassende Überwachung aufrecht als vielmehr durch die Sichtbarkeit der Kontrollen. Um den Status quo sicherzustellen, braucht es also nicht unbedingt eine effektive Repression, sondern die Überzeugung, dass eine solche im Fall der Mobilisierung stattfinden würde. Wenn diese kollektive Überzeugung schwindet, ist die Bevölkerung in der Lage, sich unabhängig vom Staat ein Bild von den tatsächlichen Risiken zu machen.

Innerhalb einer Gruppe von Oppositionellen, die aus einer risikoscheuen Mehrheit und einer radikaleren Minderheit besteht, führt ein verstärkter Austausch von Informationen – auch von unzensierten – bei der Mehrheit also nicht notwendig zu einer stärkeren Mobilisierung. Wenn das Regime dagegen die gewohnten Kommunikationswege kappt, zerbricht der Zusammenhalt der Fraktionen, die sich gegen eine riskante Mobilisierung aussprechen. Es entstehen neue Verbindungen, die den Radikalen ein größeres Gewicht geben. Dadurch werden andere Organisationsformen und dezentrale Demonstrationen möglich, was wiederum die Arbeit der Sicherheitskräfte erschwert.

Als das Regime in Kairo am 28. Januar 2011 das Internet abschalten ließ, mussten die Ägypter neue Mittel und Wege finden, um Informationen zu verbreiten, zu sammeln und vielleicht sogar zu machen. Ein Beispiel: Wer sich Sorgen um Verwandte und Freunde machte, dem blieb nichts anderes mehr übrig, als das Haus zu verlassen, um an Informationen zu kommen. Dadurch vergrößerten sich automatisch die Menschenmassen auf den Straßen. Während der gewalttätigen Zusammenstöße, durch die sich die Wut der Leute nur weiter steigerte, verwandelten sich zahlreiche lokale Zentren – wie öffentliche Plätze, günstig gelegene Gebäude oder Moscheen – zu Orten der Zusammenkunft.

Am 28. Januar berichtete der New York Times-Blog The Lede aus Alexandria: „Offenbar reicht das Polizeiaufgebot in Ägypten nicht mehr aus, um die Massen auf den Straßen zu kontrollieren.“ Peter Bouckaert, Leiter der Kriseneinsätze bei Human Rights Watch, schrieb damals: „Es gibt zu viele Demonstrationen an zu vielen verschiedenen Orten.“

Nachdem das Internet wieder erreichbar war, kam es in den darauf folgen Tagen trotz der Schwächung des Regimes und der wachsenden Menge auf dem Tahrirplatz nicht zu einer weiteren Streuung der Demonstrationen. Man kann also annehmen, dass die Abschaltung der Netze zur Mobilisierung der Massen beigetragen hat. Das ägyptische Regime hatte sich selbst eines wirkungsvollen Einschüchterungsmittels beraubt: Ohne das Internet verbreitete sich nicht mehr der Eindruck, dass auf eine Mobilisierung heftige Repression folgen würde. Informationen (oder Gerüchte) über die Möglichkeit einer solchen Repression konnten nicht mehr in den sozialen Netzwerken zirkulieren und so die Demonstranten entmutigen.

Die Störung der Internet- und Mobilfunkverbindungen am 28. Januar 2011 könnte also den Aufruhr in der Bevölkerung auf drei verschiedene Arten angestachelt haben: Erstens hat sie die Mobilisierung jener Bürger unterstützt, die bis dahin die Ereignisse nicht direkt verfolgten oder sich nicht übermäßig dafür interessierten. Sie hat zweitens die direkten persönlichen Kontakte intensiviert und so die Bereitschaft erhöht, öffentliche Räume zu besetzen. Und schließlich hat sie über den Umweg hybrider Kommunikationstaktiken die Dezentralisierung der Protestorte befördert, was zu einer Situation führte, die sehr viel schwerer zu kontrollieren war als die Versammlungen auf dem Tahrirplatz allein.

Ein vergleichbarer Prozess schien am 3. Juni 2011 in Damaskus abzulaufen. Nach mehreren Wochen brutaler Repression entschied sich die syrische Regierung, die gleiche Taktik anzuwenden wie das Mubarak-Regime. Am Freitag, dem 3. Juni, wurde das Internet im ganzen Land für 24 Stunden abgeschaltet, mit dem Ziel, eine Massenmobilisierung zu verhindern. „Die Freitagsdemonstrationen sind die größten seit dem Beginn des Aufstands vor zehn Wochen“, notierte ein Korrespondent von Associated Press (AP) in Beirut. „Die Menschen versammeln sich in Massen in Städten und Dörfern, in denen bislang keine solche Mobilisierung stattfand. Neben dem Midan-Viertel(6) im Zentrum von Damaskus, wo sich die Proteste in den letzten Wochen konzentrierten, haben sich auch in mehreren Vororten der Stadt Demonstranten versammelt.“(7) Eine stärkere Mobilisierung und die räumliche Ausdehnung – es war das gleiche Schema wie in Ägypten.

Fußnoten:
(1) Interview auf CNN, 11. Februar 2011.
(2) Siehe Navid Hassanpour, „Media Disruption Exacerbates Revolutionary Unrest: Evidence from Mubarak’s Natural Experiment“, Vortrag auf der Tagung der American Political Science Association (Apsa), 2011.
(3) The Lede Blog, 11. Februar 2011,
(4) Siehe The New York Times, 18. November 2009.
(5) SED-Politbüromitglied Günter Schabowski machte auf einer Pressekonferenz am 9. November 1989 falsche Angaben über die DDR-Ausreisebestimmungen.
(6) Midan bedeutet „Platz“ auf Arabisch.
(7) Siehe „Syria troops kill 34 during massive protest“, Associated Press, 3. Juni 2011.
Aus dem Französischen von Jakob Horst

An Pollern entlang nach oben. Photo: Peter Loyd Grosse

 

 

 

 

 

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kommentare

  • Die ehrwürdige Jour-Fixe-Initiative Berlin veranstaltet am 4.März um 18 uhr in den Räumen der NGBK, Oranienstraße 25, eine Diskussion mit Gilbert Achcar (London) und Bernard Schmid (Paris) über:

    „Ursprünge und Dynamik des revolutionären Aufstands 2011 in Nahost und Nordafrika“

    Heute beginnt erst einmal die Veranstaltungsreihe der Akademie der Künste über die arabischen Aufstände:

    Kunst und Revolte/Revolte und Kunst

    Um 17 Uhr 30 im Hanseatenweg – mit einem zweitägigen Seminar der Bundeszentrale für politische Bildung, in dem es um „Perspektiven“ der Revolte und um eine „Bestandsaufnahme“ der selben geht.

    Soll man sich darüber nun freuen, dass alle möglichen staatlichen Organisationen sich an dieser Veranstaltungsreihe beteiligen – bis hin zur drögen Heinrich-Böll-Stiftung und dem spanischen Kulturinstitut?

    Meistens kommt bei so was – hochdotiert – nur eine Faselei von Halbpromis bei raus, die – wenn sie wie in diesem Fall aus Arabien kommen – sehr optimistisch sind – was die Aufstände betrifft, weil sie ihren Aktions- und Wirkkreis beträchtlich erweitert haben, auch finanziell.

    Dass der selbe Schweinestaat, Deutschland, im Verein mit den USA, Saudi-Arabien und anderen fiesesten Regimen bereits die Muslimbruderschaften in den arabischen Ländern finanziell unterstützt – und z.B. die Tahrirplatz-Aktivisten bei diesem „Demokratisierungsprozeß“ nur noch stören, wird auf solchen Staats-Veranstaltungen höchstens am Rande vermerkt.

  • Vor einige Tagen kam folgende mail:

    Heute war wieder eine Demo mit Tausenden.
    Vier Stunden ging am Bahnhof nichts mehr.
    Die Polizisten zogen sich bis an die Zäune zurück.

    Der Widerstand gegen das unselige Projekt wächst wieder,
    nachdem die 200 Jahre alten Bäume und der Südflügel von den grünen Tali-Bahn gefällt worden sind.
    Sie werden den Widerstand nicht los.
    Und für die bürgerlichen Parteien von CDU bis Grüne wird das kein Honigschlecken.
    Der Schein-Heillige Kretschmann ähnelt immer mehr seinen Vorbildern: Filbinger und Kiesinger!

    Falls ich eine-n Befürworter-In per Massenmail erwischt habe. Macht nix.
    „Hier darf jeder denken, was er will. Im Rahmen der FDGO“ (Franz-Josef Degenhardt!)

    Denken statt Kopf in die „GRUBE“.

    Für Demokraten und Bahnhofsfreunde:

    Einfach unterzeichnen!!!!!!

    GRÜSSE

    BRUNO

    Anfang der weitergeleiteten E-Mail:

    > Von: openPetition – Bitte nicht antworten!
    > Datum: 18. Februar 2012 01:51:56 MEZ
    > An: info@schollenbruch.com
    > Betreff: [openPetition] Nachricht zu Petition: Stuttgarter Erklärung zur Fortführung des Widerstandes gegen Stuttgart 21
    >
    > Sie haben auf openPetition die Petition „Stuttgarter Erklärung zur Fortführung des Widerstandes gegen Stuttgart 21“ unterschrieben.
    >
    > Der Autor der Petition Ulrike Braun (Bürger gegen S21) hat Ihnen eine neue Nachricht zu dieser Petition hinterlassen:
    >
    >
    > Betreff: Petition in Zeichnung
    >
    > Liebe Unterstützer und Unterstützerinnen der Stuttgarter Erklärung,
    >
    > Medien und Politik haben schon mal den Abgesang intoniert und wie etwa unser Ministerpräsident Kretschmann verkündet, der Kampf um Stuttgart 21 sei nun vorbei. Kann dies auch anders sein, nachdem ein riesiges Heer an Polizei die vorgezogenen Massaker am Südflügel und an den Bäumen im Schlossgarten brachial durchsetzen half? Ja, kann es.
    >
    > Ich möchte Ihnen heute einen kurzen Bericht geben zur Lage in Stuttgart und zum Widerstand, von dem sich die Leute hier vor Ort selber ein Bild machen können im Unterschied zu denjenigen weiter weg, die nur auf das wenige vertrauen können, was die Medien zu bringen gewillt sind. Denn wie es etwa ein Journalist einer großen Tageszeitung mir gegenüber bekannte: „Was die Berichterstattung […] betrifft, so darf man sich im Moment nicht viel Aufbauendes erwarten; die politische Redaktion und die Stuttgarter Korrespondenten haben die Sache fest in der Hand, da gibt es fast nur Befürworter von S21. Dass Sie sich den Widerstandsgeist nicht nehmen lassen, ist bewundernswert!“
    >
    > Und ja, das sieht er richtig. Weil wir es nicht zulassen werden, dass die uns demonstrierte Politik der verbrannten Erde nur einen Zweck hatte: unseren Widerstandsgeist endgültig zu brechen!
    >
    > Diese Rechnung wird nicht aufgehen, denn Tatsache ist: Alle Ansatzpunkte, das Projekt zu stoppen, hat unsere grün begleitete Landesregierung absichtlich übersehen oder aktiv sabotiert. Und wir werden Punkt für Punkt immer wieder aufs Tapet bringen. Außer dem Stresstestbetrug und dem verweigerten Leistungsvergleich sind das beispielsweise
    > – Subventionsbetrug bei der S21-Finanzierung,
    > – Untreue beim Immobiliendeal,
    > – falsche Nutzen-Kosten-Rechnung der Neubaustrecke Ulm-Wendlingen (NBS),
    > – Verfassungswidrigkeit der NBS-Finanzierung (reines Bundesprojekt),
    > – überholte und angreifbare neue Planfeststellungen
    > usw.
    >
    > Das Gute daran ist: Es reicht, wenn nur einer dieser Trümpfe sticht! Also werden wir auf diese Machtdemonstration so reagieren, wie das Bürgerinnen und Bürger tun müssen, die unter Demokratie mehr als eine Volksabstimmungsfarce verstehen. Wir werden dran bleiben, uns weiter empören und parallel weiter Präsenz zeigen. Genau so wie es uns der erfahrene Widerstandskämpfer Stéphane Hessel bei einer Stippvisite am Hauptbahnhof mit auf den Weg gab: „Sie müssen weiter auf die Straße gehen!“
    >
    > Die Stuttgarter Erklärung ist nach wie vor das geeignete Mittel, um den Projektbetreibern eben dies zu signalisieren: „Ihr kriegt uns nicht los!“ Deshalb gilt es, möglichst bald die angestrebten ersten 10.000 Unterschriften zusammenzubringen. Informationsmittel und die Langfassung der Stuttgarter Erklärung finden sich auf http://infooffensive.de/petition. Weisen Sie auch Familienmitglieder und Freunde, Nachbarn und Kollegen auf die Petition hin.
    > Helfen Sie uns, gemeinsam ein starkes Zeichen zu setzen: Ihr werdet uns nicht los, wir Euch schon!
    >
    > Herzlichen Dank und viele Grüße
    >
    > Ulrike Braun
    >
    > Lesehinweise, wer Näheres wissen möchte:
    > http://infooffensive.de/wp-content/uploads/Hessel_zur_Fortsetzung_des_S21-Widerstands.pdf zum Gespräch mit Stéphane Hessel
    > http://railomotive.com/2012/02/vorlaufig-letzte-worte-zu-stuttgart-21/ zu Politik und Medien
    > http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2012/02/kahlschlag-als-rache/ zur Haltung der Grünen
    > http://zwuckelmann.posterous.com/ zur Lage des Widerstandes aus Sicht eines aktiven Insiders
    >
    >
    > Alle weiteren Informationen zur Petition erhalten Sie unter diesem Link:
    >
    > http://www.openpetition.de/petition/online/stuttgarter-erklaerung-zur-fortfuehrung-des-widerstandes-gegen-stuttgart-21
    >
    >
    > Dies ist ein Service von openPetition

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