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vonHelmut Höge 03.05.2012

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Social Seeds  – in der Natur:

Pressemeldung – 2. Social Seeds PflanzenTAUSCHmarkt in den Prinzessinnengärten –
Sehr gerne möchten wir Sie zu unserem PflanzenTAUSCHmarkt am kommenden Samstag einladen. Beste Grüße. Britta Pichler

 

 

 

Social Seeds  – in der Kultur:

Dirk Teschner vom Ostberliner „telegraph“ schickte dazu folgende Pressemitteilung:

„THIS IS OUR ACTION SPACE“
Kaum große Namen – der Star dieser Biennale heißt Politik. art-Korrespondent Kito Nedo unternimmt einen ersten Rundgang durch die okkupierten KunstWerke in der Berliner Auguststraße:

„Was machen Kuratoren? Die siebte Berlin-Biennale versucht die Antwort mal anders. Denn Voina, die anarchistische Künstlergruppe aus St. Petersburg und assoziierten Ko-Kuratoren der Biennale, bezeichnet das Leben im Untergrund als Teil ihrer kuratorischen Praxis. Das ist neu und experimentell. Mit Ausstellungsmanagement beschäftigen sich die Kunstaktivisten hingegen nicht, das sei, so steht es in einem zu Beginn der Großausstellung verteilten Statement, einfach sinnlos: „Ausstellungen schaden der zeitgenössischen Kunst. Künstler denken nur noch darüber nach, was und wo sie ausstellen können. Also umso weniger Exponate es auf der Biennale geben wird, desto besser.“

So wird es sicher nicht an den vielen neuen Kuratoren-Studiengängen gelehrt, die seit einiger Zeit an den Akademien eingerichtet werden. Doch Artur Zmijewski, der Haupt- und Künstlerkurator dieser Biennale hat den Rat der Russen beherzigt. Tatsächlich ist die Künstlerliste der heute beginnenden Biennale überschaubar. Die großen Namen lassen sich, Zmijewski mitgerechnet, sogar an einer Hand abzählen: Olafur Eliasson, Yael Bartana und Pawel Althammer. Sonst bleibt das Star-System aussen vor. Das, was an Kunst gezeigt wird, ist frei von der gigantomanischen Maßlosigkeit, die sich bei vergleichbaren internationalen Anlässen in den letzten Jahren breitgemacht hat: Bei Eliasson lässt sich ein Politiker zum Künstler umschulen, der Pole Althammer lädt das Publikum zum fröhlichen weiße-Wände-kritzeln ein, und die israelisch-niederländische Künstlerin Yael Bartana, führt ihr Projekt „Jewish Renaissance Movement in Poland“ (JRMiP – Bewegung Jüdischer Wiedergeburt in Polen) weiter, in dessen Rahmen für die Rückkehr von 3,3 Millionen Juden nach Polen geworben wird.

„Auch wenn (oder gerade weil) die Bundeskulturstiftung wieder 2,5 Millionen Euro gegeben hat und BMW auf der Sponsorenliste steht, liegt eine egalitäre Grundstimmung in der Luft. Statt einem Glanzpapier-Katalog gibt es eine Biennale-Zeitung zum Preis von zwei Euro, der Eintritt zur Ausstellung ist frei. Das Publikum soll möglichst wiederkommen. Auch die Pressekonferenz am ließ den Willen erkennen, alles ein wenig anders zu machen als sonst bei solchen Veranstaltungen üblich. Statt eines Podiums waren die Stühle wie bei der UN-Versammlung kreisförmig angeordnet. Beschlossen wurde jedoch nichts. Stattdessen saßen die beiden Kuratoren Joanna Warsza und Artur Zmijewski, sowie der Biennale-Erfinder Klaus Biesenbach und die Veranstalterin Gabriele Horn in der Mitte.

Zunächst versuchte das Duo, die konzeptuellen Grundgedanken dieser auf Aktivismus gerichteten Biennale zu erklären, bald wurde die Regie jedoch einfach an eine Gruppe von Occupy-Aktivisten übergeben, um zu zeigen, wie es praktisch geht. Diese sympathischen, jungen Menschen erklärten den anwesenden Journalisten nicht nur die grundlegenden, einst in New York erfundenen Occupy-Handzeichen für das Bekunden von Zustimmung oder Ablehnung, sondern suchten sie auch in eine Diskussion über die Rolle der Medien im gegenwärtigen Reformstau zu verwickeln. Das klappte zum Teil auch deswegen nicht, weil zuviel auf Deutsch gesprochen wurde und die englischsprechenden Journalisten nichts verstanden. Auch waren nicht alle von soviel basisdemokratischen Elan angetan: Eine Journalistin fragte etwas genervt, warum man ausgerechnet die Occupy-Aktion und Pressekonferenz habe zusammenlegen müssen?

Action-Space oder Aktivismus-Folklore?

Die eigentliche, dahinterliegende Frage war natürlich die, ob es überhaupt Sinn macht, Kunst und Politik im Rahmen einer Veranstaltung wie dieser zusammenzulegen. Wieso braucht es ein temporäres Occupy-Camp im Erdgeschoss der KunstWerke? Ist das nicht nur eine neue Variante von Radical Chic oder lässt sich der Trend zur Kunst als Luxusware so umkehren? Hoffen Warsza und Zmijewski, dass die Leute, die mit ihren SUVs die Straßen von Berlin-Mitte verstopfen, bereit sind, gesellschaftliche Alternativen mit dem teilweise international eingeflogenen jungen Protestvolk zu diskutieren? Reicht es aus, in der Ausstellungshalle ein Banner mit dem Schriftzug auszuhängen: „This is not our Museum – This is your Action Space“? Oder handelt es sich doch lediglich um die mit Pathos vorgetragene Zurschaustellung von Aktivismus-Folklore? Die Biennale ist ein Wagnis, weil sie versucht, die Institution sehr direkt und ohne Zwischenfilter für die gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurse zu öffnen. Ob diese Strategie fruchtet, werden die nächsten Monate zeigen.

Ein Teil der damit verbundenen Widersprüche findet sich schon jetzt sinnbildlich im Hof der KunstWerke. Dort liegt ein großer Metallschlüssel, acht Meter lang und 600 Kilogramm schwer. Hergestellt wurde der „Key of Return“ im Jahr 2008 von den Bewohnern des Flüchtlingscamps Aida in Bethlehem, die damit ein machtvolles Symbol für ihre jahrzehntelange ungelöste Situation schufen. Doch aus versicherungstechnischen Gründen ist die Skulptur anders als am Ort seiner Entstehung in Berlin seitlich abgelegt, was, so hört man, einige Beteiligte für eine unglückliche Symbolik halten.

Bei der Pressekonferenz wies Zmijewski selbst auf eine andere Schwierigkeiten hin, die das ganze Unternehmen mit sich bringt: weil die Biennale hauptsächlich von der Bundeskulturstiftung finanziert wird, arbeiten die eingeladenen Aktivisten, die die Systemfrage stellen, de facto eng mit dem Staat zusammen. Die Ausstellung, so versprach Joanna Warsza, werde über den Zeitraum der zwei Monate wachsen – um Stoff für Diskussionen muss man sich nicht sorgen. Die Zeit wird sicher auch gebraucht, um die von den Kuratoren versprochene „Schönheit des Politischen“ zwischen den vielen Plakaten und Bannern zu entdecken.

Berlin Biennale

27. April bis 1. Juli 2012 in den KunstWerken, Auguststraße 69, Berlin; Katalog: 25 Euro“

http://www.berlinbiennale.de

https://www.art-magazin.de/kunst/50856/berlin_biennale_eroeffnung

 

 

Social Disease – Nazideutsch:

Dazu kam folgende Pressemitteilung:

8. MAI – Wer nicht feiert, hat verloren!

Kommt alle zum HAUS- UND HOFFEST am 8. Mai um 17 Uhr in das HAUS DER DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE!

Der 8. Mai 1945 markiert das Ende des nazideutschen Terrors. Mehr als 55 Millionen Menschen wurden durch den deutschen Krieg getötet oder in den Vernichtungslagern ermordet. Für Millionen von KZ-Häftlingen, ZwangsarbeiterInnen, WiderstandskämpferInnen und AntifaschistInnen aus den Ländern Europas ist der 8. Mai der Tag der Befreiung vom Faschismus und des Widerstandes gegen alle seine
modernen Ausprägungen. Ein Grund zum Feiern und gegen das Vergessen.

Wir laden alle Menschen ein, die Lust haben, gemeinsam bei Essen und Trinken, Gesprächen und Musik zu feiern und das Haus der Demokratie und Menschenrechte kennen zu lernen. Kommt alle am DIENSTAG, den 8. MAI 2012 um 17 UHR zum HAUS-UND HOFFEST in das HAUS DER DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE, Greifswalder
Straße 4, 10405 Berlin.

Mit internationalen ZeitzeugInnen des 8. Mai 1945 und Live-Musik, DJs, Grill, Getränken.

Wer nicht feiert, hat verloren!

Redaktion telegraph

 

 

 

Social Seeds 2:

Die „siegreiche“ bürgerliche Wissenschaft arbeitet jetzt das auf, was liegen blieb – in der proletarischen Forschung. Z.B. die Auswertung und Verwertung der sogenannten „Gulag-Literatur“- das sind 4000 Texte allein von sowjetischen Gulag-Häftlingen. Insgesamt gab es etwa 17 Millionen Menschen mit irgendeiner Art von Gulag-Erfahrung. (1)

Erwähnt sei ferner Margarete Vöhringer, die in dem aus der DDR-Konkursmasse geretteten Zentralinstitut für Literaturforschung (ZfL) über die ebenfalls einst in der UDSSR geschmähte „Avantgarde und Psychotechnik“ forscht. Zu diesem Thema gibt es hierzulande inzwischen einen halbfeministischen „Thinktank“, wozu u.a. Ute Holl zählt.

Bei einem anderen Avantgardismus handelt es sich um Lebensforschungen, die durch die „proletarische Biologie“ (von Lyssenko) verdrängt wurden. Im Falle der Fuchsexperimente von Dimitirj Beljajew z.B. geschieht die Auffarbeitung seiner Forschung, mit der er – gegen den offiziellen Lyssenkoismus-Mitschurinismus – den genetisch orientierten Darwinismus beweisen wollte, im Zuge einer erneuten Verdrängung im Sinne einer Vereinnahmung – erst durch die US-Biologie und dann durch die deutsche, was hier jüngst bis zum Plagiat gedieh: Beljajew hatte auf einer Fuchsfarm bei Nowosibirsk, wohin es ihn als Waldarbeiter verschlagen hatte, Domestikationsversuche über 35 Generationen an Silberfüchsen unternommen – bis er am Ziel war: Die Tiere waren zahm.

Es hatten sich jedoch einige ungewollte Eigenschaften eingestellt: Die Füchse sahen aus wie domestizierte Hunde (scheckig, Schlappohren, erhobene Schwanzspitzen), die Weibchen wurden jetzt zweimal im Jahr läufig, sie hörten sich sogar an wie Hunde. Keines dieser äußeren Merkmale war Zuchtziel gewesen und z. T. sogar völlig unerwünscht. Zur Pelzgewinnung konnte man gescheckte Tiere nicht brauchen. Außerdem hatten sie noch ein Merkmal, das bereits Konrad Lorenz bei domestizierten Tieren aufgefallen war, nämlich ’niedliche‘ Gesichter, runde – wie Teddybären. So sehen alle Säugetiere aus, wenn sie klein sind. In der freien Natur streckt sich später der Schädel, er wird lang und spitz. Die zahmen Füchse blieben Rundköpfe! Damit war klar, dass auch die Hunde vor 10.000 Jahren nicht auf äußerliche Merkmale gezüchtet worden waren. Diese stellten sich vielmehr von selbst ein, wenn man auf Verhalten zielte.

Beljajew erlebte das Resultat nicht mehr; er starb in den 80er-Jahren. Erst „Harvard“ begann dann – nach dem „Zerfall der Sowjetunion“ – mit der „Auswertung“ seines „darwinistischen Projekts“, das nun jedoch „lamarckistisch“ interpretiert wird.

In der Slawisten-Zeitschrift „Osteuropa“, die sich in ihrer neuesten Ausgabe mit den zentralasiatischen Sowjetrepubliken bzw. Ländern befaßt, findet sich ein Aufsatz des Historikers Christian Teichmann, der sich mit einem „kirgisischen Funktionärstagebuch aus der Stalinzeit“ befaßt. Die freimütigen Eintragungen von Jusup Abdrachmanov waren im Sommer 1933 Gegenstand einer Debatte im ZK gewesen – um sie als „Geständnis“ eines unmarxistischen „Lumpen“ zu brandmarken: der Autor hatte sich „trotzkistischen Positionen“ angenähert, als er zum Einen die Folgen bei der Getreiderequirierungs-Kampagne des Winters 1932-33 in den Nachbarrepubliken registrierte und um eine Hungersnot auch in Kirgisien zu vermeiden, selbst daraufhin angeordnet hatte, schonender gegen die Bauern vorzugehen. Zum anderen hatte er sich in die nach Kirgistan verbannte „Trotzkistin“ Marija Natanson verliebte, die zum Kreis um Majakowski und Lili Brik gehörte, Abdrachmanow war dadurch in Moskauer Intellektuellenkreise geraten. Mit „Musja“ diskutierte er seine wachsenden Selbstzweifel – zwischen den Befehlen von oben, der „Realität“ in den Dörfern und seinem Willen, den Sozialismus mit aufzubauen, der darüber zu einem „frommen Wunsch“ wurde.

Zwar haben zur selben Zeit auch so scharfsinnige Schriftsteller wie Andrej Platonow (u.a. in seinem Roman „Tschewengur“) und Wassili Grossmann (in: „Alles fließt“) über die Ignoranz der neuen Klasse, der Funktionäre, angesichts der Hungersnöte, die den Requirierungs- und Kollektivierungs-Kampagnen Ende der Zwanzigerjahre folgten, geschrieben, aber ihre Bücher durften auch erst in den späten Achtzigerjahren veröffentlicht werden. Abdrachmanow schrieb im Sommer 1928 in sein Tagebuch: „Warum kommt kein einziger gesunder und klarer Gedanke in meinen Kopf? Ist das etwa das Ende von Jusup als Parteiarbeiter, Politiker und Kämpfer für die Revolution“. Er stimmt der Welt und der eigenen Parteiführung zu: „Die Erfolge sind gewaltig“ – bemerkt „aber“ gleichzeitig; „hier Kolchosbauern ohne Brot, dort das Dnjepr-Wasserkraftwerk“ (seinerzeit das größte der Welt!), „hier der bettelarme Kasache, dort Magnitogorsk“ (seinerzeit die größte Baustelle der Welt!). Platonow sah dies 1928 – in: „Tsche-tsche-O“ – von unten so: „Die Kollektive in den Dörfern brauchen wir jetzt mehr als den DnjeprostroiOEUnd schon bereitet der Übereifer SorgenOEverschiedene Organe versuchen, beim Kolchosaufbau mitzumischen – alle wollen leiten, hinweisen, abstimmen…“

Während der Hungersnot in der Ukraine 1932/33 reiste der baltische Arzt Traugott von Stackelberg im Auftrag von Quäkern in das „Holodomor“-Gebiet – und wunderte sich anschließend in seinem Bericht („Fratze und Gesicht Rußlands“), wie die Ausländer und Funktionäre in Moskau sowie auch im Zug nach Saratow mit Speisen und Getränken verwöhnt wurden, während draußen auf den Bahnhöfen die Bauern buchstäblich verreckten. Der kirgisische Funktionär Abdrachmanov kam im Sommer 1928 zu der Einschätzung: „Eine ausweglose Lage“. 1938 wurde er beim Verhör erschossen. Solche „Opfer“ einer „harten Ideologie“ bearbeitet heute die junge „im Westen angekommene“ Intelligenz (Teichmann ist 1976 in Rostock geboren), mit ihren „weichen Ideologien“ (Menschenrechte, Ökologie, Open Source) gerne.

Anmerkung:

(1) Im zum Kultur- und Kunstzentrum umgebauten Schloß Neuhardenberg findet derzeit eine erste „Gulag-Ausstellung“ statt – kuratiert von den Gulag-Historikern der Gesellschaft „Memorial“ Moskau, den neuen Besitzern und Betreibern der nunmehrigen „Stiftung Schloss Neuhardenberg“: der Deutsche Sparkassen- und Giroverband und der „Buchenwald-Stiftung“, der der Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur sowie der Historiker Norbert Frei vorstehen. Die Gulag-Ausstellung wird von der FAZ als „Pilotprojekt“ gelobt, kritisiert wird von der FAZ bloß ein kleines deutsches Eingeständnis im Vorwort des „informativen Ausstellungskatalogs“ – als ein „befremdliches Hindernis“. Dabei handelt es sich quasi um eine Warnung an das Publikum, das nicht selten per Shuttle von Berlin-Mitte nach Neuhardenberg im Oderbruch angekarrt wird: in der Ausstellung gehe es nicht darum, „mit dem Finger auf andere zu weisen“ oder gar um „deutsche Schuldabweisung und Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen.“ Die Schirmherrschaft für dieses „Projekt“ hat laut FAZ Jorge Semprun übernommen. Er war einst Häftling in Buchenwald und zählt zu den prominenten Autoren von „KZ-Literatur“, es gibt darin jedoch weitaus subtilere Autoren, wenn man so sagen darf – als ihn, den Ex-Kommunisten und spanischen Kulturminister, der anscheinend André Malraux mimikriert.

Die FAZ klärt uns in ihrer Rezension der „gewagten“ Gulag-Ausstellung auch gleich noch über den Gulag auf: „Die Zwangsarbeiter des GULag wurden geopfert für ökonomisch oft sinnlose gigantische Aufbauprojekte (allein am letztlich kaum beschiffbaren Weißmeerkanal kamen wahrscheinlich 25000 Zwangsarbeiter ums Leben), für die großen Kanäle und Eisenbahnlinien, die Goldminen von Kolyma oder die Industrialisierung. Das Lagersystem kollabierte schließlich in den fünfziger Jahren, weil es uneffektiv war und enorme Summen verschlang. In der Hochzeit des GULag, von 1929 bis zur halbherzigen Entstalinisierung, waren etwa zwanzig Millionen Menschen zur Sklavenarbeit gezwungen. Die Zahl der Todesopfer ist unbekannt, weil viele Zehntausende schon während der Deportation starben und viele Archive verloren sind. Auf vierhundert Quadratmetern eine so komplexe Geschichte darstellen zu wollen ist ein Wagnis.“

Die FAZ weiß, wovon sie redet: Auf ihren gerade mal 12 Quadratmetern täglich hat sie 1986 die Verteidigung des westdeutschen „Röhrenembargos“, das die Amerikaner gegen die Sowjetunion durchgesetzt hatten, um deren Gastrassenbau von Sibirien nach Deutschland (Ost und West) zu verhindern, geradezu tapfer verteidigt. Ohne sich auch nur ein bißchen um die Wirklichkeit an der Trassenbaustelle zu bemühen, behauptete die FAZ damals, dass an diesen „LeitungenOEdas Blut, der Schweiß und die Tränen von Heeren sowjetischer Arbeitssklaven kleben“ Inzwischen gehören “ den Deutschen“ bereits zum Teil diese Anlagen – bis nach Sibirien hin und ein ehemaliger SPD-Bundeskanzler ist seinem Ziehonkel (Wehner) gefolgt – und sitzt jetzt in der Moskauer Gazprom-Zentrale. .

Dabei ist alles noch viel schlimmer geworden – in der FAZ: Statt wie früher zusammen mit der Springerpresse sowjetische Dissidenten vom Schlage Solschenizyns (aus dessen Büchern die halbe Ausstellungsrenzension zusammengeschrieben wurde) oder des Antipsychiaters Wladimir Bukowski zu fietschern, sind es heute russische bzw. ukrainische Wirtschaftsintriganten wie Chodorkowski und Timoschenko, für die sich die FAZ stark macht.

Wahrscheinlich ohne sich damals wie heute wirklich für die Seelenqualen dieser „Regimekritiker“ zu interessieren.

Auf der anderen Seite veröffentlichte der DDR-Schriftsteller Harry Thürk eine üble Solschenizyn-Faction, in der er davon sprach, dass Solschenizyn von der CIA bezahlt werde, wovon er sich u.a. einen Fahrstuhl in seiner Datsche einbauen ließ. Der Dissident war also auch damals schon in Wahrheit ein übler Wirtschaftsverbrecher und Steuerhinterzieher.

Zur neuesten Umwidmung des Neuhardenberger Schlosses sei noch erwähnt: Einst ein königliches Geschenk an den Fürsten von Hardenberg, dann enteignet durch die Nazis, weil der damalige Graf von Hardenberg sich am Attentat auf Hitler beteiligt hatte, wofür er ins KZ Sachsenhausen gekommen war. Nach der Befreiung des KZs durch die Rote Armee wurde er noch einmal von den Kommuniste enteignet und der Ort in „Marxwalde“ umbenannt. Erst nach Wende und Rückbenennung des Ortes bekam Hardenbergs Sohn, ein Düsseldorfer Porschevertreter, das Schloß wieder. Er versuchte zunächst die umfangreichen Äcker als Kies für den „Readymix“-Konzern zu versilbern – und bekam es dabei mit „der rabiatesten Bürgerinitiative Deutzschlands“ um Klaus Schlesinger zu tun. Ein Jahr später 1997 verkaufte er das Schloß samt Gelände drumherum an den Deutschen Sparkassen- und Giroverband, der „die Liegenschaften, das Schloss und den Park behutsam sanierte“ und das Ensemble 2002 als „Kultur- und Tagungszentrum“ eröffnete

Etwa das selbe passierte dann auch mit dem Schloß und Gut Liebenberg – hinter Oranienburg, das zuletzt mit 1500 Hektar und einer Kirche an eine Stiftung der Deutschen Kreditbank verkauft wurde, die daraus ein Jagd-Hotel und Tagungszentrum mit Blick auf den Weißen See und Orangenbäumen auf der Veranda machte. Ich verfolgte diese Geschichte ab 2008:

Die Treuhandanstalt, erst recht ihre Nachfolgeorganisation, die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS), versuchte mit immer größeren „Paketlösungen“ ihrer Auflösung Ende 1998 näher zu kommen. Gleichzeitig wurde sie auch immer weniger zimperlich bei der Wahl ihrer Mittel (Investoren). Erst bemühte sie sich vergeblich, den abgewickelten sächsischen 100-Seelenort Amerika für zehn Millionen DM in den USA als „Westerndorf“ loszuschlagen: „Amerika for Sale“. Dann verkaufte sie den halben Kurort Heiligendamm auf einmal (an eine Immobiliengesellschaft, die dort höchstens mit einem „Spielerparadies“ ins Reine – d.h. in die Gewinnzone – kommen könnte). Anschließend schrieb sie die gesamte Ostsee-Halbinsel Wustrow – unter dem Ramschtitel „Catch your Island“ aus. Und nun appellierte sie auch noch an die niedrigsten Raubinstinkte der Reichen und sprach von einem „Rittergut“, als es darum ging, ihr märkisches „Sorgenkind“ – das 350-Einwohner-Dorf Liebenberg inklusive Schloß, Gutshof, Seehaus, Jagd, Landwirtschaft, Sägewerk und rund 50 Wohnhäuser per Zeitungsannnonce für etwa 18 Mio DM zu privatisieren. Ritter gab es dort bisher noch nicht: Das Gut samt Schloß ist erst 300 Jahre alt und das Seehaus wurde 1906 von Philip Fürst zu Eulenburg erbaut, Wilhelm II. war oft bei ihm zu Gast. Vielleicht veranstalteten sie Ritterspiele? Ferner lebte dort die 1942 als Widerstandskämpferin der „Roten Kapelle“ hingerichtete Dichterin Libertas Schulze-Boysen. Außerdem war gelegentlich der Reichsjägermeister Hermann Göring auf dem Schloß zu Gast.

1945 konfiszierte die Rote Armee das „Schmuckstück“, aus dem dann bis zur Wende ein „Schul- und Mustergut“ nebst „Gästehaus der SED“ wurde. 1992 ging die PDS-Firma „Fundament“ dort mit dem ehemaligen Gutsdirektor als Geschäftsführer einer „Reittouristik GmbH“ pleite. Schließlich übernahm die „Stiftung Umwelt- und Naturschutz“ der brandenburgischen SPD das Juwel aus dem „Partei-Sondervermögen“. Ihr Generalbevollmächtigter, der ehemalige Hamburger Umweltsenator Jörg Kuhbier, sollte dort als „One-Dollar-Man“ und mit zunächst 116 ABM-Stellen ein Zentrum für behinderte Kinder und biologisch-dynamische Landwirtschaft schaffen. Es wurden etliche Millionen investiert, aber er „scheiterte“, wie der Theologe Steffen Reiche, Landesvorsitzender der SPD, sich hernach höflich ausdrückte.

Als nächstes versprachen das brandenburgische Finanzministerium und die Berliner Treuhand Ende 1992 den schon konzeptuell leicht angeschlagenen 310 Beschäftigten der Gutsbetriebs wenigstens eine „kurzfristige Übergangslösung“: in Person des laut eigener Einschätzung „erfolgreichsten Liquidators der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften im Umkreis“ – Erwin Heitmann aus Schleswig-Holstein. Dessen Masterplan sah einen „Bauernhof zum Anfassen“ vor. Da waren die Lieberberger erst mal baff!

Vier Jahre später, ist Heitmann „Hotelier im Seehaus“, und sagt der BZ am Sonntag: „Um dieses Haus werde ich kämpfen.“ Die BvS will ihn nämlich wieder loswerden. Auch der Gastwirt im „Gutshaus Liebenberg“, Detlev Scheel, sowie der örtliche ABM-Verein bangen um ihre Pachtverträge. Und dann ist da noch der westdeutsche Hubschrauber-Testpilot im Ruhestand: Baron von Engelhardt, ein Neffe der Widerstandskämpferin Libertas, der sich mit seiner Frau im „Kutscherhäuschen“ eingemietet hat: ihm geht es vor allem um seine Erinnerungen. Einmal, so berichtete er dem Rundfunk, habe Göring ihn auf seinen Schoß gezerrt und er, der damals Siebenjährige, habe dem Reichsmarschall eine runtergehauen.

Gerade weil alle Erlöse aus dem „Partei-Sondervermögen“ den fünf Neuen Bundesländern zugute kommen sollen, verzichtete die brandenburgische Regierung 1995 auf ihre 1380-Hektar-Schloßanlage Liebenberg: „Der Brocken ist zu groß!“ – das war kein Rittergut, sondern ein Danaergeschenk. Die Sanierungskosten waren allein für die alte Post und das Gutshaus auf 16 Mio DM geschätzt worden und außer Golf, Bio-Anbau und Haute Cuisine fehlte es in Potsdam an marktwirtschaftlich zündenden Nutzungs-Ideen für Liebenberg. Vor Ort war die alte Kirche und der von Joseph Lenné entworfene Park mit Seen inzwischen vom „größten Arbeitgeber der Region“, dem Verein für Strukturentwicklung und Qualifizierung“ gepflegt worden, auf ABM-Basis kümmerte man sich überdies laut Treuhand auch noch „um die Geschichte Liebenbergs“ und bewirtschaftete „naturnah“ 150 Hektar. Die übrigen Äcker und Wiesen sowie die Stallungen (mit Sauen, Rinder und Schafe), dazu noch sechs Beschäftigte, hatte eine zum Glück noch nicht vom Hotelier Heitmann im Umkreis liquiderte LPG, die Agrar GmbH Bergsdorf, übernommen. Auch dieser Betrieb sah im Falle einer Treuhand-„Paket-Verkaufslösung“ seine Wirtschaftsinteressen in Liebenberg gefährdet. Gleiches galt für den Betreiber des Sägewerks. Der gesamte Ort – bis hin zu den Straßen und Wohnhäusern – war im Grundbuch noch immer als „SED-Eigentum“ ausgewiesen, und auch immer noch ein bißchen privilegierter als die Nachbarorte, z.B. was die ABM-Ausstattung betraf, das gaben jedenfalls Steffen Reiche 1992 und auch der Geschäftsführer der Agrar GmbH 1996 zu bedenken. Die Liebenberger hätten gut und wohl auch noch eine ganze Weile gerne mit einer solchen „kurzfristigen Übergangslösung“ leben können, zumal die Miet- und Pachtverträge günstig waren, und es „nicht einmal Müllabfuhr- und Abwassergebühren“ gab, wie der Treuhand/BvS-Sprecher Wolf Schöde verriet, den der Liebenberg-Konflikt („Das ist aber bisher auch alles unglücklich gelaufen!“) zu wahrer Hochform auflaufen ließ: Anläßlich einer ORB-Talkshow zum TV-Thema „Ein ganzes Dorf soll verkauft werden“ charterte er sogar einen Bus für die Journalisten, damit die alle live in Liebenberg dabei sein konnten. Immer wieder beteuerte er dort: Die Miet- und Pachtverträge sind vom Verkauf der Groß-Immobilie nicht berührt. Man wollte ihm nicht glauben.

Die Verbitterung begann damit, daß die Treuhand das „gesamte Gut“ am 27.10.96 annonciert, ihre über 140 Mieter in Liebenberg aber erst drei Tage später schriftlich darüber informiert hatte. In dem Brief stand jedoch auch, daß die Ausschreibung „nur ein Versuch“ sei und „weder Sie noch die BvS zu irgendetwas verpflichtet.“ Da brannte aber in Liebenberg schon die Luft: „Ein ganzes Dorf in Angst“ titelten die ersten Zeitungen und dann ritten die Journalisten, denen die gleichzeitig im Bundestag beschlosssene flächendeckende Zerschlagung der LPG-Nachfolgebetriebe völlig gleichgültig geblieben war, auch schon zu Dutzenden in das Rittergut ein.

Auf einer Protestversammlung ließ sich der BvS-Manager Bernd Stephan zu der Versicherung hinreißen: „daß sich die Berliner gar nicht für Ihr Dorf interessieren.“ Am 30.10. erinnerte das Finanzministerium in Potsdam die BvS via Berliner Morgenpost noch einmal daran: Bei Verkauf von Liebenberg könne man das Geld dem Land Brandenburg gutschreiben. Einen Tag später faxte der Treuhand-Pressesprecher an alle Medien: „Wer jetzt Angst schürt – und sei es nur durch flotte Überschriften in den Medien – geht an der Wahrheit vorbei und handelt unredlich.“ In der Woche darauf erzählte der „Gutshaus“-Wirt einem Journalisten: „Die Interviews wegen des Dorfverkaufs zähle ich gar nicht mehr.“ Als sich die New York Times im Dorf anmeldete, hatte Wilfried von Engelhardt bereits eine Bürgerinitiative (mit einem Konzept für „sanften Tourismus“) gegründet und elf ortsansässige Betriebe mit der Gemeinde eine „Arbeitsgemeinschaft“ gebildet. Außerdem gab es auch wieder einen Runden Tisch, an dem BvS-Manager, Vertreter der Gemeinde, des Amtes, des Landkreises sowie des Landes saßen und gemeinsam nach „Lösungen“ suchten.

Erst einmal wurde – wie üblich – der Post die Schuld gegeben, denn der Treuhand-Brief an die „Mieter der Liegenschaft Rittergut“ war bereits am 15.10. rausgegangen, also angeblich vierzehn Tage unterwegs gewesen. Dann gründete man eine „Liebenberg-Kommission“ – den Vorsitz übernahm SPD-Landrat Karl-Heinz Schröter. Sie sollte eine „Gesamtlösung“ erarbeiten. Damit war die Treuhand-„Paketlösung“ vom Tisch: „Wir nehmen die Ausschreibung zurück, und werden die Bürgerinitiative unterstützen,“ verkündete Wolf Schöde, der sich dann auch noch dem Kommissionsvorsitzenden als Pressesprecher zur Verfügung stellte. Der Landrat teilte daraufhin der Berliner Zeitung glücklich mit: „In sechseinhalb Jahren Arbeit mit der Treuhand habe ich nicht so viel erreicht wie in diesen zwei Gesprächsstunden!“ Von den 80 (garantiert Nicht-Berliner-) Investoren, die sich laut Treuhand für die Ausschreibung interessiert hatten, war fortan keine Rede mehr, stattdessen ging es nun darum, vor Ort unterschiedliche „Vorstellungen, Kaufkraft und Interessenslagen“ zu fixieren. Dazu mußte aber erst einmal der gesamte Komplex neu vermessen werden: und…“hierfür ist einige Zeit erforderlich“, wie die Treuhand bereits in ihrem zu spät angekommenen Brief an die Mieter angedeutet hatte – um damit ihre „Paketlösung“ zu begründen. Diese bezeichnete die Ostberliner „Junge Welt“ dann rückblickend geradezu als „Erlösung Ost“ und nörgelte, daß nun stattdessen „Demokratiespiele West“ greifen sollen: „Wie langweilig!“ Dabei sah die „Gesamtlösung“ vor, daß die Liebenberger sich alle zusammenraufen und ihren Ort selbst erwerben sollten – in Form einer Genossenschaft etwa. „Was wir uns da aufhalsen…,“ schwante es bereits am 4.11. dem Rentner Buchholz auf einer Diskussion in der Dorfkneipe „Gutshaus“. Der BvS-Pressesprecher Schöde sprach jedoch vom „Glück im Unglück“ und drohte sogleich: Dieser Privatisierungsplan habe „große Aussicht auf Erfolg.“ Der BvS-Generalbevollmächtigte Dr.Wild setzte noch einen drauf: „Wir sind lernfähig!“ Aber selbst wenn stattdessen – neueste Variante – der Landkreis nun die Groß-Immobilie zum „Null-Tarif“ übernimmt, die Kaufinteressen aller Mieter sowie Pächter einzeln befriedigt werden und der mit dem Verfassungsgericht drohende Hotelier Heitmann doch noch aus dem Seehaus rausgeklagt wird: Der Kampf geht weiter! Liebenberg goes „Internet“ und Wilfried von Engelhardt will in den USA nach „Sponsoren“ suchen.

….Im Jahr 2000 ist der Hotelier Heitmann endlich rausgeklagt, und ein ehemaliger Mitarbeiter des PDS-Reiterhofs, der dann Kellner im Seehaus geworden war, verwaltet statt seiner das Objekt, aber es haben sich noch immer keine Investoren oder gar Sponsoren gefunden. Dafür besuchen jetzt die in der Umgebung wohnenden Leute regelmäßig das Seehaus, sitzen am Kamin, trinken Kaffee für 2 DM die Tasse und essen dazu vom Kellner selbst gebackene Kekse. Auf ihre Fragen: „Wie geht es denn weiter“ bekommen sie von ihm jedesmal die selbe Antwort: „Es ist noch nichts entschieden!“

Daß das ganze Objekt „Liebenberg“ – 1500 Hektar Wald, Felder, Seen, Schloß, Kirche, Gutshöfe, Museum, Lenné-Park – inzwischen von der brandenburgischen Entwicklungsgesellschaft übernommen wurde und die ganzen Wohnhäuser von der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft kümmert kaum einen, da sich dadurch so gut wie nichts ändert.

Um noch einmal Investoren oder wenigstens Sponsoren heranzulocken, findet im Schloßpark im Sommer 2000 ein großangekündigtes „Landkonzert“ statt, flankiert von einigen Literaturlesungen. Es ist wie immer und überall im Osten: Wenn nichts mehr geht, muß die Kunst einspringen!

Ein Jahr danach kommt die Privatisierung aber doch – durch die Hintertür: Die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) ist pleite und wird kurzerhand an die Deutsche Kreditbank (DKB) verkauft. Und die Banker, die zuerst gar nicht wissen, was ihnen damit alles in den Schoß gefallen ist (besonders erstaunt sind sie darüber erstaunt, daß ihnen nun auch eine Kirche in Liebenberg gehört) entwickeln sofort große Pläne, die sich im „zweistelligen Millionenbereich“ bewegen, wie sie auf einer Pressekonferenz stolz verkünden. Im Endeffekt soll dabei jedoch annähernd das selbe rauskommen wie nach der Übernahme des Schloßes Neuhardenberg durch den Sparkassen- und Giroverband: „Eine Fort- und Weiterbildungsstätte“ mit gelegentlichen Kulturveranstaltungen auf hohem Niveau. Und so sah es dann dort auch aus:

Die bayerischen Banker haben die Halle gründlich ausgekehrt und die vielen Geweihe abgehängt. Auf fast allen stand „Erlegt: A.Neumann“ – ein zusammen mit Walter Ulbricht in Ungnade gefallenes ZK-Mitglied, ehemaliger Spanienkämpfer, der sich dorthin zurückgezogen hatte die letzten Jahrzehnte. Auch die von ihm eingebaute Sauna wurde rausgerissen. Dafür stehen jetzt nach hinten raus lauter Zitronenbäume auf der Veranda. Überhaupt wurde das ganze Ambiente gleichsam vegetarisiert. Obwohl man auf fleischorientierte Jagdgesellschaften und Reiterspiele setzt. Nur gelegentlich stehen Dichterlesungen auf dem Programm. Neulich war Wladimir Kaminer geladen. Er las mit dem Rücken zum Kamin – vor einem überwiegend reifen Publikum, das aus der Umgebung angereist war. Jedoch nicht mehr aus dem nahen Liebenberg, dessen Bewohner einst das DDR-Staatsgut bewirtschaftet hatten und sich in der Wende, „endlich nach 80 Jahren“ erneut den Seezugang zwecks Angeln und Baden erkämpft hatten. Jetzt wird man an manchen heißen Tagen von den hotelnahen kleinen Badestränden mittels hoteleigener Bodyguards verscheucht. Ein Kompromiß?

Das Liebenbberger Seeschloß besuchte ich mehrmals, als es noch nicht den Bankern gehörte, im Schloß Neuardenberg war ich dagegen bisher nur einmal – in einer Ausstellung über Schweine:

Westberlin wird von Wildschweinen aus dem Osten heimgesucht: 5000 leben inzwischen in der Stadt, 1000 wurden zum Jahreswechsel erschossen, darüberhinaus von einem der Jäger auch der Schwiegersohn. In den Kinderbauernhöfen leben außerdem noch etwa 20 Hausschweine, wovon zwei hochqualifizierte Zirkussauen sind. Das sich von Menschen entleerende Umland wird dagegen von West-Schweinen besetzt. Im nahen Eberswalde gab es zu DDR-Zeiten den größten Fleischverarbeitungsbetrieb Europas, er beschäftigte 3000 Leute. In der dazugehörigen Mast- und Zuchtanlage wurden 200.000 Schweine jährlich aufgezogen. Lange regte man sich im Westen über diese Gigantomanie auf, nach der Wende mußte der Betrieb aus ökologischen Gründen verkleinert werden. 2000 wurde die abgespeckte Anlage mit 300 Mitarbeitern an den Megakulaken Eckhard Krone verscherbelt. Heute ist sein Schweinekonzern wieder der „größte Hersteller von Fleisch- und Wurstwaren in Brandenburg“. Ständig wird nun aber in Ostelbien versucht, ihn zu übertrumpfen.

Dazu fand eine Ausstellung im Schloß Neuhardenberg statt. In der Schau „Arme Schweine“, kuratiert vom HUB-Kulturwissenschaftler Thomas Macho, ging es exemplarisch um die von einem holländischen Investor im uckermärkischen Haßleben geplante „industrielle Schweinemastanlage“. Daneben aber auch um das gesunde Schwein als „Ersatzteillager“ für marode Menschen. Dazu hieß es im Katalog: „Man rechnet im Jahr 2010 mit ersten klinischen Versuchen zur Transplantation von Schweineherzen auf den Menschen“, zuvor müssen die Tiere „genetisch manipuliert“ werden. Für die Mastanlage in Haßleben mußten die Menschen ökonomisch manipuliert werden: Vor dem 20 Fußballfelder großen Objekt standen Schilder mit der Aufschrift: „Ja zur Schweinemastanlage! Für Arbeitsplätze und sozialen Ausgleich!“ Flankiert von zwei Pappschweinen, die den Autofahrern fröhlich zuwinken. Auch zu DDR-Zeiten wurden hier schon Schweine gemästet: 146.000 Tiere jährlich – mit 800 Mitarbeitern. Im Dorf selbst gründete sich um die neue Anlage – mit 850.000 Schweinen und 54 Mitarbeitern – eine Bürgerinitiative, die sich „Pro Schwein“ nennt und eine, die „Kontra Industrieschwein“ heißt, in ihr ist auch ein Veterinär aktiv, er sagte: Die frühere Anlage war „katastrophal, da wollte keiner gerne als Tierarzt arbeiten“.

Dies galt auch für unsere mit 8.000 Schweinen kleine Anlage in der LPG „Florian Geyer“, Saarmund, wo ich zuletzt arbeitete: Es war laut und stank, jeden Morgen musste man einige tote Tiere rauskarren und eigentlich waren alle froh, als eine winzige Dorfinitiative eine Demo mit 12 Leuten vor dem Tor organisierte – woraufhin die Ämter in Potsdam die sofortige Schließung der Schweinemast verfügten – und 15 Leute ihren Arbeitsplatz verloren.

1990 konnte sich noch niemand vorstellen, dass sie vielleicht nie wieder eine Anstellung finden würden. In Haßleben geht dagegen der „Schweinekrieg“ (Bild) nun schon ins achte Jahr – und ein Ende ist nicht abzusehen. Sie wurde erst nicht genehmigt, dann im Plan abgeändert und nun sind wieder die Tischützer dran – mit Experten, Gutachten und Protesten. Ähnlich sieht es zur Zeit in Tollenseetal aus, wo der „berüchtigte Herr Straathof“, ein holländischer Investor, der bereits eine Schweinemastanlage in Medow für 15.000 Schweine betreibt, nun „Europas größte Ferkelfabrik“ errichten will – mit 10.000 Sauen und 40 Mitarbeitern, die 250.000 Ferkel jährlich produzieren. Die lokale Bürgerinitiative schreibt: „Die Riesenanlage vernichtet Arbeitsplätze im Tourismus und ruiniert die kleinen Schweinezüchter in der Umgebung, Wohnungen und Häuser verlieren an Wert, die Lebensqualität in der Region geht verloren“. Auf einem „Sternmarsch“ war 2009 von einer „Verwurstung des ganzen Landes“ die Rede, im Jahr darauf wurde die Riesensauerei dennoch genehmigt. Aber noch ist hier nichts entschieden. Der „Freitag“ kam desungeachtet bereits zu dem Rechercheergebnis: „Immer mehr Züchter aus Holland gründen große Schweinemastanlagen in Ostdeutschland. Hier ist erlaubt, was ihnen zuhause längst verwehrt ist – sie können viel Fleisch fabrizieren, ohne auf die Umwelt über Gebühr Rücksicht nehmen zu müssen. Gemeinden in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg sind dankbar für die Investoren und Investitionen.“ Einer hat sein „Schweine-Imperium“ bereits bis nach Tschechien und in die Ukraine ausgedehnt, sein hiesiger Verwalter meint: „Zu Hause in Holland wirst du als Schweinezüchter ständig wie ein Krimineller behandelt. Das ist in Ostdeutschland anders. Hier kannst du noch Unternehmer sein. Umweltkosten spielen keine Rolle.“ Dagegen mucken jedoch immer mehr Bürger auf. Ihnen ist inzwischen klar: „Wer Countrymusic spielen will, muss eine Menge Mist gerochen haben!“ (Hank Williams)

Thomas Macho, der Ausstellungskurator, ist inzwischen weiter gegangen: er gründet an der Humboldt-Universität gerade einen Bereich „Animal Studies“. So heißt auch bereits eine neue Berliner Fachzeitschrift: „Tierstudien“. Der Biosoph Cord Riechelmann hat die erste Ausgabe in der Jungle World rezensiert:

„Die Frage lautet, inwieweit Hunde überhaupt noch Tiere sind. In Haustiere ganz allgemein, also nicht nur in Hunde, sei der Mensch schon so weit eingeschrieben, dass es nicht mehr möglich sei, sie ins Tierreich zu stellen, sie gehörten einer anderen Form an, die erst noch zu benennen sei, lautete das Argument. Die Verfechter dieser These, deren bekannteste Vertreter in der Philosophie Gilles Deleuze und Félix Guattari waren und ihr Vorläufer in der Literatur D.H. Lawrence, konnten sich dabei auf die verhaltensbiologischen Studien unter anderem von Konrad Lorenz stützen. Es handelte sich dabei um Auseinandersetzungen, die zwischen Künstlern, Philosophen und Verhaltensforschern buchstäblich am Rande der wissenschaftlichen Disziplinen geführt wurden. Aufmerksam verfolgt wurden sie vor allem im angelsächsischen Sprachraum, in dem populärwissenschaftlich aufbereitete Tierstudien schon immer eine immense, mit Deutschland nicht zu vergleichende Verbreitung gefunden haben. Es war deshalb auch kein Wunder, dass es mit John Berger ein britischer Schriftsteller und Kunstkritiker war, der diese Debatten zuerst systematisierte. Bergers 1980 erschienener Essay »Why Look at Animals?« markiert den Beginn der kulturwissenschaftlichen Beschäftigung mit den Tieren. Der Essay ist ein Durchgang durch die sich wandelnden Mensch-Tier-Verhältnisse in der Menschheitsgeschichte. Zu den zentralen Thesen seines Werkes gehörte die Behauptung, dass wahrscheinlich die erste Metapher ein Tier war, die erste Farbe Tierblut und dass die ersten von Menschen gemachten Bilder Tiere zeigten. Daraus folgt nicht viel weniger, als dass die allein dem Menschen zugeschriebenen Fähigkeiten der Sprache, des symbolischen Denkens und der Produktion von Kunst »aus der Beziehung zu Tieren geboren wurden«, wie John Berger schreibt.“

„Man kann die erste Nummer der Tierstudien auch als eine Art Einführung in den ganzen Forschungsbereich der Animal Studies lesen. Es enthält mit einem Aufsatz zum »Pferdeideal der frühen Neuzeit« und einem anderen über Esel auf der Theaterbühne zwei Texte über sozusagen ewige Themen der Animal Studies: nämlich über Pferdearten. Ebenso wird mit einer Interpretation von Franz Kafkas Erzählung »Der Bau« der kanonischste aller Animal-Studies-Autoren bedacht. Es ist eine der angenehmsten Eigenschaften aller im Tierstudienheft versammelten Arbeiten, dass sie zuerst nach dem fragen, was man über das Tier weiß. Man kann, in dem immer wieder eingeschalteten Blick auf das Tier in seinem Leben, den Auftrag der Animal Studies sehen…“

Inzwischen gibt es auch schon mehrere Sammelbände auf Deutsch zum Thema „Animal Studies“ bzw. „Human Animal Studies“.

 

 

Social Disease 2

In der bereits als Standardwerk geltenden Geschichte der Krebstherapie des US-Onkologen Siddharta Mukherjee: „Der König aller Krankheiten. Krebs – eine Biographie“ taucht auf keiner seiner 670 Seiten eine Krebstheorie auf. Das bleibt den Philosophen unter den (europäischen) Biologen und Psychologen überlassen. So zuletzt in der Biographie des an Blutkrebs gestorbenen taz-Ostgründers Klaus Schlesinger, der über den Tod seines Förderers Franz Fühmann 1984 notierte: „zerfressen von der Ohnmacht der Vernunft, die Krebs genannt wird.“ Verbitterung wäre ein anderes Wort dafür, auch Edward Said und Frantz Fanon starben nebenbeibemerkt an Leukämie. Zur Schlesingerschen Verbitterungstheorie paßt auch, dass eine US-Studie über Zufriedenheit kürzlich zu dem Ergebnis kam, dass „Konservative“ länger leben als „Progressive/Linke“.

Auf der Solschenizyschen „Krebsstation“ hing eines Tages ein „Losungswort“: „Patienten, sprecht nicht miteinander über eure Krankheiten!“ Das war 1968 in einer Klinik der Sowjetunion. 1973 wunderte sich eine Anthropologin, die in einer US-Klinik arbeitete: „Es war zwar eine Krebsstation, doch das Wort ‚Krebs‘ wurde vom Pflegepersonal ebenso wie von den Patienten tunlichst vermieden.“ Stattdessen herrschte dort eine „künstlich hergestellte Fröhlichkeit“, wie Siddharta Mukherjee in seiner Klinik-Geschichte des Kampfes gegen den Krebs (vornehmlich in den USA) schreibt.

In diesem „Kampf“ – der zwischen dem „Krebs“ und den Ärzten ausgefochten wurde – meldeten sich irgendwann die Patienten zu Wort. Mit dem Internet nahm das Ausmaße an, die die Ärzte inzwischen beunruhigen. Immer öfter wollen die Patienten nun bei Diagnose und Therapie mitsprechen, holen oft weitere Gutachten über ihre Krankheit ein und schulen sich in Medizin. Als Beispiel mag ein Eintrag in einem „Darmkrebs“-Forum dienen: „Im Herbst 2000 wurden bei meinem Vater ein Dickdarmkrebs operativ entfernt und ein Teil der Leber, da Lebermetastasen. Leider sind noch weitere Lebermetastasen da. Anschließend bekam er 6 Zyklen Chemo, die Metas sind unverändert. Außerdem nimmt er Enzyme. Im Sept. 2001 wurde mit Xeloda begonnen. Nach dem ersten Zyklus hatte er häßliche Nebenwirkungen! Nach einer Ultraschalluntersuchung der Leber meinte der Arzt, dass die Metas anfangen zu verkrusten. Was bedeutet dieses Verkrusten? Wie sind die Erfahrungen zu Xeloda? Kann mir jemand noch Infos zu der Hypothermie geben? Lasern scheidet wahrscheinlich aus, da es mehrere Metas in der Leber sind. Wie sind die Erfahrungen mit der regionalen Chemo?“ Ein Forums-„Gast“ antwortete: „Meine Schwester wurde vor einer Woche ein künstlicher Darmausgang gelegt. Die Schmerzen z.B. beim Sitzen waren daraufhin fast unerträglich, daher wurde die Naht wieder geöffnet. Da hatte sich extrem viel Eiter angesammelt?! Hat jemand Erfahrungen damit? Auch von den Ärzten bin ich etwas entäuscht. Habe einiges über Bio-Medizin gelesen z.B. Immuntherapie, Misteltherapie… aber diese Themen werden noch gar nicht angesprochen. Muß man sich um Unterstützende Therapien selbst kümmern ? Sollte z.B. eine Immuntherapie nicht so früh wie möglich begonnen werden ?“ Ein anderer „Gast“ schrieb daraufhin: „über alternative oder zusätzliche Therapiemöglichkeiten kann ich dir nur folgendes sagen: Verlasse dich nicht darauf, daß sich die Ärzte von alleine darum kümmern. Belest euch und sprecht dann die Ärzte darauf an. Wenn du einen guten Hausarzt oder Heilpraktiker an der Hand hast, würde ich die zusätzliche Therapie mit IHM klar machen, denn die meisten Krankenhaus-Ärzte halten diese nicht für notwendig. Wahrscheinlich liegt das einfach daran, daß sie keine Erfahrung damit haben. Anfangs habe ich mich auch blind auf das verlassen, was die Ärzte sagten – mit dem Resultat, daß es meinem Mann immer schlechter erging.“ Usw..

Auch Solschenizyn ging zunächst mit seinem Krebs zu einem Kräuterheilkundigen in Usbekistan. Seitdem sind viele solcher Mittel hinzugekommen – als „Alternativen“ zu den aus der Rüstungsforschung stammenden konventionellen: Chemo-, Bestrahlungs- und computergestützten Gen-Therapien. In Mukherjees Buch, das inzwischen in den deutschen Buchläden stapelweise ausliegt, werden sie alle ausführlichst und für gebildete Laien verständlich historisch aufbereitet.

Daneben wurde natürlich, seit Ende des 19.Jahrhunderts bereits, eine ganze Reihe von Krebstherapien entwickelt – erwähnt sei nur die psychoanalytisch orientierte von Wilhelm Reich und die morphologisch motivierte von Fritz Popp-, die von einem theoretischen – zumeist ganzheitlichen – Ansatz ausgingen und deren therapeutische Ratschläge sich dementsprechend konkret auf das kranke Individuum bezogen. Nicht „die vielen Facetten des Tumors“ (SZ) interessieren hierbei, sondern eher die von krankmachenden Lebensweisen. Auch solche Überlegungen kommen in den Patientenforen zur Sprache. Ebenso wie die Adressen und Namen von Heilkundigen, die im Ruf stehen, bei diesem und jenem mit ihrer Therapie Krebs geheilt zu haben. Das Spektrum reicht von buddhistischen Mönchen und Yogis bis zu tiefchristlichen Kräuterfrauen. Auch „Wunderheiler“ können manchmal Wunder bewirken, deswegen heißen sie ja auch so, ebenso „Wundermittel“ (1). Die Süddeutsche Zeitung berichtete neulich von einem bayrischen Krebspatienten, der Haus und Hof verließ und nach Rom spazierte. Dieser abrupte Bruch mit dem bisherigen Leben weckte in ihm neue Lebensgeister, wie man so sagt. Ähnliches geschah bei einem an Krebs erkrankten Amerikaner, dem die Ärzte nur noch eine kurze Lebenszeit attestierten: Er nahm 80 Filme von Charly Chaplin, Buster Keaton, Dick und Doof, Monty Python usw. sowie jede Menge Vitamin C und schloß sich zwei Monate in sein Zimmer ein. Als er wieder rauskam, hatte er sich gesund gelacht. Heute lehrt er Medizin an einer amerikanischen Hochschule. Überhaupt werden die Erkrankungen immer individueller – und ebenso die Therapien, weil auch die moderne Gesellschaft ihre Bevölkerung atomisiert. Als sich die ihre Arbeitskollektive hochhaltende DDR auflöste, wurde die Krebserkrankung in Ostdeutschland geradezu epidemisch. Die DDR-Journalistin Jutta Vogt schrieb damals: „Wem jetzt unwohl wird, der wird krank, wer jetzt krank wird, der stirbt daran.“ Für den 2004 in Westberlin an Krebs gestorbenen SDS-Aktivisten Rüdiger Stuckart lag die Ursache für seine Erkrankung im Engagement seines Vaters: Er war SS- Obergruppenführer und Staatssekretär im Reichsinnenministerium gewesen, zuständig für die Judenverfolgung. Ein „Alternativmediziner“ fragte ihn einmal, worin er die Ursache seines Krebses sehe. Rüdiger Stuckart zögerte nicht: „In der Geschichte meines Vaters“.

Insgesamt kann man über den derzeitigen Stand des „Kampfes“ vielleicht – mit dem „Innovationsberater“ des US-Außenministeriums Alec Ross – sagen: „Die Macht verschiebt sich nicht von den USA nach Asien und schon gar nicht nach Europa, sondern von oben nach unten – von den Institutionen zu den Individuen, die übers Internet zu einer Macht geworden sind.“ – Indem sie miteinander kommunizieren – das ist laut Professor Fritz Popp auch die erste Bedingung zu ihrer Heilung, denn für den Biophysiker besteht die Krebserkrankung aus einem interzellulären Kommunikationsabbruch.

Die Anfänge des Aufbegehrens von Patienten befanden sich nicht zufällig in den psychiatrischen Kliniken. In Heidelberg führte das sozialistische Patienkollektiv (SPK) erstmalig 1972 eine „Patientenvollversammlung“ durch. Es ging um die Wiedereinstellung eines linken Arztes. In Italien gipfelte der Widerstand der „Kommunikationsgestörten“ gegen die Psychopharmaka-Medizin in der „Antipsychiatrie“, die zur Schließung vieler Anstalten führte, hierzulande gelang es vor kurzem dieser „Bewegung“, allen voran das Berliner „Weglaufhaus“, die „Patientenverfügung“ gesetzlich durchzusetzen. Das Motto des Heidelberger „Patientenkollektivs“ lautete einst: „Es bedarf übermenschlicher Kräfte um krank zu sein, damit die Gesundheit auch weiterhin der Lüge überführbar bleibt.“

Gilt das etwa auch für den Krebs, an dem immer mehr alte Menschen und sogar Haustiere erkranken? Ivan Illich, der u.a. mit seinem Buch „Die Nemesis der Medizin“ viel zum Patientenselbstbewußtsein beigetragen hat, in dem er die „krebsartig wuchernde Gesundheits- und Medizintechnokratie“ kritisierte, erklärte in einem seiner letzten Interviews 2001 – in der taz: Seinen Krebs wolle er sich nicht schlecht machen lassen von der Schulmedizin: „Ich bin nicht krank, das ist keine Krankheit. Es ist ein vollkommen anderes, viel komplizierteres Verhältnis.“ Und dieses läßt sich auch nicht mit „Kampf“ lösen: „Die Medikalisierung des Todes verhindert das eigene Sterben“. Ivan Illich starb 2002 in Bremen – an seiner Krebserkrankung.

 

 

Anmerkung:

(1) Das gilt umgekehrt auch für den „König aller Krankheiten“: Trotz der Warnung der an Krebs gestorbenen Susan Sontag vor der „Krankheit als Metapher“ wird gerade der Krebs als Metapher zunehmend beliebter: Vom „Krebsgeschwür Konzern“ spricht z.B. der Autor Harald Frey in seinem gleichnamigen Wirtschaftsbuch. Vom „Krebsgeschwür Staat“ die „www.propagandafront.de“. Schon der liberale Hygieniker Rudolf Virchow, Entdecker des Blutkrebses (Leukämie), schrieb in seinem ersten Text [für die „Baltischen Studien“]- über die Geschichte seiner pommerschen Heimat: „Wer freut sich daher nicht ob der Reformation [die 1538 in seinen Geburtsort Schivelbein kam], welche endlich diesen faulen Krebsschaden [gemeint sind die katholischen Mönche] aus dem gesunden Staatsleben entfernte und die toten Schätze weniger Faulenzer in die befruchtenden Kanäle der Volkswirtschaft zurückführte…“

 

 

Beispiele vom 3.Mai:

1. Damaskus/Istanbul (dpa) – Die Revolution gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad hatte in den Provinzstädten begonnen, doch jetzt erheben sich auch die Studenten der zweitgrößten Stadt Aleppo. Aktivisten berichteten am Donnerstag, die Truppen des Regimes hätten seit Mittwoch in Aleppo 250 Studenten festgenommen. Ein ehemaliger Student der Universität von Aleppo bestätigte der Nachrichtenagentur dpa, das Studentenwohnheim sei am Donnerstag komplett geräumt, die Studenten nach Hause geschickt worden.

Bei der Razzia auf dem Campus sollen insgesamt vier Menschen getötet worden sein. Aus Sicherheitskreisen war im April ein Plan durchgesickert, wonach die Universität geschlossen werden sollte, wenn die Proteste der Studenten gegen das Regime bis Anfang Mai nicht aufhören sollten.

Unterdessen wurden in Damaskus zwei Söhne des bekannten Regimekritikers Fais Sara verhaftet. Das bestätigte ihr Vater in einem Telefoninterview. Der Journalist Sara (62) gehört seit Jahren der demokratischen Reformbewegung in Syrienan. Er war wegen seiner politischen Aktivitäten bereits mehrfach inhaftiert worden.

Sara sagte, seine beiden erwachsenen Söhne Bassam und Wissam seien von bewaffneten Männern am frühen Morgen aus ihren Wohnungen geholt worden. Man habe ihnen vorgeworfen, Waffen zu verstecken. „Das ist ein absurder Vorwurf, denn wir sind friedliche Leute“, erklärte Sara.

Zu welchem der zahlreichen Geheimdienste die Einsatzkräfte gehörten und wohin seine Söhne gebracht wurden, wisse er nicht. Der Regimekritiker fügte hinzu: „Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob diese Festnahmen eine Botschaft an mich sein sollten oder ob sie einfach Teil einer großen Welle von Festnahmen sind, die hier in Damaskus gerade läuft.“

Landesweit wurden bis zum Nachmittag am Donnerstag nach Angaben von Aktivisten sieben Menschen von den Regierungstruppen getötet. Unter den Toten sollen zwei Zivilisten sein, die im Umland von Damaskus in ihrem Auto erschossen wurden. In Damaskus sei vor dem Haus eines ehemaligen Offiziers ein Sprengsatz detoniert, berichteten Augenzeugen. Berichte aus Syrienlassen sich wegen der staatlichen Beschränkungen für Medien oft nicht überprüfen.

Trotz der Gewalt in mehreren Provinzen soll am kommenden Montag ein neues Parlament gewählt werden. Oppositionelle bezeichnen die Wahl als „Theaterstück des Regimes“ und rufen zum Boykott auf.

2. Kairo (dpa) – Einen Tag nach den blutigen Straßenschlachten vor dem ägyptischen Verteidigungsministerium ist in Kairo wieder Ruhe eingekehrt. Allerdings brodelt es unter der Oberfläche weiter. Fast alle Parteien und Präsidentschaftskandidaten gaben am Donnerstag dem Obersten Militärrat die Schuld an den Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Schlägertrupps, bei denen am Mittwoch nach Angaben des Militärrates neun Menschen getötet und 168 weitere Zivilisten verletzt worden waren.

Die Generäle, die nach der Entmachtung von Präsident Husni Mubarak im Februar 2011 die Macht übernommen hatten, wiesen die Verantwortung von sich. Sie versprachen erneut, sich nach der Präsidentenwahl aus der Politik zurückzuziehen. Zu Bedenken einiger Parteien über eine mögliche Fälschung des Wahlergebnisses erklärten sie am Donnerstag vor der Presse in Kairo: „Wenn wir Wahlen fälschen wollten, dann hätten wir das doch schon bei der Parlamentswahl tun können.“

Im Abbasija-Viertel, wo am Vortag brutale Schläger auf Demonstranten verschiedener politischer Bewegungen losgegangen waren, bildeten die Anwohner nach Angaben von Augenzeugen eine Bürgerwehr. Diese will verhindern, dass bewaffnete Provokateure erneut ins Viertel eindringen. Vor der Universität Ain Schams protestierten Anhänger des radikalen Salafistenpredigers Hasim Abu Ismail gegen dessen Ausschluss von der Präsidentschaftswahl.

Krankenhausärzte hatten nach den Straßenschlachten am Mittwoch zunächst von elf Todesopfern gesprochen. Zu den Getöteten gehören Mitglieder der revolutionären Jugendbewegung 6. April und ein Unterstützer des islamistischen Präsidentschaftskandidaten Abdul Moneim Abul Futuh. Das teilten die Bewegung und das Wahlkampfteam von Abul Futuh am Donnerstag mit.

Präsidentschaftskandidat Amre Mussa erklärte, die Sicherheitskräfte hätten tatenlos zugesehen, wie die Menschen sich gegenseitig umbringen. Dies sei nicht akzeptabel. Der Ex-Außenminister und frühere Generalsekretär der Arabischen Liga rief gleichzeitig die Islamisten auf, ihre Konfrontation mit der Übergangsregierung zu beenden und selbst Verantwortung zu übernehmen. Die islamistischen Parteien haben im Parlament seit der ersten Wahl nach dem Rücktritt von Mubarak die Mehrheit. Seine Erklärung schloss Mussa mit dem Satz: „Nieder mit der Herrschaft des Chaos!“

Die Ägypter sollen am 23. Mai einen neuen Präsidenten wählen. Mussa ist einer von insgesamt 13 Kandidaten. Für diesen Freitag sind in Kairo Demonstrationen gegen den Obersten Militärrat geplant.

 

3. Sanaa (AFP) –  Bei Gefechten im Süden des Jemensind am Donnerstag nach Regierungsangaben acht mutmaßliche Mitglieder des Terrornetzwerkes Al-Kaida getötet worden. Mehrere weitere Kämpfer seien bei den Gefechten in der Provinz Abjan verletzt worden, teilte das Verteidigungsministerium in Sanaa auf seiner Internetseite mit. Die Soldaten hätten einen Angriff von Al-Kaida auf einen ihrer Stützpunkte abgewehrt.

Bereits am Montag starben in der Nähe der Stadt Loder in der Provinz Abjan mindestens 21 Menschen, darunter 18 Al-Kaida-Kämpfer, wie ein örtlicher Beamter mitteilte. In der strategisch wichtigen Stadt liefern sich Regierungssoldaten und Aufständische seit Anfang April Gefechte. Aufgrund ihrer Lage in den Bergen bietet die Stadt Schutz vor Luftangriffen oder Artillerie-Beschuss vom Meer.

Im August 2010 hatte Al-Kaida vorübergehend die Kontrolle über Loder übernommen, wurde dann aber von Regierungstruppen wieder aus der Stadt vertrieben. In den vergangenen Monaten hatten die islamistischen Rebellen ihre Macht im Süden des Jemen ausweiten können.

 

 

4. Ramallah (AFP) – Der Hungerstreik der in Israelinhaftierten Palästinenser hat sich weiter ausgeweitet. Inzwischen verweigerten 1550 Palästinenser die Nahrungsaufnahme, sagte die Sprecherin des israelischen Justizvollzugs, Sivan Weizman, am Mittwoch. Zwei Tage zuvor hatte sie die Zahl noch mit 1450 angegeben. Zwei palästinensische Gefangene, Bilal Diab und Thaer Halahla, leiteten die Protestbewegung bereits vor mehr als zwei Monaten ein. Der Oberste Gerichtshof Israels sollte sich am Donnerstag mit dem Fall der beiden Gefangenen befassen.

Diab befinde sich inzwischen im Krankenhaus, weil er in der Haft „bei seinem Gesundheitszustand nicht mehr angemessen versorgt werden konnte“, wie Weizman sagte. Der Anwalt Dschawad Bulos, der den Häftling am Mittwoch besuchte, sagte, Diab sei an sein Bett gefesselt und werde von vier Aufsehern bewacht. Der Hungerstreik richtet sich vor allem gegen die sogenannte Verwaltungshaft, die es Israelerlaubt, Häftlinge unbegrenzt ohne Erhebung einer Anklage festzuhalten. Insgesamt sitzen in israelischen Gefängnissen rund 4700 Palästinenser ein, davon 310 aufgrund der Regelungen zur Verwaltungshaft.

 

 

5. Amerika  (New Yorker) –  „Die Masseneinkerkerung in einer noch nie dagewesenen Grössenordnung in der Geschichte der Menschheit, ist eine fundamentale Tatsache unseres Landes heute. Insgesamt sind mehr Menschen unter ‚Justizaufsicht‘ in Amerika – mehr als 6 Millionen – als in den Gulags unter Stalin zum damaligen Höhepunkt.“

Ist das eine völlige Übertreibung? Schauen wir uns die Fakten an. Pro 100’000 Einwohner gibt es 760 Gefangene in den Vereinigten Staaten. Das ist 4 bis 10 Mal mehr als in den anderen westlichen Industrie- nationen. Japan hat 63 pro 100’000, Deutschland 90, Frankreich 96 und Grossbritannien – einer der meisten – 153!

Laut Wikipedia befanden sich 2008 über 2,4 % der Bevölkerung der USA entweder im Gefängnis (2,3 Millionen) oder sie waren zur Bewährung (4,3 Millionen) oder zur Haftaussetzung (0,828 Millionen) auf freiem Fuss. Insgesamt waren also 7,4 Millionen Menschen unter Justizaufsicht, viel mehr als von Gopnik angenommen. Er untertreibt damit. Bis zum Jahr 2011 stieg die Zahl der Gefangenen auf über 2,4 Millionen. Damit stehen die Vereinigten Staaten im Verhältnis von Gefängnisinsassen zur Einwohnerzahl mit Abstand weltweit an der Spitze.

Dieser sehr grosse Unterschied an Gefängnispopulation zwischen den USA und den Rest der Welt fand in den letzten 30 Jahren statt. Anfang der 80-Jahre lag die Anzahl Gefangener noch bei 150 pro 100’000. Seitdem hat sich die Zahl mehr als vervierfacht. Was ist passiert, dass Millionen von Amerikaner in die Gefängnisse verfrachtet werden?

In Prinzip sind es drei Gründe:

– Die „three strikes and you are out“ Gesetzesänderung. Bedeutet, nach einer dritten Straftat wird man automatisch zu einer drakonischen langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Das heisst, 10 bis 20 Jahre, auch wenn es nur eine „Bagatelle“ wie Ladendiebstahl ist.

– Der sogenannte „Krieg gegen Drogen“. Die Verurteilungen wegen Drogenbesitz, meistens nur Marihuana, ging von 15 pro 100’000 im Jahre 1980 auf 148 hoch, eine Verzehnfachung. Mehr als die Hälfte der Insassen in Bundesgefängnissen sitzen wegen Drogendelikten drin. Im Jahre 2009 wurden alleine 1,66 Millionen Amerikaner deswegen verhaftet und angeklagt. 4 von 5 nur wegen dem Besitz von einigen Gramm und nicht wegen Handel. Deshalb verlangen viele die Legalisierung von Marihuana.

– Die Wahlen und die Privatisierung der Gefängnisse. Politiker aller Parteien haben sich als hart im Kampf gegen die Kriminalität ausgegeben, um gewählt zu werden. Es wurden eine ganze Reihe von Gesetze verabschiedet, die schon bei geringsten Vergehen eine Gefängnisstrafe nach sich ziehen. Und wie bei allem ist es auch wegen dem Geld. Viele Staatsgefängnisse werden mittlerweile duch Privatfirmen betrieben. Es ist ein Wirtschaftsfaktor geworden, der auch noch Arbeitsplätze schafft, speziell in Gebieten wo es wenige gibt. Es soll sogar Fälle geben, wo Richter für jede Verurteilung eine Provision von den privaten Gefängnisbetreibern bekommen. Der Anreiz zu einer Verdonnerung bei den kleinsten Delikten ist dadurch sehr gross.

Die Unterbringung von Gefangenen ist in Amerika ein gigantisches Geschäft geworden, eine ganze Industrie ist entstanden, die ständig Nachschub an Gefangenen benötigt. Und wer zahlt das? Der Steuerzahler natürlich. Das Anwachsen der Ausgaben für Gefängnisse haben sich im Vergleich zu denen für die Schulbildung versechsfacht in den letzten 20 Jahren.

2011 gab der Bundesstaat Kalifornien fast 10 Milliarden Dollar für Gefängnisse aus, im Vergleich zu 5,7 Milliarden für Schulen und Universitäten. Seit 1980 hat Kalifornien nur eine neue Universität errichtet, aber dafür 21 Gefängnisse. Ein Student kostet dem Staat 8’667 Dollar pro Jahr; ein Gefangener aber sagenhafte 45’000 Dollar!

Und? Hat dieses harte Vorgehen etwas gegen die Kriminalität bewirkt? Nicht bei den Gewaltdelikten. Trotz Todesstrafe liegt die Anzahl Morde in den USA bei 5,22 pro 100’000 im Jahre 2008, im Vergleich zu Deutschland mit 0,8, Schweiz 0,72 und Österreich 0,58. Es werden zwischen 7 und 10 Mal mehr Morde in den USA begangen, obwohl man in den meisten Bundesstaaten auf dem elektrischen Stuhl landet oder mit der Griftspritze hingerichtet wird.

Adam Gopnik schreibt in seinem N.Y.-Artikel „Die Käfighaltung von Amerika – warum sperren wir so viele Leute ein?“, die grosse Anzahl an Gefangenen hat auch mit Rassismus und Armut zu tun. Für viele Delikte, für die reiche Weisse freigehen, werden arme Schwarze ins Gefängnis geschickt.

„Für viele arme Menschen in Amerika, speziell arme schwarze Männer, ist Gefängnis ein Teil ihres normalen Lebens, so wie die Schule und Universität für reiche Weisse. Mehr als die Hälfte aller schwarzen Männer ohne Hauptschulabschluss gehen ins Gefängnis irgendwann im Leben. Masseneinkerkerung in einer Grössenordnung ohne Beispiel in der Menschheitsgeschichte, ist eine fundamentale Tatsache in unserem Land, so wie die Sklaverei es 1850 war.

Die Wahrheit ist, es sind mehr Schwarze im Griff des Justizsystems, im Gefängnis, auf Bewährung oder bedingte Strafausetzung, als während der Sklavenzeit. Insgesamt sind mehr Menschen unter ‚Justizaufsicht‘ in Amerika – mehr als 6 Millionen – als in den Gulags unter Stalin zum damaligen Höhepunkt. Die Stadt der Gefangegen und Kontrollierten, Lockuptown, ist die zweitgrösste der Vereinigten Staaten.

Die Grössenordnung und die Brutalität unserer Gefängnisse ist der moralische Skandal des amerikanischen Lebens. Jeden Tag wachen mindestens 50’000 Männer – ein vollgefülltes Fussballstadion – neue in Einzelhaft auf, oft in „Supermax“ Gefängnisse, wo sie in kleinen Zellen hausen, niemanden sehen, nicht lesen und schreiben können und nur für eine Stunde pro Tag sich „bewegen“ dürfen. Dazu werden 70’000 Gefangene jedes Jahr vergewaltigt, was als Routine betrachtet wird und Teil der Strafe die man zu erwarten hat.“

Dazu kommt, unter Präsidenten Bush und auch unter Obama noch verstärkt, wurden noch mehr strikte Gesetze verabschiedet und die Rechte der US-Verfassung demontiert, alles mit der Ausrede, es gehe um die Sicherheit und dem „Kampf gegen den Terror“. Die US-Regierung kann mittlerweile jeden den sie dazu bestimmt, ohne ordentliches Verfahren und ohne Beweis der Schuld, unbegrenzt ins Gefängnis werfen.

Dazu kann der Präsident jeden Amerikaner tötenlassen, der nach der Meinung seiner „Sicherheitsberater“ eine Gefahr darstellt. Wurde bereits praktiziert. Das trifft auch für Ausländer zu. Unliebsame Personen werden einfach irgendwo auf der Welt mit sogenannten „Reditions“ entführt und verschwinden in geheimen Foltergefängnisse.

Zu der oben genannten Zahl von 2,4 Millionen Gefangene in Amerika, kommen noch die Hunderttausende in den Ländern dazu, gegen die Amerika Krieg führt, wie die Gefängnisse von Bagram in Afghanistan und Abu Ghraib im Irak, und auch Guantanamo auf Kuba, wo Misshandlungen und Folter an der Tagesordnung sind.

Erwähnt sei ferner ein Fall, wo ein schwarzer Jugendlicher mit seinem Handy zufällig eine Polizistin an einer Bushaltestelle in Los Angeles aufnimmt, die einen 15-Jährigen festhält. Obwohl nur Zeuge, wurde er verhaftet und landete für 8 Monate im Gefängnis, da seine Familie die 155’000 Dollar Kaution, die der Richter festlegte, nicht bezahlen konnte. Ihm wurden 7 Jahre Haft wegen Filmen eines Polizisten angedroht, auch wenn es sich um ein strafbares Fehlverhalten der Polizei handelt.

Wie viele Beispiele und Fakten brauchte es noch, bis die Menschen im Europa und der Welt endlich erkennen, die Vereinigten Staaten sind ein faschistischer Polizeistaat, der nur eines gut kann, Krieg gegen die eigene Bevölkerung und der ganzen Menschheit führen? Das „Land der Freiheit“ ist ein Hollywood-Märchen und hat mit der Realität nichts zu tun.                           (Autor:  Freeman)

 

Beispiel für Social Networks

 

 

 

Natur und Kultur

Im Magazin der Uni Zürich schreibt dazu Rolf Niederhauser:

Vier Jahrhunderte lang organisierte das Abendland sein Wissen zwischen den Polen «Mensch» und «Natur». Rücken an Rücken trieben Natur- und Humanwissenschaften die Erforschung ihrer Gebiete voran. Ihre Erkenntnisse indes wurden vom andern Zwillingspaar der «Moderne», Technik und Politik, in gigantische Strukturen umgesetzt, in denen Naturen und Menschen sich zu neuzeitlichen Minotauren vermischten, für die das «moderne Denken» per Definition blind war. Bis die Monster begannen, beide, Mensch und Natur, in ihrer Existenz zu bedrohen.

In der Agenda des amerikanischen Präsidenten standen zwei Punkte in diesen neunziger Jahren an vorderster Stelle: die Bürgerkriege rund um den Globus und die globalen Probleme mit der Natur. Zwischen Haiti, Los Angeles und dem Balkan auf der einen, El Niño, Ozonloch und Artensterben auf der andern Seite ging es immer wieder um die Frage: Wie lässt sich die «Wolfsnatur» des Menschen noch bezwingen und kultivieren, ohne dass die immense Macht der dadurch entstehenden Zivilisation den Rest der Natur aus allen Bahnen wirft? Statt sich aber, salopp gesagt, um «solche Dinge» kümmern zu können, musste sich der mächtigste Mann der Welt mit der Frage beschäftigen, wie er es mit seiner Triebnatur halte. Eine groteske Situation!

Keine zehn Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion haben jene, die am entschiedensten auf dieses Ziel hingewirkt hatten, nichts Dringenderes zu tun, als die politische Macht des eigenen Landes zu schwächen. Und alle Staatsmänner der Welt müssen dem mächtigsten unter ihnen den Rücken stärken, weil der sich von seinen politischen Gegnern vor der Weltöffentlichkeit blossgestellt sieht. Ist das die «Neue Weltordnung»? Oder die Politik einer Postmoderne, die in der Theorie «Anything goes» predigt, in der Praxis aber «Freeze!» befiehlt? Und warum das betretene Schweigen aller Intellektuellen?

Für Thomas Hobbes, den Begründer der modernen Staatstheorie, wäre der Fall klar gewesen. Gegen alle Einwände, mit denen seine Gegner seit 350 Jahren versuchen, seinen Absolutismus zu widerlegen, würde ihm Clintons Fall klar zeigen, wie berechtigt seine Bedenken gegen die Gewaltenteilung waren. «Im Reich Gottes», beschied er, «mag es drei voneinander unabhängige Personen geben, ohne dass dabei die Einheit des herrschenden Gottes zerbricht; wo aber Menschen herrschen, die den verschiedensten Meinungen unterliegen, ist dies unmöglich.» Auch für ihn war ja der Bürgerkrieg weltweit das zentrale Problem. Und es war unlösbar, solange nicht alle sich freiwillig einer unangreifbar höchsten Gewalt unterordneten.

Dass also irgendein Anwalt ermächtigt wird, gegen den Souverän zu ermitteln, wäre Hobbes absurd erschienen. Sein «Souverän» konnte gar kein Unrecht begehen! Er verfügte per Definition über jenes Recht auf alles, das alle Menschen von Natur aus besitzen und das sie gerade dem Frieden zuliebe an ihn abgetreten haben. Wenn aber ein Volk einen Präsidenten einsetzt und dann einen Anwalt gegen ihn ermitteln lässt, hat es den Zustand des Bürgerkriegs gar nie wirklich hinter sich gelassen. Und ein Anwalt, der zudem auftritt, als handle er im direkten Auftrag Gottes, war für Hobbes schlicht ein «verächtlicher und unmännlicher Charakter».

Sein Argwohn gegen die Gewaltenteilung ging ja so weit, dass er nicht nur die Kirche, sondern selbst jene moderne Wissenschaft dem Staat unterstellen wollte, aus der seine eigene Theorie erwuchs. Denn sein Staat war reine Mathematik. Was Hobbes «Leviathan» nannte, sah er als gigantische Rechenmaschine, in der Menschen als Chips fungierten, deren leidenschaftliches Ringen zu jenem Resultat führte, zu dem Hobbes’ Agumente nur noch den letzten Rechenschritt lieferten. Politik war für ihn ein Algorithmus der Macht zur Erzeugung von Gesetzen. Sobald jedoch nicht alle Rechenschritte integriert waren in ein einziges Programm, generierte die Maschine Chaos. Und einzig die unteilbare «Einheit des Vertreters» machte dieses Chaos des Bürgerkriegs überwindbar.

Hobbes versus Boyle

Wie misstrauisch Hobbes selbst der von ihm verehrten Wissenschaft begegnete, zeigt die Untersuchung zweier Historiker, die 1985 einen Streit zwischen ihm und Robert Boyle rekonstruierten. Hobbes und Boyle, beide waren überzeugt, dass nur Empirie die Haarspaltereien der Scholastik überwinden konnte, die seit Jahrzehnten den Glaubenskrieg schürten. Während für Hobbes aber einzig der Wille des Souveräns wirkungsvolle Gesetze dagegen aufstellen konnte, bestand Boyle auf dem Kriterium der Wahrheit. Nur sollte der Disput ersetzt werden durch das Experiment. Denn wenn er mit einer selbstgebauten Luftpumpe in seinem Labor ein Vakuum erzeugen und den Mitgliedern der von ihm gegründeten «Royal Society» zeigen konnte, wie sich die Dinge der Natur etwa im luftleeren Raum verhielten, mussten die Herren ja nur bezeugen, was sie sahen. Seine eigentlichen «Zeugen» indes waren seelenlose Körper, die «keine parteiischen Informationen vorbringen» konnten, also über jeden Verdacht erhaben waren.

Vor solchen Argumenten aber konnte Hobbes nur warnen. Wenn Boyle glaubte, sich eine Privataudienz bei der Natur zu verschaffen, indem er unter einer Glasglocke Kleintiere erstickte, Kerzen auslöschte oder Hühnerfedern legte, deren Reglosigkeit angeblich bewies, dass es den Ätherwind nicht gab (von dem er persönlich überzeugt war) – nun, der König musste entscheiden, was davon zu halten sei. Wichtig aber war, dass niemand sich auf irgendeine andere Autorität im Staat berufen durfte als jene des Souveräns. Und in diesem Punkt unterschied sich Boyles «Royal Society» in nichts von andern Sekten oder Reformisten. Sie alle waren Viren in Hobbes’ politischem Programm!

Boyle antwortete, indem er seine Methoden verfeinerte, und Steven Shapin und Simon Schaffer zeigen, welch beträchtlichen Aufwand er tatsächlich treiben musste, bis seine Luftpumpe dicht war, welch prekäres und künstliches Unterfangen es war, «die Natur» im Labor zu erzeugen! Ferner weisen sie nach, wie sich Boyles neue Lehrmeinung im Europa des 17. Jahrhunderts präzis mit der Geschwindigkeit verbreitete, mit der seine Labor-Utensilien in Umlauf kamen.

Wenn aber Boyles «Naturgesetze» so eng an die Praktiken und Techniken ihres Nachweises geknüpft waren, warum sollen wir dann an ihre universelle Gültigkeit glauben? War Boyles «Natur» wirklich schon überall da, bevor er und seine Nachfol- ger anfingen, sie zu elaborieren? Hat diese Labor-Natur sich nicht genau wie jede andere Mode ausgebreitet? Und verdankt sie heute ihre Omnipräsenz nicht einzig dem weltweiten Netzwerk von Institutionen, dessen Anfänge sich im Europa des 17. Jahrhunderts aufspüren lassen und in dessen Knotenpunkten Boyles Nachfahren ihre «Natur» praktizieren – nicht anders als Priester oder Schamanen ihren Glauben? Trotzdem und genau wie diese berufen auch sie sich auf eine «höhere» Autorität, um ihr Handeln zu legitimieren.

Wenn aber, fragen Shapin und Schaffer, unser Wissen von der Welt genauso von Handlungsweisen und Entscheidungen abhängt wie die Politik, hatte Hobbes dann nicht recht mit seinem Verdacht, dass Boyle einen Staat im Staat gründen wollte? Und wenn, könnte man hinzufügen, Boyles Hühnerfedern ihn schon so ärgerten, weil die Frage des Ätherwinds nicht im Labor, sondern nur in der Republik zu beanworten war, wie empörte ihn erst, dass heute einer kommen und dem Präsidenten damit drohen kann, notfalls mit Hilfe einer DNS-Analyse zu zeigen, dass jenes zweifelhafte Subjekt, von dem die dunklen Flecken auf dem Kleid einer Frau zeugen, identisch sein müsse mit der Person des obersten Repräsentanten des Volkes. Dummes Zeug! Hat Hobbes nicht von Anfang an geahnt, dass es genau so weit kommen musste?

«Nein, Hobbes hatte nicht recht!»

Das letzte Wort zur Deutung der Vorfälle rund um das Weisse Haus und seine dunklen Flecken soll der Franzose Bruno Latour haben. Ihn hat Shapins und Schaffers Arbeit schon 1991 zu einem Essay angeregt, vor dessen Hintergrund Bill Clintons Fall zugleich als Symptom und Symbol für einen historischen Wendepunkt erscheint.

Boyle und Hobbes haben nach Latours Ansicht um die Modalitäten einer Gewaltenteilung zwischen Wissenschaft und Politik gerungen und damit um die Definition der Zentralachse des «modernen Denkens», zu dessen Fundament sie beigetragen haben. Warum aber den einen gegen den andern ausspielen?

Einerseits war Boyle gerade nicht der reine Naturwissenschaftler, als der er heute erscheint. Wie sehr seine Experimente politisches Engagement waren, zeigen seine Schriften zur Politik, die heute ebenso «unwesentlich» scheinen wie Hobbes’ Studien zur Mathematik. Dabei waren beide sich einig in allem, was den König, das Parlament, die gefügige Kirche und die Glaubenskriege betraf. Einzig in der Frage des Experiments schieden sich ihre Geister.

Und man komme Boyle auch nicht bei, indem man die Künstlichkeit seiner Methode denunziere. Nicht nur war deren Charakter ihm bewusst, sondern auch da war Hobbes mit ihm einig. Wie Gott die Natur erkennt, weil er sie erschaffen hat, erkennen auch wir sie in dem Mass, in dem wir sie künstlich erzeugen können. Boyle wusste, dass seine Fakten konstruiert, dass sie buchstäblich «Tat-Sachen» waren.

Deshalb berief er sich ja auch nie auf deren «Objektivität», sondern auf eine juristische Gesetzesklausel. Wenn zwei Zeugen ausreichten, einen Menschen zu verurteilen, warum sollte das Verhalten unverdächtiger Objekte nicht bezeugt werden können durch eine Gruppe von Männern, deren Zahl sich weit beliebiger vergrössern liess als die der Zeugen vor Gericht.

Damit erfand Boyle aber nach Latours Ansicht ein «Parlament stummer Wesen», deren Verhalten bezeugt wird von einem Gremium, das ebenso in ihrem Namen spricht wie der von Hobbes erfundene Souverän im Namen der Bürger.

Hobbes liess seine Subjekte repräsentieren, weil Chaos ausbricht, wo alle gleichzeitig reden und handeln wollen. Boyle liess seine Objekte repräsentieren, weil sie nicht reden und nur durch ihr Verhalten die Ordnung der Dinge anzeigen konnten. Im übrigen sind beide Erfindungen symmetrisch verzahnt.

«Boyle erfindet einen politischen Diskurs, aus dem die Politik ausgeschlossen werden soll, während Hobbes eine wissenschaftliche Politik ersinnt, aus der die Experimentalwissenschaft ausgeschlossen werden muss. Mit anderen Worten, sie erfinden unsere moderne Welt», sagt Latour. Und deren zentrales Moment besteht für ihn in jener polaren Trennung alles Objektiven von allem Subjektiven, die hundert Jahre nach Boyle und Hobbes vom Kantianismus vollendet wurde.

Erkenntnis, sagt Latour, war zwar immer nur im «Reich der Mitte» zwischen den Polen möglich, bei den «Erscheinungen». Der Kantianismus aber machte die «Dinge an sich» so unzugänglich, wie sich symmetrisch dazu das transzendentale Subjekt unendlich weit von ihnen entfernte. Und allen dialektischen und phänomenologischen Vermittlungsbemühungen der Philosophie zum Trotz wurde der Abstand zwischen den beiden Polen auch nach Kant nur immer grösser.

Soziotechnische Netzwerke

Der Riss beschreibt jedoch für Latour nur die halbe Konstitution der «Moderne». Da die Trennung zwischen dem Subjekt und seinen Objekten noch abgesegnet wurde von einem Gott, der sich in «solche Dinge» nicht einmischte, entfaltete die «Moderne» ein Kritikpotential, das je nach Perspektive alles in Frage stellen konnte.

Wer Götter und Dämonen fürchtete, wurde darüber aufgeklärt, dass diese bloss Einbildungen waren. Wer die Armut beklagte, wurde aufgeklärt darüber, dass das Schicksal der Menschen in ihrer Hand lag. Wer sich aber frei glaubte, wurde aufgeklärt über die Zwänge von Ökonomie und Psychologie. Und so wie jemand sich der Arbeit hingab und dem Konsum, hielt ihm die Kritik den Mangel an politischem Bewusstsein vor. Setzte man aber Hoffnungen in ein politisches Programm, wurde man aufgeklärt darüber, dass das Subjekt nur eine Chimäre der Sprache war.

Diese Kritikkultur nun unterschied das «moderne Denken» von allen Traditionen, die stets penibel darauf geachtet hatten, nach welchen Regeln die Dinge sich ungestraft vermischen liessen. Welche Erde muss mit welcher Art Wasser und Feuer bei welchem Stand der Gestirne mit dem Segen welcher Geister vermengt und welchen Göttern geweiht werden, damit ein gesegnetes Gefäss entsteht?

Solche Umsicht warf die «Moderne» über Bord, indem sie sachliche, menschliche und göttliche Aspekte säuberlich trennte. Und damit ermöglichte sie, meint Latour, die grenzenlose Produktion von Quasi-Objekten, in denen sich Mensch und Maschine, Idee und Materie, politischer Entscheid und physikalische Kausalität zu soziotechnischen Netzwerken verknüpften – Spital und Eisenbahn, Armee und Radio, Atomindustrie und Internet.

Für die Realität dieser hybriden Doppelwesen jedoch war das «modernen Denken» blind, es konnte sie nur als Verunreinigung sehen. Wie das Labor seine Objekte von allem Subjektiven reinigen muss, müssen die poli- tischen Ideen alle objektiven Zwänge überwinden, damit der reine Wille des Subjekts sich durchsetzen kann. Denn wenn Sauerstoff oder Elektron anfangen, als politische Tatbestände zu fungieren, wenn der politische Wille zur biologischen Funktion wird, kann das «moderne Denken» zusammenpacken.

Aber kann es das nicht tatsächlich?

Die Postmoderne ist längst dieser Meinung!

Und Latour widerspricht ihr nur insofern, als sie behauptet, damit sei auch an der ganzen Aufklärung Hopfen und Malz verloren. Damit falle die Postmoderne aber nur auf das Selbstmissverständnis der «Moderne» herein, meint Latour. Denn in der Praxis hätten «die Modernen» Soziales und Physisches, Geist und Materie, Himmlisches und Irdisches nicht weniger vermischt als alle anderen Kulturen auch – nur unkontrollierter! Das reale Problem der «Moderne» bestehe also einzig in ihrer Blindheit für die Realität ihrer «Vermischungspraktiken». Dies allerdings habe dazu geführt, dass die modernen Hybriden heute in derart monströsen Dimensionen die Welt bevölkern, dass sich die schärfste Kritik an ihnen die Zähne ausbeissen muss.

Wer könnte noch entscheiden, ob Physiker, Medien oder Umweltschützer die Natur des Ozonlochs bestimmen sollen? Wie verbindet der globale Waffenhandel soziale, ökonomische, physikalische und biologische Momente? Wie verwandelt die Genmanipulation die Politisierung der Natur in die Naturalisierung der Politik?

«Wir sind nie modern gewesen», lautet Latours Schlussfolgerung wie auch der Titel seines Essays, und was könnte das anschaulicher belegen, als die Krise von Bill Clintons Macht?

Denn plötzlich sind sie alle da: das Internet und die DNS, CNN und die dunklen Flecken, das FBI und die NYT, Pentagon, UNO und die Satelliten, Glasfaserkabel und Börsenkurse, bedrohte Delphine und Regenwälder, muslimische Rebellen und Kalaschnikows, Atomkraftwerke und die Mafia: Sie alle umringen das zweifelhafte Subjekt eines Souveräns, der nicht weiss, wie er all «diese Dinge», die er da rief, je wieder loswerden soll.

Haben sie ihm bisher nicht treu gedient?

Die Subjektivierung des Menschen, sagt Latour (die Vergrösserung seiner Freiräume) liess sich ja nur realisieren durch die Objektivierung der Natur. Nur dank Technik funktionierte der Staat. Das Soziale war auf die Maschinen angewiesen. Und umgekehrt lieferte die Politik die Bedingungen für Labor, Industrie und Markt. Das Problem ist, dass die soziotechnischen Netzwerke einer Eigendynamik gehorchen, die sich der Kontrolle von Wissenschaft und von Politik gleichermassen entzog, weil beide sie gegenseitig nur als «Randbedingungen» sahen.

So wird Bill Clintons Fall zu dem des souveränen Subjekts von Hobbes, das sich dreihundert Jahre lang geweigert hat, seine Abhängigkeit von den Dingen zur Kenntnis zu nehmen: jetzt sieht es sich in sie verstrickt wie der Vogel in die Leimruten, mit denen Hobbes die Sprache der Scholastik verglich. Äusserlich in mehrere Personen zerteilt, sieht sich der «Souverän» auch innerlich jener abgespaltenen Triebnatur ausgeliefert, die Sigmund Freud bei ihm entdeckt hat und die ihn nicht weniger ins Straucheln bringt als die Kybernetik der Medien, der Hormonspiegel seiner Wählerinnen, die Speicherkapazitäten des Internet. Gründlicher kann die «Einheit der Person» nicht mehr demontiert werden.

Trotzdem hält Latour die Situation nicht für aussichtslos, weil nach seiner Diagnose das Ende der «Moderne» nicht jenes der Aufklärung erzwingt. Allerdings nur unter der Bedingung, dass wir uns jenem «Reich der Mitte» zuwenden, das von den Hybriden bevölkert wird. Sie fordern ihr Recht, und ihre Gesetze sind andere als die der reinen Subjekte und Objekte.

«Das Menschliche lässt sich nicht erfassen und retten, wenn man ihm nicht jene andere Hälfte seiner selbst zurückgibt: den Anteil der Dinge», sagt er. Auch die Dinge spiegeln – repräsentieren die Menschen! Und nur eine «symmetrische Anthropologie», die «solchen Dingen» wie dem Ozonloch, den Kurden und den geklonten Schafen parlamentarische Rechte einräumt, kann dem gestrauchelten Souverän wieder auf die Beine helfen.

«Wir haben kaum die Wahl. Wenn wir nicht in ein gemeinsames Haus ziehen, werden wir die anderen Kulturen, die wir nicht mehr beherrschen können, nicht darin unterbringen. Und es wird uns nie gelingen, die Umwelt, die wir nicht mehr meistern können, darin aufzunehmen. Weder die Natur noch die andern werden modern werden. An uns ist es, die Art und Weise unsrer Veränderungen zu verändern. Oder es war umsonst, dass die Berliner Mauer während des wundersamen Jahres der Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution fiel,um uns diese einzigartige Lektion der Dinge über das gemeinsame Scheitern von Sozialismus und Naturalismus zu erteilen.»

Robert Boyles Versuche mit der Luftpumpe beschäftigten Wissenschaftler und Künstler über Jahrzehnte hinweg, auch den englischen Maler Joseph Wright of Derby (1734 bis 1797).

Literatur:

Steven Shapin und Simon Schaffer: Leviathan and the Air-Pump. Hobbes, Boyle and Experimental Life. Princeton University Press 1985.
Bruno Latour: Wird sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Akademie Verlag, Berlin, 1995 (französisches Original 1991).

Erwähnt seien ferner die „Erinnerungen“ von Oliver Sacks: „Onkel Wolfram“, in denen der US-Neurologe an einer Stelle ausführlich auf den Chemiker Robert Boyle eingeht, sowie auf dessen Assistenten Robert Hooke, dem eigentlichen Erfinder der Luftpumpe und Autor des Buches „Micrographia“.  Hooke hatte Newton als wissenschaftlichen Gegner und Boyle wie oben erwähnt Hobbes, wodurch ihre wissenschaftliche Reputation beschädigt wurde. Beide beschäftigten sich zudem lieber mit  luziferischen (luciferous) als mit lukrativen (lucriferous) Dingen.

 

Photo: Mike Duffy via Reiner Jochems

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kommentare

  • Wahlverwandtschaft/Fremdenfreundschaft

    In der Chemo-Autobiographie des Neurologen Oliver Sacks: „Onkel Wolfram“ ist viel von seinem intellektuell-gläubigen Elternhaus in London die Rede, wo fast täglich ein Dutzend oder mehr Verwandte – aus ihrer jüdischen Sippe, die mehr als 100 Personen umfasste – zusammenkamen, dazu zwei bis drei „Fremde“.
    In meinem Elternhaus war es umgekehrt: Vater und Mutter hatten sich durch ihr Künstler-Werden von aller (proletarisch-handwerklich-religiösen) Sippenhaft emanzipiert. Gleichgesinnte, Studenten und Kunstauftragsgeber, das war fortan ihr Freundeskreis, während die Verwandten ihnen mehr und mehr zu Fremden wurden. Ihnen folgend verstehe auch ich mich nicht – im Gegensatz zu meinen proletarischen Freunden z.B. – als „Deutscher“, sondern sehe mich eher als Angehöriger einer Linken, die über die ganze Welt verstreut ist, wobei es egal ist, woher jemand kommt, wichtig ist seine Weltsicht bzw. In-der-Welt-Sein, um von mir z.B. als „Freund“ geschätzt zu werden. Mittlerweile wirken „Familienbande“ geradezu „atemraubend“ auf mich und „Mütter“ oft „asozial“ – in dem Sinne, dass ihr Altruismus nicht über ihre Sippe im engsten Sinne hinausgeht. Es gibt dazu eine ganze (dumpf-darwinistische) Forschung, die diesen Glucken-Egoismus als bei Menschen und Tieren vorherrschend zu beweisen sucht. Der Erzdarwinist Dawkins kreierte dazu sogar eine Theorie des „egoistischen Gens“, welches sich partout und schier gegen den Willen des Individuums fortpflanzen will: „Dawkins zufolge lässt sich selbst altruistisches Verhalten von Individuen durch den Egoismus der Gene erklären – Verwandtenselektion. Hilfe unter Verwandten ist ein selbstloser Akt, denn das einzelne Individuum hat dadurch meist keinerlei Vorteile. Für das Gen, welches die Veranlagung zur Verwandtenhilfe festlegt, kann es jedoch unter bestimmten Bedingungen durchaus günstig sein, das andere Individuum zu retten. Denn unter den engsten Verwandten (Eltern, Kindern, Geschwistern) beträgt die Chance, dass der andere das gleiche Gen trägt, 50 Prozent. Wenn also die Gefahr oder der Schaden für den Helfer weniger als halb so groß ist wie der Gewinn für den Empfänger, wird sich auf diese Weise das Gen stärker verbreiten. Denn im Mittel werden dann über die Generationen mehr Kopien des Gens erhalten“. (Wikipedia)

    Lassen wir diese „abstrakte Logik“ beiseite, denn immerhin kennen viele „Völker“ die Gastfreundschaft. Der Gast – lateinisch: hostis – bedeutet jedoch zugleich auch Feind. Er genießt Gastfreundschaft nur so lange er sich an die Regeln und Sitten des Gastgebers hält. Der georgische Philosoph Giorgi Maisuradze nennt es „eine Art Ehrengefangenschaft“. Die Sowjetunion kreierte daneben noch die „Völkerfreundschaft“. Sie erwies sich jedoch ebenfalls als eine Art „Ehrengefangenschaft“ – spätestens als der große Gastgeber – der Georgier Stalin – starb. Mit der Abkehr vom Personenkult Stalins durch den 20. Parteitag der KPDSU (1956) kam es in Georgien zu den „ersten öffentlichen Massenprotesten in der Geschichte der UDSSR, die am 9.März blutig niedergeschlagen wurden,“ schreibt Maisuradze in „Die Familienmetaphorik der sowjetischen Völkerfreundschaft“. Sein Text wurde 2011 als Teil des Forschungsvorhabens „Freundschaft: Konzepte und Praktiken in der Sowjetunion und im kulturellen Vergleich“ veröffentlicht – in der PrePrint-Reihe „Interjekte“ des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), man findet sie im Internet.

    In einem Rundfunkvortrag über Krebs und seine Heilung umriß der Chirurg Ferdinand Sauerbruch diese Krankheit einmal als zelluläres Aufgeben des „Grundsatzes der Gegenseitigkeit, des Altruismus“ – infolge nicht mehr mit anderen Organzellen koordiniertes, „hemmungsloses“ und „rücksichtsloses Wachstum“. Sauerbruch begriff den Organismus als eine Art Zellstaat, der dadurch angegriffen wird. Ihm taten es 1970 einige Embryologinnen des Pariser Luis-Pasteur-Instituts nach, als sie von der zellulären Analogie zwischen einem Krebs und einem Fötus sprachen. Beiden gelänge es auf ähnliche Weise, das Immunsystem der Mutter zu blockieren und immer weiter zu wachsen. Im ersteren Falle entstehe daraus Anarchie, im letzteren ein neuer Staat. Der Krebs macht sich überdies auch im Metaphorischen bemerkbar: Vom „Krebsgeschwür Konzern“ spricht z.B. der Autor Harald Frey in seinem gleichnamigen Wirtschaftsbuch. Vom „Krebsgeschwür Staat die „www.propagandafront.de.
    Schon der liberale Hygieniker Rudolf Virchow, Entdecker des Blutkrebses (Leukämie), schrieb in seinem ersten Text [für die „Baltischen Studien“]- über die Geschichte seiner pommerschen Heimat: „Wer freute sich daher nicht ob der Reformation [die 1538 in seinen Geburtsort Schivelbein kam], welche endlich diesen faulen Krebsschaden [gemeint sind die katholischen Mönche] aus dem gesunden Staatsleben entfernte und die toten Schätze weniger Faulenzer in die befruchtenden Kanäle der Volkswirtschaft zurückführte…“

    Gilt für das soziale was auch für das individuelle Leben Gültigkeit hat: Dazu sei zum Einen der Film „Organismus Stadt und die Neurobiologie des Altruismus – Warum Fürsorge, Mitgefühl und soziale Gerechtigkeit überlebenswichtig sind“ erwähnt, In der der Neurobiologe Gerald Hüther die Hauptrolle spielt. Und zum Anderen auf die chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela hingewiesen, sie prägten den Begriff der Autopoiese (griech. autos = selbst; poiein = machen). Die autopoietische Organisation besagt laut Stephan Krall, „dass sich Lebewesen quasi ständig selbst erzeugen. Sie sind von ihrer Umwelt klar abgegrenzte aber offene Systeme mit einem extrem hohen Organisationsgrad. Diesen müssen sie ständig durch Aufnahme neuer Ordnung aufrecht erhalten, um dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik (Entropiezunahme) entgegenzuwirken. Krankheiten stellen einen Verlust an Ordnung dar, eine Zunahme der Entropie. Wird der Ordnungszustand im Körper zu klein, so kann das komplizierte System nicht aufrecht erhalten werden und der Tod tritt ein.“

    Der Biologe Stephan Krall kommt von da aus auf einen russischen Biologen zu sprechen: „An dieser Stelle sei noch auf einen im Westen leider nicht mehr sehr bekannten russischen Wissenschaftler hingewiesen, Vladimir Vernadsky (1863-1945). Vernadsky war sich einerseits natürlich auch im klaren, dass Leben von seiner nicht belebten Umwelt klar abgegrenzt ist und nur aus sich selbst erzeugt wird. Andererseits wirft er erstmals die These auf, dass Leben auf das Engste mit seiner unbelebten Umwelt, der Erdkruste verwoben ist und diese genauso formt, wie es durch diese geformt wird. Es ist kein externes oder zufälliges Phänomen der Erdkruste, sondern lebende Materie. Eine These, die viel später dann zum Gaia-Prinzip von James Lovelock führte. Bedeutend scheint mir daran das Verständnis, dass Leben von dem ihn umgebenden Raum nicht getrennt betrachtet wird. Dies wird wichtig, wenn wir uns die Frage stellen, ob Leben ein Phänomen ist, das es in diesem Weltall nur per Zufall gibt, oder es integral dazu gehört.“

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