Kairo-Virus 148

„…die Pyramiden Ägyptens schaukeln mit dem Ganzen und in sich. Selbst die Beständigkeit ist bloß ein verlangsamtes Schaukeln.“ (Michel de Montaigne)

 

 

3  franz. Poller in der Stunde zwischen Hund und Wolf

 

 

Im Verlag Association A haben Peter Birke und Max Henninger 12 Beiträge aus „Sozial.Geschichte Online“ veröffentlicht, u.a. von Karl Heinz Roth, Kristin Carls und Silvia Federici, die sich mit den „Krisen-Protesten“ weltweit befassen. Das beginnt mit einem Beitrag von Helmut Dietrich über „Die tunesische Revolte als Fanal“. Andere Autoren der Aufsatzsammlung thematisieren die Proteste in Griechenland, Spanien, Deutschland und den USA sowie die zweite Generation der Bauernarbeiterinnen im heutigen China.

Daneben sind in der letzten Zeit noch mehrere „Sonderhefte“ erschienen, die sich mit den Arabischen Aufständen – ein Jahr danach – befassen:

Z.B. von der „Zeitschrift für den Orient – Zenith“ – „Was vom Arabischen Frühling bleibt“, ferner von  der Le Monde Diplomatique, vom IZ3W und von der Zeitschrift „Analyse & Kritik“, außerdem gibt es eine Tunesien-Broschüre und eine Syrien-Zeitung von zwei linken Herausgebergruppen.

Die Schweizer WOZ hat ihre Ausgabe vom 10.Mai ebenfalls mit einem Schwerpunkt „Arabien“ gestaltet. In ihrer Literaturbeilage hat die Lyrikerin Johanna Lier einen Text über persische bzw. arabische Dichterinnen veröffentlicht:

Die Ameisen verstehen, die unterm Stuhl durchkriechen

Warum wird eine Dichterin im Iran wie eine Ikone verehrt und die moderne Lyrik im Westen derart ­vernachlässigt? Worin läge denn die subversive Kraft eines Gedichts? Gedanken einer Lyrikerin auf dem Hintergrund von Erfahrungen auf verschiedenen Kontinenten.

Als ich mich vor zwölf Jahren während eines Jahres immer wieder im Iran aufhielt, erzählte mir eine Freundin folgende Geschichte: «Du triffst zwei Iraner, einer von ihnen ist mit Sicherheit ein Poet. Als 1999 die Studentenzeitung ‹Sa­daan›, in der ausschliesslich Gedichte publiziert worden waren, verboten wurde, demonstrierten die Studenten zu Tausenden. Die Polizei marschierte auf, schoss, und einer der Demonstranten starb. Er war selbstverständlich ein Poet.»

Die leicht ironisch ­erzählte Episode unterstrich, was mir täglich begegnete: eine ungewohnte Freude und fast schon irritierende Verehrung, die mir entgegengebracht wurde, wenn ich erwähnte, dass ich Gedichte schriebe. Ich weiss nicht mehr, wie das jeweils zustande gekommen ist, erinnere mich aber, dass sich solche Gespräche beim Kauf eines Leber­spiesschens, beim Auftanken des Autos, beim Teetrinken im Teehaus oder während einer Taxifahrt ergeben konnten.

Ich erinnere mich auch, dass wir Freund­Innen eingeladen hatten und sich nach dem Mittagessen Gespräche über Gedichte und ­Poesie im Allgemeinen bis in die Abendstunden hinzogen. Das kann nicht nur der Gewohnheit, auf dem Boden zu essen und sich danach auf den Kissen auszustrecken, zugeschrieben werden – obwohl ich zugeben muss, dass sich in solcher Lage entschieden länger und entspannter reden lässt.

Den Namen Forugh Farrokzhad hörte ich zum ersten Mal, als ich mit einem befreundeten Galeristen in Isfahan in einem dieser grässlichen Staus feststeckte. Um uns liessen Menschen ihre Wut an ihren Hupen aus, schossen in jede sich öffnende Lücke, um dann hoffnungslos für Stunden ineinander verkeilt zu sein. Hadi zeigte sich angesichts der Verkehrslage gelassen, jedoch wegen meines Unwissens entsetzt. Westliche Ignoranz! Anders vermochte er meine Unkenntnis nicht einzuordnen.

Was ich dann entdeckte, verblüffte mich: Forugh Farrokzhad war eine Dichterin, die 1965 im Alter von 32 Jahren mit ihrem Cabriolet gegen eine Wand fuhr. Eine Dichterin, die auch von der heutigen Jugend im Iran in einer Weise verehrt wird, wie es sich mancher Popstar kaum zu erträumen wagt.

In der Folge machte ich mich auf, herauszufinden, wie es kommt, dass eine Dichterin zur Ikone, ja geradezu zur Göttin avanciert war, deren Gedichte das Leben unzähliger Menschen beeinflusst, wenn nicht sogar verändert hatten. Unglückliche Liebe, mysteriöser Tod, Scheidung, das Sprechen über den weiblichen Körper und über Sex, Einsamkeit, Hoffnung und deren Verlust: Dies waren die Ingredienzen und auch die Themen ihrer Popularität – eine Frau auf der Schwelle zwischen Tradition und Mo­derne. Junge Mädchen verkleistern heute noch ihre Zimmerwände mit den Plakaten dieser Dichterin, deren berühmtestes Gedicht den wunderschönen Titel «Let Us Believe in the Beginning of the Cold Season» trägt und deren Lyrik in ganze Generationen von Schulmöbeln geritzt worden ist.

Vereinzelte Betretenheit

Eine andere Erfahrung machte ich vor acht Jahren, am Festival Internacional de Poesía de Rosario, einer Stadt dreihundert Kilometer nördlich von Buenos Aires. Nach der Lesung eines älteren Dichters brach unter den rund 200 konzentriert lauschenden ZuhörerInnen frenetischer Applaus aus. Eine Stunde später las ein junger Dichter aus Buenos Aires vor höchstens zwanzig Leuten, von denen mindestens die Hälfte verärgert das Gesicht verzog. Zu unserem Erstaunen erfuhren wir später, dass der erfolgreiche Dichter Epen vorgetragen hatte, die vom argentinischen Unabhängigkeitskrieg aus dem 19. Jahrhundert erzählten, der junge Dichter jedoch moderne Lyrik. Des Spanischen nur mangelhaft mächtig, erinnere ich mich lediglich an die unterschiedlichen Rhythmen der Vorträge und die völlig unterschiedlichen Reaktio­nen des Publikums.

Bereits im Iran hatte mich Farzaneh ­Amiri – die Dichterin, die sich in ihrem Zimmer in ­ihrem Haus in Teheran einschloss, ihr Bett kaum noch verliess und umgeben von Büchern und Zeitungen ihre Tage in weichen Kissen und Decken verbrachte – darauf aufmerksam gemacht, dass die übergrosse Liebe zur Dichtung in ihrem Land vor allem dem Umstand geschuldet sei, dass auch junge Leute immer noch im Stil des grossen Hafes (um 1320–1389) oder des Mystikers Rumi (1207–1273) zu dichten pflegten. Und sie zitierte einen jungen Freund, der soeben ziemlich heftige Polemiken in der lokalen Literaturszene ausgelöst hatte: «Wir gehen neue Wege. Wir bauen die Sprache um. Wir wissen nicht, wohin es führt. Und wir verstehen die Klassiker nicht. Revolu­tion. Krieg. Sollen wir unsere Eltern kopieren? Sie sind uns kein Vorbild. Wir gehen auf die Strasse, hören zu und schreiben in der Sprache der einfachen Leute. Gut, wir werden nicht gelesen. Und unsere Gedichte verstehen wir selbst nicht. Wir sind faul, rauchen und trinken. Einige werfen uns vor, wir würden uns gegenseitig mit leerem Geschwätz langweilen.» Farzaneh bemerkte müde, das sei das Ende der iranischen Lyrik, die PoetInnen würden von nun an gehasst, und deshalb habe sie beschlossen, das Bett nicht mehr zu ver­lassen.

Beim Aufhängen der Wäsche

Das Gedicht sei jedoch weiterhin die Königsdisziplin der Literatur, hört man immer wieder. Doch gibt es kaum Leute, die es lesen wollen. Eine Beurteilung, die vor allem auf das moderne Gedicht zutrifft, das sich weitgehend aus den Verpflichtungen gelöst hat, sich an das Metrum zu halten, Teil von nationalen Ereignissen zu sein oder kulturelle und religiöse Mythen zu transportieren. Der südafrikanische Dichter Lesego Rampolokeng schilderte mir, wie bei der Feier zu Nelson Mandelas neuer Präsidentschaft mehrere Dichter in Johannesburg ins ­Stadion einzogen und Mandelas Sieg in Versen zelebrierten, sie tanzten und sangen wie zu Sapphos altgriechischen Zeiten.

Aber eben – diese Zeiten sind vorbei. Und so beklagt sich etwa der deutsche Dichter Gerhard Falkner: «Wer von sich sagt, er sei Dichter, oder in Gottes Namen Lyriker, und die Betretenheit nicht spürt, die er damit auslöst, sollte dafür weniger seinem Selbstbewusstsein den Dank abstatten als viel eher seiner Dick­felligkeit.»

Worin liegt denn aber die Krise des modernen Gedichts? Ist es, «dass die Leute von der Lyrik eingeschüchtert sind», wie die US-amerikanische Lyrikerin Cynthia Atkins bemerkt? Ist es, weil es die Rolle der Poesie sei, alternative Sprachsysteme zu produzieren und stärkstmögliche Intimität zu erzeugen, wie Joachim Sartorius festhält? Oder ist es, weil die DichterInnen zu viel wollen? Zu Grosses? So schrieb die argentinische Dichterin Olga Orozco: «Der Dichter glaubt, über fast magische Kräfte zu verfügen. Er versucht, die verborgenen Bezirke, die unaussprechlichen Wünsche und die riesigen Steinbrüche des Traums zu erforschen. Er trachtet danach, die Harnische des Vergessens aufzubrechen, den Wind und die Gezeiten anzuhalten, die Zukunft zu erfahren, zwischen den Toten zu leben. Er versucht, die Perspektive zu verändern, die Mächte zu schwächen, die ihn letztlich zum Schweigen bringen.» Im Grunde sind das hochpolitische Eigenschaften, die dem modernen Gedicht zu­geschrieben werden – dem Gedicht, das als das Unpolitische schlechthin gilt.

Und so machte ich mich vor acht Jahren in Buenos Aires auf, argentinische DichterInnen zu befragen, wo sich das Gedicht im Verhältnis zum Ökonomischen und Politischen befinde, wo allenfalls die subversive Kraft des modernen Gedichts zu finden sei. Ich wurde fündig: Alle tun sie das zwar, was man von DichterInnen erwartet. Sie suchen Inspiration bei einsamen windigen Spaziergängen am Meer wie Irene Gruss, warten, bis die Nacht hereinbricht, um die Stille der Dunkelheit zu nutzen wie Héc­tor Miguel Ángeli, schnappen Gesprächsfetzen im Supermarkt auf wie Alicia Genovese, oder sie entdecken beim Wäscheaufhängen hoch über den Dächern der Stadt, wie Liliana Lukin, dass einem Gedicht­fetzen Vögeln gleich zufliegen – aber alle sind sie sich einig, dass die subversive Kraft des Gedichts gerade darin liege, dass es sich radikal den ökonomischen Gesetzen des Markts verweigere.

Was aber macht den schon fast mythischen Erfolg von Forugh Farrokzhad aus? Weder ist ihr Werk traditionell, noch verhält es sich irgendwie zum Markt. Ich bin dem Über­setzer, der einige meiner Gedichte ins Arabische übersetzt hat, dankbar, dass er mir einen Aspekt aufgezeigt hat, worum es bei der Lyrik auch gehen könnte: Als ich mich nach der Lesung in Tunesien mit einem begeisterten Zuhörer konfrontiert sah, der überschwänglich von meinen Gedichten sprach, ich aber beim besten Willen nicht verstand, wovon er redete, fragte ich den Übersetzer, was er eigentlich übersetzt habe. Darauf er­klärte er mir liebenswürdig, es ginge nicht in ers­ter Linie um das Gedicht. Er wies auf mein Bild, das im Programmheft abgebildet war. ­Seine Aufgabe sei es, das Gedicht so zu übersetzen, dass es den Erwartungen entspräche, die mein Porträt beim Betrachter erweckte. Als ich Genaueres über diese Erwartungen wissen wollte, meinte er ungehalten: «Ja, was denn! ­Liebe und Sex!»

Die Welt im Innersten

Die Kraft der Forugh Farrokzhad liegt anderswo. Der portugiesische Schriftsteller Fer­nando Pessoa sagte einmal, er brauche nur lebenslang vor seiner Haustür zu sitzen und die Ameisen zu studieren, die unter seinem Stuhl durchkröchen. Habe er eine von ihnen verstanden, offenbare sich ihm die ganze Welt. Oder eine Freundin erzählte, sie habe Mascha Kaléko gelesen, die in einer Art und Weise banalste Alltagsangelegenheiten aufzeichnete, dass man meine, die Welt in ihrem Innersten zu verstehen. Die Dichterin Lavinia Greenlaw spricht vom Wachsen und Sterben in der Wüste, «nichts zu tun, ausser Blumen zu fotografieren / die diese wahnwitzigen Bedingungen ausnutzen / zum Wachsen und Sterben …», und erinnert damit an Marcel Reich-Ranicki, der berichtete, dass es Gedichte gewesen seien, die ihm die Kraft verliehen hätten, im Ghetto zu überleben.

Joachim Sartorius hingegen hält fest, dass man in der neuen Poesie viel über die Autonomie der eigenen Sprache «und somit über die Möglichkeit, eigensinnig in der Welt zu sein», erfahre. Immanuel Kant sprach vom Erhabenen: dem Unaussprechlichen, dem Unfassbaren, das einem den Atem raubt, die Worte stiehlt, die Gedanken zerstieben lässt – das einen sprachlos lässt. Und Jean-François Lyotard fügte an, dass es einer reduzierten Form bedürfe, die innerhalb der Begrenzung menschlicher Sprachfähigkeit versuche, dieses Unfassbare «denkbar» zu machen: im Bild einer Ameise. Oder einer Katze. Oder eines Kusses. Nicht mehr und nicht weniger. Das könnte ein gutes Gedicht sein.

Und wenn Sie das nächste Mal spontan sagen: «Oh, das ist schön!» – dann hat das Gedicht seine Bestimmung gefunden.

 

 

2 Natur-Waldpoller

 

 

 

In der selben WOZ-Ausgabe findet sich außerdem ein Beitrag von Roland Merk:

Das Dach über dem Kopf des Poeten ist der freie Himmel

Ganze Fussballstadien füllten der Palästinenser Mahmud Darwisch oder der Syrier Nizar Kabbani, und auch auf dem Tahrirplatz rezitierten DichterInnen vor Hunderttausenden. Dass Lyrik im arabischen Sprachraum noch etwas zu sagen hat, ist einer Moderne geschuldet, die klaffende Wunden schlägt.
(Merks Text dazu gibt es bisher nur Offline)

Ebenso populär wie die oben Erwähnten ist der in Köln lebende iranische Sänger Shahin Najafi, gegen den das iranische Ayatollahregime gerade eine Todes-Fatwa erließ.

„Wie ernst man eine solche Fatwa nehmen muss, zeigt der Fall des aserbaidschanischen Journalisten Rafik Taki, der im November 2011 erstochen wurde. Zuvor hatte ihn der inzwischen verstorbene Großajatollah Fazel Lankerani in einer Fatwa für todeswürdig erklärt. „Sehr ernst“ nimmt deshalb auch die Kölner Polizei die Bedrohung; die Gefahrenanalyse werde „ständig aktualisiert“, sagte eine Behördensprecherin am Montag der taz. Ob und inwiefern der Iran in dieser Frage schon kontaktiert wurde, konnte sie nicht sagen.“

Für die F.R. interviewte Jutta Gerlach die syrische Bloggerin Razan Zaitouneh:

Frau Zaitouneh, der Sacharow-Preis des EU-Parlaments 2011 hat Sie international bekannt gemacht. Gibt Ihnen das Schutz, oder macht es Sie erst Recht zur Zielscheibe?

Niemand in diesem Land hat irgendwelchen Schutz.

Beschreiben Sie uns bitte den Alltag in Syrien.

Ich bin in Damaskus und lebe, wie ich es in den vergangenen zwölf Monaten getan habe: im Versteck, in relativer Sicherheit. Ich kann nicht für Menschen sprechen, die in Homs, Idlib oder Hama und sogar in manchen Vororten von Damaskus jeden Tag die Hölle erleben. Die Gewalt des Regimes dauert an, täglich sterben Menschen, es ist ein Belagerungszustand, es gibt kaum medizinische Versorgung und zu wenig Essen. In Damaskus sieht man tausende Familien, die aus ihren Städten geflohen sind. Sie haben alles verloren.

Wie sehen Sie die Haltung der Weltgemeinschaft?

Die Geschichte wird sich daran erinnern, dass die Weltgemeinschaft nichts getan hat, um unser Volk zu retten. Es wird auch ein für alle Mal klar, dass all die hehren internationalen Prinzipien nichts als Müll sind. Sie zählen nichts mehr, sobald politische und wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen.

 

Die bei Assad akkreditierte JW-Korrespondentin berichtet dagegen vom wunderbaren Wahlkampf des dortigen Schweinesystems.

Der österreichische „Standart“ meldet derweil, dass die Kämpfe gegen das syrische Regime auf den Libanon übergreifen:

Am Sonntag wurden im Libanon zwei Menschen bei Kämpfen zwischen libanesischen Anhängern und Gegnern des syrischen Alawitenregimes unter Bashar Al-Assad getötet.

In der Hafenstadt Tripoli lieferten sich den Angaben zufolge Kämpfer aus dem Alawitenviertel Jabal Mohsen Gefechte mit Kämpfern aus dem Sunnitenviertel Bab al-Tabbanih. Dabei seien Granatwerfer und Schusswaffen eingesetzt worden. Einer der Toten sei Opfer eines Heckenschützen geworden. Die Sunniten stellen in Syrien einen Großteil des Widerstands gegen Assad.

Auch in Syrien selbst kam es am Sonntag wieder zu tödlichen Zwischenfällen. Mindestens drei Menschen seien bei Damaskus von Soldaten getötet worden, berichteten syrische Oppositionelle. Zwei der Opfer seien Zivilisten gewesen. Zudem sei ein Deserteur der Streitkräfte bei einem nächtlichen Feuergefecht von Oppositionellen mit Regierungstruppen erschossen worden.

 

Der Spiegel berichtet, dass einige Syrerinnen sich jetzt in ihrer Not an „Die Frau des Schlächters“ – Asma al-Assad – gewandt haben: Sie soll das Schuheeinkaufen in London sein lassen und sich endlich den Problemen ihres Landes/Mannes zuwenden – so ungefähr.

 

 

Englische Pollerwache in Alexandria

 

 

Das Deutschlandradio Kultur meldete:

Ein ägyptisches Gericht hat das Kopftuchverbot aufgehoben, das beim Staatsfernsehen galt. Wie der Sender mitteilte, entschieden die Richter in Alexandria, dass das Kopftuch die Trägerin nicht bei der Arbeit behindert. Geklagt hatte die Moderatorin Lamia Hussein. Sie durfte wegen ihrer Verschleierung seit 2008 nicht mehr im Fernsehen auftreten. Nun erhält sie eine Entschädigung von umgerechnet 2.500 Euro.

Der Direktor der einst weltgrößten Bibliothek – von Alexandrien gibt bekannt:

The New Library of Alexandria, the New Bibliotheca Alexandrina is dedicated to recapture the spirit of openness and scholarship of the original Bibliotheca Alexandrina. Its mission is

to be a center of excellence for the production and dissemination of knowledge, and to be a place of dialogue and understanding between cultures and peoples.

It is our hope that the New Bibliotheca Alexandrina will be a worthy successor to the Ancient Library of Alexandria. That great Library was a unique ecumenical effort of the human intellect and imagination, and remains engraved in the memories of all scientists and intellectuals to this day.

The Ancient Library is undeniably the greatest chapter in the history of Alexandria. Our great city, founded by Alexander and home to Cleopatra, has had a remarkable history of 2300 years. It is a city of living history and renewed imagination that has inspired creative talents from Callimachus to Lawrence Durrell. In addition, the past is suddenly coming alive as underwater archaeology is bringing to light the sunken treasures of Alexandria, capturing the imagination of the world with glimpses of bygone glory.

That is the setting for the New Library of Alexandria. The beautiful new building, with its distinctive granite wall covered by the letters of all the world’s alphabets, is today a recognizable landmark of the new Alexandria.

Before we turn to the future, it is only fitting that we should salute all those whose vision and dreams launched this great enterprise more than quarter-of-a-century ago, from UNESCO to the architects and engineers, and contractors, from the management of the project to the workers who labored in the quarries, from the Associations of Friends of the Library all over the world to the eminent people who served on international commissions, from the generous Government donations to the many individual donations. All must be thanked for having brought us to this important achievement.

The four objectives of the New Bibliotheca Alexandrina is to be:
– The window of the world on Egypt;
– The window of Egypt on the world;
– An instrument for rising to the digital challenge;
– A center for dialogue between peoples and civilizations

 

2 Mitteldeutsche Klapppoller

 

 

In der Mai-Ausgabe der Le Monde Diplomatique berichtet Alaa al-Din Arafat quasi aus dem Innern der ägyptischen Muslimbrüder:

Der Sieg der Parteienallianz bei den ägyptischen Parlamentswahlen war deutlich: Unter der Führung der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei (FJP) der Muslimbruderschaft erhielt sie fast die Hälfte der Stimmen und errang 235 der 508 Parlamentssitze. Auf die salafistischen Gruppierungen entfielen immerhin knapp 30 Prozent, ihr Bündnis entsendet 123 Abgeordnete. Ob die Muslimbrüder den neuen Aufgaben gewachsen sind, die ihnen die Vormachtstellung im Parlament beschert, muss sich aber erst zeigen. Sie können sich nun der tagespolitischen Verantwortung nicht mehr entziehen und werden intellektuelle und politische Richtungskämpfe in ihren Reihen auszutragen haben – stets unter dem Druck der salafistischen Konkurrenz.1

Seit ihrer Gründung durch Hassan al-Banna 1928 hat die Muslimbruderschaft immer wieder Zweckbündnisse mit den Herrschenden geschlossen: Mit König Faruk, der 1936 den Thron bestieg, und ebenso mit Gamal Abdel-Nassers „Freien Offizieren“, die Faruk 1952 stürzten. Ab 1954 stellten sich die Muslimbrüder gegen Nasser (was dieser mit massiver Repression beantwortete); von Nassers Nachfolger Anwar al-Sadat ließen sie sich nach 1970 gegen Nasseristen und Linke instrumentalisieren.

Mit Husni Mubarak, der 1981 zum Präsidenten gewählt wurde, fand die Bruderschaft allerdings nie einen stabilen Kompromiss. Sie wurde weitgehend geduldet, teilweise aber auch massiv unterdrückt und nie offiziell anerkannt. Bei den Parlamentswahlen 2005 kam sie mit ihren offiziell „unabhängigen“ Kandidaten immerhin auf 20 Prozent; bei den Wahlen 2010 verhinderte das Regime ihre Beteiligung. Aus seinen taktischen Bündnissen hat die Bruderschaft nie ein Geheimnis gemacht; Mohammed Mahdi Akef, Vorsitzender von 2004 bis 2010, hat dieses Vorgehen gebilligt. Die Organisation beweist damit ihre Anpassungsfähigkeit, aber sie untergräbt damit auch ihre Glaubwürdigkeit als oppositionelle Kraft.

Auch nach dem Sturz Mubaraks im Februar 2011 und der Machtübernahme durch den Obersten Militärrat (Scaf) blieb die Bruderschaft auf Kompromisskurs. Schließlich hatte sich der Militärrat während der revolutionären Umbrüche ähnlich uneindeutig verhalten wie die Muslimbrüder auch; er entpuppte sich als demokratiefeindlich und rückwärtsgewandt. Doch der Flirt zwischen Scaf und Bruderschaft dauerte nicht lange – inzwischen droht sogar eine ernste Konfrontation. Das hat vor allem drei Gründe: Im November 2011 lehnten die Muslimbrüder den Verfassungsentwurf des damaligen Vizepremiers Ali al-Salmi ab, weil darin die Immunität der Armee für die Zukunft festgeschrieben wurde; außerdem missbilligten sie die Pläne, dem Militär auch in der neuen Verfassung eine politische Sonderrolle zuzuweisen; und auf Druck der Straße forderten sie schließlich, dass Expräsident Mubarak in einem juristisch korrekten Verfahren angeklagt werden müsse. Der Militärrat wollte dagegen einen symbolischen Schauprozess, bei der die Rolle ranghoher Militärs im alten Regime nicht zur Sprache gekommen wäre.

Die Muslimbruderschaft könnte versucht sein, die Strategie der türkischen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) zu kopieren, die dem Militär zunächst seine Machtstellung beließ, um es dann allmählich zurückzudrängen. Aber ist die Bruderschaft in Ägypten dafür stark genug?

Lange Zeit hatten sich die Muslimbrüder auf die Da’wa(2) konzentriert und ein Programm verfolgt, das letztlich auf die Errichtung eines Kalifats abzielte. Als sie 2011 in Ägypten mit der FJP zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine politische Partei gründeten, mussten sie nicht nur die vertraute Oppositionsrolle aufgeben, sondern anstelle ihrer allgemeinen Forderungen konkrete Konzepte für die unterschiedlichsten Bereiche vorlegen: Arbeitsmarkt, Bildung, Gesundheit, Korruptionsbekämpfung, Verkehr und so weiter. Das war nicht einfach, weil viele ihrer Mitglieder und Sympathisanten an sehr traditionellen Vorstellungen festhalten. Innerhalb der Organisation kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, die auch Ausdruck eines Generationskonflikts waren.

Zudem fehlen der Bruderschaft Denker von Rang, die überzeugende Zukunftsentwürfe vorstellen könnten. Ihr Gründer Hassan al-Banna – auch er eher ein Stratege als ein Theoretiker – wurde 1949 ermordet, und ihr langjähriger Vordenker Sayyid Qutb wurde 1966 vom Nasser-Regime hingerichtet. Heute kann nur der 86-jährige Prediger und Korangelehrte Scheich Yusuf al-Qaradawi als intellektuelle Führungsfigur gelten, der durch seine Fernsehauftritte bei al-Dschasira bekannt wurde. In den letzten Monaten hat al-Qaradawi jedoch deutliche Kritik am politischen Kurs der Bruderschaft in Ägypten und an deren Machtstreben geübt.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der neu erwachten Meinungsvielfalt in Ägypten, die auch innerhalb der Bruderschaft um sich greift: Die alte Garde wird von einer jüngeren Generation herausgefordert; es gibt sufistisch orientierte Gruppierungen und andere, die eher den Salafisten nahestehen.(3) Eine offene Auseinandersetzung mit ihren inneren Widersprüchen hat die Organisation aber nie zugelassen.

Uneinigkeit herrscht unter anderem in der zentralen Frage der Souveränität: Geht diese vom Volk aus oder von Gott? Die Antwort bestimmt auch das Verhältnis zur Demokratie. Während sich die jüngeren Muslimbrüder und der weltoffene Flügel der Bewegung eindeutig zu Demokratie und Staatsbürgerschaft bekennen, hält die ältere Generation am Konzept der göttlichen Souveränität (Hakkimiyya) fest.

Das erklärt auch die widersprüchlichen Aussagen, die seit dem Sturz Mubaraks aus den Reihen der Bruderschaft zu hören waren: Dies waren keine politischen Finten, sondern Ausdruck mangelnder Geschlossenheit. Diese inneren Bruchlinien könnten sogar den Zerfall der Organisation einleiten. Vieles erinnert an die Geschichte der Arabischen Sozialistischen Union (ASU), die 1962 von Nasser begründet wurde und extreme Rechte bis extreme Linke einschloss. Als Präsident al-Sadat in den 1970er Jahren eine politische Öffnung einleitete, zerfiel das Bündnis in mehrere Parteien.

Seit mindestens fünfzehn Jahren leben die Muslimbrüder mit ihren inneren Widersprüchen, aber erst die ägyptische Revolution ließ diese offen zutage treten: Im Februar 2011 wurde die Partei der neuen Mitte (Hizb al-Wasat) endlich offiziell zugelassen – nach fünfzehn Jahren des Wartens. Die von Abu al-Ala Madi geführte Partei spiegelt die Hoffnungen jener Generation von Islamisten, die erst in den 1970er Jahren politisiert wurde, als die Zeit der harten Repression vorbei war. Al-Wasat wirkt wie die ägyptische Version der türkischen AKP: Sie bekennt sich zu demokratischen Werten und zur Staatsbürgerschaft; sie tritt für die Rechte der Frauen ein und verteidigt einen der Moderne zugewandten Islam. Al-Wasat ist die erste Abspaltung der Muslimbruderschaft seit deren Gründung 1928.

Zu einer weiteren Abspaltung kam es im Juli 2011, als Mohamed Habib, Stellvertreter des geistlichen Führers Mohammed Badie, die Partei des Erwachens (Hizb al-Nahda) gründete. Die steht al-Wasat nahe, und Mohamed Habib, obwohl bereits über 60, gehört intellektuell derselben (jüngeren) Generation wie Madi an. 2009 war er bei der Wahl des Vorsitzenden gegen Mohammed Badie angetreten und in einer umstrittenen Abstimmung unterlegen. Zwar schlossen sich Badie und Habib der Bruderschaft etwa zur gleichen Zeit an, doch ihr Denken und ihre politischen Orientierung könnten kaum gegensätzlicher sein: Während Habib für einen „zivilisatorischen Islam“ eintritt, steht Badie für den Traditionalismus im Geiste von Sayyid Qutb.

Einen dritten Bruch erlebten die Muslimbrüder, als Abdel Moneim Abul Futuh, ein Mitglied des obersten Führungsgremiums (Maktab al-Irshad) ohne Zustimmung der Organisation seine Kandidatur bei den für Ende Mai geplanten Präsidentschaftswahlen bekannt gab. Futuh wurde daraufhin aus der Bruderschaft ausgeschlossen, aber seine Anhänger, eine starke und rebellische Fraktion innerhalb der Organisation, halten weiter zu ihm und wollen seinen Wahlkampf unterstützen.(4 )

Die Vielzahl an Kandidaten aus dem islamistischen Spektrum hat die Bruderschaft dazu gebracht – entgegen ihren vorherigen Ankündigungen -, einen eigenen Kandidaten aufzustellen: Zuerst berief man den Geschäftsmann Chairat al-Schater; nachdem dieser von der Wahlkommission ausgeschlossen wurde, trat der FJP-Vorsitzende Mohammed Morsy an seine Stelle. Die Entscheidung für einen eigenen Kandidaten, zu der sich der hundertköpfige Schura-Rat der Muslimbruderschaft mit einer äußerst knappen Mehrheit durchgerungen hat – eine solche „Nichteinstimmigkeit“ war in der gesamten Geschichte der Organisation noch nicht vorgekommen -, hat die inneren Streitigkeiten allerdings nicht beendet. Gleichzeitig nahmen die Spannungen zwischen der Bruderschaft und dem Obersten Militärrat zu, vor allem wegen der Weigerung der Scaf, die Regierung aufzulösen und dem Parlament zu erlauben, eine neue Regierung zu wählen.

Überdies müssen sich die Muslimbrüder mit dem wachsenden Einfluss der Salafisten in den eigenen Reihen auseinandersetzen – auch wenn diese ihrerseits vom Politikverständnis der Bruderschaft beeinflusst werden. Der oberste geistliche Führer Mohammed Badie ist, wie viele andere der Älteren, zutiefst vom Salafismus geprägt. Nach seiner Wahl im Januar 2010, also noch vor der Revolution, erklärte er die Da’wa zu seiner Priorität. Das Bekenntnis zur islamischen Mission hatte den Salafisten unter dem Schirm der Bruderschaft bereits seit den 1970er Jahren zu mehr Einfluss verholfen. Viele Erfolge der Bruderschaft unter dem Mubarak-Regime gehen auf ihr Konto, vor allem bei Wahlen in ländlichen Gebieten: Die Muslimbrüder profitierten vom Einfluss der Salafisten in den Moscheen und von deren Wohltätigkeitsaktivitäten. Dass Salafisten unter Mubarak keine politische Rolle gespielt hätten, gehört ins Reich der Legenden.

Nach der Revolution von 2011 begannen Salafisten, eigene politische Parteien zu gründen und sich von den Muslimbrüdern zurückzuziehen. Aber es gibt noch immer viele, die zögern, die Bruderschaft zu verlassen. Eine große Fraktion etwa bildet die Gefolgschaft von Scheich Hasim Salah Abu Ismail, der bei der Präsidentschaftswahl 2012 antreten wollte, aber wie Chairat al-Schater durch die Wahlkommission ausgeschlossen wurde. Abu Ismail ist das Paradebeispiel eines Salafisten, der in der Bruderschaft großen Einfluss besitzt, obwohl er ihr nicht mehr angehört. Es würde für die Bruderschaft einen Verlust von wenigstens 20 Prozent ihrer Mitglieder und deutlich weniger Einfluss in den ländlichen Gebieten bedeuten, sollten auch seine Anhänger die Organisation verlassen.

Die eigentliche Bedrohung für die Bruderschaft aber geht von den neuen, pragmatischeren salafistischen Gruppen aus. Der Partei des Lichts (Hizb al-Nur), der stärksten salafistischen Gruppierung, gelang der Einzug ins Parlament mit 107 Abgeordneten. Andere Organisationen, wie die Aufbau- und Entwicklungspartei (Hizb al-Bina wa al-Tanmiya), der politische Flügel der Bewegung al-Dschama’a al-Islamiyya, stehen dem Dschihadismus nahe. Führungspersönlichkeiten der Al-Nur-Partei wie Nader Bakar, Mohammed Nur oder Yossari Hammad haben zudem eine gewisse politische Verwandtschaft mit den Muslimbrüdern der jungen Generation.

Die Zukunft beider Parteien – FJP und al-Nur – wird sich entscheiden, wenn sie gezwungen werden, praktische Politik zu machen. Dann laufen sie Gefahr, ihre Basis zu verprellen, die für das „islamische Kalifat“, die „Befreiung Palästinas“ und die Anwendung der Scharia votiert hat. Aber es geht auch darum, die wirtschaftlichen und sozialen Erwartungen dieser Bevölkerungsgruppen zu erfüllen. An diesem Spagat droht nicht nur die Bruderschaft zu scheitern.

Fußnoten:
(1) Siehe dazu François Burga, „Streng, gläubig, kämpferisch“, Le Monde diplomatique, Juni 2010.
(2) Mit diesem Ausdruck wird gemeinhin die „Einladung“ zum Islam, seine Verkündung und Verbreitung bezeichnet.
(3) Die Salafisten sind keine Organisation, sie bilden eine islamische Strömung mit dem Anspruch, zu den Traditionen der Zeit des Propheten Mohammed und seiner Gefährten zurückzukehren – zum Islam der „Vorfahren“ (al-salaf). Der Sufismus bezeichnet die mystische Tradition im Islam. Typisch für diese Strömung sind Ordensgemeinschaften, die sich auf einen spirituellen Führer berufen.
(4) Die Führung der Muslimbruderschaft drohte Mitgliedern sogar mit Ausschluss, sollten sie für Futuh stimmen.
Aus dem Französischen von Edgar Peinelt
Alaa al-Din Arafat ist Forschungsleiter am Centre d’études et de documentation économiques et juridiques (Cedej) in Kairo und ist Autor von „Hosni Mubarak and the Future of Democracy in Egypt“, Basingstoke (Palgrave Macmillan) 2012.
Badenweiler Spontanpoller
In der selben LMD-Ausgabe schreibt Gilbert Achcar über „Die gespaltene Arabellion“:
Die Vorstellung ist nicht neu, und der Arabische Aufstand hat sie weitgehend bestätigt: Wenn der Widerstand gegen ein herrschendes Regime zu einer Massenbewegung wird, die der Wunsch nach demokratischem Wandel eint, verbündet sich oft ein Großteil der Mittelschicht mit den sozial Benachteiligten.

Der junge Mohammed Bouazizi, mit dessen Selbstverbrennung im tunesischen Sidi Bouzid am 17. Dezember 2010 alles begann, war ein Straßenhändler, der in ärmlichen und prekären Verhältnissen lebte. Damit entsprach er dem typischen Profil der Protestierenden des Arabischen Frühlings: einer Masse von Millionen von Jugendlichen und nicht mehr ganz so jungen Menschen, die entweder zur Gruppe der offiziell Arbeitslosen zählen oder im informellen Sektor arbeiten – gewissermaßen als „maskierte Arbeitslose“, die von der Hand in den Mund leben und darauf warten, irgendwann einen richtigen Job zu finden.

In Tunesien und Ägypten haben sich diesem Heer der Hoffnungslosen auch viele – teils organisierte – Kräfte der Arbeiterschaft angeschlossen. Deren Proteste und Streiks haben in beiden Ländern wichtige Voraussetzungen für den Arabischen Frühling geschaffen.

Dort, wo es die massivsten Proteste gab, also in Ägypten, Bahrain, Jemen, Libyen, Syrien und Tunesien, schloss sich dem breiten Bündnis der Benachteiligten ein Großteil der Mittelschicht an: Selbstständige – vom Handwerker über den Ladenbesitzer und Kleinunternehmer bis hin zu freiberuflichen Anwälten, Ingenieuren oder Ärzten – sowie abhängig Beschäftigte (Professoren, Lehrer, Journalisten, Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes).

In den Ländern, wo das Regime nicht ganz so viel Angst verbreitete und Protest nicht von vornherein ausgeschlossen schien, also vor allem in Ägypten und Tunesien, hatte es schon vor den revolutionären Bewegungen des Jahres 2011 vermehrt politische und soziale Kämpfe gegeben. In Ägypten gingen diese Proteste vor allem von den Arbeitern aus; zwischen 2006 und 2009 erlebte das Land die bis dahin größte Streikwelle in seiner Geschichte.(1) In Tunesien waren sie hingegen enger mit dem Thema Arbeitslosigkeit und der allgegenwärtigen Günstlingswirtschaft verknüpft, wie etwa bei den Ausschreitungen im Bergbaurevier Gafsa im Jahr 2008. Damals gab es den berechtigten Verdacht, dass die Bergbauleitung bei den kurz zuvor bekannt gegebenen Neueinstellungen gekungelt hatte.(2 )

In Ägypten und Tunesien gab es im Laufe des vergangenen Jahrzehnts zudem prodemokratische Aktivitäten, die von Anwälten und Journalisten ausgingen. Diese Berufsgruppen waren wichtige Träger der Proteste. Ihre Mitglieder engagierten sich in den unmittelbaren politischen Auseinandersetzungen, zum Beispiel in der ägyptischen Bewegung „Kifaja“ („Genug!“). Diese war lange Zeit die Speerspitze der Opposition gegen Husni Mubarak, dem massive Wahlfälschungen vorgeworfen wurden, und gegen dessen Plan, seinen Sohn Gamal zu seinem Nachfolger zu machen.

Auch die internetaffinen Jugendlichen, die bei den Protesten des letzten Jahres an vorderster Front standen, kamen zumeist aus der Mittelschicht; ob als Blogger(3) – sie stehen in einigen arabischen Staaten im Zentrum der Repression – oder in Form stärker organisierter Gruppen, wie der Jugendbewegung des 6. April, die sich 2008 aus Solidarität mit den Textilarbeitern der ägyptischen Industriestadt Mahalla al-Kubra gegründet hatte. Bei den Protesten in Mahalla wurden auch zum ersten Mal Bilder von Präsident Mubarak zerrissen.

Außerdem ist die Mittelschicht – von Marokko über Ägypten und Syrien bis Bahrain – in den sozialen Netzwerken und innerhalb der politischen Organisationen stark vertreten. Die Rolle von Facebook, Twitter und Co. wurde in den ersten Monaten der Aufstände zweifellos übertrieben – vor allem, um diese als „western friendly“ darzustellen -, doch sie hatten unbestreitbar entscheidenden Einfluss. Entgegen der herrschenden Meinung nutzen auch die benachteiligten Schichten das Internet. Ganz zu schweigen von den Mobiltelefonen, mit deren Hilfe sich die Demonstranten ebenfalls organisierten.

Was die politischen Parteien betrifft, die sich bei den Aufständen engagierten, so werden sie größtenteils durch die Mittelschicht getragen. Das gilt insbesondere für die stärksten, wie die Ennahda in Tunesien und die Muslimbrüder in Ägypten. Einige ihrer Führungskader haben eine eindeutige Neigung zur kapitalistischen Wirtschaftsweise, wie zum Beispiel der wohlhabende Geschäftsmann Chairat al-Schater, den die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbrüder in Ägypten als Präsidentschaftskandidat aufstellte.(4)

Hier findet sich eine Konstante innerhalb der politischen Rolle der Mittelschicht: Sie ist in ihrer Zusammensetzung so heterogen, dass sie vermutlich auf lange Sicht nicht zu einer einheitlichen Position finden wird. Und sie hat die Tendenz, sich entsprechend der beiden gesellschaftlichen Pole, zwischen denen sie steht, aufzuspalten.

Die Bewegung der Muslimbrüder stellt von Marokko bis Syrien einen heterogenen politischen Block dar. Sobald die erste Phase der Demokratisierung abgeschlossen ist, kann man eine Spaltung innerhalb der Massenbewegung beobachten, wie in Tunesien und Ägypten. Dort sprechen sich die politischen Organisationen inzwischen gegen eine Fortsetzung der sozialen Kämpfe durch die Arbeitnehmer aus, weil ihre Forderungen zu „kategorisch“ seien. Ein großer Teil der Mittelschichtjugend, einschließlich derjenigen, die sich einer Organisation angeschlossen haben, sind indes entschlossen, die Revolution fortzuführen.

Fußnoten:
(1) Siehe Raphaël Kempf, „Vor der großen Revolte“, Le Monde diplomatique, März 2011.
(2) Siehe Karine Gantin und Omeyya Seddik, „Aufstand in Gafsa“, Le Monde diplomatique, Juli 2008.
(3) Siehe Smaïn Laacher und Cédric Terzi, „Tunesiens traurige Blogger“, in: „Arabische Welt. Ölscheichs, Blogger, Muslimbrüder“, Edition Le Monde diplomatique, Berlin (taz Verlag) 2012.
(4) Schater wurde von der Ägyptischen Wahlkommission am 14. April als Kandidat ausgeschlossen.
Aus dem Französischen von Jakob Horst
Gilbert Achcar ist Professor an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London. Das Thema seines nächsten Buchs ist der Arabische Frühling, es wird Ende 2012 bei Actes Sud (Arles) erscheinen.
Amerikanischer Schwimmpoller
In einem „Brief aus Teheran“ bestätigt die Autorin Mitra Keyvan die oben bereits erwähnte Lyrikbegeisterung der IranerInnen:

Es ist der erste Samstag nach den Nouruz-Ferien. Ich betrete die große Halle im Untergeschoss der Melli-Bank, ziehe mir eine Nummer, setze mich hin und warte, bis ich dran bin. An Schalter 17 wird die Nummer 427 aufgerufen, ich habe 465. Neben mir diskutieren zwei Männer über den realen Wechselkurs des Dollars, der doppelt so hoch ist wie der offizielle, und über die Preise, die wegen der „Sanktionen des Westens“ steigen, dann über den Korruptionsprozess, bei dem es um dreitausend Milliarden geht: „Ich verstehe ja nichts davon, aber es ist doch klar, dass solche Summen nicht ohne den Segen von ganz oben bewegt werden.“ Die beiden lachen.

Auf das Schulheft des Sohns der Frau neben mir ist mit schwarzer Tusche eine Blüte gezeichnet, daneben stehen Verse aus einem Gedicht von Rumi: „Komm im Frühling auf die Wiese, dort findest du Frieden und Wein, die Nymphen verstecken sich in den Orchideen.“ Das Heft liegt auf seinen Knien, aber der Junge ist mit seinem Gameboy beschäftigt. Ein anderer Mann spricht laut in sein Handy: „Ich bin in einer Sitzung, komme gleich zu euch, verkauft nichts, wartet noch ab … Natürlich habe ich heute Abend Zeit, macht euch keine Sorgen, ich nehme alle mit … Was essen wir heute Mittag?“

Schalter 12 ruft mich auf, das Mädchen ist sehr streng. Sie hat einen Fehler bei meiner letzten Überweisung entdeckt, das kostet mich Zeit und eine Strafe von 200 000 Toman. Ich hebe 500 000 (ungefähr 200 Euro) ab, renne zum Bus und fahre zum Genossenschaftsladen der Volksbildungsbeamten. Meine Mutter hat mir aufgetragen, 15 Kilo Reis und 5 Kilo Zucker zu kaufen. „Durch das Embargo steigen die Preise, wir müssen Vorräte anlegen.“ Ich habe ihr immer wieder erklärt, dass es sinnlos ist, trotzdem sagt sie: „Es ist sicherer, das machen alle.“

Die Preise für Artikel des täglichen Bedarfs sind „frei“, auch wenn man in der Einkaufsgenossenschaft ist. Hier können Lehrkräfte und Rentner ihren Anspruch auf reduzierte Preise allerdings nur geltend machen, wenn sie Haushaltsgeräte auf Kredit kaufen. Der Preis für den Flachbildfernseher, den meine Mutter mit ihrer Rentnerkarte kaufen will, um die Satellitenprogramme besser zu empfangen, hat sich fast verdoppelt. Sie muss also noch warten. Ich kaufe Reis, Zucker und ein paar andere Dinge und bitte den Händler, sie am Nachmittag zu liefern. Ich habe nicht mehr viel Geld im Portemonnaie.

Gestern Abend habe ich auf Facebook sein Foto im Profil gesehen, neben ihm ein eher unscheinbares französisches Mädchen. Omid lebt bei ihr in Paris, aber er schreibt mir immer noch jeden Tag. Er schreibt mir, seit er im Dezember 2010 das Land verlassen hat, aber er schreibt nicht, wie es mit uns weitergeht. Jeden Morgen sage ich mir, es ist vorbei, ich entferne ihn aus meinem Leben, aber wenn ich keine Mail von ihm bekomme, kann ich nachts nicht einschlafen. Er schreibt: „Brigitte ist ein Zeitvertreib, das mit dir ist fürs Leben.“ Dabei habe ich weder Visum noch Pass, kein Geld und nicht einmal Lust, das Land zu verlassen.

Ich nehme ein Sammeltaxi, um vor Mittag beim Gesangsunterricht zu sein. Der Fahrer erzählt uns, dass sich heute früh 800 Metallarbeiter vor dem Präsidentenpalast versammelt haben. Sie fordern, zum Ausgleich für acht Monate Lohnrückstand, vier Millionen Toman für jeden, plus Neujahrsprämie.(1) Das schön geschminkte junge Mädchen neben mir beantwortet eine SMS nach der anderen. Ich setze die Kopfhörer auf. Durch die Klänge meiner Musik für die Gesangslektion hindurch höre ich Fetzen von dem Gespräch zwischen einem Fahrgast und dem Fahrer: „Das Dorf Fordo mit seinen 2 500 Einwohnern? Atomstandort.“

Omid und ich durchquerten die Kirschbaumhaine am Fuß des Damavand und stiegen hinauf zum Ort unseres geheimen Stelldicheins. Wir tranken Tee, den wir auf einem Holzfeuer zubereiteten, und sangen laut. Seine Stimme verschmolz mit meiner, eine kräftige Tenorstimme, die die traditionellen persischen Lieder ebenso gut singen konnte wie die alten Lieder von Pouran und Viguen oder Piaf, Brel, den Beatles und James Blunt. Wir hatten einen herrlichen Blick über Teheran und versuchten unsere Lieblingsecken zu entdecken. Ein Intermezzo, um alles zu vergessen, ohne Ziel, ohne Rechtfertigung, ein vergänglicher Moment.

Ich habe noch ungefähr 300 000 (weniger als 100 Euro) bis zum Monatsende, um Gesangsunterricht, Essen und Verkehrsmittel zu bezahlen, ich werde ein paar Nachtdienste machen müssen. Meine Mutter verrät es keinem. Die Agentur für häusliche Krankenpflege vermittelt mich an Todkranke, die ich nachts betreue. Der letzte ist ein früherer Filmmanager mit metastasierendem Darmkrebs, einer depressiven Frau und Kindern im Ausland. Er hat mir seine Fotos aus den 1970er Jahren in Cannes gezeigt. Ich schneide ihm die Nägel und wechsle seine Windeln, er erzählt mir mühsam von seinen Filmen. Seine Tochter versucht ihm Zaltrap zu schicken. Das Medikament ist noch nicht auf dem Markt, aber der Antrag auf vorläufige Zulassung ist gestellt. Es ist für Patienten in unserer Ecke der Welt nicht vorgesehen. Sie will ihm helfen, ein paar Wochen Überlebenszeit zu gewinnen, und versucht damit Jahre der Trennung und Abwesenheit wieder gutzumachen. Gestern Abend sagte er kurzatmig: „Sagen Sie dem Schlaf, er soll heute Nacht nicht um meine Augen kreisen, die Insel, die ihn aufnehmen sollte, ist überschwemmt.“ Ich bin neben ihm sitzen geblieben und habe seine Hand gehalten.

Heute Nachmittag redeten im Bus alle von Mehdi Tolouti, dem jungen Boxer, der bei den Olympischen Spielen in London die Farben des Iran vertreten darf. Ich habe Shiva angerufen und gefragt, ob sie mich morgen früh auf den Berg begleitet, um durch die Kirschbaumhaine zu laufen und einen Tee zu trinken. Ich will den Weg noch einmal ohne Omid gehen.

Meine Mutter hat die Vorräte im Keller verstaut. Sie beruft sich auf die Nachrichten der ausländischen Medien, um ihre Angst vor einem bevorstehenden Angriff gegen den Iran zu rechtfertigen. Unsere Nachbarn, Herr Mohamadi und seine Frau, beruhigen sie und sagen, das sei nur ein Täuschungsmanöver. „Sie können nichts machen, Iran ist nicht Libyen und auch nicht Afghanistan, sie versuchen es schon seit dreißig Jahren ohne Erfolg.“ Meine Mutter antwortet: „Sie sind wahnsinnig und stecken bis zum Hals in ihrer Krise, also sind sie zu allem fähig.“ Herr Mohamadi glaubt das nicht: „Hören Sie auf, ständig BBC und Voice of America zu schauen.“ Frau Mohamadi lädt meine Mutter zu einem Fest nur für Frauen ein. „Wir werden singen und tanzen und alle Probleme vergessen. Ich erwarte Sie morgen Abend.“ Meine Mutter überlegt, was sie anziehen soll, und fragt mich, ob ich sie am nächsten Tag frisieren kann. Ich erzähle ihr, dass ich mit Freundinnen auf den Berg gehen will, verspreche ihr aber, sie vor dem Fest zu frisieren.

Bevor ich mich fertig mache, gehe ich noch schnell auf Facebook. Brigitte will mit mir befreundet sein, und Omid schreibt mir, dass seine Freundin Persisch lernt und dass ich die Einladung annehmen soll. Ich schließe Facebook. Dann versuche ich auf die offizielle Seite der Olympischen Spiele in London zu gehen, aber sie ist gesperrt. Der Proxy, um die Sperrung zu umgehen, funktioniert nicht. Shiva klingelt an der Tür, es ist sechs Uhr früh. Ich schnappe mir den Rucksack mit Tee, einer kleinen Kanne und Streichhölzern, und los geht’s.

Die Kirschbäume sind in voller Blüte, zwei andere Wanderer gehen unseren geheimen Weg hinauf. Zwei Männer mittleren Alters, die über das für nächste Woche in der Türkei geplante Treffen der G5+1 mit dem Iran diskutieren. Der eine denkt, der Westen wird nachgeben, der andere scheint etwas skeptischer zu sein. Er sagt nur „Teheran ist wunderschön, ich bin nach Jahren des Exils zurückgekehrt, um die Stadt wiederzusehen und die Luft am Fuß des Damavand zu atmen. Ich möchte sie nicht in Flammen sehen. ,Das iranische Volk auslöschen'(2 )- ein Albtraum. Man muss es diesem Volk überlassen, selbst die nötigen Veränderungen herbeizuführen.“

Shiva findet es lächerlich und verächtlich, dass sich das Ausland einmischen will, um uns die Demokratie zu bringen. Ich sehe das auch so, wir müssen unseren Weg allein finden. Sie fürchtet, von der Uni ausgeschlossen zu werden, weil sie sich an der grünen Bewegung beteiligt. Trotzdem macht sie weiter und hofft, ihr Jurastudium abschließen zu können. Sie rät mir, Brigittes Freundschaftsanfrage abzulehnen, sie findet sie absurd und arrogant. Ich antworte nicht und fange ganz leise an zu singen. Ein kleiner Junge kommt zu uns und bietet uns Kekse und Chips zum Kauf an. Ich halte ihm einen Zweihunderterschein hin (zehn Cent), er gibt mir ein Kaugummi und erklärt, dass er nicht bettelt.

An unserem Geheimort mache ich ein Feuer für den Tee. Es ist kalt, ich binde meinen Schal fester. Wir singen laut und lesen den Text von einem Zettel ab. „Wild und gehorsam / Du verhüllst deine Haut / Leg ab deinen Schleier / Und sei meine Braut. / Eine Kirsche ist die Liebe / Es eilt die Zeit / Komm mit mir zum Tanz / In deinem schönsten Kleid.“ Dann stimmen wir ein altes Lied von Pouran an: „Die Blumen erblühen, der Frühling ist da, wir gehen aufs Land …“ Die beiden Männer kommen vorbei und summen die Melodie mit. Vor uns liegt die Stadt, der Fernsehturm Borj-e Milad steht immer noch, Teheran ist wieder in Autoabgase gehüllt, das Leben strömt in alle Richtungen.

Fußnoten:
(1) www.tabnak.ir/fa/news/, Information von Sonntag, 8. April 2012.
(2) Zitat aus dem Gedicht von Günter Grass „Was gesagt werden muss“.
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Mitra Keyvan ist Mitarbeiterin von Le Monde diplomatique auf Farsi.
Poller-immer-dabei-Poller (mit Kette)

Michael Sontheimer schickte mir einen Vortrag von Fouad Hamdan*, den dieser auf den Frankfurter „Journalistentagen 2012 – Chancen und Herausforderungen der viralen Dynamik digitaler Medien“ hielt. Sein Thema lautete: „Arabischer Fruehling – virale Dynamik durch digitale Medien?“:

Wer haette das gedacht, meine verehrten Damen und Herren! Es passt doch zusammen: Araber und Demokratie. Ende 2010 musste ich mir noch anhoeren: „Was? Du willst, dass wir Geld spenden fuer Menschenrechte in der arabischen Welt? Vergiss es! Araber und Demokratie geht einfach nicht!” Ich leitete damals in Beirut eine Stiftung, die Aktivisten in der arabischen Region unterstuetzt.

Dann begann der arabische Fruehling im Dezember 2010 in Tunesien; das Volk vertrieb Diktator Zine El Abidine Ben Ali am 14. Januar 2011 nach Saudi Arabien. Die Aegypter waren gekraenkt, weil sie nicht die Ersten waren und stuerzten ganz schnell ihren Diktator, Hosni Mubarak. Es folgten Intifadas die Libyens Moammar Gaddafi in die Hoelle und Yemens Ali Abdallah Saleh in die Rente befoerderten. In Syrien erhebten sich die Menschen gegen Baschar el Assad, der sich mit aller Gewalt an die Macht klammert, aber die Intifada wird auch ihn und sein Baath-Regime stuertzen. Das ist unausweichlich.

Diese erste Intifada-Welle fegte sekulaere Diktatoren weg. Parallelwellen erodieren langsam aber sicher die Fundamente der Repression in arabische Koenigreiche: In Marokko wurden nach Demos eine neue Verfassung verabschiedet, die das Kernproblem der absoluten Macht des Koenigs und die Korruption in seiner Entourage nicht geloest hat. In Jordanien und Kuwait sind Regierungen gefallen, und die Monarchen versprechen Reformen, die sie nicht verwirklichen wollen.

In Bahrain hat der Koenig saudische Truppen ins Land geholt, um Forderungen nach Gerechtigkeit zu unterdruecken; die Proteste gehen dennoch weiter. Und in Saudi Arabien kaempft die Familie al Saud um Macht und Privilegien, indem sie das sunnitisch-religioese Establishment der Wahabiten gegen die schiitische Minderheit und Dissidenten aller Couleur hetzt.

Arabische Diktatoren schlafen seit Dezember 2010 sehr schlecht. Es brodelt in Saudi Arabien, Bahrain, Algerien, Irak, Jordanien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Marokko. In Palaestina wird wieder gegen die israelische Besatzungspolitik demonstriert. Dort ist es nur eine Frage der Zeit, bis die dritte Intifada versucht den unertraeglichen Status Quo zu beenden. Der arabische Fruehling haelt an und wird noch lange bluehen, weil die Araber aufgewacht sind, keine Angst mehr haben und die Era der blinden Ideologien von Panarabismus ueber Sozialismus bis Islamismus vorbei ist. Endlich.

Geschichte wird nun gemacht von politisch unabhaengigen Jungendlichen sowie von hartgesottenen Linken und Islamisten aller Schattierungen. Dank an den tunesischen Obstverkaeufer Mohamed Bouazizi, der sich am 17. Dezember 2011 aus Verzweifelung wegen der wirtschaftlichen Lage und Behoerdenwillkuer selbst verbrannt hatte. Seitdem hat eine neue Era in den 22 Mitglieststaaten der arabischen Diktatoren-Liga begonnen – eine lange Umbruchphase in der Demokratien muehsam und teilweise sehr schmerzhaft entstehen werden. Araber von Marokko bis Irak und von Yemen bis Syrien wollen Menschenrechte, persoenliche Freiheiten und rechtstaatliche Strukturen. Und die werden sie bekommen.

Welche Rolle spielen dabei das Internet, soziale Medien und Buerger-Journalisten? Waere Gaddafi in Libyen immer noch in seinem Zelt, wenn es kein Facebook gaebe? Haette Assad in Syrien eine politische Ueberlebenschance ohne YouTube? Waere der arabische Fruehling ueberhaupt gestartet, wenn kein Buerger-Journalist das Bild vom brennenden Bouazizi photographiert und online verbreitet haette? Dazu folgende Gedanken:

Arabische Revolutionaere haben etwas gemeinsam: Smartphones sowie Facebook-, Twitter-, Youtube- und Skype-Accounts. Und diejenigen an den Fronten sind mit Kleinkameras bewaffnet – in den ausgebombten Gassen von Homs und Hama in Syrien oder immer wieder bei Demonstrationen gegen das Militaer in Kairo. Hinzu kommen Blogs die Unbekannte zu Helden gemacht haben. Proteste wurden dezentral organisiert, an den zensierten offiziellen Medien vorbei die der Regierung oder einer herrschenden Familie gehoeren. Ein digitaler Marktplatz entstand; jeder hatte eine laute Stimme. Es ist ein Befreiungsschlag nach Jahrzehnten der Unterdrueckung.

Die Zahl der Internetnutzer hat sich in der arabischen Region seit dem Jahr 2000 mehr als verzwanzigfacht. Sie liegt bei 35,6 Prozent der Gesamtbevölkerung, so internetworldstats.com. Dies ist ein fruchtbarer Naehrboden vor allem fuer eine junge Generation die bereit ist zu kaempfen, um eine Zukunft zu haben.

Buerger-Journalisten haben die Berichterstattung aus den Krisengebieten revolutioniert. Sie fuettern die Facebook-Seiten sowie die Twitter- und YouTube-Accounts mit News, Photos und Filme. Sie „teasen„ TV-Sender wie Aljazeera und BBC. Sie ergaenzen die Arbeit von professionellen Journalisten und ersetzen sie sogar in Regionen wo offizielle Medienverterter nicht frei arbeiten duerfen.

Unter einer totalen staatlichen Medienkontrolle sind soziale Netzwerke die einzige Moeglichkeit, unabhaengig von Zensur schnell Informationen zu verbreiten, Luegen zu entlarven und die Legitimitaet von Diktatoren systematisch zu untergraben.

Internet und soziale Medien haben einen Beschleunigungseffekt, der Diktatoren und ihre Sicherheitsapparate immer wieder kalt erwischt. Alles geht zu schnell nachdem die Mauer der Angst faellt; sie koennen die rasant wachsende Zahl von Aktivisten und die Flut an Informationen nicht mehr im Griff kriegen.

Nicht alle Demonstranten haben Laptop und Handy, aber immer mehr. Nach wie vor erreichen traditionelle Medien wie TV, Radio und Zeitungen die Massen. Als Mubarak das Internet abschaltete wurden ueberall im oeffentlichen Raum Leinwaende aufgebaut und Aljazeera gezeigt, der wiederum Filme von Buergerjournalisten ausstrahlte die ueber Satellit online verbreitet wurden.

Menschen machen Intifadas und nicht Technologien. Mubarak, Gaddafi und Ben Ali haben das Internet abgeschaltet, aber das hat sie nicht gerettet. Im Gegenteil. Viele die zuvor nur vor dem Bildschirm opponierten gingen dann auf die Strasse oder an der Front. In Syrien informieren sich die Menschen in den Rebellen-Hochburgen, wo Mobilfunknetz und Internet abgeschaltet sind, via Kurriere und Mundpropaganda. In Moscheen und Geheimwohnungen wird diskutiert und geplant. Waehrendessen verbreiten Buerger-Journalisten an Bashar el Assad vorbei Nachrichten und Bilder weltweit via Satellit.

Der Naehrboden der Intifadas war der Bildungsgrad von breiten Bevoelkerungsschichten. Ja sogar die Armen und Analphabeten aus den Kairoer Slums – Handy mit Kamera in der Hand – haben nach Wuerde, Ende der Korruption und einer unabhaengigen Justiz gerufen. Alle hatten jahrelang im TV ueber Satellitensender gesehen wie Demokratien in Europa, den USA und anderswo funktionnieren. So etwas muesse auch endlich in der arabischen Region moeglich sein. Denn Araber und Demokratien sind kein Wiederspruch. Genauso wie Taiwanesen und Demokratie, oder Suedafrikaner und Demokratie.
Einige professionelle Journalisten sehen Buerger-Journalisten als gefaehrliche Konkurrenz und schmaehen sie als unprofessionell und unserioes. Die Profis sollten lieber diese Quellen an den Fronten beraten und helfen, professioneller zu werden. Ausserdem muessen sich Redaktionen verstaerkt damit beschaeftigen, die Verlässlichkeit der etwa ueber Twitter und YouTube verbreiteten Nachrichten zu verifizieren. Fakt ist: An Buergerjournalisten als Quellen kommen keine Nachrichtenredaktion mehr vorbei.

Wunderschoen ist die Tatsache, dass der arabische Fruehling Jungendliche weltweit inspiriert hat, sich gegen Misstaende zu mobilisieren wie z.B. die Occupy-Bewegung und die „Empoerten“ in Spanien.

Heute ist die arabische Region grob in vier Zonen aufgeteilt: Post-Revolutionaere Staaten wo der Demokratisierungsprozess begonnen hat (Tunesien, Aegypten, Libyen und Yemen), Staaten im revolutionaeren Umbruch (Syrien und Bahrain), Staaten wo es gefaehrlich brodelt (Jordanien, Morokko, Saudi Arabien, Kuwait, Palaestina/Israel, Irak, Sudan) und Staaten in Angststarre (Libanon, Algerien, Vereinigte Arabische Emirate). Katar ist noch immun gegen die Demokratie-Welle; der Emir foerdet Intifadas und Demokratisierungs-Prozesse mit Hilfe von Aljazeera und eine mit Dollars gestuetzten Aussenpolitik.

Nicht nur Revolutionaere sind technikaffin: Baschar El Assad und andere arabische Diktatoren benutzen klassische und soziale Medien um ihre Anhaenger zu mobilisieren, Gegner zu terrorisieren und die Weltoeffentlichkeit in die Irre zu fuehren. Die Qualitaet dieser Propaganda ist eher ein Spiegelbild vom abgewirtschafteten arabischen Regime.

Ein Beispiel sind Pro-Assad Websites wie praesidentassad.net und Facebook-Seiten, die ein Produkt seiner Geheimdienste sind. Parallel dazu verbreitet der syrische Staatssender Addounia TV Real-Satire und Luegen via Satellit und Online. Da werden Rebellen als „Terroristen“ und als von Katar und Saudi Arabien finanzierte islamische „Salafisten“ beschimpft.

Globale arabische Oeffentlichkeit

Eine historische Entwicklung hat der arabische Fruehling herbeigefuehrt: Die Schaffung einer globalen arabischen Oeffentlichkeit. 1990-1991 haben sich Araber noch auf CNN verlassen, um sich ueber den Krieg um Kuwait zu informieren. Dann kamen Lebanese Broadcasting Company International (LBCI) und Future TV aus Libanon, Aljazeera TV aus Katar und die saudiarabische Al-Arabiya TV aus Dubai. Die westliche Reaktion liess nicht auf sich warten: Es folgten BBC TV arabischer Dienst, France 24 TV auf Arabisch und der US-Sender Alhurra TV aus Washington, die von der arabischen liberalen Elite mehr oder weniger gesehen werden. Aus Moskau kam Russia Today TV auf Arabisch, die an den meisten Arabern vorbei informiert und kaum jemandem ausser el Assads Unterstuetzern Glauben schenkt.

Der Kampf um die globale arabische Oeffentlichkeit geht weiter: Der saudische Prinz Walid bin Talal baut den TV-Sender Al-Arab in Bahrain auf, Abu Dhabi Media Investment die von einem Mitglied der Koenigsfamilie kontrolliert wird, bereitet den Start vom Sky News Arabia vor. Von Diktatoren gelenkte Medien haben aber keine Zukunft. Heute verlassen sich die Menschen in der arabischen Region auf einen Mix aus lokalen Zeitungen, Radio, Aljazeera, sozialen Medien und Buerger-Journalisten. Araber sprechen mit Arabern, auch in der Diaspora. Das ist eine Novum.

Der arabische Fruehling geht weiter

In den postrevolutionaeren Staaten Tunesien, Aegypten, Libyen und Yemen sind mediale Fesseln gefallen und neue freie Medien enstanden. Zusammen mit Buerger-Journalisten wird der schwierige Uebergangsprozess begleitet, was diese neue Oeffentlichkeit staerkt. In Libyen sind Zeitung wie Quryna al-Jadida und Februar ein Lichtblick nach 42 jahre Gaddafi-Herrschaft. Die Reporter nehmen kein Blatt mehr vor den Mund und werden immer professioneller. In Kairo hat die neue Zeitung Al-Masry Al-Youm die ehrwuerdige al-Ahram in den Schatten gestellt. Hunderte von Websites wie politik.tn in Tunesien informieren aktuell und frei.
Der arabische Fruehling geht weiter – auf der Strasse mit Buerger-Journalisten, in neuen Zeitungen und TV-Sender und sogar in manchen staatlichen Medien. In Tunesien ist ein Kampf um die Unabhaengigkeit des staatlichen TV-Senders al Watania entbrannt. Neue unabhaengige Medienhaeuser und Aktivisten kaempfen gemeinsam gegen die Verurteilung von Journalisten, die ein Halbnacktfoto auf einem Titelblatt druckten. In Kairo haben sich Ende April Tausende via Twitter organisiert, um vor der saudiarabischen Botschaft gegen die Festnahme des aegyptischen Menschenrechtsaktivisten Ahmed Mohammed al-Gizawi in Saudi Arabien zu protestieren. Der saudiarabische Botschafter hat Aegypten fuer eine Weile verlassen und die Botschaft geschlossen.

Im Libanon, auch im April, haben Militaers zwei Aktivisten festgenommen, die Graffiti gegen das syrische Regime an Waende spruehten. Stunden spaeter wurden sie frei gelassen, weil immer mehr Menschen vor dem Gefaengnis demonstrierten – alle mobilisiert via Facebook und Twitter. Klassische Medien haben sofort darueber berichtet und indirekt bei der Mobilisation mitgeholfen.

Heute lassen sich die Menschen nichts mehr gefallen lassen. Die Verhaftung heute von nur einer Person kann zur Demonstrationen und sogar zu Krisen zwischen Staaten fuehren. Der arabische Freiheits-Djinn ist fuer immer aus der Flasche. Der arabische Fruehling blueht, bis Freiheit und Demokratie in allen arabischen Laendern fest verankert sind.

* Der Deutsch-Libanese Fouad Hamdan war Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur in Kairo und am Golf. Er gründete Greenpeace Libanon und war Kommunikationschef von Greenpeace Deutschland. Er leitete die Arabische Menschenrechtsstiftung in Beirut. Seit Januar 2011 arbeitet er an Projekten für den Aufbau der Demokratien in Tunesien, Libyen, Syrien und Ägypten.

 

Londoner Nebelpoller 1

 

Londoner Nebelpoller 2

 

 

Aus London melden die Nachrichtenagenturen:

Schock für alle Mitarbeiter: Per E-Mail feuerte der Investment-Zweig von Englands zweitgrößter Versicherungsgesellschaft Aviva seine gesamte Belegschaft. 1300 Angestellte erhielten auf einen Schlag ein unpersönlich verfasstes Kündigungsschreiben. Die E-Mail war eigentlich nur für einen einzelnen.

AFP berichtet aus Kairo:

Vor mehr als 70 Jahren musste ein britisches Jagdflugzeug im Zweiten Weltkrieg in Ägyptennotlanden und galt seitdem als verschollen – jetzt wurde das Wrack der Maschine fast völlig intakt in der Wüste im Westen des Landes bei Bohrungen entdeckt. Wie die britische Botschaft in Kairo am Samstag mitteilte, musste der damals 24-jährige Pilot Denis Copping mit dem Flugzeug im Juni 1942 in der unwirtlichen Gegend vermutlich notlanden, weil ihm offenbar der Treibstoff ausgegangen war. Nach der Leiche des Piloten, der seither als vermisst gilt, soll jetzt gesucht werden.

Copping landete demnach zwei Stunden vor Anbruch der Dunkelheit in der Wüste, die nächste Siedlung war mehrere hundert Kilometer entfernt. Es wird angenommen, dass sich Copping auf der Suche nach Hilfe verirrt hat und später verdurstet ist. Das Flugzeugwrack habe die Zeit im trockenen Wüstenklima in „erstaunlich gutem Zustand“ überstanden, sagte der Militärattaché der Botschaft, Paul Collins, AFP.

Das in den USA gebaute Flugzeug vom Typ Kittyhawk P-40 war Teil der britischen Truppen, die unter General Bernard Montgomery gegen das Afrikakorps der deutschen Wehrmacht kämpften.

Damit rundet sich die Geschichte:

In Berlin wil man sich derzeit auf die Kämpfe gegen die englische Sozialkrankheit „Gentrification“ konzentrieren, sogar der Wowi-Senat tönt, dass man über eine Mietenerhöhungs-Eingrenzung nachdenken müsse. Und dass man fürderhin nicht mehr so leichtfertig beim Verscherbeln von kommunalem Eigentum an Spekulanten sein werde. Ein Gruppe Autonomer aus einem der Problembezirke schlägt dazu in einem anonymen Schreiben eine Art Optimierungsstrategie vor: „Jeden 10. Hausbesitzer an die Wand stellen – und dann da stehen lassen!“ In der Süddeutschen Zeitung meint der ehemalige amerikanische SDS-Vorsitzende Tom Hayden in einem Interview, dass die Chancen für Veränderung heute zwar viel besser sind als 1968, aber die „Bürger von Europa“ gerade erst „herausfinden“, dass „ihre gewählten Regierungen alles nicht gewählten ausländischen Investoren überschreiben.“

 

Hausbesetzerpoller. Alle Photos: Peter Loyd Grosse


Für die aktuelle Jungle World interviewte Pascal Mülich die Marokkanerin Samira Kinani:

Mitte März nahm sich die 16jährige Amina Filali in Marokko das Leben, nachdem sie mit ihrem Vergewaltiger zwangsverheiratet worden war. Dem marokkanischen Strafgesetzbuch zufolge kann ein Vergewaltiger straffrei davonkommen, wenn er sein minderjähriges Opfer im Einverständnis mit dessen Eltern heiratet. Der Selbstmord des Mädchens sorgte in der marokkanischen Gesellschaft für öffentliche Empörung und Proteste von Feministinnen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Samira Kinani ist stellvertretende Generalsekretärin der Menschenrechtsorganisation Association Marocaine des Droits Humains (AMDH). Die 52jährige Feministin wohnt in der Hauptstadt Rabat und ist Mitglied der Gewerkschaft Union Marocaine du Travail. Mit ihr sprach die Jungle World über den Fall Filali, die Befreiung der Frauen in Marokko und ihre Rolle in den landesweiten Aktionen der Protestbewegung »Mouvement du 20 Février«.

Die öffentliche Aufregung rund um den Fall Filali hat sich inzwischen gelegt. Was ist seither geschehen?

Es gab ein Kolloquium, bei dem die Familienministerin und Vertreter und Vertreterinnen verschiedener Organisationen, darunter die Präsidentin von AMDH, das Geschehene diskutierten. Die Vergewaltigung von Kindern und die Zwangsheirat sind in Marokko weit verbreitete gesellschaftliche Phänomene. Amina Filali hat Licht auf diese Problematik geworfen. Es handelt sich um Vorfälle, über die kaum gesprochen wird. Das Thema wird tabuisiert. Es musste erst ein junges Mädchen sterben, bis sich die Leute entschieden, auf die Straße zu gehen, um dies zu denunzieren. Eigentlich sollten Organisationen, die sich für die Rechte der Frauen einsetzen, alles dafür tun, um diese Tabus zu brechen. Seit dem Fall Filali hat sich aber vor allem die Zivilgesellschaft eingeschaltet. So wurde beispielsweise intensiv auf Facebook darüber diskutiert. Allerdings wurde das Gesetz, das dem Vergewaltiger erlaubt, sein Opfer zu heiraten, bis zum heutigen Tag nicht geändert – und zwar unter dem Vorwand, es handele sich um »kulturelle Besonderheiten«.

Die marokkanische Ministerin für Solidarität, Frau, Familie und soziale Entwicklung, Bassima Hakkaoui, hatte nach dem Vorfall eine Debatte angekündigt, um das Gesetz zu reformieren. Streitpunkt ist vor allem Artikel 475 des Strafgesetzbuchs, der den Vergewaltiger von einer Strafe befreit, wenn er sein Opfer im Einverständnis mit dessen Eltern heiratet. Die Internetpetition »avaaz.org« verlangt die Aufhebung des Artikels. Zur Diskussion steht aber auch Artikel 20 des Familiengesetzes, der die Heirat Minderjähriger erlaubt. Zeichnet sich denn wirklich eine Reform oder die Aufhebung der besagten Artikel ab?

Wie ich vorher betont habe, hat sich bis zum jetzigen Zeitpunkt nichts Konkretes getan. Abgesehen von einigen Konferenzen über den Vorfall und die Vergewaltigung Minderjähriger, wird nicht mehr viel darüber gesprochen. Und ich habe auch das Gefühl, dass die Mobilisierung im Internet und das Interesse am Thema eher abgenommen haben.

Wie ist die islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), die stärkste Kraft in der Regierung, mit der Affäre umgegangen?

Der PJD ist zwar die stärkste Kraft in der Regierung, doch in Marokko hat nicht die Regierung die Macht, sondern der makhzen, das sind die Seilschaften zwischen Königshaus, Wirtschaft und Staatsapparat. Es handelt sich um eine Fassadenregierung. Als Partei hat sich der PJD dahingehend geäußert, dass es sich beim Vorfall nicht um Vergewaltigung sondern vielmehr um eine Liebesbeziehung gehandelt habe.

Wessen Opfer ist Amina Filali letztendlich?

Sie ist das Opfer einer ganzen Gesellschaft und ihrer Ideologie, die die Frau als Objekt sieht. Einerseits ist das Mädchen also Opfer einer heuchlerischen, patriarchalen, masochistischen Gesellschaft, in der das Gesetz schwache Frauen nicht schützt, andererseits ist sie das Opfer ihres Umfelds, weil man sie verheiratete, um einen sogenannten Skandal zu verhindern. Denn eine entjungferte, nicht verheiratete Frau wird in Marokko geächtet, vor allem auf dem Land.

Welche Rolle spielen islamische Werte wie die »Erhaltung der Ehre«?

Das sind nicht Werte des Islam, sondern Werte einer machistischen Gesellschaft. Übrigens beruht das marrokanische Recht auf der französischen Rechtsordnung. Deshalb kann man hier nicht einfach vom Islam reden. In unseren Gesellschaften ist der Machismus ein Übel, das jegliche Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer in Freiheit und Gleichheit leben können, verdirbt und erstickt. Es ist also nicht eine Frage der Religion – ob Islam, Christentum oder Judentum –, sondern eher des vorherrschenden Männlichkeitswahns. Denn in unseren Gesellschaften sind es noch immer die Männer, die die Gesetze machen und dadurch bevorzugt werden.

In der neuen Verfassung, die bald ein Jahr alt sein wird, steht, dass die Politik und der König die Diskriminierung von Frauen und Mädchen beenden wollen. Anscheinend besteht in Marokko eine große Diskrepanz zwischen dem, was in der Verfassung steht, und der Realität.

Der Rückschritt Marokkos beruht auf der Tatsache, dass jene, die die Macht haben, kein Interesse an Demokratie haben und damit vielen Marokkanerinnen und Marokkanern ihre Hoffnung auf ein würdiges Leben nehmen. Die Machthabenden haben es so eingerichtet, dass die Leute sich einzig auf die fortschrittsfeindliche Seite der islamischen Religion beziehen und dies an ihre Kinder weitergeben.

Für das, was derzeit der marokkanischen Bevölkerung widerfährt, ist meiner Meinung nach als erstes der Staat verantwortlich, und zwar durch sein politisches Programm, seine Politik in der Schule, in den Moscheen, im Fernsehen und so weiter. Der Staat hält alle Macht in seinen Händen. Wenn er wirklich den Willen hätte, die Dinge zu verändern, dann hätten wir es längst gesehen. Doch was man uns erzählt, sind einzig leere Worte.

Seit Jahren verlangen Nichtregierungsorganisationen eine »Feminisierung« der Justiz mittels einer gegenüber Frauen gerechteren Strafgesetzgebung und einer Säkularisierung des Familiengesetzes, das sich an den Menschenrechten orientieren soll. Ein Memorandum wurde erarbeitet und dem Justizministerium anlässlich des » Printemps de la Dignité » (»Frühling der Würde«) im Jahr 2010 übergeben. Das Thema kommt aber auch nach dem Fall Filali nicht auf die politische Tagesordnung. Warum?

Die Befreiung der marokkanischen Frauen bedeutet, eine ganze Gesellschaft zu befreien, und in Marokko hat man offenbar nicht wirklich Lust, dass sich die Gesellschaft befreit. Glauben Sie abgesehen davon, dass der Westen ernsthaft an einem freien Marokko interessiert ist?

Sie engagieren sich seit Jahren in sozialen Kämpfen, vor allem für die Rechte der Frauen. Was bedeutet die Befreiung der Frauen heute in Marokko genau?

Amina Filali war eine junge marginalisierte Frau in einem Marokko, wo es keine Arbeit gibt und wo die Leute nichts zu tun haben. Es kommen mehrere Faktoren zusammen: Man kann nicht von einer Befreiung der Frauen einzig durch die Gesetzgebung sprechen. Die Befreiung ist auch eine ökonomische und kulturelle. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Man könnte in das Gesetz schreiben, dass ein Mann nicht das Recht auf eine zweite Ehefrau hat, wenn seine bisherige Ehefrau nicht einverstanden ist. Doch wenn diese Frau ökonomisch von ihm abhängig ist, hat sie dann wirklich eine Wahl?

Für eine ökonomische Befreiung der Frauen muss die Bevölkerung zunächst selbst entscheiden können, was sie will. Und das ist gegenwärtig nicht der Fall in Marokko. Wenn wir also von der Befreiung der Frauen in einer verarmten, marginalisierten Gesellschaft sprechen, die nicht selbst über ihr Schicksal entscheiden kann und der vieles vorgeschrieben wird, dann ist das pure Scheinheiligkeit. Wenn wir für die Befreiung der Frauen kämpfen wollen, für ihre Würde, dann müssen wir gleichzeitig auch für die Selbstbestimmung der marokkanischen Bevölkerung kämpfen.

Die Protestbewegung »Mouvement du 20 Février« (M20F) fordert seit mehr als einem Jahr demokratische Reformen, also eine Modernisierung des Landes. Welche Rolle spielen Frauen in dieser Bewegung und was sind ihre Hauptforderungen?

Im M20F sind Frauen sehr präsent, vor allem junge Frauen und Mädchen, die aus ärmeren Arbeitervierteln kommen und am stärksten eine Veränderung anstreben. Sie fordern die Gleichstellung der Geschlechter und ein würdiges Leben. Dagegen ist die Bewegung der traditionellen Frauen, Vereinigungen, die stark mit aus dem Ausland beeinflussten Entwicklungsplänen arbeiten, nicht wirklich vertreten.

gestreifte amerikanische Flachpoller


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