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vonHelmut Höge 06.07.2012

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Bestrickte Poller-Reihe. Photo: Philipp Goll

 

 

Im Neuköllner „Salon Petra“ las Ulrich Enzensberger aus seinem Sachbuch „Parasiten“.  Das könnte er öfter tun. In den „Kommentaren“ hier unten finden sich dazu zwei Rezensionen. Das Buch erschien einige Jahre nach Michel Serres Studie „Der Parasit“ (siehe Kommentar), in dem es an einer Stelle heißt:

„Die besten Wirte sind manchmal auch die größten Parasiten.“

Der Bruder des taz-blogwarts Mathias Broeckers hörte in der U8 in Richtung Hermannplatz folgendes Gespräch zwischen zwei Bauarbeitern:

„Ick wähl jetzt die Parasiten!“ „Häh! Meinst du die Piratenpartei?“ „Ja, genau!“

Der SPD-Politiker Wolfgang Clement schrieb in seinem Vorwort zu einer Broschüre  des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit „Vorrang für die Anständigen – Gegen Missbrauch, ‚Abzocke‘ und Selbstbedienung im Sozialstaat. Ein Report vom Arbeitsmarkt im Sommer 2005“:

„Bei der umfassenden Reform des Arbeitsmarktes kommen wir mit großen Schritten voran. (…) Beim Kontrollbesuch jammert Ibrahim dem Prüfer vor, dass das Auto noch aus besseren Zeiten stamme und nur geleast sei. „Ich liebe Musik, ich muss singen“, erklärt er – aber nicht auf Kosten des Sozialstaats, wie ihn der Ermittler belehrt. Biologen verwenden für „Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten
– leben“, übereinstimmend die Bezeichnung „Parasiten“.“

(Das stimmt nur zur Hälfte – russische und japanische Biologen sprechen in diesem Zusammenhang auch gerne von „Symbionten“, denn bei genauerem Hinsehen – z.B. auf unsere Darmbakterien oder die von Kühen, Termiten, Koalabären, Biber etc. – sind wir bzw. diese Tiere deren Parasiten, wie die Mikrobiologin Lynn Margulis zu bedenken gibt. Andere wiederum sind mal dies und mal das.)

In der FAZ veröffentlichte gestern der politische Geschäftsführer der deutschen Piratenpartei  Johannes Ponader eine Erklärung:

Mein Name ist Johannes Ponader. Ich bin von Beruf Autor, Regisseur, Schauspieler, Theaterpädagoge. Ich bin seit 2010 Mitglied der Piratenpartei. Am 29. April 2012 werde ich zu ihrem politischen Geschäftsführer gewählt. Am 6. Mai ziehen wir in den Schleswig-Holsteinischen Landtag ein. Am selben Abend sitze ich bei Günther Jauch in der Sendung. Es geht um den Erfolg der Piraten, und es geht um meine Person. Günther Jauch fragt mich: „Sie bekommen Hartz IV.“ Ich bestätige das, sage: „Ja, ich beziehe auch Sozialleistungen.“ Jauch insistiert: „Also Hartz IV.“ „Ja, ich beziehe Sozialleistungen.“ – „Hartz IV.“ – „Man nennt es Arbeitslosengeld II.“ Jauch: „Also bekommen Sie Hartz IV.“ Punkt. Der politische Geschäftsführer der Piratenpartei ist ein Hartz-IV-Empfänger.

Am 9. Mai erhalte ich einen Brief von meinem Jobcenter, dass meine Zahlungen eingestellt werden. Grund: „Politischer Geschäftsführer der Piratenpartei“. Ein Ehrenamt als Grund, meinen Anspruch auf Sozialleistungen abzuerkennen. Mehr steht dort nicht. Keine Vermutung, ich würde nun ausreichend Einkünfte erzielen. Keine Fragen. Lediglich die Möglichkeit zu widersprechen. Das Schreiben wird später für hinfällig erklärt. Später wird man mir auch unterstellen, ich hätte mich bei Jauch geziert, meinen ALG-II-Bezug zuzugeben. Aber Jauch musste aus einem ganz anderen Grund dreimal nachfragen: Ich lehne den Begriff „Hartz IV“ ab und weigere mich, für ein Arbeitslosengeld, das der Existenzsicherung dient, diesen Namen zu benutzen. Peter Hartz, der Namensgeber, ist wegen Untreue in 44 Fällen vorbestraft. Im Namen „Hartz“ schwingt der Verdacht mit, dass da irgendjemand andere hintergeht. Doch wer hintergeht wen? Bei Peter Hartz betrug die veruntreute Summe 2,6 Millionen Euro. Davon könnte man einem Menschen 6948 Monate lang den aktuellen ALG-II-Regelsatz bezahlen, das sind 579 Jahre, oder drei Menschen lebenslang ein Grundeinkommen von knapp 1000 Euro.

Wenige Tage nach der Sendung erhält Bernd Schlömer, Parteivorsitzender der Piraten, einen Anruf von Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit. Er fragt, warum die Partei mich nicht bezahlen könne, deutet an, dass das Jobcenter mich härter anpacken müsse, wenn öffentlicher Druck entsteht. Er spricht von Eingliederungsmaßnahmen und Sanktionen. Später, als Journalisten nachfragen, wird Alt leugnen, dass ich der Grund für diesen Anruf war, und stattdessen ein generelles Interesse an der Piratenpartei als Grund angeben. Wieso bricht ein Vorstandsmitglied der Agentur für Arbeit das Sozialgeheimnis? Wieso ruft er nicht bei mir selbst an? In was für einem Land leben wir, wenn Entscheidungen einer Sozialbehörde von öffentlichem Druck abhängig gemacht werden? Ich will von Bernd Schlömer wissen, was in dem Gespräch genau gesprochen wurde. Bernd kann mich im Groben informieren. Doch Alt hat sich sicherlich exaktere Notizen gemacht. Also rufe ich in Nürnberg an. In der Vermittlung werde ich angeschnauzt, ob ich mich beschweren wolle. Nein, ich möchte zu Herrn Alt durchgestellt werden. Noch mitten im Satz finde ich mich in der Warteschleife. Heraus komme ich in der Beschwerdestelle. Worüber ich mich beschweren wolle, fragt mich das freundliche Gegenüber. Über nichts, ich wollte ins Vorzimmer von Herrn Alt. Da sei ich falsch, und leider könne er mich nicht weiterstellen. Wenn der Prüfdienst klingelt und man seine Rechte kennt Bei meinem zweiten Anruf melde ich mich als politischer Geschäftsführer der Piratenpartei. Prompt werde ich durchgestellt. Herr Alt jedoch ist nicht zu sprechen. Ich bitte um Rückruf. Der kommt auch nach Tagen nicht.

Stattdessen meldet sich einige Zeit später der Leiter meines Jobcenters. Er sagt mir, Herr Alt habe ihn gebeten, sich bei mir zu melden. Vom Inhalt des Gesprächs kann er mir jedoch nicht viel sagen, Herr Alt habe mit ihm nicht persönlich gesprochen. Mittlerweile bin ich in München, arbeite für eines meiner beruflichen Projekte. Der Spiegel wird später schreiben, dass ich in diesen Tagen „ausnahmsweise“ mein Geld selbst verdiene. Ausnahmsweise, das ist in den letzten zweieinhalb Jahren zwei Drittel der Zeit. In diesem Zeitraum habe ich zwanzig Monate lang Geld verdient, Steuern bezahlt, und den Rest der Zeit Arbeitslosengeld bezogen. Der „Spiegel“ wird später in einer Pressemitteilung suggerieren, ich hätte Honorare nicht angeben wollen, sei deswegen vom Jobcenter abgemahnt worden. Im Medienhinweis schwebt der Vorwurf noch subtil zwischen den Zeilen. Die Springerpresse titelt: „Hartz-IV-Pirat erschlich sich Stütze“. Erst nach einer Klarstellung durch mich ändert sich die Überschrift. Hunderte von Tageszeitungen drucken die Meldung unkritisch nach, nur wenige Journalisten hinterfragen sie. Zweimal war der Prüfdienst der Bundesagentur schon bei mir. Beide Male wurden meine Grundrechte mit Füßen getreten. Eine Prüfung durch den Außendienst darf nur erfolgen, wenn es einen Anfangsverdacht auf Leistungsmissbrauch gibt, und auch dann nur, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichen. In meinem Mietvertrag steht eine falsche Angabe bezüglich meiner Warmwasserversorgung. Ich stehe im Verdacht, 8 Euro monatlich zu Unrecht zu beziehen. Eine einfache Nachfrage bei mir und eine Bestätigung des Vermieters könnte den Fehler aufklären. Stattdessen steht der Prüfdienst vor der Tür. Ich frage nach dem Grund. Mir wird der Boiler genannt.

Tatsächlich soll der Prüfdienst auch die Zahnbürsten zählen, feststellen, ob ich tatsächlich alleine in der Wohnung wohne – das geht aus dem schriftlichen Prüfauftrag hervor, den ich mir zeigen lasse. Die Prüfer lügen mich also an. Auch sonst wirkt es, als hätten die Prüfer die entsprechende Durchführungsanordnung der Bundesagentur noch nie zu Gesicht bekommen. Sie „vergessen“ die obligatorische Belehrung über meine Rechte, bevor sie die Wohnung betreten. Einem gemeinsamen Protokoll – worauf ich einen Anspruch habe – stimmen sie erst zu, weil ich ihnen andernfalls den Zugang zur Wohnung verwehre. Ich habe umgehend Antrag auf Akteneinsicht gestellt, um das tatsächliche Protokoll zu Gesicht zu bekommen. Der Antrag wurde bis heute nicht bearbeitet. Welche Arbeit ist Prostituierten zumutbar und wie viel davon? Dass die Jobcenter sich nicht an die Vorschriften halten, die für ihren Bereich gelten, ist an der Tagesordnung. Die Mitarbeiter sind oftmals auf Grund der vielen Änderungen überfordert. Zudem werden sie unter enormen Druck gesetzt. Morgens müssen sie sich erst Videobotschaften aus Nürnberg ansehen, bevor sie sich in ihre Rechner einloggen können – ein Abbruch oder Vorspulen ist nicht möglich. Wer die Quoten nicht erfüllt, fliegt raus und kann sich ein halbes Jahr später auf der anderen Seite des Schreibtisches wiederfinden. Die Sozialgerichte platzen vor Klagen, die Wartezeiten auf Gerichtstermine sind lang. Gut die Hälfte der Klagen ist erfolgreich. Es handelt sich also beileibe nicht um Querulanten, sondern um Menschen, die für ihre Rechte einstehen.

Die Jobcenter teilen ihre Kunden in mehrere Kohorten ein: arbeitsmarktnah, arbeitsmarktfern, nicht vermittelbar. Doch es gibt auch eine inoffizielle Kategorie: Kunden, die ihre Rechte kennen. Sie kommen oft zu zweit aufs Amt, begleiten sich gegenseitig. Insider berichten, das seien etwa zwei Prozent der Kunden. „Wären es fünf bis zehn Prozent“, so ein Insider, „könnten wir einpacken.“ Die Mitarbeiter sollen unterstützen und gleichzeitig entscheiden sie über die weitere Förderung eines Kunden. Selten sind sie Kenner der Branchen, bis heute sind die Jobcenter organisiert wie Einwohnermeldeämter: Die Kunden werden nach Alphabet zugeteilt. Je spezifischer das Berufsfeld, umso weniger können die Mitarbeiter kompetente Unterstützung anbieten. Warum nicht ein Mitarbeiter die Selbständigen betreut, einer die Künstler, einer die Handwerker – man weiß es nicht. Grundsätzlich ist jede Arbeit zumutbar. Wenn mich ein rechtsextremistisches Magazin auffordert, dort einen Artikel zu veröffentlichen, muss ich das theoretisch annehmen. Am krudesten zeigt sich die Logik im Umgang mit Prostituierten. Die entsprechende Anordnung legt fest, dass Prostituierte nicht zur Ausübung der Prostitution gezwungen werden dürfen, wenn sie der Prostitution grundsätzlich nicht mehr nachgehen wollen. Im Umkehrschluss heißt das: Möchte jemand der Prostitution zeitweise selbstbestimmt nachgehen, wird er für das Jobcenter zum Freiwild, es sei denn, er begeht Sozialbetrug.

Bei meinem letzten Gespräch im Jobcenter lege ich meine Einnahmen des letzten Monats vor. Gut 1800 Euro habe ich verdient, genug, um mit den Leistungen mehr als einen Monat auszusetzen. Mein Arbeitsvermittler ist völlig überfordert, sich auf die neue Situation einzulassen. Man hat jetzt einen detaillierten Integrationsplan für mich ausgearbeitet; das lese ich zumindest in der Presse. Während mein persönlicher Ansprechpartner rechtswidrig sein Programm durchzieht und meine alte Eingliederungsvereinbarung einseitig und vorzeitig außer Kraft setzen will, plaudert die Sprecherin der Arbeitsagentur öffentlich über meinen Fall, ohne dass ich sie je vom Sozialgeheimnis entbunden hätte. Es habe bislang keinen Anlass gegeben, mich zu sanktionieren, sagt sie der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Wo kommen wir hin, wenn jeder Journalist in Nürnberg nachfragen kann, ob ein Kunde der Arbeitsagentur schon einmal sanktioniert wurde oder nicht?

So wie es aussieht, werde ich in Kürze genug Einkommen haben, um vom Jobcenter unabhängig zu sein. Bis dahin wollen mich Freunde unterstützen. Nun ist ein Sprung ins Ungewisse angesagt, wie ihn viele gehen, die die Gängelung durch die Jobcenter nicht mehr ertragen und freiwillig auf Sozialleistungen verzichten. Ich verlasse das Amt, um frei zu sein. Das Arbeitsamt. Nicht mein Amt als politischer Geschäftsführer.

 

Drei Poller im Sonnenuntergang. Photo:  Peter Loyd Grosse

 

Das Online-Magazin Telepolis interviewte die Autorin des Sachbuchs „Wir müssen leider draußen bleiben“ – Kathrin Hartmann, u.a. über Parasitismus – Sozialschmarotzertum:

Wenn man sich ansieht, was uns die Rettung der Banken kostet, von der die Reichen genauso profitieren, weil damit auch ihre Einlagen abgesichert wurden und dazu zählt, wie viel Geld der Allgemeinheit durch großzügige Steuergeschenke an Reiche und Unternehmen und durch Steueroasen flöten geht, dann kommen schließlich einige hundert Milliarden Euro zusammen.

Im Vergleich dazu sind die Kosten für Hartz IV ein Witz. Deshalb ist der Sozialschmarotzervorwurf gegen die Armen lächerlich – die Reichen sind die wahren Sozialschmarotzer. Anstrengungsloser Wohlstand, wie ihn einmal Westerwelle den Armen unterstellte, gibt es nur für die Reichen.

 

Schon vor der Hartz-IV-Reform gab es eine staatliche Parasitenbekämpfung in diesem Sektor, der in den frühen Achtzigerjahren allerdings noch nicht so ausgedehnt wie heute war. Das Gelnhäuser Tagblatt gab z.B. dem Vogelsberger Landrat Gelegenheit dazu, indem es seinen diesbezüglichen Ambitionen eine Kolumne widmete:

„Guten Tag, liebe GT-Leser! Landrat Rüger nennt sie Aussteiger. Darunter versteht der Mann aus dem Linsengerichter Eselspfad jene Zeitgenossen, die ihren Job ohne ersichtlichen Grund an den Nagel hängen und meinen, im sozialen Netz dieser Gesellschaftsordnung ist gut ruhen.

Besonders getroffen hat es anscheinend Hans Rüger, dass unter diesen Mitmenschen auch Beamte sind. Ein Beispiel: Die Frau eines Berliner Arztes, Beamtin auf Lebenszeit, von ihrem Mann getrennt, aber auch von der Arbeit. Besagte Dame hätte sich im Main-Kinzig-Kreis niedergelassen und kassiert jetzt fleißig vom Sozialamt. Da gibt es dann noch, so Rügerm die “rüstigen Dreißigjährigen”, die in Vogelsberg und Spessart in Bauernhäusern unterschlüpfen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und kräftig auf Kosten der Allgemeinheit abkassieren.

Der Landrat nennt solche Volksgenossen Parasiten und klagt, dass immer mehr auf diese Unart und Weise ihr Leben fristen wollten. Zehn Prozent der Sozialhilfeempfänger gehören zu diesen Typen. Wenn der Sozialetat des Kreises seit 1976 von 20 Millionen auf 36 Millionen Mark emporgeschnellt sei, dann sei dies der “Verdienst” der “Aussteiger”. Warum diese Leute aussteigen, meint der Landrat erkannt zu haben. Trotz eines Lebens auf der faulen Haut hätten sie am Monatsende mit Sozialhilfe und ähnlichen Zahlungen aus der öffentlichen Hand genauso viel Geld im Säckel wie einst, als sie noch eine Lohnsteuerkarte ihr eigen nannten. Nicht selten seien gar staatliche Leistungen höher als die Nettoarbeitsentgelte.

Wenn gar noch nebenbei etwas schwarzgearbeitet würde, könnten die Aussteiger nur noch über die Zeitgenossen lachen, die täglich in ihrem Beruf schuften. Hans Rüger aber ist froh darüber, dass die Beamten in seiner Umgebung allesamt moralisch gefestigte Persönlichkeiten sind, die zwar schon das eine oder andere Mal dem Kreishauschef verrechnen, wie gut’s ihnen gehen könnte, wenn sie den Kram in der Verwaltung des Großkreises hinwerfen und sich fürs Nichtstun belohnen lassen würden.

Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, warum der Kreis den Parasiten nicht die Mäuler stopft. Rüger weiß die Antwort. Früher wären die Fürsorgezahlungen von den Gemeinden gekommen. Da kannte man seine Pappenheimer. Heute komme der Antragsteller zur anonymen Kreisverwaltung, seine persönlichen Verhältnisse sind nicht bekannt, der Sachbearbeiter erfährt nur die “Notlage” und wird dann – wagt er es, genauer nachzufragen – auch noch belehrt, dass er keine Moralpredigten zu halten, sondern zu zahlen habe. Kaum einmal kann diesen Menschen nachgewiesen werden, dass sie lügen. Sehr bedauerlich, denn wirkliche Aussteiger und Alternative werden mit den Betrügern gar zu schnell in einen Topf geworfen, befürchtet Euer Fritz“

 

 Das Berliner Institut für Faschismusforschung schreibt über den Zoologen und Umweltforscher Jakob von Uexküll:

“In seinem 1920 erschienenen Buch “Staatsbiologie” machte er für die ökonomischen und politischen Krisen des Kaiserreichs und der beginnenden Weimarer Republik “Parasiten am Gemeinschaftskörper” verantwortlich, und zwar insbesondere “Fremdrassige”, die “in einem kranken Staate, der nur noch schwach auf ihre Eingriffe reagiert”, gut gedeihen könnten. “Solange der Betrieb des Staates geregelt weiterging” (im alten Kaiserreich), habe der Staat “die Möglichkeit (gehabt), den einzelnen Arbeitsfeindlichen durch einen Arbeitswilligen zu ersetzen, der wohl stets vorhanden war. Sobald aber eine größere Zahl Arbeiter aus der Arbeitskette zurücktrat und streikte, stand das betroffene Staatsorgan vor dem Untergang”. Deshalb müsse ein staatliches “Streikverbot” her.”

 

2010 kam ich in einem Gutachten über Kreuzberg zu dem Ergebnis:

„Bis der Touristenboom einsetzte war es auch kein Thema, dass nahezu die gesamte Infrastruktur in Kreuzberg und Neukölln von Türken und Arabern aufgebaut wurde, die nach der Wende als erste von den Betrieben in Westberlin entlassen worden waren, die Deutschen traten hier bald nur noch als Parasiten in Erscheinung.

Erst mit den Touristen und einer ihnen sich anpassende Infrastruktur änderte sich das wieder – und prompt argumentieren die davon nicht profitierenden Altbohèmiens sarrazinistisch: “Das muß man doch mal sagen dürfen!” ist dabei zu einem Kreuzberg-Slogan geworden.

Neulich verstieg sich eine Neuköllner “Feministin” sogar zu der Behauptung: “Mein Freund ist Gynäkologe an der Charité, der hat mir erzählt, dass die Türkinnen alle fünf Kinder kriegen, behinderte, nur damit sie 300 Euro monatlich pro Kind kassieren können.”

 

Depripoller 1. Photo: Peter Loyd Grosse

 

Wikipedia weiß 2011 ganz genau:

“Alle Lebewesen verfügen über Schutzfunktionen – gegen eindringende Parasiten. Denn praktisch alle Organismen sind ständig den Einflüssen der belebten Umwelt ausgesetzt; manche dieser Einflüsse stellen eine Bedrohung dar: Wenn schädliche Mikroorganismen in den Körper eindringen, kann dies zu Funktionsstörungen und Krankheiten führen. Schon einfache Organismen besitzen einen solchen Abwehrmechanismus, die so genannte angeborene Immunabwehr. Die Wirbeltiere entwickelten zusätzlich eine komplexe so genannte adaptive Immunabwehr, die sie noch effektiver vor Krankheitserregern schützt.”

Catherina Rust schreibt in ihrem anrührenden Buch „Das Mädchen vom Amazonas“:

„Natürlich gab es Krokodile, unzählige Giftschlangen, Jaguare, Zecken, Parasiten, allerdings habe ich das als Kind nie so bedrohlich empfunden wie das heute klingen mag. Wer lernt, sich adäquat in seinem Umfeld zu bewegen, wie es die Indianer auch ganz selbstverständlich machen, ist kaum mehr in Gefahr als in einer durchschnittlichen europäischen Großstadt. Die schlimmsten Bedrohungen kamen meist durch Menschen.  Christliche Missionare im Bekehrungswahn etwa…“

Der Parasit ist aber auch nicht doof – er hat ebenfalls gelernt, „sich adäquat in seinem Umfeld zu bewegen“ – man nennt das  „molekulare Mimikry“:

„Die Molekulare Mimikry bezeichnet das Verbergen bakterieller, viraler oder parasitärer Oberflächenmoleküle vor der Immunabwehr des Wirts. Diese Moleküle werden deshalb nicht vom Immunsystem anerkannt, weil ähnliche oder gleiche Substanzen auch im Wirt vorkommen. Da der Wirtsorganismus gegen die eigenen Moleküle im Normalfall keine Antikörper bildet, werden diese Bestandteile des Pathogens nicht als Antigen erkannt…“ (Wikipedia)

Das Fischmagazin meldet:

„Schleswig-Holsteins Muschelfischer dürfen zukünftig keine Saatmuscheln für ihre Miesmuschelbänke im nordfriesischen Wattenmeer importiere. Hintergrund des OVG-Urteils ist der vor einigen Jahren begonnene Import von Besatzmuscheln insbesondere aus Großbritannien und Irland, um den fehlenden Miesmuschelnachwuchs vor der schleswig-holsteinischen Westküste auszugleichen. Umweltschützer befürchten, dass durch den Import auch fremde Arten, die als Parasiten in ihnen leben, eingeführt werden.“

In Silvia Bovenschens neuem Roman: “Wie geht es Georg Laub?” heißt es über den gewesenen Schriftsteller:

Laub läßt sich mit einem anonymen Schreiben aus seinem Haus locken – in das Funkhaus Nalepastrasse, wo ihm eine dünne Frau gesteht: “Nie war ein Jubel in mir. Nie war ein Saft in mir. Nie war eine Lust in mir. Nur für kurze Wege reicht die Energie. Eine kleine Energie. (…) Zart verlöschen möcht ich. Bis dahin lehn ich mich an starke…Ich such und brauch die Näh der Riesen. Bin Parasit aus Not und Schwäche.” Dennoch sie hat mit ihm – Laub – ein “fadendünnes Mitleid”. “Und, das bedenke: der, den ich, die Schwächste unter den Schwachen, fadendünn bemitleide, der ist wirklich arm dran.”

 

Hartmut Rübner hat gerade ein Buch über die westdeutsche und Westberliner „Rote Hilfe“ veröffentlicht: „Die Solidarität organisieren“ heißt es. In der Jungen Welt schrieb er einmal über Rechte in der SPD.

Mit der Aufforderung “Schaut euch diese Typen an!” mobilisierte bereits der Westberliner SPD-Bürgermeister Schütz seine “schweigende Mehrheit” in der Stadt gegen die Studentenbewegung. Noch demagogischer argumentierten dann CDUler wie Lummer und Landowsky. Letzterer meinte z.B., als die Kunstscene sich in Mitte breit machte, in Kreuzberg würden nur “Junkies, Gewalt und Ausländer zurückbleiben”. Etwas nobler drückte sich dann der elitäre Wilmersdorfer Wolf Jobst Siedler aus. Sogar Oskar Lafontaine betrachtete es einmal quasi als  Staatspflicht, deutsche “Familienväter und Frauen” davor zu schützen, dass “Fremdarbeiter ihnen zu Billiglöhnen die Arbeitsplätze wegnehmen”. “Die Zeit” schrieb: “Hinter der Aufregung über den Nazi-Begriff ‘Fremdarbeiter’, den Lafontaine in Chemnitz benutzte, steckt die Frage nach der Zukunft des Populismus in Deutschland.” Dabei hat der sozialdemokratische Bundesbanker Thilo Sarrazin jetzt den Vogel abgeschossen – mit seinem “Klasse statt Masse”-Interview.

Hartmut Rübner hat herausgefunden, dass “die Verachtung der Unterschichten eine alte SPD-Tradition ist”. Erinnert sei an Wolfgang Clements Lob der “Anständigen”, die “Vorrang” haben müßten vor den “Parasiten,” die den Sozialstaat “abzocken”. Da kommt das alte spießige Handwerker- und Facharbeiter-Vorurteil gegenüber dem  “Lumpenproletariat” wieder hoch. Wegen Sarrazins Äußerungen fand bereits eine erste Protestdemonstration vor dem SPD-Hauptquartier in Berlin statt. Er ist der Meinung, siebzig Prozent der Türken und neunzig Prozent der Araber in Berlin seien “weder integrationswillig noch -fähig”, und führte dies unter anderem auf eine “Mentalität” zurück, die er “aggressiv und atavistisch” nannte. Außerdem sei menschliche Intelligenz zum Teil wohl erblich, weshalb es von Nachteil sei, dass in Berlin gerade die Unterschicht – und da vor allem die türkische! – so viele Kinder “produziere – ständig neue kleine Kopftuchmädchen”. Diese neodarwinistische Weltsicht, die soziale Benachteiligungen “naturalisiert und biologisiert” findet sich laut Rübner auch schon in der Sozialdemokratie vor 1933 – und gipfelte damals z.B. in der Forderung von Zwangssterilisationen “Schwachsinniger, Alkoholiker und Gewohnheitsverbrecher”. “Im Grunde stieß man in das gleiche Horn wie die Nazipropagandisten”, so Rübner. Rasse statt Klasse! darauf läuft  auch Sarrazins nun scheinbar genetisch fundiertes “Eliten”-Konzept hinaus.

In einer Rezension der „Grünen Woche“ schrieb ich:

Noch intellektueller ging es in der “Halle der Landwirtschaftsministerin” zu. Dort begeisterte mich am Stand des staatlichen Julius-Kühn-Instituts für Pflanzenanalytik in Klein-Machnow ein Lehrfilm aus einem Kieler Schädlingsforschungsinstitut über Parasiten von Pflanzenparasiten, wobei die Bauern gute beraten sind, erstere gegen letztere einzusetzen statt diesen mit Pestiziden zu Leibe zu rücken  (entofilm.com).

 

In einer Rezension der Messe „Gründertage“ in der TU schrieb ich:

Mir kam diese “Experten”-Veranstaltung wie eine deprimierende Versammlung von Parasiten und Zwischenhändlern vor – auf der Suche nach den letzten verwertbaren Ideenentwicklern.

All die Standfrauen in Chanel- Kostümen von H&M und gepflegten Anzugmänner mit flippigen Schlipsen (Soll heißen: “Seht her, ich bin wahnsinnig kreativ”) waren Festangestellte – von Banken, Versicherungen, Patentanwälten, Gründerzentren-Entwicklern und dubiosen Senatsprojekten. Um die 24 Standplätze voll zu kriegen, hatte man selbst die im Osten gerade ihre Filialen reduzierende Hamburgerkette “Mc Donald’s” zum Franchiser- Fangen eingeladen. Auf allen Monitoren gaben hochbezahlte Amis den abwesenden Ostakademikern gute Ratschläge – auf englisch.

 

Depripoller 2. Photo: Peter Loyd Grosse

 

 

Werner Marwedel. Aquariumspfleger im Bremerhavener Zoo erklärte uns einmal:

Hier in dem großen Becken, das ist jetzt der Doktorfisch, den ich eingangs bereits erwähnte. Es gibt eine ganze Reihe von Doktorfischen. Der Name kommt daher, dass sie am Schwanzstiel zu beiden Seiten ein herausklappbares Messer haben, scharf wie das Skalpell eines Baders. Deswegen nannte man sie früher auch Seebader, später dann – mit der Verfeinerung der Medizin – Chirurgenfische. Im Nachbar-Aquarium haben wir noch andere Doktorfische: den blauen Palettenfisch und den Philippinen-Doktorfisch. In der Gefangenschaft sind sie durch die Bank alle etwas heikel, weil sie eine dünne Haut haben. Sie sind durch sehr wenige Schuppen nur geschützt, was heißt, dass sich auf ihrem Körper leicht irgendwelche Parasiten ansiedeln können.

(Zwei Jahre später erfuhr ich telefonisch vom Bremerhavener Küstendenker Burghard Scherer: Der Doktorfisch ist tot. Und Marwedel ist in Rente gegangen. Den Vorsitz im örtlichen Aquariumverein hat er aber noch und den Notdienst macht er dort auch weiterhin. Das aber nur nebenbei.)

 

Die Schädlingsbekämpfungsfirma APC AG schreibt auf ihrer Webpage:

“Am Körper der Tauben, in deren Niststätten und Exkrementen finden sich insgesamt etwa 110 verschiedene Krankheitserreger. Als wohl bekanntester Parasit gilt hier die Taubenzecke (Argus reflexus), deren Verstecke und Entwicklungsherde im Umfeld der Taubennistungen liegen. Auf der Suche nach einer Nahrungsquelle wandern diese überwiegend nachtaktiven Blutsauger nicht selten vom Standort der Wirtsvögel ab, gelangen dabei in Wohnräume und stechen den schlafenden Menschen.”

 

In einer Studie über die georgisch-russischen Verbrecherorganisationen heißt es:

In Moskau begann Anfang der 90er Jahre ein Kampf zwischen den Profisportlern oder Banditen, den Mafiosi aus den Sportclubs, und den »vory«, wobei die letzteren ihren traditionellen Einfluß auf die kriminelle Welt verloren. Die »vory« wurden als Relikt einer anderen Zeit und als Parasiten betrachtet – von dieser neuen Mafia, die keine Scheu zeigte, die Gewalt systematisch anzuwenden. Dennoch handelte es sich eher um eine Neuverteilung der Einflußzonen als um die Liquiderung der »vory«.

 

Gutelaune-Poller. Photo: Peter Loyd Grosse

 

Notizen aus einer Parasitismus-Veranstaltung

Der Wissenshistoriker Michel Serres fragte sich, ob “parasitäre Verhältnisse” eine Ausnahme oder “nicht einfach das System selbst sind”? Ähnliches könnte auch und erst recht für “symbiotische Verhältnisse” gelten, also beim Menschen  und und z.B. seinen E.coli-Bakterien. In der Homöopathie kennt man “Miasmen”: das sind u.a. die von Bakterien hervorgerufenen “Krankheiten hinter den Krankheiten” – Tripper, Syphilis und Tuberkulose. Alle drei bewirken einen gesteigerten Wunsch nach körperlicher Nähe und sexuellem Kontakt. Den drei “Erregern” ist anscheinend sehr daran gelegen – jedenfalls wenn sie sich ausbreiten, d.h. auf Nummer Sicher gehen wollen. Ihre Wirte machen es unter Umständen ja nicht mehr lange.

Wie kompliziert die Vorgänge zu seiner Verhaltensbeeinflussung verlaufen können, zeigen die verschlungenen, jedoch vollkommen zielgerichteten Wege des Parasiten “kleiner Leberegel”. Ein Vorstadium von ihm, Miracidien genannt, liegt im Gras und wird von einer Schnecke mitgefressen. Im Darm bildet sich aus der Vorform eine weitere: sogenannte Cercarien. Diese wandern in die Atemhöhle und werden sodann von der Schnecke als süßer Schleimbrocken ausgestoßen. Der Schleim wird besonders gerne von Ameisen gefressen. Im Bauch der Ameise entwickelt sich aus einer der vielen Cercarien ein “Hirnwurm”, der in das Ameisengehirn wandert, um von dort aus das Verhalten seines Wirtstieres zu beeinflussen. Dergestalt, dass es sich am Abend nicht in den Ameisenbau verzieht, sondern im Gegenteil die Spitze eines Grashalmes erklimmt und sich dort festklammert. Irgendwann kommt ein Schaf oder Rind und frißt das Gras mitsamt der Ameise und dem kleinen Leberegel. Und damit ist dieser am Ziel: Hier kann er sich entfalten – und erneut Miracidien produzieren, die dann über den Kot seines Wirtes abgesetzt werden. Durch den Verzehr von Rind- oder Schafsfleisch kann der kleine Leberegel auch in unseren Körper gelangen. Aber das ist von ihm nicht geplant. Im Gegenteil, denn unsere Scheiße landet selten auf Wiesen oder Weiden.

Anders ist es mit dem Saugwurm Bilharziose und dem Menschen: Seine im Wasser lebende Larvenform Cercarie dringt beim Baden oder Waschen in unsere Haut. Um da durch zu kommen, muß sie sich sehr gut mit dem Chemismus der Haut auskennen. Im Körper angelangt bilden die Larven sich zu adulten Würmern um, die in Blutgefäßen leben. Zur Ausbreitung legen die Würmer alsbald Eier, die dann über den Darm bzw. die Blase der Menschen (200 Mio sind weltweit von Bilharziose befallen) wieder ins Wasser gelangen, wo sie sich zu Miracidien entwickeln. Von dort müssen diese erst einmal in ganz bestimmte Wasserschnecken gelangen, in denen sie sich zu den für Menschen gefährlichen Cercarien entwickeln. Es gibt unterschiedliche Arten von Miracidien und sie suchen sich unterschiedliche Wirtsschneckenarten. Ihre hohe Spezialisierung hat zu einer extremen Unfreiheit der Wahl geführt, dafür ist sie darin äußerst präzise: Zur Arterkennung und Verständigung geben die Schnecken makromolekulare Glykoproteine ins Wasser ab, wobei ihre Artspezifität sich in einem bestimmten glycosidisch gebundenen Kohlehydratanteil entbirgt. Die Miracidien-Larven nun kennen diese “Sprache”, die sie mit einiger Sicherheit zur “richtigen” Wirtsschnecke bringt.

Abschließend sei noch erwähnt, dass es einen anderen Saugwurm gibt, der im Gehirn eines Zwischenwirts angelangt diesen dahingehend beeinflusst, dass er in einer ganz bestimmten Wassertiefe schwimmt – wo er prompt von einer Fischart gefressen wird, auf die der Saugwurm es abgesehen hat. Der Parasit vermag also an der Höhensteuerung seines Zwischenwirts zu drehen. Aber dieser läßt sich auch laufend neue mögliche Gegenstrategien einfallen, es ist die reinst Waffenproliferation.

Die FAZ referierte einen Artikel aus „Nature“ – von einer australischen Biologin und einem Zoologen aus Neuchâtel:

“ Es geht hier um die Interaktion zwischen einem Putzerlippfisch und einer Brasse im Indopazifik. Der Putzerfisch kann sich von den Parasiten der Brasse ernähren. Er kann die Brasse aber auch betrügen und stattdessen den Hautschleim der Brasse zu sich nehmen, den er eigentlich auch präferiert. Wie sichert sich nun die Brasse gegen diesen Missbrauch und diese Verletzung, oder wie bildet sich, und unter diesem Titel stellt “Nature” in einem Kommentar den Artikel vor, “Vertrauen unter Fischen” (“trust in fish”). Die Antwort des Artikels lautet, dass Brassen die Putzerlippfische bei der Arbeit an anderen Brassen beobachten – die Autoren nennen dies “Abhören” – und dass die bei der Arbeit beobachteten Putzerlippfische durch korrektes Verhalten Image und Reputation aufbauen, um sich auf diese Weise den künftigen Zugang zu anderen Brassen zu sichern. Diese Begriffssprache ist signifikant. Es geht um Kommunikation in Netzwerken, um Information, die in diesen Netzwerken transferiert wird, um Reputation, und es geht um andere, ohne einen sozialwissenschaftlichen Theoriehintergrund undenkbare Begriffe wie Vertrauen und Spiel.

Der Zoologe Hans Winkler erforschte die Mimikry am Beispiel des Falschen Putzerfisches, der als Parasit nur so tut als wäre er ein Parasitenvernichter:

„Säbelzahnschleimfische ernähren sich meist von Zooplakton Die Gattung Plagiotremus greift größere Fische an und reißt ihnen Flossen- und Hautstücke ab. Sie ähneln in ihrer Färbung oft Friedfischen, so gibt es eine orange Farbform von Plagiotremus rhinorhynchos, die den Weibchen des Juwelen-Fahnenbarsches(Pseudanthias squamipinnis) ähnelt und sich auch zur Tarnung in dessen Schwärmen aufhält. Noch ärger treibt es der Falsche Putzerfisch (Aspidontus taeniatus), der in Gestalt, Färbung und Schwimmweise den Gemeinen Putzerfisch (Labroides dimidiatus) imitiert und den eine Parasitenbeseitigung erwartenden Fischkunden Flossen- und Hautstücke herausbeißt.“ (Wikipedia)

Im „gutefrage.net“ geht es um einen neue Läden mit Aquarien auf dem Boden, in dem Fische schwimmen, die einem gegen geringes Entgeld den Dreck von den Füßen abknabbern. Solch ein Geschäft gibt es neuerdings auch in Berlin. Ein Experte weiß anscheinend:

„Es sind sogenannte  Schmarotzerfische, die sich auch an Haien oder Walen gütlich tun.“

Der Schmarotzerfisch an sich ist aber nicht nur auf solche unappetitlichen Geschäftsgründungen angewiesen – wie das Aquarianer-Forum „aqua4you“ weiß:

„Der erste, jemals entdeckte, an Land lebende Fisch  ist der brasilianische Schmarotzerfisch, der auf Blättern am Ufer lebt. Setzt man ihn ins Wasser, springt er sofort wieder heraus…“

In der Grundschule Grundschöttel (Wetter) fand ein Liederabend  mit Oliver Steller statt. Anschließend urteilten einige Lehrer:

…Viele amüsierten sich auch köstlich über den Schmarotzer-Fisch Fasch mit seinem weißen Asch, der denkt, er könne allein mit seiner kleinen Besonderheit die Leute erfreuen und nichts für die Gemeinschaft tun.

 

Die anarchosyndikalistische Zeitung „Direkte Aktion“ macht heute mit einem langen Text über den Müßiggang auf:

„Süß wie Maschinenöl. Nicht Arbeit macht das Leben schön, sondern deren Abwesenheit. Dennoch steht die Freizeit nach wie vor im Schatten der Arbeit.  Das muß anders werden.

 

Zu kleiner Poller.

Viel zu großer Poller. Photos: Peter Loyd Grosse

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2012/07/06/parasiten-partei/

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  • Neuentdeckter Parasit bekommt prominenten Namen – Focus berichtet:

    Das jüngst in den Korallenriffen der Ost-Karibik gefundene Tierchen, das als Parasit auf Fischen lebt, trägt künftig den Namen „Gnathia marleyi“. Mit der Namensgebung für das kleine „Wunder der Natur“ habe er seinen Respekt und seine Bewunderung für die Musik des 1981 gestorbenen jamaikanischen Reggae-Stars Bob Marley zum Ausdruck bringen wollen, sagte der Biologe Paul Sikkel von der Universität von Arkansas.

    Das Krustentier aus der Familie der Isopoden ist die erste neu entdeckte Art in der Karibik seit mehr als zwei Jahrzehnten. Jungtiere der Gnathia marleyi verstecken sich im Korallen-Gewirr, befallen dann bestimmte Fischarten und leben parasitär auf ihnen. Ausgewachsene Tiere überstehen wochenlang ohne Nahrung, bevor sie sterben.

    shortnews.de meldet:

    Im Mittelmeer breitet sich zur Zeit rasend eine neue Seuche aus. Die Rede ist von einem Parasiten, der wie ein Alien aussieht. Der wissenschaftliche Name des Wesens ist „cerathotoa italica“, wird aber häufig einfach „Betty“ genannt. Dieser befällt den Mund von Brassen – eine Fischart.

    Dort isst er die Fischzunge auf und ersetzt diese mit sich selber. Für Menschen ist „Betty“ zwar ungefährlich, die Fische werden aber in ihrem Wachstum gestört. Außerdem konnte festgestellt werden, dass der Parasit überdurchschnittlich oft in überfischten Gebieten an der spanischen Küste vorkommt.

    Dr. Stefano Mariani, seines Zeichens tätig an der University Salford, sagt über das Aussehen der Fische: „Betty ist ziemlich scheußlich und erinnert an einen der ´Alien´-Filme“. Jedoch zeigt er auch Bewunderung für den Alien-Parasiten. So nennt er dieser „hoch spezialisiert“ und „sehr erfolgreich“.

    Welt.de berichtet:

    Ein Parasit, der sich wie ein Vampir ernährt

    Der im Amazonas vorkommende Candirú ist ein welsartiger Süßwasserfisch und kann bis zu 15 Zentimeter groß werden. Er hat einen länglichen, aalähnlichen Körper, der beinahe transparent ist. Wenn er nicht auf der Jagd ist, vergräbt er sich meistens im Sand und wartet geduldig auf Beute.

    Der Candirú zählt zu den Parasiten: Er schwimmt in die Kiemen größerer Fische, hakt sich mit einem großen Stachel fest und trinkt ihr Blut. Der „Amazonasvampir“ saugt nicht direkt das Blut, der Stich in eine Arterie genügt, um ihn ausreichend zu sättigen. Angezogen wird der Fisch von Wasserströmungen, die durch die Kiemen verursacht werden.

    So kann es auch vorkommen, dass der Candirú die Strömung, die ein Mensch beim Urinieren im Wasser verursacht, mit jener verwechselt, die durch Kiemenatmung entsteht. Folge: Der Fisch schwimmt in die Harnröhre. Aber auch vor anderen Körperöffnungen macht er nicht halt. Falls es doch mal dazu kommt, dass man sich einen „Penisfisch“ einfängt, muss dieser operativ entfernt werden, da es sonst zu gefährlichen Entzündungen bis hin zur Penisamputation kommen kann.

    Menschen mit besonders guten Nerven können auch warten bis der Fisch von alleine stirbt, und ausgeschieden wird. Der Fisch stirbt in jedem Fall im Körper des Menschen, da dieser einen Fehlwirt für den Parasiten darstellt.

    Wikipedia weiß:

    Arg parasitisch treibt es auch der falsche Putzerfisch (Aspidontus taeniatus), der in Gestalt, Färbung und Schwimmweise den Gemeinen Putzerlippfisch (Labroides dimidiatus) imitiert und den eine Parasitenbeseitigung durch ihn erwartenden Fischen Flossen- und Hautstücke herausbeißt.

    An Land gibt es auch noch den „Zombie-Ameisen-Parasiten-Parasit“, wie die Süddeutsche Zeitung ihn nennt:

    Ein Pilz befällt Ameisen und verwandelt sie in Zombies, um sich mit ihrer Hilfe zu vermehren. Doch etwas schützt die Ameisenvölker davor, sich vollständig in Untote zu verwandeln.

    Ein Parasit, der in den Körper eindringt und die Kontrolle übernimmt – diese Horrorvorstellung wird für manche Tiere tödliche Realität. So befallen Pilze der Gattung Ophiocordyceps Ameisen, verwandelt die Insekten in Zombies, die sich unter dem Einfluss des Eindringlings in der Nähe des Nests in die Unterseite eines Blatts verbeißen und dort nach einigen Tagen sterben.

    Der Pilz „frisst“ die tote Ameise und bildet innerhalb von Wochen Sporen, die zu Boden rieseln, um weitere Ameisen zu infizieren, berichten David Hughes und sein Team von der Penn State University, USA.

    Um die Nester der Ameisen in den Wipfeln der Bäume in den Regenwäldern Thailands und Brasiliens sind etliche Zombie-Ameisenleichen zu finden – die Forscher sprechen sogar von Ameisen-Friedhöfen.
    Doch etwas schützt die Siedlungen davor, dass schließlich alle Bewohner in lebende Tote verwandelt werden.

    Der Held der Ameisen ist ein weiterer Pilz. Der „sucht nach seinem eigenen Essen und denkt, diese tote Ameise ist doch eine nette Mahlzeit – inklusive des Pilzes, der die Ameise bereits verspeist“, erklärte Hughes in der New York Times.

    Und schließlich zu Lande, zu Wasser und in der Luft – der Parasitus Rex:

    Wir Menschen nämlich, die alles und jeden vernutzen, und es gibt keinen Schutz davor – für niemanden. Zu traurig.

    Der Westberliner Tagesspiegel macht sich jedoch anheischig, da zu differenzieren:

    In seiner heute begonnenen Sommerserie widmet er sich den „Piraten“, die in aller Munde sind und als äußerst attraktiv gelten, als Partei sollen sie sogar demnächst die Grünen ersetzen (was nicht besonders viel wäre). Der Tagesspiegel hält nun dagegen – und klärt uns auf: Die echten Piraten – auf den Weltmeeren und nicht die auf dem Wannsee – sind mitnichten arm aber sexy, es sind brutale Verbrecher!

    Ein Kompromißvorschlag zur Güte: Diese Piraten sind keine gewissenlosen Verbrecher, sie parasitieren nur am Nord-Süd-Handel/-Gefälle. Konkret: An den Profiten der Reedereibesitzer im Westen. Das muß doch evolutionär erlaubt sein, mindestens ist es faktisch so, dass der Parasitus Rex seine eigenen kleinen Parasiten hervorbringt, die ihn aber nicht umbringen, sondern nur jucken.

  • Parasiten treiben schwangere Frauen in den Selbstmord

    Der Spiegel berichtet:

    In der Küche ist die Gefahr am größten. Ungewaschener Salat oder Messer, mit denen erst das rohe Fleisch und dann das Gemüse geschnitten werden, überhaupt das Fleisch. Nicht richtig durchgebratenes Fleisch ist eine der wichtigsten Ursachen für die bei Schwangeren gefürchtete Infektion mit dem Parasiten Toxoplasma gondii. Überträgt die Schwangere den Erreger auf das ungeborene Kind, drohen Fehlbildungen oder gar der Verlust des Kindes.

    Eine dänische Studie verdächtigt die Toxoplasmen nun, auch noch für etwas ganz anderes verantwortlich zu sein: für die Suizidversuche von einmal mit den Parasiten infizierten Frauen. Für ihre Untersuchung hatten Marianne Pedersen und ihre Kollegen die Daten von mehr als 45.000 Däninnen ausgewertet. Das Ergebnis war eindeutig: Hatten die Frauen sich irgendwann mit Toxoplasmen angesteckt, begingen sie mit einer um 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit einen Suizidversuch als nichtinfizierte Frauen, berichten die Forscher in den Archives of General Psychiatry.

  • spiegel online berichtet:

    Parasitenabwehr – Schnapsidee hilft kranken Fruchtfliegen

    Fruchtfliegen-Larven vertragen große Mengen Alkohol. Der Insektennachwuchs wächst bevorzugt in verrottenden Lebensmitteln heran – und muss daher auch mit einem gewissen Alkoholanteil klar kommen. Sogar in der Umgebung von Weingütern gedeihen die Insekten. Durch ihren robusten Stoffwechsel können die Larven sogar gefährliche Parasiten besiegen, berichten Forscher im Fachmagazin „Current Biology“.

    Neil Milan und seine Kollegen von der von der Emory University in Atlanta (USA) beobachteten Larven der Fruchtfliegenart Drosophila melanogaster. Schlupfwespen legen ihre Eier in die Larven. Dazu spritzen sie noch ein Gift, das die Immunantwort der Fliegen unterdrücken soll. Geht der Plan auf, entwickelt sich die junge Wespe im Inneren der Larve und frisst sie von Innen heraus auf.

    Im Experiment der US-Forscher konnten die Fruchtfliegen-Larven diesem Schicksal oft entgehen.

    Die Wissenschaftler gaben infizierten und gesunden Larven die Wahl zwischen Futter mit oder ohne Alkohol.

    Befallene Larven bevorzugten zu 80 Prozent Nahrung mit Alkohol, gesunde Larven nur zu 30 Prozent. „Die infizierten Fruchtfliegen scheinen absichtlich Alkohol zu konsumieren“, sagt der an der Studie beteiligte Forscher Todd Schlenke.

    Die Strategie bewährte sich: 60 Prozent der Larven, die Alkohol zu sich genommen hatten, überlebten. Im Gegensatz dazu starben alle infizierten Insekten, die keinen Alkohol konsumiert hatten. „Die Wespen kommen mit Alkohol weniger zurecht als die Fliegen“, sagt Schlenke.

    Als die Forscher das Experiment mit einer Schlupfwespenart wiederholten, die sich darauf spezialisiert hat, Drosophila melanogaster zu befallen, änderte sich das Ergebnis etwas: Diese Parasiten überlebten auch in 90 Prozent der Fälle, in denen sich die Fliegenlarven auf die alkoholische Nahrung gestürzt hatten. Das hatten die Forscher erwartet. Die spezialisierte Schlupfwespe habe sich an den Alkoholkonsum der Fruchtfliege anpassen müssen.

  • Zu Michel Serres Buch „Der Parasit“ gibt es eine Studie von Peter Peinzger „Parasitismus als philosophisches Problem“:

    Der Parasit gehört zur Existenz, seine Akzeptanz zulassen heißt einzugestehen, dass nicht alles perfekt funktioniert, alles läuft nur, weil es nicht läuft, kein System kommt ohne ihn aus, mehr noch, er ist das System. Seine Präsenz weist eine lange Kulturgeschichte vom Priester-Parasiten bis zum Sozialparasiten auf, wobei das philosophische Problem weitaus jüngeren Datums ist.

    Die Studie beschreibt, analysiert und interpretiert die Entwicklung, die Grundzüge, die Bedingungen und Grenzen des kulturanthropologisch fundierten Parasitismus-Konzeptes, in seinem Bezug zu Kommunikationstheorie, Sprachkritik und Ästhetik, des französischen Mathematikers und Wissenschaftsphilosophen Michel Serres.

    Betrachtet man die Vielfalt des Rollenspiels des Parasiten, ist zu vermuten, dass er neben seiner abwertenden Semantik noch etwas anderes zum Ausdruck bringt: Die Orientierung auf eine Gegenwelt, die sich der Vernunft und den damit verbundenen deterministischen Paradigmen entzieht und die Sympathie für elementare, subversive Instabilität, für Destruktion, Störung, Eingriff, Abweichung und Ungewissheit. Damit verbindet sich die Frage, ob die Figur des Parasiten die Ordnung oder lediglich die Pathologie eines Systems verkörpert.

    Die Omnipräsenz des Parasitären beinhaltet die Perspektive der Verund Zerstörung sowie den Versuch der Überschreitung gültiger Grenzen, die jegliche Eindimensionalität und Eindeutigkeit unterläuft. Daraus erwächst die Energie des Entwurfs eines zwischen Wissenschaft und Poesie changierenden Konzepts, das sich nicht nur entlang subversiver Eingriffsstrategien bewegt, sondern das epistemologische Bedürfnis kommuniziert, die Gefährdung und die Chance parasitärer Praktiken zu erfassen. Nicht zuletzt ist die Figur des Parasiten in eine Theorie der Wahrnehmung und eine Geschichte der Ästhetik gemischter Empfindungen eingebunden, die den subtilen Reiz und die Sinnlichkeit vermischter Körper in Serres’ Theorie der Relationen beweist; eine durchweg vernachlässigte Thematik wird mit einer Theorie zusammengeführt, die erklärtermaßen angetreten ist, jede Form traditionellen Denkens hinter sich zu lassen, grundsätzlich neu zu beginnen.

    Auf „Telepolis“ umkreiste Rüdiger Suchsland die Parasitologie von Michel Serres:

    „Es gibt kein System ohne Parasiten!“

    „Vor dem Essen, nach dem Essen, Händewaschen nicht vergessen.“ diese Faustregel der Kindererziehung zielt ins Zentrum des Themas „Parasiten“. Dass es hierbei nämlich keineswegs nur um namenloses Geglibber geht, um nur mikroskopisch erkennbare Krabbler, um Saugmilben oder Rebläuse, betont auch der französische Philosoph Michel Serres, der auf der Idee des Parasiten eine ganze Kulturtheorie aufbaut, und die Naturwissenschaft flankiert dies mit der Information, dass auf eine freilebende Tierart vier Parasitenarten kommen – Parasiten sind die Gewinner der Evolution.

    Immer stärker erschienen auch Menschen als Parasiten, noch in der antiwohlfahrtsstaatlichen Formel vom „Sozialschmarotzer“ tauchen sie auf, zuletzt setzte George W. Bush Terroristen mit Parasiten gleich. Auch in den Debatten über Einwanderung und Migration sind sie präsent. In der Dokumentation „Die Parasiten sind unter uns!“ (heute Abend auf arte) zeigt Kirsten Esch einen Streifzug durch 2000 Jahre Parasitengeschichte, der Schwerpunkt des Filmes liegt auf dem 20.Jahrhundert. Denn hier wurde die Biologisierung des Sozialen auf die Spitze getrieben. Es ist der Traum von absoluter Reinheit und Sterilität und entsprechend die Angst vor Verunreinigung, die das Thema aktuell und politisch machen. Am Ende gilt auch hier das Fazit von Michel Serres: „Es gibt kein Leben ohne Parasiten. Waschen Sie sich nicht zu oft die Hände, sonst werden Sie krank.“ Telepolis sprach mit der Kulturwissenschaftlerin:

    Als Kulturwissenschaftlerin beschäftigen Sie sich mit dem Thema „Parasiten“. Was macht das aktuell, was bringt heute die Forschung an diesem Gegenstand?

    Kirsten Esch: Man kann etwas über den Umgang mit dem Ungeliebten lernen, über die Prinzipien Einschluß und Ausschluß. Wo beginnt Abgrenzung, und wozu führt Abgrenzung? Das lässt sich am Parasiten sehr gut erzählen.

    Wozu sollen wir überhaupt mit dem Ungeliebten umgehen?

    Kirsten Esch: Weil es da ist.

    Warum kann man nicht sagen, das machen wir weg?

    Kirsten Esch: Weil das totalitär wäre.

    Zwangsläufig?

    Kirsten Esch: Ja. Das ist ja das Bedauerliche. Es gibt keine liberale Form von Parasitenvernichtung. Ich glaube, letztendlich geht es auch bei diesem Thema um unseren Umgang mit dem Tod. Um unsere Angst vor dem Tod, und die Hoffnung auf ein unendliches Leben. Was mich fasziniert hat, ist der Widerspruch zwischen Paradies und Nichtparadies. Der Paradies ist die Verneinung des Todes. Da kommt der Parasit ins Spiel, denn der führt uns Richtung Tod. Der Parasit ist Veränderung. Jeder kennt das: Man hat das Zimmer aufgeräumt und schon gibt es wieder Dreck. Man hat die Post erledigt. Aber schon kommt ein neuer Brief vom Finanzamt. Die ideale Ordnung ist nicht stabil und nicht von Dauer. Was wir eigentlich wollen, wird ständig gestört, und wenn wir die Störung ausschließen, ist dass, was wir wollen grausam und fürchterlich. Das interessiert mich. Der Parasit ist diese Störung. Das Prinzip des Lebens. Auch alle totalitären Systeme wollten ja ausschließen.

    Gibt es überhaupt Parasiten? Was sind überhaupt Parasiten?

    Kirsten Esch: Ich unterscheide das Parasitäre ein Lebensprinzip von den Parasiten, das sind die Einzelnen. Der benennbare Gegenstand, der dann bekämpft wird. Das Parasitäre kann man nicht ausgrenzen, weil es alles durchdringt. Im gesellschaftlichen wie im naturwissenschaftlichen Sinne sprechen wir vom Parasiten, vom Parasitären. In beiden Bereichen ist der Parasit ein hochproblematischer Begriff, der extrem negativ konnotiert ist. Naturwissenschaftlich betrachtet lebt der Parasit auf Kosten eines anderen, ohne eigene Leistung. Er lebt von bereits Vorhandenem, hilft, das Vorhandene zu verbrauchen und beteiligt sich nicht am Wiederaufbau. Parasiten, das sind Schmarotzer, der Befall von Parasiten kann Leben bedrohen, oder Systeme. Parasiten gefährden Systeme, Körper. Und doch sind sie immer da, und wenn sie weg waren, dann kommen sie wieder. Ganz bestimmt. Es gibt kein System ohne Parasiten. Die Naturwissenschaft hat lange versucht, die Strategien des Parasiten auszumachen, ihn zu definieren und seine Existenz auszuschließen – sei es nun als Schädling am Körper der Pflanze, als Sozialschmarotzer: ein Tier, das es sich im Nest eines anderen gemütlich macht, der Kuckuck, als Parasit, der am oder im Menschen schmarotzt, wie die Zecke, oder der Wurm, oder als Krankheitserreger, die Viren und Bakterien- Ziel der Parasitologie war es, einen Körper unversehrt zu halten, störungsfrei, frei von Parasiten. Gesellschaftliche Systeme haben ebenfalls immer versucht und versuchen bis heute, den/die Parasiten in ihrer Mitte zu erkennen, zu stigmatisieren, um ihre vermeintliche Homogenität zu garantieren, den Gesellschaftskörper unbeschadet zu halten, störungsfrei, frei von Parasiten. Der Wirt, sei es der biologische Körper, oder der Volkskörper, lebt in ständigem Kampf gegen den Parasiten, um Ausgrenzung des von innen oder von außen ihn schädigenden Elementes bemüht.

    Es geht also um kulturelle Metaphern, nicht naturwissenschaftlich feststellbare Vorkommnisse?

    Kirsten Esch: Wo das Parasitäre liegt, ist eine Frage der Perspektive. Die Naturwissenschaftler haben ihre Definitionen vom Parasiten, aber die sind viele und in sich widersprüchlich. Die Naturwissenschaften können ihre Widersprüche nicht auflösen. Auch in den Kulturwissenschaften gibt es viele Definitionen: Der französische Philosoph Michel Serres, der ein Buch über den Parasiten als Metapher geschrieben hat, geht so weit, das parasitäre Leben vom Nicht-Parasitären nicht mehr trennen zu wollen, vielmehr spricht er von einer Kaskade des Parasitären, an deren Spitze der Mensch steht: er parasitiert am „Fest des Lebens“, nährt sich von der Ressourcen der Erde, bringt Störung in die Ordnung, ist aber genau darum kreativ. Carl Zimmer, amerikanischer Wissenschaftsjournalist und Autor von „Parasitus Rex“ hält die Menschen für ziemlich schlechte Parasiten. Eigentlich, erklärt er mir, ist ein Parasit immer darauf bedacht, seinen Wirt nicht zu sehr zu schädigen. Ist er doch der Wirt seine Zuflucht und sichert sein Überleben. Wir Menschen aber, findet Zimmer, schädigen die Erde irreversibel, wir sind unvorsichtig, gefährden wird doch das, was uns Leben ermöglicht: unseren Wirt, die Erde.

    Sie beschreiben die Biologisierung des Sozialen.

    Kirsten Esch: Die im Extremfall zur Vernichtung von Menschen – „wie Läuse“ sagte Hitler führt. Schädlinge wurden konstruiert, erfunden. So lässt sich an dem Thema viel ablesen. Die Menschen sind von dem ständigen Willen beseelt, sich ihrerseits von Parasiten zu distanzieren, zu befreien. Sicher auch zu Recht: Im medizinischen Sinne sind Parasiten oft genug bedrohlich bis hin zu tödlich in ihren Auswirkungen. Das menschliche Immunsystem ist ständig damit beschäftigt, die Fremdlinge zu erkennen, und sie aus dem Körper rauszuhalten: die Parasiten, einmal als fremd erkannt, haben dann keine Chance mehr, denn das Immunsystem ist schlau- aber nicht schlauer als die Parasiten: sie haben viele Gesichter und oft genug gelingt es ihnen mit ausgefeilten Strategien das Immunsystem auszutricksen, es zu umgehen und trotz aller Gegenwehr schaffen sie es doch, in den Körper zu gelangen, sich dort zu nähren, sich fortzupflanzen. gegen den Willen des Wirtes, der oft genug noch nicht einmal von ihrer schmarotzenden Existenz ins Bild gesetzt wurde. So liegen das Immunsystem und der Parasit in einem ständigen Wettkampf: der Wirt bekämpft den Parasiten und der Parasit den Wirt. Ein Kampf, der den Körper ständig in Bewegung hält, der Körper muss flexibel reagieren, der Parasit hält ihn, seinen Wirt fit und umgekehrt. Der Parasit tötet seinen Endwirt nicht.

    Aber was heißt das im konkreten sozialen Zusammenleben? Ihr Film zitiert Werbespots. Die verweisen darauf, dass es diese Reinheitsvorstellungen ja auch im Privaten gibt: Diese Wohnungen, die absolut exakt aufgeräumt sind, sehr sauber, wo nichts herum liegt, nichts Spontanes sichtbar ist… Ist das, was da praktiziert wird, eine Form des Totalitären im Privaten? Geht es um Spießertum?

    Kirsten Esch: Ich könnte mir vorstellen, dass diese Menschen nicht sehr lebendig sind. Solche Lebensformen lassen halt nichts zu. Sie sind nicht großzügig. Aber der Parasit garantiert Veränderung, nichts bleibt wie es ist.

  • In der taz rezensierte Claus Leggewie Enzensbergers Parasiten-Buch:

    Die Kunst des Parasitismus

    Seit dem 19. Jahrhundert ist das Schmarotzen höchst verpönt, vom Recht auf Faulheit
    ganz zu schweigen. Zu Unrecht, wie Ulrich Enzensberger virtuos und anschaulich belegt

    „Warum hat Gott dem Menschen so viel/quälendes Ungeziefer anerschaffen?/Genug, die Würmer sind da . . .“ (Johann August Ephraim Goeze, Helminthologe (Wurmkundler), 1782)

    Wer an einer amerikanischen Universität Vorträge besucht hat, kennt sie: die Mitesser, die sich, mit Plastiktüten bewaffnet, bei anschließenden Wine-&-Cheese-Empfängen einfinden und zielstrebig die (ohnehin kargen) Büffets abräumen. Vor allem in New York gibt es Spezialisten, die sämtliche einschlägigen Events zwischen fünf und neun Uhr abends abklappern und sich ungeniert den Bauch voll schlagen. Als Ausrichter ist man geneigt, die Betreffenden des Saales zu verweisen – raus mit den Parasiten! Doch halt: Sie verleihen schwach besuchten akademischen Vorträgen Fülle und befriedigen die Eitelkeit von Referenten, an die sie ohne Scheu mit ihren Fragen herantreten.

    Der penetranten Laufkundschaft noch freundlicher gesonnen war ich nach dem ebenso gelehrten wie amüsanten Durchgang Ulrich Enzensbergers durch die Kultur- und Naturgeschichte des Parasitentums. Wir sind alle Parasiten, lautet das Fazit des Autors, der über seinen Gegenstand durchgängig in Wir- Form schreibt, und das keineswegs bloß pro domo. Obwohl er das ohne weiteres könnte: Der einstige Kommunarde hat in der 68er-Zeit seitens der Springer-Presse und sonstiger freundlicher Zeitgenossen hinreichend Resonanz bekommen, was die Nazis wohl mit Schmarotzern wie ihm gemacht hätten, und auch als freier Schriftsteller ist man ein anerkannter Parasit.

    Was Parasit ursprünglich heißt, klärt Enzensberger (im Anschluss an Ideen des französischen Philosophen Michel Serres) vorab, und ich parasitiere wörtlich: „Kein Mensch hätte an eine Zecke, einen Kuckuck, einen Bandwurm, an eine Mistel, eine Sommerwurz, einen Schimmelpilz, an ein Tier oder eine Pflanze, an einen Bettler, einen Bonzen, an einen reichen Müßiggänger gedacht. Das Wort bezeichnete im antiken Griechenland einen hochgeachteten religiösen Beamten. [..] Keinen Beamten mit Pensionsberechtigung wohlgemerkt, sondern einen von der Gemeinde gewählten Beamten auf Zeit …, (dem) die Auswahl des Getreides, des Brotes, der Speise für das kultische Opfermahl (oblag).“

    Parasitismus ist, wohlverstanden, Lebenskunst. Am besten formulierte das vor knapp 2.000 Jahren Lukian von Samosata, dessen satirischen Dialog Christoph Martin Wieland im Jahre 1788 ins Deutsche übertragen hat: „Alle anderen Künste sind ohne gewisse Werkzeuge (die mit Kosten angeschafft werden müssen) ihrem Besitzer unnütz; niemand kann ohne Flöte flöten, ohne Violine geigen, oder ohne ein Pferd reiten: (einzig die) Parasitenkunst ist sich selber so genug und macht es ihrem Meister so bequem. [..] Andere Kunstverwandte arbeiten nicht nur mit Mühe und Schweiß, sondern größtentheils sogar sitzend oder stehend, und zeigen dadurch, daß sie gleichsam Sclaven ihrer Kunst sind: der Parasit hingegen treibt die seinige auf eben die Art wie die Könige Audienz geben, – liegend“.

    Auf dreihundert elegant geschriebenen Seiten erfährt man aus erster Quellenhand, wie diese Herrlichkeit leider verging und Parasit zum Schimpfwort verkam. Und war beim antiken parasitos noch ganz klar, dass es sich dabei um eine Person aus Fleisch und Blut handelte, driftete man zunächst weit in die Botanik ab (zu Misteln, Moosen und Flechten), um dann in die niedere Tierwelt abzustürzen (zu Läusen, Bandwürmern und Bazillen). Diese parasitologische Engführung war ebenso unsinnig wie ungerecht, stellt Enzensberger empört fest: „Was heißt hier eigentlich immer auf Kosten anderer? Gibt es im Tierreich Mein und Dein? Was sind hier Soll und Haben? Führt der Blutegel ein Konto, zieht der Löwe Bilanz? Ist der Floh amoralisch, weil er von keiner Pflanze zehrt? Die Schlange, die ihre Beute lebend hinabwürgt, der Löwe, der Panther, der mutige Bär, der hehre Aar, sie werden im Wappen geführt. Wer aber führt die Laus in der Fahne? Im Gegensatz zum Räuber . . . zeichnet sich der tierische Parasit doch gerade dadurch aus, daß er seinem Wirt, von dem er ja lebt, mit Schonung begegnet. Will man den Parasiten moralisch bewerten, dann ist er seinem Wesen nach liberal.“

    Leben und leben lassen also. Doch je mehr die Naturwissenschaften das Zepter übernahmen und allen sozialen Verhältnissen ihren Stempel aufdrückten, desto schlimmer erging es den Parasiten: Aus Schmarotzern wurden soziale Schädlinge im Rang gemeiner Krimineller. Hätte man es bloß beim Abschneiden von Mistelzweigen und dem Ausreißen von Moosflechten bewenden lassen! Doch die Ausrottungsfantasien, die seit Robert Koch und Louis Pasteur auf Tuberkulose und Milzbrand gerichtet waren, wurden umgepolt, die Pflanzenparasiten nahmen Gesichter an und bekamen wieder Arme und Beine. „Allerdings verwandelten sie sich nicht in altgriechische Parasiten zurück, sondern wurden zu angeblichen Juden.“

    Vollends verhängnisvoll waren das kapitalistische Arbeitsethos mit seinem Wahlspruch „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und, wie Enzensberger eher beiläufig herausarbeitet, der nationale Wahn. Mit ihm begann die Jagd auf „Einschleicher“ im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne; in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Parasit endlich ein Hauptwort und der Sündenbock für alle erdenklichen Fehlschläge der Moderne. Die Metapher hatte sich verselbständigt, und dass angeblich Degeneration drohte, wurde zur „allgemeinen Zwangsvorstellung“, wovon übrigens die sozialistische Bewegung keine Ausnahme machte. Vielmehr verstaatlichte sie das Wort Parasit, und das „Recht auf Faulheit“, das Marx‘ Schwiegersohn Paul Lagarde verkündet hatte, verhallte ungehört, woran auch die symbiotischen Idyllen einiger Anarchistenzirkel nichts ändern konnten.

    Und heute, da nach jüngsten Erkenntnissen „von dem 1,8 Meter langen DNA- Strang in jeder Zelle des menschlichen Körpers keine dreißig Zentimeter ,in Betrieb‘ sind“, unser Genom mit anderen Worten massiv durch parasitische DNA kolonisiert ist? Enzensbergers triumphales Fazit kann einen nicht beruhigen. „Wir [Parasiten, C. L.] machen den größten Teil des menschlichen Genoms aus.“ Denn die Frage drängt sich auf, was mit den Hausbesetzern geschehen soll. In der aktuellen „Gen-Ethik-Debatte“ verbietet man sich jede Erinnerung an Eugenik und Euthanasie, die bis vor kurzem Usus war, aber das dürfte ein Fehler sein. Stieß die Verwirklichung einer „positiven Eugenik“ und Auslese bis vor kurzem noch auf technische Hindernisse, kann die Perfektionierung der Menschheit nun mittels ausgeklügelter Reproduktionstechnologien vorangetrieben werden.

    Nicht zufällig leben in neokonservativen und neoliberalen Denkschulen auch die Schmarotzerbeschimpfungen wieder auf, jüngst aus dem Mund unseres Bundeskanzlers (SPD). „An die Arbeit!“ und „Lebenslänglich wegsperren!“, fordert der Sozialdarwinismus der neuen Mitte, und ist sich nicht einmal mehr seiner kulturgeschichtlichen Herkunft bewusst. Und wenn all die Sozialstaatsverächter wüssten, welch unproduktive Arbeit sie als qcZirkulationswanzen“ leisten!

    Ulrich Enzensberger hat ein eminent politisches Buch geschrieben, das im Übrigen zeigt, welchen Spaß Philologie und Begriffsgeschichte machen können. Zünftige Wissenschaftshistoriker mögen über die eine oder andere Zuspitzung den Kopf schütteln, und um nicht als Kolax, als Schmeichler und somit aus der Art geschlagener Parasit zu gelten, seien auch die schwächeren Stellen herausgestellt, die in der Darstellung der Aufklärungsepoche, im aktuellen Ausblick und in der Fixierung aufs Abendland liegen. Trotzdem ist Enzensberger ein großer Wurf gelungen, aus dem man sich freudig bedient und als Rezensentenschnorrer geläutert hervorgeht. Wenn der Parasit stirbt, ist es schlecht bestellt, und zwar um die Wirte, die dann reich und allein sind. Der Schmarotzer hingegen, er „stirbt sanft und süß unter vollen Schüsseln und Bechern“ (Lukian/Wieland).

    Christian Enzensberger: „Wir Parasiten. Ein Sachbuch“, 299 Seiten, Eichborn (Die Andere Bibliothek), Frankfurt am Main 2001, 54 DM (27,50 €)

  • Das Online-Kulturmagazin „Perlentaucher trug über Enzensbergers Parasitenbuch folgendes zusammen:

    Klappentext

    Der erste Parasit war ein Priester, gewählt in der attischen Demokratie. Lukian entwarf einen Parasiten, der Künstler sein wollte. 1720 bestimmte Micheli in Florenz die Sommerwurz als „parasitische Pflanze“. Der Abbé Grégoire bezeichnete dann 1789 auch die Juden als „parasitische Pflanzen“. 1895 unterhielt allein Preußen eine Armee von 27.089 Trichinenbeschauern. 1920 rief Trotzki alle Schaffenden zum Kampf gegen jene Parasiten auf, die „die Spekulation der Arbeit vorziehen“. Ein paar Jahre später entwickelte Hitler in Mein Kampf die zentrale These, der Jude sei „ein Parasit im Körper anderer Völker“. 1980 definierten Orgel und Crick die DNA als „the ultimate parasite“. Ulrich Enzensbergers Buch handelt von der fatalen Rolle einer jahrtausendealten Idee, die immerzu zwischen Natur und Gesellschaft, Biologie und Politik hin- und herpendelt. Mit Bildern, Auszügen aus verschollenen Quellen, Literaturverzeichnis und Register.
    Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.11.2001

    Enzensberger hat nach dem Dafürhalten der Rezensentin Cornelia Vissmann eine Anthologie des Parasiten und keine Philosophie des Parasitären geschrieben. Ein Sachbuch also, wie es der Untertitel richtig angibt. Und informativ, wie man es von einem Sachbuch erwartet. Das beginnt laut Vissmann mit der etymologischen Herleitung, die ihren Anfang nicht etwa in der Biologie sondern der antiken Hierarchie nahm. „Para-sitos“ bezeichnete das Priesteramt, mit dem die Auswahl der Speisen für das Opfermahl verbunden war. Aber schon in der Antike entwickelte sich der Parasit als Begrifflichkeit, die alles und nichts – vor allem nichts Eigenes – bezeichnete. Die „parasitäre Existenz“, so fasst Vissmann zusammen, schlüpfte im Lauf der abendländischen Geschichte in die verschiedensten Verkleidungen. Die vielen Metamorphosen des Parasiten wirkten jedoch etwas verwirrend, gesteht Vissmann ein, da der Autor die Parasiten selbst auftreten und ihre Geschichte erzählen lasse. Enzensberger hat sich das Prinzip des Parasitären selbst zu eigen gemacht, es wabert und wuchert durch alle semantischen, philologischen, historischen Ebenen des Buches. Überbordend von interessanten Erkenntnissen und witzigen Details, denen jedoch nach Vissmann eine theoretische Klammer fehlt.

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