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vonHelmut Höge 13.06.2012

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„Immer radikal, niemals konsequent!“ (Walter Benjamin)

 

Den kommunistischen Psychoanalytiker Wilhelm Reich kann man getrost als den konsequentesten Vertreter der ursprünglichen Lehre Freuds von der „Sexuellen Ätiologie der Neurose“ und der Libidotheorie bezeichnen. Gut freudianisch war auch noch seine Fundierung der Neurosenlehre im Biologischen – und zuletzt gar im Kosmischen. Seine Bücher wurden 1956 in den USA öffentlich verbrannt. Es war dies die bisher letzte Bücherverbrennung im „Westen“. Die Reichschen Schriften wurden erst in der Studentenbewegung wiederentdeckt und neu veröffentlicht – als Raubdrucke zunächst.  Seitdem kann man Berlin als Hauptstadt der Wilhelm-Reich-Forschung bezeichnen.

Das begann praktisch-politisch damit, dass  hier 1973 der größte Ableger der Wiener Aktions-Analyse-Kommune entstand. Diese „AA-Kommune“ des Malers Otto Muehl  war an der Reichschen Körperpsychotherapie orientiert, die sie in eine kollektive Lebensform einbettete. Noch heute existieren davon kleine Ableger in Form einer Landkommune bei Bad Belzig, eines Cafés in Neukölln und einer „Erotischen Akademie“ auf Lanzarote – als „Ort, wo die freie Liebe real erfahrbar wird,“ wie es auf der Webpage des  „Zentrums für experimentelle Gesellschaftsgestaltung ZEGG“ heißt, das der AA-Kommunarde Dieter Duhm 1991 gründete.

Es gibt in Berlin ferner ein „Wilhelm-Reich-Institut“, das bis vor kurzem vom Mediziner Heiko Lassek geleitet wurde – er starb am 28.12.2011. In einem Nachruf auf ihn heißt es: Er hatte sich ganz der „Weiterführung der Forschungen Wilhelm Reichs, u. a. im Bereich Körperpsychotherapie sowie zum Themenkomplex Krebs, verschrieben und  war dazu von Wilhelm Reichs Tochter Eva Reich sogar als offizieller Nachfolger ihres Vaters eingesetzt worden.“

Nicht von schlechten Reich-Eltern ist auch der Biologe Stephan Krall, der bis vor kurzem das Reichianische „Scientific and Medical Network – German Group“ leitete und immer mal wieder in der „Wilhelm-Reich-Zeitschrift ‚emotion'“ wissenschaftliche Beiträge zum Stand der Reich-Forschung veröffentlicht. (1)

Die „emotion“ – nicht zu Verwechseln mit der  gleichnamigen Zeitschrift für die „Frauen der Zukunft“ aus dem Haus Gruner& Jahr – wird von der Berliner „Wilhelm-Reich-Gesellschaft“ herausgegeben, die in diesem Jahr ihr 25jähriges Bestehen feierte und aus diesem Anlaß am 5.Mai im „Gotischen Saal“ zu Kreuzberg eine Konferenz  über „Körper, Energie und Emotionen – Wilhelm Reichs Emotionstheorie im Kontext der Moderne“ veranstaltete.

In Kreuzberg gibt es ferner den Verlag „Simon & Leutner“, der die große Reich-Biographie von Myron Sharaf „Der Heilige Zorn des Lebendigen“ veröffentlichte. Auch der Firmeninhaber von „Fischer-Orgon-Technik“, in der „orgonomische Geräte nach Wilhelm Reich“ hergestellt werden, übersetzte und veröffentlichte dieses Werk. Es kostet heute im Antiquariat rund 100 Euro. Der 1997 in Berlin gestorbene Myron Sharaf war der letzte Archivar des Orgon-Instituts in Maine, das Wilhelm Reich als  „Headquarter“ einer Vielzahl von Laboratorien, Firmen und Verlage begriff, die er in Amerika gegründet hatte.  Zuletzt, 1948, zur Abwehr der gegen ihn angewandten Verbraucherschutz-Gesetze: die „American Association for Medical Orgonomy“. Und,  nachdem er auch noch diesen Kampf verloren hatte und ins Gefängnis mußte, wo er 1957 starb, den testamentarisch abgesicherten „Wilhelm Reich Infant Trust“, der dafür sorgte, dass es auch nach ihm weiter geht mit seiner „Lebensforschung“.

An einer Stelle der  Reich-Biographie von Myron Sharaf heißt es: „Nach einer längeren Diskussion sagte W.R. zu mir ‚Du hast Angst, daß jemand dir etwas in den Hintern steckt. Du hast Angst beim Geschlechtsverkehr, daß du, wenn du dich gehen läßt, in die Hosen scheißt. Keiner, der solche Angst hat, Mann oder Frau, kann sich jemals einem Orgasmus hingeben. Du willst deinen Hintern loswerden. Verstehst du, daß Millionen Menschen ihren Hintern loshaben wollen? Das ist von größerer Bedeutung als all die philosophischen Schriften, die es jemals gegeben hat‘.“ So sprach auch noch Otto Muehl in den Achtzigerjahren zu seinen AA-Kommunarden.

Das Reichsche Orgon-Institut, dass die US-Behörden 1956 schließen ließen, heißt heute samt eines Wilhelm-Reich-Museums und -Archivs: „The International Wilhelm Reich Orgone Institute“. Es hat Ableger in fünf weiteren  Ländern, in Deutschland ist ihm die „Wilhelm Reich Akademie“ sowie die regelmäßig im Grünen Salon der Volksbühne mit Musik tagende „Orgon-Lounge“ angegliedert. Ihr Direktor, der Therapeut Joachim Trettin veröffentlichte ebenfalls eine Reich-Biographie (man findet sie im Internet). Der Kreuzberger Verlag von Myron Sharaf gab daneben noch die  Biographie des Reich-Sohnes Peter über seinen Vater heraus.

Dieses Buch: „Der Traumvater“ war dann Grundlage für ein Drehbuch, das kürzlich verfilmt wurde – mit Klaus-Maria Brandauer als Wilhelm Reich. Der Film kommt im August in die deutschen Kinos, er heißt „Der Grenzgänger“, Regie führte der Wiener Antonin Svoboda, von dem bereits der Spielfilm „Creation“ über Wilhelm Reich sowie der Dokumentarfilm „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich ?“ stammt. Das Reichforum „orgonomie.net“ urteilte über letzteren: „Der Film ist viel zu lang. Wer wird sich das anschauen, außer ‚Reichianer‘ oder bereits ohnehin am Thema Interessierte? Die Interviews sind auch inhaltlich fast durchweg nichtssagend, teilweise sogar ausgesprochen verwirrend. Ohne sie wäre der Film weitaus passabler. Sehenswert wird der Film vor allem durch einige Filmausschnitte und Photos mit Reich.“

Berühmter als dieser Dokumentarfilm aus dem Jahr 2009 wurde der Hollywoodfilm des jugoslawischen Regisseurs Dusan Makavejev: „Wilhelm Reich – Mysterien des Organismus/Orgasmus“ (1971).  Der „fluter“ – die Zeitschrift der „Bundeszentrale für politische Bildung“ schrieb 2004 anläßlich seiner Wiederaufführung in Berlin: „Es besteht kein Zweifel, dass Makavejev und Reich gute Freunde gewesen wären. Beiden sehen die Vision der politischen Befreiung erst in endlosen Kopulationspraktiken verwirklicht. Der Kommunist und der Libertinist Reich behauptete, Faschismus sei die Angst des sexuellen Krüppels.“ Am Ende des Films „wird den Mädchen die sexuelle Befreiung gelingen, aber der multiple Orgasmus ist teuer erkauft…“

Trotz dieses „Verrisses“ wird unter dem Artikel zum Einen auf die „Künstlerkolonie“ in Berlin-Wilmersdorf hingewiesen, wo sich angeblich noch einige Leute an Wilhelm Reich erinnern können, der von 1930 bis 1933 dort wohnte,  und zum Anderen auf die Webseite „orgon.de“ der heutigen Reichianer, denen es vor allem um die Theorien und technischen Erfindungen des Biopathologen Reich geht.

Der jugoslawische Regisseur Dusan Makavejev kam drei Jahre nach der Wende ebenfalls nach Berlin: Er sollte mit viel Hollywoodgeld, aber ohne eine Idee einen Film über das neue Berlin drehen. U.a. befragte er dazu auch taz-Mitarbeiter. Zwar konnte er mit den verbrecherischen Treuhand-Privatisierungs-Geschichten, die er von ihnen erfuhr, nichts anfangen, dennoch überließ er der taz einen Bericht aus dem Jahr 1937 von Willy Brandt an Wilhelm Reich. Makavejev hatte ihn 1969 bei der Recherche für seinen Wilhelm-Reich-Film in einem rechtsradikalen „Thinktank“ in Kalifornien gefunden – und kurzerhand kopiert. Willy Brandt hatte Wilhelm Reich im norwegischen Exil kennengelernt. Dort, in Oslo, arbeitete seine damalige Freundin Gertrud Meyer als Sekretärin in Reichs „Institut für Sexualökonomische Lebensforschung“. Mit ihrem Gehalt  finanzierte sie Willy Brandts Politisierereien in Norwegen, ebenso 1937 seine kurze Inaugenscheinnahme des spanischen Bürgerkriegs. Dafür mußte Brandt  Wilhelm Reich aus Barcelona einen Bericht über die Sexualmoral der jungen spanischen FreiheitskämpferInnen liefern: „Ich möchte Dir sagen, dass die Verkrampfung der Bewegung hier einen bedrückenden Eindruck macht,“ schrieb Brandt. „Wie häufig habe ich daran gedacht, was ein Freund mal über die Spanier gesagt hat: daß sie Jahrhunderte mit dem Hintern zu Europa gestanden haben!  Dir hatte große Sorge gemacht, daß die Frauen aus den Milizen entfernt würden. Und Du bist froh, nachdem Du gehört hast, daß viele Frauen sehr tapfer mitkämpfen. Ich muß Dich da wieder betrüben. Denn es ist tatsächlich so, daß man – zumindest in den mir bekannten Formationen – die Frauen, soweit noch vorhanden, entfernt. Es gibt viele Gründe: a) Durruti hat sich gezwungen gesehen, zu Erschießungen zu greifen, als sich ganze Gruppen von Prostituierten in der Form von Milizianas an die Front geworfen hatten. b) Als wir das letzte Mal an der Front waren, kam dort ein Schweizer Genosse mit seiner Frau an, die nur einige Zeit als Journalistin dortbleiben wollte, nachdem sie vorher schon als Miliziana gedient hatte. Die Genossen nahmen aber den Standpunkt ein: Frauen können wir hier nicht gebrauchen. Länger als einen Tag kann sie nicht hierbleiben. Und sie mußte am nächsten Tag nach Barcelona zurückfahren. c) Als auf dem ZK-Plenum der Jugendorganisation der halb trotzkistischen POUM die Genossin Santiago über die Mädelfrage zu referieren begann, begann gleichzeitig Gelächter, und es hat fast während der ganzen Behandlung des Punktes nicht aufgehalten. – Das nur, um einige Beispiele zu nehmen… Die Jugend hat insgesamt eine hervorragende Rolle in den Kämpfen gespielt. Aber sie wurde in den Partei- und Organisationsgrenzen gehalten. Nicht einmal über die sozialen Fragen sind manche ‚Jugendführer‘ unterrichtet, viel weniger noch über die kulturellen. Die Anarchisten machen in diesen Fragen ernsthafte Versuche des Durchbruchs, während bei der ‚Vereinigten Jugend‘ [der Sozialisten] Ansätze einer – wenn auch falsch ausgerichteten – Jugendbewegung da sind. Die Prostitution ist weiterhin die Form des Geschlechtslebens der Jugend.“

Die taz veröffentlichte den Brandt-Bericht 1994 mit einem Vorwort von Christian Semler. Der Artikel  blieb in Deutschland relativ unbeachtet, dafür interessierten sich jedoch die Spanier dafür, so dass er u.a. in „El Pais“ nachgedruckt wurde. Damals war dort gerade der „Willy-Brandt-Ziehsohn“ Filipe Gonzales Ministerpräsident. (2)

Heute wird Berlin nebenbeibemerkt von jungen Spanierinnen geradezu überrannt. Und nicht wenige besuchen hier den „Kitkat-Club“, in dem öffentlich gevögelt und dies gefilmt wird – und das alles umsonst. Die Geschäftsführer waren früher in der „marxistisch-reichistischen Initiative“ aktiv, die 1974 in Freiburg gegründet wurde, u.a. von Adrienne Goehler. Wilhelm Reich ahnte es bereits: Eine Gesellschaft, die „die biologische Ur- und Grundfunktion ächtet, die der Mensch mit allem Lebendigen gemeinsam hat“, schafft es allenfalls bis zur Pornographie, aber nicht zur Erfassung biologischer Funktionen für die Freiheit. Darum stellen sich „lüsterne Gefühlreaktionen“ nicht nur bei Betrachtung sexueller, sondern aller „allgemeinen Lebensfunktionen“ ein. Das haben die spanischen Männer nun davon. Der Kitkat-Club – „The Human Project“, wie er sich nennt – war 200 Coorganisator des „Internationalen Wilhelm-Reich-Kongresses“, auf dem es wie auch im Club selbst um „Genitalität“ ging. Dazu wurden auf dem Kongreß u.a. einige Filme über Wilhelm Reich und sein Werk gezeigt: „Viva Little Man“ – über seine  antifaschistische Sexpol-Arbeit, ein Porträt über seine Tochter Eva Reich, zwei US-Filme über die von ihm entdeckte Orgon-Energie und einer von der Sängerin Kate Bush über  „Cloudbusting“ – ein von Wilhelm Reich vorgeschlagenes energetisches Verfahren, um „Regen zu machen“.

Seit Auflösung der Wiener „Aktions-Analyse-Kommune“ wegen „sexueller Verführung Minderjähriger“ durch ihren Gründer Otto Muehl und seine Frau, die dafür ins Gefängnis kamen, hat es eine stetige Abwendung der Wilhelm-Reich-Forschung von dessen sexualpolitischer und soziologischer Praxis gegeben. Reich selbst hat diese ausführlich dokumentiert in seiner Autobiographie „Menschen im Staat“, die 1995 im Verlag „Roter Stern“ veröffentlicht wurde. Sie umfaßt die Zeit von 1927 bis 1952. Zuvor war bei Kiepenheuer und Witsch Reichs Autobographie „Leidenschaft der Jugend“ erschienen, die von 1897 bis 1922 reicht. Zudem publizierte Suhrkamp 1997 noch eine Aufsatzsammlung linker Psychologen und Sexualberater: „Der ‚Fall‘ Wilhelm Reich – Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik“. Die Herausgeber Karl Fallend und Bernd Nitschke verzichteten ausdrücklich auf eine kritische Würdigung des „späten“, d.h. des immer biologistischer und zuletzt völlig reaktionär gewordenen Wilhelm Reich, der jedoch von den heutigen „Reichianern“ – dem gewendeten „Zeitgeist“ entsprechend – gerade goutiert wird.

Dies gilt auch für eine Reihe von Schriften über die Reichsche Biologie, die im Verlag „2001“ erschienen sowie für eine Ausstellung im Wiener jüdischen Museum 2007, in der es u.a. um „Die andere Biologie des Wilhelm Reich“ ging, worunter die Medienwissenschaftler Peter Berz und Benjamin Steininger dessen phantastische und lamarckistische Lebensforschung verstanden. Für den Begründer der modernen Zoologie Jean-Baptiste de Lamarck war der „Orgasmus das allgemeine Phänomen, von dem das Leben abhängt“. Für Wilhelm Reich waren es die „Org-Tierchen“ – synonym für „Bione“ (elektrisch geladene „Energiebläschen“ bzw. „Pseudoamöben“). Wobei er – folgt man  Berz/Steininger – der Etymologie von „organon“ kurzerhand die von „orgao“ unterschob, was seit Aristoteles „Historia Animalium“ so viel heißt wie: „schwellen“ und „bespringen wollen“. Bei Reich wird die „Orgasmusformel“ dergestalt zur „Lebensformel“. Die Wiener Katalogautoren begeisterten sich vor allem für seine bewußt dilletantische und wissenschaftlich nicht haltbare Einzellertheorie, mit der Reich meinte, die „Urzeugung“ entdeckt zu haben, der bereits sein Lehrer, der Wiener Biologe Paul Kammerer nachforschte: „Anders als die Wissenschaften ’staatlicher Hygieneinstitute‘ operiert die experimentelle Orgon- und Bionenforschung nicht mit Kontrolle, Absicherung, Nachprüfbarkeit, sondern mit ‚Unsicherheit und Fragwürdigkeit‘ – und zwar methodisch,“ schreibt Peter Berz ziemlich begeistert. Eher kritisch, mit abgesicherter Biowissenschaft, hat sich dagegen der Reichianer Stephan Krall damit auseinandergesetzt – z.B. in seinem Aufsatz über die „Entdeckung der primären Biogenese“ durch Wilhelm Reich: „Die Urzeugungstheorie im Licht der Wissenschaft“ („emotion“ Nr.14, 1999).

„Wissenschaft! Ich werde ihnen eine Bombe unter den Arsch legen!!! Es gibt Urzeugung!!“ So Wilhelm Reich nach seiner „vollständigen Umstellung“ auf die  Biologie im norwegischen Exil Anfang 1936. Wir werden hierbei an den sowjetischen Dichter Boris Mandelstam erinnert, der 1935 verkündete: „Ich habe mein Schach von der Literatur auf die Biologie gesetzt, damit das Spiel ehrlicher werde.“ Der leibliche Urenkel von Wilhelm Reich – Chris Ross – setzt dagegen heute auf „Songs“ und akustische Verstärker – vielleicht eingedenk seines Urgroßvaters, der sich laut Peter Berz die Frage stellte, wie man eine industriell verseuchte Gerätewelt zur Befreiung des eigenen Körpers benützt? „Durchhalten! Nicht sterben! Nicht bei lebendigem Leib. Musik!“

Abschließend sei noch  eine Ausstellung der norwegischen Botschaft in Berlin erwähnt, in der neben vielem anderen auch Wilhelm Reichs Wirken in Norwegen  zwischen 1933 und 1939 thematisiert wurde: Dort präsentierten die Kuratoren  u.a einen Reichschen „Orgon-Akkumulator“, in den man sich krank reinsetzt – und gesund wieder rauskommt. Daneben wurde auch die Arbeit von Sigurd Hoel gewürdigt: ein Osloer „Kulturradikaler“, der vor allem im Kampf gegen den Faschismus engagiert war und dabei mit Wilhelm Reich zusammenarbeitete, dessen Buch „Massenpsychologie des Faschismus“ 1934 auf Norwegisch erschienen war. Eine zeitlang war Hoel dann Redakteur der Reichschen „Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie“. Nachdem Reich jedoch sein Buch „Die Bione“ veröffentlicht hatte, das einen Proteststurm in Norwegen auslöste, wurden ihm strenge Auflagen für seinen weiteren Aufenthalt im Land auferlegt, was schließlich 1939 zu seiner Ausreise in die USA führte. Bei den Reichschen „Bionen“ handelt es sich um eine von ihm so genannte „Übergangsstufe“ von lebloser zu belebter Materie („lebende Erde“). Gleichzeitig stellt diese 1939 veröffentlichte Theorie eine Übergangsstufe von seiner politisch-psychologischen zu seiner biologisch-energetischen Arbeit dar. 1954 wurde „Der Fall Reich“ vom Schriftsteller Arne Stai als eine der wichtigsten „Kulturdebatten“ im Norwegen der Zwischenkriegszeit bezeichnet.  Sie ist von den ganzen heutigen Reichforschern leider noch nicht wiederaufgegriffen worden – aus schlechten Gründen. Es geht jetzt nämlich darum, die ganze Biologie in Soziologie aufzulösen – und nicht mehr umgekehrt!

 

 

Martin Goldstein ist der Sexberater der untergehenden Jugendzeitschrift „Bravo“, der seine Ratschläge mit dem Namen Dr. Sommer unterschrieb, Dr. Sommer war legendär, der stern interviewte ihn kürzlich, dabei äußerte sich Goldstein/Sommer u.a. über die 68er und ihre Parole „Sex & Drugs & Rock’n Roll“:

stern: Haben sich die sexuellen Bedürfnisse nach 1968 geändert? Oder hat man sie zumindest anders formuliert?

Goldstein: Nun ja, früher wusste man eben wenig, heute, technisch, fast alles. Aber das Wissen der Jugendlichen entspringt selten den eigenen Erfahrungen, sondern aus dem Fernsehen, aus Zeitschriften oder der Musik. Der Zwang, sich sexuell unterdrücken zu müssen ist mittlerweile weg. Das ist hat sich ungekehrt. Mittlerweile gibt es den Zwang sich sexuell betätigen zu müssen.

stern: Es gibt also weiter Aufklärungsbedarf?

Goldstein: Ja. Das liegt vor allem an der Art der Kommunikation, die wir pflegen. Wir sind eine individualistische Gesellschaft, da geht es um den Einzelnen und weniger um die Beziehungs- also Liebesfähigkeit. Zu jeder Beziehung aber gehört Kommunikation. Das strahlt mehr aus als das Praktizieren von Sex. Es liegt aber auch an der herausgehobenen Stellung der Männer, deren Vorstellung von Sexualität mehr genital ist als das Ganzkörpergefühl der Frauen. Das würde auch zur Kommunikation gehören.

stern: Das stützt die These nach der es den hauptsächlich männlichen „Revoluzzern“ damals vor allem darum ging, mit möglichst unverbindlich mit möglichst vielen Frauen zu schlafen.

Goldstein: Ein typisches Phänomen war das Buch „Sex-Front“ von Günter Amends Buch aus dem Jahr 1970. Es war sehr männlich: Die Randzeichnungen zeigen vor allem Penisse, die Verschiedenes vorhaben. Schon Wilhelm Reich wollte deutlich früher von der männlichen Sexualität weglenken, hin auf die Beziehung zwischen den Menschen. Sein Werk ist heute immer noch aktuell. Sinngemäß sagte er: Habt Kontakt mit den Frauen und vögelt nicht nur herum.

Auch „Die Welt“ erinnert plötzlich an Wilhelm Reich – unter der Überschrift „Warum guter Sex die Welt heilen kann“ wird der späte Wilhelm Reich rehabilitiert:

„War er wirklich irre geworden? Seine dritte Frau Ilse Ollendorff glaubt, er sei zuletzt paranoid gewesen. Der Reformpädagoge A. S. Neill schreibt ihm: „Wenn Dulles und Ike und Macmillan und Chruschtschow alle geistig gesund sind, dann bist Du wahnsinnig – und ich bin für den Wahnsinn.“

Wenn Paranoia der Wahn ist, verfolgt zu werden, dann war Reich ganz bestimmt nicht verrückt: Denn er wurde wirklich verfolgt. Seine alten Feinde begannen nun auch in Amerika, wo er sich im Staat Maine sein Domizil Orgonon erbaut hatte, seinen Ruf zu unterminieren. Er sei ein Quacksalber und verspreche den Patienten mit seinem Orgonakkumulator sexuelle Sensationen.“

 

Vor einiger Zeit interviewte Mathias Broeckers den Biophysiker Fritz A. Popp. Beide kamen dabei auch kurz auf Wilhelm Reich zu sprechen. Im Vorwort heißt es:

Es ist Licht in unseren Zellen. Jede lebende Substanz, jede organische Zelle von Pflanzen, Menschen, Tieren, strahlt ein äußerst schwaches, aber kohärentes, d.h. geordnetes, laser-artiges Licht ab. Ein Licht, das sich wie Laserstrahlen hervorragend zur Signalübertragung eignet und vermutlich sämtliche Energiefelder des Organismus, der zellularen und inter-zelluraren Kommunikation steuert. Erstmals in den 20er Jahren in der Sowjetunion entdeckt, konnte die Strahlung erst 1975 von einer Gruppe deutscher Biophysiker unter Leitung von Professor Fritz A. Popp zweifelsfrei nachgewiesen werden. Doch mit diesen Messungen, die seitdem an vielen Universitäten der Welt bestätigt worden sind, wurde nicht nur eines der spannendsten Kapitel der heutigen Biophysik und „Life-Sciences“ aufgeschlagen, sondern auch ein ziemlich düsterer Abschnitt der modernen Wissenschaftsgeschichte: Fritz Popp verlor seine Professur an der Uni Marburg und war in den folgenden zwei Jahrzehnten dem schikanösen Mobbing einer Lobby von Wissenschaftlern ausgesetzt, das in vielen Zügen Parallelen zu der Verfolgung von Wilhelm Reich in den 50er Jahren trägt. Auch dieser war bekanntlich einer biologischen Strahlung auf der Spur, die er „Orgon“ nannte – und wurde trotz höchster Reputation vom akademischen Establishment als Scharlatan und Spinner denunziert. Popp & die von ihm „Bio-Photonen“ genannte Lichtstrahlung haben eine ähnliche Odysee hinter sich – allerdings mit glücklicherem Ausgang als bei Reich, der in einem amerikanischen Gefängnis starb.

Die Existenz der Biophotonen-Strahlung ist mittlerweile international anerkannt und wird an vielen Hochschulen erforscht – und Fritz Popp hat die inquisitorischen Schikanen der Wissenschafts-Mafia dank privater Mäzene und der praktischen Umsetzung seiner Entdeckung für die Lebensmittelanalyse überlebt. So liefert die Biophotonen-Messung beispielsweise erstmals ein eindeutiges Kriterium dafür, ob ein Hühnerei unter Freilandlandbedingungen oder in einer Legebatterie erzeugt wurde. Gesunde, biologisch erzeugte Lebensmittel weisen deutlich höhere Biophotonen-Strahlung auf als Treibhausware – ein Ende des Etikettenschwindels mit „Bio“ ist in Sicht.

Und gleichzeitig ein neuer Blick auf das organische Leben insgesamt und die Zukunft der medizinische Diagnostik, für die die Biophotonen-Analyse im kommenden Jahrhundert einen ebensogroßen Fortschritt bedeuten könnte wie für unser Jahrhundert die Entdeckung der Röntgen-Strahlen.

 

Mathias Broeckers sagt an einer Stelle des langen Interviews (http://www.broeckers.com/Popp.htm):

Sie haben ja das Glück gehabt, daß Sie über Biophotonen-Meßapparaturen, die eben herstellbar sind, und auch vermarktbar, diese Behinderungen und das Mobbing des Wissenschaftsestablishments umgehen konnten. Ich habe mich, als ich Ihre Geschichte gelesen habe, manchmal an Wilhelm Reich erinnert gefühlt, der ja auch einer biologischen Strahlung auf der Spur war, dann auch, weil man ihn nicht ernstgenommen hat, seine Orgon-Kisten verkaufen mußte, weswegen er er dann letztlich ins Gefängnis kam …

Popp: Das letzte fehlt noch bei mir. Aber die Kisten, die mysteriösen Kisten, verkaufe ich schon.

Broeckers: Wilhelm Reich ist dann trotz hoher Reputation und Anerkennung ziemlich elendig zugrunde gegangen.Letztlich hat er seine Forschungen nur retten können, weil er versucht hat, sie einfach umzusetzen in Apparaturen, die verkaufbar sind. Ihm hat es nichts genützt. Aber Ihnen hat es am Ende geholfen, sodaß Sie Sie jetzt in der Lage sind, für die Lebensmittelanalyse mit der Biophotonik Geräte zu liefern, die etwas können, was die normale Lebensmittelanalyse nicht kann. Doch damit sind Sie auch wieder zwischen zwei Stühlen gelandet, denn Sie konnten es weder den konventionellen Landwirten noch den Biobauern richtig recht machen…

Popp: Ja, es scheint so zu sein, daß eine Polarität in der Gesellschaft aufgetreten ist, in der die Wahrheit in gewisser Weise in der Mitte liegt und man sie trotzdem nicht als einen Kompromiß bezeichnen kann. Auch hier in der Lebensmittelanalytik zeigt sich plötzlich ein ganz neues Fenster der Qualitätseigenschaften, durch das man bisher nicht geschaut hat. Der chemische Analytiker wird Ihnen kaum etwas darüber sagen können, was z.B. die Frische ist, wie der Frischezustand gemessen werden kann. Oder er kann Ihnen kaum etwas dazu sagen, was Keimfähigkeit ist, Keimfähigkeit von Getreide beispielsweise, das ist eines der wichtigsten, elementaren biologischen Eigenschaften überhaupt, ohne die Keimfähigkeit könnten wir nicht existieren. Und die herkömmliche Analytik kann Ihnen dazu überhaupt nichts sagen. Denn wenn ich ein Weizenkorn zermahle, sind die Moleküle nach wie vor die gleichen. Die Analytik wird keine Aussage darüber machen können, was die Keimfähigkeit ist, weil die Moleküle oder die Analyse nicht ausreicht, um diese Gesamteigenschaft zu beschreiben. Auf der anderen Seite, der Biobauer orientiert sich zwangsläufig nicht an wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern an seinem Gefühl, an seiner Einstellung zur Natur, die richtig sein kann, die aber auch verfälscht werden kann durch Ideologien. Da werden dann mehr Zauberformeln beschrieben, als daß man an die wirklichen Probleme denkt. Ich weiß z.B. aus unseren Erfahrungen, daß das Problem heute eigentlich gar nicht ist: biologischer Anbau, ja oder nein ? Auf das wird das reduziert. Das Problem besteht im Grunde genommen darin, daß unsere Äcker, Böden, einfach überdüngt werden, daß die Bauern dazu gezwungen werden, viel zu viel zu produzieren, weil sie das billig machen müssen usw. Und darunter leiden natürlich beide Seiten und wenn man daß dann zu reduzieren versucht auf plötzlich besondere Qualitäten von biologisch angebauter Ware, die durch den biologischen Anbau gar nicht so erheblich verbessert werden müssen, weil nämlich noch viele andere Faktoren dazukommen. Da kommt der Sonneneinfluß dazu, die Bodenbeschaffenheit, es kommen dazu die richtige Sortenauswahl an der richtigen Stelle, die Fertigung usw., diese Dinge spielen oft eine wesentlich größere Rolle als die Düngervariante, freilich unter der Voraussetzung, daß man vernünftig düngt. Das heißt also auch hier erleben Sie die seltsame Situation, daß es nicht zugelassen wird, daß die richtigen Fragen gestellt werden.

Eine Analogie zu Wilhelm Reich wollte Professor Popp in der Darstellung seiner Forschungsarbeit und ihrer Gegner lieber nicht ziehen, da ihm dies nur schaden könne, wohl aber zu dem russischen Biologen Alexander Gurwitsch:

Broeckers: Schon Anfang 30er Jahre gab es ja eine Forschung, vor allen Dingen in der Sowjetunion, die damals die von Ihnen jetzt Biophotonen genannte Strahlung schon entdeckt hatte. Verdanken wir die Entdeckung, die Wiederentdeckung heute, dann letztlich dem ultrafeinen neuen Meßgerät, das Ihr Doktorand mit Ihrer Hilfe konstruiert hat?

Popp: Ich habe in dieser Zeit, ich glaube es war 1973, im ´Bild der Wissenschaft` einen Artikel von einem neueren Experiment von Russen gelesen, die gezeigt hatten und vermuteten liessen, daß Strahlen, Lichtwellen, die Sprache der Zellen sind. Das stand in ´Bild der Wissenschaft` und während alle anderen das gleich zurückgelegt haben und von Wundern aus der UdSSR gesprochen haben, von Spinnereien usw., habe ich dieses Ergebnis natürlich sehr sehr ernst genommen, einfach deswegen, weil es genau in die Richtung lief, in der wir selbst gedacht hatten. Und im Zuge der Nachforschungen sind wir auch auf die Arbeiten von Alexander Gurwitsch gestoßen, den eigentlichen Entdecker der Biophotonen. Ich kenne heute seinen Enkel, der Mitarbeiter in unserem Institut ist und einen Lehrstuhl für Entwicklungsbiologie an der Moskauer Staatsuniversität hat. Er hat mir sehr viel von seinem Großvater erzählt, so daß ich heute sehr viel über die damalige Entwicklung weiß. Und ich möchte aus der heutigen Sicht sogar sagen, daß ich Alexander Gurwitsch für das größte Genie des vergehenden Jahrhunderts halte. Er hat genau die richtige Frage gestellt, die letztlich mit dieser Lichtemission verbunden ist. Warum z.B. wächst eine Leber, wenn man sie in Stücke schneidet oder wenn man Teile davon entfernt, warum wächst die Leber wieder genau so nach, so daß die ursprüngliche Form wieder hergestellt wird? Woher weiß eine Zelle, daß sie aufzuhören hat zu wachsen, oder daß sie zu wachsen hat, um eine ursprüngliche Form wiederherzustellen? Und genial wie er war, und das ist der entscheidende Punkt, davon hebt er sich ab von 99,999 Prozent seiner Kollegen, genial wie er war hat er sofort gemerkt, durch Chemie ist so etwas nicht zu machen. Man kann nicht mit Chemie Informationen dieser Art übertragen, das ist unmöglich. Also ist er auch auf Felder gekommen, er ist der eigentliche Entdecker oder Erfinder dessen, was wir heute morphogenetisches Feld nennt.

Mit Wilhelm Reich hat Professor Popp dies gemeinsam, dass beide experimentell an Krebstheorien arbeiteten bzw. arbeiten:

Broeckers: Sie haben dann im Zusammenhang mit Ihrer Untersuchung von Tumorzellen und der biophotonischen Strahlung dort auch eine Theorie der Krebsentstehung oder des Krebses aufgestellt und an einer Stelle in Ihrem Buch habe ich gelesen, vom Krebs leben ja mehr Leute als daran sterben. Eine kleine Spitze gegen die überkommene traditionelle Krebsforschung, die sich tunnelartig auf ein Bild dieser Krankheit fixiert und über den Tellerrand nicht hinausschauen will. Das hat es für Sie sehr schwierig gemacht im Bereich der Krebsforschung weitere Mittel für die Biophotonik zu akquirieren. Was unterscheidet Ihre Theorie von Krebs von der herkömmlichen und was führte dazu, daß Ihre Hypothesen bisher so wenig ernstgenommen worden sind in der Krebsforschung?

Popp: Das ist ja der Dreh- und Angelpunkt und der Anfang der ganzen Geschichte gewesen: daß mir klar wurde, nachdem ich mich einige Jahre intensiv mit den herkömmlichen Anschauungen der Krebstheorie beschäftigt hatte – diese Denkweise, dieser Denkansatz ist falsch. Der Denkansatz beginnt falsch zu werden von dem Punkt an, von dem ich von einer Tumorzelle spreche. Die Tumorzelle gibt es nicht. Das ist genauso falsch, wie wenn ich sage, jemand ist asozial. Er kann sich in der einen Situation sozial, in einer anderen asozial verhalten. Das hängt nicht von ihm als Person ab, sondern es hängt von seiner Wechselwirkung mit der Umgebung ab. Das ist der entscheidende Ansatz.

Zwei konventionelle Krebsärzte haben kürzlich Bücher über Krebs-Erkrankungen und -Heilungschancen veröffentlicht: „Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biographie“ von Siddhartha Mukherjee (Dumont Buchverlag) und „Krebs – die große Herausforderung“ von Franco Cavalli (Rotpunkt-Verlag)

Auf der Internetseite von „www.orgon.de“ heißt es – gleich vorneweg:

Dies sind Kreiselwellen in einer Trick-Animation. Es sind optische Erscheinungen der Orgon-Energie, die immer nur subjektiv wahrnehmbar sind, d.h. man kann sie nicht fotografieren oder filmen – sie existieren nicht als eigenständiges Phänomen. Deshalb gehören sie für unseren Verstand nicht zur „Realität“ – dennoch können sie von fast allen Menschen wahrgenommen werden. Auf www.orgon.de finden Sie detallierte Anleitungen (auch als kostenlose mp3-Hörbuch-Dateien), wie Sie die Lebens-Energie sehen, hören und fühlen können. Es ist sehr einfach … Probieren Sie es aus!

Auf der Internetseite „http://www.datadiwan.de/netzwerk“ findet sich ein Bericht über eine wissenschaftliche Überprüfung der Orgon-Theorien und -Experimente von Wilhelm Reich:

In den Jahren 1991 bis 1994 wurde von Bernhard Harrer an der Freien Universität Berlin, Abteilung für Naturheilkunde, bei Prof. Dr. Joachim Hornung, ein Forschungsprojekt durchgeführt, mit dem Namen „Orgon-Biophysik – Kritische Annäherung an die biophysikalischen Arbeiten von Wilhelm Reich“. Ziel war eine wohlwollende, kritische, systemimmanente Überprüfung der Lebensenergie-Postulate von Wilhelm Reich, sowie die aktuelle Diskussion der Lebensenergie-Begriffe anderer Forscher. Zu diesem Zweck wurden fast alle (über 20) physikalischen und biologischen Experimente von Reich mit moderner Meßtechnik nachvollzogen und evaluiert. Reichs originale Versuchsaufbauten und Publikationen wurden analysiert und seine Schlußfolgerungen kritisch überprüft.

Im „Ergebnis“ kam heraus:

Im baugleichen Nachvollzug der Experimente konnten tatsächlich die selben Phänomene beobachtet werden, wie sie von Reich beschrieben wurden. Die Analyse der Versuchsdesigns und der Einsatz moderner Meßtechnik zeigte jedoch, daß alle auftretenden Phänomene durch klassische physikalische Effekte erklärbar sind. Ein Hinweis auf eine spezifische Lebensenergie konnte nicht gefunden werden. Die Untersuchung von Reichs Originalgeräten im Wilhelm Reich Museum in Rangeley, USA, brachte gravierende Mängel der von ihm verwendeten Meßtechnik zu Tage und ließ vermuten, daß Reich sich nicht genügend in Grundlagen und Methodik der experimentellen Physik, insbesondere der Meßtechnik eingearbeitet hatte, um die von ihm beobachteten Effekte in geeigneter Weise zu interpretieren. An mehreren Stellen konnte gezeigt werden, daß Reich in seiner Arbeit Meßfehlern und Experimentator-Effekten unterlag. Entsprechend erscheint die von ihm aus den Experimenten abgeleitete Theoriebildung einer spezifischen Lebensenergie unhaltbar. Dieser Eindruck wurde durch die Analyse aller von Reich hierzu veröffentlichten Texte bestätigt.

Zusammengefaßt ließ sich sagen:

Ein steigendes Interesse von Ärzten und Patienten an der Lebensenergie-Theorie (Orgon) von Wilhelm Reich machte eine kritische Evaluation seiner Postulate notwendig. Ein entsprechendes Forschungsprojekt an der Freien Universität Berlin fand ausschließlich gravierende Mängel in Reichs experimenteller und theoretischer Arbeit zum Lebensenergie-Begriff. Ein Hinweis auf eine spezifische Lebensenergie konnte in Reichs biophysikalischen Arbeiten nicht gefunden werden.

Es wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein, wenn etwas anderes dabei herausgekommen und dies gleichzeitig „im Wahren“ (M.Foucault) geblieben wäre.  Das Glück kommt nicht vom oben – aus dem Kosmos, mit dem Licht – sondern von unten, aus der Immobilie (jedenfalls für alle, die „im Wahren“ nicht nur denken, sondern auch leben wollen:

Biogische Sinnsuche im „Glücksbezirk“

Paradiesvögel, Laubenvögel und Krähenvögel haben einen gemeinsamen Ursprung in der Inselwelt Neuguineas. Die ersten beiden leben noch immer dort. Sie sind heute vom Aussterben bedroht, während die Krähen sich nahezu über den ganzen Erdball ausgebreitet haben – und wie die Menschen inzwischen massenhaft vom Land in die Städte ziehen. Das alles gelang ihnen, weil sich diese schwarzen Vögel im Gegensatz zu den bunten irgendwann den „Fortschritt“ auf ihre Fahnen geschrieben haben.  Die männlichen Paradiesvögel schaffen es mit ihrer Schönheit, die Weibchen flachzulegen. Die Laubenvögel, die ebenfalls nicht singen können, locken die Weibchen mit farbigen Ornamenten in ihre Laube, wo sie sie blitzschnell von hinten besteigen. Danach verpissen sich die einen wie die anderen Männchen. Nicht so bei den Krähenvögeln, die weder singen noch Kunst machen können und die Weibchen auch nicht mit ihrer Schönheit rumkriegen, denn sie sehen jenen zum Verwechseln ähnlich. Was tun? Sie beteiligen sich einfach am Nestbau, verteidigen es und ernähren die brütenden Weibchen. Danach ziehen sie mit ihnen gemeinsam die Jungen groß. Diese „Idee“ war einst super-„fortschrittlich“, wie der bayerische Biologe Josef Reichholf das nennt.

Die Menschen taten es ihnen später nach: Statt Rudelbumsen oder Polyamorie war auch bei ihnen irgendwann lebenslängliches monogames Familienleben das Nonplusultra. Krähen mit Kinderwagen  Wenn wir uns nun den „Projekt Kinder“-Bezirk Prenzlauer Berg angucken – die Sozialforscherin Anja Maier hat das für uns getan: siehe ihr Buch „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“, dann haben wir noch einmal Neuguinea im Kleinen vor uns: Die Paradiesvögel, das sind dort die braungebrannten Schönen, und die Laubenvögel, das sind die Künstler. Beides Antidarwinisten: Sie wollen ihre Gene nicht vererben – wegen Hängebrüsten, -bäuchen und anderer Aufzugskosten (wie Kinderklamotten, Kitagebühren, Alimente etc.). Wohl aber die Krähenvögel – das sind hier die Pärchen mit den „nachtschwarzen Kinderwägen im Hochpreissegment“ (A. M.), die den Bezirk mit ihrem mormonengleichen „Familialismus“ dominieren und alle anderen verdrängen.  Maier kann dazu mit Zahlen für diesen „Muttibezirk“ aufwarten: 5.000 Kinder werden hier alljährlich geboren, Tendenz steigend. Jedoch: Im Kapitalismus zersetzt sich – Marx und Engels haben das beizeiten an die Wand gemalt – die „Familie“. Erst recht jetzt in der postindustriellen Gesellschaft, da die Frauen mehr und besser als Ernährer taugen. Ihre Kindsväter können sich ihnen höchstens noch vorübergehend als staatlich alimentierte Hausmänner andienen. „Wir können nicht mehr so tun, als handele es sich hier noch um eine ernst zu nehmende Familie“ (Sandor Marai). Das geht also nicht lange gut. Anja Maier fand traurige Beispiele – und Zahlen: 26 Prozent aller Prenzlauer-Berg-Mütter sind heute Alleinerziehende, hinzu kommen 1 Prozent alleinerziehende Väter. Dafür jedoch laut Jugendamt 12.000 flüchtige „Rabenväter“.

Was einmal, mindestens bei den Krähenvögeln, „fortschrittlich“ war – die gemeinsame Sorge um den Nachwuchs -, ist bei den Menschen in Prenzlauer Berg heute zu einer üblen Falle geworden, die man ihnen mit sarrazinistischen Promi-Ehe-Sendungen und Promi-Kinderkriegerei-Berichten schmackhaft macht. Fundiert wird diese Riesensauerei vom allgegenwärtigen US-Darwinismus, der ihnen versichert, dass der wahre Lebenssinn nur im „egoistischen Gen“ zu finden ist. Die Krähen sind da schon weiter als die Muttis im Berliner „Glücksbezirk“ (A. M.): Sie haben sich neuerdings zwei Männchen angelacht, die ihnen und ihrer Brut das Überleben sichern. Josef Reichholf stellte fest: Allein in München sind bereits 50 Prozent aller Krähenpaare „Trios“. Und David Attenborough berichtete auf BBC von einer englischen Spatzenart, bei der es ähnlich ist – allerdings brauchen die Weibchen das zweite Männchen nur zum Vögeln (scheinheilig erklärte der berühmte Tierfilmer: „Warum das so ist, wissen wir nicht“).  Wie viel bitteres Leid und verhärmenden Überlebenskampf bliebe den armen Menschenmüttern im „Sexymama“-Kiez (A. M.) erspart, wenn sie sich den Münchner Krähen gleich ebenfalls wieder an die Spitze des Fortschritts setzten und „Trios“ (statt „Bios“) bilden würden. So wie es jetzt ist, gehen sie jedenfalls elendig zugrunde – spätestens wenn ihre Jungen ausgeflogen sind – und ihre biologische Sinnfindung mit ihnen. Die darwinistische Biologie ist, so viel kann man sagen, auf Dauer vollkommen sinnlos: reine Populationsarithmetik, aus der sich für das einzelne Individuum (ob Mensch- oder Krähenmutter) kein Honig rauslutschen lässt.

 

 

Anmerkungen:

(1) Im Folgenden einige Bemerkungen von Stephan Krall:

Wahlverwandtschaft/Fremdenfreundschaft

In der Chemo-Autobiographie des Neurologen Oliver Sacks: „Onkel Wolfram“ ist viel von seinem intellektuell-gläubigen Elternhaus in London die Rede, wo fast täglich ein Dutzend oder mehr Verwandte – aus ihrer jüdischen Sippe, die mehr als 100 Personen umfasste – zusammenkamen, dazu zwei bis drei „Fremde“. In meinem Elternhaus war es umgekehrt: Vater und Mutter hatten sich durch ihr Künstler-Werden von aller (proletarisch-handwerklich-religiösen) Sippenhaft emanzipiert. Gleichgesinnte, Studenten und Kunstauftragsgeber, das war fortan ihr Freundeskreis, während die Verwandten ihnen mehr und mehr zu Fremden wurden. Ihnen folgend verstehe auch ich mich nicht – im Gegensatz zu meinen proletarischen Freunden z.B. – als „Deutscher“, sondern sehe mich eher als Angehöriger einer Linken, die über die ganze Welt verstreut ist, wobei es egal ist, woher jemand kommt, wichtig ist seine Weltsicht bzw. In-der-Welt-Sein, um von mir z.B. als „Freund“ geschätzt zu werden.

Mittlerweile wirken „Familienbande“ geradezu „atemraubend“ auf mich und „Mütter“ oft „asozial“ – in dem Sinne, dass ihr Altruismus nicht über ihre Sippe im engsten Sinne hinausgeht. Es gibt dazu eine ganze (dumpf-darwinistische) Forschung, die diesen Glucken-Egoismus als bei Menschen und Tieren vorherrschend zu beweisen sucht. Der Erzdarwinist Dawkins kreierte dazu sogar eine Theorie des „egoistischen Gens“, welches sich partout und schier gegen den Willen des Individuums fortpflanzen will: „Dawkins zufolge lässt sich selbst altruistisches Verhalten von Individuen durch den Egoismus der Gene erklären – Verwandtenselektion. Hilfe unter Verwandten ist ein selbstloser Akt, denn das einzelne Individuum hat dadurch meist keinerlei Vorteile. Für das Gen, welches die Veranlagung zur Verwandtenhilfe festlegt, kann es jedoch unter bestimmten Bedingungen durchaus günstig sein, das andere Individuum zu retten. Denn unter den engsten Verwandten (Eltern, Kindern, Geschwistern) beträgt die Chance, dass der andere das gleiche Gen trägt, 50 Prozent. Wenn also die Gefahr oder der Schaden für den Helfer weniger als halb so groß ist wie der Gewinn für den Empfänger, wird sich auf diese Weise das Gen stärker verbreiten. Denn im Mittel werden dann über die Generationen mehr Kopien des Gens erhalten“. (Wikipedia)

Lassen wir diese „abstrakte Logik“ beiseite, denn immerhin kennen viele „Völker“ die Gastfreundschaft. Der Gast – lateinisch: hostis – bedeutet jedoch zugleich auch Feind. Er genießt Gastfreundschaft nur so lange er sich an die Regeln und Sitten des Gastgebers hält. Der georgische Philosoph Giorgi Maisuradze nennt es „eine Art Ehrengefangenschaft“. Die Sowjetunion kreierte daneben noch die „Völkerfreundschaft“. Sie erwies sich jedoch ebenfalls als eine Art „Ehrengefangenschaft“ – spätestens als der große Gastgeber – der Georgier Stalin – starb. Mit der Abkehr vom Personenkult Stalins durch den 20. Parteitag der KPDSU (1956) kam es in Georgien zu den „ersten öffentlichen Massenprotesten in der Geschichte der UDSSR, die am 9.März blutig niedergeschlagen wurden,“ schreibt Maisuradze in „Die Familienmetaphorik der sowjetischen Völkerfreundschaft“. Sein Text wurde 2011 als Teil des Forschungsvorhabens „Freundschaft: Konzepte und Praktiken in der Sowjetunion und im kulturellen Vergleich“ veröffentlicht – in der PrePrint-Reihe „Interjekte“ des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL), man findet sie im Internet.

In einem Rundfunkvortrag über Krebs und seine Heilung umriß der Chirurg Ferdinand Sauerbruch diese Krankheit einmal als zelluläres Aufgeben des „Grundsatzes der Gegenseitigkeit, des Altruismus“ – infolge nicht mehr mit anderen Organzellen koordiniertes, „hemmungsloses“ und „rücksichtsloses Wachstum“. Sauerbruch begriff den Organismus als eine Art Zellstaat, der dadurch angegriffen wird. Ihm taten es 1970 einige Embryologinnen des Pariser Luis-Pasteur-Instituts nach, als sie von der zellulären Analogie zwischen einem Krebs und einem Fötus sprachen. Beiden gelänge es auf ähnliche Weise, das Immunsystem der Mutter zu blockieren und immer weiter zu wachsen. Im ersteren Falle entstehe daraus Anarchie, im letzteren ein neuer Staat. Der Krebs macht sich überdies auch im Metaphorischen bemerkbar: Vom „Krebsgeschwür Konzern“ spricht z.B. der Autor Harald Frey in seinem gleichnamigen Wirtschaftsbuch. Vom „Krebsgeschwür Staat die „www.propagandafront.de. Schon der liberale Hygieniker Rudolf Virchow, Entdecker des Blutkrebses (Leukämie), schrieb in seinem ersten Text [für die „Baltischen Studien“]- über die Geschichte seiner pommerschen Heimat: „Wer freute sich daher nicht ob der Reformation [die 1538 in seinen Geburtsort Schivelbein kam], welche endlich diesen faulen Krebsschaden [gemeint sind die katholischen Mönche] aus dem gesunden Staatsleben entfernte und die toten Schätze weniger Faulenzer in die befruchtenden Kanäle der Volkswirtschaft zurückführte…“

Gilt für das soziale was auch für das individuelle Leben Gültigkeit hat? Dazu sei zum Einen der Film „Organismus Stadt und die Neurobiologie des Altruismus – Warum Fürsorge, Mitgefühl und soziale Gerechtigkeit überlebenswichtig sind“ erwähnt, In der der Neurobiologe Gerald Hüther die Hauptrolle spielt. Und zum Anderen auf die chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela hingewiesen, sie prägten den Begriff der Autopoiese (griech. autos = selbst; poiein = machen). Die autopoietische Organisation besagt laut Stephan Krall, „dass sich Lebewesen quasi ständig selbst erzeugen. Sie sind von ihrer Umwelt klar abgegrenzte aber offene Systeme mit einem extrem hohen Organisationsgrad. Diesen müssen sie ständig durch Aufnahme neuer Ordnung aufrecht erhalten, um dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik (Entropiezunahme) entgegenzuwirken. Krankheiten stellen einen Verlust an Ordnung dar, eine Zunahme der Entropie. Wird der Ordnungszustand im Körper zu klein, so kann das komplizierte System nicht aufrecht erhalten werden und der Tod tritt ein.“

Der Biologe Stephan Krall kommt von da aus auf einen russischen Biologen zu sprechen: „An dieser Stelle sei noch auf einen im Westen leider nicht mehr sehr bekannten russischen Wissenschaftler hingewiesen, Vladimir Vernadsky (1863-1945). Vernadsky war sich einerseits natürlich auch im klaren, dass Leben von seiner nicht belebten Umwelt klar abgegrenzt ist und nur aus sich selbst erzeugt wird. Andererseits wirft er erstmals die These auf, dass Leben auf das Engste mit seiner unbelebten Umwelt, der Erdkruste verwoben ist und diese genauso formt, wie es durch diese geformt wird. Es ist kein externes oder zufälliges Phänomen der Erdkruste, sondern lebende Materie. Eine These, die viel später dann zum Gaia-Prinzip von James Lovelock führte. Bedeutend scheint mir daran das Verständnis, dass Leben von dem ihn umgebenden Raum nicht getrennt betrachtet wird. Dies wird wichtig, wenn wir uns die Frage stellen, ob Leben ein Phänomen ist, das es in diesem Weltall nur per Zufall gibt, oder es integral dazu gehört.“

Weltall Erde Mensch

 

(2) Hier noch einmal der Text von Willy Brandt mit einer Vorbemerkung von Christian Semler:

„POUM-SAP, Report by Willy Brandt“

Der Text, den wir auf diesen Seiten vorstellen, fand sich in den nachgelassenen Papieren des Psychologen, Sexualwissenschaftlers und (zeitweiligen) revolutionären Marxisten Wilhelm Reich. Es handelt sich um einen maschinengeschriebenen, achtseitigen Brief ohne Anrede und Unterschrift, der das Datum vom 16.4.1937 und die Ortsangabe B. (aus dem Zusammenhang wird klar, daß es sich um Barcelona handelt) trägt. Auf der ersten Seite ist links oben handschriftlich die Abkürzung W.R. vermerkt, in der Mitte steht „POUM-SAP, Report by Willy Brandt“. „POUM“ steht für Partido Obrero de Unificacion Marxista, eine revolutionäre spanische Organisation, die mit der kommunistischen dritten Internationale gebrochen hatte, die Sowjetunion Stalins als despotischen Zwangsstaat kritisierte und deshalb von den spanischen Kommunisten und den in Spanien operierenden Gruppen des sowjetischen Sicherheitsdienstes NKWD mit tödlichem Haß verfolgt wurde. „SAP“ steht für Sozialistische Arbeiterpartei, eine aus ehemaligen deutschen Sozialdemokraten und Kommunisten zu Beginn der dreißiger Jahre gegründete linkssozialistische Organisation, die mit der POUM freundschaftlich verbunden war. Brandt war 1937 noch Mitglied der SAP und hielt sich, wie aus seinen „Erinnerungen“ hervorgeht, zu dem Zeitpunkt, als der Brief geschrieben wurde, in Barcelona auf. Daß Anrede und Unterschrift fehlen, erklärt sich aus dem damals allgegenwärtigen Zwang zur Konspiration bzw. zur Vorsicht. Der befreundete Filmemacher, der die vorliegende Kopie anfertigte, war ungeschickt genug, auf einigen Seiten die letzte Zeile abzuschneiden. Da das Original für uns nicht greifbar ist, mußten wir diese Auslassungen in Kauf nehmen und haben sie gekennzeichnet.

Willy Brandt und Wilhelm Reich kannten sich bereits aus dem gemeinsamen norwegischen Exil. Brandts damalige Freundin Gertrud Meyer, auch sie SAP-Aktivistin, arbeitete als Sekretärin in Reichs finanziell abgesichertem „Institut für Sexualökonomische Lebensforschung“ und trug so dazu bei, ihren Lebensgefährten über Wasser zu halten. In Norwegen, wo er vorübergehend großen Einfluß erlangt hatte, vollzog Reich die „Wende“ vom psychoanalytisch veredelten Marxismus zu seiner Orgonomie-Theorie. Brandt war vom Charisma des verfemten Psychoanalytikers beeindruckt, hielt aber dennoch zur Person wie zu den Lehren Reichs vorsichtig Distanz. Einige Motive des hier abgedruckten Briefes zeigen seine Vertrautheit mit den Themen der „Sexpol“- Bewegung.

Für Brandt waren die Monate in Barcelona Zeiten eines lebensgeschichtlichen Umbruchs. An der Aragon-Front lernte er den schwerverwundeten George Orwell kennen, der in den Reihen der Anarchisten bzw. Anarchosyndikalisten gekämpft hatte und der ihn über die Versuche der Kommunisten unterrichtete, im Bündnis mit den Kräften des Kleinbürgertums die Macht in Katalonien an sich zu reißen. Im Mai 1937, einen Monat nachdem Brandt an Reich geschrieben hatte, wurde dieser Machtkampf in den Straßen und in der Telefonzentrale Barcelonas blutig ausgetragen. Einer der besten Freunde Brandts, Sohn eines menschewistischen Emigranten, wurde vom NKWD verschleppt und ermordet. Wie aus Brandts „Erinnerungen“ hervorgeht, gab dieses Erlebnis für ihn den Ausschlag, sich dem „demokratischen Sozialismus“ zuzuwenden.

In seinem Brief sieht Willy Brandt die Notwendigkeit, die Kriegsführung in Spanien zu zentralisieren und den revolutionären Prozeß im Interesse einer antifaschistischen Koalition zu begrenzen. Aber ihm ist auch klar: Wird der Elan „der Massen“ gelähmt, so hat dies nicht nur fatale Folgen für die sozialistische Perspektive, sondern auch für die Verteidigung der spanischen Republik. Das Foto stammt aus den bei Ullstein erschienenen „Erinnerungen“ und zeigt Willy Brandt 1937 in Barcelona.  (Christian Semler)

 

Mächtig unklare Elemente

„Bei Bilbao ist die Lage noch sehr kritisch“: Willy Brandt schreibt Wilhelm Reich aus dem Spanischen Bürgerkrieg:

16.4. 37

Ich möchte Dir sagen, daß die Verkrampfung der Bewegung hier einen bedrückenden Eindruck macht. Man ist allzu leicht geneigt, die Erscheinungsformen dieser Verkrampfung in den „nationalen Eigenheiten“ zu suchen. In der Tat: Wie viele Male habe ich nun schon vor Wut Schaum vor dem Mund gehabt angesichts gewisser Züge nationaler Überheblichkeit, besonders bei den Katalanen, ausgeprägter Organisationsunfähigkeit, Ignoranz und notorischer Schlampigkeit. (Mañana bedeutet zwar wörtlich „Morgen“, aber man mißt dafür hier nicht mit 24 Stunden bis zu einem solchen Mañana, sondern ebensogut Tage, Wochen, Monate…) Wie häufig habe ich daran gedacht, was ein Freund mal über die Spanier gesagt hat: daß sie Jahrhunderte mit dem Hintern zu Europa gestanden haben! Und in der Tat: Wie deutlich merkt man diesen Spaniern, eben auch dem unseren, an, daß er bis in jüngste Zeit kräftig in den Klauen der katholischen Kirche war – mit allen Begleiterscheinungen der Heuchelei, Schweinerei, Verkrampfung.

Und doch dreht es sich bei der Verkrampfung, von der ich sprechen wollte, um etwas anderes, nämlich um die Folgen des widerspruchsvollen Charakters der spanischen Auseinandersetzung. Wir haben darüber früher wohl schon gesprochen, und ich habe auch mehrfach dazu geschrieben: Der Krieg, der als Präventivkrieg der Militärbanden, aufgepeitscht durch den internationalen Faschismus, gegen die mächtig anschwellende Volks- und revolutionäre Bewegung begann und dessen Charakter in den ersten Monaten vorwiegend die Merkmale einer Auseinandersetzung zwischen den bisher unterdrückten und unterdrückenden Klassen trug, hat seitdem infolge des Steckenbleibens des sozialen Umformungsprozesses und des massiven Eingriffs der internationalen Konterrevolution (beides ist wieder nicht voneinander zu trennen) beherrschender den Charakter eines Unabhängigkeitskrieges des spanischen Volkes angenommen. Das führt mit sich die komplizierte Verflechtung von progressiven und regressiven Elementen.

Als Marxist muß man sich zur Aufgabe stellen, ihnen […] Die Streitigkeiten nur auf unserer Seite sind natürlich mehr als Ausdrücke von Giftmischerei und Böswilligkeit. Sie entspringen zwei Auffassungen über den Charakter der Bewegung, der Auffassung, die die Grenzen des parlamentarischen Demonstratismus nicht überschreiten und das Weitergeführte in diese Bahn zurückführen möchte, und jener, die in der Durchführung der proletarischen Revolution die Voraussetzung für den Sieg an der Front sieht. Für mich ist es absolut klar, daß Krieg und Revolution untrennbar verbunden sind. Für mich ist es aber auch klar, daß unser Bestehen im Krieg an der Front über die Sicherung der revolutionären Errungenschaften und daß militärische Durchbruchsiege über Neuentfaltung der revolutionären Energien entscheiden. Weil der eigentliche Charakter der blutigen Auseinandersetzung hier unten derart widerspruchsvoll ist, hat weder die eine noch die andere Seite der organisationsmäßigen Front Recht. Ist es so, daß die Anarchisten, vor allem in Katalonien – die revolutionäre Tradition und das spontan revolutionäre Drängen der Massen verkörpern, so sind sie doch auch Ausdruck für eine Fülle phantastischer, zurückgebliebener, mächtig unklarer Elemente, personell und politisch; ist es so, daß die PCUM in der strategischen Ausrichtung in mancher Hinsicht am richtigsten analysiert hatte, so repräsentiert sie doch zugleich ein Element der Dogmatik, des Parteiimperialismus und des Sektierertums; ist es so, daß die K.P. und die katalanische PSUC im Gefolge der Politik der Sowjetunion eine falsche Konzeption zum Charakter der spanischen Kämpfe haben, so stellen sie andererseits denjenigen Faktor dar, der die Notwendigkeiten, die sich aus dem heute überwiegenden Element des Unabhängigkeitskrieges ergeben, am energischsten durchzusetzen bemüht ist. Ich sagte vorhin, daß der gesellschaftliche Umformungsprozeß – die soziale Revolution – steckengeblieben ist. Katalonien, Barcelona, waren am weitesten voran, blieben aber dann unfähig, weder den […] neulich nach meinem Besuch in Valencia schon geschrieben habe: Im Vergleich zu Barcelona wirkt Valencia viel ernsthafter, weil kriegsnäher, entschlossener. Barcelona mit seinem Gezänk, seiner Etappenstimmung wirkt operettenhaft dagegen, wie es ein Bekannter nannte. Und gleichzeitig – und das ist eben kein Widerspruch, sondern Ausdruck für das, was ich beweisen will – ist Valencia das viel, viel bürgerlichere Nest, Barcelona gibt viel, viel stärker Ausdruck für die revolutionäre Arbeiterschaft. Madrid erst gar ist schon überwiegend geprägt durch die neuen – und alten – Offiziere des Ejercito Popular (Volksheer).

Trotzdem lehne ich ab, ohne weiteres vom jetzigen „Triumph der Konterrevolution“ zu sprechen. Später noch dazu. Zunächst die Frage, die häufig aufgeworfen wird: Was ist mit dem Geist unserer Kämpfer an der Front? – Sie, die hinausgegangen sind, den Faschismus zu schlagen und dem Sozialismus zum Siege zu verhelfen, wie verhalten sie sich gegenüber den neuen Tatsachen, die heute geschaffen werden? D.h., wie verhält sich der alte Miliziano gegenüber seiner Verwandlung in einen Soldaten des Volksheeres? Es wäre falsch, zu verheimlichen, daß eine ganze Reihe von Genossen, gerade auch unter den Internationalen, mißmutig geworden sind oder gar die Flinte ins Korn geworfen haben. Besonders bei den Anarchisten sind eine Menge solcher Fälle festzustellen, wo sich die Genossen verraten fühlen und in den Sack hauen. Aber da mußt Du gleich wieder darauf aufmerksam sein: Hier verquickt sich das Element der Aufbäumung revolutionärer, fortschrittlicher Arbeiterkräfte mit dem der Disziplinwidrigkeit, der Nichtbereitschaft zur Einordnung in eine große, gemeinsam ausgerichtete Kolonne, also mit durchaus rückschrittlichen Faktoren.

Keine der antifaschistischen Kräfte hat sich gegen die Schaffung des Mando unico (des Einheitskommandos) stemmen können. Allerdings haben nicht alle dasselbe darunter verstanden. Nachdem nun aber auf der allgemein- politischen Ebene die Zurückverlagerung auf die Achse […] Ebene vollziehen, die nicht die sozialistisch-revolutionäre genannt werden kann. Wir haben es unseren Begriffen nach mit der Errichtung der alten Disziplin zu tun, aber im Dienst einer progressiven Sache, im Dienst des Sieges über den Faschismus – eine Entscheidung von weltgeschichtlicher Bedeutung. Und dieses Empfinden: Wir müssen den Faschisten das Fell gerben, und dazu müssen wir die Knochen zusammenreißen – und wenn’s auch schwerfällt. Im ganzen wäre es völlig verfehlt, von Müdigkeit an unserer Front zu sprechen. Unsere Militanten stürmen vor und immer wieder vor unter dem Ruf: Passaremos (wir kommen durch)! Und selbst dann, wenn sie materiell weit unterlegen sind. Ich setze alles auf unsere Front. Guadalajare, Cordoba, die neue Aktivität an der Aragonfront, das gibt Anlaß zu den optimistischsten Perspektiven. Bei Bilbao ist die Lage noch sehr kritisch; könnten wir nur endlich bei Huesca durchhauen, dann würden wir sie zwingen, sich aus dem Baskenland zurückzuziehen.

Ich habe neulich von der Normalisierung im Hinterland geschrieben. Beschneidung der Komitee-Rechte, Verstöße gegen Kontroll-Patrouillen, rote Fahnen von den Fabriken herunter – das sind Dinge, die für sich sprechen. Und wieder steht hier ein Aber: Normalisierung war notwendig, die Komitee-Wirtschaft war unhaltbar. Die Notwendigkeiten des Krieges zwangen zur Bereinigung der Verhältnisse. Wir brauchen Zentralisierung, weil wir Schlagkraft brauchen. Wir brauchen eine Armee, eine Sicherheitskörperschaft. Wir brauchen eine leistungsfähige Kriegswirtschaft und nicht den „Gewerkschaftskapitalismus“, der sich in vielen Fällen aus den Kollektivierungen der Betriebe ergeben hatte.

Wir stehen einer gefährlichen Teuerung der Lebensmittel gegenüber. Da müßte mit eiserner Hand zugegriffen werden. Vor drei Tagen haben wir hier Frauendemonstrationen der Anarchisten erlebt, die einem Eierhändler (oder mehreren) die Ware zu Matsch gemacht und ihm […] barer Weg. Agenten haben sich eingemischt, solche, die weiterhetzten, und solche, die gegen die „Kontrolle“ agitierten. Wir brauchen staatliche Zentralisierung der Lebensmittelversorgung, wie wir allgemein Kriegszentralisierung im Hinterland brauchen.

Dazu bedarf es aber einer wachsamen Bewegung, die Mißbrauch zu verhüten weiß. Und da liegt ja gerade der Haken: Statt der Tätigkeit der revolutionären Massen war das der Organisationen da, die geradezu alles taten, die Masseninitiativen nicht zur Entfaltung kommen und jedenfalls nicht über den Organisationsrahmen hinausreichen zu lassen. Und dazu dann noch die vielfach unterschätzte Tatsache, daß die Organisationen viele ihrer Besten verloren haben, während der größere Teil der Wertvollsten heute von der Front aufgesogen ist. Bei dem, was übrig bleibt, kann jeder, der sehen will, sehen, daß die Bürokratie keine nationale russische Pflanze ist, sondern daß sie hier womöglich noch üppiger gedeiht. Wir werden alle noch schwer daran zu knacken haben.

Die Kleinbürger haben in demselben Tempo, in dem die roten Fahnen durch die bunten ersetzt wurden, ihre proletarische Aufmachung durch den Sonntagsanzug ersetzt. Man weiß doch schließlich, was sich gehört. Kaum notwendig zu erwähnen, daß im gleichen Maße das „Salud“ durch das „Buenos dias“, das „camarada“ durch das „Señor“ ersetzt wird.

Die schwarz-roten Fahnen, die auf den ausgeräumten Kirchen wehen, sind auch schon mächtig ausgeblichen. Inzwischen sagt die K.P. – entsprechend dem von ihr gekennzeichneten Charakter des Kampfes -, daß allen Religionen die freie Ausübung der Kultur ermöglicht werden soll. Die Mutter soll keine Angst haben, daß der ins Feld ziehende Sohn dort in anderem Sinne beeinflußt wird, als sie es wünscht, heißt es an einer Stelle. Einzelne katholische Pfaffen haben denn auch schon den Mut gehabt, sich wieder einzufinden. (Vom Baskenland abgesehen, wo die Verhältnisse besonders liegen und wo […] Glauben. Und wir können in Spanien ruhig sagen, daß im großen und ganzen in der katholischen Kirche die Unterdrückungsgewalt und das Faschistennest gesehen wird.

Dir hatte große Sorge gemacht, daß die Frauen aus den Milizen entfernt würden. Und Du bist froh, nachdem Du gehört hast, daß viele Frauen sehr tapfer mitkämpfen. Ich muß Dich da wieder betrüben. Denn es ist tatsächlich so, daß man – zumindest in den mir bekannten Formationen – die Frauen, soweit noch vorhanden, entfernt. Es gibt viele Gründe: a) Durruti hat sich gezwungen gesehen, zu Erschießungen zu greifen, als sich ganze Gruppen von Prostituierten in der Form von Milizianas an die Front geworfen hatten. b) Als wir das letzte Mal an der Front waren, kam dort ein Schweizer Genosse mit seiner Frau an, die nur einige Zeit als Journalistin dortbleiben wollte, nachdem sie vorher schon als Miliziana gedient hatte. Die Genossen nahmen aber den Standpunkt ein: Frauen können wir hier nicht gebrauchen. Länger als einen Tag kann sie nicht hierbleiben. Und sie mußte am nächsten Tag nach Barcelona zurückfahren. c) Als auf dem ZK-Plenum der J.C.I. die Genossin Santiago über die Mädelfrage zu referieren begann, begann gleichzeitig Gelächter, und es hat fast während der ganzen Behandlung des Punktes nicht aufgehalten. – Das nur, um einige Beispiele zu nehmen. Es gäbe viel dazu zu sagen. Zu tun noch mehr. Aber wir stehen im Krieg. Und die hiesige Frauensektion ist vom Exerzieren (das sich auf den Bildern fand, die ich Dir neulich schickte) zum Nähen übergegangen. Und die Literatur über die Frauenfrage beschränkt sich auf „klassische“ Übersetzungen. An den Zeitungsständen mischt sich die Neukonjunktur der guten und schlechten Aufklärungsliteratur mit der alten Konjunktur (die bestimmten Pfaffen viel Geld brachte), der Pornographie. Das Publikum verwechselt leicht das eine mit dem andern.

Die Jugend hat insgesamt eine hervorragende Rolle in den Kämpfen gespielt. Aber sie wurde in den Partei- und Organisationsgrenzen gehalten. Nicht einmal über die sozialen Fragen sind manche „Jugendführer“ unterrichtet, viel weniger noch über die kulturellen. Die Anarchisten machen in diesen Fragen ernsthafte Versuche des Durchbruchs, während bei der Vereinigten Jugend Ansätze einer – wenn auch falsch ausgerichteten – Jugendbewegung da sind. Die Prostitution ist weiterhin die Form des Geschlechtslebens der Jugend. Die Macht der Kirche hält an, selbst da, wo schwarz-rote Fahnen über zu dem nützlichen Zweck des Materiallagers umdisponierten Kirchen wehen…

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2012/06/13/wilhelm-in-der-reich-hauptstadt/

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kommentare

  • Per Zufall stoße ich auf diesen Beitrag, in dem ich mehrfach erwähnt werde. Dazu ein paar Bemerkungen:

    1. Vergessen wurde, dass ich mit Nane Jürgensen Anfang der 70er Jahre eine Reich-Zeitschrift, die erste in Deutschland nach Reichs Tod, herausgegeben habe, das Sex-Pol Info.

    2. Das Scientific and Medical Network, dessen deutsche Gruppe ich zehn Jahre koordiniert habe, hat nichts mit Wilhelm Reich zu tun.

    3. Ich habe nur ein Mal in der Zeitschrift Emotion veröffentlicht, und das sehr kritisch.

    4. Woher soll das Zitat unter den Anmerkungen von mir sein, dass habe ich noch nie gesehen, oder ich bin dement?

  • Mönsch! Was für ein toller und sehr informativer Text!
    Klasse auch diese Willy Brandt Briefe! …. dass man das hier einfach so lesen kann. Und wie du das immer so aus dem Arm schüttelst. :—-))

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