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vonHelmut Höge 13.02.2014

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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solschenizyn

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Kaum einer von den Jüngeren kennt noch den Namen Alexander Solschenizyn

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Vergangenheitsüberwältigung

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Am „Checkpoint Charlie“, dem „Symbolort der Ost-West-Konfrontation“, im privaten „Mauermuseum“, das jetzt einer äußerst geschäftstüchtigen Ukrainerin gehört, traf der Häftling Michail Chodorkowski auf die westliche Öffentlichkeit. „‚Für mich ist das alles ziemlich neu. Facebook und Twitter und all das. Als ich ins Gefängnis kam, gab es das doch alles noch gar nicht‘, sagte er. Lacher im Publikum.“ Der Spiegel schreibt ferner über diesen ersten West-Auftritt von ihm: „Es ist wie in einer Zeitmaschine. Zehn Jahre lang schmachtete der ehemalige Oligarch in russischen Lagern, abgeschottet von der Öffentlichkeit. Dann, vor nicht einmal zwei Tagen, ging alles sehr schnell. Flugzeug, Berlin, Freiheit, und plötzlich will die Welt, diese veränderte Welt alles von ihm wissen. Wie das war in Gefangenschaft. Was er von Wladimir Putin hält. Wie er sich fühlt. Und was er so vor hat mit seinem Leben.“

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Es war ein fast perfektes Remake – inszeniert von einem arbeitslosen „Elder Statesman“: Hans-Dietrich Genscher und der Mauermuseumschefin Alexandra Hildebrandt. Exakt 40 Jahre zuvor hatte es schon einmal genau dieses Schauspiel gegeben: Vor dem Haus von Heinrich Böll in Langenbroich, wo der sowjetische Dissident Alexander Solschenizyn Aufnahme gefunden hatte – und sofort von Pressephotographen, -journalisten, Verlegern, Literaturagenten, Juristen, Bittstellern und Politikern umlagert wurde. Der Schriftsteller flüchtete schließlich nach Amerika in ein abgelegenes Landhaus nahe der kanadischen Grenze, wo er 10 Jahre blieb, bis zu seiner triumphalistischen Rückkehr nach „Russland“.

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Im zweiten Teil seiner dreibändigen Autobiographie „Zwischen zwei Mühlsteinen. Mein Leben im Exil“ schildert er ausführlich (auf fast 500 Seiten), wie er sogleich vom Westen belogen und betrogen wurde, und sich seine Freunde und „Partner“ – Anwälte und Übersetzer – nacheinander als (Geschäfts-)Feinde „entlarvten“.

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Den Begriff „Satansbrut“ behält er jedoch den Machthabern in der Sowjetunion vor. Immer wieder traf Solschenizyn sich im Exil mit anderen russischen bzw. sowjetischen Dissidenten. In den Siebzigerjahren lebten noch drei Generationen dieser Emigranten im Westen. In ihren Vereinen und Verbänden schmiedeten sie Pläne, wie man das „Breschnew-Regime“ stürzen könne. Sie wurden dabei mehr oder weniger unterstützt von westlichen Geheimdiensten und von sowjetischen Geheimdienstlern unterwandert. Das „Mauermuseum“ am Check Point Charly war damals nebenbeibemerkt ihr (deutsches) „Hauptquartier“. Solschenizyn lernte alle russischen Truppenteile kennen – und war enttäuscht, vor allem von ihrem mangelnden Realismus. Manchmal zweifelte er an seinen Landsleuten – aber nie an der „Heimat“ – und an der orthodoxen Kirche. Derweil gab es kaum noch Zweifel am „Verrat“ der meisten seiner West-„Mitstreiter“ bei der Übersetzung und Veröffentlichung seiner bislang im „Untergrund“ erschienenen Bücher über die Verbrechen der Kommunisten und den noch zu veröffentlichenden über die Geschichte der russischen Revolution: „Das Rote Rad“ – von dem am Ende vier von ursprünglich zehn geplanten Bände erschienen. Sein Wunsch als Großschriftsteller, dieses „Hauptwerk“ würde neben Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ und Wassili Grossmans „Leben und Schicksal“ bestehen, erfüllte sich nicht: Er blieb der „GULag“-Autor – trotz der besseren, weil zugänglicheren Archive im Westen und der freien Rede unter den Antikommunisten. Der vierte Band wurde schon nicht mehr ins Deutsche übersetzt.

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Chodorkowskis Lebensplan im Exil sieht anders aus, wie er im Mauermuseum kund tat: „Der Wirtschaft wolle er fern bleiben. ‚Da habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte.‘ Auch in die Politik wolle er nicht, das habe er Putin in einem Brief auch mitgeteilt. ‚Es geht mir nicht um einen Kampf um die Macht‘.“ Da war Solschenizyn aus ganz anderem Holz. Aber die vielen neuen „Freunde“ im Westen werden den erfolgreichsten und ergo reichsten postsowjetischen Geschäftsmann schon wieder auf die Spur bringen. 2002 hieß es über Chodorkowski, 39, Chef des Jukos-Erdölkonzerns, im Spiegel: „Was haben sie ihm nicht schon alles nachgesagt, seine geschäftlichen Konkurrenten, seine kommunistischen Feinde und natürlich ‚diese Giftzwerge von der Journaille‘, die er ganz selten nahe an sich ranlässt: Er sei ein Mafia-Typ, ein Rohstoffdieb im großen Stil, ein Ausbeuter seines Volkes.“ – Aber kein „Regimekritiker“.

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In einem Spiegelinterview „gönnt er sich eine kleine Verschnaufpause in Sachen Ehrlichkeit. Zögert, nimmt einen Schluck Mineralwasser. ‚Waren wir deshalb Räuberbarone? Vielleicht. In dem Sinne, wie die großen amerikanischen Firmengründer Ende des 19. Jahrhunderts Robber Barons waren‘.“

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Nachdem er nun eine gehörige Strafe dafür abgesessen und der „Alte Fuchs“ Genscher seine Amnestie erwirkt hat, wird er mit seiner postsowjetischen Agenda bestimmt zum Liebling der Freien Welt. Vielleicht so, wie der DDR-Schauspieler Manfred Krug nach seiner „Übersiedlung“ in den Westteil Berlins zum „Liebling Kreuzberg“ wurde.

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Der/Die/Das Unbedingte

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„Unbedingt“ ist die Autorität der Bibel – für Fundamentalisten, unbedingt hat die Treue der Nazis zum Führer zu sein, ebenso die Kampf- und Sterbebereitschaft der Islamisten, generell wird gerne auf die „unbedingte Bereitschaft“ bestanden, für seine Überzeugungen einzustehen. Alexander Solschenizyn war so ein „Unbedingter“, ein „Unbeugsamer“ nennt ihn sein deutscher Verlag, der das auch von anderen (Dissidenten) verlangte. Ihm am Nächsten kam dabei Andrej Sacharow.

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Den Autor des „Archipel GULag“ würde der Philosoph Michel Foucault als einen „universellen Intellektuellen“ bezeichnen, dessen Ursprünge er bei Voltaire ansetzte und der vor allem von gebildeten Juristen verkörpert wurde, Sacharow dagegen als einen „spezifischen Intellektuellen“, der in seiner besonderen Stellung zur Macht, durch seine berufliche Tätigkeit selbst zum moralischen Widerstand gelangt. Zum älteren Typus zählte Foucault auch noch Sartre, dessen Kriminalisierung De Gaulle einmal verhinderte mit der Bemerkung: „Einen Voltaire verhaftet man nicht!“ Sartre empfahl übrigens seiner Intelligenz einmal, die Existenz sowjetischer Arbeitslager zu verschweigen: um die französischen Arbeiter nicht völlig hoffnungslos zu machen. Erst Foucault änderte dann angeblich Sartres Haltung zum „GULag“. Bei den Amis zählte Foucault Noam Chomsky zu den „universellen Intellektuellen“, der jedoch in seinem spezifischen Intellektuellenberuf – als Linguist – ein Harvard-Reaktionär ist. Fast umgekehrt ist es nun bei Edward Snowden. Das Scharnier zwischen beiden Intellektuellentypen war für Foucault der Atomphysiker Robert Oppenheimer. Während Sacharow am „Internationalismus“ festhielt, entwickelte sich Solschenizyn mehr und mehr zu einem russischen Nationalisten.

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Der „Patriot“ Solschenizyn erklärt sich das selbst damit, dass Sacharow „von den Höhen“ kam, er dagegen „von ganz tief unten“: Sacharow „fühlt keinen russischen Schmerz,“ er ist „der letzte Dolchstoß einer ‚Befreiungsdoktrin aus dem 19.Jhd…Uns trennt – Russland“. Zudem lehnte er das „System nicht im Gesamten ab, ich aber griff die leninistische Ideologie von der Wurzel her an.“ Sacharow forderte die Abschaffung der Führungsrolle der KPdSU und stattdessen: „Alle Macht den Sowjets!“ Im übrigen wollte er den sowjetischen Kommunismus und alle westlichen Nationalmächte mit einer „wissenschaftlichen und demokratischen Weltregierung“ überwinden. Auch Solschenizyn verwendete – in einem „Brief an die sowjetische Führung“ – das Wort „Räte“ (Sowjets) – als den „einzig damals akzeptablen Begriff, um die Notwendigkeit der Selbstverwaltung durch das Volk zum Ausdruck zu bringen.“

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Schon als Solschenizyn im Westen als „Regimekritiker“ bekannt wurde, Anfang der Siebzigerjahre, taten wir ihn als von den Rechten, von der CIA bis zur Springerstiefelpresse vereinnahmt, ab. Seine Bücher lasen wir nicht! Dabei waren sie großartig – beginnend mit „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ bis zu den 10 Bänden „Das Rote Rad“, von denen er nur vier veröffentlichte.

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Über seine sowjetischen Jahre des literarischen Kampfes gegen den Kommunismus veröffentlichte er kurz nach seiner Verbannung in den Westen 1974 eine erste Autobiographie „Die Eiche und das Kalb“ – mit dem Untertitel: „Skizzen aus dem literarischen Leben“. Zunächst fand er im Haus von Heinrich Böll bei Köln Unterkunft. – umlagert von zig aufdringlichen West-Journalisten: „Sie sind schlimmer als der KGB,“ schimpfte er, gleichwohl muß er sich eingestehen, dass sie ihm zuvor „Weltgeltung verschafft“ hatten. Von der BRD aus suchte Solschenizyn einen ruhigen Exilort zum Arbeiten – zunächst in Norwegen, wohin vor ihm auch schon Trotzki, allerdings vor den „Stalinisten“, geflohen war. Solschenizyn empfand allerdings aus ganz anderen Gründen als Trotzki „eine große Sympathie für Norwegen: ein verschneites Land im Norden, lange Nächte, viel Ofenwärme, viel Holz im Alltagsleben, auch beim Geschirr.“ Mit der Fahrt dorthin fängt seine zweite Autobiographie „Zwischen zwei Mühlsteinen“ an. In Oslo sah er die Verfilmung seines noch in der Sowjetunion veröffentlichten Romans über das Arbeitslager von Ekibastus in Kasachstan: „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“: „Der Film sollte möglichst nah an der Vorlage bleiben. Allerdings war das Einzige, was man wiederzugeben vermocht hatte, die Kälte, die Kälte und vielleicht andeutungsweise die Ausweglosigkeit.“

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Solschenizyn und seine Frau bezogen schließlich Quartier in der Schweiz. Mit Hilfe des Axel Springer Verlags gründete er mit Andrej Sinjawski, ebenfalls ein sowjetischer Dissident im Exil, die Zeitschrift „Kontinent“. Sie hätten, kritisierte Günter Grass in der „Frankfurter Rundschau“, damit Partei für eine politische Gruppierung ergriffen, die „keinen Anstoß genommen hat an rechten, halbfaschistischen Systemen und Diktaturen“. In Zürich setzte sich Solschenizyn auf die Spuren Lenins. Heraus kam dabei 1975 sein schwächstes Buch „Lenin in Zürich“.

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Die ersten Monate im Westen lebte ich durcheinander, verworren und nervös, und überall machte ich Fehler, taktische wie geschäftliche.“ Letztere nahmen in den darauffolgenden Jahre noch enorm zu, weil immer mehr Verlagsleute, Exilanten, Slawisten und Journalisten von seinen Weltauflagen profitieren wollten: „Gewinnsucht und Gier…Überall nur Profitsucht, Berechnung…Wie Heuschrecken.“ Und dann, dass man im Westen für alles und jedes Verträge und Anwälte brauchte (in der Sowjetunion hatte noch das Wort gegolten)…Seiner Stiftung „Russischer Gesellschaftlicher Fond“ zur Unterstützung von Lagerhäftlingen und Dissidenten in der UDSSR, die er in der Schweiz mit dem Honorar seines Weltbestsellers „Der Archipel GULag“ gegründet hatte, gingen darüber „mehrere Millionen Dollar“ verloren.

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Weil es ihm in der Stadt Zürich zu laut und lebhaft war, zog er sich zum Schreiben aufs Land in das Haus eines Freundes zurück: „Mit ihrem klugen Rhythmus festigte die bäuerliche Arbeit meiner guten Nachbarn meinen Seelenfrieden…“ Wegen seines Nobelpreises für Literatur, den er 1970 nicht in Empfang nehmen konnte, weil er befürchtete, nicht wieder zurück in die Sowjetunion zu können, reiste er nun nach Stockholm, um sich mit einer Rede zu bedanken. Unterwegs erinnerte er sich an sein Vorbild Leo Tolstoi, mit dem ihn später auch Marcel Reich-Ranicki verglich. Tolstoi hatte allerdings den Preis seinerzeit – ebenso wie 1964 auch Jean-Paul Sartre – abgelehnt, mit den Worten: „Irgendein Kerosinhändler namens Nobel bietet mir einen literarischen Preis an.“ Für Solschenizyn war die Auszeichnung jedoch „die Federung meines Mechanismus für die Überwindung der Sowjetmacht.“

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Statt für Norwegen entschieden Solschenizyn und seine Frau Alja sich für Kanada, wo viele Emigranten aus Russland und der Ukraine lebten. Sie flogen nach Montreal und von da aus mit dem PKW und einem Architekten durch Ontario auf der Suche nach einem Haus oder Grundstück: „Kanada zeigte überhaupt keine Ähnlichkeit mit Russland.“ Dafür unterschied sich das Land, „was die riesigen, gut gefütterten, stumpfsinnigen Hippies betraf, nicht von der restlichen zivilisierten Welt.“ Kanada kam also für sie nicht in Frage. Weiter ging es mit dem Zug nach Alaska. Unterwegs entdeckte er: „Man hat jeglichen Respekt vor der Eisenbahn verloren.“ Alaska besaß noch viel „vom russischen Charakter“ – vor allem „in Gebieten mit einer dichten russischen Besiedlung.“ Sie besuchten dort orthodoxe Kirchen, Priester und geistliche Akademien. Sich dort niederlassen wollte das Ehepaar jedoch nicht.

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Sie reisten weiter nach Kalifornien, wo Solschenizyn „einen Blick“ in die Archivsammlungen der reaktionären „Hoover Institution“ werfen wollte. Von da aus ging es mit dem Zug an die Ostküste. Dabei dachte er sich aus, dass er sich so ähnlich auch Russland wieder nähern wollte, über den Pazifik und Wladiwostok – wenn es denn endlich so weit wäre: „Es werden viele sein, wenn es um die Aufteilung des [sowjetischen] Erbes gehen wird, doch das will erst einmal erobert werden,“ meinte er zu Vertretern des Allukrainischen Kongresses, wobei „die ukrainische Frage für unsere Zukunft eine der gefährlichsten ist.“…“Aber mit den Kommunisten ist es nicht viel anders als mit dem Banditenmilieu im Lager und im Gefängnis: Zeigst du Härte, gibts nicht nach – werden sie selbst zurückweichen. Vor der Härte haben sie Respekt.“ Unterwegs hielt er Reden – vor 2000 Leuten, vor 20.000. U.a. in Washington und in Harvard (dort hieß seine vielbeachtete Rede „Die zerbrochene Welt“), dann vor Gewerkschaftern usw. – er „sammelte Wut“, z.T. auch wegen des feigen Rückzugs der Amerikaner aus Vietnam 1975: „Kapitulanten“, das Land fiel nun den verdammten Kommunisten in den Schoß. Zudem ärgerte ihn, wo immer er hinkam, die ständige Überbetonung der Menschenrechte, weil „dadurch die Rechte der Gesellschaft unterdrückt werden und sie die Gesellschaft selbst zerstören.“

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Während bei all diesen Aktivitäten die Zahl seiner neuen Gegner wuchs, rührten sich auch wieder die alten – es gab keine „Feuerpause“: Der KGB veröffentlichte mit Hilfe eines tschechischen Tschekisten, Tomas Rezac, eine „bösartige Pseudobiographie“ von ihm mit dem Titel „Spirale des Verrats“, fälschte außerdem seine Unterschrift und Handschrift. Die rechte westdeutsche „National-Zeitung“ druckte ein „fingiertes Interview“ mit ihm ab. Die eher linksliberale „Le Monde“ behauptete, er würde anläßlich des zweijährigen Bestehens des Pinochet-Regimes nach Chile fahren. Die sowjetische Nachrichtenagentur „Nowosti“ veröffentlichte eine Stellungnahme gegen den „Archipel GULag“ des berühmten Menschewiki und langjährigen Lagerhäftlings M.P. Jakubowitsch, der 88jährig in Karaganda lebte, diese wiederholte er dann „in einem eigens gedrehten Fernsehfilm“ noch einmal, woraufhin einige sowjetische Dissidenten Solschenizyn aufforderten, die Jakubowitsch betreffenden Seiten in seinem Buch zu ändern. Die Nachrichtenagentur verteilte außerdem „kostenlos zwei Sammelbände mit Verleumdungen“ gegen Solschenizyn. Und seine erste Frau Natalja Reschetowskaja veröffentlichte mit Hilfe des KGB ein wenig schmeichelhaftes Buch über ihn: „Lieber Alexander – Mein Leben mit Solschenizyn“, aus dem dann ein zweites – als „offizielle sowjetische Ausgabe“ – folgte. Der „Archipel GULag“ wird darin als ausgeschmückte „Sammlung von Lagerfolklore“ abgetan. Sein ehemaliger Schulfreund Kirill Simonjan wies mit Hilfe von Tschekisten und Tomas Rezac in einer Broschüre lückenlos nach, wie Solschenizyn erst zum Verräter seiner Freunde, dann der Heimat und schließlich der ganzen Menschheit wurde – „Als Künstler hat er nichts zu sagen.“ Sein Mithäftling im Forschungslager Lew Kopelew kritisiert ihn. Ebenso der von Solschenizyn verehrte Sacharow. Ein ehemaliger Freund und Lagerhäftling, Witkewitsch, versicherte der Öffentlichkeit: „In dem Buch [Archipel GULag] ist alles verzerrt und in pervertierte Form dargestellt“. Eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe des KGB kam sodann zu einem ähnlichen Ergebnis – wobei sie hinzufügte, „dass ich angeblich bei ‚ihnen selbst‘ als Spitzel gedient hätte.“ Sie gaben damit zu, dass „mit ihrem Regime zu kollaborieren in den Augen der Menschen doch eine große Schande darstellt.“

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Eine andere „Arbeitsgruppe“ des KGB, um W.S. Rogatschow und Wladimir Gussew, hatte bereits 1971 versucht, Solschenizyn umzubringen. In der DDR verfasste der Bestsellerautor Harry Thürk über Solschenizyn schließlich einen ganzen Roman: „Der Gaukler“, in dem er laut „Die Zeit“ schilderte, „wie die CIA einen durchgeknallten drittklassigen russischen Schreiberling zum Dissidenten aufbaute.“ Kurz bevor „Die Eiche und das Kalb“ auf Deutsch erschien, ging auch noch der „ominöse ’stern’“ des Henri Nannen gerichtlich gegen das Werk vor. Solschenizyn mußte reagieren: „Bei juristischen Anstrengungen bekam ich ein physisches Gefühl der Anstrengung im oberen Teil der Brust, als ob jemand mit den Händen nach mir griffe…Es geschah, weil der Angriff auf die Seele überging. Ein Kampf unter ihrem Niveau, daher für sie erniedrigend…Im Osten hatte ich mir eine viel größere ‚Redefreiheit‘ erkämpft.“

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In New York schaute er sich kurz das „Bakhmeteff-Archiv“ in der Columbia Universität an und traf sich mit einem Teilnehmer des russischen Bürgerkriegs. Mit den Auftritten, Reden und Treffen mit Prominenten „schaffte ich es offenbar, eine Art Umkehr, wenn auch keine besonders dauerhafte und tiefe, im amerikanischen Bewußtsein zu erreichen oder seinen weiteren Fall zumindest zu stoppen,“ meint er, weil die Rechten in den USA langsam wieder Oberwasser bekamen. Desungeachtet bezeichnete ein Mitarbeiter des „Entspannungspolitikers“ Kissinger ihn als „fast einen Faschisten“.

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Nach einem erneuten „Ausflug nach Kanada“ verfestigte sich sein Eindruck: „Wie viel sauberer, fest gefügter die USA doch sind!“ Solschenizyn und Alja beschlossen daraufhin, sich im US-Bundesstaat Vermont nieder zu lassen, wo sie ein Grundstück erwarben und ein Haus bauen ließen. Neuer Ärger: „Freie amerikanische Arbeiter verhielten sich wie die letzten unter unseren letzten Gefangenen bei der Lagerarbeit: Sie verspäteten sich, fingen nicht gleich an, zogen hin und her, setzten sich hin zum Kaffeetrinken (das allerdings mußten unsere Lagerinsassen entbehren), manche pfuschten, und wenn man das Angerichtete verbessern mußte, hatten wir noch einmal zu blechen.“ Als Solschenizyn, Alja und ihre vier Kinder das einsam gelegene Anwesen bezogen, fiel wieder die internationale Presse über sie her, „diese miese geschwätzige Presse“, dazu noch die in den USA lebende Stalin-Tochter Allilujewa: die Alarmanlage, der Stacheldrahtzaun, die Überdachung eines Weges zwischen dem Wohn- und dem Arbeitshaus, die Anschaffung einiger Gewehre und Pistolen – alles wurde zum Gegenstand der Berichterstattung. Er habe sich fast einen Bunker gebaut, einen neuen GULag geschaffen…

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Solschenizyn konstatiert: „Es wurde immer deutlicher, dass der politische Westen, wie derjenige der Zeitungswelt und freilich jener des Kommerz, entweder gar keiner oder aber ein allzu gefährlicher Verbündeter für die künftige Umgestaltung Russlands sein würde…In Wirklichkeit war ich dem allmächtigen westlichen politisch-intellektuellen Establishment genauso wenig genehm wie der sowjetischen Regierung oder der lumpigen sowjetischen so genannten Bildungsschicht.“

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Kam noch hinzu: „Wie achtsam ich im Osten zu Recht gewesen war, so blind schien ich mir im Westen.“ Wieder gab es Ärger mit den Honoraren aus dem „Archipel GULag“ – diesmal in der Schweiz mit der dortigen Finanzbehörde, was ebenfalls sofort – verzerrt und in großer Aufmachung – veröffentlicht wurde: „Hervorragend, einfach phantastisch mahlten der östliche und der westliche Mühlstein gemeinsam.“

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Solschenizyn mußte sich zudem eingestehen, dass er nicht nur die Bedeutung des Samisdat sondern auch die Dissidentenbewegung in der Sowjetunion überschätzt hatte: „Ich neigte übermäßig dazu, sie als den Hauptstrom der russischen gesellschaftlichen und geistigen Tätigkeit aufzufassen, doch sie stellte sich als ein oberflächliches Rinnsal heraus, das abseits führte und von dem verborgenen Leben des Landes abgesondert war…Unser Scheideweg deutete sich nach dem Erscheinen des [von ihm herausgegebenen] Sammelbandes ‚Stimmen aus dem Untergrund‘ und Sinjawskijs Essay ‚Russland – Hundsmutter‘ an. Sie hielten den 20. Parteitag der KPDSU [auf dem Chruschtschow seine Geheimrede über die Verbrechen Stalins hielt] für ihren Wegweiser, sie waren kaum empfänglich für die Nöte des russischen Dorfes, noch weniger für die Verfolgung des orthodoxen Glaubens…Mit der Möglichkeit zur Ausreise zeigte sich, dass sie von den existentiellen Problemen der Nation nicht erfasst war und sich wie Schaum auflöste.“ Der Dissident Andrej Amalrik begründete seine Ausreise so: „Das Emigrieren ist ein taktischer Schritt im Kampf um die Veränderung des Landes.“ Solschenizyn nahm insbesondere den Juden, die als erste ausreisen durften, den Gang ins Exil übel, zumal wenn sie nicht nach Israel gingen, sondern in Europa blieben.

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Aber jetzt immerhin – im neuen Haus, mit seinem alten Schreibtisch aus St.Petersburg noch – konnte es losgehen: „im Hafen angelangt wagten Alja und ich die Herausgabe meiner Gesammelten Werke in 20 Bänden.“

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Dort in seinem Landhaus nahe der kanadischen Grenze entstand während seiner 18 Exiljahre noch ein weiteres Werk, das erst nach Solschenizyns triumphalistische Rückkehr – von Wladiwostok aus – in die nicht mehr existierende Sowjetunion, veröffentlicht und aktualisiert wurde: „Meine amerikanischen Jahre“. In ihm geht es ebenfalls um seinen Kampf für sein Werk – um veröffentlichte Gedanken, die im Westen von böswilligen Journalisten, spitzfindigen Juristen, tumben Sowjetologen und querulatorischen Emigranten verdreht, verkürzt oder zweckentfremdet wurden. Mit diesen neuen „Feinden – klein, aber zahlreich“ hatte er „keine Erfahrung“.

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Er hofft, dass man sein Drehbuch über den Aufstand der Gefangenen im Straflager von Kengir endlich verfilmt, aber die Produzenten in Hollywood verlangen als Hauptakteure ein Liebespaar. Er zieht das Drehbuch zurück – „sein reinigender Geist“ wäre daraus verschwunden (1989 will Andrzej Wajda es verfilmen, aber es bleibt bei einer Willenserklärung.) Von den lebenden sowjetischen Schriftstellern mag Solschenizyn nur die Dorfprosaisten (Schuckschin, Below usw.). Wenn er „unter Bauern“ ist kommt er sich vor wie Tolstoi. Auch das ist 19. Jahrhundert-Ideologie.Im Gegensatz zu den damaligen russischen Populisten meinte er jedoch, dass man „gerade bei den führenden Kreisen Bewusstseinsbildung betreiben muß“.

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Der „Antimodernist“ verehrte die neoliberale Margret Thatcher, er küßte ihr die Hand: „Selten wird es eine geben, die dessen würdiger ist.“ Auch mit Präsident Reagan, der „gerade erst Grenada von den Kommunisten befreite,“ war er sehr einverstanden. Als Reagan ihn und einige andere sowjetische „Dissidenten“ ins Weiße Haus einlädt, schreibt er ihm jedoch zurück: „Ich verfüge über keine Lebenszeit für symbolische Begegnungen“. Die Öffentlichkeit verstand das wieder mal nicht: „Merkwürdig, wenn sie doch für die Menschenrechte eintraten, wieso ärgerten sie sich dermaßen, als ich eines der kleinsten Menschenrechte wahrnahm – einer Einladung zum Lunch nicht Folge zu leisten.“

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Eine Rede in Südkorea sagt er ab, weil sie u.a. auch gegen vermeintlich kommunistische Ziele von Studenten gerichtet sein soll: „Und?! Sollte ich vielleicht die Studenten ermahnen, nicht zu rebellieren, sondern vor dem Militärregime zu kuschen? Noch einmal als ‚Reaktionär‘ dastehen?“

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Dennoch sieht er sich als die Nummer 1 unter den antikommunistischen Mahnern und Warnern. Und so sehen das auch die reaktionären westlichen Politiker, Unternehmer und Publizisten. Als er Taiwan touristisch bereist, besteht seine Ausflugskolonne aus 40 Regierungsfahrzeugen. Das mühsame „Ziel des irdischen Lebens besteht darin, es auf einer höheren sittlichen Stufe abzuschließen, als man es begonnen hat.“ Wir dürfen „den Glauben an das Höher“ nicht verlieren. Erst „im Jenseits sind Überlichtgeschwindigkeiten möglich.“ Hienieden hat er es sich dagegen abgewöhnt, „das hohe Tempo der Kommunikation am Telefon“ in sein Leben „einzulassen“.

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Nach einem Treffen mit Prinz Charles und Lady Di zieht er „eine Parallele zwischen dem einsamen Ausharren der Windsors auf fast aussichtslosem Posten und dem unseren [das elende Exil in Vermont].“ Desungeachtet drängte er den gleichgesinnten Prinzen „in geistigen Belangen eine richtungsweisende Rolle [zu] übernehmen. (Dem stimmte er zu.)“

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Für den BBC-Auslandssender soll Solschenizyn „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ auf Russisch lesen. „Als ich den Text vortrug, spürte ich eine unterstützende Kraft, die außerhalb der Zeit lag.“ Diese bestand darin, „ein Glied in der langen Kette der unzerstörbaren russischen Tradition zu sein.“

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Mit seiner „Unverwüstlichkeit“ hofft er, noch zu Lebzeiten in ein vom Sowjetismus befreites Russland zurückzukehren. Als es so weit ist, schimpft er über die Abtretung einiger Aleuten-Inseln an die USA, vier Inseln der Kurilen will er jedoch den Japanern wiedergeben – weil sie „nie russisch waren“. Auch Kasachstans Selbständigkeit nimmt er hin, nicht jedoch die der Ukraine und dass die Krim zu ihrem Territorium gezählt wurde: „Diese sogenannte ‚ukrainische Frage‘ wird uns einmal große Tränen bringen!“ prophezeite er. In seiner nach dem Tod Sacharows eilig verfaßten Schrift „Russlands Weg aus der Krise“ beunruhigten ihn insbesondere die „ukrainischen Nationalisten“ aus Galizien, die „aktiv die ganze Stimmung in der Ukraine aufwiegelten“. Im übrigen votierte er für die Auflösung der Sowjetunion und eine „kleinräumliche Demokratie auf der Basis lokaler Selbstverwaltung“, weil die „parlamentarische Form dazu verurteilt ist, vom Großkapital bestimmt zu werden.“

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Gorbatschow war sich mit den „Solschenizyn-Fachleuten“ im Westen einig: Das waren insgesamt Ideen eines „patriachalischen Populisten mit einer slawophilen Leidenschaft für kollektive Einmütigkeit.“ Solschenizyn kamen die Vorgänge in seiner Heimat wie „eine Art Parodie auf die Geschehnisse des Februar 1917“ vor, insofern es den jetzigen Akteuren auf den Rednertribünen an „Bedeutung, Bildung und Anstand“ fehlte. Auch machte es ihn fassungslos, dass sie das Programm der „Harvard-Gruppe“ und des Internationalen Währungsfonds“ akzeptierten.

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Neujahr 1989 sagte er zu seiner (22 Jahre jüngeren) Frau: „Ach, meine liebe Gefährtin. Unser Leben war nicht einfach, aber noch komplizierter wird es zum Schluß hin.“ Neujahr 1990 feierten die beiden jedoch in Vermont schon „mit großen Hoffnungen“, während sich in Moskau „eine düstere und verzweifelte Weltuntergangsstimmung zusammenballte“. Das war zwar „in der Provinz“ – von wo aus für ihn die „Erneuerung Russlands“ kommen mußte, ganz anders, aber „wer hätte damals vorhergesehen, dass die befreienden Reformen, nach denen man bei uns so dürstete, eine noch grandiosere Zerstörung und Ausplünderung Russlands herbeiführen würden?“

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Ein kriegerisches Instrument

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Mit der ständigen Handytelefoniererei trat der „Communication War“ ab 1995 in eine neue Phase. Seit dem Abhören aller Telefongespräche durch die Geheimdienste bekam dieser „Krieg“ nun eine zusätzliche Dimension. Bereits 1969 prophezeite Marshall McLuhan: „Der 3. Weltkrieg wird ein Guerilla-Informationskrieg sein, in dem es keine Unterscheidung zwischen Militär und Zivilisten mehr gibt.“

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Hier ein kleiner Rückblick auf die vergangenen Schlachten: Während seines Exils im US-Bundesstaat Vermont hatte der sowjetische „Regimekritiker“ Alexander Solschenizyn es sich abgewöhnt, „das hohe Tempo der Kommunikation am Telefon“ in sein „Leben einzulassen“, wie er in „Meine amerikanischen Jahre“ schrieb. „Ich pflegte dem Telefon nicht zu huldigen, Jahre können vergehen, ohne dass ich einmal zum Hörer greife.“ Dabei „kamen ständig Anrufe“ für ihn – „unsere Telefonnummer schien in immer weiteren Kreisen bekannt zu werden,“ aber seine Frau Alja nahm sie alle entgegen. Solschenizyn war 1945 für acht Jahre in einem kleinen Moskauer Arbeitslager, in der „Scharaschka ‚Institut Mawrino'“, interniert worden, wo er zusammen mit zwei anderen Häftlingen an einem abhörsicheren Telefon für Stalin arbeitete. Alle drei veröffentlichten dann im Exil darüber Erinnerungen: Der Mathematiker Solschenizyn in seinem Buch: „Der erste Kreis der Hölle“, der Sprachwissenschaftler Lew Kopelew in: „Aufbewahren für alle Zeiten“ und der Ingenieur Dimitrij Panin in: „Notebooks of Sologdin“. Solschenizyn fügte in seinem Exil-Bericht noch hinzu, dass er gegenüber den „KGB-Dämchen“ immer wieder über die „hochangesehenen geheimen Telefonsysteme“ gelästert habe – und „dafür in ein stinknormales Arbeitslager gesteckt“ wurde.

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1986 bekam der nach Gorkij verbannte „Dissident“ Andrej Sacharow plötzlich einen „Telefonanschluß“ – und Gorbatschow rief ihn an: „Nun, wie steht’s, Andrej Dmitritsch, wäre es nicht an der Zeit, zur Arbeit zurückzukehren?“

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Leo Trotzki hat das Telefon als ein „kriegerisches Instrument“ bezeichnet, das er allerdings erst 1916 kennenlernte – als er und seine Familie aus ihrem französischen Exil ausgewiesen wurden – und in New York landeten, wo sie „in einer Arbeitergegend eine billige Wohnung fanden, die jedoch überraschenderweise mit einem Telefon ausgestattet war“.

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Für Trotzkis zwei Söhne wurde das Telefonieren in New York „eine Weile zum Mittelpunkt ihres Lebens: Dieses kriegerische Instrument hatten wir weder in Wien noch in Paris gehabt.“ Aber dann spielte der Apparat für Trotzki erst wieder im darauffolgenden Jahr in St.Petersburg – während der Machtübernahme der Bolschewiki – eine, zunehmend wichtiger werdende, Rolle.

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Seine erste Bemerkung über dieses „kriegerische Instrument“ betraf jedoch zunächst einmal dessen Nichtfunktionieren (den „Punkt Null“ – mit Roland Barthes zu sprechen). „Auf dem Telefonamt entstanden am 24.10. Schwierigkeiten, dort hatten sich die Fahnenjunker festgesetzt, und unter ihrer Deckung waren die Telefonistinnen in Opposition zum Sowjet getreten. Sie hörten überhaupt auf, uns zu verbinden.“ Das Revolutionskomitee, deren Vorsitzender Trotzki war, schickte eine Abteilung Soldaten mit zwei Geschützen hin, dann „arbeiteten die Telefone wieder. So begann die Eroberung der Verwaltungsorgane.“ (Der vollständige Text über „Trotzki und das Telefon“ findet sich unter: www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/E1_2006_Hoege.pd.

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2010 veröffentlichte die bulgarische Philologin Irina Lazarova eine literaturwissenschaftliche Studie unter dem Titel: „Hier spricht Lenin. Das Telefon in der russischen Literatur der 1920er und 30er Jahre“.

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Und kürzlich erschien in der Zeitschrift „Lettre“ ein Text über die Bolschewiki und ihr kriegerisches Instrument Telefon. Dazu hieß es in der Vorankündigung: „‚Stalin am Apparat: Macht und Mythologie des Telefonsystems in der Sowjetunion‘ erforscht Lars Kleberg. Welche Rolle spielte das Telefon in jener Epoche? Wem stand es zu, wer besaß es, wie wurde es benutzt? Grundsätzlich ein allen zugängliches, horizontales Kommunikationsinstrument, wurde es jedoch von ‚vertikalen Kräften‘ kontrolliert. Es brachte den Modernisierungsgrad zum Ausdruck und repräsentierte Status und Macht. Telefonanrufe, das konnten Geschenke sein, Gesten der Gnade, Akte der Willkür oder der Bedrohung. Majakowski, Bulgakow oder Pilnjak, Solschenizyn, Grossman oder Tarkowski – auch im Leben ihrer literarischen Protagonisten spielte das Telefon eine schicksalhafte Rolle. Ein Dichter: ‚Stalin, das war Dschingis Khan mit Telefon‘.“ Dieser letzte Satz ist zwar prägnant – aber dumm. Wahr ist jedoch, dass der mongolische Herrscher Sibirien und Russland mit einem „Postsystem“ beglückte.

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Trotsky

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Aushilfshausmeister sein

 

Heute werden einem selbst die freiwilligen Handlungen aufgezwungen, und so kam es, dass ich Aushilfshausmeister wurde. Dieser „Weg nach unten“ war aber vorgezeichnet – nachdem ich mich schon als Aushilfserzieher, Aushilfsvater, Aushilfsredakteur, Aushilfstierpfleger und Aushilfsknecht versucht hatte.

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Der Job eröffnete eine neue Sichtweise auf die „Hardware“: das Gebäude und seine Funktionen – Bedingung der Möglichkeit, die taz zu produzieren. Kommt hinzu, dass ich dabei mit quasi-neuen Leuten zu tun hatte: mit allen Nicht-Redakteuren. Diese „Wetware“ erwies sich als das „Gerüst“ der Genossenschaft. Zum Teil waren noch „die alten Kollektiv-Werte“ der Gründerzeit vertreten, von denen nicht der geringste die Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit war. Damals hatte Joschka Fischer gerade eine Harvard-Studie darüber – aus der chinesischen Kulturrevolution – übersetzt.

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Als man mir die Hausmeistervertretung antrug, verbunden mit einer Kolumne, dann mit einem blog, dachte man, ich würde nun von ganz unten (im Keller – aus der Reparaturwerkstatt sozusagen) einen selbstbewußten Handarbeiterblick auf die Kopfarbeiter da oben werfen. Ihnen hätte ich dann aber nicht mehr länger als Autor – mit meinen Texten – kommen dürfen. Journalisten, die täglich andere Leute angehen, mögen es gar nicht, wenn sie selbst „thematisiert“ werden. Als erstes kaufte ich mehrere Saugglocken für die Toiletten – eine war gerade verstopft. Der Tag beginnt in aller Frühe mit dem Verteilen der Post in die Fächer der Abteilungen. Das meiste ist Werbung – vor allem für Kunst-, Kultur- und Öko-Events. Wenn nur taz auf dem Umschlag steht, muß er geöffnet werden. Dabei stellte ich fest – bei den vielen Rechnungen, oft mit fetten Summen, dass die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit weiter fortschreitet – nicht zuletzt durch Outsourcen von Dienstleistungen.

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Alle konzentrieren sich bloß noch auf ihre Arbeitsplatzbeschreibung bzw. ihren Werdegang – und lassen selbst eine die „Atmo“ verbessernde Topfpflanze in ihrer Nähe verdorren. Deswegen gehört das Blumengießen inzwischen auch zu den Pflichten des Aushilfshausmeisters: im Haus, am Haus und auf dem Dachgarten. Dass man den Aushilfshausmeister mittlerweile „Deputy Facility Manager“ nennt, macht insofern Sinn, als er das meiste inzwischen – wie Trotzki – übers Telefon „erledigt“ – bis hin zum Hin- und Hertragenlassen irgendwelcher Büromöbel. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich der Blick von der „Belegschaft“ weg zu ihrer immer üppiger werdenden „Umwelt“ wendet – professionalisiert quasi. Das ist, auch weil diese immer technischer wird, nicht uninteressant. Und da jede Ansage (Dasunddas ist kaputt!) einem Befehl zur möglichst schnellen Behebung gleichkommt (obwohl die tazler durchaus geduldig sind – wenn es nicht gerade um das Warten auf Essen im Kantinen-Café geht), entwickelt man bei dieser Arbeit leicht ein „Controller“-Bewußtsein. Nicht umsonst gilt der Hausmeister in Deutschland und Österreich als Blockwart und in Russland gar als Spitzel. „War er für die einen nur der verlängerte Arm des Hausherrn, der seine Nase in alle Angelegenheiten der Mieter steckte und dessen Anordnungen man unwidersprochen Folge zu leisten hatte, stellte er für andere die ‚goldene Seele‘ des Hauses dar, an die man sich bei Problemen stets wenden konnte,“ heißt es in den „Wiener Geschichtsblättern“. Das ist fast vorbei, nun werden auch sie sukzessive als „Dienstleister“ outgesourct und kehren als „Aufsichts- und Reinigungspersonal“ – entmachtet – zurück. Man sieht sie kaum noch: Wenn „die Anderen“ morgens kommen, sind sie schon wieder verschwunden.

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In der taz bekommt man als Aushilfshausmeister noch warme Worte, wenn man etwas erledigt oder repariert hat. Im Ostblock waren alle Aushilfshausmeister- und -heizerstellen mit Regimekritikern, „Dissidenten“, besetzt. Deswegen hatte diese Position etwas Hochanständiges. Zudem befand sich der Arbeitsplatz dieser Leute meist im Keller (wo auch in der taz die Hausmeisterwerkstatt und die Heizzentrale angesiedelt ist).

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Im Sozialismus war die Tätigkeit dadurch von vornherein und theoretisch wie praktisch im Untergrund angesiedelt. Das hat sich nun geändert: Wenn meine Freundin gefragt wird: „Na, bist du noch mit deinem Toparchitekten zusammen?“ und sie „Nein, mit einem Aushilfshausmeister!“ antwortet, dann erntet sie ein mitleidiges Lächeln.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2014/02/13/erinnerungslucken-auffullen/

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