vonHelmut Höge 26.02.2014

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

Indische Baumwollpflückerinnen

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Die Umwandlung der „Gesellschaften“ in „Menschenstaub“:

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Russische Bauern

 

Wiewohl man gemeinhin die Herausbildung der Intelligenz als “klagende Klasse” mit Emile Zola anheben läßt, erreichte sie etwa zur gleichen Zeit im “rückständigen Rußland”, wo sie am konsequentesten die Partei der “Erniedrigten und Beleidigten” (Dostojewski) ergriff, ihre stärkste moralische Kraft. Nirgendwo sonst auch wurde sie derart verfolgt, wobei – beginnend mit den Dekabristen – Zigtausende nach Sibirien verbannt wurden, emigrierten oder starben. Allein mit den Grabsteinen der “dahingeopferten” revolutionären Jüdinnen hätte man den langen Weg von Paris nach St. Petersburg säumen können, meinte die marxistische Frauenforscherin Fannina W. Halle 1932. Was sich trotzdem aus diesem Typus in Rußland an Studentenprotest, Frauenbewegung, Kommunen und Terrorismus entwickelte, nahm die westeuropäische 68er-Bewegung und ihren weiteren Verlauf – 100 Jahre vorher bereits – vorweg.

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Aus dem Kreis der berühmten “Männer und Frauen der Sechzigerjahre” die “ins Volk” gegangen  waren, um vor allem auf dem Land die Bauern zu agitieren, bildete sich die Redaktionsgruppe der illegalen Zeitung “Zemlja i Volja” (Land und Freiheit), in der zunächst noch die unterschiedlichsten revolutionären Ideen koexistierten. Auf einem Treffen in Woronesh kam es 1879 jedoch zu einer Spaltung: Während die einen, um Nikolai Alexandrowitsch Morosow, für den politischen Mord votierten, lehnten die anderen, um Georgi Plechanow und Vera Sassulitsch, Attentate strikt ab. Obgleich letztere 1878 selbst ein kühnes Attentat verübt hatte, indem sie den Stadtkommandanten von St. Petersburg niederschoß, weil der einen ihrer Genossen im Untersuchungsgefängnis wegen mangelnder Ehrerbietigkeit  ihm gegenüber auspeitschen ließ – ungeachtet der Gerichtsreform von 1863, mit der Körperstrafen weitgehend verboten worden waren. In einem aufsehenerregenden Gerichtsprozeß (dessen Plädoyers Dostojewski später in seinen Roman “Die Brüder Karamasow” einarbeitete) wurde Vera Sassulitsch freigesprochen. Das Urteil hob man zwar wenig später wieder auf, aber ihr gelang rechtzeitig die Flucht ins Ausland. Die Tat und der Freispruch machten sie in ganz Europa berühmt, man nannte Vera Sassulitsch “die Mutter des Terrors”, während sie selbst sich im Exil mehr und mehr von jeglichem  “Attentismus” abwandte. Ab 1900 gab sie mit Lenin zusammen die Zeitschrift “Iskra” (Der Funken) heraus.

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Die Militanten von Woronesh hatte ihren Zusammenschluß “Narodnaja Volja” (Volkswille) genannt, die Gemäßigten für sich den Namen “Cernyi Peredel” gewählt – schwarze Umverteilung, womit eine gerechte Verteilung des schwarzen, d.h. bewirtschaftbaren Bodens  an die Bauern gemeint war. Dabei wollten sie an der altherbebrachten Form der bäuerlichen Selbstbestimmung, der Dorfgemeinschaft (Obschtschina), anknüpfen, die den Gemeinschaftsbesitz an Boden verwaltete. Zunächst studierte diese  Gruppe um Plechanow in ihrem Exil jedoch vor allem die Schriften von Marx und Engels, die sie teilweise ins Russische übersetzten. 1881 schrieb Vera Sassulitsch einen Brief an Karl Marx: “Verehrter Bürger!

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Sie wissen, daß sich Ihr Werk ‘Das Kapital’ in Rußland großer Beliebtheit erfreut. Trotz der Konfiszierung der Ausgabe werden die wenigen verbliebenen Exemplare von einer Masse mehr oder weniger gebildeter Leute in unserem Land wieder und wieder gelesen; bedeutende Menschen befassen sich damit. Aber was sie vielleicht nicht wissen, ist, welche Rolle ‘Das Kapital’ in unseren Diskussionen über die Agrarreform in Rußland und über die ländliche Kommune spielt. Sie wissen besser als jeder andere, wie dringlich diese Frage in Rußland ist. Sie wissen, was Tscherynschewski darüber dachte. Unsere fortschrittliche Literatur wie die [einst von Nekrassow redigierte Zeitschrift] ‘Vaterländische  Notizen’ zum Beispiel, entwickelt seine Ideen weiter fort. Aber diese Frage ist meiner Ansicht nach eine Frage von Leben und Tod…Eines von beidem: Entweder ist diese Landbevölkerung, einmal von den unmäßigen Forderungen des Fiskus, den Zahlungen an die Großgrundbesitzer und von der willkürlichen Verwaltung befreit, fähig, sich in sozialistischer Richtung weiterzuentwickeln, d.h. ihre Produktion und die Verteilung der Güter auf kollektivistischer Basis zu organisieren. In diesem Fall muß der sozialistische Revolutionär all seine Kräfte der Befreiung der Landbevölkerung und ihrer Entwicklung zur Verfügung stellen. Wenn hingegen die ländliche Kommune zum Untergang bestimmt ist, bleibt den Sozialisten nur noch übrig, sich mehr oder weniger gut begründeten Rechnungen hinzugeben, um herauszufinden, in wie vielen Jahrzehnten das Land des russischen Bauern aus seinen Händen in die der Bourgeoisie übergeht…Sie werden dann einzig unter den Arbeitern in den Städten Propaganda machen müssen, die ständig von der Menge der Bauern überschwemmt sein werden…”

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Marx gab sich große Mühe bei der Beantwortung des Briefes von Vera Sassulitsch – er lernte sogar Russisch, um dabei einige Originalquellen heranziehen zu können. Schließlich schrieb er ihr – auf Französisch:

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In Westeuropa sei die “Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln”, die “Expropriation der Ackerbauern” ausgehend von England mit “historischer Unvermeidlichkeit” vollzogen worden, aber in Russland könnte “die Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Russlands” sein. Nur “müsste man zuerst die zerstörenden Einflüsse, die von allen Seiten auf sie einstürmen, beseitigen”. Der Ackerbaugemeinde wohnt laut Marx ein Dualismus inne, der “sie mit großer Lebenskraft erfüllen kann, denn einerseits festigen das Gemeineigentum und alle sich daraus ergebenden sozialen Beziehungen ihre Grundlage, während gleichzeitig das private Haus, die parzellenweise Bewirtschaftung des Ackerlandes und die private Aneignung der Früchte eine Entwicklung der Persönlichkeit gestatten, die mit den Bedingungen der Urgemeinschaft unvereinbar ist. Aber es ist nicht weniger offensichtlich, dass der gleiche Dualismus mit der Zeit zu einer Quelle der Zersetzung werden kann.” Neben dem Privateigentum “in Gestalt eines Hauses mit seinem Hof” könnte sich insbesondere “die parzellierte Arbeit als Quelle der privaten Aneignung” zersetzend auswirken: “Sie läßt der Akkumulation beweglicher Güter Raum” und “dieses bewegliche, von der Gemeinde unkontrollierbare Eigentum, Gegenstand individuellen Tausches, wobei List und Zufall leichtes Spiel haben, wird auf die ganze ländliche Ökonomie einen immer größeren Druck ausüben. Das ist das zersetzende Element der ursprünglichen ökonomischen und sozialen Gleichheit. Es führt heterogene Elemente ein, die im Schoße der Gemeinde Interessenkonflikte und Leidenschaften schüren, die geeignet sind, zunächst das Gemeineigentum an Ackerland, dann das an Wäldern, Weiden, Brachland etc. anzugreifen, die, einmal in Gemeindeanhängsel des Privateigentums umgewandelt, ihm schließlich zufallen werden.”

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Noch vor Vera Sassulitsch hatte auch die Terroristenfraktion der Narodniki, die ebenfalls gemäß ihrer Statuts für den Erhalt der Obschtschina war, Marx, der sie einmal als “Alchimisten der Revolution” bezeichnet hatte, einen Brief geschrieben. Darin wurde jedoch nur der baldige Besuch eines ihrer Genossen, Lew N. Hartmann, bei ihm in London angekündigt. Juri Trifonow erwähnt dies in seinem Roman über die Gruppe um Morosow: “Die Zeit der Ungeduld”. Der Gutsbesitzersohn Morosow bekam im übrigen nach der Revolution als verdienter Genosse von den Bolschewiki den Gutshof seiner Väter – in Borok – zurück, um daraus eine limnologische Forschungsstation zu machen, die später zur weltweit größten dieser Art wurde – und noch heute existiert. Ihr wissenschaftlicher Leiter war lange Zeit Boris Kusin, der u.a. Ossip Mandelstam zum Lamarckismus “bekehrte”.

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Die noch quasi urkommunistisch organisierte Obschtschina auf Basis einer weitgehenden Subsistenzwirtschaft zersetzte sich nicht nur langsam von innen, sondern man versuchte auch – und das bis in die jüngste Zeit – sie immer wieder von oben zu zerschlagen, d.h. von der Zentralmacht aus, weil ihr dieser  der Prozeß der inneren Auflösung  der Dorfgemeinschaften nicht schnell genug voranschritt.  Das geschah einmal mit der Landreform von 1861, nach der die von der Leibeigenschaft “befreiten” Bauern sich zugleich bei den Gutsbesitzern verschulden und damit verdingen mußten. Dann unter dem Druck der Revolution von 1905/07 mit den Stolypinschen Agrarreformen, die den sozialen Differenzierungsprozeß beschleunigen sollten und es jedem Gemeindemitglied ermöglichten, seinen Landanteil zu verkaufen und wegzuziehen. Schließlich ab 1928 mit der Verstaatlichung des gesamten Landes und der Kollektivierung der armen und Mittelbauern bei gleichzeitiger Liquidierung der als ausbeuterisch klassifizierten Kulaken. Aus der Obschtschina wurden dabei Kolchosen und Sowchosen und aus freien Bauern befehlsempfangende Landarbeiter, denen man ab 1932 sogar den Paß abnahm, ohne den sie ihr Dorf nicht verlassen durften. Unter Chruschtschow faßte man 1956 die Dörfer und Produktionskollektive zu “territorialen Wirtschaftseinheiten” zusammen. 1970 erfolgte unter Breschnew ihre  “Reorganisation”. Und 1986  wurde aus dem alten Wort für “Dorfplatz” – MIR – eine Weltraumstation. Zur selben Zeit bedauerte nebenbeibemerkt der bayrische Filmemacher Herbert Achternbusch: “Da wo früher Pasing und Starnberg waren, ist nun Welt! – die Welt hat uns vernichtet, das kann man sagen.”

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Zuletzt nach 1990 wurden in Russland insbesondere die wenig produktiven Kolchosen und Sowchosen aufgelöst oder sie zerfielen langsam, andere wurden von ihren Leitungskadern aber auch von reichen Städtern privatisiert, d.h. in GmbHs,  Aktiengesellschaften oder ähnliches umgewandelt bzw. zerschlagen. Gleichzeitig entstanden jedoch an vielen Orten auf dem postsowjetischen Territorium auch wieder neue, selbstorganisierte Obschtschinas, nicht selten in Form von  Sippenverbänden und Gemeinschaften der einst nach Osten verbannten Kulaken;  daneben gab es auch wieder Genossenschaften, Artel, Kommunen. Der Geist der alten Dorfgemeinschaft erfaßte sogar Datschensiedlungen. Die kollektive Wirtschaftsweise und die  Obschtschina-Idee sind also auch heute noch nicht tot. Sie hatte, wie bereits Trotzki bemerkte, u.a. in den städtischen Fabriken überlebt, wo einzelne Kollektive sich aus ehemaligen Dorfgemeinschaften zusammensetzten, ähnliches galt sogar für die Arbeitslager, Gefängnisse  und die neugebauten Hochhäuser am Stadtrand, in denen man bisweilen “Dorfälteste” wählte. Überhaupt hat noch jede russische Revolte und Revolution die Obschtschina  gestärkt.

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Im Jahre 1905 befanden sich 9,5 Millionen Bauernhaushalte in Dorfgemeinschaften, daneben gab es 2,8 Mio Einzelhöfe. Deren Zahl verdoppelte sich in der Folgezeit – bis 1917 sämtliche “Reformbemühungen” von oben “nahezu zunichte gemacht wurden”, wie der antikommunistische US-Historiker Robert Conquest in seinem Buch über die Kollektivierung “Ernte des Todes” schreibt. Denn Millionen von Kleinbauern nahmen unter der bolschewistischen Parole “Das Land denen, die es bearbeiten” den Großgrundbesitzern das Land weg “und schlossen sich verstärkt in Dorfgemeinschaften  zusammen”, daneben entstanden eine Unzahl von Kommunen, Artel (Genossenschafen) und “befreite Gebiete”. 1927 bewirtschafteten die Dorfgemeinschaften 95 Prozent des Gutsbesitzes, nur 3,5 Prozent waren noch “eigenständige Höfe vom Stolypin-Typus”.

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Auf die in Vera Sassulitschs Brief aus dem Jahr 1881 enthaltene  Frage, warum ein revolutionärer Kampf für den Erhalt der russischen Dorfgemeinschaft sinnvoll sein könnte, schrieb Marx: “Ich antworte: Weil in Russland, dank eines einzigartigen Zusammentreffens von Umständen, die noch in nationalem Maßstab vorhandene Dorfgemeinde sich nach und nach von ihren primitiven Wesenszügen befreien und sich unmittelbar als Element der kollektiven Produktion in nationalem Maßstab entwickeln kann.”

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Farmers plough a field before sowing cotton seeds in Kayla village

Indische Bauern

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 Die indische Intelligenz ließ sich besonders von der Modernisierung der Sowjetunion beeindrucken – nicht wenige verfolgten dann sozialistische Ziele. Dazu gehörte auch der spätere Premierminister Indiens, Jawaharlal Nehru. Er war von 1942 bis 1945 politischer Gefangener im Fort-Ahmadnagar-Gefangenenlager. In dieser Zeit schrieb er das Buch „Entdeckung Indiens“, das 1959 in der DDR erschien.

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Ein Kapitel darin heißt: „Indien wird zum ersten Mal politisch und wirtschaftlich von einem anderen Land abhängig“. In diesem Kapitel erklärte Nehru, was das für die indische Agrargesellschaft bedeutete:

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Die Errichtung der britischen Herrschaft in Indien war für das Land ein vollkommen neuartiges Phänomen, das sich mit keinem anderen Ü b e r fa l l und keiner anderen politischen und wirtschaftlichen Veränderung vergleichen läßt. „Indien war früher schon erobert worden, doch von Eindringlingen, die sich innerhalb seiner Grenzen niederließen und Bestandteil seines Lebens wurden.“ (Wie die Normannen in England oder die Mandius in China.) „Es hatte niemals seine Unabhängigkeit verloren und war niemals versklavt worden. Das heißt, daß es niemals in ein politisches oder wirtschaftliches System einbezogen wurde, dessen Schwerpunkt außerhalb seines Heimatbodens lag, niemals einer herrschenden Klasse unterworfen wurde, die ihrer Herkunft und ihrem Charakter nach ständig fremd war und blieb.“ (K.S.Shelvankar)

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Jede der früheren herrschenden Klassen, ob sie ursprünglich von außerhalb gekommen oder einheimisch war, hatte die strukturelle Einheit des sozialen und wirtschaftlichen Lebens in Indien akzeptiert und versucht, sich ihr anzupassen. Sie war indisiert worden und hatte im Boden des Landes Wurzeln geschlagen. Die neuen Herrscher waren ganz anders, sie hatten ihre Basis in einem anderen Lande, und zwischen ihnen und dem durchschnittlichen Inder bestand eine ungeheure und unüberbrückbare Kluft – ein Unterschied in der Tradition, in der Anschauung, im Einkommen und in der Lebensweise. Die ersten Briten in Indien, die von England ziemlich abgeschnitten waren, nahmen viele indische Lebensgewohnheiten an. Diese Annäherung war jedoch nur sehr oberflächlich und wurde mit der Verbesserung der Verbindungen zwischen Indien und England ganz bewußt wieder aufgegeben. Man vertrat die Auffassung, daß die britische herrschende Klasse ihr Prestige in Indien nur dadurch aufrecht erhalten könne, daß sie sich von den In dern fernhielt, sich abschloß und isolierte und in einer eigenen, höheren Sphäre lebte.

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Es bestanden zwei Welten: die Welt des britischen Beamten und die Welt der Millionen Inder, die, abgesehen von ihrer gegenseitigen Abneigung, nichts gemeinsam hatten. Bis dahin waren Völkerstämme miteinander verschmolzen oder hatten sich wenigstens einer organisch miteinander verbundenen Struktur eingefügt. Jetzt wurde die Rassenfrage zum anerkannten Glaubensbekenntnis; diese Tendenz wurde durch die Tatsache verstärkt, daß die dominierende Rasse sowohl die politische wie auch die ökonomische Macht ausübte, ohne daran gehemmt oder behindert zu werden. Der Weltmarkt, den der neue Kapitalismus zu errichten begann, hätte auf jeden Fall Indiens Wirtschaftssystem beeinflußt. Die selbstgenügsame Dorfgemeinschaft mit ihrer traditionellen Arbeitsteilung hätte in ihrer alten Form nicht weiterbestehen können. Die schließlich erfolgte Veränderung war jedoch keine normale Entwicklung, sie zersetzte die gesamte wirtschaftliche und organische Grundlage der indischen Gesellschaft. Ein System, das auf gesellschaftlichen Sanktionen und Kontrollen beruhte und Bestandteil des kulturellen Erbes des Volkes war, wurde plötzlich und gewaltsam verändert und ein anderes System, das von Kräften außerhalb der Gruppe bestimmt wurde, errichtet. Indien trat nicht auf dem Weltmarkt auf, sondern wurde ein koloniales und landwirtschaftliches Anhängsel des britischen Wirtschaftsgebäudes.

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Die Dorfgemeinschaft, die bis dahin die Grundlage der indischen Wirtschaft gewesen war, wurde aufgelöst und verlor dabei sowohl ihre wirtschaftlichen als auch administrativen Funktionen. Im Jahre 1830 beschrieb Sir Charles Metcalfe, einer der fähigsten britischen Beamten in Indien, diese Gemeinschaften in Worten, die oft zitiert worden sind: „Die Dorfgemeinschaften sind kleine Republiken, die nahezu alles haben, was sie brauchen; sie sind auf auswärtige Beziehungen fast nicht angewiesen. Sie scheinen sich zu behaupten, wo nichts anderes bestehenbleibt.

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Diese Vereinigung der Dorfgemeinschaften, von denen jede einen kleinen Separatstaat in sich bildet, . . . ist ihrem Glück und dem Genuß einer großen Portion Freiheit und Unabhängigkeit außerordentlich förderlich.“ Die Zerstörung der dörflichen Gewerbe war ein schwerer Schlag für diese Gemeinschaften. Das Gleichgewicht zwischen Gewerbe und Landwirtschaft wurde gestört, die traditionelle Arbeitsteilung, wurde zerschlagen, und die zahlreichen, von der Gruppe losgelösten Individuen ließen sich nicht einfach in eine Gruppe einordnen. Ein mehr unmittelbarer Schlag war die Einführung des Großgrundbesitzersystems, das alle Vorstellungen vom Eigentumsrecht an Grund und Boden umwarf.

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Diesen Vorstellungen lag der Begriff des Gemeineigentums, nicht so sehr des Grund und Bodens, sondern vielmehr des Bodenertrages zugrunde. Da sie vermutlich diese Verhältnisse wirklich nicht würdigen konnten, wahrscheinlicher aber, weil sie von rein persönlichen Motiven geleitet wurden, führten die britischen Gouverneure, die selbst Repräsentanten der englischen Großgrundbesitzerklasse waren, in Indien ein System ein, das dem englischen ähnlich war. Zunächst ernannten sie für kurze Zeit Steuerpächter, das heißt Personen, die für die Eintreibung der Einkommen- oder Bodensteuer und deren Ablieferung an die Regierung verantwortlich waren. Später entwickelten sich diese Steuerpächter zu Großgrundbesitzern. Der Dorfgemeinschaft wurde jede Kontrolle über das Land und seinen Ertrag entzogen; was immer als die wesentlichste Angelegenheit und Sorge dieser Gemeinschaft angesehen worden war, wurde jetzt das Privateigentum des vor kurzem geschaffenen Grundbesitzers. Diese Entwicklung führte zur Auflösung des Gemeinschaftslebens und des gesellschaftlichen Charakters der Gemeinschaft, und das genossenschaftliche System der Dienstleistungen und Verrichtungen begann sich nach und nach aufzulösen. Die Einführung dieser Form des Landbesitzes bedeutete nicht nur eine entscheidende ökonomische Veränderung, sie ging viel tiefer und wirkte sich auf die ganze indische Vorstellung von einer genossenschaftlichen Gruppenstruktur aus. Eine neue Klasse, die der Besitzer von Grund und Boden, trat auf; eine Klasse, die von der britischen Regierung geschaffen und deshalb in einem hohen Grade mit ihr identifiziert wurde. Die Zerschlagung des alten Systems schuf neue Probleme, und wahrscheinlich kann man die Anfänge des heutigen Hindu-Moslem-Problems bis in diese Zeit zurückverfolgen.

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Das System des Großgrundbesitzes wurde zuerst in Bengalen und Bihar eingeführt, wo große Grundbesitzer unter einer Ordnung geschaffen wurden, der endgültigen Bodenveranlagung. Später erkannte man, daß das für den Staat nicht vorteilhaft war, da die Grundsteuer festlag und nicht erhöht werden konnte. Aus diesem Grunde wurden in anderen Teilen Indiens neue, nur befristete Regelungen getroffen, um die Grundsteuern von Zeit zu Zeit erhöhen zu können. In einigen Provinzen wurde eine Art bäuerliches Besitzrecht geschaffen. Die außerordentliche Härte, mit der die Steuern eingetrieben wurden, führte vor allem in Bengalen zum Ruin des alten Landadels, der von Angehörigen der Kapitalisten- und Händlerklasse abgelöst wurde. Dadurch wurde Bengalen eine überwiegend aus Hindu-Großgrundbesitzern bestehende Provinz, deren Pächter, zu denen zwar auch Hindus gehörten, hauptsächlich Mohammedaner waren.

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Großgrundbesitzer wurden von den Engländern aus dem Grunde nach dem eigenen englischen Vorbild ernannt, weil es weit einfacher war, sich mit einigen Einzelpersonen als mit einer Riesenzahl von Bauern zu befassen. Das Ziel war, so viel und so schnell wie möglich Geld in Form von Steuern einzutreiben. Wenn ein Grundbesitzer den festgesetzten Termin versäumte, wurde er unverzüglich entfernt und ein anderer an seine Stelle gesetzt. Man hielt es ebenfalls für notwendig, eine Klasse zu schaffen, die gemeinsame Interessen mit den Briten hatte. Die Furcht vor Aufruhr erfüllte das ganze Denken der britischen Beamten in Indien, und sie wiesen in ihren Berichten wiederholt darauf hin.

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Im Jahre 1829 sagte Generalgouverneur Lord William Bentinck: „Wenn es bisher nicht genügend Sicherheit gegenüber ausgedehnten Volksaufständen oder Revolutionen gegeben hat, dann muß ich doch feststellen, daß die Endgültige Bodenveranlagung, wenn sie auch in vieler Beziehung ein Fehlschlag war, mindestens den einen großen Vorteil brachte, daß sie eine außerordentlich große Gruppe reicher Grundbesitzer geschaffen hat, die zutiefst an der Fortdauer der britischen Herrschaft interessiert ist und die absolute Gewalt über die Masse des Volkes besitzt.“ Die britische Herrschaft konsolidierte sich also dadurch, daß sie neue Klassen und finanzielle Interessen, die mit jener Herrschaft verknüpft waren, und Vorrechte schuf, die von der Fortdauer ihrer Herrschaft abhängig waren. Es gab Großgrundbesitzer und Fürsten und eine große Anzahl untergeordneter Angehöriger der Dienststellen der verschiedenen Regierungsabteilungen, vom patwari, dem Dorfhäuptling, an aufwärts. Die zwei wesentlichen Regierungsbehörden waren das Finanzamt und die Polizei. An der Spitze von beiden stand in jeder Provinz der Steuereinnehmer oder Bezirks-Polizeirichter, der sozusagen der Hebel der Verwaltung war. In seinem Bezirk trat er wie ein Autokrat auf und vereinigte in seiner Person vollziehende, richterliche, Steuer- und Polizeifunktionen. Wenn kleinere indische Staaten [es gab damals 631] an das unter seiner Kontrolle stehende Gebiet angrenzten, so war er gleichzeitig ihnen gegenüber der britische Geschäftsträger.

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Zusammenfassend meint Nehru:

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„Die unverkennbarste und weitestgehende Veränderung war die Zerschlagung des Agrarsystems und die Einführung der Begriffe des Privateigentums und des Großgrundbesitzes. Die Geldwirtschaft hatte sich langsam durchgesetzt, da Land ‚wurde eine marktfähige Ware. Woran früher auf Grund bestehender Bräuche streng festgehalten worden war, das wurde jetzt durch das Geld aufgelöst.“

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1993 hielt der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said im Rahmen der „Reith Lectures“ der BBC eine Vorlesungsreihe über den „Ort des Intellektuellen“. Obwohl er noch zu den „allgemeinen Intellektuellen“ gehörte, der sich repräsentative Aufgaben vornimmt, erntete er mit seinen Vorträgen viel (englische) Kritik, 1. ist dort der „Intellektuelle“ ein Schimpfwort und 2. hatte er in einem Roman von Jane Austen ihre Schilderungen der Sklaverei auf britischen Zuckerrohrplantagen erwähnt. Schon war er wieder der unverbesserliche palästinensische Hardliner. Nehru beruft sich in seinen Schilderungen der englischen Kolonialregierung in Indien fast ausschließlich auf britische Forschungsarbeiten. Um jedoch die indische Wirklichkeit zu kennen – und darin politisch zu wirken, wurden er sowie seine Kampfkollegen im „Indischen Nationalkongreß“ von Gandhi erst einmal in die Dörfer geschickt: „Die Bauern sind das eigentliche Indien“.

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Das rassistische englische Kolonialsystem bewirkte mehrere große Hungersnöte mit Millionen Toten. Die heutige neoliberale Weltwirtschaft unter amerikanischer Herrschaft trifft erneut die indische Landwirtschaft: 250.000 Bauern haben bisher Selbstmord begangen. Die taz interviewte dazu die indische Agrarexpertin Vandana Shiva:

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taz: Frau Shiva, Sie kämpfen gerade gegen den Plan der indischen Regierung, die Zulassung von Gentech-Pflanzen zu vereinfachen. Aber 95 Prozent der Baumwolle in Indien ist bereits gentechnisch verändert – also scheint Gentechnik aus Sicht der Bauern zu funktionieren, oder?

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Vandana Shiva: Nein. Wenn Sie in ein Saatgutgeschäft im Bundesstaat Kerala gehen, werden Sie dort nur Gentech-Baumwolle unter den verschiedenen Markennamen von Firmen finden, die der US-Hersteller Monsanto aufgekauft hat. Die Bauern müssen die Gentech-Baumwolle kaufen, weil nichts anders mehr angeboten wird.

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Gibt es denn keine Konkurrenz?

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Andere Saatgutfirmen knebelt Monsanto mit Lizenzgebühren und Verträgen, sodass sie nur noch seine Samen verkaufen dürfen. Und was die fünf großen Saatgutkonzerne angeht: BASF etwa ist kein Konkurrent. Sie haben Verträge und gemeinsame Forschungsprojekte mit Monsanto.

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Hat die Einführung der Gentechnik den Bauern geschadet?

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Wegen des Saatgutmonopols haben sich 250.000 Bauern in Indien umgebracht. Die Suizide häufen sich in den Baumwollregionen, besonders seit der Einführung der Gentech-Baumwolle im Jahr 2002. Damals sind die Kosten für Saatgut drastisch gestiegen. Deshalb machen die Bauern Schulden, die sie oft nicht mehr bedienen können – viele bringen sich dann um.

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Die Konzerne sagen, Gentech-Saatgut sei teurer, aber dafür verschaffe es den Bauern höhere Gewinne.

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Nirgendwo hat die Gentechnik den Ertrag einer Pflanze erhöht. In Indien haben sie versprochen, dass Gentech-Pflanzen 1.500 Kilogramm pro Acre (0,4 Hektar) bringen. Und jetzt mussten sie zugeben: Es sind 400 bis 500 Kilogramm. Unseren Daten zufolge sind es nur 300 bis 400 – im Durchschnitt. Monsanto ist eben spezialisiert auf Lügen. In Wirklichkeit kann man auch mit Gentech-Pflanzen für die Lebensmittelproduktion das Hungerproblem nicht lösen.

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Viele Gentech-Pflanzen produzieren Gifte gegen Schädlinge. Lassen sich so nicht umweltschädliche und teure Pestizide einsparen?

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Daten der Bauern zeigen, dass mit Gentech-Baumwolle 13-mal so viele Pestizide nötig sind. Genforscher der Universität Delaware haben gerade eine Studie veröffentlicht, die ergab, dass die genetische Manipulation Pflanzen anfälliger für Krankheiten und Schädlinge macht. Als ich dieses Jahr in einer indischen Anbauregion war, kämpften sie mit einer Krankheit, die die Pflanze im Wurzelbereich würgt, sodass kein Wasser nach oben gelangen kann. Jedes Jahr gibt es eine neue Krankheit.

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Wie reagieren Schädlinge auf die Gentech-Pflanzen?

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Vergangenes Jahr ist der wichtigste Schädling unempfindlich gegen Monsantos Baumwolle Bollgard I geworden. Die Resistenzen entstehen schneller, weil die Schädlinge durch die Gentech-Pflanze ständig dem Selektionsdruck ausgesetzt sind und nicht nur bei Pestizidspritzungen.

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Hat die Gentech-Baumwolle davor nicht mehr als ein Jahrzehnt lang funktioniert?

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Ein Jahrzehnt ist zu kurz in der Geschichte der Menschheit.

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Die Hersteller kontern: Wir entwickeln dann einfach neue Pflanzen.

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Einstein sagte: Ein klares Zeichen für Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu machen, aber ein unterschiedliches Ergebnis zu erwarten. Die Strategie ist falsch. Es wird nur Superunkräuter und Superschädlinge geben.

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Ist es kein Erfolg der Gentechnik, dass Indien seit Einführung des Gentech-Saatguts viel mehr Baumwolle produziert?

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Nein. Der Punkt ist, dass sie von einer vielfältigen Landwirtschaft zur Monokultur übergegangen sind. Wenn man Baumwolle zusammen mit Sorghum, Chili und Bohnen anbaut, hat man ich Baumwolle, Sorghum, Chili und Bohnen. Wenn man nur noch Baumwolle anbaut, hat man natürlich mehr Baumwolle. Der Grund sind aber nicht die Gentech-Pflanzen.

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Die Gentechnik-Konzerne versprechen, besser an den Klimawandel angepasste Pflanzen zu entwickeln. Was ist daran so schlecht?

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Wir haben schon Pflanzen, die an den Klimawandel angepasst sind, zum Beispiel Saatgut, das gut mit Dürre oder Überschwemmungen klarkommt. Der sogenannte dürreresistente Gentech-Mais dagegen wächst gut in einem Dürrejahr und sehr schlecht in einem normalen Jahr. Traditionelle Sorten dagegen haben ein sehr breites Spektrum.

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Die Firmen argumentieren, dass die Entwicklung solcher Pflanzen erst am Anfang stünde. In ein paar Jahren werde es besser funktionieren.

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Gentechnik ist sehr langsam, was die klimatische Widerstandsfähigkeit angeht. Die Bauern sind ihr Jahrhunderte voraus im Entwickeln solcher Eigenschaften von Pflanzen. Wenn da schon tausend Jahre Arbeit getan wurde, würde ich darauf vertrauen und nicht auf ein fünf Jahre altes Experiment. Und dieses Experiment würde auch noch an Patente gebunden sein. Wenn Sie Kleinbauer in Asien sind und ein Zyklon verwüstet Ihre Region, dann müssten Sie immer noch Lizenzgebühren für diese neue Pflanzen zahlen. Wir können nicht die Zukunft ganzer Gemeinschaften in die Hände eines rücksichtslosen Players legen, der falsche Versprechen macht und ins Saatgutgeschäft nur einsteigt, um mit Lizenzgebühren Riesenprofite zu machen. Das ist zu risikoreich.

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Sie kritisieren auch, dass nur eine Handvoll Unternehmen den Markt für Gentech-Saatgut beherrscht. Warum also nicht kleinen Konkurrenten helfen?

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Gentechnik ist nur eine von vielen Züchtungsstrategien. Zudem ist sie die unzuverlässigste. Es wurde behauptet, weil sie auf Molekularebene arbeitet, sei sie genauer. Dabei beschießen Gentechniker im Labor Erbgut blindlings mit Genen. Man weiß nicht, was dabei mit den Pflanzen passiert. Beim herkömmlichen Züchten durch Selektion und Kreuzung dagegen weiß man genau, was mit diesen Pflanzen ist.

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Bei der Gentechnik kommen am Ende allerdings Pflanzen heraus, die nur in ein oder zwei Genen von der Ursprungspflanze abweichen. Ist das nicht genau genug?

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Nein. Denn man weiß nicht, ob das künstlich eingebaute Gen in die Pflanze oder in den Boden geht. Es gibt Untersuchungen, wonach in vier Jahren 22 Prozent der Nützlinge auf Feldern von Gentech-Pflanzen, die das Insektengift BT produzieren, getötet wurden. Man weiß nicht, wie diese Pflanzen auf Bestäuber wie Bienen wirken. Man weiß nicht, was sie mit Lebensmitteln machen. Der französische Wissenschaftler Gilles-Eric Séralini hat Daten von Monsanto selbst analysiert und gezeigt, dass Organe von Ratten versagten, die BT-Mais gefressen haben.

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Das ist umstritten, und andere Forscher sehen keine Gefahr für die Gesundheit. Kennen Sie weitere Belege dafür, dass Gentech-Essen gesundheitsschädlich ist?

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Das größte Problem ist, dass das Land, das Gentechnik besonders fördert, die USA, alle Sicherheitstests verhindert – mit der Behauptung, dass Genpflanzen im Prinzip genauso seien wie konventionelle. Sie sagen, es gebe keinen Beweis für die Gesundheitsschädlichkeit. Aber sie haben gar nicht nach dem Beweis gesucht.

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Welche durch Gentechnik verursachte Schäden sind denn schon nachgewiesen?

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In zwei Fällen ist die Beweislage sehr klar: Erstens verringern Monsantos Monopol und Gentech-Saatgut die Artenvielfalt, die Bauern zur Verfügung steht. Zweitens verschmutzen sie die Umwelt. Monsanto kann nicht behaupten: Das Feld des kanadischen Landwirts Percy Schmeiser wurde nicht von Gentech-Pflanzen kontaminiert. Schließlich hat die Firma Schmeiser sogar verklagt, weil er ihre Patentrechte verletzt habe. Und Kanada kann keinen Raps mehr nach Europa verkaufen, weil er kontaminiert ist.

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Ihr Alternativmodell zur Gentech-Landwirtschaft ist der Ökologische Landbau ohne Pestizide und Kunstdünger. Sind hierbei die Ernten nicht viel geringer?

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Nein. Wenn die Landwirtschaft so betrieben würde, wie wir es tun mit den 500.000 Bauern in Indien, mit denen wir zusammenarbeiten, würde Indien doppelt so viel Lebensmittel und Nährstoffe zur Verfügung haben. Der UN-Sonderbeauftragte für das Recht auf Nahrung, Olivier De Schutter, hat einen Report herausgegeben, wonach wir mit agroökologischen Prinzipien die Produktion verdoppeln könnten.

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Griechischer Bauer

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Die selbe Weise der Auflösung von Dorfgemeinschaften geschah 2500 Jahre vor Indien in Griechenland – mit der ersten Münzprägung, d.h. mit der Durchsetzung des entwickelten Warenverkehrs: Alles wurde zu einer Ware. Die alten Gemeinschaften lösten sich  schließlich weltweit auf, die körperliche und geistige Arbeit wurde absolut getrennt – indem die Produktion erst von Sklaven, dann von Leibeigenen und schließlich von Proletariern geleistet wurde, derweil die „Ersten [und letzten] Philosophen“ hilflose Diskussionen über „Demokratie“, „Logik“, „Moral“, „Vernunft“ und anderen Unsinn anzettelten.

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In erster Linie ist der Tauschwert selbst abstrakter Wert im Gegensatz zum Gebrauchswert der Waren. Der Tauschwert ist einzig quantitativer Differenzierung fähig, und die Quantifizierung, die hier vorliegt, ist wiederum abstrakter Natur im Vergleich zur Mengenbestimmung von Gebrauchswerten. Selbst die Arbeit…wird als Bestimmungsgrund der Wertgröße und Wertsubstanz zu ‘abstrakt menschlicher Arbeit’, menschlicher Arbeit als solcher nur überhaupt. Die Form, in der der Warenwert sinnfällig in Erscheinung tritt, nämlich das Geld,…ist abstraktes Ding und in dieser Eigenschaft, genaugenommen, ein Widerspruch in sich. Im Geld wird auch der Reichtum zum abstrakten Reichtum, dem keine Grenzen mehr gesetzt sind. Als Besitzer solchen Reichtums wird der Mensch selbst zum abstrakten Menschen, seine Individualität zum abstrakten Wesen des Privateigentümers. Schließlich ist eine Gesellschaft, in der der Warenverkehr den nexus rerum bildet, ein rein abstrakter Zusammenhang, bei dem alles Konkrete sich in privaten Händen befindet.” (Alfred Sohn-Rethel)

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bauer-aegypten

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Noch einmal zurück zur Landwirtschaft, zur ägyptischen: Nach der von Gama Abdel Nasser eingeleiteten Agrarreform schrieb der Begründer der ägyptischen Agrarforschung Henry Habib Ayrout:

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Sie war das schönste Geschenk der neuen Regierung an die so lange unbeachtet gebliebenen Fellachen.” Dabei sei ganz Ägypten “ein Geschenk der Fellachen”. Aber nun müsse die weitere Entwicklung auf dem Land von ihnen – von unten – kommen. “We must work from the inside out. Success requires more understanding, personal care and love than committees, speeches and official decrees. (1) Seit einigen tausend Jahren hätten “die ägyptischen Bauern ihre Herren, ihre Religion, ihre Sprache und ihre Saaten gewechselt – aber nicht ihre Lebensweise.”

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Als Nasser 8 Jahre nach der “Ägyptischen Revolution von 1952″ die Presse verstaatlichte, begründete er dies damit, dass sie konstant “das wahre Ägypten” ignoriert habe. Diese Wirklichkeit  würde man z.B. in “Kafr el Battikh” (im “Wassermelonendorf”) nahe Alexandria finden.

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Henry Habib Ayrout (1907 – 1969), ein christlicher Syrer aus reicher, in Kairo ansässig gewordener Familie, studierte in Europa und wurde Jesuitenpriester. Um die Armut kennen zu lernen, bat er seine Eltern, ihm keine Unterstützung zukommen zu lassen. 1939 kehrte er nach Ägypten zurück, wo er unter den reichen syrischen und europäischen Christen in den Städten Geld sammelte, um den Armen im ländlichen Süden, wo die meisten Kopten lebten, zu helfen. Im Jahr zuvor hatte er sein inzwischen klassisches Werk “The Egyptian Peasant” veröffentlicht – in Frankreich. 1945 erschien in Kairo die erste englische Ausgabe.

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1952 kam seinen Projekten zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bauern der allgemeine revolutionäre Schwung im Land entgegen: wie in Russland nach der Revolution, war es zuvörderst der Idealismus der Jugend. Junge Mädchen zogen massenhaft aus den Städten aufs Land, um die Lebenssituation der Fellachen kennen zu lernen und zu helfen. Bis 1950 entstanden 122 Schulen, in denen 11.000 Bauernkinder kostenlos unterrichtet wurden.  Als Nasser 1956 den Suezkanal verstaatlichte, bedrohten England, Frankreich und Israel Ägypten mit Krieg (2). “Das Resultat war trotz militärischer Erfolge eine Blamage und Schwächung der europäischen Mächte und eine Stärkung der ägyptischen Position im Nahen Osten. Aufgrund ihrer zeitlichen und politischen Überschneidung mit dem Ungarischen Volksaufstand gilt sie als Teil einer Doppelkrise,” heißt es bei Wikipedia über die “Suezkrise”. Sie hatte in Ägypten selbst zur Folge, dass der Nassersche Sozialismus sich zum panarabischen Nationalismus verengte: Die Engländer, Franzosen und Juden mußten das Land verlassen, die Unternehmen der Griechen, Armenier und Syrer wurden verstaatlicht. Ayrout blieb jedoch in Ägypten und arbeitete weiter, Nasser zeichnete ihn einige Jahre später für seine Verdienste um die Verbesserung der Lebensbedingungen auf dem Land aus. 1954 hatte er am Orientalismus-Institut von Princeton einen Vortrag gehalten. Dort lernte ihn der später als Fulbright-Stipendiat in Ägypten tätige “Orientalist” John Alden Williams kennen, der 1963 Ayrouts Buch “The Egyptian Peasant” noch einmal – für den amerikanischen Markt – übersetzte. Williams schreibt – in seinem Vorwort: In jener Zeit bestand leider “in den USA wenig Interesse an einem Buch über ägyptische Bauern.”

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Die Ausgabe, die mir vorliegt, wurde 2005 vom Verlag der “American University in Cairo” zusammen mit der “Association of Upper Egypt for Education and Development” veröffentlicht, mit einem zweiten Vorwort – von Morroe Berger aus dem Jahr 1962. Der 1981 gestorbene Berger war ein “Nahost-Experte” und Soziologieprofessor in Princeton. Er  zitierte in seinem Vorwort Ignazio Silone: “Die armen Bauern sind sich in jedem Land gleich – egal, ob man sie Fellachen, Muschiks, Peons oder Cafoni nennt,  obwohl sich nicht einmal zwei von ihnen ähneln.” Dies habe Ayrout bei  seiner Agrarforschung beherzigt – “als Anwalt der Bauern und Beobachter des dörflichen Lebens  – mit Sympathie und Distanz”. “Seine Ergebnis werden Amerikaner ‘romantisch’ finden”: Ayrout riet den Bauern, ihre Landwirtschaften nicht zu mechanisieren, denn “diese wird die organische Verbindung, die sich zwischen den Menschen und dem Land hergestellt hat, zerstören. Sie wird eine Lebensform beseitigen, die sich als die einzig richtige für eine wachsende Bevölkerung auf einem begrenzten Stück Land erwiesen hat.”

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Die von Ayrout 1963 überarbeitete englische Ausgabe beginnt mit einer “Einführung” von ihm:

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Zum Verständnis des Fellachen”

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Wir sehen heute den Fellachen aufwachen. Unsere Studie wird sich auf den kleinen Bauern und den Landarbeiter konzentrieren.

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2. Unwandelbarkeit

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Es hat viele Revolutionen in der Geschichte gegeben, aber die Landbevölkerung hat nur einmal, zwischen den Jahren  725 und 830 revoltiert – gegen die zu harte Besteuerung durch die arabischen Eroberer Ägyptens. Wenn man den Schriften der alten Griechen folgt, hat sich der Fellache seit ihrer Zeit nicht verändert. Keine Revolution, keine Evolution.

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Der Fellache fand sich immer zwischen dem Boden und den Grundbesitzern, zwischen dem Amboß und den Hämmern. Der Nil, der im Laufe der Zeit eine 30 bis 90 Fuß dicke Schicht Lehm bzw. Schwarzerde angeschwemmt hat, kultiviert und determiniert zusammen mit der Sonne das physikalische Umfeld des Fellachen – das Leben Ägyptens.

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3. Landbesitzer und Regierung

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Es gibt ein Ober- und ein Unter-Ägypten.  Aber insgesamt läßt sich sagen: Die enorme politische und ökonomische Pyramide Ägyptens drückt den Fellachen mit seinem ganzen Gewicht zu Boden. Und seine Scholle wird immer kleiner. Schon gehören 50% des fruchtbaren Bodens 2% der Landbesitzer. Auf ihren Aufsehern – nazir – vor Ort beruht das ganze System. Von 1927 bis 1937 verloren 44.000 Fellachen ihr Land, weil sie die Steuern nicht zahlen konnten. Der Staat ist der größte Landbesitzer. Eine der wichtigsten Errungenschaften des neuen Ägypten nach der Revolution des Militärs war die Landreform 1952. Es wurden Agrargenossenschaften gegründet (1954 gab es 200 – mit 74.000 Mitgliedern).

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4. Die Arbeit des  Fellachen

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Die Hacke ist sein Hauptarbeitsgerät, wegen des guten Bodens muß der Fellache nicht tief pflügen mit seinem Zugtier. Wenn er kann, hält er sich auch noch eine Kuh, die ihm Milch gibt, aus dem die Frau des Fellachen Käse macht. Die Technik der Feldbewässerung ist primitiv. “The struggle for life on his small plot has become continuous and unrelenting.” Bei der Baumwolle kontrolliert das Agrarministerium allen Samen, den der Fellache ausbringen will. Ägypten ist dabei, neue Nutzpflanzen anzubauen, aber diese Diversifizierung hat beim Fellachen zu keiner Spezialisierung geführt. Und im großen Ganzen ignoriert der Fellache auch die Maschinisierung  der Landwirtschaft.. Hier gehört der Mann zum Land und nicht das Land zum Mann. Seine Familie und der Büffel sowie der Esel bilden die normale landwirtschaftliche Einheit. Während der Baumwollernte verdienen sich die Frauen etwas Geld dazu, indem sie sich als Pflückerinnen verdingen.

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5. Der physische Fellache

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Über alle geographischen und historischen Einflüsse hinweg hat sich so etwas wie ein ägyptischer Typ unter den Fellachen herausgebildet. Seine Tätowierungen sind niemals obszön. Seine Droge ist der Tee. Viele Fellachen haben schon ihre Tiere verkauft, nur um sich Tee leisten zu können. “However paradoxical it may sound, there is a relation between the growth of this toxic habit and the development of perennial irrigation.” Viele Fellachen haben Augenkrankheiten und leiden unter Parasiten. “The ignorance and, still more, the poverty of the fellah make it difficult to take care of him. Another difficulty is the lack of basic knowledge of the fellah.” Der Fellache leistet sich höchstens einmal in der Woche Fleisch. Aber hungern tut er nicht. Dennoch hat man festgestellt, dass seine Tagesleistung abfällt. Die Schwarzerde ist das beste und schlimmste für ihn – sie gibt ihm Kraft aber schwächt ihn zugleich.

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6. Das Dorf und die Bauernschaft

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Eigentlich sollte man vom Fellachen nur im Plural sprechen, weil er immer Teil einer Gruppe ist, wenn nicht der Masse. Es gibt für ihn keine Privatheit, sein tägliches Leben ist kollektiv und kommunal. Wir müssen das Dorf erforschen. Es gibt 4000 Dörfer in Ägypten – in denen von ein paar hundert bis zu mehreren tausend Menschen leben – “untouched by its proximity to modern life.” Der Lebensstandard ist überall ähnlich, so dass man, wenn man ein Dorf studiert , alle Dörfer studiert.

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(Dieses Problem hat neulich ein badensischer  Dorfchronist, Gerd Roellecke im “Merkur”- Heft 730 – thematisiert: Weil sein Dorf die meiste Zeit in seiner Geschichte Objekt und nicht Subjekt der gesellschaftlichen Entwicklung war, stellte sich ihm die Frage nach der Existenz einer Dorf-Individualität – “von der wir spätestens seit Heidegger wissen, dass sie nicht zu beantworten ist”. Und der Autor hat es denn auch nicht gekonnt, sie am Beispiel seines Dorfes Wolfartsweiler zu beantworten: “Nichts ist dort anders” – als in anderen Dörfern, aber das hat ihn dann doch “schockiert. Dennoch meint er, dass es eine “eigene dörfliche Geschichte des Dorfes gibt, gleichsam diesseits der offiziellen politischen Kultur. Aber sie ist schwer zu begreifen. Ich jedenfalls habe die dörfliche Eigenart Wolfartsweiers nicht zu fassen bekommen. Vielleicht fehlte mir dafür der Forscherblick.” Der Autor ist Jurist im Ruhestand. Vielleicht ist ihm aufgrund dieser seiner déformation professionelle entgangen, dass “sein” Dorf sich nicht nur an der Revolution 1948 nicht beteiligte, sondern um der “Ruhe und Ordnung” wegen sogar “dem Großherzog in einer schwierigen Situation die Treue gehalten” hat. Dafür haben sie sich 85 Jahre später wie in einem “Rausch” den Nationalsozialisten und ihrer “Gleichschaltung” unterworfen.)

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90 Prozent der Fellachen sind Muslim, daneben gibt es 2 Mio Kopten. Die Moschee mit ihrem Minarett oder die koptische Kirche dominiert die Dorfarchitektur. Für die Zigel zum Hausbau oder um die Deiche auszubessern nimmt man den nächstliegenden Lehm. Die ägyptische Marktgesellschaftr hat 123 Märkte auf dem Land eingerichtet. Der Fellache sagt nicht, ich bin Ägypter, sondern ich bin aus dem Dorf Sowieso, das er nicht gerne verläßt. “In general, the fellahin like to be together, out of doors, and in crowds.” Obwohl in einer Herde lebend bleibt er im Grunde auf sich gestellt und isoliert. “This absence of coordination between homgenous elements has helped to maintain the Egyptian village and the peasant society in much the same state for fifty centuries.” Diese Formlosigkeit haben die  Regierungen gefördert, es hat ihre Autorität gestärkt.

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7. Das Haus und die Familie des Fellachen

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The men, who are more reserved, and by their way of life utterly materialistic, understand only sexual love.” Die Kinder helfen schon früh im Haushalt und in der Landwirtschaft.

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8. Traditionen der Erde

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Dieses Kapitel befaßt sich mit den ländlichen Ritualen, Feiern und Festen.

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9. Die Psychologie des Fellachen

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The fellah preserves and repeats, but does not originate or create. The fellah women aree not only more intelligent but more trustworthy than the men.” (Zitat von Sir William Willcocks) Weil der Fellache in der Gegenwart lebt, ist er weder in Eile noch anspruchsvoll noch neugierig. Er ist sanft und friedlich, weil er so geduldig ist – fatalistisch. Es gab jedoch einmal eine Rebellion von Fellachen gegen einige Großgrundbesitzer – 1951 in Mansura.

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10. Das Elend des Fellachen

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Am  Schlimmsten ist,  dass der Lebensstandard der Landbevölkerung derart gesunken ist, dass er unseren Humanismus beleidigt und das Ansehen des Landes beschädigt.” (Ali Shamsi) Obwohl verschiedene Ministerien jetzt sehr gute Arbeit leisten, hängt der Erfolg ihrer Reformen davon ab, dass sich genügend aktive junge Sozialarbeiter finden, die sie aufgreifen und in den Dörfern umsetzen. Der Mangel an jungen Intgellektuellen, die bereit sind, sich als Sozialarbeiter zu profilieren, ist für die Reformen auf dem Land schwerwiegender als das Fehlen von Investitionen. Die Elite des Landes hat sich von den Massen abgewendet. Es ist unsere Pflicht, den Fellachen zu befreien. Das ist die Aufgabe vor allem all jener, die von ihm profitieren. Es gibt Töchter von Grundbesitzern, die zu den Frauen der Fellachen gehen und sie unterrichten. Das ist wahrer Feminismus.

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11. Epilog: Fortschritt

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Though his habitat, the village, has not changed much, today the fellah is far more curious about things in the city, in the country as a whole. It is no longer very rare to find fellahin with battery-radios, even though there may not be another stick of furniture in the house. Also the gossip of the village is more cosmopolitan today. ”

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bauer2

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Anmerkungen:

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(1) So ähnlich drückte es auch der russische Schriftsteller Andrej Platonow aus. Die ägyptische Bodenreform ging einher mit der Vergenossenschaftung der Bauern – allerdings nicht so weit wie ab 1928/29 die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion, wo in der hitzigen Anfangszeit hier und da sogar das Geflügel kollektiviert wurde. Michail Scholochow schildert einen erfolgreichen Aufstand der Bäuerinnen gegen diesen revolutionären Rigorismus, den Stalin selbst – Anfang 1930 – in seinem berühmten Artikel “Vor Erfolg von Schwindel befallen” kritisierte.

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Der heute als der sowjetischste Schriftsteller von allen geltende Andrej Platonow (1899 bis 1951), begab sich nach Erscheinen dieses Artikels – im Auftrag der Zeitschrift “Krasnaja now” (Rote Neuigkeit) – sofort in sein Heimatgebiet Woronesh, wo er sich zuvor als Ingenieur an der Melioration und Elektrifizierung der Dörfer beteiligt hatte, um diese von Stalin proklamierte Wende in der Kollektivierungspolitik von unten mit zu bekommen. Seine währenddessen entstandene “Armeleutechronik ‘Zu Nutz und Frommen’” wurde zwar 1931 gedruckt, aber nachdem Stalin eigenhändig “Ubljudok” (Schweinehund) auf die Ausgabe geschrieben hatte, mußte der Chefredakteur Alexander Fadejew sich von ihr distanzieren. Er bezeichnete sie als “Kulakenchronik” und den Autor als “Kulakenagent”, der “das wirkliche Bild des Kolchosaufbaus und -kampfes verfälscht” und “die kommunistischen Leiter und Kader der Kolchosbewegung verleumdet” habe.

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Der Erzähler in Platonows “Chronik” ist eine “dämmernde Seele”, “zerquält von der Sorge um das Gemeinwohl”, der unruhig von einem Kollektiv zum anderen über Land wandert. In all seinen Büchern sind die Leute unterwegs, in der “Chronik” ist es Platonow selbst, ein “Pilger durchs Kolchosland” – der das Dorf verstand, wie Viktor Schklowski bereits 1926 feststellte, indem er aktiv an seiner Entwicklung teilnahm, denn “wertvolle Beobachtungen entspringen nur dem Gefühl emsiger Mitarbeit”. Diese Überzeugung teilte Platonow mit Sergej Tretjakow, der sich ebenfalls auf Viktor Schklowski berief, als er meinte, “der Schriftsteller muß in Arbeitskontakt mit der Wirklichkeit treten”.

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1930 stellte Tretjakow sich dem nordkaukasischen Kombinat “Herausforderung”, einer Vereinigung von 16 Kolchosen unweit von Beslan, für Bildungsarbeit zur Verfügung. Anschließend veröffentlichte er das Buch “Feld-Herren” darüber, das bereits im Jahr darauf auf Deutsch herauskam und hier fast zu einem Bestseller wurde. Es ist jedoch mehr von bolschewistischem Enthusiasmus als von wirklicher Kenntnis des Dorfes und der Landwirtschaft getragen – dazu absolut staatstragend. Der eher anarchistisch inspirierte Platonow ließ dagegen bereits 1928 in seinem Essay “Tsche-tsche-O” seinen Helden sagen: “Die Kollektive in den Dörfern brauchen wir jetzt mehr als den Dnjeprostroi…Und schon bereitet der Übereifer Sorgen…verschiedene Organe versuchen, beim Kolchosaufbau mitzumischen – alle wollen leiten, hinweisen, abstimmen…”, so zitiert ihn die Platonow-Expertin der DDR Lola Debüser, die darauf hinweist, dass der Autor die Tragik und letztlich das Scheitern der Kollektivierung vor allem im “staatlich-bürokratischen und repressiven Mechanismus” von oben sah, der den “Garten der Revolution” mit seinen “kaum erblühten Pflanzen” zerstampfte.

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Das Ringen mit dieser “mechanischen Kraft des Sieges” thematisierte Platonow auch in seinen zwei Romanen aus dem “Jahr des großen Umschwungs” 1929: “Tschewengur” und “Die Baugrube”. In diesem läßt er einen Kulaken sagen: “…ihr macht also aus der ganzen Republik einen Kolchos, und die ganze Republik wird zu einer Einzelwirtschaft…Paßt bloß auf: Heute beseitigt ihr mich, und morgen werdet ihr selber beseitigt. Zu guter Letzt kommt bloß noch euer oberster Mensch im Sozialismus an.” Daneben ging es Platonow auch um die durch die Mechanik der Macht (wieder) forcierte Trennung von Kopf- und Handarbeit, mit der die ganzheitlichen Maßstäbe und die bewußte Teilnahme des Einzelnen am Aufbau des Sozialismus zerstört werden. “Der Mensch war [durch die siegreiche Revolution] – so empfand Platonow das zumindestens – aus dem System der sozialen Determiniertheit ‘herausgefallen’, alles schien möglich und leicht realisierbar,” schreibt der russische Platonowforscher L. Schubin. Aber diese Möglichkeiten wurden nach und nach von der “Mechanik der Macht” zurückgedrängt. “Die Technik entscheidet alles,” verkündete Stalin 1934 und meinte damit nicht nur die Industrialisierung der Landwirtschaft – vom Traktor bis hin zu agronomischen Verfahren, sondern auch die administrativ umgesetzten neuen Erkenntnisse der Wissenschaft – vor allem der “proletarischen Biologie”.

Der französische Marxist Charles Bettelheim merkte dazu 1971 an: “Wer hier handelt, das ist die Technik, und es ist der Bauer, auf dessen Rücken gehandelt wird”.

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(2) Der französische Jurist und Diplomat Ferdinand de Lesseps erhielt am 30. November 1854 eine erste Konzession für den Bau des Sueskanals durch die von ihm zu gründendeCompagnie universelle du canal maritime de Suez, die anschließend den Kanal während der nächsten 99 Jahre betreiben sollte. Am 25. April 1859 fand die feierliche Eröffnung der Bauarbeiten auf dem Strandabschnitt statt, an dem später der zu Ehren des ägyptischen Vize-Königs Said Pascha „Port Said“ genannte Ort gebaut wurde.

Der Suezkanal war von Anfang an umstritten. Vor allem die brutalen Arbeitsbedingungen für die ägyptischen Bauern, die man zum Bau der Wasserstraße abkommandiert hatte, sorgten für Kritik. Erst fehlte es an sauberem Trinkwasser, dann brach eine Cholera-Epidemie aus. Insgesamt sollen 120 000 Menschen während der Bauarbeiten ihr Leben gelassen haben.“ (dpa)

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