vonHelmut Höge 24.03.2014

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

Mehr über diesen Blog

„Die Heimat ist ein reines Umweltproblem.“ (Jakob v. Uexküll)

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Die Heimat der Sklaven ist der Aufstand.“ (Heiner Müller)

 

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Der Gentrifizierungsgegner Andrej Holm hat gerade zwei Bücher über die derzeitigen Wohnprobleme in Berlin veröffentlicht: „Mieter Wahnsinn Warum Wohnen immer teurer wird und wer davon profitiert“ (im Verlag Droemer Knaur) sowie, als Herausgeber: „Reclaim Berlin“, dieser Reader erschien im Kreuzberger Verlag „Assoziation A“. Die Photos auf dieser Seite stammen bis auf wenige Ausnahmen aus der Serie WiW: „Wohnen in Westberlin“.

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1. Das tierische und pflanzliche Pendant zur Gentrifizierung

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Dieses Thema hat sich inzwischen derart ausgeweitet, d.h. globalisiert, dass es ein neues Fach: „Invasionsbiologie“ hervorbrachte. Auch in Berlin wird dazu geforscht. Die Zeitschrift „Siegessäule“ fragte sich kürzlich: „Gehört den Expets die Berliner Nacht?“ Bei den Expets handelt es sich um verwilderte Haustiere – u.a. die nachtaktiven Katzen, von denen es laut Auskunft des Tierschutzvereins 80.000 in Berlin geben soll. Daneben noch um entflohene Wellensittiche und Mandarinenten, ausgesetzte Wasserschildkröten, Zierfische, Haustauben und Balkonkaninchen… Letztere überleben allerdings nicht lange in Freiheit. Andere schon: Ein Ingenieur im Kraftwerk Klingenberg wollte 1981 für längere Zeit in Urlaub fahren und entsorgte sein Aquarium mit Guppys kurzerhand im Kühlwasser des Kraftwerks. Als man 1988 einige Leitungen erneuern wollte und zu diesem Zweck das Kühlwasser abließ, kamen mehrere Zentner Guppys mit raus. Im Rhein-Main-Gebiet gehören zu den Expets vor allem entflogene indische Halsbandsittiche, die sich dort derart vermehrt haben, dass sie immer wieder z.B. die Düsseldorfer Flaniermeile „Kö“ vollscheißen. Man will sie dort nun gewaltsam vertreiben.

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Die Globalisierung der Haustiere begann mit den (bäuerlichen) Auswanderern nach Amerika, Südafrika, Neuseeland und Australien: Sie brachten Pferde, Kühe, Ziegen, Schafe, Hunde und Bienen, aber auch viele europäische Obstbäume, Sträucher und Zierpflanzen mit in die Neue Heimat, wo diese nicht selten die dortige Flora und Fauna verdrängten. Oftmals nicht weniger brutal wie ihre weißen Besitzer mit den Ureinwohnern umgingen. Wobei diese zuvor bereits selbst einige Tier- und Pflanzen-Arten ausgerottet hatten.

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In Europa geschah umgekehrt Ähnliches: Erwähnt seien die Nutria und Waschbären aus den beiden Amerikas, die sich seit ihrem Heimisch-Werden hier ausbreiten. Für Berlin listete die dortige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt 1015 fremde Arten – Neophyten (d.h. nach 1492 ins Gebiet gelangte Arten) – auf, aber nur 271 konnten sich dauerhaft in der Stadt etablieren.Immer wieder wildern sich hier z.B. eingeführte Zierpflanzen und -bäume aus, was bisweilen Jahrzehnte dauern kann, bis sie sich akklimatisiert haben und alteingesessene Arten verdrängen. Bei der falschen Akazie (der nordamerikanischen Robinie) war das z.B. der Fall, aber auch beim japanischen Götterbaum, der sich hier 122 Jahre lang nicht vermehrte, aber im Frühjahr 1945, als alles in Trümmer lag, plötzlich loslegte.

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Besonders schlimm war es mit der amerikanischen Wasserpest, obwohl es hier nur weibliche Pflanzen gab, die männlichen waren in Amerika geblieben. Aber aus jedem abgebrochenen Stängel wuchs eine neue Wasserpest. Der Heidedichter Hermann Löns schrieb im Hannoverschen Tageblatt 1910: „Es erhub sich überall ein schreckliches Heulen und Zähneklappern, denn der Tag schien nicht mehr fern, da alle Binnengewässer Europas bis zum Rande mit dem Kraute gefüllt waren, so dass kein Schiff mehr fahren, kein Mensch mehr baden, keine Ente mehr gründeln und kein Fisch mehr schwimmen konnte.“

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Das Heulen hielt noch bis in die Sechzigerjahre an, aber dann ging die Plage zurück – vielleicht „ganz ohne Grund,“ wie der Berliner Biologie Bernhard Kegel in seinem Buch über die „biologischen Invasionen: Die Ameise als Tramp“ 2013 vermutet. Jeder kennt das Beispiel Kaninchen, die man in Australien aussetzte. Mit allen Mitteln hat man dort seit den Fünfzigerjahren versucht, die Kaninchenplage einzudämmen, zuletzt mit dem Virus einer für Kaninchen tödlichen Krankheit. Neuerdings erwägen „Australische Umweltschützer eine neue große Ausrottungsaktion gegen Kaninchen“ – die dritte, wie die F.R. schreibt. Aus dem Dokumentarfilm „Darwins Alptraum“ kennt man die Verheerung, die ein Dutzend Nilbarsche anrichteten, nachdem man sie im Viktoriasee ausgesetzt hatte: Sie vernichteten so gut wie alles Leben in diesem drittgrößten See der Welt – und damit auch ein Großteil der Lebensgrundlage der Menschen, die bis dahin vom See gelebt hatten.

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Auf den Galapagos-Inseln bedrohen die verwilderten Ziegen die einheimische Flora – und damit auch die Fauna. Auf Neuseeland sind es vor allem eingeschleppte Wespen, Ratten, Wiesel und der Kletterbeutler Fuchskusus, die die großteils flugunfähigen Vögel der Inselgruppe an den Rand des Aussterbens brachten. Auch die verwilderten Pferde sind den neu-seeländischen Naturschützern ein Dorn im Auge. Bernhard Kegel hat sich von ihnen für seine Studie, in der er die Situation vornehmlich in Deutschland und Neuseeland verglich, beeindrucken lassen, deswegen stimmt er auch deren „hässliche Notwendigkeit“ zu: „Ausrottung von Exoten,“ weil das aber fatal nach „Ausländer raus!“ klingt, spricht man dabei vornehm von „Neozoen“ bzw. „Neophyten“. Aber wie lange ist eine Pflanzen- oder Tierart ein Neuphyt und ab wann ein Altphyt? (In Berlin gilt das wie erwähnt für alle Arten, die es dort schon vor 1429 gab – kurz vor dem „Berliner Unwillen“). Die Frage stellte sich aber auch der Münchner Ökologe Josef Reichholf, wobei er zu dem selben Schluß wie sein Landsmann Karl Valentin kam: „Praktisch jede Art war irgendwo einmal fremd.“ Den auch von vielen Schweizer Naturschützern befürworteten Kampf gegen eingewanderte „Exoten“ hält Reichholf für einen Ausdruck von „konservativ-anthroponationalistischem Denken“. Derzeit richtet sich der deutsche Bürgerzorn gegen den giftigen Riesen-Bärenklau aus dem Kaukasus: Es wurden bereits Notruftelefone eingerichtet, damit man die neuen Ausbreitungsgebiete dieser Pflanze meldet, den Imkern ist sie als Bienenblume jedoch willkommen. Sie warnen umgekehrt vor der unaufhaltsam aus dem Süden nach Deutschland vordringenden Riesenhornisse, die ihren Bienenvölkern gefährlich werden könnte.Die FAZ schrieb:

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„Die Asiatische Hornisse ist in Europa heimisch geworden. Im Jahr 2004 wurde sie dort erstmals entdeckt, unweit einer auf Bonsai spezialisierten Gärtnerei im südwestlichen Frankreich. Vermutlich waren ein paar Hornissenköniginnen mit aus China importierten Pflanzen eingereist, weil sie sich als Winterquartier einen Blumentopf ausgesucht hatten. Mittlerweile haben sich diese blinden Passagiere eifrig vermehrt und nicht nur im Süden und Westen von Frankreich breitgemacht. Hier und da sind sie auch schon nach Norden und Osten vorgedrungen und über die Grenze ins spanische Baskenland. Damit ist ihr Siegeszug aber sicher noch nicht beendet. Langfristig wird die Asiatische Hornisse wohl einen Großteil Westeuropas und der Region rings ums Mittelmeer erobern, das befürchten Wissenschaftler um Claire Villemant und Morgane Barbet-Massin vom Muséum National d’Histoire Naturelle in Paris.“

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Die Invasionen finden vor allem unter Wasser statt – und eher unbemerkt: Immer wieder werden irgendwelche exotischen Fische, Krebse und Muscheln – bis hin zu Schnapppschildkräten in den hiesigen Gewässern ausgesetzt oder sie kommen an der Außenhaut von Überseeschiffen haftend hierher. Zudem erlauben es die mit Kanälen verbundenen europäischen Wasserstraßen sogar Organismen aus dem Schwarzen Meer, sich ohne fremde Hilfe bis nach Norddeutschland auszubreiten. Bernhard Kegel erwähnt daneben das Ballastwasser, das die Handelsschiffe aufnehmen, über den halben Erdball transportieren und dann irgendwo wieder ablassen: „Durchschnittliche Containerschiffe führen teilweise über 10.000 Tonnen Wasser mit sich“ – und darin schwimmen Millionen planktonische Larven. Ein Untersuchung der Ballastwasserproben von 159 japanischen Handelsschiffen ergab, dass sie 367 verschiedene Tier- und Pflanzenarten enthielten. Ausgehend von 35.000 Schiffen, die auf den Weltmeeren unterwegs sind, bedeutet dies, das „mehrere tausend Arten täglich an einer Schiffsreise“ teilnehmen – und sich dann anderswo ausbreiten.

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Als einer der ersten, der die Globalisierung einer Tierart und ihre Folgen thematisierte, darf der tschechische Nationaldichter Karel Capek gelten. In seinem Roman „Der Krieg mit den Molchen“ (1936!) geht es um den ostasiatischen Riesensalamander, denen ein Kapitän in seinem letzten Rückzugsgebiet bei Sumatra half, sich gegen ihre Freßfeinde, Haie, zur Wehr zu setzen, wofür diese „Molche“, die von Muscheln leben, sich mit deren Perlen für ihn bedankten. Nach und nach werden sie daraufhin überall angesiedelt, wobei man sich ihrer zunehmend auch beim Kanal- und Deichbau bedient. Schließlich sind sie so wehrhaft gemacht worden, dass die Staaten sie als Küstenschutztruppe in Dienst nehmen – und dann als Hilfstruppen gegeneinander hetzen. Die Molche wenden sich jedoch – vereint – gegen die Menschen, nicht zuletzt, indem sie immer größere Stücke vom Binnenland in unterspülte Uferzonen verwandeln, weil sie wegen ihrer außerordentlichen Fruchtbarkeit (jedes Salamanderweibchen legt hunderte von Eier jährlich) ständig den Lebensraum erweitern müssen. Man weiß nicht, ob man sich als Leser dieser Kriegsschilderung auf die Seite der Menschen oder der Molche schlagen soll.

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Der Steglitzer Eduard Schlitz liest Kriegsgeschichten am Liebsten im Bett

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Der Berliner Peter las dagegen gerne harmonisch ausgehende Tiergeschichten

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2. Tiergehege und -behausungen

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Wo in der Stadt die wilden Tiere wohnen“ – ist eine beliebte Feuilleton-Überschrift für Artikel über die Stadtnatur. „Wie Tiere wohnen“ ist dagegen ein BRD-Kinderbuch „mit spektakulären Pop-Up-Szenen“, während das entsprechende DDR-Buch etwas weniger reißerisch „Bauten der Tiere“ heißt. Gemeint sind in beiden Fällen die von Tieren gebauten Höhlen, Nester und Schlupfwinkel – über die Goethe schrieb: „Die wunderbarsten Phänomene der Ökonomie der Insekten, besonders bei dem Bau ihrer Wohnungen, lassen sich vielleicht auf das unmittelbare Gefühl der Bedürfnisse, des Materials und Lokals am besten reduzieren.“ Kann man das nicht auch in bezug auf die menschlichen Hütten und Paläste sagen? Hier geht es jedoch nicht um Tierbauten, sondern um die künstlich geschaffenen Räume und Bauten für wilde Tiere in der Stadt: Zoos, Menagerien und Tiergärten.

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Der wissenschaftliche Direktor des Berliner Zoos bis 1945, Lutz Heck, meinte einmal gegenüber der Schriftstellerin Vilma von Loesch, der „persönlich immer beklommen zumute“ war, wenn sie an seinem „großen Tiergefängnis“ vorbeiging:

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Wir bieten unseren Tieren lebenslängliche Versorgung, einen Arzt, wenn sie krank sind, freie Wohnung, Schutz gegen böse Feinde, kurzum, lebenslängliche Pension und Versicherung. Wie viele Menschen haben eine so gesicherte Zukunft vor Augen?“

 

Das sah 1963 auch wohl der damals noch so gut wie nichts verdienenende spätere Ästhetikprofessor Bazon Brock so, als er den Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek bat, ihm einen Käfig frei zu machen.

 

Walter Benjamin hatte diesbezüglich jedoch bereits 1928 zu denken gegeben – als er über den im Berliner Zoo als eine Art Brunnen gestalteten „Zwinger“ des Fischotters schrieb: „Wie man aus der Wohnung, wo einer haust, und aus dem Stadtviertel, das er bewohnt, sich eine Bild von seiner Natur und Wesensart macht, hielt ich es mit den Tieren des Zoologischen Gartens.“

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„Traumhäuser des Kollektivs“ nennt Walter Benjamin diese Einrichtungen auch an anderer Stelle, die von Christina Wessely in ihrem Buch darüber – „Künstliche Tiere“ –  als „Räume des Wissens“ bezeichnet werden – vor allem des „sozialen und kulturellen Wissens“. Der Bürger kennt die dort inhaftierten und zur Vermehrung angehaltenen wilden Tiere zunächst aus Büchern – die Zoos wollten dann die Geschichten und Bilder darin gewissermaßen Nachstellen – mit Leben füllen. Anfänglich wird dieses Leben in der Presse auch noch kritisiert, wenn es nicht so wild und gefährlich tut, wie man es von ihm erwartet, wenn z.B. die Löwen nur dösen und die Eisbären nicht auf Pseudoeisschollen lauern, sondern im Schatten liegen. Auch die Zoobesucher beschweren sich mitunter bei der Zoodirektion, und fordern z.B. die Durchsetzung des Verbots der Vielweiberei auch bei dem Pascha auf dem Pavianfelsen  – die anderen (schmächtigen) Männchen sollen auch ein Weibchen abbekommen: „Ich erwarte, dass die Direktion aus Gründen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit sofort Abhilfe schafft.“

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Immerhin: Vor ihren Gehegen und Käfigen vermischen sich promenierend die Klassen und lassen sich unaufdringlich belehren. Auch wenn in der Zoogründungswut des 19.Jhds. so manche wilde Tierart darüber auszusterben drohte. Der Tierverbrauch dieser Einrichtungen ist nach wie vor gewaltig – viele sterben schon beim Einfangen in ihrer Heimat, noch mehr beim Transport nach Europa und noch einmal so viel aufgrund von falscher Ernährung, falscher Behandlung und Trauer über ihre Gefangenschaft.

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Dies gilt z.B. für Elefanten, die derzeit wieder wegen ihres Elfenbeins in Freiheit  auszusterben drohen. Die auf größere Sicherheit (Kontaktlosigkeit) und „Wissenschaftlichkeit“ (Behavioural Enrichment) erpichte Elefantenhaltung in Europa war bisher nicht erfolgreich. Der Zürcher Elefantenpfleger Ruedi Tanner macht an einer Stelle seiner Biographie die Rechnung auf: „Zwischen 1902 und 1992 wurden 120 asiatische Elefanten geboren. 19 dieser Jungen wurden tot geboren, 12 wurden von ihrer Mutter sofort nach der Geburt getötet. 12 erreichten das Alter von einem Jahr nicht. 7 Jungen mußten künstlich aufgezogen werden; fünf davon überlebten. 13 Junge starben im Alter unter 5 Jahren, 8 weitere vor Vollendung des zehnten Lebensjahres und nochmals 8 Kälber starben vor ihrem zwanzigsten Geburtstag. Älter als zwanzig Jahre wurden lediglich 18 Tiere. Von den Jungen, die seit 1982 geboren wurden, sind noch 16 am Leben. Das ist die Bilanz von neunzig Jahren europäischer Elefantenzucht.“

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Zuletzt verzichteten sogar einige europäische Zoos auf Expansion und diese oder jene Tierart – eben damit sie in ihrer Heimat nicht ausstirbt. Aber just dann fingen die ölexportierenden arabischen und südamerikanischen Länder an, wie verrückt Zoos zu bauen – und damit fing das Gefangenschafts-Elend für weitere Zigtausend wild lebende Tiere an. Auch für Haustiere, die z.B. aus Europa in den Nahen Osten verfrachtet wurden, um dort angesiedelt zu werden – oftmals mit großzügiger „Entwicklungshilfe“ von hier. Der Tierpfleger Manuel Rahn, der Rindertransporte von Hamburg  über Marseille nach Marokko und Ägypten begleitete, erwähnte in der zweiten Ausgabe der „Tier-Studien“:

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Ab und zu habe ich auch mal einen kleinen Zug mit schottischen Hochlandrindern begleitet. Die kamen dann mit dem Schiff von Marseille aus nach Dubai. Dort hatten irgendwelche reichen Araber sich eine riesige gekühlte Halle in die Wüste stellen lassen. Die wollten da diese zotteligen Rinder züchten. Ihnen wurde eine großer Kühlschrank – für den Bullensamen – mitgeliefert.“

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Aber weiß man überhaupt, dass z.B. die Fische in den städtischen Aquarien meist nur wenige Tage oder Wochen leben – und deswegen ständig neue angeschafft werden müssen? Man sieht es diesen Tieren nicht an, dass es bei jedem Aquariums-Besuch andere sind. So wie man es auch den meisten Straßenbäumen nicht ansieht, dass sie ständig gefällt und neu gepflanzt werden. Die Aquarien sind eben immer voll und die Straßen immer voller Bäume – und wehe wenn sie nicht nachgepflanzt, da gründet der Bürger sofort eine BI oder eine „Kampagne ‚Stadtbäume für Berlin‘: Bis Ende 2017 sollen 10.000 zusätzliche Straßenbäume gepflanzt werden. Helfen Sie mit und spenden Sie für Berliner Stadtbäume.“ Der Bürger ist geschult die Art zu erkennen, aber nicht das Individuum

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Derzeit soll hier der Zoo und der Tiergarten dem Amüsierpöbel geopfert werden! Schon jetzt ist der Westberliner Zoo vollgestopft mit Tierplastiken und Kinderspielplätzen, es finden dort Hochzeiten und Jubiläen statt. Ein Riesenrad nebendran, von einem holländischen Investmentfonds geplant, konnte gerade noch verhindert werden. Die Ickeberliner amüsieren sich aber auch so mit Kind und Kegel wie Bolle, während die armen Tiere um sie herum in mittelalterlichen Käfigen zwischen orientalisierten Fake-Kulissen ihre Lebenszeit verdämmern. Man fühlt sich einfach Scheiße nach einem Zoo-Besuch.

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Etwas besser ist es im Tiergarten, der einmal der größte der Welt war und von daran interessierten Ostberliner Bürgern mittels „Aufbaustunden“ mitgestaltet wurde. Gegründet wurde er vom „DDR-Grzimek“ Professor Dathe. Nach der Wende verlor dieser sofort seine Stellung und Wohnung als Tierparkdirektor. Zoo und Tierpark werden seitdem zusammen verwaltet – von einem Gremium honoriger Westbeamter. Gegenüber der Ost-Journalistin Gisela Karau äußerte Dathe nach seiner Zwangspensionierung den Verdacht: „Der Tierpark wird wohl weiterbestehen, aber vielleicht als eine Art Hirschgarten, der keine Konkurrenz für einen Zoo darstellt. Wir waren immer ein Wissenschaftszoo, der Westberliner mehr ein Schauzoo. Und die Wissenschaft muß weg.“

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Bei der Gründung des Zoos im 19.Jhd. sprach die Vossische Zeitung noch von einem „stillen erheiternden Naturgenuß für Arm und Reich“ und dem „schönen Zweck einer wahren Volksbelehrung“. Nun will man sich jedoch an den „Erfolgsrezepten“ des Hannoveraner und Leipziger Zoos orientieren. Der Zoo-Direktor von Hannover Klaus-Michael Machens weiß nämlich, was das heutige Publikum will: „Die Menschen kommen nicht in den Zoo, um sich belehren zu lassen, sie wollen etwas erleben. Man muß sie begeistern und faszinieren.“

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Mit einem „Geheimplan“ zur Modernisierung der beiden Berliner Einrichtungen wollten einige Westbeamte der Standortkonkurrenz die Stirn bieten. Da der Zoo-Tierpark-Direktor Bernhard Blaskiewicz mauerte und weiterhin auf „Zuchterfolge statt Erlebnispark“ beharrt, gaben sie das „streng vertrauliche Papier“ der BZ, die sich einige Highlights herauspickte: das Elefantengehege – „indische Traumwelt statt Tristesse (wie es sich jetzt noch darstellt), bei den Giraffen: „Grün statt Gitter“, beim Panda ein „chinesischer Pavillon“ und bei den Eisbären: „Erlebniswelt statt Steinhaufen“. Dazu ein neues „Erlebnisaquarium“, ein „Regenwaldhaus“, „Shops für Merchandisingprodukte“, „Ausstellungsflächen“, erhöhte „Aussichtspunkte“ und „lukrative Restaurants“.

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Wir haben es hier mit einem „Bauprojekt“ zur Aufhübschung der Kulissen zu tun, mit dem Ziel, die einst postulierte „Gemeinnützigkeit für alle“ in eine, internationalen Standards genügende Vergnügungsoption für die gehobenen Klassen zu verwandeln. Diesem typischen Modernisierungsdenken Westberliner Bau-Projektemacher entsprungenen „BZ-Geheimplan“ steht die um sich greifende Einsicht gegenüber, das es seit dem Zerfall der Sowjetunion nicht mehr um Modernisierung, sondern um Ökologisierung geht.

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So schafft es vielleicht der „Juchtenkäfer“ zusammen mit den FFH-Artenschutzrichtlinien der EU, was die 100.000 Demonstranten in Stuttgart nicht geschafft haben: den Stopp des Großbauprojekts „Stuttgart 21“, denn der Lebensraum des seltenen Käfers wurde bei den 25 bis jetzt gefällten Laubbäumen am Hauptbahnhof ohne EU-Genehmigung mit zerstört. Auch das Halten seltener Tiere wird ständig gesetzlich verschärft. Schon will man den herumziehenden Zirkussen verbieten, überhaupt noch wilde Tiere zu dressieren und auszustellen. Die Tierschützer sprechen hierbei vom „Mißbrauch in der Manege“. Daneben werden immer häufiger wissenschaftliche Experimente mit Tieren – zuletzt die von einem Affengehirnforscher an der Universität Bremen – zu einem „Skandal“. Es ist jedoch nicht so, dass sich keiner Gedanken über den Tieren angemessenere Haftbedingungen in den Zoos macht. 2008 lobte das Feuilleton z.B. das neue Menschenaffenhaus des Frankfurter Zoos, „Bogori-Wald“ genannt: „Wie der Name schon erahnen lässt, wurde die Natur in Form von vielen Bäumen, Sträuchern, Felsen und Naturboden in das Haus geholt, so dass sich Mensch und Tier wie im Dschungel fühlen können,“ schrieb eine Lokalzeitung – reichlich naiv.

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Dass die Löwen, Panter, Wölfe und Hyänen aufhören, in ihren Berliner Gehegen ständig auf und ab zu gehen, wenn sie erst hinter „naturnahen Kulissen“ eingesperrt sind, ist ebenso zweifelhaft, wie dass die träge ihre Tage verdösenden Huftiere sich nach Modernisierung ihrer Stallungen und ihres Auslaufs aufraffen, um „die Menschen“ wieder und wieder „zu begeistern und zu faszinieren“.

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Die Verhaltensforschung ist bereits von der Beobachtung einer Art zu der von Individuen fortgeschritten. Indem die Bundesverfassung der Schweiz Tieren wie Pflanzen eine Würde zugesteht, hat sie über den Arterhalt hinaus (um z.B. den „Gen-Pool“ nicht zu schmälern) den einzelnen Tieren und Pflanzen so etwas wie „Menschenrechte“ (im Sinne der Französischen Revolution) eingeräumt. Es geht dabei um die Verbesserung ihrer Lebens- und Haltungsbedingungen – u.a. auch in den Zoologischen Gärten. So dürfen z.B. keine Herdentiere – vom Meerschweinchen bis zum Bison – mehr einzeln gehalten werden.

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Die Springerpresse spricht dagegen im Sinne der Bauunternehmer „Klartext“: „Es geht für den Tierpark auch ums Überleben. Die Modernisierung spart nicht nur Zuschüsse“ (vom Senat – derzeit 7,5 Mio jährlich). Noch klarer ausgedrückt: Wenn speziell der (Ostberliner) Tierpark nicht endlich aus dem Knick kommt, wird er zum „Hirschgarten“ rückgebaut – und der Zoo mausert sich allein zu einem Mega-„Amüsierbetrieb“ für jung und alt. Man bekommt bei diesem „Geheimplan“ die Gewißheit, dass das derzeitige Restaurationsklima bereits bis in die Zooarchitektur durchgedrungen ist. Wenn die Situation sich ändert, geht es aber auch anders herum: So kamen z.B. die Professoren und Kuratoren des königlichen Tiergartens in Paris den Forderungen der Französischen Revolution zuvor, indem sie sich ganz schnell „demokratisch“ umstrukturierten. Auch dem Junktim des Konvents, dass der Zoo nur erhalten bleibe, wenn der Löwe darin nicht mehr länger als „König der Tiere“ gelte, kamen sie sofort nach.

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Letzte Meldung: „Bernhard Blaszkiewitz scheidet als Chef des Berliner Zoos und Tierparks aus, der neue Direktor Andreas Knieriem will den Besuchern mehr Attraktionen bieten.“Die taz titelte: „Blaszkiewitz war umstritten, er stand für einen Zoo alter Schule. Nun fürchtet er um sein Erbe.“

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Der neue Zoo/Tierpark-Direktor Andreas Knieriem findet: „Der Tagesablauf der Tiere muß spannender werden.“ Er kommt aus München und weiß wahrscheinlich nicht, dass es hier in bezug auf die Präsentation wilder Tiere eine ganze sogenannte „Berliner Schule“ gibt. Dazu führte der Chefpräparator der Naturkundemuseums Werner Matzke in einem Interview aus:

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„Bewußt bemüht man sich meist, eine ruhige sehr ausgeglichene Geschichte zu machen. Um die Jahrhundertwende waren so Action-Sachen sehr beliebt. Und das kommt jetzt wieder, zumindestens bei den westlichen Präparatoren. Früher hat man es so gemacht, nehmen wir ein Beispiel: einen Adler, der hatte weitgespreizte Flügel, auf dem Abflug oder so, und eine Wildkatze unter sich, die Wildkatze hat sich aufgebäumt – eine Kampfszene. Oder kämpfende Hirsche. Hirsche mußten immer kämpfen. Mein Lehrmeister hat dazu gesagt: ‘Genauso wie der Reiher nicht ständig scheißt, wird der Hirsch auch nicht ständig kämpfen’.

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Um die Jahrhundertwende wurden alle Raubtiere z.B. mit aufgerissenem Rachen gezeigt. In der Natur oder im Zoologischen Garten passiert das höchstens, wenn sich zwei begegnen, die fauchen sich vielleicht kurz mal an, das ist eine Sache von Sekunden, man sieht es kaum, oder sie gähnen mal kurz, und dann ist das Maul wieder zu. Die Jäger beeinflussen die Sache auch. Gerade bei Privatpräparatoren. Jeder jagende Bauer oder Jäger möchte das größte Wildschwein geschossen haben, so wie das bei den Nazis der Fall war. Nun kann ich, sagen wir mal, aus einem mittelmäßigen Schweinchen auch durchaus ein größeres Schwein machen. Das kann man machen. Man kann die Zähne etwas weiter rausziehen usw. Und für die selbständigen Präparatoren, die hinterher auch noch einen Preis oder ein Trinkgeld haben wollen, ist so etwas auch durchaus lukrativ. Wenn der Jäger anschließend mit so einer Riesentrophäe in seinen Jagdkumpelkreis reinkommt und sagt ‘Mensch, das ist vielleicht ein Keiler gewesen’ und er kann da eine Geschichte erzählen, dann ist das natürlich toller, als wenn er nur einen mickrigen Überläufer geschossen hat.

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Andererseits, wir hier und auch ich, das ist so ein bißchen die ‘Berliner Schule’, da hat man eine Phase, die eher Ruhe ausstrahlt, wo eigentlich die Bewegung da drin nur erahnbar ist. Kollegen von mir, im Bremer Überseemuseum, die ich sehr schätze, die haben z.B. eine Säbelantilope, die jagt über die Steppe, im Hintergrund ist auch noch ein fahrender Jeep gemalt, wo irgendwelche Leute drauf sind. In Amerika gibt es auch so etwas: ganze galoppierende Herden. Das ist, als wenn ich ein Fernsehbild anhalte. Eine erfrorene Bewegungsphase. Wenn ich da eine Sekunde hinkucke, ist es phantastisch, präparationstechnisch absolut genial gemacht, Hut ab auch vor der statischen Seite. Das sind ganz komplizierte Geschichten, so ein galoppierendes Tier zu zeigen. Aber es ist eine eingefrorene Phase, die eigentlich das Ding nicht bringt. Meine Auffassung ist so: Wenn ich z.B. ein Reh habe und ich will da eine Spannung reinbringen – das Ding ist gelaufen, hat also eine Schrittfolge gehabt, dann am Boden geäst und plötzlich hat es ein Geräusch gehört, nimmt den Kopf hoch, macht sich relativ lang und hat also dieses Äugen in die Gegend, und ist dabei also schon so weit gespannt, daß es im nächsten Moment abspringen könnte. D.h. wenn der Besucher erahnt, daß jetzt gleich was passieren könnte, aber es kann genausogut auch im nächsten Moment feststellen, es ist nichts, und frißt weiter. Es muß eine Zeitebene drin sein und es muß auch eine Geschichte erzählt werden können an diesem Tier. Man möchte also dem Besucher auch eine Überraschung lassen: Was könnte aus der Sache werden. Man muß sich mit dem Tier auch identifizieren können.

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Ein Adler, der einen Lux angreift oder ein Löwe, der ein Schaf reißt oder galoppierende Tiere sind natürlich…so etwas zu machen würde mich allerdings auch mal reizen. Aber eigentlich fehlt mir bei der Sache die Ruhe. Wenn man sich die länger ankucken soll, muß die eigentlich etwas ausgeglichener sein. Daß man im Westen eine größere Vorliebe für diese Action- Präparationen hat liegt vielleicht an der Reizüberflutung. Wenn irgendsoeine Kindergruppe durchs Museum rennt und sieht ‘Oh, da passiert was’ – die Tiere rennen, galoppieren, springen. Es geht um das Spektakuläre. Eine Vorliebe für das größte, schnellste, schwerste usw. Man kann z.B. noch so viele schöne Edelsteine zeigen, wenn man ein Stück Kohle in eine große Vitrine legt und stellt zwei Polizisten dazu, da stehen sie dann Schlange. Während sich für die Diamanten daneben, wo nichts dransteht, niemand interessiert.“

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Ein Diaabend zu Hause bei Familie Dreßen in Schöneberg

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3. Tierwohnungen

 

Die in Prenzlauer Berg lebende finnische Künstlerin Maria Leena Räihälä vertreibt Vogelhäuschen, die ihr Vater, ein Förster, konstruiert hat. Die taz vertreibt dagegen eine „Spatzen-WG“ und sogar ein „Insekten-Hotel“. Vogelhäuschen gibt es in allen möglichen Variationen – bis hin zu ausgeweideten Kuckucksuhren an den Bäumen. Auch bei den Bienenkästen gibt es viele verschiedene Arten. Sie heißen Heroldbeute, Zanderbeute, Lorenzbeute usw. Schier unübersehbar ist daneben die Zahl der Entenhäuschen. Bei den Storchennestern behilft man sich meist mit sogenannten Nesthilfen, z.B. indem man ein großes Wagenrad auf sein Dach montiert. Für exotische Vögel gibt es Indoor-Nester: z.B. kugelrunde für Webervögel, die man in den Käfig oder die Voliere hängt.

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Den Fledermäusen wird geholfen, indem man Fabriken und Ähnliches abwickelt und die Gebäude anschließend leer stehen läßt. Dies verschafft auch anderen Säugetieren, wie z.B. Füchsen, ein Zuhause. Für Hunde, aber auch für Goldhamster, hält der Supermarktkonzern „Freßnapf“ ein großes Sortiment an „Hütten“ in seinem Angebot. Katzenhütten gibt es in unterschiedlicher Ausführung bei der spanischen Firma Miscota. Igelhäuschen u.a. bei der Firma „denk-keramik“. Pferdeboxen und Stalleinrichtungen bietet z.B. die Laake GmbH an. In Hamburg hat ein Künstler einmal solche Boxen für Obdachlose bereitgestellt. Neuerdings bauen sich diese auf noch unbebautem Gelände in Berlin auch selber solche Boxen, die Boulevardpresse bezeichnet ihre Ansammlungen, z.B. in der Cuvrystrasse und am Oranienplatz, als „Kreuzberger Slums“ – bestehend aus „Bretterbuden, Wellblechhütten und Zelte“ (53.000 Obdachlose suchen täglich die Berliner Nachtasyle auf). Die F.R. sprach neulich in ähnlicher Weise von einem „Slum an der Gutleutstrasse“ (in Frankfurt). Am Berliner Oranienplatz wurde einer der Flüchtlinge, die den Platz besetzt haben, interviewt – über die bisherigen Verhandlungen mit der Bezirksregierung, er meinte: „Sollen wir wieder ins Lager. Wir gehen nicht ins Lager. So ein Heim ist wie ein Stall – aber nicht für Tiere sondern für Menschen.“

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Auf dem Dauercamperareal in Kladow

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4. Buswartehäuschen

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„Zeit ist in der kleinsten Hütte“ (Tomas Schmid)

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Plötzlich schärfte sich mein Blick für Buswartehäuschen – durch ein Photo von einer vielköpfigen Familie aus Kurdistan, die in Istanbul in einem Buswartehäuschen wohnt. Und ein weiteres Photo aus der Uckermark, auf dem man ein Buswartehäuschen an einer Landstraße sieht, an dem jedoch nie ein Bus hält, es soll bloß über die Oder gekommene illegale Einwanderer täuschen: Wenn sie dort auf einen Bus warten, der nie kommt, werden sie stattdessen über kurz oder lang von einer Grenzschutz-Patrouille aufgegriffen.

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An der Landstraße zum Gut Neuendorf bei Buchholz entdeckte ich dann ein frisch geweisstes Buswartehäuschen. Statt einer Sitzbank befand sich innen ein Tisch mit einer roten Samtdecke, auf der Orangen aus Israel lagen, die man während des Wartens essen konnte. Für Nachschub sorgte ein Künstler: Claudius Wachtmeister. Seine Arbeit gehörte zu einer Erinnerungs-Ausstellung der Gruppe „LandKunstLeben“ auf dem Gut Neuendorf, das einmal bis zur Enteignung durch die Nazis in jüdischem Besitz war und zuletzt als „Hachscharah“ diente: als Ausbildungsstätte für Juden, die nach Palästina auswandern und dort in einem Kibbuz arbeiten wollten.

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In Berlin gestaltete der Hamburger Künstler Thorsten Brinkmann im Auftrag der Stadtreinigungsbetriebe einen „Bus Stop“ aus Sperrmüll, den er neben dem Dom aufstellte. In einem Zeit-Magazin fand ich eine Bild-Reportage über die Landjugend in Schleswig-Holstein, die ihre Freizeit zumeist in den Buswartehäuschen ihrer Dörfer verbringt. Auf dem Heavy-Metalfestival in Wacken spielte eine Combo im dortigen Buswartehäuschen. Der Bundesverband der Jungbauern warb auf der Grünen Woche für sich mit einem Buswartehäuschen. Seitdem geben die österreichischen und bayrischen Jungbauern alljährlich Kalender mit Photos von halbnackten Jungbäuerinnen heraus, wobei eine sich im Buswartehäuschen ihres Dorfes ablichten ließ. Die Attraktivisten präsentierte gerade der „Playboy“ in „sexy Dessous“. Die Vorsitzende des Bundes der Deutschen Landjugend, Magdalena Zelder, hatte auf dem letzten Deutschen Bauerntag die Losung ausgegeben: „Landwirt zu werden muß in Zukunft cooler sein, als BWL zu studieren“.

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Bei Altenbruch baute eine Jugendgruppe in Eigeninitiative ein Buswartehäuschen aus Holz: „schade, dass sie es nicht aufstellen durfte,“ meldete der NDR. Am Ortsausgang von Thallichtenberg in Richtung Pfeffelbach wurde ein Buswartehäuschen aufgestellt, das die „Oie AG“ dem Bürgermeister „sponsorte“. In einem Berliner Seniorenheim stieß ich in dessen Garten auf ein Buswartehäuschen. Es wurde für seine dementen Insassen aufgestellt, für die es eines der wenigen Erinnerungen darstellt, die sie noch haben, weswegen sie – die einst eventuell ihre Jugend in einem solchen Buswartehäuschen auf dem Land verbracht hatten – sich gerne in diesem Buswartehäuschen des Pflegeheims aufhalten. Ebenfalls in Berlin – am Kreuzberger Mehringplatz hat man neben den Parkbänken, auf denen sich die Penner treffen, noch zusätzlich ein Buswartehäuschen für sie aufgestellt, damit sie bei Regen nicht naß werden. Den Pennern am Oranienplatz stellte man stattdessen ein futuristisches Pissoir neben ihre Parkbänke. Dafür wurde das Altberliner Pissoir am Heinrichplatz vom Bezirksamt entfernt und – generalüberholt – auf dem Rüderheimerplatz in Wilmersdorf wieder aufgestellt, wo man anscheinend pfleglicher damit umgeht als im „Problembezirk“. In einer Kneipe am Schlesischen Tor kam ich mit einer Kellnerin ins Gespräch, die eine zeitlang von der BVG ausrangierte Buswartehäuschen per Schiff nach Gambia exportiert hatte, wo sie jedoch nicht zum Warten, sondern als Regen- und Staub- Schutz für große Trommeln, die man auch Buschtelefon nennt, benutzt werden. Man spricht deswegen dort auch von Buschtelefonhäuschen.

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In der Rhön – im bayrischen und im thüringischen Teil – haben einige Kulturwissenschaftler aus Würzburg ihre dorfsoziologische Studie mit einem Vergleich der Inschriften in den Buswartehäuschen – des Ostens („Sven liebt Chantal“) und des Westens („Stardust – Lena“) – begonnen. Auf der Fahrt nach Strausberg kam ich an einem umgekippten Buswartehäuschen vorbei, auf das jemand ein großes Anarcho-A gesprüht hatte, und hinter Oranienburg entdeckte ich ein halbkaputtes Wartehäuschen, auf dessen Innenwand „Nazis raus!“ stand. Die Freie Presse Sachsen meldete, in Kühberg habe ein Betrunkener mit seinem Auto ein hölzernes Buswartehäuschen im Wert von 9000 Euro völlig zerstört. Auf der Berlinale lief ein weißrussischer Dokumentarfilm, der ausschließlich in und vor einem großen Buswartehäuschen an einer Landstraße spielte. Nicht wenige Regionalkrimi-Autoren plazieren ihre Leiche(n) inzwischen in Buswartehäuschen. Ich vermute, weil immer öfter in der australischen und amerikanischen Presse von „Bus Stop Mördern“ die Rede ist. Daneben aber ebenso oft auch von „Bus Stop Geburten“. In den angloamerikanischen Buswartehäuschen wird glaube ich viel mehr gelebt, aber auch viel mehr gestorben als in den hiesigen. Das Warten in diesen Häuschen scheint dort fast eine Art Nullsummenspiel zu sein. Vielleicht geht das in diesen von Massenmedien zusammengehaltenen Gesellschaften auf den erfolgreichen Marilyn-Monroe-Film „Bus Stop“ zurück? Das führte erst zu „Sexy Bus Stop Girls“ und dann zu „Bus Stop Pornos“, was dort izwischen ein eigenes Genre ist.

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Auf dem Weg nach Süddeutschland wird die Buswartehäuschen-Architektur immer abwechlungsreicher: Es gibt gemauerte, gekachelte, gefachwerkte, reitgedeckte und aus einem Guß gepresste.

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Auch einer der größten Buswartehäuschen-Hersteller kommt aus dem Schwäbischen: die Firma Liefcom. Sie bietet ihre „Fahrgastunterstände“ – mit Namen wie Pegasus, Zwilling, Matrix, Pluto, Venus, Mars, Saturn – in der ganzen Welt an, wobei die Benamung immer „spaciger“ wird. Die BVG verspricht dagegen den Berlinern zukünftig „mehr intelligente Wartehäuschen“ – mit „Internet-Terminal und Solarpanels bestückt“. Die BVG-Buswartehäuschen selbst liefert der Unternehmer Hans Wall – kostenlos, er darf sie dafür mit Leuchtwerbung bestücken. Ein Hannoveraner Werbebüro wirbt mit dem Spruch „Sex sells Buswartehäuschen“, Ikea wirbt mit einem zum „Living Room“ ausgestalteten Buswartehäuschen und im Forum „Sex an ungewöhnlichen Orten“ erwähnt ein „Jippi (40)“ “ Buswartehäuschen im Winter“. Währenddessen mehren sich die Attentate (mit Flusssäure) auf die Berliner Buswartehäuschen, zuletzt wurden bei zweien am Schlesischen Tor die Scheiben verätzt. Sie mußten ausgewechselt werden, auch die Wall-Werbung wird oft zerstört. Ein Neuköllner Quartiersmanagement bewog dieser Vandalismus bereits, eine Ausstellung in den dortigen Buswartehäuschen zu veranstalten – um sie besser ins Quartiersgeschehen zu integrieren. Es gibt schon die ersten Coffee-Table-Books über Buswartehäuschen – mit Titeln wie „Architekturen des Wartens“ und die Veröffentlichung eines „Internationalen Design-Projekts“, das neue Buswartehäuschen (für Hannover) zum Thema hatte. Auch die Firma Faller hat diese Häuschen mittlerweile im Angebot. Im Internet findet man unter dem Stichwort „Buswartehäuschen“ 20.000 Photos von ihnen, unter der englischen Bezeichnung „Bus Stop“ sogar 39 Millionen. Am futuristischsten sehen die armenischen aus, sie bestehen u.a. aus einer riesigen Betonhalbschale (auch über sie gibt es eine Publikation). Die komfortabelsten stehen in Dubai. Dort stellte man 1000 mit einer Klimaanlage ausgestattete Buswartehäuschen auf. Sehr bequem sieht auch ein natursteingemauertes Buswartehäuschen in Cornwall aus, in dem zwei Schaukelstühle stehen und Stilleben an der Wand hängen. Einige sowjetische Buswartehäuschen sind Moscheen mit Minaretten nachempfunden und sehr bunt.

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Während ich noch nach einer Ordnung bzw. Vernunft in diesem plötzlichen Auftauchen des „Straßenmöbels Buswartehäuschen“ suchte, traf ich einen Ethnologen, er meinte: Nicht die Buswartehäuschen seien mir plötzlich ins Auge gesprungen, sondern ihre ungebührliche Funktionsausweitung: Zusammen mit den Containern, denen Ähnliches passierte, symbolisieren sie die uns aufgezwungene neue Mobilität, die jedoch nirgendwo hinführt. Es gibt kein unbesiedeltes Land mehr auf der Welt, wohin man die „Überflüssigen“ per Bus oder sonstwie schicken könnte. Alles wartet.

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Altes DDR-Buswartehäuschen, davor ein neues BRD-Buswartehäuschen bei Seelow

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5. Sturmfreie Buden und geselligkeitsliebende Budisten

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Statt prekäre Jobs prekäres Wohnen, dachte ich, als im vergangenen Sommer eine Zugmaschine mit Wohnwagen an mir vorbei lärmte. Das Gespann kam laut Nummernschild aus Biberach (BC): Ziehen die Schwaben schon mit ihrem eigenen Häusle nach Kreuzberg?

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Weit gefehlt, wie ich jetzt dem Katalog „Buden“ entnehmen konnte. Er wurde von der Leiterin des Museums Villa Rot bei Burgrieden, Stefanie Dathe, nach einer Ausstellung zum Thema zusammengestellt. Sie spricht darin von einer „oberschwäbischen Budenkultur“. Die dortige Polizei zählte 208 Buden im Landkreis Biberach, dazu noch weitere im angrenzenden Alb-Donau-Kreis. Die Buden, das können ausrangierte Wohn-, Bau- oder Campingwagen, leere Container, unbenutzte Holzhütten oder Kartoffelkeller, selbstgebaute Baumhäuser oder Schuppen sein, die zu „sturmfreien Buden“ umgenutzt wurden. Die „Budisten“ sind zwischen 14 und 50 Jahre alt, sie sondern sich erst mit ihrer Bude ab, verschmelzen dann aber im Laufe der Zeit wieder „organisch mit dem Dorf“, wie es im regionalen Kulturmagazin „Blix“ heißt. Es geht diesen „Cliquen“ dabei um Geselligkeit.

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Früher einmal war die Geselligkeit identisch mit Gesellschaft – „in der die Menschen einander ‚freudig‘, ‚gleich‘, ‚offen‘ begegnen“, sie war „konversierende Interaktion, in der die Teilnehmer sich sympathisierend, symmetrisch, aufrichtig miteinander ins Verhältnis setzen,“ so der Germanist Georg Stanitzek über die adligen und bürgerlichen Zusammenkünfte im 18.Jahrhundert. Für den Soziologen Georg Simmel war die Geselligkeit dagegen nicht mehr unbedingt identisch mit der Gesellschaft, sondern eine ihrer „Spielformen“. Die oberschwäbischen Buden hatten als Vorläufer erst die Spinnstuben und dann einen quasi-öffentlichen Raum in einem Wohnhaus. Die Spinnstuben, auch „Kunkelstuben“ genannt, wo junge Männer und Frauen sich trafen, waren wegen des in ihr vermuteten „frivolen Treibens“ oft Gegenstand obrigkeitlicher Verordnungen. In Mietingen war der Übergang von der Spinnstube zur Bude fast fließend: Nur 16 Jahre nach Schließung der letzten Kunkelstube wurde dort 1967 die erste Bude – „Club 7“ – gegründet. „I moi, do send hald koine Schtruktura do wese, dann schafft ma sich hald selber Schtruktura,“ so sagte es ein Club-Mitglied.

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Natürlich war hier wie dort immer auch Wein, Bier oder Schnaps im Spiel: Schon die Aufklärer, u.a. Kant, erörterten den Wein als Vehikel der „Offenherzigkeit“ (für Männer). Der Alkohol wirkt „als Antidot zu den Differenzen der Gesellschaft und den Egoismen der Männer“, ihre mit Wein verbundene Geselligkei „ist eine Art konkrete Utopie, die Versöhnung nach Feierabend“, schreibt der Soziologe Christoph Kulick. Etwas anders sieht das der Biberacher Polizeidirektor Hubertus Högerle – in seinem Katalog-Beitrag: „Ganz zu schweigen davon, dass Buden nach mehreren Rechtsvorschriften an sich nicht genehmigungsfähig sind, das heißt eigentlich rechtswidrig sind…Sie werden aber geduldet. Nach meiner Beobachtung wird bei uns vor allem beim Thema Alkoholmißbrauch geschönt. Und der ist bei Buden – leider – an der Tagesordnung. Es vergeht fast keine Woche, in der sich die Polizei nicht mit den unangenehmen Seiten unserer Buden beschäftigen muß. Dazu zählen junge Verkehrstote, Querschnittgelähmte, lebensbedrohlich Verletzte, Vergewaltigte, im Internet dauerhaft Bloßgestellte…“

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Schon 1984 warnte der Obersulmetinger Ortsvorstand die dortigen Budisten im Amtsblatt: „rauchen, saufen, huren, haschen, kiffen, fixen, sind die Stufen der Leiter, die nur allzu viele Jugendliche zielstrebig zur Vollendung klettern und unterwegs auch Abstecher in die Kriminalität nicht scheuen, wenn es an der Penunze mangelt.“ Inzwischen scheint jedoch mindestens der CDU-Ex-MdB Franz Romer der Meinung zu sein, in den Buden lernen wir fürs Leben: „Ordnung und Sauberkeit müssen sein. Wenn es mal nicht sauber war, habe ich gesagt: ‚Leute, so geht’s nicht mehr, entweder ihr räumt auf oder die Bude kommt weg.“ Eigentlich ist aber für ihn der „Lärm“ aus den Buden „das größte Problem“. Ansonsten würde er wohl dem Soziologen Stefan Buri zustimmen: „Fest steht, dass das Buden-Leben einen wichtigen Beitrag zur Sozialisierung Jugendlicher auf dem Land leistet.“ Dies erkläre auch, warum viele Buden inzwischen fester Bestandteil des dörflichen Lebens sind. Einige Buden-Cliquen scheinen sich im übrigen die Mahnungen des CDU-Bundestagsabgeordneten zu Herzen genommen zu haben. So meldete z.B. die „Schwäbische Zeitung“ aus Biberach an der Riß: „Die ‚Kies-Bude‘ hat sogar einen Putzdienst!“ Zuvor hatte die Zeitung berichtet, dass die „Alte Bude Äpfingen“ eine erfolgreiche Aktion für mehr Schwalbennester startete, wobei die Clique gleichzeitig den Bürgermeister von Maselheim als „Schwalbenmörder“ kritisierte.

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„‚Wir greifen jedes Jahr ein aktuelles Thema auf,‘ erzählte Dietmar Hagel. ‚Und oft nehmen wir auch den Bürgermeister auf den Arm‘, sagte er. In zwei Nachmittagen fertigten ungefähr 15 Leute einen Platz für gut 30 Schwalbennester an und spannten es auf einen Umzugswagen. Der begeisterte Bürgermeister Elmar Braun nahm den angebotenen Tauschhandel gern an. ‚Die Gemeinde musste sich verpflichten, das Schwalbenhotel aufzustellen und mit der Bude einzuweihen‘, sagte Braun, während hinter ihm die letzten Handgriffe beim Aufbau erledigt werden und das Gerüst abgebaut wird. Pünktlich zur Rückkehr der Mehlschwalben wurde zusammen mit dem Bauhof eine stämmige Lärche aufgetrieben und das Schwalbenhaus in zwei Stunden errichtet.“ Der Sender „donau3fm“ berichtete: „Jugendliche haben in Senden eingelagerte Weihnachtsmarkt-Buden zu Skateboardrampen umgebaut. Laut der Polizei nutzen Jugendliche immer wieder das alte Webereigelände für Unfug. Dabei sei bereits ein Schaden in Höhe von mehreren tausend Euro entstanden.“ Deutet sich hier bereits eine Wende an, dass die heutige Jugend nicht leere Räume zu Buden umfunktioniert, sondern umgekehrt Buden zu sonstwas mißbraucht?

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Im Ausstellungs-Katalog finden sich einige Buden-Genealogien: Sie haben Nummern (von Club 3 bis 15 in der Biberacher Gemeinde Mietingen z.B.) oder Namen (wie „Weiher-Bude“, „Hammelclub“ und „Drohnenclub Dietenwengen“), die sich „aus dem Standort, dem Namen des Grundstücksbesitzers oder einem Ereignis aus der Budengeschichte ableiten“. Die Namen können sich ändern, wenn nach einer Zeit des Leerstands eine neue Clique einzieht – und wieder Leben in die Bude kommt. So hatte die im Landkreis Biberach bekannte „Schmalzbude“, die es seit 1978 gibt, zwei Vorläufer in Gutenzell: einen „Saustall“ und einen „Backsteinkeller“. Nicht wenige Buden haben heute Internetanschluß und eigene Webpages – die „Riss Bude“ z.B (eine Halle im Industriegebiet von Obersulmetingen, wo die 12 „Mitglieder“ zwei mal im Jahr große Parties organisieren).

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Den Buden Vergleichbares gab es auch anderswo in Deutschland ab den Sechzigerjahren – zunächst in den Städten: Die Jugendlichen rebellierten und begehrten mindestens eigene Räume, die sie besetzten oder erbettelten und dann „Jugendzentrum“ bzw. „-treff“ nannten. In Limburg bekamen sie z.B. einen Kellerraum von der Kirche, den sie „Club Black-Out“ nannten. Schon wenig später wollte der Bürgermeister ihn schließen lassen: „Die spritze sich da des pure Hasch!“ behauptete er von jeder Sachkenntnis ungetrübt. Eine der ältesten und immer noch aktivsten „Buden“ ist der „Club W71“ in Weikersheim südlich von Würzburg, er besteht seit 1971, Vereinsvorsitzende ist derzeit die Weinbäuerin Elsbeth Schmidt. Unter Literaten bekannt ist das „Büro“ des Rheinhausener „Agentenkollektivs“ vor dem Tor der stillgelegten Krupp-Werke – in einem ehemaligen „Büdchen“, wie die Kioske im Ruhrgebiet heißen. Die bekannteste „Bude“ nördlich von Oberschwaben steht heute wahrscheinlich in Rietschen, einem Dorf in Sachsen. Es ist ein ehemaliges LPG-Gebäude, das „Kommärzbanck“ heißt und ein deutschlandweit bekannter Punk-Schuppen ist. Die Jugendlichen bauten ihn sich mit Geldern aus, die der Pastor und der Bürgermeister des Dorfes ihnen besorgt hatten. Anderswo werden solche „Clubs“ von Wohlfahrtsverbänden und Jugendämtern betrieben. Allein im brandenburgischen Guben gibt es vier riesige „Jugendclubs: drei für Linke und einen für Rechte. Sie werden von Sozialarbeitern geleitet. Zwar gibt es auch Cliquen auf dem Land, die sich leerstehende Gebäude einfach aneignen, in der Lausitz z.B. vom Braunkohlekonzern verlassene Gebäudeteile, aber die meisten Dorfjugendlichen (in Ost und West) kennen als täglichen Treffpunkt nur ihr Buswartehäuschen. Die Zeit veröffentlichte bereits Interviews mit solchen Wartehäuschen-Cliquen in Schleswig-Holstein, und auf der Grünen Woche dekorierte der Landjugend-Bund seinen Stand als Buswartehäuschen.

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Zu der dem Katalog vorangegangenen Ausstellung über „Buden“ lud die Leiterin des Museums Villa Rot 2009 u.a. den Bildhauer Rolf Wicker ein. Er lebt in Berlin und in Küsserow – und erinnert sich: „Ich stand am Fenster eines ehemaligen DDR-Betriebes für Landtechnik, beobachtete während des Telefonates mit Stefanie Dathe einige Jugendliche an der Bushaltestelle gegenüber und konnte mir nur schwer vorstellen, dass solche Buden wie in Oberschwaben in einem Dorf in Mecklenburg überhaupt nur denkbar wären.“ Aber dann begann er sich doch für einen solchen Buden-Transfer von Süden nach Norden zu erwärmen – als sein Beitrag zur Ausstellung. Einer der oberschwäbischen Budisten ermunterte ihn: „Eigentlich geht es doch nur darum, dass du mit deinen Kumpels zusammensitzen kannst. Und dafür brauchst du gar nicht viel: vier Wände, ein Dach gegen den Regen und irgendwas zum Draufsitzen.“

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So entstand das „Projekt ‚Bude Küsserow‘ als ein Experiment mit offenem Ausgang und ohne konkretes Ziel“, das jetzt in seinen ersten Sommer geht. Im Katalog finden sich dazu bereits einige Photos von Rolf Wicker. Und ich weiß jetzt, was es mit dem Wohnwagen aus Biberach auf sich hat, der auf seinem Weg von Süden nach Norden durch Berlin und an mir vorbeifuhr. Darüberhinaus habe ich schon lange keinen so schönen Kunstkatalog wie den über die oberschwäbischen „Buden“ in der Hand gehabt.

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Dr. Stefanie Dathe (Hrsg.): „Buden“, Verlagsdruckerei Biberach, Juli 2010, 113 Seiten 19 Euro 80.

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Neues Büdchen auf dem Neuköllner Schrebergartengelände „Sorgenfrei“

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„Ab durch die Hecke!“ (Datschenbesitzer W.K.)

 

Spät aber nicht zu spät, d.h. noch im bückfähigen Alter, „entdeckt“ die Linke das Land. Das kann ein Schrebergarten in Treptow, eine Scheune in Nauen, ein Vorwerk in der Prignitz oder ein Gutshof in Polen sein – so heruntergekommen, das ständig neue Mitbewohner – als Renovierer – verbraucht werden. Allein aus der Oranienstraße zogen zwölf Übriggebliebene aus Hausbesetzerkollektiven in ein „Datschen“-Dorf im Oderbruch – und das BKA gleich mit. Die Ex-taz-Redakteurin Imma Harms bloggt regelmäßig aus ihrem Teilschloß im Speckgürtel. Junge TU-Wissenschaftlerinnen bauen ihre uckermärkischen „Hide-Aways“ listig mit EU-Geldern zu Kongreß-, Eventzentren aus. Der RBB kreierte eine regelmäßige Gartensendung – nach BBC-Vorbild. An der Humboldt-Uni beschäftigt sich ein ganzer (feministischer) Lehrstuhl mit Stadtgärten. Allein in Kreuzberg gibt es bereits ein halbes Dutzend dichtende Imkerinnen.

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Der taz-Autor Wladimir Kaminer schrieb einen Roman über seine gärtnerischen Erfahrung in der Kleingartenkolonie „Bornholmer Hütte“, der gerade von der Süddeutschen Zeitung als quasi-wegweisend bezeichnet wurde. Die Redakteurin der Berliner Zeitung Sabine Vogel begnügt sich bisher noch mit kleinen Feuilletons über ihr Laubengrundstück hinter Pankow – das sie aber auch erst vor kurzem anmietete. In der dazugehörigen Hütte mit Küche und Toilette übernachtet sie gelegentlich. Schon jetzt läßt sich jedoch ihre Haltung gegenüber den leichten märkischen Böden und allem, was darauf wachsen könnte, als eine charakterisieren, die der vom Ehepaar Kaminer, das darauf eigentlich nur grillen und geruhen will, genau entgegengesetzt ist. Wie überhaupt ein Gutteil des Kaminer-Buches darin besteht, sich vor Ort über das streng-deutsche Engagement bei der Bearbeitung von Kleinflächen im Rahmen von noch aus der Bismarckzeit stammenden Gesetzen und Statuten für Arbeitergartenvereine russisch zu wundern. Dahinter steckt aber eine ganze „Reform“-Bewegung – mit dem Wissen: Der Kleingarten ist die effektivste, die großflächige Monokultur die profitabelste Form der Landbewirtschaftung. Ihre proletarische Avantgarde besteht heute aus all jenen Arbeitslosen, die massenhaft zum Spargelstechen oder Erdbeerpflücken aufs Land verschickt werden. Weil sie sich noch mit allerlei Ausreden gegenüber ihren Arbeitgebern vor dieser Sklavenarbeit (1000 Salatköpfe in einer Stunde, einen Karton Paprika in zehn Sekunden…) drücken, will man ihnen staatlicherseits nun die Daumenschrauben anlegen. Die Bauern würden allerdings lieber weiter arbeitswillige Polen für einen Hungerlohn anstellen, als diese nörgelnden, zudem privilegierten deutschen Arbeitsunwilligen, die sich wie aus ihrem gemütlichen Neubauviertel heraus- und in regelrechte Arbeitslager weitab vom Schuß hineingezwungen fühlen.

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Immerhin standen ihre Väter kurz zuvor noch auf der anderen, der sicheren, Seite des Zaunes rund um die Moorlager, wie man die HartzIV-Agrocamps damals noch nannte, um ihnen den Schrecken zu geben – und nicht, wie heute, zu nehmen. Zudem steht diesmal die Gewerkschaft (IG BAU – Bauen Agrar Umwelt) auf der Seite des Staates: Indem sie es z.B. in ihrem Kampfblatt „Der Säemann“ begrüßt, dass zum einen die Polen wegbleiben – wegen der zu hohen Sozialabgaben (von denen sie nichts haben – außer Unkosten), und dass zum anderen die deutschen Arbeitsämter unseligen Andenkens, die sich nunmehr verlogenerweise Agenturen nennen oder sogar „Job-Center“, ihre „Klientel“ mittels Fitnesstraining, Botanikkursen und Vorortkontrollen in die Feldfurchen und Fruchtfolgen der Großagrarunternehmen geradezu reindrücken – und zwar nachhaltig! Die Gewerkschaft der Landarbeiter, die spätestens seit 1950 schwere Verlust zu verkraften hatte, erhofft sich davon einen dauerhaften Mitgliederzuwachs. Sie verspricht denen, sich für höhere Löhne und bessere Unterkünfte sowie gesündere Verpflegung einzusetzen. Für die Nochnicht-Arbeitslosen bietet sich alternativ das freiwillige „Öko-Jahr“ an – z.B. beim norddeutschen „Salatkönig“ Rudolf Behr, der alleine „6000 Erntehelfer“ pro Saison beschäftigt. Amerikanischer ist da nur noch das „Mitmachen“ an der alljährlichen Marlboro-Jobvermittlung „Be a Ranchhand“: Ranchhand – so hieß zuvor ironischerweise auch die gigantische Entlaubungsaktion der US Air Force, bei der 72 Millionen Liter Agent Orange (ein hochgiftiger Herbizid-Mix) über den vietnamesischen Dschungel versprüht wurden, um den kommunistischen Partisanen jegliche Deckung zu nehmen.

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Damit und damals begann aber auch das Umdenken – bis hin zu den Grünen und der neuerlichen Schrebergarten-Konjunktur. Dazu erfährt man z.B. in der Festschrift zum 100jährigen Jubiläum der Steglitzer Kolonie „Heimgarten“ (so heißen die Kleingärten in Österreich – nach der gleichnamigen Zeitschrift des Alpendichters Peter Rosegger), dass es dort 1983 zu einem „Konflikt“ kam, als der Sohn des Kolonisten Reiß die Parzelle in Abwesenheit seines Vaters zu einem „Friedensgarten“ umfunktionierte und dort Zusammenkünfte so genannter „Friedensfreunde – darunter Ausländer“ organisierte. Der Vereinsvorsitzende Hartleb wandte sich dieserhalb an seinen Steglitzer Bezirksverband sowie an die Rechtsabteilung des Landesverbandes der Kleingärtner. Letztere befand schließlich, dass solche Meinungsäußerungen auf den Parzellen gestattet sein müssten. Laut Statut hatte die Politik dort eigentlich „draußen“ zu bleiben. Seitdem werden sie nun peu à peu unterwandert. Der Koloniechronist Niederstucke, Pfarrer im Ruhestand, meint jedoch, dass dies quasi notwendig gewesen sei, denn die vom Studenten Reiß damals veranlasste Diskussion in der Parzelle 1a sei „eine der vielen tausend kleinen Beiträge dazu gewesen“, dass die raketenbestückte Ost-West-Konfrontation nicht tödlich endete. Die Konfrontationen innerhalb der Gartenkolonien gingen dann so weiter, dass die „68er“ erst massenhaft das dort herrschende Unkrautvernichtungsgebot grob mißachteten (mittels „Langgraswiesen“) und dann auch noch ihren Nutzpflanzen-Pflichtanbau-Anteil von über 80% radikal gegen Null senkten. Immerhin gelang es ihnen inzwischen, das Durchschnittsalter der Kleingärtner seit 2000 um zehn Jahre zu senken, wie einige Vereinsvorsitzende hervorheben.

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Dennoch muß man auch sagen, dass die jungen Kleingärtner, zumal wenn sie aus dem Westen kommen und im Osten einen Schrebergarten pachten, es dort nicht lange aushalten: Die meisten geben ihren Garten nach ein paar Jahren wieder auf oder ihnen wird vom Verein gekündigt. Beide Male, weil sie mit den strengen Bewirtschaftungsvorschriften für die Schrebergärten hadern. Nicht zuletzt aus Zeitmangel und weil sie sich mit dem Arbeitsaufwand, beim Obst- und Gemüseanbau, verkalkuliert haben. Die Schrebergartenzeit, von der z.B. Thomas Kapielski aus den Neuköllner Bezirken Britz, Buckow und Rudow berichtete, sind vorbei: Zu seiner zogen viele Pächter von Schrebergärten dort sogar ganz auf ihre Grundstücke. Zu diesem Zweck vergrößerten sie ständig ihre Gartenhütte – und zwar mauerten sie um die alte, die meist aus Holz war, herum ein größeres Häuschen, wenn es fertig war, rissen sie die Hütte innen ein. Danach und in den darauffolgenden Jahren bauten sie ein Zimmer nach dem anderen an das Häuschen an, legten Strom-, Wasser- und Abwasserleitungen und bauten auch noch das Dach aus. Das war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Ost- und Westberlin so – für festangestellte Werktätige, mit dem Unterschied, dass im Osten die Betriebe (VEB) nicht selten Material und Maschinen für das Umwandeln von Ödland in Schrebergärten für ihre Mitarbeiter stellten. Vielerorts – z.B. hinter Köpenick an der Müggelspree – mußten die Gärten zunächst einmal entwässert werden, wozu Kanäle gegraben wurden, anschließend besaßen die Datschenbesitzer neben einem Garten mit Häuschen auch noch eine Anlegestelle für ihre Boote.

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P.S.: Wladimir Kaminer machte es anders: Er kündigte seinen Schrebergarten in Pankow und erwarb ein Landhaus an einem See hinter Oranienburg – mit Bootsschuppen und Boot. Sein soeben veröffentlichtes Buch darüber heißt: „Diesseits von Eden: Neues aus dem Garten“, das davor: „Mein Leben im Schrebergarten“.

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6. „Massenmedium Bauwagen“

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Trotz massenhaft leerstehender Häuser und Wohnungen entwickelte sich in Westberlin in den Siebzigerjahren unter den jungen Leuten ein starker Hang zu Wohnwagen, die sie sich ausbauten, um Leben und Mobilität miteinander zu verbinden. Gleichzeitig wurden jedoch auch die leerstehenden Immobilien immer attraktiver, zumal wenn deren Besetzung auf eine senatsgeförderte Objektsanierung hinauslief. So rückten die Bauwagen der Handwerker in den Kiez ein, von wo aus sie bei Demonstrationen regelmäßig zu brennenden Barrikaden umfunktioniert wurden. Damit war das „Massenmedium Bauwagen“ geboren, was den von der Öko-Gentryfication Betroffenen erst recht die „Rollheimer“-Siedlungen attraktiv machte. Auf den innerstädtischen Brachflächen entstand eine „Wagenburg“ nach der anderen. Nach der Wende wurden die meisten geräumt bzw. an den Stadtrand verfrachtet, gleichzeitig gab es jedoch ein großes Angebot an NVA-Lastwagen und DDR-Bauwagen. Eine Rollheimer-Siedlung, neben dem Georg-von-Rauch-Haus am Mariannenplatz, gibt es bis heute. Dort wohnen u.a. Mandy und Lia. Erstere erzählte mir einmal: „Lia, meine Freundin nebenan, ist viel unterwegs, ohne ihren Wohnwagen, aber meist zieht sie von Wagenburg zu Wagenburg, auch im Ausland. Sie ist noch als Studentin versichert, verdient ihr Geld aber im Puff in der Adalbertstrasse. Ich geh da auch manchmal hin zum Anschaffen, wenn ich nichts mehr zu beißen habe. Das mach ich auch in anderen Orten so: Da wohn ich meist in einer Wohnwagensiedlung und kuck mich dann nach einem Bordell in der Nähe um.

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Das scheußlichste Erlebnis, das Lia und ich bisher hatten, war die gewaltsame Räumung der Wagenburg am Engelbecken. Aber dabei lernten wir Christian kennen, einen Jesuitenpriester, der in einer Wohngemeinschaft von ehemals Obdachlosen in der Naunynstrasse lebt und als Schweißer bei Siemens arbeitete. Sein Freund, ebenfalls ein Jesuit, arbeitet in einem Taxikollektiv. Die beiden organisierten den Widerstand gegen die Räumung mit. Das war wiederum eine sehr schöne Erfahrung. Obwohl ich später fand, dass die beiden schon fast zu vorbildlich leben und arbeiten. Auf dem darauffolgenden Autonomen-Kongreß im Mathematikinstitut der TU schälten sie zum Beispiel für alle Teilnehmer Kartoffeln, damit die zwischendurch eine warme Mahlzeit bekamen. Die asketische Einstellung der beiden Jesuiten, hat man mir mal erzählt, hat etwas damit zu tun, dass sie ihre ganze, ungeteilte Liebe den Sakramenten widmen sollen. Das finde ich aber auch übertrieben – männlich, ich weiß nicht…“

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Nach der Räumung fuhr Mandy mit ihrem Wohnwagen erst einmal ins Allgäu. „Dort fand gerade in der Nähe das ‚Kornhausseminar‘ statt, wo unter anderem der Philosoph Vilèm Flusser einen Vortrag hielt – über die Küche der Zukunft. Am letzten Tag half ich ihm und seiner Frau noch stundenlang, ihren weggelaufenen Hund im Wald wieder zu finden – vergeblich. Abends kam er dann jedoch von selbst wieder zurück. Flusser hatte sich schon fast mit dem Tod seines Hundes abgefunden und tapfer jeden Anflug von „Sentimentalität“, wie er das nannte, niedergekämpft. Als ich wieder nach Berlin zurückfuhr, begleitete mich ein Wagenburgler von der Eastside-Gallery, die inzwischen auch schon lange geräumt ist. Seine Mutter arbeite in der taz, erzählte er mir. „Cool,“ meinte ich, „überhaupt nicht,“ antwortete er. Die hätten dort beispielsweise eine italienisch geführte Kantine und wenn ihn seine Mutter zum Essen mitnehme, würde die Bedienung sich weigern, ihm einen Teller hinzustellen – weil er zu schmuddlig aussehe. Seine Mutter würde sich daraufhin zwar jedesmal beschweren, aber irgendwie sei sie doch der selben Meinung wie die Kellner.“

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Mandys Eltern leben in Kaiserslautern, einmal besuchte ihre Mutter sie in der Wagenburg am Mariannenplatz. Sie war erschüttert, wie ihre Tochter dort lebte: „Schlimmer als die Zigeuner!“ Dabei war sie selbst aus ihrer Wohnung geflüchtet, weil sie es mit ihrem Mann, Mandys Vater, nicht mehr ausgehalten hatte. Aber auch Mandy ging es nicht gut: Sie fühlte sich von einigen Freiern regelrecht verfolgt: „Während der ganzen Zeit war mein Wagen eine Hochburg der Paranoia, die sogar Lia erfaßte. Darauf folgte bei mir eine längere Phase der Euphorie – über die ansonsten nichts weiter zu sagen ist. Und dann überfiel mich eine Depression, die leider noch immer anhält und über die ich deswegen nichts erzählen will, um sie nicht noch realer zu machen als sie ohnehin schon ist. Aber jedesmal hat sich der Zustand meines Wohnwagens verändert: Erst stand er schief, so dass einem ständig der Tee aus den Tassen schwappte; dann schloss die Tür nicht mehr richtig, so dass ich mich ständig beobachtet oder belauscht fühlte, und nun tropft es durchs Dach. Ich wette, bei meinem nächsten seelischen Zustand verziehen sich die Bodenbretter oder der Ofen rußt oder was weiß ich. Jedenfalls reagiert so ein Wohnwagen viel sensibler auf seine Bewohner als das beim sozialen Wohnungsbau jemals der Fall sein könnte.“

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Wohnwagen von Lilli Schumacher auf dem Parkplatz am Funkturm

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7. Friede den Hütten – Krieg den T-Com-Häusern –

Diskussionsveranstaltung im Palast der Akademie der Künste am Pariser Platz

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„No Haft für Sess Maden!“ (Transparent einer oberhessischen Wohnwagensiedlung)

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Schräg gegenüber vom Postmuseum, das sich in eines für „Kommunikation“ umbenannt hat, stellte der Leipziger Künstler Lutz Dammbeck 2002 die nachgebaute Hütte von Henry David Thoreau auf, die dieser sich 1845 für 28 Dollar in die Wildnis von Walden in Massachusetts errichten ließ, um darin ein reduktionistisches Lebensexperiment durchzuführen, über das der Philosoph dann in seinem berühmt gewordenen Buch „Walden oder das Hüttenleben im Wald“ berichtete. Thoreaus „Beschränkung auf das Wesentliche“ lebt in den Debatten über neue „Subsistenzwirtschaften“ wieder auf, seine „Datsche“ im Zentrum der Selbstversorgung wurde in den Siebzigerjahren Vorbild u.a. für den „Universities- und A-irlines (UNA)-Bomber“ Theodore Kaczynski, nachdem der seine Mathematikprofessur in Berkeley aufgegeben und sich in die Wälder von Montana zurückgezogen hatte. Kazynskis Hütte, ein Nachbau der Hütte von Thoreau, baute Lutz Dammbeck dann ebenfalls nach – und stellte sie 2003 im Rahmen der Ausstellung „Ex Oriente“ im Aachener Dom aus.

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Zuvor hatte bereits der Architekt Otto Fröhlich auf dem Tacheles-Gelände in Berlin-Mitte drei als Lebens- und Wohnraum ausgebaute Überseecontainer für seinesgleichen aufgestellt: als Beitrag zum Thema „Karawanserei, vom fröhlichen Leben unterwegs“. An der selben Stelle stellten die Grünen nun ihren Wahlcontainer, verbunden mit einer „Wählbar“, auf – auch sie müssen nach der Wahl weiter ziehen. Im Zuge der allgemeinen Verarmung und dem zunehmenden Zwang zur Flexibilität, kommt diesen mobilen, preisgünstigen „Musterhäusern“ eine immer wichtiger werdende Funktion zu. Sie werden als Wohnunterkünfte für Bauarbeiter, Flüchtlinge und Erdbebenopfer aufgestellt.

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Das Museum für Kommunikation konterte deren Schlichtheit mit einem sündhaft teuren „T-Com-Haus“ in seinem Garten, in dem der neueste Technikfirlefanz gleich tonnenweise eingebaut wurde. Auf dieses reagierten nun wiederum die Künstler – und zwar gleich drei: auf der Ausstellung „Urbane Realitäten – Fokus Istanbul“ im Gropiusbau. Einmal Damien Deroubaix im Inneren mit einem bewohnbaren hölzernen „Dönerturm“ und zum anderen Köbberlin und Kaltwasser, indem sie draußen auf dem Parkplatz eine im Format dem T-Com-Haus gleichende Hütte aus „selbstorganisiertem“ Abfallholz und Europlatten zusammennagelten. Zuvor hatten sie sich damit auch schon an einem „Hüttendorf“ in Britz beteiligt. Ähnliche „Gebäude“, deren Architekturen den „Hüttendörfern“ der Anti-AKW-Bewegung nachempfunden sind, stehen – in Funktion – in den diversen „Wagenburgen“ der Rollheimerleute – u.a. an der Spree und an der Lohmühleninsel in Kreuzberg. Ihr aller Charakteristikum ist das Flüchtige, Schnelle und Billige in der Bauweise und das Nomadische als Vorwand und Versprechen, d.h.: Irgendwann werden wir weiter ziehen! In stärkerem Maße gilt dies auch für die in Berlin noch verhältnismäßig neuen Hausboote, Restaurantschiffe, Schiffstaxis und -fähren. Man hat hier ja gerade erst angefangen, die Uferimmobilien aus der industriellen Nutzung zu nehmen (so wurde z.B. kürzlich der Takraf-Kran am Osthafen abgebaut und die Behala-Lagerhäuser als „Lofts“ zur Vermietung freigegeben). Ein am Pier liegendes Boot spielt noch weit mehr mit der Idee der Mobilität als ein Wohnwagen, auch wenn die Freizeitkapitäne es damit höchstens bis zum Müggelsee schaffen. An der Ostsee gibt es schon ganze Einkaufscenter auf Schiffen und in Rostock sogar einen ABM-Frachter: Zuerst diente er als belgischer Truppentransporter, dann als Lehrlingsausbildungsschiff der Deutschen Seereederei. Daneben gibt es auch immer mehr Hotelschiffe sowie in Hamburg schwimmende „Asylantencontainer“. Schon spielen die ersten Textilunternehmer mit dem Gedanken, ganze Fabriken auf Schiffe zu packen: Wenn die Gewerkschaft Lohnerhöhungen oder einen Betriebsrat fordert, ruft der Kapitän/Unternehmer bloß: „Leinen los – wir legen am nächsten Billiglohnland an!“

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Die durchgehende Bugarchitektur der neuen Dienstleistungsunternehmen deutet diese Fahrtrichtung der neuen Ökonomie bereits an. Aber auch im Regenerationssektor tut sich was: Dort werden zur Zeit nicht nur massenhaft leerstehende Plattenbauten aus der DDR-Zeit abgerissen, um die Mieten zu „stabilisieren“, amerikanische Spekulationsfonds kaufen auch noch ganze Wohnungsbaugesellschaften mit zigtausenden von Wohnungen auf. Es ist also absehbar, zumal nach Hartz IV und der Reduzierung von Mietkostenzuschüssen, dass bald ganze Kolonnen von „überflüssigen Menschen“ sich an den Stadträndern in Wagenburgen, Abfallholzhäusern und auf ausrangierten Kähnen wiederfinden. „Flieht auf leichten Kähnen!“ riet Georg Trakl bereits der ersten Proletariern in Berlin. Den letzten bieten die alternativen „Rollheimer“ und künstlerischen Armenhaus-Designer nun praktische Anschauungsbeispiele. Sie sind selbst so etwas wie die Avantgarde der Pauperisierung und suchen nach akzeptablen Wohnformen für den „Neuen Nomadismus“, der ihnen ebenfalls droht oder den sie sogar leichtsinnig begrüßen. Schon mehren sich die Graphikdesigner, die heute beim WDR und morgen bei RTL arbeiten – und währenddessen in Wohnwagen auf den Parkplätzen der Sendeanstalten leben. Auch Baufirmen stellen immer öfter Wohncontainer auf – für ihre Montagekräfte. In Russland und Polen kann man Blechcontainer kaufen, die sich mit wenigen Handgriffen zu einem Verkaufskiosk umrüsten lassen: Wenn ein Standort unergiebig wird, stellt man das Ding woanders auf. Die nach Griechenland auswandernden Russen tun dies oft mit einer großen als Warenlager für unterwegs dienenden Holzkiste, in der sie dann in Griechenland auch erst einmal wohnen.

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Lutz Dammbeck wurde gerade für seine zwei US-Hütten und seinen UNA-Bomber-Film „Das Netz“ von der Akademie der Künste geehrt. Dort findet nun im Rahmen der Ausstellung „Künstler. Archiv“ ein Gespräch über eine ganze Hüttenbauer-Dynastie statt, deren Nachlaß sich teilweise im Akademiearchiv befindet. Der Autor dieser Familien-„Saga“ Hans Winkler präsentiert dazu seine Installation: „Die Berghütte im Wald“. Es geht dabei um den Dichter Franz Held, der durch seine Frau Alice Stolzenberg zum Anarchismus fand und Deutschland verlassen mußte, nachdem man ihn wegen einiger staatsfeindlicher und gotteslästerlicher Schriften zu einer Gefängnisstrafe verurteilt hatte. Das Ehepaar siedelte sich in Almhütten an – erst in der Schweiz und dann bei Salzburg, wo Franz Held seine Schriftstellerei sausen ließ und zu trinken anfing. Seine Frau bekam derweil vier Kinder: Helmut, Hertha, Wieland und Charlotte. Die Söhne Helmut und Wieland wurden später unter ihren Künstlernamen John Heartfield und Wieland Herzfelde berühmt und fanden damit Eingang in das Akademiearchiv – bis hin zu einem Bild „Hütte im Wald“. Die immer wunderlicher gewordenen Eltern, Franz Held und Alice Stolzenberg, ließen ihre Kinder eines Tages allein in der Hütte zurück – und verschwanden in den Bergen: Die Mutter steckte man 1900 in eine Irrenanstalt, kurz darauf wurde auch der Vater interniert, wofür ausgerechnet sein literarisches Vorbild Hendrik Ibsen sorgte, dem Franz Held als „erster Stalker“ während einer Almwanderung begegnet war. Sein Bruder Josef Herzfeld, ein Rechtsanwalt und ehemaliger SPD-Reichstagsabgeordneter, versteckte sich ab 1933 ebenfalls in den Alpen. Der Sohn John Heartfield, der sich erst den Dadaisten anschloß und dann als Photomontagekünstler der KPD, emigrierte zunächst nach England, kehrte 1950 aber zurück – in die DDR, wo er sich durch Vermittlung von Bert Brecht in den Buckower Wäldern eine Hütte errichtete. Zuletzt baute er dort für seine Enkel noch eine zweite Hütte auf dem Grundstück, die der seiner Eltern ähnelte. Über seine Kindheit in der Salzburger Hütte, die ihm und seinem Schriftstellerbruder Wieland laut Hans Winkler „Sinnbild für Natur und kindliche Geborgenheit blieb“, notierte er allerdings nur: „1898 verloren wir die Eltern, der Vater war Dichter und Sozialist“.

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Ihre familiale Hütten-Saga ist Teil einer Reihe namens „Künstler.Archiv“, die von Helen Adkins kuratiert wird. Ihr ging es dabei darum, heutige Künstler, wie Boltanski, Gerz, Kabakov und Eva-Maria Schön, „einzuladen, über die Archivbestände nachzudenken und eine Art Neubewertung vorzunehmen“. Denn – mit einem Wort von Manfred Schneckenburger: „Nicht das Museum adelt das Leben, sondern der Alltag bringt das Museum zum Leuchten“. In diesem speziellen Fall Held bringt das Archiv unter den Bedingungen der neoliberalistischen Globalisierung und Deregulierung von oben selbstgebaute „kleine Hütten“ quasi von unten zum Leuchten. Das ist doch nicht Nichts!

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P.S.: 2013 wurde in Waldsieversdorf am See das Sommerhaus von John Heartfield und die von ihm dort nachgebaute Kinderhütte von der Gemeinde als Denkmal und Museum übernommen – und es fand eine kleine Feier statt, auf der u.a. ein Film über John Heartfield und seine künstlerischen Arbeiten gezeigt wurde.

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Heimtrainer von Bernd Neumann in seiner Spandauer Wohnung

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8. Hüttenkunst

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Im Folgenden eine kleine Genealogie des immer unübersichtlicher werdenden hauptstädtischen „Hütten-Komplexes“ – der sowohl ein Reflex auf die im Zuge der Deregulierung alle staatlichen Wohnungsbaugesellschaften aufkaufenden US-Pensionsfonds ist, als auch Ausdruck eines neuen Hangs zum Nomadismus, wie er jetzt immer mehr prekär Beschäftigten blüht. Der Reihe nach: beginnend mit Henry Thoreaus Hütte, die dieser sich 1845 für 28 Dollar in der Wildnis von Walden (Massachusetts) errichten ließ, um darin einige Jahre lang ein reduktionistisches Lebensexperiment durchzuführen, über das er anschließend ein Buch schrieb: „Walden oder Leben in den Wäldern“. Walden – so heißen auch eine Kneipe und eine Galerie im Bezirk Prenzlauer Berg. Thoreaus Hütte wurde Ende der Siebzigerjahre von dem Aussteiger und später sogenannten UNA-Bomber Theodore Kaczinski nachgebaut – im Wald von Montana. Von dort aus ließ die Staatsanwaltschaft die Hütte auf einem Tieflader zu seinem Gerichtsprozeß nach New York transportieren – als „Indizienbeweis“. Kaczinskis Hütte baute dann 2003 der Leipziger Künstler und UNA-Bomber-Forscher Lutz Dammbeck nach – und stellte sie im Aachener Dom auf – im Rahmen der Ausstellung „Aachen-Jerusalem-Bagdad“. Anschließend transportierte er sie in den Gropiusbau für die Ausstellung „Berlin-Moskau“.

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Zuvor hatte bereits der bayrische Künstler Tobias Hauser die Hütte von Thoreau nachgebaut – und sie auf den Leipziger Platz in Berlin gestellt, von wo aus sie dann ebenfalls weiter wanderte – bis in die Schweiz. Dort steht wiederum eine „Almhütte“, in der das Anarcho-Ehepaar Held sich vor gerichtlicher Verfolgung zurückgezogen hatte und seine Kinder, u.a. den späteren Schriftsteller Wieland Herzfelde und den Photokollagenkünstler John Heartfield, groß zog. Letzterer baute die elterliche Hütte dann für seine Enkel auf seinem Grundstück in Waldsieversdorf nach. Und nun wurde dieser Nachbau noch einmal vom bayrischen Künstler HS Winkler für die Ausstellung „Künstler.Archiv“ in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz nachgebaut. Unterdes wurde auch Thoreaus Hütte noch einmal nachgebaut: Vom amerikanischen Künstler Mark Moskowitz als Stipendiat des Kreuzberger Künstlerhauses Bethanien. Für ihn hat sie die „autonomy of a writer’s cabin“. Diese stellte er nun im Hauptquarier von DaimlerChrysler Financial Services am Potsdamer Platz auf. Dazu paßt, dass die Hütte wie ein scharf abgebremstes Auto riecht – nach Gummi: Damit hat der Künstler sie von außen überzogen – aber eigentlich nur aus nostalgischen Gründen, wie er sagt, weil er nämlich aus Akron, Ohio, stammt: „der größten Gummistadt der Welt“. Sein Großvater arbeitete dort ein Leben lang für die Goodyear Rubber Company – und roch immer nach Gummi. Die wenigen Gebrauchsgegenstände in der Hütte zeugen laut Moskowitz alle von einem „überlegten Leben“, wie Thoreau das einst nannte.

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Ende 2004 stellte sich das einstige Post-Museum in Mitte, das nun eins für Kommunikation ist, eine sündhaft teure „T-Com-Hütte“, gefüllt mit allerlei IT-Schnickschnack als „Wohnkomfort“ in den Garten. Auf dieses „Musterhaus“ reagierten nun wieder die Berliner Künstler Folke Köbberling und Martin Kaltwasser, indem sie es für die Ausstellung „Fokus: Istanbul“ seiner Inneren Intelligenz entkleidet roh nachbauten. Die Bretter und Euro-Paletten dafür hatten sie zuvor bereits für ein anderes „Musterhaus“ – in einer Art „Hüttendorf“ in Berlin-Britz – verwendet. Ein ganz ähnliches „Hüttendorf“ entsteht derzeit vor dem Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien auf dem Mariannenplatz. Dahinter befinden sich die zwei türkischen Feierabend-Hütten der beiden einzigen Kreuzberger Gemüsebauern. Und dahinter wiederum – zur Spree hin – die Reste einiger „Wagenburgen“ von so genannten Rollheimern. Eine weitere „Wagenburg“ gibt es auch noch an der Lohmühleninsel in Treptow. Ich wage eine Deutung: In diesen Hütten materialisiert sich ein Utopiemangel und die Einsicht, dass wir wieder ganz klein von vorne anfangen müssen – mit Hammer, Säge und Nägeln.

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9. Container als Wohnwagen

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Neuerdings arbeiten immer mehr Künstler am Verschwinden als Projekt: „Der Künstler muß als nomadischer Sophist in einer migranten Polis aufzutreten lernen,“ meint Krzysztof Wodiczko und beruft sich dabei auf die „Nomadologie“ von Deleuze/Guattari. Denn die Migranten sind jetzt – laut Neal Ascherson – zu Subjekten der Geschichte geworden: „die Flüchtlinge, die Gastarbeiter, die Asylsucher und die Obdachlosen“. Oder wie der Exilpalästinenser Edward Said es ausdrückte, „die Fackel der Befreiung“ ist von den seßhaften Kulturen an „unbehauste, dezentrierte, exilische Energien“ weitergereicht worden, „deren Inkarnation der Migrant“ ist. Die Plätze, Märkte, Parks und Bahnhofshallen der großen Städte werden durch sie zu neuen „Agoren“ (Versammlungsplätze in der griechischen Polis). Für Michel de Certeau greifen sie bei ihren Unternehmungen, um hier zu überleben, auf die uralten Finten und Tricks zurück, die von den Griechen „metis“ genannt wurden. Es sind für ihn Partisanen des Alltags. Und ihr Nomadismus ist Privatsache. Bereits Herodot sah im Nomadentum (der Skythen, d.h. der Barbaren) primär eine „Strategie“, die darin bestand, daß sie unfaßbar waren (aperoi): Wenn man sie bekämpfen wollte, zogen sie sich zurück und wenn man nicht mit ihnen rechnete, griffen sie an. Aus den mongolisch-tatarischen Planwagen wurden dann Bauernwagen, auf die die Kosaken im Aufstandsfall leichte Kanonen und später Maschinengewehre montierten. Diese im russischen Bürgerkrieg berühmt gewordenen Tatschankas ließen sich nach dem Angriff blitzschnell wieder in friedliches Bauerngerät rückverwandeln. Den Anfang mit dieser Kampftechnik machten die hussitischen Bauernarmeen, die damit sogar zwei Kreuzritterheere besiegten, sie setzten daneben auch bereits „Pistolen“ ein. Noch die Planwagen der Siedler in Amerika und Südafrika hatten diese Doppelfunktion. Heute sind es die „Pick-Up-Trucks“, die sich in den diversen Rebellenarmeen durchgesetzt haben, wie der Kriegsforscher Herfried Münkler meint.

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Am Rand der Metropolen mehren sich die Wohnwagenleute, Rollheimer, Wagenburgen – die Mobile Home People und Campingwagen-Dauerbewohner. Auch der Container wird immer öfter zu Wohnzwecken benutzt – zunächst in Aki Kaurismäkis Film „Der Mann ohne Vergangenheit“, daneben aber auch als zeitweiliger Kiosk – wie nahezu im gesamten Ostblock. Als solcher ist der Container ein Existenzversuch, der – mit Glück – festeren Verkaufseinrichtungen weicht. Bei fast allen westdeutschen Banken in der Endphase der DDR war das z.B. der Fall. Aus den Bankcontainern wurden anschließend u.a. Kitas. Die Zeitschrift für Verkehrswissenschaften „Tumult“ widmete eine ganze Ausgabe dem Container.

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Die seit mehreren tausend Jahren in Russland siedelnden Griechen, von denen seit 1991 viele in ihre „Heimat“ emigrieren, reisen mit einer riesigen Holzkiste, aus der sie unterwegs in den Häfen russische Billigwaren verkaufen. Am Ende ihrer Fahrt durchs Schwarze Meer und Mittelmeer dient sie ihnen dann – leer – als erste Behausung. Dort werden sie aufgrund ihrer kulturellen Treue als Migranten erster Klasse behandelt, ebenso wie hier die Rußlanddeutschen, die man auch Spätheimkehrer nennt. Nichtsdestotrotz gehören sie zu den neuen globalen Nomaden, „Postmigranten“ nennt Gio di Sera sie, die seit dem Zerfall der Sowjetunion und der „Neuen Ökonomie“, d.h. mit zunehmender „Prekarität“, zu einer dezentrierten Völkerwanderung anwachsen. Die Nationalstaaten, deren Wesen darin besteht, dass sie definieren, wer dazu gehört und wer nicht, unternehmen immer mehr Anstrengungen, um die „Unfaßbaren“ mit Grenzsicherungen zu stoppen. Neben den Künstlern, die laut Wodiczko als Philosophen auf den neuen Agoren auftreten sollen, gibt es für die Migranten auch noch freiwillige Fluchthelfer, Scheinheiratswillige, Paßfälscher, Übersetzerkollektive und andere Unterstützer. Aber abgesehen vom Staat, der darauf mit einem immer tiefer gehenden Denunziationszwang reagiert, lauern auf die Aperoi auch noch jede Menge Wegelagerer, Erpresser, Banden, Betrüger, die ihrerseits zur Unfaßbarkeit tendieren.

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Nach der Medlodie von „Muß I denn zum Städele hinaus“ (in Kreuzberg 36 und 61)

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Und auf dem Teufelsberg

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10. Wohnen im Wald

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Der 1913 geborene französische Pädagoge Fernand Deligny arbeitete in einer psychiatrischen Anstalt, wo er 1945 seine Wandlung zum Antipsychiater erfuhr: In den Wirren des deutschen Überfalls auf Frankreich hatten einige chronisch psychisch Kranke das Hospital verlassen; sie wurden erst nach dem Krieg wiedergefunden – gesund und normal. „Freiheit heilt!“ Deligny versuchte diese Erkenntnis für „seine“ Anstalt fruchtbar zu machen. Als das nicht ging, verließ er sie zusammen mit einer Gruppe autistischer Kinder – und ließ sich mit ihnen in den Cevennen nieder, wo sie in einigen von den Schafhirten verlassenen Berghütten lebten. Dort schlossen sich ihnen nach und nach einige „Helfer“ an. Mit der 68er- und der Antipsychiatrie-Bewegung wurde das Floß in den Bergen, wie sein Bericht darüber hieß (der 1980 im Merve-Verlag erschien), von „Sympathisanten“ und Neugierigen geradezu heimgesucht. Die Rockgruppe „Pink Floyd“ überwies Deligny eine ihrer Gagen. 2002 veröffentlichte der Verleger Peter Engstler, der in der Rhön lebt und in einem Heim für geistig Behinderte arbeitet, Delignys „Chronik eines Versuchs“ – Irrlinien. Und danach einen weiteren Bericht – von Delignys Mitarbeiter Jacques Lin: ein Arbeiter, der sich 1967 mit einem „Werkzeugkasten unter dem Arm“ der „kleinen Welt“ in den Cevennen angeschlossen hatte.

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In seinem Buch Ein Leben mit dem Floß. In der Gesellschaft autistischer Kinder berichtete Lin: Damals lebten dort schon „fast 100 Personen. Ärzte, ein Architekt, Lehrer, Kinder, ein katalanischer Sänger, zwei Kollegen aus der Fabrik, die mir von diesem Ort erzählt hatten, und viele andere Leute, die sich alle zu kennen“ schienen. Deligny schrieb im Vorwort: „Die Erzählung von Jacques Lin lädt die Leser dazu ein, das Weite zu suchen…was ein Abenteuer anderer Art ist, als mit einem Hundeschlitten zum Nordpol zu fahren; wir suchen nach dem, was das Menschliche ausmacht.“ Über ihren gemeinsamen „Versuch“, anders mit autistischen Kindern umzugehen, indem man sie ernst nimmt, heißt es bei Lin: Er „läuft seit etwa 60 Monaten. Und wie es der Zufall will, sind etwa 60 Kinder, von denen man sagen könnte, dass sie ihr Ich über die Schulter gehängt und zweifellos schlecht befestigt tragen und dass sie es verloren haben, inzwischen hierher gekommen. Manche kommen immer wieder hierher zurück. Aber zu sagen, daß SIE hierhergekommen sind, ist nur eine Redensart, denn man kann jemanden, der sich überhaupt nicht als ‚Ich‘ zu denken scheint, nicht als ‚er‘ bezeichnen, ohne die Macht zu mißbrauchen, die uns diese Sprache gibt, derer wir uns bedienen, als ob sie uns gehören würde, als ob sie wir wäre.“ Deligny hatte zuvor bereits in der Zeitschrift „Partisans“ (!) erklärt:

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„Es geht nicht darum, auf sie zuzugehen, sich mit ihnen zu beschäftigen, sich ihnen zuzuwenden. Dies ist nicht unser Vorgehen.“ Es gehe vielmehr darum, „einen Weg zu finden. Deshalb, und nun seit sieben Jahren, seitdem dieser Versuch dauert, zeichnen wir Karten, unermüdlich.“ Dazu ist ein Kartenausschnitt abgebildet.“ Schon bald sprachen die „Erwachsenen“ auch untereinander nicht mehr über die Kinder, weil es „zu nichts anderem dient, als die eingefleischte Gewohnheit, zu sprechen, zu nähren.“ Deligny wurde im Umgang mit den Kindern der Sprache gegenüber immer kritischer, um nicht zu sagen ablehnender. Auch in seinem Buch „Irrlinien“ wollte er nicht über sie schreiben: „Keine Geschichten. Keine ‚Fälle‘. Diese Zeilen berichten von einem Vorhaben.“ (1) Dieses Vorhaben geht weiter, auch Bücher und Filme darüber werden weiter produziert. Wer sich mehr für den Film und die künstlerischen Aspekte interessiert, sollte sich sein Buch Annäherungen an das Bild anschauen, das 2011 auch bei Peter Engstler erschienen ist. Fernand Deligny starb jedoch 1996. Am 7. November wäre er 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass interviewte ich einen seiner Übersetzer ins Deutsche – Ronald Voullié:

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– Als Übersetzer bist du ja eine Art Fliegender Holländer, der endlos auf den Textmeeren hin- und her kreuzt, mal in altbekannten Häfen landet, manchmal aber auch auf völlig neue Eilande stößt. Wie bist du auf Deligny gekommen.

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– RV: Wenn man sich mit französischer Literatur und Geschichte beschäftigt, hat man immer ein Auge auf deutsche Ausgaben französischer Texte gerichtet. So kannte ich zumindest dem Namen nach die beiden Bücher Ein Floß in den Bergen und Provokateure des Glücks, die Anfang den 1980er erschienen sind. Bei der Arbeit an der Übersetzung von Tausend Plateaus von Deleuze-Guattari stieß ich dann auf Delignys lignes d’erre, in dem Kapitel mit dem schönen Namen »Zum Ritornell«, das mit dem Satz »Ein Kind das in der Dunkelheit Angst bekommt, beruhigt sich, indem es singt« beginnt. Wir haben ligne d’erre damals mit »Irr-Linien« übersetzt. Etwa zehn Jahre später lernte ich dann auf der Buchmesse den Verleger Peter Engstler kennen, der sich stark für Deligny und sein Projekt mit den autistischen Kindern interessierte. Daraus ist dann das kleine Buch Irrlinien hervorgegangen.

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– Ist das nicht ein etwas seltsamer Titel für ein Buch, in dem es um autistische Kinder geht?

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RV: Ja, vielleicht. Das französische Wort erre leitet sich her vom altfranzösischen errer und dies wiederum vom lateinischen iterare, was »reisen, marschieren, fahren« bedeutet. Das hat also nichts mit »Irrtum« oder »in die Irre gehen« zu tun. Um Irrtümer zu vermeiden hätten wir vielleicht lieber »Wegstrecken« sagen sollen.

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– Obwohl ja manche Reise in einem Irrweg endet…

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RV: Gewiss, und manche Übersetzung auch. Aber man sollte hier eher an die mittelalterlichen Itinerarien denken, die damaligen Reiseführer, in denen Wegstrecken, Straßen und Herbergen für Reisende, Kaufleute oder Pilger verzeichnet waren. Die Deligny’schen Irrlinien sind also Karten, auf denen die Wege, Wegstrecken, Rastpunkte und, sagen wir mal, Lieblingsorte der autistischen Kinder verzeichnet sind. Delignys Mitarbeiter und »seine Kinder« lebten ja mehr oder weniger in der freien Natur und waren damit beschäftigt, Feuerholz zu sammeln, Essen zu kochen und Brot zu backen. Dabei hat sich herausgestellt, dass diese Kinder immer wieder dieselben Wege gehen und dieselben Orte aufsuchen. Diese Wege und ihre Überschneidungen wurden auf Karten übertragen, und diese Karten erinnern sehr an Werke der modernen Kunst. So gab es letzten Winter in Paris, im Palais de Tokyo, eine Ausstellung mit einigen »seiner« Bilder. (2)

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– Hat Deligny nicht auch Romane geschrieben?

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RV: Ja, mehrere. Zu seinem 100. Geburtstag hat sein französischer Verlag seinen Roman »Die siebte Seite des Würfels« neu herausgegeben. Dabei handelt es sich um eine Art »Psycho-Krimi«, in dem Deligny in die 30er Jahre zurückgeht, in ein Asyl, in dem er damals gearbeitet hat, um von da aus er das Schicksal seines Vaters im Ersten Weltkrieg zu untersuchen.

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– Warum fand dieses »Versuch« gerade in den Cevennen statt?

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RV: Ich nehme an, es ging zum einen darum, möglichst weit von den Einflussbereichen der Institutionen zu kommen. Es handelte sich ja nicht um ein staatlich genehmigten Unternehmen. Zum anderen waren die Cevennen damals einer der ärmsten Landstriche Frankreichs, in dem die Landwirtschaft weitgehend am Boden lag. Das heißt, es gab viele halb verfallene Gebäude, in denen man sich, mit stillschweigender Billigung der Besitzer, einrichten konnte, und da die Gegend dünn besiedelt war, bestand weniger Gefahr, dass diese Kinder Anstoß erregten. Ich glaube, es ist Jacques Lin, der berichtet, eine alte Dame habe hinter vorgehaltener Hand gesagt, Deligny hätte besser daran getan, nie so viele verrückte Kinder in die Welt zu setzen. Aber wer weiß, vielleicht verspürte Deligny dort auch noch den rebellischen Geist der Katharer und Aligenser oder der Kamisarden.

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– Nach dem Mai 68 hat sich die antiautoritäre Bewegung in verschiedene Richtungen aufgespalten, die einen folgten verstärkt dem Weg des Leninismus oder Maoismus, die anderen begannen den langen Marsch durch die Institutionen, manche suchten ihr Glück im bewaffneten Kampf und noch andere zogen aufs Land. Das Ziel der letzteren war Südfrankreich bzw. Okzitanien, das im Grunde von Norditalien bis Südspanien reicht. In Südfrankreich gelang es teilweise die okzitanische Sprache wieder in den Schulen zu lehren, manche Dörfer und Städtchen bekamen zweisprachliche Straßenschilder. In dieser Zeit wurde Delignys Projekt zu einem der bevorzugten alternativen Reiseziele…

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RV: Richtig, und wie es scheint, waren Deligny und seine Mitarbeiter nicht immer begeistert darüber. Wie er erzählt, hat ein Besucher einmal eine alte rostige Kaffeekanne, die zwar ausgedient hatte, aber dennoch einen festen Platz in der Ordnung der Autisten einnahm, interessiert in die Hand genommen, angeschaut und an einem anderen Platz wider abgestellt, was sofort zur Rückkehr eigentlich überwundener Symptome führte.

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– War Deligny nicht selbst schuld an dieser verstärkten Aufmerksamkeit, da er sein Projekt ständig mit verschiedenen Veröffentlichungen begleitet hat? Die Dünndruckausgabe seiner Oeuvres, die Sandra Alavarez de Toledo 2007 herausgebracht hat, umfasst 1845 Seiten, und das ist noch nicht einmal alles…

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RV: Das mag sein, aber die zunehmende Bekanntheit des Projekts führte vielleicht auch dazu, Sponsoren aufzutreiben. Denn das Ganze lief ja unter den ärmlichsten Bedingungen. Und seine Texte sind keine leichte Kost, es sind keine Propagandatexte oder wissenschaftliche Abhandlungen. Hartwig Zander hat seiner Übersetzung von Delignys Buch Briefe an einen Sozialarbeiter einen kleinen Text vorangestellt, in dem er die sprachlichen Schwierigkeiten beschreibt, mit denen uns Deligny konfrontiert.

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– Das Buch Eine einzigartige Ethnie. Natur der Macht und Macht der Natur, das Peter Engstler dieses Jahr veröffentlicht hat, erinnert mich an die aphoristische Schreibweise von Nietzsche in der Fröhlichen Wissenschaft.

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RV: Ja, aber während Nietzsche im Korsett der klassischen Philologie steckt, versucht Deligny sprachlich und gedanklich, altüberkommene Vorstellungen zu sprengen. Der Autismus kann verschiedene Grade annehmen, aber Deligny geht in seinen Überlegungen zumeist von Kinder aus, die weder hören noch sprechen. Unter seinen »Patienten« waren Kinder, die aus – für einen »normalen« Menschen – unerfindlichen Gründen mit dem Kopf gegen die Wand schlugen, sich die Arme aufkratzen oder sich die Hände blutig bissen, und diese Symptome ließen unter den Bedingungen des Projekts nach. Was Eltern und Anstalten nicht gelungen war, gelang im Cevennen-Projekt. Doch Deligny war damit nicht zufrieden. Er fragte sich, ob die scheinbare Eingeschlossenheit des Autisten in seine eigene Welt nicht vielmehr eine Gegenwelt zu unserer Welt der geschwätzigen und letztendlich nichtsagenden Kommunikation ist. So nimmt er uns mit Pierre Clastres und Claude Levi-Strauss mit zu einer Reise zu den Amazonasindianern, um seine Rolle als Sprechender unter Nichtsprechenden zu reflektieren. Der Häuptling der Amazonasindianer spricht mit dem fremden Ethnologen, aber sein Volk nicht. Wenn das Verdikt von Wittgenstein, was die Sprache nicht sagen kann, davon muss sie schweigen, besagt, dass es hinter der Mauer des Schweigens nichts gibt, könnten uns die Autisten den Weg in eine andere Welt weisen.

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Anmerkungen:

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(1) Von einem ganz anderen „Vorhaben“ – jedoch auch für „Autisten“ – berichtete jüngst Peter Propping – Mitglied im Nationalen Ethikrat. Er hatte am Weltkongress für Psychiatrische Genetik in Boston teilgenommen und schrieb darüber in der FAZ, dass die genetische Erforschung psychischer Erkrankungen durch internationale Kooperation über immer mehr Patientendaten verfüge – und dadurch einen „Durchbruch“ erzielt habe. Das sei ihm nun „klargeworden“. Konkret: „Neben den in der Bevölkerung häufigen Genvarianten kennt man seit einigen Jahren eine Reihe seltener kleiner chromosomaler Verluste oder Verdoppelungen – Mikrodeletionen und – duplikationen -, die das Risiko für verschiedene Krankheiten des Gehirns erhöhen. Dazu gehören in erster Linie geistige Behinderung und Autismus, aber auch Schizophrenie, Epilepsie oder bipolare Störung. Häufig ist die genetische Veränderung durch eine neue Mutation in einer der elterlichen Keimzellen entstanden. Die Wahrscheinlichkeit einer dadurch ausgelösten Krankheit ist von Variante zu Variante verschieden; sie liegt zwischen zehn und hundert Prozent.“

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(2) In diesem Zusammenhang ist ein Katalog mit über 180 Abbildungen erschienen: Cartes et lignes d’erre / Maps and Wander Lines, Traces du réseau de Fernand Deligny, 1969-1979, Paris: L’Arachnée 2013. 

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Wider die Schwerkraft

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Fernand Delignys Buch „Eine einzigartige Ethnie“ handelt von seiner Lektüre der Studien über kriegerische Ethnien in Lateinamerika, die der Ethnologe Pierre Clastres unternahm. Es geht Deligny dabei um die „Natur“ – nicht um jene, die sich für Biotechnologen in Genen, Ganglien und Gehirnen verbirgt, sondern um das „Wesen“ – der Macht. Er vergleicht dazu Clastres Ethnien mit seiner halbnomadisch und halbklandestin in den Cevennen lebende Gruppe von Autisten. Auch sie streifen durch die Wälder – „handeln“ auch, aber „wollen“ nichts, nicht einmal das „Nicht-Wollen“. Obwohl ihre „Betreuer“ sie gerne dazu gebracht hätten, das heißt auch zum Sprechen. Sie, allen voran der Autor, wollen nämlich nicht im Namen dieser Sprachlosen sprechen, deren Handeln immerhin Spuren hinterläßt, die sich aufzeichnen lassen. Ihre seltsame Gemeinschaft im Wald nennt Deligny „infinitiven Kommunismus: „Vom ‚Infinitiv‘ zu reden bedeutet, von einem anderen Modus zu reden, dank dessen wir wollen können.“ Seine Überlegungen laufen auf eine Philosophie dieses Projekts „jenseits zwangausübender Gewalt“ hinaus. Während jedoch die archaischen Ethnien, die Clastres „Staatsfeinde“ nennt, „die Macht noch nicht erfunden haben, handelt es sich, was uns betrifft, eher um eine Ablehnung.“

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11. Hölderlin beiwohnen

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Der großteils unbehauste Dichter Friedrich Hölderlin dachte gerne das Wohnen. Z.B. so: „Will einer wohnen, / So sei es an Treppen. Und wo ein Häuslein hinabhängt Am Wasser halte dich auf.“ Oder so: „Nah wohnen, ermattend auf Getrenntesten Bergen.“ Oder „geduldig auch wohl im furchtsamen Banne zu wohnen…“ Er wünschte ein Wohnen „am sichern Gestade“, aber es war ihm beschieden: „Zu wohnen einsam, jahrlang, unter Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen Die Feiertage der Stadt, Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht.“ Er klagte: „Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen…“ Aber: „Freilich ist das Leben arm und einsam. Wir wohnen hier unten wie der Diamant im Schacht. Wir fragen umsonst, wie wir herabgekommen, um wieder den Weg hinauf zu finden.“ Und stellen uns vor: „Ja! im grünen Dunkel dort, wo unsre Bäume, die Vertrauten unsrer Liebe stehn, wo, wie ein Abendrot, ihr sterbend Laub auf Diotimas Urne fällt und ihre schönen Häupter sich auf Diotimas Urne neigen, mählich alternd, bis auch sie zusammensinken über der geliebten Asche, – da, da könnt ich wohl nach meinem Sinne wohnen!“ Nicht jedoch in Heidelberg: „An Neckars Weiden, am Rheine, Sie alle meinen, es wäre Sonst nirgend besser zu wohnen. Ich aber will dem Kaukasos zu!“ Hölderlins Wohnungsnot ist heute aktueller denn je. In einer „Übersicht zu einer Philosophie des Wohnens“ heißt es: „Für Heidegger wurden in jener Epoche seines Schaffens die Sprachschöpfungen Friedrich Hölderlins zur Inspirationsquelle, der von einem dichterischen Wohnen des Menschen sprach. Immerhin, so lässt sich mit Heidegger verbinden, kann und muss das Wohnen im Zusammenhang eines allgemeinmenschlichen Daseinsverständnisses und Weltgefühls bzw. Gestimmtseins gefasst werden.“

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Für Hölderlin hieß „‚Dichterisch wohnen‘: in der Gegenwart der Götter stehen.“ Eine Dissertation an der Universität Oldenburg befaßte sich deswegen mit der „Beziehung zwischen der hölderlinschen Kritik der Vernunft und der Möglichkeit eines dichterischen Wohnens, um dem dichterischen Wohnen Bestimmungen zu geben.“ Denn dieses macht auch heute noch den Dichtern Probleme, wie Georg Kreisler in seiner Dankesrede für den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausführte: „Ich konnte mir gerade leisten, in einem Hotel zu wohnen, das drei Dollar im Tag kostete und dementsprechend aussah. An eine Wohnung war nicht zu denken, woher hätte ich das Geld für Möbel nehmen sollen? Alles kein Vergleich mit Hölderlin, der nie hungrig war und immer einen Schlafplatz hatte.“ Es gibt inzwischen aber ein ganzes „Hölderlinquartier: Eine neue Perle im Zentrum Nürtingens. Es erwartet Sie ein attraktives Gebäudeensemble mit sieben Mehrfamilienhäusern, die alle nach Süden ausgerichtet sind.“ Und in Fellbach eine Hölderlin-Wohnförderung: „Durch das kommunale Förderprogramm wird das auch ökologisch zukunftsweisende Baukonzept des HÖLDERLIN CARREES mit „Familienstartgeld von 4000 Euro für jedes Kind unter 16 Jahren gefördert.“

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Aus Frankfurt kommt das Angebot: „In diesem Haus befindet sich oben rechts eine Wohnung, in der seit 1987 Hölderlin-Forscher einige Wochen lang unentgeltlich wohnen und arbeiten können.“ Aus Stuttgart: „Im August 2008 ist es soweit, die Hölderlin Suite ist fertig und kann ab September bezogen werden.“ Zu mieten ist dort ferner ein „Aussichtsreiches Ein-Zimmer-Apartment. Es befindet sich in der sechsten Etage des Hölderlin-Hochhauses.“ Aus Essen kommt die Information: „Das besondere an dem Wohn-Komplex „HÖLDERLIN 2″ ist, dass die Firma ALLBAU nicht nur die Wohnräume vermietet…“

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In Hamburg ist ein „Hölderlin e.V.“ ansässig, der Beratung bietet: „… Anthroposophie, Depression, Soziotherapie, Betreutes Wohnen…“ Und in Berlin gibt es die Firma: „‚Hölderlin&Co‘. Unser Team arbeitet an dem Ziel des gesamten Unternehmens prenzlkomm: Die vollständige Genesung der Klienten im Kontext ihrer Lebenssituation. prenzlkomm gGmbH Abteilung Hölderlin&Co. Schönhauser Allee.“

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Einige Schüler des Heidelberger Hölderlin-Gymnasiums berichteten nach ihrem Austauschaufenthalt in Polen: „Einige Familien wohnen in einer Zweizimmerwohnung, andere in einer Villa mit riesigem Grundstück.“ Die Katholisch-theologische Privatuniversität Linz macht bekannt: „Die Götter Hölderlins wohnen im hegelschen Begriff“ – Versuch einer Beschreibung dieser göttlichen Wohnstätte. 10.15-10.30. Diskussion. Die Schaubühne gibt Hölderlins „Hyperion“: „Auf der Bühne ist eine bürgerliche Wohnung aufgebaut – mit Sitzgruppe.“ Das schloßähnliche Ensemble „F.X.Mayr-Zentrum“ am Bodensee annonciert: „Wohnen im Hölderlinhaus – benannt nach dem Dichter Friedrich Hölderlin, der hier im Juni 1796 glückliche Wochen verbrachte.“ Dieser dichtete dort: „und liebt er nicht, so ist er eine dunkle Wohnung, wo ein rauchend Lämpchen brennt.“ Deswegen muß hier Heidegger noch mal ran – und einiges über „DAS WOHNEN DES MENSCHEN“ klarstellen: 1. »Wohnen« ist technisch praktisch gesehen das Innehaben einer Unterkunft.“ Und 2. „Hölderlins Wort: ‚Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde‘ wird kaum gehört, ist noch nicht gedacht.“

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12. Wohnraumwahrnehmungen

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„Die Berliner rücken zusammen,“ titelte die BZ, soll heißen: Die Gentrifizierung hat das Wohnen zum Problem gemacht. Was sagen die Philosophen dazu? Georg F.W. Hegel wurde 1806 von den Franzosen aus seiner Wohnung vertrieben, er fand Unterschlupf im Haus des Verlegers Frommann – mit lediglich dem Manuskript seiner „Phänomenologie des Geistes“ im Gepäck, in dem das „Wohnen“ an keiner Stelle erwähnt wird.

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Anders Friedrich Engels, der sich 1872 ausführlich „Zur Wohnungsfrage“ äußerte: „Was man heute unter Wohnungsnot versteht, ist die eigentümliche Verschärfung, die die schlechten Wohnungsverhältnisse der Arbeiter durch den plötzlichen Andrang der Bevölkerung nach den großen Städten erlitten haben; eine kolossale Steigerung der Mietpreise; eine noch verstärkte Zusammendrängung der Bewohner in den einzelnen Häusern, für einige die Unmöglichkeit, überhaupt ein Unterkommen zu finden. Und diese Wohnungsnot macht nur soviel von sich reden, weil sie sich nicht auf die Arbeiterklasse beschränkt, sondern auch das Kleinbürgertum mit betroffen hat. Um dieser Wohnungsnot ein Ende zu machen, gibt es nur ein Mittel: die Ausbeutung und Unterdrückung der arbeitenden Klasse durch die herrschende Klasse überhaupt zu beseitigen.“

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Noch wesentlicher argumentierte der oben bereits erwähnte Schwarzwälder Philosoph Martin Heidegger: Für ihn war das Wohnen keine „Tätigkeit unter anderen, sondern die schlechthinnige Seinsweise des Menschen auf der Erde“. Sein Begriff des Wohnens erschöpft sich also nicht im bloßen ‚Innehaben einer Unterkunft‘, schreibt Julian Eidenberger. In Heideggers Vortrag „Bauen Wohnen Denken“ heißt es: „Wir wohnen nicht, weil wir gebaut haben, sondern wir bauen und haben gebaut, insofern wir wohnen, d.h. als die Wohnenden sind.“ Die „eigentliche Not des Wohnens“ besteht ihm zufolge darin, dass das Wohnen erst erlernt werden müsse.

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Ihm antwortete der exilierte Philosoph Theodor W. Adorno: „Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind. haben etwas Unerträgliches angenommen: Jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt.“ Das gilt für Europa. Anders in Amerika: Dort wohnen die Menschen, „wenn nicht in Slums, in Bungalows, die morgen schon Laubhütten, Trailer, Autos oder Camps sein mögen.“ Daher gilt: „Das Haus ist vergangen…es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein.“ Damit daraus aber keine lieblose Achtung für die Dinge wird, „die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt,“ brauche es eine „Antithese“, die jedoch ebenfalls zur „Ideologie“ wird – jedenfalls „für die, welche mit schlechtem Gewissen das Ihre behalten wollen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Punkt.

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Der zwei Mal exilierte jüdische Philosoph Vilem Flusser meinte dagegen 1990: „Wir dürfen also von einer gegenwärtig hereinbrechenden Katastrophe sprechen, die die Welt unbewohnbar macht, uns aus der Wohnung herausreisst und in Gefahren stürzt. Dasselbe lässt sich aber auch optimistischer sagen: Wir haben zehntausend Jahre lang gesessen, aber jetzt haben wir die Strafe abgesessen und werden ins Freie entlassen. Das ist die Katastrophe: dass wir jetzt frei sein müssen. Und das ist auch die Erklärung für das aufkommende Interesse am Nomadentum.“ Über die dazu aus Amerika gekommene „Mode“, in „Mobile Homes“ zu leben, schrieb Flusser – gegen Heidegger und Adorno gewandt: „Das Wort ,Wohnwagen‘ scheint sagen zu wollen, dass die Dialektik des unglücklichen Bewusstseins dabei ist, überholt zu werden, und dass wir dabei sind, glücklich zu werden.

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Nach Jurij Gagarins Weltraumflug hatte der jüdische Philosoph Emmanuel Levins bereits gejubelt: Damit werde endgültig das Privileg „der Verwurzelung und des Exils“ beseitigt. Das wurde jedoch spätestens 1989/90 wiederlegt. Woraufhin der globale schwedische Wohneinrichter IKEA uns mit dem verwirrenden Werbespruch „Lebst du schon, oder wohnst du noch?“ kam.

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Auf einer Mieterprotestversammlung gegen die Gentrifizierung im Neuköllner Schillerkiez, wo in einem Jahr 500 Mieter ihre Wohnung verloren, entschieden die Aktivisten sich kurzerhand für einen undialektischen Adorno – was hieß: Gute Aufklärungsarbeit bei den Altmietern leisten und gleichzeitig zugeben, „dass die neu zugezogenen jungen Mieter, aus Frankreich und Spanien zum Beispiel, dem Kiez auch gut tun“. Die „Stimmung“ habe sich dadurch verbessert. Außerdem „können die das ja alles gar nicht wissen“ – d.h. „über welche Leichen sie da steigen, wenn sie ihre Wohnungen beziehen, für die nun 10 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete verlangt werden.“

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13. Die Bakuninhütte

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Michail Bakunin hat dort nie gewohnt und war auch nie dort, wohl aber die Anarchisten Erich Mühsam und Augustin Souchy. Die Anarchofeministin Emma Goldmann schickte 1932 eine der Baufondskarten für die Erweiterung der Hütte an ihren Mann in Amerika, als sie sich auf einer Vortragstour durch Thüringen befand.

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Die Bakuninhütte entstand in den 1920er Jahren auf einer Selbstversorgungsfläche von Arbeitern. Sie kamen aus Meiningen und Umgebung und waren meist in der syndikalistischen Gewerkschaft „Freie Arbeiter Union“ organisiert. Auf dem einstigen Gemüsefeld entstand zunächst eine einfache Schutzhütte und später ein Steinhaus. Dazu wurde der „Siedlungsverein gegenseitige Hilfe“ gegründet. Er organisierte Veranstaltungen, Feste und Zeltlager.

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1932 wurde die Hütte umgebaut, im Jahr darauf enteigneten die Nazis sie jedoch. Zunächst nutzte der „SS Sturm IC/57 Meiningen“ und die Hitlerjugend das Gelände, dann übernahm es die NSDAP München. 1938 wurde das Grundstück an einen Müllermeister im Nachbardorf Ellingshausen verkauft, der die Hütte weiter ausbaute. Er wurde 1946 durch die Sowjetische Militäradministration enteignet und die Hütte der SED Meiningen übereignet, die das immer mehr verfallende Haus mehreren Organisationen zuschob. Zwischendurch nutzte die Gemeinde Ellingshausen die Bakuninhütte fast zehn Jahre als Touristenstation „August Bebel“. Für die Ausflüge dorthin war die Kreisleitung der FDJ verantwortlich. Ab 1970 diente das Anwesen dann der Meininger Polizei als Übungsgelände.

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1989 ging die Immobilie in den Besitz des Bundesvermögensamtes der BRD über, etwa gleichzeitig bemühten sich Berliner und Meininger Anarchisten, das Objekt wieder „zurückzugewinnen“. Erst einmal mußten sie jedoch den Abriß der Hütte durch das Bauamt verhindern. 2005 kauften sie die Immobilie schließlich dem Vermögensamt in Suhl ab und gründeten den „Wanderverein Bakuninhütte“.

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Um die Renovierung des Hauses zu finanzieren, gab der Verein 2010 im Berliner Kramerverlag eine „Gedenkschrift“ über den ehemaligen Hüttenwart Fritz Scherer heraus: „Rebellen-Heil“. Neben Lebenserinnerungen und Photos von Scherer enthält das Buch eine DVD mit einem Dokumentarfilm über die Wanderarbeiter- und Vagabundenbewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Die umfangreichste Quelle für den Zeitraum bis 1933 sind die Aufzeichnungen des Wanderarbeiters Fritz Scherer,“ heißt es dazu in einem Text von Kai Richarz über „Die Geschichte der Bakuninhütte“ (im Jahrbuch 2012 des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins).

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Da die Einstufung der Bakuninhütte als „Kulturdenkmal“ vom Landesamt für Denkmalpflege abgelehnt wurde, nahm der Wanderverein den diesjährigen „Tag des offenen Denkmals“ (am 8. September) mit seinem Motto „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale“ zum Anlaß, ein Interview mit der Berliner Denkmalpflegerin Gabi Dolff-Bonekämper zu führen – über die Frage, ob die Bakuninhütte mit ihrer Geschichte nicht doch unter Denkmalschutz gehört. Die Kunsthistorikerin an der TU bejahte dies – u.a. wegen des hohen „Streitwerts“. Mit diesem Fachbegriff ist kein Geldwert gemeint, sondern, dass „das Umstritten sein kein Nachteil ist, sondern eine Qualität.“ Dazu käme die gesellschaftliche Strömung, in der die Hütte entstand: der Anarchosyndikalismus als „Fakt in der Geschichte“. Dieser historische Hintergrund war zuvor im Gutachten des Landesdenkmalamtes „nach §2 ThDschG“ als „nicht denkmalrelevant“ eingestuft worden.

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Über die Hütte selbst meinte Frau Dolff-Bonekämper: „Es ist ein interessantes Gebäude, es ist irgendwie extravagant und offenbar mehrteilig, irgendwie gewachsen und es steht mitten in der Natur.“ Der nächste Gesichtspunkt wäre dann die „ereignisgeschichtliche Seite“ – was für die Bakuninhütte ein „Schlüsselkriterium“ sei: „Die ereignisgeschichtliche Seite dreht sich um Bauherrenschaft, Benutzung, Weiternutzung, Umnutzung, die Geschichte und Erhaltung des Bauwerks über Jahre und Jahrzehnte. Und inwieweit diese Geschichte – und da kommt dann eine andere Art von Expertise mit ins Spiel – von lokaler oder regionaler bzw. überregionaler Bedeutung ist.“

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Die „Inventarisationsperson“ (vom Landesamt für Denkmalpflege) müßte also bei der Betrachtung des Gebäudes auf die Ereignis- und die soziale Komponente eingehen – „speziell wenn das auch noch Bakuninhütte heißt und zwischendrin vom NS und dann von der FDJ benutzt worden ist. Dann ist das ja eine ganz kontroverse Folge sozusagen von Widmungen. Und da ist dann die Inventarisationsperson nicht mehr der einzige Experte. Sondern da sind andere Experten dazu zu denken. Nämlich die Nutzer und die Geschichten-Erzähler – die, die über Anarchosyndikalismus Bescheid wissen.“ Das alles müßte laut Gabi Dolff-Bonekämpfer „eigentlich in einer Denkmalerfassung und einer Denkmal-in-Wert-Setzung vorausgehen.“ Bei der Laube der Künstlerin Hannah Höch in Heiligensee habe dieses Procedere vor einiger Zeit gegriffen – sie ist jetzt ein Baudenkmal. Hierbei spielte auch noch etwas anderes mit hinein: Gibt es ein öffentliches Interesse? „Da kommt dann sozusagen der nächste Schritt ins Spiel. Und das öffentliche Interesse zu messen, das ist wieder nochmal eine andere Aufgabe: Wer spricht darüber, wer schreibt darüber? Ist das Ganze schon irgendwie notorisch in der Region bekannt? Gibt es eventuellen Streit darüber, oder gibt es einen Konsens? Das heißt, das Interesse der Allgemeinheit prüfen wir dann zusätzlich ab – als denkmalkundliche Menschen.“

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Und schließlich wäre auch noch die „Sachgesamtheit“ zu bewerten, das gesamte „Ensemble“: die Nebengebäude, ein Stück Landschaft, ein Garten – mit bestimmten Pflanzungen usw….Kurz, alles, „was miteinander in einem Raumzusammenhang steht.“ Den Hinweis, dass es noch übrig gebliebene Reste von Bauwerken gibt, die wahrscheinlich von der Bereitschaftspolizei dazu genutzt wurden, um Häuserkampf zu proben, veranlaßt die Interviewte zu der Bemerkung: „das ist ja superinteressant. Das würde ich dann doch auch unbedingt mit einbeziehen.“

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Die Bakuninhütte bei Meiningen ist das vermutlich letzte noch erhaltene Gebäude in Deutschland, das von Anarchosyndikalisten in der Zeit zwischen den Weltkriegen errichtet wurde. Seine Unterschutzstellung im Sinne des Denkmalschutzgesetzes des Landes Thüringen wäre eine „öffentliche Würdigung“ – aber auch eine Art von Wiedergutmachung. Es ist nicht mehr akut gefährdet, „sondern soll ja sozusagen kulturell angehoben werden, indem es als Baudenkmal ausgewiesen wird. Da kann ich nur sagen: ich finde das nachvollziehbar und könnte mir vorstellen, dass ich so dafür entscheiden würde.“ Denn dadurch wird eine Geschichte gewürdigt, die laut Frau Dolff-Bonekämper zur thüringischen Baugeschichte gehört: „Nämlich, dass es einen Teil der Bevölkerung gab, der den Anarchosyndikalisten angehört hat. Und das die auch noch gerne draußen in der Natur waren und gewandert sind. Also in der Zeit, in der das alle anderen auch machten. Und das dann aber speziell in ihrer Hütte artikuliert haben. Ich würde, wenn ich die Frage nochmals überdenke, die Eintragung ins Denkmalbuch natürlich auch verknüpfen mit dieser Geschichte der Weiternutzung.“

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Damit ist die Frage angeschnitten, ob es eine personelle Kontinuität gibt – zwischen den Erbauern und den anfänglichen Nutzern der Bakuninhütte und ihrem heutigen Betreiberverein. Dafür steht vor allem der Hüttenwart Fritz Scherer, der 1988 starb und noch mit einigen jüngeren Genossen in Kontakt war; auf dem Gelände der Bakuninhütte stellten sie einen Gedenkstein für ihn auf. Dass er und seine anarchosyndikalistischen Genossen nicht nur von rechts, sondern auch von links bekämpft wurden, das ist für die Kunsthistorikerin „eine skandalöse Geschichte die viel zu selten erzählt wird – und insofern denke ich, der Anarchosyndikalismus ist eine kleine aber auch beachtenswerte Bewegung, deren Aktivisten damals hier mit ihrer Hütte eigentlich auf der richtigen Seite standen.“ Ihr engagiertes Handeln „verdient es natürlich, dass man sich daran erinnert. Es wäre ja entsetzlich, wenn man alles was erfolglos war und irgendwann geendet hat, einfach beiseite tut.“

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Abschließend stellte Frau Dolff-Bonekämper noch einmal für die heutigen Mitglieder des Wandervereins Bakuninhütte klar: „Es ist nicht eine Eigenschaft des Objekts Denkmal zu sein, sondern ein Wollen der Erben, etwas zum Erbe haben zu wollen. Damit ist dann ganz klar, dass es eine akteursbezogene Möglichkeit ist. Während der Begriff Denkmal scheinbar einen objektbezogenen Fokus hat.“

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Diese Akteure sorgen auch weiterhin mit Wanderaktivitäten und kulturellen Veranstaltungen dafür, dass die Bakuninhütte nicht wieder in Vergessenheit gerät. Auf ihrer Internetseite heißt es z.B. über ihr Pfingsttreffen 2013: „Damit wurde eine Tradition wieder aufgenommen, die einer achtzigjährigen Zwangspause unterlag…Übernachtet wurde, im Gegensatz zu früher, allerdings nicht mehr in der Hütte, denn dies ist dem Wanderverein Bakuninhütte e.V. untersagt. Dazu dienen nun Zelte, auf dem ausreichend großen Grundstück.“ Aktuell weist der Verein darauf hin, dass er ausreichend Spendengelder bekommen hat, um nun die Instandsetzung der Hütte in Angriff zu nehmen: „Dazu werden wir nun verstärkt tatkräftige Hilfe benötigen. Eine Möglichkeit sich vor Ort einzubringen bieten die Arbeiten Ende September bis Anfang Oktober. Wer aktiv helfen möchte ist gerne dazu eingeladen.“

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Kontakt: Wanderverein Bakuninhütte e.V. , Ernestinerstraße 14, 98617 Meiningen, www.bakuninhuette.de:

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14. Kollektives Wohnen und Arbeiten

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„Wir waren ein Kollektiv/Doch plötzlich lief irgendwas schief“, hieß es 1989/90 in der letzten Narva-Revue „Bei Licht besehen – heiter“ der Theatergruppe des Berliner Glühlampenwerks. In Kollektiven läuft früher oder später immer irgendwas schief. Einer der wenigen, die sich damit systematisch befaßt haben, ist der Hamburger Historiker Arndt Neumann, der sich in seiner Studie „Kleine geile Firmen“ vornehmlich mit der Geschichte der westdeutschen Alternativbetriebe befaßte. Er wird am Wochenende auf einer Veranstaltung über Kollektivprobleme in Kreuzberg und Friedrichshain referieren, die von einem Dutzend Alternativbetrieben organisiert wird.

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Gemeinsam war diesen „Firmen ohne Chef“ anfänglich, in den Siebzigerjahren, dass sie mit ihrer selbstbestimmten Arbeit im Kollektiv der fremdbestimmten Fabrikarbeit und der dort immer drohenden Arbeitslosigkeit etwas entgegensetzen wollten. Dabei gerieten die Autonomiewünsche zunehmend in Konflikt mit den Sach- oder Marktzwängen, es war bald das „Projekt“, das sich verselbständigte – d.h. autonom wurde gegenüber seinem Personal. Und dies war schließlich der Loha-Punkt, da es laut Arndt Neumann für neoliberale Manager und ihre Berater interessant wurde. Einer, der dabei den Übergang vorbereitete, war der Landkommunarde und Frankfurter „Pflasterstrand“-Redakteur Mathias Horx – als anerkannter „Trendforscher“, der bereits eine ganze Berliner „Intelligenz-Agentur“ als seine Nachfolger bezeichnen kann.

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Arndt Neumann stützt sich bei seiner Darstellung dieser Entwicklung auf die damaligen Alternativmedien „Pflasterstrand“, „radikal“, „Kommune“ und „taz“. Daneben auf die exemplarischen Großkollektive „Arbeiterselbsthilfe“ (ASH) Frankfurt, „Netzwerk“ Berlin, „Schwarzmarkt“ Hamburg und die Landkommunenexperimente einiger Frankfurter.

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Am Anfang stand für Neumann der Widerspruch in den Alternativbetrieben „zwischen dem Zwang einer festgelegten Erntezeit, ökologisch/ökonomisch richtigen Anbaumethoden und dem sogenannten Bockprinzip oder dem ’subjektiven Faktor‘. Ein Widerspruch, der weder durch ‚Arbeit ist Arbeit‘ technisch-pragmatisch noch durch die Droge ‚Lust-Unlust‘ gelöst werden kann, sondern sich immer wieder neu stellt und Arbeitsorganisation, Rollenverteilung und Aufgabenbewertung ständig zu modifizieren zwingt.“ So formulierte der Hamburger „Schwarzmarkt“ die Grenze, an die das Konzept des selbstbestimmten Arbeitens damals stieß. Die Frankfurter Genossen Schibel und Leineweber, die erst in einer westdeutschen und dann in einer italienischen Landkommune lebten, sahen ebenfalls im Alltag einen „langsamen Schwund der emanzipatorischen Momente“.

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Immerhin war „mit dem Aufstieg der Gegenkultur vielfach subjektive Autonomie an die Stelle von verinnerlichtem Gehorsam getreten. In Westdeutschland arbeiteten und lebten um 1980 24.000 Menschen in rund 4000 Kollektiven auf dem Land und in den Städten.“

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Die taz-Genossenschaft sandte mich 2009 in die Hamburger Kampnagel-Fabrik ab, um dort auf dem Festival „Kollektive aller Länder“ über alte und neue Formen dieser ökonomischen Selbstorganisation zu diskutieren. Während die „Genossenschaft“ außer Mode gekommen ist, klingt das Wort „Kollektiv“ seltsamerweise immer noch oder schon wieder attraktiv, d.h. es wird gerne für Gruppenprojekte, welcher Art auch immer, verwendet. Und diese Gruppenprojekte scheinen wenigstens in Berlin zuzunehmen. Davon zeugt nicht zuletzt die gutgelaunte zweitägige Veranstaltung „Richtiges im Falschen“.

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Deutsche Sozialtheoretiker sind da weniger optimistisch: Der Soziologe Claus Offe z.B. hält der Vervielfachung individueller „Optionen“ das Verschwinden der kollektiven Optionen entgegen. Auch in den wirtschaftlichen „Spitzenpositionen“ könne nichts mehr bewegt werden, besonders die Politik „tut nur so, als ob sie etwas täte“. Den Soziologen Heinz Bude erinnert die derzeitige Gesellschaftsveranstaltung an ein „Tanzlokal“, wo nun zwar freie Partnerwahl herrsche, „aber immer mehr bleiben sitzen“. In einer solchen „Freiheit“ käme es darauf an, statt Despoten „ausrastende Kleinbürger“ zu pazifizieren. Für Offe kommt es jedoch eher darauf an, „Handlungsfähigkeit jenseits der Handhabung von Kreditkarten in Supermärkten wieder herzustellen“. Er mag dabei an neue (produktive) Kollektive denken, Bude bleibt jedoch beim „unternehmerischen Einzelnen: ein Virtuose des Kombinierens von Erwerbseinkommen, Sozialbeziehungen und Zukunftsentwürfen“ – kein „Künstlerideal“, sondern Modell einer Alltagsmoral. Wobei anscheinend der selbständige Künstler mehr und mehr die soziale Idealform bildet, bei gleichzeitigem Obsoletwerden der Kunst selbst. Der Sozialforscher Zygmunt Bauman nannte eine 2009 veröffentlichte Studie „Wir Lebenskünstler“. Diese „Künstler“ im Kollektiv zu organisieren, das scheint noch schwieriger, als Menschen und Tiere zu assoziieren. Laut Aristoteles liegt diesen das Kollektive sogar weitaus mehr als jenen – als Beispiel erwähnt er die ewigen Streitereien in Reisegruppen.

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Auch Hausbesetzungen sind kollektive Angelegenheiten/Projekte. Dagegen läßt sich jedoch etwas anderes einwenden:

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„Die meisten Leute können nicht squatten. Sie lassen sich schon von einem Stuhl korrumpieren“, meinte z.B. Santu Mofokeng, ein Künstler aus Soveto/Johannesburg, in einer Diskussion über Hausbesetzer. Gegen Hausbesetzungen spricht zudem, dass sie die linke Bewegung zwar fokussieren und dabei sozial ausweiten – gleichzeitig jedoch auch immobilisieren. Das liegt quasi in der Natur der Sache. Ich erinnere mich an eine Schöneberger Gruppe, von denen einer nach der Besetzung seinen Vater, einen Architekten, in Ulm anrief. Der kam auch sofort angeflogen und prüfte die Bausubstanz. Sie gefiel ihm nicht, er riet, ein anderes Haus zu besetzen. Und so geschah es dann auch. Hinzu kommt, dass man nach der Besetzung bloß noch in Hausbaukategorien (Bohrmaschine, Dachstuhl, Heißwasserboiler) denkt. Ich weiß, wovon ich rede. Korrumpiert wird man dadurch, dass man „sein Haus“ immer weiter ausbaut (Fußbodenheizung, Sauna, Gästezimmer) und irgendwann nichts anderes mehr kann als auszubauen und einzurichten. Davon lässt sich aber nicht leben.

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In den ehemaligen Hausbesetzerkneipen links und rechts der Kreuzberger Oranienstraße bekommt man die fatalen Folgen dieser Immobilisierung mit – selbst, wenn man nicht will: All die linken Loser dort sind inzwischen nämlich, und nicht erst seit gestern, zu klammheimlichen, aber an den Theken umso penetranteren Sarrazinisten mutiert. Jede ihrer rassistischen Äußerungen endet mit dem Satz: „Das muss man doch mal sagen dürfen.“ Dies deutete sich bereits 1980 zu Beginn der Hausbesetzerbewegung an – mit antisozialer Ökoignoranz titelte die Zitty da: „Türken raus aus Kreuzberg? Warum nicht. Zumindest einige. Es sei denn, man will den Stadtteil sterben lassen.“ Der Bezirk reagierte darauf prompt mit einer „Zuzugsperre“ für Ausländer. Seitdem ist die Szene der ehemaligen Hausbesetzer zumindest in Kreuzberg noch weitaus ignoranter geworden. Viele haben heute überdies ein Zweithaus auf dem Territorium der ehemaligen DDR an Land gezogen, in dem sie nun im Sommer „Noch Schöner Wohnen“. Der Philosoph Michel Foucault gab bereits 1980 den Linken zu bedenken: „Bedenkt, nicht das Sesshafte, sondern allein das Nomadische ist produktiv!“ Wenn ich mich damit für die Abschaffung von Hausbesetzungen ausspreche, dann soll das natürlich nicht heißen, dass die Hausbesitzer bleiben sollen – im Gegenteil. Manchmal haben sich Besetzer und Besitzer allerdings bereits angenähert: les extrèmes se touchent.

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14. Nach dem Fading-Away alles Gesellschaftlichen nimmt das Einwohnen in
 kleine temporäre Gemeinschaften (Zonen) zu
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 Nach Öko und Bio kommt jetzt EM. Es gibt bereits EM-Kaffee, EM-Gemüse,
EM-Erdbeeren, EM-Äpfel, Käse aus Milchviehhaltung mit EM, EM-Eier,
EM-Fisch, EM-Fleisch, EM-Wurst, EM-Wein - und demnächst EM-Bier sowie
-Limonade. EM ist eine Lösung aus Zuckerrohrmelasse, von und in der
"genau definierte" Milchsäuremikroben, Hefepilze und
Photosynthesebakterien leben. Und EM steht für "Effektive
Mikroorganismen". In den Handel gelangt diese "braune Flüssigkeit" in
Flaschen oder Kanister mit dem "internationalen Zeichen EM1". Es ist
eine Art Mikroben-Cocktail. Zur Anwendung gelangt EM1 in Form von EMa:
Dabei handelt es sich um eine "Vermehrung keine Verdünnung" von 1 Liter
EM1 zu 33 Liter EMa - binnen einer Woche bei 35-38 Grad Celsius.

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Anwenden kann man dieses Konzentrat dann nahezu überall: auf Feldern, in
Wäldern, auf Wiesen und Äckern, im Kuhstall und in der Küche. Alles wird
dadurch besser: die Lebensmittel schmecken intensiver, die Milch der
Kühe ist haltbarer, die Tiere sind gesünder. Darüberhinaus gibt es noch
viele weitere "EM-Lösungen": Sie werden regelmäßig auf den Webseiten des
"EM e.V." und in den "EM-Journalen" vorgestellt.  Was diese
zusammengewürfelten aber kooperierenden Haufen von Bakterien und Pilzen
nicht alles können? Sie "steigern die Qualität der Lebensmittel
signifikant, indem sie mehr als herkömmliche Lebensmittel so genannte
Freie Radikale binden" (das sind kurzlebige aber aggressive,
sauerstoffhaltige Verbindungen mit einem freien Elektron, die
verschiedene Vorgänge in den Zellen stören bzw. schädigen).
Darüberhinaus sind sie in der Lage, "den Düngemittel-, Fungizid-,
Insektizid- und Herbizit-Aufwand drastisch zu reduzieren, wenn nicht
überflüssig zu machen." Sie versetzen hauseigene Kläranlagen in einen
"gepflegten Zustand" (wenn man 1 Liter EMa auf 1 Kubikmeter zusetzt).
Als feinen Biofilm auf Wunden gepinselt lassen sie diese schneller
verheilen. In Freibädern eingegeben verbessern sie die Wasserqualität -
so z.B. in bisher über 300 japanischen Schulbädern sowie im Hollfelder
Freibad, wo das "Zentrum für regenerative Mikroorganismen in Franken
,Der lebendige Weg' mit Sitz in Hollfeld" dieses "EM-Projekt" mit Rat
und Tat begleitet. Darüberhinaus arbeitet man daran, quasi die ganze BRD
mit EM-Beratungsstellen zu besetzen.

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Deren Mitarbeiter erstellen vor Ort - z.B. in Sonderkulturbetrieben wie
den Erwerbsobstbau - "eine PC-gestützte betriebswirtschaftliche Analyse,
die auch den Einsatz von EM und die entsprechenden Kosten darstellt. Die
Beratung zielt darauf, nicht den gesamten Betrieb von heute auf morgen
auf EM-Anbau umzustellen, sondern zunächst auf dem gleichen Schlag eine
EM-Variante einzusetzen. Wichtig ist dabei, gleiche Bedingungen zu
schaffen. Gleicher Schlag, gleiche Sorte, bei mehrjährigen Kulturen
gleicher Pflanzjahrgang."  Dann kann der Kunde vergleichen, ob der
EM-Einsatz etwas gebracht hat - und sich gegebenenfalls darüber mit
anderen EM-Anwendern austauschen: Allein in Österreich gibt es
inzwischen 15 EM-Stammtische, in Berlin einen. Daneben
Jahreshauptversammlungen, Vorträge, Konferenzen, Exkursionen usw. an
wechselnden Orten.

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Hinter diesen ganzen "breitenwirksamen" EM-Aktivitäten steckt die
Erkenntnis, dass die Mikroorganismen nicht nur schädlich sind
(Lebensmittel verderben, Krankheiten übertragen etc.), sondern auch
überaus nützlich: Ja, ohne die etwa 2 Kilogramm Bakterien und Pilze an
und in unserem Körper wären wir, Tiere und Pflanzen, überhaupt nicht
lebensfähig. Mit den meisten sozusagen körpereigenen Mikroorganismen
leben wir in seiner Symbiose und sie untereinander ebenfalls: "Geht es
den Mikroben in uns gut, geht es auch uns gut", so sagen es die
EM-Berater. Mikrobiologen wie Lynn Margulis gehen noch weiter: Sie
vermuten, dass sich diese Einzeller einst zusammengeschlossen haben, um
einen Vielzeller - nämlich uns - zu schaffen, damit sie immer ein
ausreichendes Nährmedium zur Verfügung haben. Der
Biochemie-Nobelpreisträger Richard J. Roberts kam jüngst zu dem
Ergebnis, dass 90% der Zellen in unserem Körper Bakterien sind.

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  Der japanische Professor für Gartenbau Teruo Higa, Begründer der
EM-Bewegung und der "EM-Research-Organisation" (EMRO), unterscheidet
dabei zwischen für uns guten und schlechten Mikroben: "Wo gute sind,
können sich schlechte nicht ansiedeln." Um die guten in Form von EMa
auszubringen, kann man auf "EM-Technologie" zurückgreifen. Auf den
EM-Webpages werden dafür auch immer wieder selbstgebastelte Geräte
vorgestellt. Von Professor Higa kann man außerdem "Bokashi" beziehen,
das ist Kompost, mit dem sich Blumen düngen lassen, der aber auch eine
"gute Grundlage für die Tiere ist". In ihrem Buch über "EM-Lösungen für
Haus und Garten" erklären die Autoren, der Diplomlandwirt Ernst Hammes
und die EM-Beraterin Gisela van den Höövel, die beide im EM-Zentrum
Saraburin in Thailand ausgebildet wurden, wie man "Bokashi" aus den
unterschiedlichsten organischen Abfällen selbst ansetzen kann. Außerdem
geben sie Beispiele, wie ihre "effektiven Mikroorganismen" als EM-Mix
u.a. im Haushalt verwendet werden können: bei der Wasseraufbereitung,
beim Wäschewaschen, in der Spülmaschine und bei der Schnitt- bzw.
Topfblumenpflege... Einige weitere EM-Einsatzorte sind: in
"selbstgemachten Joghurts", bei der Sanierung alter Sofas sowie bei
alten Holzmöbeln und - flächendeckend - auf der ersten
"EM-Apfelplantage" in Weissrussland. Dort wurden zuvor bereits beim
Rübenanbau gute Ergebnisse mit EM erzielt: So stiegen die Ernteerträge
von 350 Zentner pro Hektar auf 600-650, auch die Qualitätsziffern wurden
deutlich besser: Der Zuckergehalt lag bei 17-18% und Stickstoff gab es
halb so viel wie auf den Vergleichsflächen. Ähnlich erfolgreich ist die
Teppichreinigung von Thomas von Stinissen in Wien: 2007 gewann er mit
seiner dabei angewandten EM-Technologie den Umweltpreis "Energy Globe
Austria."

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 Die Brandenburger "Bauernzeitung" berichtete, dass EM bereits in über
120 Ländern genutzt werde, allein in Deutschland gab es Ende 2006 über
3000 EM-Bauern. In dem Artikel wird namentlich der Milchbauer Thomas
Unkelbach aus Hergolding erwähnt, der täglich seine Ställe mit einem
"EMa-Wasser-Gemisch" aussprüht und dessen Kälberverluste seitdem von
über 20% auf unter 5% sanken. Ferner der Hühnerzüchter Bernhard Hennes
aus Langenspach: Er installierte einen "Vernebler" für das
"EMa-Wasser-Gemisch in seinem Legehennenstall - und wurde damit der
Milbenplage Herr. Sowie ein Dr. Franz Ehrnsperger von der Neumarker
Lammbräu, wo die "EM-Technologie in nahezu alle Betriebsabläufe
integriert wurde", das beginnt bereits bei der Behandlung des Saatguts.
Weitere Erwähnung fand eine Gänsezüchterin im norddeutschen Lohne, Iris
Tapphorn, bei der in der Elterntierhaltung dank EM-Einsatz die
Darmerkrankungen erheblich zurückgingen. Gute Erfahrungen mit EMa wurden
außerdem bei der Silierung von Mais gemacht - was nahe liegt, da es sich
hierbei um ein Milchsäuregärungsverfahren handelt, das man mit den
zugefügten "Milchsäurenmikroben" gewissermaßen "effektiviert".

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 Den EM-Beratern ist am Verkauf ihrer Produkte gelegen, sie bemühen sich
daneben aber auch um ein immer genaueres Verständnis der Wirksamkeit
ihrer Mikroben-Konzentrate. Dazu verfolgen sie die Arbeiten der
Mikrobiologen. Die Süddeutsche Zeitung faßte eine Forschungsarbeit der
Biologin Susse Kirklund Hansen von der TU in Lyngby, Dänemark, zusammen:
"Bevor Bakterien sich zusammenschließen, gibt es eine Art Absprache.
Jedes Bakterium sondert Signalmoleküle aus, um seine Anwesenheit zu
demonstrieren. Erreicht die Konzentration dieser Stoffe einen
Schwellenwert, fangen die Keime mit der Schleimproduktion an. Dieses
Kommunikationssystem wird als ,Quorum Sensing' bezeichnet." Die
EM-Experten Hammes und Höövel gehen davon aus, dass die Mikroorganismen
dabei über Elektronen kommunizieren: "Jede lebende Zelle strahlt
ultraschwaches Licht aus." Dieser Forschungsansatz geht auf den
russischen Biologen Alexander Gurwitsch (1874-1954) zurück und wird
heute insbesondere von dem Biophotonenforscher Fritz Albert Popp in
seinem Institut in Kaiserslautern weiterverfolgt. Die FAZ berichtete
jüngst von einer Arbeit an einem Washingtoner Institut mit in Gewässern
lebenden Bakterien der Art Shewanella oneidensis. Diese übertragen ihre
elektrischen Ladungen über Nanodrähte, mit denen sie sich untereinander
verbinden und die oft Dutzende von Mikrometern lang sind. Ähnlich können
auch Cyanobakterien (Blaualgen) solche "elektrisch leitfähigen
Strukturen" ausbilden. Anderswo beobachtete man einen
"Elektronentransfer per Stromkabel zwischen Mikroben unterschiedlicher
Art".

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Während also hierbei das Kommunikations-Medium erforscht wird, geht es
der Biologin Susse Kirklund Hansen in Dänemark und der deutschen Susanne
Häusler (am Braunschweiger Zentrum für Infektionsforschung) um das
(soziale) Zusammenleben der Mikroben: "Ihre Versuche zeigen, dass viele
Bakterien im Biofilm nicht einfach nur viele Bakterien sind, sondern
eine organisierte, kommunizierende Gemeinschaft, die sich nur schwer
zerstören läßt" - und manche nach einiger Zeit ausschließt. Robert
Kolter von der Harvard Medical School spricht von einer "Stadt der
Mikroben": Das "Leben im Biofilm ist wie eine multikuturelle
Gesellschaft. Man sucht sich die richtige Wohngegend mit passenden
Nachbarn, profitiert von der Arbeit der anderen und wenn es unerträglich
wird, zieht man wieder weg."  So werden aus Bakteriologen Stadtforscher.
Ironischwerweise begann die (soziologische) Stadtforschung einmal - in
englischen Armenvierteln - unter bakteriologischem Vorzeichen: Es ging
dabei um Hygiene - und üble Krankheitserreger (z.B. im Trinkwasser). Den
EM-Experten geht es nun u.a. ebenfalls wieder um Hygiene, die sie jedoch
nicht mehr mit keimtötenden Mitteln erreichen wollen, sondern im
Gegenteil mit keimvermehrenden Maßnahmen - u.a. in Badezimmern,
Autowaschanlagen, Abwassersystemen und Kochtöpfen. Wobei sie jedoch zu
bedenken geben, dass für einen erfolgreichen EM-Einsatz eine "Offenheit
im Denken" erforderlich ist.  Im Grunde ist dieses Denken eine
Ausweitung bzw. Konzentration der Ökologie auf den nichtsichtbaren Bereich.

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 So bezeichnet dann auch Steven Gill vom "Institute of Genomic Research"
in Rockville, Maryland, die Bakterienflora im Darm z.B., wo 10 bis 100
Billionen Bakterien der unterschiedlichsten Art leben, als ein
"Ökosystem" bzw. als ein "Mikrobiom, das gewissermaßen ein zweites Ich
darstellt". Zur Aufbereitung unserer Speisen ist die "Zusammenarbeit
mehrerer Gruppen von Mikroorganismen in einer Nahrungskette
erforderlich". Die Berliner Zeitung schrieb über Gills Forschung: "Beim
menschlichen Stoffwechsel läßt sich kaum auseinanderhalten, welchen
Beitrag der Mensch und welchen die Darmflora leistet. Dass Mensch und
Mikroben in enger Symbiose leben, ist seit langem bekannt. Und man weiß
auch, dass die winzigen Bewohner dem Wirt mehr nützen als umgekehrt. Sie
bauen unverdauliche Nahrungsbestandteile zu verwertbaren Nährstoffen um,
versorgen den Körper mit Vitaminen, die er sich selbst nicht beschaffen
kann, und sie halten Krankheiten sowie Entzündungen in Schach."  Der
Spiegel befragte dazu 2005 den britischen Chirurgen und Bakteriologen
Mark Spigelman: "Sie schlagen vor, Chirurgen sollten vor einer Operation
die Hände in Lösungen aus gutartigen Bakterien, wie etwa solche aus
Joghurt, tunken. Was ist so falsch an der Desinfektion?" "Nichts.
Antiseptische Seife ist unsere beste Waffe im Kampf gegen Bakterien.
Aber wenn ich das als Chirurg den ganzen Tag mache, komme ich am Ende
aus dem OP und habe sämtliche normalen, nützlichen Hautbakterien auf
meinen Händen abgetötet. Das schafft erst den Raum für die fiesen Keime,
sich dort niederzulassen."

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Auf der menschlichen Haut leben rund 180 Bakterienarten. Die
Mikrobiologin Zhan Gao und ihre Kollegen an der New York University
haben kürzlich herausgefunden, dass sie sich dem individuellen
Lebenswandel der Menschen anpassen: "Nur eine kleine Gruppe von
harmlosen Hautbakterien bleibt einem Menschen treu, die meisten
Bakterien sind bloß vorübergehend zu Gast. Ihr Gedeihen wird beeinflußt
von Faktoren wie Wetter, Licht, Hygiene und Medikamenteneinnahme,"
berichtete die Berliner Zeitung 2007.  Grundsätzlich gilt jedoch das,
was die EM-Experten für die Landwirtschaft sowie die Viehzucht empfehlen
und der Biochemiker Richard J. Roberts dem Menschen: "Der einzige Schutz
vor krank machenden, pathogenen Keimen ist die Besiedlung durch nicht
krank machende Bakterien. Lactobacillus oder Bifidobakterien im Joghurt
sind vor allem deshalb gesund, weil sie andere, pathogene, Bakterien
fernhalten. Der Trick ist, jede ökologische Nische auf und im Körper mit
unschädlichen Keimen zu besetzen. Übertriebene Sauberkeit schafft
dagegen erst Leerräume für die Besiedlung durch wirklich gefährliche
Keime."

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Ende 2006 berichtete der Spiegel über Tom Baars, dem weltweit ersten
Professor für biologisch-dynamische Landwirtschaft an der Universität
Kassel in Witzenhausen: Der holländische Anthroposoph verpasse dort
vermeintlich "Okkultem" wissenschaftliche Weihen - warnte das Magazin
und zitierte dazu gleich mehrere Wissenschaftler, die entsetzt waren,
wie leichtfertig die renommierte Agrarfakultät sich damit dem
"Esoterik-Verdacht" aussetze. Zum "Beweis" referierte die
Spiegel-Hausbiologin Rafaela von Bredow eines der biologisch-dynamischen
Verfahren: "Eine von Rudolf Steiners Erleuchtungen verdanken die Bauern
etwa die Anweisung, Kuhhörner (von weiblichen Tieren, die schon einmal
gekalbt haben) im Acker zu verbuddeln, gefüllt mit zerriebenen
Quarzkristallen (nach Ostern mit Regenwasser zu einem Brei rühren!).
Mars, Jupiter und Saturn heißt es, strahlten über solche ,kieseligen
Substanzen' von unten nach oben und verströmen ihre kosmischen Kräfte,
indem sie auf Blütenfarbe, Frucht und Samenbildung wirkten. Nach ein
paar Monaten Lagerzeit graben die Anthroposophenbauern die Hörner wieder
aus und kratzen deren Inhalt heraus. Braucht nun etwa ein Tomatenbeet
kosmische Zuwendung, verrühren die Landwirte eine winzige Menge davon in
einem grossen wassergefüllten Faß. So ,dynamisiert' der bäuerliche
Alchemist das Wasser. Den fertigen Zaubertrank schleudert er dann mit
Hilfe eines Handbesens in Tröpfchen über das Gemüse."  Fast genauso
könnten auch die EM-Berater und -Bauern über die Herstellung und
Anwendung ihres Bakterien-Konzentrats sprechen - nur dass sie im
vergrabenen Kuhhorn, gefüllt mit Quarz (sie würden allerdings japanische
Tonerde vorziehen) weniger die "kosmischen Kräfte" als vielmehr die
"mikrobiotischen" am Werk sehen. Auch die "Dynamisierung" dieses
Prozesses in wassergefüllten Gefäßen durch Rühren und Abstehen lassen,
wäre ihnen nicht fremd, nur dass sie statt von Verdünnen von Vermehren
sprechen würden.  Was an den "EM-Technologien" eher noch mehr stört als
an der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, ist die ständige
Betonung der "Effektivierung" - aller Lebensvorgänge im Hinblick auf
ihre marktwirtschaftliche Verwertung.

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Zwar wird wohl zugegeben, dass dieses Geschäft auch und gerade das
mikrobiotische Miteinander zerstört hat - auf den Äckern, Wiesen, in
Gärten und Ställen, ja sogar in den Wohnhäusern und Körpern , aber
wieder ins Gleichgewicht gebracht werden soll es mit einem weiteren
Produkt - EM1 , das sich in seiner Warenform als "Allheilmittel"
anpreist, und somit sämtliche "Fehlentwicklungen" monokausal erklären
muß. Am Ende hat ihre Bakteriologie als angewandte Wissenschaft alle
anderen ersetzt. Ist das schon "offenes Denken" - oder noch Teil einer
"Biopolitik der Unsichtbaren", von der die neuen Studien einiger
Autoren, darunter der "Anthraxforscher" Philip Sarasin, über
"Bakteriologie und Moderne" handeln? Sie beschränken sich darin auf die
Geschichte der Identifizierung und Vernichtung der Mikroorganismen und
verfolgen dabei die Wege zur allgemeinen Überzeugung, dass dies dringend
notwendig sei - während die EM-Propagandisten uns nun genau das
Gegenteil versprechen: einen Biofilm mit Happy-End.

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83320091

Bernd Ulrich aus Tempelhof erfreut seinen Gummibaum mit Mozartmusik

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15. Religiöse Behausungen .

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In einer der letzten Ausgaben der Zeitschrift „polar“ – mit dem Heftschwerpunkt „Wie leben“ plädierten Bruno Latour und Émilie Hacs dafür, auch mit „nicht-menschlichen Wesen“ zu verhandeln, d.h. auch ihnen in Ausweitung der „Menschenrechte“ der Französischen Revolution endlich Sitz und Stimme an den „Runden Tischen“ einzuräumen. Dies setze allerdings eine Suspendierung der Dichotomie von Subjekt und Objekt, Natur und Kultur sowie von Fakt und Fetisch voraus, d.h. in gewisser Weise eine Rückkehr zur Vormoderne, was aber laut Latour nicht weiter schlimm sei, denn „wir sind nie modern gewesen“ – in der Praxis haben die „Modernen“ Soziales und Physisches, Geist und Materie, Himmlisches und Irdisches nicht weniger vermischt als alle anderen Kulturen auch – nur unkontrollierter! Das reale Problem der „Moderne“ bestehe also vor allem in ihrer Blindheit für die Realität ihrer „Vermischungspraktiken“. Und nun gehe es sowieso nicht mehr um „Modernisierung“, sondern um „Ökologisierung“. Das ist im Kern der Inhalt von Latours „Akteur-Netzwerk-Theorie“.

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Gemeinhin stellen wir uns den Fortschritt als durch „Aufklärung“ induziert vor – und die „Religion“, den „Aberglauben“, als etwas, das auf diesem Wege überwunden wird, der uns aus allen „selbstverschuldeten Unmündigkeiten“ herausführt. Erinnert sei nur an die „Aufklärer“ Marx – „Religion ist Opium fürs Volk“ und Freud – die Religion ist eine universelle Zwangsneurose und die Neurose eine individuelle Religiosität. Und sind nicht sowieso alle Kollektive und Kommunismen bloß säkularisierte Religionsgemeinschaften? Bis zum Ende des Glaubens an die immerzu fortschreitende Moderne, das spätestens mit dem Zerfall der Sowjetunion einsetzte, konnte man vielleicht noch von einem mählichen Absterben der Religiosität ausgehen, aber seitdem ist eine wahre Renaissance des Glaubens zu bemerken. Allein die Pfingstbewegung hat weltweit mehrere Millionen neue Mitglieder und auch in den ehemaligen Sowjetrepubliken ebenso wie im arabischen und afrikanischen Raum haben Zigmillionen Menschen wieder zum „wahren Glauben“ zurückgefunden. Der Prozeß der globalen Säkularisierung hat sich bereits umgedreht. Wobei die gläubig gewordenen Massen durchaus nicht mehr nur aus verelendeten bestehen, Träger dieses Prozesses ist jetzt – z.B. in der Türkei und in Indien – eher die Mittelschicht. Und auf dem Vormarsch sind auch nicht mehr die Vernunftreligionen, sondern die ekstatischen. Die (tschechische) Brüdergemeine hat sich darüber bereits gespalten und die katholische Kirche bemüht sich um Integration der Erweckungsbewegten.

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Damit es ihr nicht so ergehe wie z.B. der evangelischen Pastorin von Bischofferode, die nach dem verlorenen Kampf der dortigen Kalibergarbeiter um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze, meinte, „daß jetzt nach der Niederlage so viel rückwärtsgewandtes Zeug im Eichsfeld passiert: Schützenvereinsgründungen, Traditionsumzüge und sogar Fahnenweihen – zum Glück hat man so was noch nicht an mich herangetragen.“ Aus ihrer Sicht ist der Fortschritt mit dem Ende der DDR gescheitert, ergo triumphiert derzeit die Reaktion und die (neoliberale) Restauration.

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Diese Rückwärtswendung hat jedoch nicht verhindert, dass die Bürger gleichzeitig immer vehementer gegen „von oben“ durchgedrückte Großprojekte kämpfen. Der Wissenssoziologe Bruno Latour hat auch das hellsichtig kommen sehen: Aus – von Politik, Wissenschaft und Kapital geschaffenen – „Fakten wurden Belange“. Wir müssen uns also alle kümmern, kämpfen – und uns kollektivieren, oder umgekehrt. Seine „politische Ökologie“ ist das Gegenteil einer „Öko-Politik“. Dazu gehört die Einsicht: „Kritik, Natur, Fortschritt, das sind drei der Zutaten des Modernismus, die kompostiert werden müssen.“ Denn die Experimente der „Naturalisten“ sind längst den Laboratorien entwachsen und betreffen uns mittlerweile alle. Wir sind damit zu „Mitforschern“ geworden, ob wir das wollen oder nicht – und müssen deswegen auch Mitentscheider sein.

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Das geht nicht ohne Kampf. Schon warnt der Arbeitgeberverband, dass bei den sich derzeit auswachsenden Bürgerprotesten bald überhaupt keine „Großprojekte“ mehr realisiert werden können – und das ginge nicht, meinen die Großindustriellen; die Großpolitiker ebenso wie „Big Science“ können ihnen da nur zustimmen.

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Gleichzeitig setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass wir die Biologie in Soziologie auflösen müssen – und nicht – wie von Malthus und den Eugenikern, von Huntington und Sarrazin versucht: umgekehrt. Das schwante schon dem Soziologen Gabriel Tarde: Für ihn besagte laut Latour „naturalisieren stets ent-objektivieren, um zu intersubjektivieren“. Und kürzlich meinte der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme in einer Vorlesung über Wasser: „Wer mit der Erscheinungsvielfalt des Wassers vertraut ist, wird leichter einräumen, dass jene Trennung von Subjekt und Objekt, wie sie für die neuzeitliche Wissenschaft kennzeichnend wurde, ein Irrweg ist, oder zumindest nur zur halben Wahrheit führt.“

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Böhme ebenso wie die neuen Gläubigen sind damit bereits in der Vormoderne angekommen. Vielleicht hilft ihnen dort ein Diktum des böhmischen Hyperrealisten Bohumil Hrabal weiter: „Alles ausprobieren und nichts auslassen – keine Kirche und keine Kneipe.“ Der Schweizer Schriftsteller Rolf Niederhäuser scheint ihnen dahin folgen zu wollen, wenn er schreibt:

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„‚Das Menschliche lässt sich nicht erfassen und retten, wenn man ihm nicht jene andere Hälfte seiner selbst zurückgibt: den Anteil der Dinge‘, sagt Latour. Auch die Dinge spiegeln – repräsentieren die Menschen! Und nur eine ’symmetrische Anthropologie‘, die ’solchen Dingen‘ wie dem Ozonloch, den Kurden und den geklonten Schafen parlamentarische Rechte einräumt, kann dem gestrauchelten Souverän wieder auf die Beine helfen. ‚Wir haben kaum die Wahl. Wenn wir nicht in ein gemeinsames Haus ziehen, werden wir die anderen Kulturen, die wir nicht mehr beherrschen können, nicht darin unterbringen. Und es wird uns nie gelingen, die Umwelt, die wir nicht mehr meistern können, darin aufzunehmen. Weder die Natur noch die andern werden modern werden. An uns ist es, die Art und Weise unserer Veränderungen zu verändern. Oder es war umsonst, dass die Berliner Mauer während des wundersamen Jahres der Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution 1989 fiel, um uns diese einzigartige Lektion der Dinge über das gemeinsame Scheitern von Sozialismus und Naturalismus zu erteilen‘.“

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Hausaltäre

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Der Psychoanalytiker Tilmann Moser beteiligte sich gerade an einem vom Historiker Karsten Krampitz herausgegebenen Reader: „Leben mit und ohne Gott“: In seinem Beitrag aus der Praxis warnt er seine Analytiker-Kollegen davor, „Religiosität und Spiritualität von vorneherein als ‚Schiefheilung‘ des Seelenlebens, als ‚Opium fürs Volk‘ oder als zweifelhafte Lösung für kindliches Elend und lebensbedrohende Angst [zu] denunzieren“. Er selbst half sogar einmal einer sich ihrer frühen religiösen Neigungen schämenden Patientin als „vorübergehender Glaubensbeförderer“. Auf dem diesjährigen Soziologentag appellierte der US-Soziologe Peter Berger an seine Kollegen, das Erstarken der Religionen – „den bisher unsichtbaren Elefanten in der Mitte unserer guten Stube, der Gesellschaft“ – soziologisch ernster zu nehmen als bisher, zumal dieser „Elefant“ auch noch gerade auf unseren Teppich geschissen habe. Der Amerikaner trug in seinem Vortrag Eulen nach Athen, denn unter den deutschen Soziologen und Kulturwissenschaftlern wird seit dem Attentat auf das World Trade Center, spätestens seit der Soziologe Jürgen Habermas den Begriff „postsäkulare Gesellschaft“ prägte (dem sofort eine „Leuchtturmfunktion“ zukam) – die Macht der Religionen gegen die zunehmende Ohnmacht der „säkularen Moderne“ ins Interpretationsfeld geführt.

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2009 faßte der Aachener Politikforscher Thomas Philipp ihre Debatte – ausgehend von Habermas‘ Treffen mit Kardinal Ratzinger 2004 – zusammen. Erst einmal problematisierte er darin die Begriffe „post“ und „säkular“. Jürgen Habermas hatte den „Geltungsbereich“ des Begriffs „postsäkular“ eingeschränkt, insofern in den demokratisch-rechtsstaatlichen Institutionen die „säkulare Amtssprache“ weiterhin tonangebend sein sollte. Unterhalb dessen durfte jedoch – in der Bevölkerung quasi – um die Wahrheit gerungen werden: Die „säkularisierten Gesellschaften West- und Nordeuropas“ würden sogar laut Habermas belebt von der „Begegnung mit der Vitalität fremder Religionen“. Sie verschaffe auch den „einheimischen Konfessionen eine neue Resonanz.“ Thomas Philipp gibt hierbei zu bedenken: „Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass nicht einfach eine Revitalisierung von Religion stattfindet. Die Religion selbst ist massiven Veränderungen unterworfen.“ Schon der große Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg gab zu bedenken: „Es ist ein großer Unterschied zwischen etwas noch glauben und es wieder glauben. Noch glauben, daß der Mond auf die Pflanze wirke, verrät Dummheit und Aberglaube, aber es wieder glauben, zeugt von Philosophie und Nachdenken“. Philipps Résümee der Religions-Debatten legt nahe, dass die massenhafte Hinwendung zur Religion paradoxerweise mit einem „Rückzug des Religiösen“ einhergeht: In den westlichen Industriestaaten hat der „wissenschaftlich-technische Fortschritt unaufhaltsam den Bereich des Säkularen erweitert.“ Sonst wären „Diskussionen z.B. über gentechnisch veränderte Lebensmittel und Lebewesen, Stammzellenforschung oder Sterbehilfe überhaupt nicht plausibel [zu] machen.“


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Man muß dabei jedoch sehen, so der Leiter des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung Wolfgang Streeck in einem Aufsatz über „Die Macht der Unschärfe“, dass sich Wissenschaft und Politik gar nicht groß von den (religiösen) Massen unterscheiden – insofern sie ihre Argumente – Optimismus verbreitend und Panikmache vermeidend – dämpfen und aufhübschen. Daraus folgt für den Autor: 1. Die „Gesundbeterei kann die soziale Welt tatsächlich heilen“. 2. Durch ihre Verschönerungs- bzw. Beschwichtigungstendenz „können sich Politik und Wissenschaft – und gerade dessen positivistische Spielart – in Magie verwandeln“. 3. „Politiker neigen ohnehin zu einem magischen Weltbild“. Und 4. „Der Abstand zwischen Theorie und Intuition dürfte jedenfalls geringer sein als viele Sozialwissenschaftler glauben möchten.“


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Wenn mit „Intuition“ ein mit Lebenserfahrung angereicherter Glaube gemeint ist, dann kommt diesem „Befund“ ebenfalls ein Vorschlag des Wissenssoziologen Latour entgegen: Da im Fakt mindestens ebensoviel Glaube steckt wie Fakten im Fetisch, möchte er die beiden Begriffe ersetzen durch das Wort „Faitiche“, um dahin zu kommen, die einst zerschlagenene Einheit von Fakten und Fetische (wieder-) herzustellen und neu zu bestimmen.


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Um diese „Faitiche“ geht es in der vorliegenden empirischen Studie der Universität Hildesheim – nicht von der Soziologie, sondern vom „Glauben“ her. Ich selbst habe in den Achtzigerjahren angefangen, Hausaltäre – vor allem in Asien und dann auch in Europa – zu photographieren. Irgendwann gab ich auf: Fast jeder hat einen „Hausaltar“, eine „Heilige Ecke“ mit Erinnerungsstücken oder wenigstens einen kleinen „Fetisch“ in der Tasche bzw. am Körper. Und alles kann zum Fetisch werden, wie die Recherchen der Hildesheimer Studenten und ihrer Dozentin Annett Gröschner zeigen, die sie unter dem Titel „Hildesheimer Herrgottswinkel“ als Buch veröffentlichen.

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17. Wohnen bleiben

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Trotz Neonazi-Umwelt: Nicht weichen. Kürzlich fand zu diesem Zweck in der Neuköllner „Astra Stube“ eine Antifa-Belehrung über das rechte Netzwerk in Mitte, Wedding, Weißensee und Kreuzberg statt – mit Fotos, Namen und Daten ausgewählter Neonazis. Für nähere Details wurde man auf die Internetseite „zusammengegendienpd.blogsport“ verwiesen. Es gibt mehrere solcher Internetseiten, die man z.T. abonnieren muß. Sie werden immer polizeywissenschaftlicher, aber auf keiner wird eine (gesellschaftliche bzw. soziale) Analyse der Neonazi-Bewegung versucht. Mitunter hat man fast den Eindruck, dass es sich dabei um einen „Style-Kampf“ – ähnlich dem frühen von „Exis“ und „Rockern“ und dem späten von „Mods“ und „Teds“, zwischen zwei Jugendgangs also – handelt: Antifas contra Neonazis, mit Toten und Schwerverletzten allerdings. Das war in der Studentenbewegung anders: Nach dem Mauerbau 1961 zogen viele Industriebetriebe und auch die reichsten Westberliner nach Westdeutschland. Zurück blieben – vor allem in Kreuzberg und Neukölln – die „Fußkranken“, Eierdiebe, Alkoholiker und Gelegenheitsjobber. Sie waren alle mehr oder weniger rechts, mindestens antikommunistisch, das galt auch für die damals noch etwas „moderneren“ Rocker. Die Linke begriff sie als agitationsempfängliches Subproletariat und in ihrer Marcuseschen „Randgruppenstrategie“ sogar als eine Art „historisches Subjekt“. Das begann – ähnlich wie jetzt z.B. auf die „Astra-Stube“ und „Tante Horst“ – mit Überfällen von Neonazis auf Kneipen, in denen sie linke Studenten und Ausländer vermuteten. So wurden z.B. die Besitzer – ein Deutscher und ein Libanese – der zwei einzigen Restaurants in S.O. 36: „Stiege“ und „Samira“ von einer Rockerbande vertrieben. Ein erst aus Israel und dann aus einem Beiruter Lager vertriebener Palästinenser, Ahmed Seoud, übernahm ihre Läden.

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Sein Bruder Mahmoud erinnert sich: „Die Rocker hatten ihr Clubheim im stillgelegten und heute zugemauerten U-Bahnhof Dresdner Straße – unter dem jetzigen Alfred-Döblin-Platz. Später sind sie dann in die Waldemarstraße umgezogen. Da steht heute noch der Satz am Haus „Das Wort hat die Genossin P38″. Auch zu uns kamen sie dann. Wir haben damals 1974 richtig gegen die Rocker gekämpft. Dabei haben wir uns mit anderen Kneipenbesitzern, die sich ebenfalls bedroht fühlten, zusammen getan. Auch unsere Gäste, Linke, Künstler und Studenten, hielten zu uns. Die Polizei hat dagegen nie geholfen, sie hat uns nur ermutigt: ‚Weiter so!'“ Umgekehrt halfen „die Palästinenser“ dann dem zuvor besetzten „Tommy-Weisbecker-Haus“, einen Neonazi-Überfall abzuwehren. Ähnlich war es bei dem 1971 von Lehrlingen, Trebegängern und Schülern besetzten „Georg-von-Rauch-Haus“: Zum Schutz vor Neonazi- und Polizeiüberfällen rückten jede Nacht Genossen aus dem Moabiter „Sozialistischen Zentrum“ an. Es kam hier jedoch zu keinem Überfall, jedenfalls so weit ich erinnere.

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Die Neonazis wurden immer weniger, die Altnazis sowieso und die Rocker gaben irgendwann klein bei. Zuletzt wurde sogar das Lokalverbot für sie aufgehoben, allerdings kamen sie in die „Stiege“ und in das „Samira“ nur ohne ihre Jacken rein, die voller „Nazi“-Embleme waren. Eine Bande nannte sich „Kettenhunde Berlin“, die andere „Phönix“, und dann gab es noch die „Hell’s Angels“. Ihren Club, den „Jodelkeller“ in der Adalbertstraße, gibt es bis heute, nur dass die Geschäftsführerin inzwischen eine Semipalästinenserin ist: Leila, und die Rocker, die inzwischen alle 60 oder 70 sind, statt mit Motorrädern mit Fahrrädern oder sogar mit Rollator vorgefahren kommen.

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Ende der Sechziger, Anfang der Siebzigerjahre hieß es: Nach 45 Antifa zu sein, zeugt bloß noch von feigem Mut. Man konnte damals den Eindruck gewinnen, dass die linke Bewegung sich immer weiter ausbreitet, d.h. immer mehr soziale Gruppen erfaßt. Im selben Maße wurden die letzten Neonazi- und Rockergruppen aus Kreuzberg und Neukölln verdrängt. Aus den autoritären Banden der letzteren schlossen sich Einzelne sogar den „Antiautoritären“ an, im Westberliner SDS gelangte z.B. der aus dem Ruhrgebiet stammende Bodo Saggel zu – verdientem – Ruhm. Er fiel 2003 in seiner Kreuzberger Stammkneipe tot vom Barhocker. Erwähnt sei ferner die Schöneberger Lehrerin Irmgard Kohlhepp, die eine „Rockerkommune“ gründete – und dabei immer wieder herbe Rückschläge (u.a. Wohnungszertrümmerungen) einstecken mußte. Sie war Mitgründerin der Alternativen Liste (AL), wurde später jedoch als „Rechte“ aus der „Grünen“ Partei ausgeschlossen. Mit einem Ex-Republikaner hatte sie inzwischen eine Organisation für liberalsoziale Ordnung gegründet. Die Antifas nennen sie eine „Querfrontstrategin“.

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Es ist gut möglich, dass die Neonazis in diesen üblen Restaurationszeiten auf dem Vormarsch sind, als Frontschweine der Sarrazinisten quasi, während in der Linken umgekehrt das Renegatentum epidemisch geworden ist. Der Altgenosse Hans-Dieter Heilmann übertrieb nur wenig, als er unlängst bemerkte: „Komisch, am Anfang waren wir im SDS höchstens zu zwölft – und jetzt sind wir wieder nur zwölf“. Aber dann bliebe immer noch zu fragen, ob sich die Herrschenden nicht högen, wenn Linke und Rechte in Dauerkämpfe verstrickt sind und mit schon polizeywissenschaftlicher Akribie Daten vom Gegner sammeln. Auf der obigen Antifa-Belehrung wurde abschließend zu einer Demonstration im Wedding „Nazis auf die Pelle rücken“ aufgerufen und außerdem zu „Action Weekends“ in einigen anderen Bezirken. Die Parole dafür lautete: „Nazis Bullen Religiöse Freaks Macht euch vom Acker!“ Aber wo sollen sie denn hin? Soll man vielleicht Reservate oder gar GULags für all diejenigen schaffen, die es nach „Rassereinheit“ verlangt? Das wäre doch mindestens eine völlige Verkennung der derzeitigen Machtverhältnisse und ihrer Entwicklung. Ich erinnere nur an den Beruhigungs-Spruch des drittreichsten Mannes der Welt Warren Buffett – im Jahresbrief an die Investoren seines Fonds „Berkshire Hathaway“: „Wenn Klassenkampf in Amerika geführt wird, gewinnt meine Klasse klar.“

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Nach der Wende gab es bis 1993 eine branchenübergreifende „Betriebs- und Personalräteinitiative“, in der fast alle großen DDR-Unternehmen vertreten waren, um sich gemeinsam gegen die Abwicklung ihrer Arbeitsplätze durch die Treuhandanstalt zu wehren. Einer ihrer wissenschaftlichen Begleiter, der FU-Soziologe Martin Jander, kam hernach zu dem Schluß, der aktionistische Anti-Treuhand-Protest der Initiative transportiere undemokratische und antihumanitäre Parolen: „So hing z.B. auf ihrem Betriebsräte-Kongreß ein riesiges Transparent an der Wand: ‚Wer von der Treuhand nicht reden will, der soll von Rostock schweigen!‘ Keiner der Anwesenden protestierte gegen diese glatte Rechtfertigung des Pogroms in Rostock. Verzweifelte ‚Avantgarden‘ ohne Massen und hilflose Betriebsräte scheuen sich offenbar nicht, mit Pogromen zu drohen.“

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Das Transparent wurde für eine Demonstration der Betriebsräteinitiative gegen die Treuhand-Polltik bereits im Dezember 1992 angefertigt, und keiner aus der Initiative sah etwas Verwerfliches in diesem abgewandelten Horkheimer-Zitat, das original in etwa „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, der soll vom Faschismus schweige“ lautete. „Rostock“ bezog sich natürlich auf den dortigen Neonazi-Überfall auf ein Wohnheim von Vietnamesen 1992. Und gemeint war damit – durchaus im Sinne des Adorno-Zitats, dass der Faschismus einen kapitalistischen Hintergrund hat, ohne den er nicht zu verstehen ist. Aktuell auf den Neonazi-Überfall bezogen, dass der Adressat ihrer Wut und Enttäuschung, wenn schon aufs Lokale reduziert, dann doch die Rostocker Treuhandniederlassung hätte sein müssen. Das er das nicht war, sondern sich gegen eine Minderheit richtete, die noch viel beschissener dran war als sie, ist erst einmal ein Problem mangelnder Aufklärung. Und gereicht den Herrschenden zur Freude, denen deswegen arg daran gelegen ist, dass der völlig verblödete Plebs übereinander herfällt – und sie gefälligst in Ruhe läßt. Dies war mit der Transparent-Parole gemeint. Dem FU-Soziologen Jander sei in diesem Zusammenhang gesagt, dass die „Political Correctness“, die er mit seiner Interpretation einklagen wollte, genau das Problem ist, mit dem wir es hier zu tun haben.

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18. Autonome Freiräume

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„Von kommunistischer Hand zentral gesteuert finden in diesen Tagen über ganz Deutschland verteilt, Hausbesetzungen statt,“ heißt es in einem Flugblatt, das der RCDS 1981 in Kreuzberg verteilte. Auch die Springerstiefel-Presse gefiel sich in dieser antikommunistischen „Hetze“, nur ging es diesmal nicht gegen internationalistische Studenten, sondern gegen eher „kiez-„, d.h. freiraumversessene“ Hausbesetzer/Punks. Aber auch hierbei: Nicht nur in Deutschland, auch in England, in Italien und in anderen Ländern motivierte „Moskau“ die Jugendlichen, Häuser zu besetzen – selbst in der Schweiz: Für kurze Zeit führte Zürich sogar die diesbezügliche „Randale-Hitliste“ an, die von „taz“ und „pflasterstrand“ eine zeitlang geführt wurde. Damals bestand die komplette Berliner Lokalredaktion aus „Hausbesetzern“. Sie zählten im Gegensatz zur Inlands-Redaktion allerdings zu den „Verhandlern“. 

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Als der „vermummte“ (Wikipedia schreibt, der „deutsche) Hausbesetzer“ Klaus-Jürgen Rattay am 22.September 1981 in Schöneberg bei einer polizeilichen Räumungsaktion von einem BVG-Bus überfahren wurde, radikalisierte sich die „Bewegung“, die in Berlin genaugenommen mit der „Kudamm-Randale“ 1980 begonnen hatte. Rattay geriet ihr dabei zu einer Art Märtyrer. „Der Stein bestimmt das Bewußtsein!“ Einmal verwüsteten die Autonomen auch die taz-Lokalredaktion, die ein ganzes Journal zu diesem brennenden „Thema“ zusammengestellt hatte – mit einem Steinewerfer auf dem Cover, den sie einem Wandbild des besetzten Zentrums „KuKuCK“ am Anhalter Bahnhof entnahm. Die FAZ sprach analog in bezug auf diese ganzen Immobilien-Kämpfe vom Geschäft des „in Steinen angelegten Geldes“. In Westberlin lebte die halbe Frontstadt davon. Deswegen lag Berlin dann doch – trotz oder gerade wegen der harten CDU-„Lummer-Linie“ – schnell in puncto Hausbesetzungen vorne.

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Im Sommer 2008 besuchte ich ein beschauliches Tal im Baskenland – und erfuhr dort als erstes vom Lokalredakteur, dass es im Tal die ersten zwei Hausbesetzungen gegeben habe, aber nicht zum Wohnen, sondern als Kultur- bzw. Jugendzentrum. In Bremen hatten wir 1981 eine leerstehende „Faber-Castell-Fabrik“ als ein solches Zentrum besetzt gehabt. Aber das war ein großer Fehler: Die Stadt war nur allzu froh, dass sich 50 und mehr linke Idioten dieses innerstädtischen Schandflecks annahmen – und ihn kostenlos aufhübschten. Eigentlich brauchte damals in Bremen kein Schwein solch ein „Kultur- bzw. Jugendzentrum“ – und die dort wohnenden und unentwegt Wände einreißenden Genossen verdrückten sich denn auch bald zurück in ihre gemütlichen Wohngemeinschaften. Anders in Zürich – dort ging es seit den „Opernkrawallen“ Ende Mai 1980 um das Autonome Jugendzentrum – AJZ und die „Rote Fabrik“. „Züri brennt!“ drohten sie – und heute ist das Fabrik-„Kollektiv“ eine konventionelle Veranstaltungsmaschine mit Seeblick und Angestellten, denen die Entstehungsgeschichte „ihres“ Dienstleistungsunternehmens ziemlich am Arsch vorbei geht.

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In Bremen ging es mit dem dortigen Juwel der Hausbesetzerbewegung, der Faber-Fabrik, dann so zu Ende, dass 80 Kartons mit blauen Faber-Kugelschreibern, die bei der Besetzung im Keller gefunden worden waren, nach nebenan in das ebenfalls von allen Besetzerinnen verlassene „Frauenzentrum“ geschafft wurden, wo nur noch der Gründer des anarchistischen Bremer „Impuls-Verlages“ – Jimmy, mit seinem Schäferhund Maro ausharrte. Der harte Besetzer-Kern, Männer wie Frauen, erwog unterdes, ob man statt der gerade hinter sich gebrachten BluBo-, sprich: Immobilien-Lösung nicht doch eine „nomadische Kriegsmaschine“ hätte bilden sollen – wie sie damals bereits mit den Wohnwagenleuten (den Rollheimern) und den französischen Theoretikern, Gestalt annahm. Zu diesem Zweck rüstete man erst einmal eine Expedition ins hinterste Anatolien aus – unter der Führung des einst von dort nach Bremen geflüchteten maoistischen Lehrers Suleymann. Dieser bestand aber darauf, dass die Karawane in seine Heimat alle Faber-Castell-Kartons mitnehmen müsse – und konnte sich auch mit diesem „Wahnsinn“ durchsetzen. Schon gleich hinter der Grenze startete er eine gigantische Alphabetisierungskampagne auf Privatbasis, indem er überall Kugelschreiber verteilte. Und das erwies sich dann als ein wahrer Segen – vor allem für die hinter Suleymann Herfahrenden: Immer wenn die Verbindung zwischen des Autos riß, brauchten sie bloß nach Leuten zu suchen, die mit einem blauen Kugelschreiber in der Hemdtasche herumliefen, schon wußten sie, dass sie auf dem richtigen Weg waren.

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Die Hausbesetzerbewegung bestand nicht aus obdachlosen Jugendlichen. Es ging den meisten Beteiligten um die Schaffung eines gemeinsamen Lebensraumes. So sah das – zynisch – auch der damalige Berliner Kripoleiter Schenk: „Es ist doch prima, wenn die jungen Leute sich handwerklich in sinnvoller Weise betätigen: Da lernen die was – und kommen nicht auf dumme Gedanken“. Die Nichtverhandler begriffen denn auch die ganze Hausrenoviererei als eine üble Form der „Entpolitisierung“ – sie drängten darauf, die Bewegung weiter zu radikalisieren und auszuweiten. Ihr Sprachrohr war u.a. die Zeitschrift „radikal“, die einst vom jetzigen Genmais-Bekämpfer Benny Härlin mitgegründet worden war, der aber dann zu den „Verhandlern“ zählte und als taz-Lokalredakteur deswegen auch von den autonomen Militanten immer wieder angemacht wurde. So dass es mehr als eine Ironie der Geschichte war, dass die Polizei dann ausgerechnet ihn – in seiner Eigenschaft als alter „radikal“-Veinsvorsitzender – in Haft nahm. Die Grünen (AL) stellten ihn jedoch flugs als Europa-Kandiaten auf und als er die Wahl gewann, war er für die Westberliner Justiz immun.

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Das Problem aber, um das es dabei ging, hatte bereits der Sowjet-Pädagoge A.S. Makarenko umrissen, als er Mitte der Zwanzigerjahre über die von ihm gegründeten „Kinder-Kolonien, die ihre Motivationsbilanz auf das Handwerk aufbauen“, schrieb, dass die Jugendlichen als angehende Schuster, Tischler, Maurer etc. immer mehr „Elemente des Kleinbürgerlichen“ annahmen. Und diese stehen der Entwicklung eines revolutionären Kollektivs entgegen, wie er es anläßlich des Umzugs der Gorki-Kolonie in eine größere in der Nähe von Charkow sogar an sich selbst bemerkte – nachdem sie ihr knappes Hab und Gut zusammengepackt hatten und dabei eine Menge sauer erworbenes bzw. organisiertes „Eigentum“ zurück ließen: „All diese ungestrichenen Tische und Bänke allerkleinbürgerlichster Art, diese unzähligen Hocker, alten Räder, zerlesenen Bücher, dieser ganze Bodensatz knausriger Seßhaftigkeit und Wirtschaftlichkeit war eine Beleidigung für unseren heldenhaften Zug…und doch tat es einem leid, diese Dinge fortzuwerfen.“

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Die taz löste sich in der „chaotischen“ Hausbesetzerzeit langsam von der „Bewegung“ und bemühte sich, ideell und materiell „autonom“, d.h. „professionell zu werden. Ironischerweise half ihr dabei mehrmals der „Nichtverhandler“ Armin Meyer, dessen Hausbesetzer-Sohn Mao später eine taz-Kolumne mitbestritt, obwohl auch er seit 1980/81 davon überzeugt war: „taz lügt!“ . Inzwischen ist neben Armin Meyer noch ein gutes Dutzend Hausbesetzerkollektiv-Reste aus der Oranienstraße nach Niederfinow aufs Land gezogen – und das BKA gleich mit: die Beamte installierten ihre Überwachungskameras dort 2006 in einem leerstehenden Brunnenhäuschen. Aber nicht nur ihre Büttel, auch das Kapital selbst wurde flexibel: Ulrich Möller, Ex-Staatsanwalt in den Reihen der Moabiter Polit -Garde hatte 1988 als Besitzer des ‚Stuttgarter Hofes‘ am Anhalter Bahnhof direkt neben dem früheren KuKuCK, das er einst durchsuchen ließ, nichts mehr dagegen, dass künstlerische Besetzer die Ruine in Beschlag nahmen: „Die nicht zahlenden Gäste“ durften bleiben. Und aus der „Murales“-Idee – revolutionäre Wandgemälde – machte der beim größten Westberliner Baulöwen Klingbeil in die Lehre gegangene Architekt Reinhard Müller Blow-Up-Werbeplakate, die er seit 2001 über alle Baudenkmäler der Stadt hängt, um sie dahinter kostenlos zu renovieren: Seinen Gewinn schöpft er aus den üppigen Werbeeinnahmen.

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Auch das Kulturzentrum „Tacheles“ in der Oranienburgerstrasse war erfolgreich: Dank der vielen Berlin-Touristen wurden die Besetzer so reich, dass sie sich jetzt in hunderten von Prozessen gegenseitig verklagen. Ihr Kollektiv wandelte sich zu einer Bande von Geschäftsleuten. Nicht nur die Kollektive, auch die Hausbesetzungen sehen heute ganz anders aus: Dänen, Irländer, Engländer, Österreicher, schwäbische Erben, aggressive US-Fonds und kanadische Investorengruppen – sie alle kaufen billige Immobilien in Berlin, hübschen sie mit bulgarischen Handwerkern auf, erhöhen die Mieten, säubern die langjährig gewachsenen Mieter-„Zusammenhänge“ hinaus – und verkaufen die Häuser anschließend mit Gewinn. Angelegt war diese Sauerei schon bei den noch halbwegs illegalen Hausbesetzungen: Da bezog z.B. eine Gruppe ein Haus am Klausener Platz in Charlottenburg, sofort rief einer seinen Architektenvater zu Hause in Künzelsau an – und der prüfte daraufhin die Bausubstanz. Anschließend riet er den „Kids“, ein „geeigneteres Objekt“ zu besetzen. Das war 1981.

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Bei den zwei derzeitigen Prestigeobjekten der Berliner Autonomen: dem geräumten und vom Bezirk im Künstlerhaus Bethanien einquartierten „Neu York“ und der „Köpi“ in der Köpenickerstraße, die trotz oder neben aller Radikalität bisher erfolgreich „verhandelten“, ist die Zukunft noch offen: Schmiert sich ein folgsames Räderwerk ein oder bereitet sich da eine Höllenmaschine vor? Erst einmal platzten jedoch gerade die Verhandlungen zwischen der Kreuzberger Bezirksverwaltung und den „Neu Yorkern“, letztere mobilisieren seitdem erneut die Öffentlichkeit rund um ihren Bethanien-Südflügel. . Viele große „Kulturprojekte“ der Westberliner Hippie- und Alternativ-Scene gerieten bereits nach dem Fall der Mauer in die politische und kulturelle Seniorität: UFA-Fabrik, Tempodrom, tageszeitung und Künstlerhaus Bethanien z.B., oder sie verkamen unter staatlicher Regie – wie das nun aufgehübschte „Haus der Kulturen der Welt“, wo statt der „DritteWelt-Sympathisantenscene“ heute Beamte aus den Goethe-Inistituten und BRD-Botschaften „Multimedia-Events“ projektieren. Noch mitten in der Wende wurden jedoch neue „Freiräume“ aufgetan bzw. besetzt: Allen voran die „Mainzer Straße“, die jedoch der rotgrüne Senat unter dem Bürgermeister Walter Momper schnell räumen ließ.

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Dann die „Kulturbrauerei“ im Prenzlauer Berg, die längst zu einer öden Top-Event-Adresse kaputtrenoviert wurde (von einer FU-Feministin). Ferner die „Tacheles“ genannte Ruine an der Oranienburgerstraße. Dieses „Riesenprojekt“ wurde wie erwähnt derart gut angenommen, dass seine Betreiber schon nach kurzer Zeit völlig korrumpiert und vom Koks verblödet waren. Dafür machte eine andere kreative Hausruinen-Besetzung – bis heute – von sich reden: die „Köpi“. . Am 23. Februar 2008 freute sich ausgerechnet das Schweineblatt des Springerstiefelkonzerns BZ: „Besetzerhaus ‚Köpi‘ in Mitte feiert 18. Geburtstag“. Aus diesem Anlaß gibt die „Hausgemeinschaft von Berlins bekanntestem linken Wohnprojekt ein großes Fest“. Am selben Tag titelte der „Tagesspitzel“ des nicht minder rechten Holzbrinck-Konzerns: „Das ‚Köpi‘ wird volljährig“. Kurz zuvor hatte der Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros einen dreiseitigen Artikel über „das in der Hauptstadt und weit darüberhinaus bekannte und inzwischen wichtigste linke Wohnprojekt in der ehemaligen Hausbesetzer-Metropole“ veröffentlicht.

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Das Objekt besteht aus einem um die Jahrhundertwende gebauten Hinterhaus und zwei Seitenflügeln in „erbarmungswürdigem Zustand“ sowie aus einer großen Freifläche daneben – dem „Köpiwagenplatz“ mit Wohnwagen und Zelten. „Die Gemeinschaft funktioniert selbstverwaltet, ihre juristische Form ist ein Verein, die dort Wohnenden haben unbefristete Mietverträge, das sonntägliche Plenum im Versammlungsraum ‚Aquarium‘ ist die zentrale Instanz. Nur Bewohner dürfen teilnehmen sowie Delegierte der zahlreichen Kultur- und Kneipenprojekte, die in der Köpi Unterschlupf gefunden haben und das Areal beleben; Fremde haben keinen Zutritt, Handys sind nicht erlaubt – aus Angst vor Lauschern vom Staatsschutz.“ Dieser hatte zuvor im gegenüberliegenden neuen Gebäude der Hauptverwaltung der Gewerkschaft „ver.di“ einen Spähposten eingerichtet, um herauszubekommen, wieviel „gewaltbereite Jugendliche“ im „Kultprojekt“ leben („rund 70“ meint der Spiegel-Hauptstadtbüroleiter), um was für Leute es sich dabei namentlich handelt („Demian, Frank und Blase“ z.B.) und ob von da aus direkte Aktionen, etwa zum „Abfackeln von Luxuslimousinen“, ausgehen („allein 2007 wurden 111 Autos in Berlin angezündet – meist Firmenfahrzeuge von Siemens und der Bahn AG“).

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Fakt ist: Es gibt im Haus laut Spiegel eine „Gruppe für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“, eine für die „professionell gemachte Internet-Seite“ des Köpi“ sowie gleich mehrere „PR-Beauftragte“, ein Kneipen-Kollektiv, das im „Köpikino ‚Peliculoso'“ jeden Donnerstag kostenlos zwei gute Filme zeigt, die AGH-Kneipe mit angeschlossener „Volxküche“, das „asoziale Kulturzentrum“ (AKZ) im Keller, die Cocktailbar „Koma F“, diverse Partyräume, in denen fast täglich Konzerte statfinden, einen „mit Matrazen ausgelegten Kletterraum, eine Metallwerkstatt, die Siebdruckwerkstatt „Kommandantur“, eine Sporthalle, in der der „Köpi Fight Club“ trainiert, eine Bar auf dem Hof, wo auch die Autos der Hausbewohner bzw. -benutzer parken und zu festlichen Anlässen ein Lagerfeuer angezündet wird. Der Spiegel-Hauptstadtbürochef will außerdem herausbekommen haben, dass „es in der Köpi mehrere Fraktionen gibt, die sich durch die Haltung zur Gewaltfrage unterscheiden“. Während eine Junge-Welt-Autorin quasi am eigenen Leib erfuhr, dass die „Köpi“-Betreiber im Gegensatz zu den Hausbesetzern der Achtzigerjahre von Handarbeit nichts mehr wissen wollen: „Die gestalten ihre Webpage mit Flashs und Pop-Ups und nehmen auch keine freie Software dafür, sondern Front Page 4.0 von Microsoft, aber ihre Toiletten sind völlig kaputt und versaut.“ . Einig sind sich die Betreiber – „alte und neue Autonome“ (taz) – im „Konzept: ‚Köpi bleibt – und zwar so wie sie ist!“ – das „war und ist für uns nie verhandelbar!“

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Als das städtische Objekt nach einem „Rückübertragungsverfahren“, dem Konkurs eines zwischenzeitlichen Eigentümers und zweier erfolgloser Zwangsversteigerungen schließlich auf Betreiben der Hauptgläubigerin Commerzbank im Mai 2007 doch noch einen neuen Eigentümer fand, wurde das „Konzept“ geringfügig erweitert: „Köpi bleibt Risikokapital!“ . Der neue Besitzer war ein rechter, mit fiesen „Leibwächtern“ auftretender Ex-Fliesenleger aus dem brandneuen Zuhälter- und Mafiastaat Kosovo, dessen Firma in Pristina sinnigerweise „Plutonium 114“ hieß. Er erwies sich dann jedoch nur als ein „Strohmann“ des wegen zigfachen Betrugs demnächst angeklagten Berliner „Altbausanierers“ Dr. Siegfried Nehls, zu dessen Firmengeflecht u.a. eine „Vitalis Beteiligungsgesellschaft mbH“ gehört. Diese begründete den Erwerb des „Köpi“-Grundstücks mit „Hinblick auf ihre charmanten Nutzungsmöglichkeiten“. Die Ruine wollte sie abgerissen und an ihrer Stelle ein Komplex mit 150 Wohnungen errichten. Am 31. Mai 2008 sollte Nehls das Haus übergeben werden. Die „Köpi“-Leute planten einen „heißen Mai“, rund um den Räumungstermin eine „Aktionswoche“ nebst „Straßenfest“ und luden dazu schon mal „europaweit Gesinnungsgenossen“ ein. Aber dann konnten sie doch laut taz vom 11. März „aufatmen: Das alternative Wohn- und Kulturprojekt ist vorerst gerettet und wird nicht geräumt…Die auf den 31. Mai angesetzte Kündigung, gegen die die Bewohner Klage eingereicht hatten, nahm der Eigentümer laut Köpi-Anwalt Moritz Heusinger zurück.“

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Auf der „Köpi“-Webpage liest sich das etwas anders: „Es ist uns in langwierigen und schwierigen Verhandlungen mit dem Eigentümer des Hauses gelungen, den Fortbestand der Köpi als Wohn- und Kulturprojekt zunächst einmal zu sichern. Ursprünglicher Ansatz in den Verhandlungen war die Idee, den gesamten Köpi-Komplex für eine lange Laufzeit komplett in Selbstverwaltung (z.B. in Form eines Erbpachtvertrages) zu übernehmen und die Köpi so dauerhaft dem kapitalistischen Verwertungskreislauf zu entziehen. Eine derartige Lösung scheiterte jedoch an der Hauptgläubigerin, die immer noch weitgehende Vetorechte besitzt (und diese, wie gehabt, gegen die Köpi nutzt). Also haben sich unsere Bemühungen im folgenden auf eine ausdrückliche Bestätigung bzw. Verlängerung der bestehenden Mietverträge konzentriert. Der Eigentümer der Köpi hat im Ergebnis pünklich zum 18. Köpi-Geburtstag die Mietverträge zu den bestehenden Konditionen für alle im Erdgeschoß liegenden Wohn- und Veranstaltungsräume um 30 Jahre verlängert. Die zum 31.Mai 2008 ausgesprochenen Kündigungen der Wohnmietverträge wurden zurückgenommen. Somit gibt es keinerlei ungeklärte Rechtsposition auf dem gesamten Hausgrundstück mehr: Alle Räumlichkeiten sowie Hof und Garten haben ausdrückliche wirksame Mietverträge. Diese Mietverträge erlauben uns einen Fortbestand der Köpi auf absehbare Zeit, ohne dass wir an unserem Konzept, bezahlbaren Wohn- und Kulturraum zu bieten, Abstriche machen mussten.“

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Ob die Köpi nun, da die Gefahr erst einmal vorbei ist, den Weg allen „Tacheles“ geht, das ist hier die Frage. Eine weitere: Ob nicht immer und alle Hausbesetzungen – als linke Kultur- und Jugendprojekte – bloßer Etikettenschwindel sind, mit der sich einige junge Leute zu cleveren Immobilienbesitzern/Projektemachern aufschwingen, dabei immer verlogener und gemeiner werden, gleichzeitig jedoch nicht aufhören, Solidarität und Staatsknete einzuklagen? Kommt noch hinzu, dass es sich dabei seit der Wende, und im Gegensatz zu den ganzen Westberliner Hausbesetzungen davor, fast immer auch um Kommerz-Projekte handelt, d.h. um die Schaffung von Einkünften und Arbeitsplätzen. Und diese ebenso verbalradikalen wie geschäftstüchtigen jungen Leute verkaufen dazu ihre politisch-korrekten Waren und Dienstleistungen beileibe nicht zu Schleuderpreisen: vegane Bio-Lebensmittel von Lidl, Rock-,Pop-, Hiphop- und Punk-Konzerte, Lesungen, T-Shirts mit geilen Sprüchen, Partydrogen, Antifa- und Gender-Ausrüstungen, sowie alle möglichen anderen „scenetypischen Acessoires“.

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Um jedes größere besetzte Haus scharren sich überdies seit einigen Jahren sofort einige halsabschneiderische „Hostels“, in denen sich an den Wochenenden die aus Athen, Madrid, Barcelona, London und Rom mit „Easy-Jet“ angedüste Jugend einquartiert. Berlin zieht mittlerweile den Amüsierpöbel aus halb Europa an – und die Stadtregierung sowie das lokale Kapital setzen alle Hoffnungen darauf, dass das noch steigerungsfähig ist. Fast hätte die CDU-Regierung vor einigen Jahren dafür schon die ausklingende „Love-Parade“ in eigene Regie genommen, die sich auch einmal aus der „Hausbesetzerscene“ entwickelt hatte, genauer gesagt: die aus dem Partykeller des Fischbüros in der Köpenickerstraße ans Tageslicht kroch – und sich dann schnell zu einem „Megaevent“ entwickelte, der aus absahnenden Westtechnoprofis und absaufenden Ostravern bestand und vom Berliner Senat wie blöd gefeatured wurde – bis dahin, dass die BVG kostenlos Präservative verteilte und die Wasserwerke kalte Duschen.

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Aus dem anfänglichen kreativen Modeschub durch die massenhaft mittanzenden Schwulen wurde immer mehr ein Werbefeldzug für Großdiscos, Clubs und sogar bürgerliche Parteien. Dabei ging es zunehmend alkoholischer, pornografischer und aggressiver zu. Zum Glück hielt der Technotrend, wie alle Popmusikstile, nicht viel länger als 10 Jahre vor. An seine Stelle trat beizeiten bereits der sozialarbeiterisch eingebettete „Karneval der Kulturen“ – ebenfalls mit einer Parade und einer Prominententribüne wie weiland die 1.Mai-Umzüge in Ostberlin, wobei die Promis diesmal jedoch nur die besten Kostüme und Tänze prämieren. Der Multikulti-Umzug durch Kreuzberg wurde anfänglich vor allem von Volkshochschulkursen gestaltet. Die VHS hatte in den Jahren davor bereits immer mehr exotische Tänze und Sportübungen in bunten Gewändern, bis hin zu Aerobic, angeboten. Mit der Akzeptanz und der Ausweitung der Multikulti-Umzüge (bis nach Bielefeld) trat jedoch auch hierbei eine Kommerzialisierung ein: Ein wachsende Zahl von Samba-, Bauchtanz- und Kung-Fu-Schulen sowie Dartclubs und Kneipenkollektive beteiligt sich nun an der Parade, nicht zu reden von den tausenden von Tapetentisch-Händlern, die Caipirinhas zu Phantasiepreisen am Straßenrand verkaufen. Auch der „Karneval der Kulturen“ ist aus einem „Hausprojekt“ raus ans Tageslicht getreten: aus der Neuköllner „Werkstatt der Kulturen“. Ihr Träger ist ein Verein, der seit 1993 die ehemalige Löwenbrauerei „bespielt“, mit den „Programm-Segmenten ‚Produktion, Labor und Vermietung'“ sowie mit der ab September 2008 „neupositionierten Verpachtung der Gastronomie“. Das WdK-Projekt – laut seiner Webpage „eine der Säulen der Berliner Kulturszene“ – wird seit Januar von einer Ethnologin, die gleichzeitig Theatermacherin ist und einem Menschenrechtler, der gleichzeitig Betriebswirt ist, geleitet: „Durch diesen Glücksgriff kann die interkulturelle Öffnung Berlins maßgeblich und professionell von der Neuköllner Werkstatt der Kulturen mitgestaltet werden“, teilte dazu der Senatsbeauftragte für Integration und Migration mit.

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Ähnlich wie ihr „Karneval der Kulturen“ gerät auch die inzwischen schon traditionelle „1.Mai-Randale“ im benachbarten „Problembezirk Kreuzberg“ immer mehr zu einem „Topevent“, das seit 1989 erlebnishungrige Touristen von überall her anzieht. Sie wird von verschiedenen, sich ideologisch voneinander abgrenzenden Politinitiativen organisiert, sogar von den „Anti-Deutschen“ mit einer Israelflagge, außerdem von der Bezirksregierung mit rund einem Dutzend Bühnen inklusive Bands sowie 100 multikuturell rekrutierten 1-Euro-Ordnern flankiert und von ca. 600 fliegenden Händlern mit Essen und Trinken versorgt. Die Polizei, die daraus jedesmal eine länderübergreifende Übung macht, ist für die pünktliche Beendigung um 24 Uhr zuständig. Ihre Schlägertrupps sind wegen der nachlassenden Gewaltbereitschaft der „Haßkappen“ bzw. des „schwarzen Blocks“ in den letzten Jahren immer unzufriedener mit ihrem Einsatz rund um den „Kotti“ geworden. Der Bezirk ist nach wie vor schwer zu „händeln“, auch wenn sich inzwischen wie erwähnt allein zwölf „Wohnprojekte“ aus der Oranienstraße nach Niederfinow abgesetzt haben.

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Aufgrund seiner „bunten Mischung“ (taz und Faz) stand Kreuzberg zuletzt für ganz Westberlin. Mit dem „Fall der Mauer“ 1989 ging dessen Nachkriegsgeschichte zu Ende. Der Gründer des Literarischen Colloquiums am Wannsee, Walter Höllerer, hat aus diesem Zeitabschnitt einmal ein „Hüpfspiel“ gemacht: „Bildungsträchtig und patriachalisch ging es am Ende der fünfziger Jahre zu. Neugierig aufs breit gestreute Neue, leicht beweglich…,so ging man in die frühen Sechziger. Der Hang zum Statistischen verstärkte sich Mitte der sechziger Jahre…Gesellschaftsbezogen, turbulent und ‚anti-autoritär‘, so gingen die sechziger in die siebziger Jahre über. Ideologische Festnagelungen und ideologische Zerfaserungen, reißbrettplanerische Reformbemühungen mit endlosen Curriculum-Debatten, das gab den frühen siebziger Jahren den Ton. Dann kam der Umschlag, in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, aus überanstrengten soziologischen Themen ins Biologische, Botanische…Handfeste Selbst- und Mithilfe überwiegt die Theorie zu Beginn der achtziger Jahre; Ökologie, auf das City-Leben bezogen; eine Nähe zu Instandbesetzer-Überlegungen.“

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Über die bis zum Ende der Achtzigerjahre dominierenden Trends und ihre Träger schrieb der Kulturphilosoph Jean Baudrillard: „Die Menschenrechte, die Dissidenz, der Antirassismus, die Ökologie, das sind die weichen Ideologien, easy, post coitum historicum, zum Gebrauch für eine leichtlebige Generation, die weder harte Ideologien noch radikale Philosophien kennt. Die Ideologie einer auch politisch neosentimentalen Generation, die den Altruismus, die Geselligkeit, die internationale Caritas und das individuelle Tremolo wiederentdeckt. Herzlichkeit, Solidarität, kosmopolitische Bewegtheit, pathetisches Multimedia: lauter weiche Werte, die man im Nietzscheanischen, marxistisch-freudianistischen und Situationistischen Zeitalter verwarf. Diese neue Generation ist die der behüteten Kinder der Krise, während die vorangegangene die der verdammten Kinder der Geschichte war. Diese jungen, romantischen, herrischen und sentimentalen Leute finden gleichzeitig den Weg zur poetischen Pose des Herzens und zum Geschäft. Sie sind Zeitgenossen der neuen Unternehmer, sie sind wunderbare Medien-Idioten: transzendentaler Werbeidealismus. Dem Geld, den Modeströmungen, den Leistungskarrieren nahestehend, lauter von den harten Generationen verachtete Dinge. Weiche Immoralität, Sensibilität auf niedrigstem Niveau. Auch softer Ehrgeiz: eine Generation, der alles gelungen ist, die schon alles hat, die spielerisch Solidarität praktiziert, die nicht mehr die Stigmata der Klassenverwünschung an sich trägt. Das sind die europäischen Yuppies.“

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Es kann deswegen sein, dass die ganzen ruinenhaft heruntergekommenen Punk- und Partyschuppen – neben der „Köpi“ gibt es noch eine ganze Reihe kleinerer – nur Camouflage sind, um den Mythos immer weiter zu transportieren. Bereits 1964 führte Ingeborg Bachmann in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises aus, dass und wie Kreuzberg langsam „im Kommen“ sei: „die feuchten Keller und die alten Sofas sind wieder gefragt, die Ofenrohre, die Ratten, der Blick auf den Hinterhof. Dazu muß man sich die Haare lang wachsen lassen, muß herumziehen, muß herumschreien, muß predigen, muß betrunken sein und die alten Leute verschrecken zwischen dem Halleschen Tor und dem Böhmischen Dorf. Man muß immer allein und zu vielen sein, mehrere mitziehen, von einem Glauben zum andern. Die neue Religion kommt aus Kreuzberg, die Evangelienbärte und die Befehle, die Revolte gegen die subventionierte Agonie. Es müssen alle aus dem gleichen Blechgeschirr essen, eine ganz dünne Berliner Brühe, dazu dunkles Brot, danach wird der schärfste Schnaps befohlen, und immer mehr Schnaps, für die längsten Nächte. Die Trödler verkaufen nicht mehr ganz so billig, weil der Bezirk im Kommen ist, die Kleine Weltlaterne zahlt sich schon aus, die Prediger und die Jünger lassen sich bestaunen am Abend und spucken den Neugierigen auf die Currywurst…An einem Haustor, irgendeinem, wird gerüttelt, ein Laternenpfahl umgestürzt, einigen Vorübergehenden über die Köpfe gehauen…Nach Mitternacht sind alle Bars überfüllt.“

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Zehn Jahre später wurde daraus ein Schunkellied der Gebrüder Blattschuß: „Kreuzberger Nächte sind lang“. Die Europa-Korrespondentin des New Yorker schrieb dann – wieder zehn Jahre später: „Früher war Kreuzberg düster und schmutzig. Dann aber war es düster und schmutzig – und hatte Flair“. Die New Yorkerin berief sich dabei auf die Journalistin Renee Zucker, die jedoch weder in Kreuzberg gelebt noch sich in diesem Viertel herumgetrieben noch jemals so etwas gesagt hatte, das aber nur am Rande. Und sowieso kam dann die Spiegel-Autorin Marie-Luise Scherer bei ihrer eigenen Kreuzberg-Recherche zu einem ganz ähnlichen Befund: „Eine Frau darf hier scharf aussehen, den Pelz einer geschützten Tierart tragen und Gold auf den Lidern, wenn ihr darüber nicht das irisierende Moment von Sperrmüll abhanden kommt“.

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Aus solchen medialen Mätzchen (Recherchen) wurde spätestens nach den Straßenschlachten am 1.Mai 1987 – als das Viertel für einige Stunden „bullenfrei“ gekämpft war – der „Mythos Kreuzberg“, der nach Meinung seiner letzten Ethnographin Barbara Lang schließlich für ganz Westberlin stand – und sich dann ab 1990 langsam veränderte. . Davor passierte noch Folgendes: Das Tape mit der nächtlichen Trommelmusik vom 1. Mai 1987 – „Hönkel“ genannt – erwarb die Schaubühne – als Soundkulisse für ein Kudamm-Brecht-Stück. Einen Monat später riegelte umgekehrt die Polizei – anläßlich des Reagan-Besuchs – das ganze Viertel für einige Stunden hermetisch ab, was dann wiederum dem wenig später in der Grünenpartei aufgehenden „Büro für ungewöhnliche Maßnahmen“ Anlaß für eine Reihe humoriger Gegensperrmaßnahmen war. Auch eine Fraktion der militanten Autonomen reagierte witzisch – indem sie die KPD/RZ (Kreuzberger Patriotische Demokraten/Realistisches Zentrum) gründete, die es dann sogar bis ins Bezirksparlament schaffte. Zuvor hatte man – inmitten der vielen Altbausanierungsvorhaben – das „Massenmedium Bauwagen“ entdeckt – indem man sie reihenweise umwarf und anzündete. 1989 legte der Innensenator fest, dass die polizeilichen Einsatzabläufe zukünftig zwar direkt gefilmt und übertragen werden durften, „aber nur in Form von Totalaufnahmen“. Am darauffolgenden 1.Mai ermahnte die Demoleitung erstmals selbst alle Bildberichterstatter, „sich auf die Totale zu beschränken“.

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Zwischen dieser ganzen über 40 Jahre andauernden Kreuzberg-Randale und -Reklame steht die Eroberung des riesigen leerstehenden Bethanienkrankenhauses 1972 durch die Linke und ihre lokale Basis. Der „Kampf um Bethanien“ fiel in eine Zeit, in der sich Kreuzbergs Bevölkerung, die sich nach dem Bau der Mauer zunächst stark reduziert hatte, noch einmal wandelte: Einerseits wurden die seit dem Mauerbau 1961 leerstehenden großen Wohnungen in Wilmersdorf und Charlottenburg, die ihre Besitzer aus Angst vor den Kommunisten gen Westdeutschland verlassen hatten und stattdessem von immer mehr linken Studenten bewohnt worden waren, langsam wieder von ihren Besitzern mit Beschlag belegt, so daß die Scene sich gezwungenermaßen nach Schöneberg und Kreuzberg verlagerte. Andererseits zogen auch immer mehr türkische Gastarbeiter, die bis dahin in Wohnheimen untergekommen waren, in diese Bezirke. Während gleichzeitig die Bezirksverwaltungen dort immer mehr alte Wohnsubstanz aufgaben und für großflächige Neubebauungen, verbunden sogar mit einer Stadtautobahn, votierten. So wollte die „Baulöwin“ Sigrid Kressmann-Zschach z.B. an Stelle des leerstehenden Bethanien-Komplexes ein modernes Wohn- und Shoppingcenter errichten, die Denkmalschützer konnten den Abriß jedoch verhindern.

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Aber schon tauchten neue Projektemacher auf – die auch sofort zur Tat schritten: Eine Gruppe, bestehend aus damals besonders unruhigen Lehrlingen und Heimkindern, rief während eines Teach-Ins im Audimax der TU, auf dem die Kreuzberger Band „Ton Steine Scherben“ („Macht kaputt, was euch kaputt macht“) spielten, zur Besetzung des leerstehenden Bethanien-Krankenhauses auf, d.h. erst einmal des Lehrschwesternhauses neben dem Hauptgebäude. Vier Tage zuvor war ein Mitglied der „Bewegung 2.Juni“, Georg von Rauch, von der Polizei ermordet worden, deswegen wurde das „Martha-Maria-Haus“ sogleich nach ihm benannt – es heißt bis heute so – und rühmt sich, wiewohl nur noch ein Gebäude, in dem man billig wohnen kann, das „älteste besetzte Haus“ überhaupt zu sein (daneben existiert auch noch immer das vor 35 Jahren besetzte „Tommy-Weisbecker-Haus“ am Anhalter-Bahnhof, ebenfalls nach einem von der Polizei erschossenen Terroristen benannt). . Die aus dem SDS hervorgegangenen Basis-Initiativen, die eine „Randgruppenstrategie“ verfolgten, solidarisierten sich sogleich mit den jungen Hausbesetzern, schoben nächtens zur „Abwehr von Polizei und Faschos“ Wache und machten sich nützlich, indem sie aufräumten und fegten, während das Besetzerplenum ununterbrochen diskutierte – z.B. darüber, ob man nicht auch noch gleich das fünf mal so große Bethanien-Hauptgebäude besetzen sollte. Wenig später trat auch noch die maoistische Partei KPD/AO mit einem „Kampfkomitee Bethanien“ auf den Plan und machte sich für eine Kinderpoliklinik stark. Während erstere sich mit der Polizei auf dem Mariannenplatz immer wieder Scharmützel lieferten, gerieten letztere mit der Künstlerhausinitiative aneinander – und zwar so heftig, dass der Chef ihres Berliner Regionalkomitees, Christian Heinrich, als Rädelsführer für ein Jahr ins Gefängnis kam. Das führte auch unter den Künstlern „zum Bruch alter Freundschaften“, wie die „Eiserne Lady“ (DAAD) der Westberliner Kulturszene Nele Hertling rückblickend meint.

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Nachdem sich jedoch die verschiedenen Interessensgruppen – Rauchhaus, Künstlerhaus, Druckwerkstatt, Eltern-Kindergruppen, Kitas, Sozialamt, Musikschule, Kunstamt, etc. – in dem riesigen Gebäude-Ensemble langsam etabliert hatten, kam es sogar zu partiellen und temporären Vermischungen bzw. Kooperationen unter ihnen. Dazu trugen die langsamen Veränderungen im „Umfeld Bethanien“, wie später eine Ausstellung hieß, ebenso bei, wie die der Kunstszene selbst. Beide neigten zunehmend zum Pragmatisch-Experimentellen. So zogen z.B. einige Künstler ins Rauchhaus, Rauchhausbewohner versteckten sich vor der Polizei im Künstlerhaus, und mit den Grünen entwickelte sich sogar (wieder) ein staatsintegratives Soziotop, das dazu alternatives Kleingewerbe und überhaupt marktwirtschaftliches Denken begünstigte. Erinnert sei an die „Neuen Wilden“ und ihre Galerie am Moritzplatz, über die der Maler Lüpertz abschließend urteilte: „Wir erst haben Berlin an den Weltkunstmarkt angeschlossen!“ Oder die Modemacherin Claudia Skoda, die 1979 meinte: „Kreuzberg ist unerhört vielfältig“, aber gleich nach dem Mauerfall als wendige „Lifestylistin“ dem „Tip“ gestand: „Nie wieder Kreuzberg!“ Sie zog dann nach der Wende ab nach Mitte, wo auch der CDU-Ekelprotz Klaus Landowsky sofort „die interessante Szene“ ausmachte, während in Kreuzberg seiner Meinung nach nur „Junkies, Gewalt und Ausländer zurück blieben“.

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Bereits Ende der Siebzigerjahre hatte sich die „Politisierung“ der Studenten derart auf einige Aspekte des Alltags – nämlich der „behutsamen Stadterneuerung unter ökologischem Vorzeichen“ – reduziert, dass sie in Kreuzberg mit den Türken aneinander gerieten. In diesen sahen sie bald nur noch „Stoßtrupps der Hausbesitzer“ – zum endgültigen Herunterwohnen der letzten Altbausubstanz. 1980 schrieb die Scene-Zeitung Zitty: „In einem Türkenghetto entscheiden nur noch Justiz und Polizei…Türken raus? Warum nicht. Zumindest einige. Es sei denn, man will den Stadtteil sterben lassen“. Viele Türken ließen nach und nach ihre Familien nachkommen, was die Kreuzberger Bezirksregierung mehrmals mit „Zuzugssperren“ zu verhindern suchte. Das Künstlerhaus lud demgegenüber – um sich im Viertel nützlich zu machen – immer wieder türkische Künstler, Schriftsteller und Theatermacher ein.

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Schon an der o.e. ersten Lesereihe („Feuertaufe“ später von Michael Haerdter, dem Gründungsdirektor des Künstlerhauses, genannt) nahm Aras Ören teil, der 1977 im Rotbuchverlag das kommunistische Poem „Was will Niyazi in der Naunynstrasse“ veröffentlichte. Bei der Übersetzung half ihm der Dichter Johannes Schenk, der bereits 1969 zusammen mit der Malerin Natascha Ungeheuer das „Kreuzberger Straßentheater“ gegründet hatte, das u.a. auch Probleme der türkischen Arbeitsemigranten thematisierte. Ebenfalls 1977 trat auf dem Mariannenplatz – organisiert vom Künstlerhaus – ein türkischer Arbeiterchor und eine Folkloregruppe des türkischen Akademiker- und Künstlervereins auf. Damals war dort noch das Betreten des Rasens streng verboten; eine Sozialarbeiterin aus dem Bethanien erinnert sich, dass es die Türken waren, die das Verbot zuerst übertraten: „Wir Deutsche haben es ihnen dann bloß nachgemacht“. . Die linken türkischen Organisationen hatten ihren proletarischen Anhängern im Ausland zunächst geraten, sich politisch auf ihre Rückkehr in die Heimat zu konzentrieren, nach einigen Jahren gingen aber auch sie von einer permanenten Diaspora aus, wo man u.a. für Arbeitnehmer- und Mieterrechte kämpfen muß. Bald gab es in fast allen größeren Westberliner Fabriken türkische Betriebsräte und die leerstehenden Souterrainräume im Viertel wurden von türkischen Arbeitervereinen genutzt. Und in der IG Metall hält sich bis heute die Meinung: „Die besten türkischen Betriebsräte waren früher alles kurdische Maoisten!“

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Inzwischen gibt es allerdings kaum noch türkische Arbeiter: Viele Westberliner Betriebe wurden dicht gemacht und für die anderen gilt, was der Osram-Betriebsrat bereits kurz nach der Wende registrierte: „Wenn früher von zehn offenen Stellen neun mit Türken besetzt wurden, ist es heute nur noch eine, ansonsten nimmt man Ostdeutsche, die besser qualifiziert sind“. Inzwischen ist jeder zweite Türke arbeitslos. Dies zwingt sie mehr und mehr, sich selbständig zu machen: Inzwischen tragen sie schon fast die gesamte Kreuzberger Ökonomie; die strenggläubigen unter ihnen planen daneben eine Moschee nach der anderen und die eher lebensfrohen Aleviten übernahmen, nachdem die Evangelen ihnen die leere Kirche am Mariannenplatz doch nicht überlassen wollten, den düsteren Gebetssaal der Zeugen Jehovas in der Waldemarstrasse, der sich darüber sogleich aufhellte. Die Deutschen sind heute – zumindestens in S.O. 36 – beinahe nur noch (spekulierende) Nutznießer der einstigen Kämpfe und Genießer des daraus entstandenen „Flairs“ bzw. der Reste davon. . 1981 besetzte eine Frauengruppe die ehemalige Schokoladenfabrik am Heinrichplatz (es war ungefähr die 170. Hausbesetzung): Neben einem türkischen Frauenbad (Hamam) entstand dort ein „Treffpunkt, Bildung und Beratung für Frauen und Mädchen aus der Türkei“, gleichzeitig beteiligten sich einige der Künstlerinnen aus der Schokofabrik an der Ausstellung „Unbeachtete Produktionsformen“ im Künstlerhaus Bethanien. Von dort aus wurde 1984 umgekehrt die Ausstellung „Ich lebe in Deutschland“ von „7 türkischen Künstlern aus Berlin“ nach Bonn geschickt.

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Der in Ost- und Westberlin lebende Schriftsteller Klaus Schlesinger spazierte zu der Zeit einmal mit seiner Freundin Marie durch den Park vom Bethanien, dabei bemerkte sie: „Da ist es wie in der DDR, aber irrsinnig schön“. Nachdem sie an Kurt Mühlenhaupts Feuerwehrbrunnen vorbei hinterm Oranienplatz wieder „ins Restberlin“ eingetaucht sind, „ist klar: Kreuzberg ist wie eine Stadt in der Stadt“. . Hier tut sich in den Achtzigerjahren aber noch einmal eine Kluft auf – zwischen Künstlern und „Streetfightern“ (Autonomen): Letztere versuchen, teilweise erfolgreich, einige „Chickimicki-Lokale“ im „Problembezirk“ mit Scheiße „wegzukübeln“ und zerstören daneben mehrere Kunstobjekte und Ausstellungen. Für diese „Kiezmiliz“ sind jetzt nicht mehr die Türken die Speerspitze der spekulativen „Gentryfication“, sondern die Künstler. Während die Türken mit ihren „Kulturvereinen“ inzwischen nach oben – in Läden – gezogen sind, haben jedoch ironischerweise immer mehr Künstler ihre Installationssräume und Clubs in Kellern eingerichtet: Die Galerie Eisenbahnstrasse, das Endart-Depot, Urbandart und das Fischbüro seien hier genannt. Aus dem Keller der letzteren trat 1989 wie erwähnt die „Loveparade“ buchstäblich ans Tageslicht. Ein typischer Dialog am Fischbüro-Tresen ging so: „Machen wir noch eine Bierforschung oder gleich eine Nachhausegehforschung?“ „Ich muß jetzt erst mal ne Dönerforschung machen!“

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Der Forschungsbegriff wurde damals von vielen Kreuzberger Künstlern derart gestretcht. Und fast alle ihre flüchtigen Ergebnisse fanden irgendwann Eingang in das Künstlerhaus, das gleichzeitig auch einen skurrilen Stamm von regelmäßig teilnehmenden Kunstbeobachtern heranzog. . Als „einen Glücksfall“ bezeichnete Michael Haerdter die Regiearbeit von Samuel Beckett mit dem US-Verbrecher und -Schauspieler Rick Cluchey an dem Stück „Krapp’s Last Tape“ 1977. Berühmt wurden daneben z.B. aber auch die Materialfunde des proletarischen Künstlers Raffael Rheinsberg, die Islandforschungen des „genialen Dilettanten“ Wolfgang Müller und die Kriegsforschungen des „DDR-Dramatikers“ Heiner Müller, der nicht nur fast schon zum Künstlerstamm des Bethanien gehörte, sondern zuletzt auch einen Steinwurf entfernt in der Muskauerstraße lebte, wo er von seiner türkischen Theaterkneipe „Le Soleil“ aus den Mariannenplatz und das schloßähnliche Portal des Künstlerhauses Bethanien im Blick hatte. Hier erinnerte er uns einmal an die „Kontinuität“ der Kämpfe um das Kranken/Künstlerhaus, das als „Hort der Reaction“ schon 1848 gestürmt werden sollte, nachdem man während des „Bürgerkampfes“ 45 schwerverletzte Barrikadenkämpfer dort – gegen ihren Willen – eingeliefert hatte, von denen dann elf – wahrscheinlich aufgrund mangelnder ärztlicher Pflege, „wenn nicht sogar aus böser Absicht“, starben.

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Wenig später wollte Theodor Fontane, der dort just an dem Tag, als auf dem Mariannenplatz heftige Kämpfe tobten, „unter Flintengeknatter“ seinen Dienst als Apotheker angetreten hatte, einige Linksradikale, speziell Ferdinand Freiliggrath, die zu einem klandestinen Treffen nach Berlin unterwegs waren, im Bethanien einquartieren. Sie weigerten sich jedoch, Fontane bemerkte dazu später: „Was ich mir dabei gedacht, ist mir noch nachträglich ganz unerfindlich“. . Seine Apotheke im Erdgeschoß existiert bis heute – als eine Art Labor-Denkmal; die „türkische Bibliothek“ gleich daneben wurde jedoch inzwischen aus Einsparungsgründen wieder geschlossen. Dafür bot man etlichen arbeitslosen Türkinnen auf ABM-Basis eine „Computerschulung“ an, wobei sie dann jedoch nur stumpfsinnig die ganzen (deutschen) Bücherbestände der Kreuzberger Bibliotheken abtippen mußten. Noch schlimmer erging es einer Türkin, die – ebenfalls auf ABM-Basis – die „Öffentlichkeitsarbeit“ eines „Quartiersmanagements“ machen sollte – und dann dort zum Kloputzen abgestellt wurde, wobei sie sich noch laufend die ausländerfeindlichen Bemerkungen ihrer festangestellten deutschen Kollegen anhören mußte.

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Auch die Geschichte der Stammkneipe von Heiner Müller in der Muskauerstrasse endete übel: Die seit 26 Jahren in Berlin lebende türkische Wirtsfamilie wurde, weil man ihren abwesenden Sohn terroristischer Umtriebe verdächtigte, derart brutal von einem Polizeisonderkommando überfallen, dass sie entsetzt das Lokal aufgaben und in die Türkei zurückzogen. Wie zum Hohn bekamen sie zum Abschied noch die deutsche Staatsbürgerschaft. . Jetzt hatte das mit Finanzierungsproblemen kämpfende „Künstlerhaus Bethanien“ gerade einen Investor gefunden, als das Bezirksamt eine Gruppe von Hausbesetzern aus der Yorkstraße, die ihr Objekt infolge einer Privatisierung verloren hatten, in den leerstehenden Bethanien-Krankenhaus-Südflügel vorübergehend einquartierte – und diese sich daran machten, dort sofort ein „soziokulturelles Zentrum“ auf Dauer einzurichten. Der Konflikt, der daraus mit dem Künstlerhaus und dem Kunstamt im Nordflügel entstand – und der sich dann quasi zwischen Kiez- und Hochkultur einpendelte, rief auf beiden Seiten Unterstützer auf den Plan. Die Bezirksregierung versuchte zu vermitteln – und zwar mit einem „Runden Tisch“. Diese Situation war und ist fast eine Wiederholung – der einstigen Besetzung des Krankenhauskomplexes. . Die so hartnäckig gegen die „Gentryfication“ eines Bezirks nach dem anderen „kämpfenden“ Hotspots/Zentren der Hausbesetzer sind inzwischen jedoch schon fast selbst zur Speerspitze der Gentryfizierung geworden. Berlin hat überhaupt keine andere Chance, als mit ihnen den Wandel zu einer Dienstleistungsmetropole für Jungtouristen aus aller Welt zu wagen.

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Man kann hier die Wohnungsmakler fragen: In die gediegenen Bezirke – nach Charlottenburg, Wilmersdorf, Steglitz usw. – will kein Schwein mehr hinziehen, alles drängt in die hippen, angesagten Bezirke, wo die „autonomen Freiräume“ sich ballen und die Dichte an „wilden Sprüchen“ an den Hauswänden zunimmt. Zu den am meisten photographierten Objekten Berlins gehört nicht etwa die Brandenburger Torheit, die alberne Gedächtniskirche oder die todschicke Museumsinsel, sondern der Spruch an der Köpi-Brandmauer: „Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten“. Er wurde kürzlich durch einen Neubau nebenan überdeckt – und sogleich durch einen anderen Spruch eine Brandmauer weiter ersetzt, der das Hausbesetzer-Problem sozusagen auf den letzten Stand bringt: „Die Grenze verläuft nicht zwischen oben und unten, sondern zwischen dir und mir“.

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Es gibt schon große, gewiefte Bauunternehmer, die sich quasi auf den Kauf von solchen besetzten Häusern spezialisiert haben – und darin dann mit den Betreibern einen Nutzungsmix aushandeln. Denn es hat sich herausgestellt, dass die Räumung eines besetzten Objektes und die anschließende Grundsanierung der Immobilie durch Architekten und andere Konzeptionäre diese bloß totentwickelt. Bestes Beispiel dafür ist die „Kulturbrauerei“ in Prenzlauer Berg: Jede revolutionäre Bewegung hat eine Halbwertzeit und die dauert wie eine Liebesbeziehung manchmal nur wenige Tage. Dann hat man noch jedesmal in der Geschichte vor der Alternative: „Stalin oder Trotzki?“ gestanden: Soll das bis dahin Erreichte gesichert, arrondiert und zäh verteidigt werden, wobei es sich bald von seinem Außen nicht mehr groß unterscheidet – oder muß die Revolution immer weiter getrieben werden – immer weiter?

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Eindrücke von der letzten Randale im Juni 2008:

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Mit freundlicher Unterstützung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, des Quartiersmanagements Berlin und des Quartiersmanagements Wrangelkiez war in der Nacht von Samstag auf Sonntag zur „1. Langen Nacht der Oranienstraße“ geladen worden. „Alle Anwohner“ sollten sich „in ihrer eigenen Art und Weise an dem Straßenfest beteiligen“. Dabei seien „Verkaufsstände“ ebenso willkommen wie „Tisch und Stühle auf der Straße“. Auf dem Fest war dann jedoch nicht viel los, böse Zungen behaupten gar, es fand gar nicht statt. Einem gleichzeitigen Aufruf, seinen Sperrmüll zum Samstag rauszustellen, kamen jedoch viele Kreuzberger „rund um die Oranienstraße“ gerne nach. . Noch Freitagnacht bauten einige Künstler aus dem derart bereitgestellten Material Installationen auf verschiedenen Verkehrsinseln. Dabei überzeugte insbesondere die Matratzen-Arbeit „StattBett“ einer Künstlerinnengruppe aus dem Umfeld des „Möbel Olfe“ – einer Szenekneipe. Und was dann am Morgen für die Kinder als Trampolin und Ritterburg herhielt, fand am Abend zu Barrikaden geschichtet Verwendung – etwa in der Naunyn- und Muskauer Straße.

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Pünktlich zu Beginn des Oranienstraßenfestes um 21 Uhr rückte die Polizei mit schwerem Räumgerät an – darunter Lkw-Pritschen mit Greifbagger. Polizisten in Kampfuniformen schleppten Couchen, Elektronikschrott und Kacheltische über die Straße. Die Einsatzleitung ordnete Mülltrennung an: „Weil die BSR vielleicht noch mit Spezialfahrzeugen kommt.“ . Die Anwohner diskutierten derweil am Straßenrand in Grüppchen den Sinn und Zweck dieses ungewöhnlich bürgerfreundlichen Polizeieinsatzes im „Problembezirk“. Kenner der Szene glaubten an einen Zusammenhang zwischen den zwei Oranienstraßen-Aufrufen und der Räumung des vorigen Dienstag besetzten Ver.di-Gebäudes am Michaelkirchplatz zum Auftakt der bundesweiten „Aktionstage für Freiräume“; nach dessen Räumung waren 14 Autos in der Stadt „abgefackelt“ worden. Einige Beobachter sahen zudem eine Verbindung zum Farbattentat auf das KaDeWe. Dabei wurde die gesamte Schaufensterfront mit grüner Farbe aus Feuerlöschern besprüht. Passanten dachten, es handele sich um eine Werbeaktion. Erst als die Sprüher überstürzt aufbrachen, wurde ein Rentner misstrauisch und alarmierte die Polizei. Inzwischen wurde bekannt, dass der Streetart-Künstler Brad Downey, der von Lacoste eingeladen war, sich etwas zur Jubiläumsfeier der Modemarke zu überlegen, die Schaufensterfassade grün besprüht hat – als seine Form der Kommerzkritik.

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Jedenfalls: Höhepunkt der „Freiraum-Aktionstage“ sollte am Samstagabend das gemeinsame Fest der acht Freiräume Köpi, Bethanien, Rauchhaus, New York 59, Wagenplatz Schwarzer Kanal, Wagenburg, X-Dorf und A28 werden. Auf dem Köpigelände feierten etwa 1.200 Leute. Dabei kam es erneut zur Barrikadenbildung – auf der Köpenicker Straße. Wieder rückte die Polizei an. Um 0 Uhr 11 setzte die Köpi via Indymedia eine Hilfsmail ab: „aktuell sind vor der köpi mehrere hundertschaften mit schwerem gerät (wasserwerfer/räumpanzer) aufgefahren, es gab schon einen ersten angriffsversuch auf das tor, der abgewehrt werden konnte. es wird dringend unterstützung gebraucht.“ . In den Köpihof wurden Tränengasgranaten geworfen, woraufhin der Schwarze Block mit Steinen konterte. Eine Barrikade ging in Flammen auf. Schließlich standen und staunten in der Köpenicker Straße mehr neugierige Berlintouristen als Militante. Es gab Festnahmen und Verletzte. Am Ende wurde der ganze Straßenabschnitt vor der Köpi polizeilich geräumt.

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Inmitten des tumultösen Geschehens, das in Wellen die Köpenicker Straße auf und ab wogte, standen wie ein Fels die drei Jungs von der Springerstiefelpresse in weißen Hemden. Um drei Uhr rückte die BSR an; flankiert von zwei Reihen müder Einsatzkräfte säuberten sie die Straße von Scherben und Steinen. . Um vier Uhr zwanzig standen noch immer etwa fünfzig Angetrunkene ebenso vielen Polizisten Aug in Aug gegenüber. Das morgendliche Vogelgezwitscher legte einen lieblichen Klangteppich über ihre letzten Beschimpfungen und Schubsereien. . Eine kleine Künstlergruppe aus Djakarta (Indonesien) zog sich als eine der letzten vom „Schlachtfeld“ zurück in ihr Hostel gleich um die Ecke – zwar unverletzt und müde, aber schwer enttäuscht: „Wir haben die 1.Mai-Krawalle in Berlin immer nur in kurzen Ausschnitten im Fernsehen gesehen – und bewundert, wie dort gekämpft wurde. Aber jetzt haben wir mit eigenen Augen gesehen, dass alles nur ein Spiel ist. Wenn bei uns Hubschrauber über eine Demo auftauchen, wird sofort scharf geschossen. Hier dagegen filmen die Bullen das Geschehen bloß von oben. Das Ganze ist doch bloß ein blöder Fake!“

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Einige Bemerkungen zum „Anarchokongreß09“:

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Indem der Anarcho-Kongress nicht wie ursprünglich geplant in der TU stattfinden durfte, war sozusagen die anarchistische Ausgangsbedingung erfüllt: Sich selbst [neu] organisieren. Das geschah dann im New York/Bethanien am Mariannenplatz, wo die meisten Workshops draußen unter Bäumen in der Sonne stattfanden. Dabei ging es um Kritik an bestimmten Rauschdrogen, an Ersatzgeld-Funktionen und Sexpol-Konzeptionen (wie z.B. die von „Fuck for Forest“ und „ZEGG“), aber auch um Neonazis und Holocaustleugner („Who is who“), um laute, stille und gefakte „Hausbesetzungen“ sowie um eine digitale Solidarwirtschaft („Coop 2.0“) und den Anarchismus in Russland. Ein altes Sprichwort dort besagt: „Anarchie ist die Mutter der Ordnung“. Hier nennt man die Anarchisten jedoch gerne „Chaoten“. Auf dem Kongress wurden Ansprüche wie „Die Trennung von Experten und Laien aufheben“, formuliert, es wurde die Überwindung von „Natur“ und „Gesellschaft“ sowie von „Fakten“ und „Glauben“ beansprucht, es fielen Worte wie „Haßgefühle“ und „Sich nicht mit jedem identifizieren können“, und jemand erläuterte den Unterschied zwischen „Gegenseitiger Hilfe“ und bloßen Solidaritätsbekundungen. Am Rande wurden dazu weiterführende Bücher und Broschüren verkauft, Kartoffeln geschält und gekocht, ein „Spülstrassen“-Pfeil wies den Weg zum Selbstabwasch.

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Die etwa 200 Teilnehmer kamen aus allen möglichen Gegenden und waren sehr jung, während die Workshop-Anbieter nicht selten grauhaarig waren. Die einen wie die anderen trugen vorwiegend schwarze Klamotten, nahmen Sojamilch zum Kaffee und bemühten sich um „politische Korrektheit“. Ein Workshop war dem Anarcho-„Lifestyle“ gewidmet. Das bezog sich jedoch bloß auf die amerikanischen Anarchozellen, die sich „Crimethinc“ nennen. Einige Teilnehmer zogen sich aus, um nackt demonstrieren zu gehen, andere riefen zu einer Hausbesetzung auf, aber das waren vorzeitige Schwarmbildungen, die nur eine Möglichkeit andeuteten. Die meisten wollten lieber in Gruppen auf dem Rasen sitzen (bleiben) und wenn schon nicht diskutieren, dann wenigstens zuhören. . Viele Anarchisten, die in Berlin leben, hatten es vorgezogen, über Ostern aufs Land zu fahren. Überhaupt war der Kongress eher eine Veranstaltung zur Einführung in den Anarchismus. Und die meisten Anarchisten sind inzwischen in kleinen Gruppen irgendwo eingesickert bzw. in irgendwelche Projekte (bis hin zur Partei „Die Linke“) verstrickt. Die derzeit in Arbeiterstreiks engagierte „Freie Anarchistische Union“ (FAU) hatte gerade mal einen kleinen Info-Stand abgestellt. Die Bakunin-Hütte in Thüringen mußte sich um ihre Belegung kümmern. Die bayrischen Anarchos bereiteten ihre nächste Feldbefreiung (von Genmais) vor. Die Freunde der klassenlosen Gesellschaft tagten in der Uckermark. Die Friedrichshainer Anarchos bespielten ihre eigenen Räume…usw.

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So kamen bloß die zusammen, die gerade Bock auf Berlin hatten – und das mit einer Bildungsveranstaltung verknüpfen wollten. Vorbereitet hatte diese die Anarchistische Föderation, die ansonsten das anarchistische Jahrbuch herausgibt und mit dem Anarcho-Laden am Rosenthaler Platz zusammenarbeitet, wo es in der Nachbarschaft noch einige andere einschlägige Treffs gibt. . Am zweiten Tag des Kongresses kontrollierte die Polizei einige schwarzgekleidete junge Menschen am Hintereingang des Bethanien – wohl um sich wenigstens versuchsweise einen Überblick über die Scene zu verschaffen. Aber das ist nicht so einfach. „Der Schlüssel zu anarchistischen Organisationsformen ist möglicherweise die davon ausgehende Lebensqualität,“ meinten die Betreiber der „Bibliothek der Freien“ im Haus der Demokratie, die auf dem Kongress einen Workshop zum Thema „Warum ist Anarchismus eine Alternative“ anboten. Wenn einem heute laut J.St.Lec selbst die freiwilligen Handlungen aufgezwungen werden, dann muß die anarchistische Idee, „dass niemand dein Leben besser bestimmen kann als du selbst,“ fast zwangsläufig immer attraktiver werden.

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19. Ösi-WG im Exil

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Nach der Wende wurde immer wieder nach dem „großen Berlinroman“ gefragt, der wurde jedoch im Gegenteil immer kleiner – dafür immer schneller und liebloser rausgehauen. Nun erfährt man laufend von neuen Berlinromanen, die von jungen gebildeten und gut vernetzten Japanerinnen, Franzosen, Spaniern oder Israelis veröffentlicht wurden – nur kann man sie alle nicht lesen, und die angloamerikanischen will man nicht lesen. Übrig bleiben die von Ausländern, die nach ihrem Berlinaufenthalt darüber etwas auf Deutsch veröffentlichten. So wie der italienische Philosoph Francesco Masci, dessen Ansichten „Ordnung herrscht in Berlin“ gerade im Prenzlauer Berg vorgestellt wurden. Der Autor liebt Berlin, warnt aber auch vor dem ‚Berlin-Hype‘, wie sein Verlag Matthes & Seitz schreibt.

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Ein Schweizer Autor, Till Hein, hatte zuvor eine Feldforschung unter dem Titel „Der Kreuzberg ruft. Gratwanderungen durch Berlin“ veröffentlicht, in der er penetrant alle Orte alpin verwitzelte, wie der Buchtitel es bereits andeutet. Lesenswert ist darin sein trockenes Interview mit der Charlottenburger Geruchsforscherin Sissel Tolaas.

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Der Wiener Sänger von „Pop Metzger“ Fabian Faltin, der einige Jahre in der Reichenberger Straße wohnte, ist zwar auch ein Alpler, er beschrieb jedoch in seinem jüngst erschienenen Buch „Sag Ja zu Österreich“ äußerst kundig und wortreich die Sinnfindungs-Krisen einer „Ösi-WG“ in der Glogauerstraße, deren Bewohner u.a. bei einem „Ösi-Joint“ darüber diskutieren, ob sie unter einer „Berliner Klaustrophobie“ oder einer nachhaltigen „Austrophobie“ leiden. Letzteres, obwohl sie wissen, dass das „Praktikantendasein“ in Österreich weitaus besser ausgestattet ist als in Berlin. Einer glaubt, das Schlimmste schon hinter sich zu haben. Ein anderer vergleicht sich mit einer Frisbeescheibe: „Die waren überall auf der Welt gleich belanglos, ob auf der Praterwiese in Wien oder im Görli gleich um die Ecke.“ Eine will zurück nach Niederösterreich, um dort „mit ihren Berliner Erfahrungen etwas zu bewegen“. Sie hatte ihre Gitarre von zu Hause mitgebracht – dabei gab es sie in Berlin wie Sand am Meer, sogar bei Lidl: „Schnäppchen-Gitarren“. Aber auch das gab es in Berlin: „Hier lernte sie, ganz bewusste Entscheidungen zu treffen und ihr Potential auszuloten. Zudem ließ es sich in Berlin so schön weinen.“ Alle „Rollkoffernomaden mit Laptops“ in der Ösi-WG eint, dass sie hier zwar die „Locations checken“ (wie der Küstenkomiker Otto das nennt), aber genausogut auch woanders sein oder wieder nach Österreich ziehen könnten. Es ist eine Art von „Exil“.

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Fabian Faltin erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass sich 1969 der Wiener Kybernetiker und Schriftsteller Oswald Wiener mit einer Kneipe namens „Exil“ am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg niederließ – weil ihm in Wien wegen Beteiligung an der Uni-Aktion „Kunst und Revolution“ Gefängnis drohte. Als ihm jedoch die ganzen Exil-Ösis und ihr Kreuzberger Boheme-Anhang in seinem „Exil“ zu viel wurden, erwarb er mit dem Honorar seines Buches „Die Verbesserung von Mitteleuropa“ eine Kneipe in Neufundland, die man nur mit Hundeschlitten erreichen konnte. Seit einigen Jahren mischt dafür aber nun seine Tochter, Sarah Wiener, schwungvoll in der Großberliner Restaurantszene für gehobene Ansprüche mit.

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Fabian Faltin erwähnt ferner die im Prenzlauer Berg wohnende Schriftstellerin Judith Hermann und „ihr schönstes Buch ‚Sommerhaus'“. So will dann auch die Ösi-WG-Bewohnerin, als sie ins „Niedere Österreich“ zurückzieht, die Kneipe ihrer Eltern nennen, wenn sie diese übernimmt. Erst einmal liiert sie sich jedoch mit einem der dortigen „Häuslbauer“ und wird schwanger. „Leif is Leif,“ sagt sie – und bekommt dann sogar Drillinge: „schlimmer noch als in Prenzlauer Berg“. Eins nennt sie „Jonas“ – diesen Friedrichshainer „Bubennamen“ hatte sie ebenfalls bei Judith Hermann gelesen. Aber weiterhin zu behaupten, Berlin „hätte wirklich existiert, wäre zu viel gesagt.“ Deswegen endet das Buch dann auch mit einem Gedicht von Eichendorff: „Vivat Österreich“.

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20. Der große Hisserich

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In den Fünfzigerjahren und erst recht nach dem Mauerbau, gab es einen drastischen Verfall bei den Berliner Immobilienpreisen; jetzt-erst-recht-unternehmerisch wurde das hochkommende Entsetzen darüber mit einer verschärften Amerikanisierung auszubügeln versucht. In Kreuzberg hielten die beiden Drogerie- (Drugstore-)Besitzer Orlowsky und Hisserich damit stand. Letzterer expandierte sogar in die Nachbarbezirke. Daher auch der Name „Der große Hisserich“. Er geht auf den Stipendiaten des Künstlerhauses Bethanien, Norbert (Kreti) Schwondkowski (siehe Bild) aus Bremen, zurück, der seinen Berliner Atelieraufenthalt seinerzeit eigentlich dazu nutzen wollte, einen Roman unter der Überschrift „Der Große Hisserich“ zu schreiben bzw. zu malen.

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Ich bin mir nicht sicher, ob er Herrn Hisserich überhaupt kennengelernt hat oder ob ihn das große Ladenschild bereits dazu inspiriert hat. Orlowsky wechselte dann über die Protestbewegung gegen die Kreuzberger Kahlschlagsanierung vom Drogisten zum grünen Lokalpolitiker. Der Große Hisserich fand seine Gegner in drospa, Schlecker und anderen Ketten. Statt wenigstens „anständig zu kleben“, d.h. seine Rente abzusichern, schwankte er lange Zeit zwischen Expandieren und Aufgeben, derweil er eine Filiale nach der anderen schließen mußte. Bis auf sein „Kerngeschäft“ in der Mariannenstraße, über dem er auch – mit seiner Frau zusammen – wohnt. Seine Frau arbeitet im Laden, außerdem gibt es da noch eine (treue) letzte Verkäuferin. Vor der Wende saß Herr Hisserich oft im Laden hinten auf einem Stuhl. Seit einigen Jahren verläßt er aber die Wohnung kaum noch. Im Laden habe ich öfter mit ihm gesprochen, wenn ich meine Filme hinbrachte oder abholte. Er hatte ein Nervenleiden und konnte nicht mehr schlafen, zigmal war er deswegen bereits in Behandlung gewesen und schimpfte nun sehr qualifiziert auf Ärzte und Urban-Krankenhaus.

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Schon mehrmals hatte er im Laden junge Mädchen beim Lippenstiftklau erwischt – deswegen schimpfte er auch auf die Jugend, insbesondere auf die türkische. Selbst das Saunatreiben der Schokofabrik-Frauen im Hinterhaus ließ ihn nicht kalt, ebensowenig die komischen Geschäftsleute des Bioladens am Heinrichplatz, wozu natürlich auch ihre Kunden gehörten. Der Große Hisserich machte sie alle und alles runter. Dabei war bzw. ist er jedoch kein Apokalyptiker geworden. Alles bleibt streng im Empirischen, wobei ihm natürlich schon die Unfähigkeit der heutigen Ärzte als allgemeine Tatsache gilt. Selbst die Drogeriewaren und -arzneien sind schlechter geworden, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Das geht über „Kraft durch Nörgeln“ hinaus. Wenn ich mies gelaunt war, pflegte ich schnell einen Film vollzuknipsen, um ihn beim Großen Hisserich entwickeln zu lassen. Wichtig war mir dabei vor allem, den Klagen des Großen Hisserich zuzuhören. Wenn gerade niemand im Laden war, gesellten sich seine Frau und seine Verkäuferin, beide in blütenweißen Kitteln, dazu – und lächelten bisweilen gequält oder murmelten etwas Versöhnlerisches, wenn er sich allzu sehr in Rage redete. An sich waren sie sich aber wohl einig: Der Sinn liegt allein in der Expansion, d.h. im Erfolg, und der letzte Laden – das hat alles keinen Zweck mehr, da wird jetzt nur noch weitergemacht, weil er damals zuwenig geklebt hat: „Sie wissen doch, wie das so ist!“

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21. Geschichte der O

 

In der Kreuzberger Oranienstraße haben zwei Cafés wegen Pachterhöhung geschlossen und eine Kneipe, weil die Wirtin keine Lust mehr hatte, auf die „O-Straße“ zu kucken – „und immer mehr von diesen T-Shirt und Kaffeeläden zu sehen, es wird immer schicker und gleichförmiger“. Tatsächlich zieht dort jetzt ein T-Shirtgeschäft ein. In der benachbarten Waldemarstraße kaufen ausländische Investoren ein Haus nach dem anderen und vertreiben die alten Mieter (die fast alle aus einem kurdischen Dorf stammen), um ihre Mieten erhöhen zu können.

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In der Reichenbergerstraße entstand als Gipfel der Schischi-Schweinerei ein „Carloft“-Haus, in dem man sein Auto mit in die Wohnung nehmen kann. U.a. hat sich Herbert Grönemeyer dort ein „Carpartement“ gekauft. Weil immer mal wieder die Scheiben der Carlofts von „gewaltbereiten Jugendlichen“ eingeschmissen werden, steht nun ein Container für Wachleute vor der Tür. „Diese linken Chaoten sind wie RAF-Terroristen,“ meinte der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, der dabei jedoch vor allem an seine beitragszahlenden Polizisten dachte: Viel Feind viel Ehr! Aber auch an seinen fast neuen VW-Bus, der am 20.Juli von diesen „Chaoten“ abgefackelt wurde. „Shortnews“ meldet unterdessen: „Ein Wandel vollzieht sich derzeit in der extremistischen Szene in Deutschland. Die rechtsextreme Gewalt war in 2009 allgemein rückläufig, die Gewalt der Linksextremen hat jedoch gewaltig zugenommen.

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Der Verfassungsschutz wird die linksextreme Szene im kommenden Jahr deutlich stärker überwachen. Dafür wird aus Personalmangel die radikale islamistische Szene weniger überwacht. ‚Linksextreme Gewalt hat eine andere Qualität angenommen. Das ist besonders beunruhigend, denn das hatten wir in der Form noch nicht‘, so der Chef des Hamburger Verfassungsschutzes.“ Während die „Shortnews“-Leser etwas voreilig meinen: „Dabei nähern wir uns bloß längst französischen oder griechischen Verhältnissen an, wo die Jugend sich gegen die Perspektivlosigkeit und soziale Ungerechtigkeit wehrt“, kann man in bezug auf die „Kreuzberger Verhältnisse“ immerhin sagen: Es gibt noch einen gewissen Widerstand gegen die Gentrifizierung in diesem „Problembezirk“. Aber wer oder was wird da weggentrifiziert? In den Sechziger- und Siebzigerjahren, als dort die linken Studenten und türkischen Gastarbeiter einsickerten, waren dort nur noch „Fußkranke“ übrig geblieben, die nicht ihren Betrieben in die BRD gefolgt waren: Eierdiebe, Alkoholiker, Rocker und vereinsamte Rentner – alle mehr oder weniger ausländerfeindlich und antikommunistisch. Sie starben jedoch zügig weg und aus ihren „Bierschwemmen“ wurden palästinensische Pizzerien und „Spontikneipen“.

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Nun sind diese „Kiezlokale“ erneut voll mit ausländerfeindlichen Ex-Linken, die sich ob ihrer verpaßten Karrierechancen ressentimentgeladen die letzte Kante geben. So viel Zustimmung wie Sarrazins rassistische Äußerungen bei ihnen fand, hat er wahrscheinlich selbst in den Wohlhabenden-Vierteln Wilmersdorf und Prenzlauer Berg nicht bekommen. Daneben entstehen immer mehr „Touri-Kneipen“ – mit und ohne asiatisch benamtem „Fusion-Food“ im Angebot. Sie haben bereits alle kleinen türkischen Gemüseläden von der „O“ verdrängt – 2008 gab es noch vier. Man kann sagen: Vom Moritzplatz und von der Köpenickerstraße drängt der EU-Amüsierpöbel aus seinen „Hostels“ und dem „Kreativ-Tower“ von Modulor in den „Problembezirk“, von Nordneukölln drängen die Studenten mit ihren Clubs über den Landwehrkanal rein und von der Oberbaumbrücke und dem „Universal“-Speicher aus machen sich die Lohas über den „Wrangel-Kiez“, wo bereits die höchsten Mieten Berlins verlangt werden, im ganzen Viertel breit. Andersherum werden die verbitterten „Loser“ der Studenten-, Punk- und Hausbesetzerbewegung langsam aber sicher rausgedrängt. Von den Türken ziehen viele freiwillig weg, sobald sie es sich leisten können. Einer, der aufgab und sich nach Treptow zurückzog – der Wirt des Reucher-Cafés „Jenseits“ am Heinrichplatz, Clement de Wroblewsky, ehedem Clown in der DDR, hinterließ eine Kampfschrift: „…dit Volk is doof, aba jerissen…Korrespondenzen zum Rauchverbot“ – gegen das er auch juristisch angehen wollte. Sein Buch erschien im Neuköllner Anarcho-Verlag des Ehepaars Kramer.

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22. Gegen den Wohnungsspekulant hilft kein Immanuel Kant!

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Wenn auf produktive Weise nichts mehr profitabilisiert werden kann – muß man neue Geschäftsfelder suchen: Luft, Liebe, Wärme, Wasser, Wohnraum…Vom 20.-22. April findet in Berlin die internationale Konferenz „Marxismus für das 21. Jahrhundert“ statt; der schottische Wissenschaftler Paul Cockshott versucht in diesem Zusammenhang, uns zuförderst die derzeitige Agonie des Realen und die Erosion des Sozialen zu erhellen. Er meint, mit dem „Mißerfolg der Kulturrevolution in China begann der Triumph der Reaktion.“ Als kurz nach Maos Tod 1977 Deng Xiaoping die Führung übernahm und die chinesische Wirtschaft für westliches Kapital öffnete, kippte das weltweite Gleichgewicht der Klassenkräfte: „Eine riesige Reservearmee von billigsten Arbeitskräften wurde in die Waagschale geworfen. Die Verhandlungsposition des weltweit agierenden Kapitals in der Auseinandersetzung mit seinen jeweiligen nationalen Arbeiterklassen wurde in einem Land nach dem anderen immens gestärkt.“ Innerhalb des Kapitals kam es dabei gleichzeitig zu einer „Verschiebung des Machtgleichgewichts zwischen Industrie- und Finanzkapital“. Um sich zu diversifizieren, wurde letzteres auch in Berlin (Ost wie West) aktiv – bei der Privatisierung von Infrastruktur-Einrichtungen und vor allem Sozialwohnungen.

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Während die Ost-PDS sich darüber spaltete („Wohnen darf nicht Ware werden“ versus „Wenn wir dem Verkauf nicht zustimmen, machen sie uns die Kitas dicht“) und die Westlinke für die Gründung von Betroffenengenossenschaften statt Ausverkauf an ausländisches Anlagekapital plädierte, begrüßte die SPD das „Engagement“ der – meist angloamerikanischen – „Heuschrecken“ – und sprach dabei verlogenerweise von „Public Private Partnership“. Der völlig heruntergekommene Rudolf Scharping gründete sogar eine Beratungsagentur – namens RSBK, um „kommunalen Entscheidern“ die Vorzüge von Finanzinvestoren zu verdeutlichen, die „als Käufer kommunalen Eigentums in Frage kommen.“ Laut Cockshott wurde Margret Thatchers Parole »TINA« (There Is No Alternative; es gibt keine Alternative zum Kapitalismus), allgemein akzeptiert. Die Herrschaft der Ideen der freien Marktwirtschaft war am Anfang des 21. Jahrhunderts so stark geworden, daß Sozialdemokraten und vorgebliche Kommunisten sie wie Thatcher gleichermaßen akzeptierten.“

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Die in Berlin eingefallenen Finanzinvestoren – mit so martialischen Namen wie Fortress, Cerberus, Oaktree, Corpus und Apellas – rissen sich vor allem die großen Plattenbausiedlungen – mit bis jetzt insgesamt rund 200.000 Wohnungen – unter den Nagel. Der Senat, der sie zunächst zwei gaunerhaften CDUlern zuschanzen wollte und dabei gescheitert war, kam den Angloamerikanern dabei entgegen: 1. indem er den Wohnraum künstlich verknappte – durch massenhaften Abriß „überflüssiger Platten“ mit Hilfe eines Sonderfinanzprogramms und 2. dadurch dass er die übrig gebliebenen Plattenbauten mit „massenhaften Zwangsumzügen infolge von Hartz IV“ zu füllen versprach. Gegen den Widerstand von SPD-Finanzsenator Sarrazin wurden dann jedoch „relativ großzügige Ausnahmeregelungen beschlossen“, so dass bisher nur 410 Haushalte „ihre Koffer packen mussten“ (laut MieterMagazin). Um dennoch schnellen Profit zu erzielen, haben die Heuschrecken und ihre Justitiare nun zur Wucherei gegriffen: Sie setzten Mieterhöhungen bis zu 70% durch, was bereits den nächsten „Mietspiegel“ im Juli verändern wird. Und fortan soll es alle drei Jahre weitere Mieterhöhungen um 20% geben.

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Die Investoren von Cerberus (GSW) begründeten dies quasi wissenschaftlich (marktwirtschaftlich) – mit einer „Wende am Markt: der Wohnraum wird knapper!“ Wobei die Truppe sich auf ihren hauseigenen „Experten“ (Thomas Zinnöcker) beruft. Die unabhängigen „Experten“ (Stadtentwicklungsforscher) meinen demgegenüber jedoch: 1. stehen noch immer ca. 130.000 Wohnungen in Berlin leer und 2. hält die „shrinking-city“-Entwicklung an, d.h. es werden noch einmal 400.000 Menschen auf der Suche nach einem Arbeitsplatz in den nächsten Jahren die Stadt – mit derzeit rund 3,4 Mio Einwohnern – verlassen. Der gerade geschluckte Scheringkonzern, die halbprivatisierte Telekom, die Bahn AG: all diese Firmen „rationalisieren“ weiter – das heißt, sie entlassen weitere Mitarbeiter. „Es wird keine Planungssicherheit mehr geben, besonders für junge Leute,“ meint der Schering-Betriebsratsvorsitzende. Nicht zuletzt aus diesem Grund gibt es eher mehr als weniger Abneigung gegen die Vergenossenschaftung des Wohnraums unter dem so genannten „Prekariat“ – besonders in Ostberlin. Und erst recht kaum Interesse, die einmal gefundenen vier Wände – über Kredite – käuflich zu erwerben. Zur Arbeitsplatzunsicherheit kommt noch die allgemeine Verteuerung verbunden mit Lohnsenkungen: „Das Arbeitsleben wird zunehmend unfair. Wir haben alle große Probleme, mit diesen globalen Veränderungen fertig zu werden,“ meint der IG-Metall-Bezirksleiter Detlef Wetzel, „und wir – die Gewerkschaften – haben es sogar strukturell schwerer als das Kapital.“

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Aber es gibt Hoffnung:

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Neulich bei einem Hammerweitwurf-Wettbewerb: Als erster nimmt der Amerikaner, 120 kg schwer und 1,95 m groß, den Hammer in die Hand, dreht sich ein paar Mal um seine Achse und wirft den Hammer 125 m weit hinaus – neuer Weltrekord!! Die Reporter stürzen sich auf den Amerikaner und fragen ihn: „You american, new worldrecord, how?“ Der Amerikaner antwortet mit einem Lächeln: „My grandfather was an ironworker, my father was an ironworker, I`m an ironworker, we are all very strong!“ Als nächstes ist der Russe, 125 kg und 2,05 m, an der Reihe. Er nimmt den Hammer in die Hand dreht sich und wirft den Hammer auf 132 m – wieder neuer Weltrekord!! Die Reporter eilen zu ihm und fragen: „Du Russki neuer Weldrekortski – wie??“ Mit eiserner Miene antwortet der Russe: „Großvater Holzarbeiter, Vater Holzarbeiter, ich Holzarbeiter – haben alle viel Kraft!“ Zum Schluß kommt ein Deutscher, 55 kg und 1,60 m, nimmt den Hammer, wirft ihn, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu drehen, auf 151 m – der dritte Weltrekord an diesem Tag!! Die Reporter laufen zu ihm und fragen ihn: „Wenn man dich so anschaut, kann man sich nur fragen, wie hast du das bloß geschafft?“ Der Deutsche antwortet: „Mein Großvater war Sozialhilfeempfänger, mein Vater war Sozialhilfeempfänger, ich bin Sozialhilfeempfänger und mein Vater hat mir immer gesagt: Junge, wenn dir irgendjemand einmal ein Werkzeug in die Hand drückt, dann wirf es weg – so weit wie es nur geht!“

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wohnen33

 

 

P.S.: Hallo, morgen gibt es wieder eine Zwangsräumung, die verhindert werden muß!

Und kommt von Freitag bis Sonntag zum Berliner Ratschlag "Wem gehört die Stadt?" 
(berliner-ratschlag.org) 



 

Zwangs­räu­mung von Wal­de­mar blo­ckie­ren!
Frei­tag, 04. 04. 2014, 8.​30 Uhr
Wiss­mann­str. 10, Ber­lin-​Neu­kölln

http://zwangsraeumungverhindern.blogsport.de/


					

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