vonHelmut Höge 03.04.2014

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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KALIKÄMPFE

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In Thüringen kommen in diesen Tagen böse Erinnerungen an die schweinöse Wiedervereinigung hoch, die eine Deindustrialisierung der DDR zugunsten der BRD-Konzerne bedeutete. Der Grund für diese plötzliche Vergangenheitsüberwältigung ist ein geheimer „Kalifusionsvertrag“ aus dem Jahr 1993, den jemand – ebenso insgeheim – ins Internet stellte: ein thüringischer Assange. Ausgehandelt wurde dieser Vertrag zwischen der Treuhandanstalt und der BASF-Tochter „Kali + Salz“. Darin steht, dass die DDR-Kaligruben dicht gemacht werden, in Sonderheit die Grube „Thomas Müntzer“ in Bischofferode, dass die BASF-Tochter für die Liquidierung dieser Konkurrenz obendrauf noch über 1 Milliarde Euro bekommt und dass das Bundesland Thüringen fürderhin jährlich 20 Millionen Euro an K+S für die Sanierung der Umweltschäden durch den Kali-Abbau der DDR zu zahlen habe. Ein wirklich fairer Vertrag – auf einem level playing field, so wie ihn der IWF mit der Ukraine oder mit Uganda nicht fairer abschließen könnte!

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N-tv meldete am 10.März 2014:

Es ist eine der umstrittensten Privatisierungen nach der Wende: Nun ist der Vertrag zum Verkauf Thüringer Kaligruben in die Öffentlichkeit gelangt. Er zeigt, dass der Protest in Bischofferode keine Chance hatte. Und dass K+S sowie Treuhand den Steuerzahler schröpften.

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Die thüringische Landeszeitung berichtete am 20.März:

Für den einstigen Betriebsratsvorsitzenden des Kaliwerks Bischofferode, Gerhard Jüttemann, steht nach der gestrigen Sondersitzung des Landtags zum Kali-Fusionsvertrag von 1993 fest: „Unser Kampf war gerechtfertigt. Wir sind betrogen worden.“

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Auch ohne diesen nach Art der verbrecherischen Abmachungen zwischen Indianern und US-Regierung geschlossenen Kalifusionsvertrag vom 13.5. 1993 genau zu kennen, traten die Bischofferöder Kalikumpel am 1.7. 1993 in einen Hungerstreik, als sie von der beabsichtigten Schließung ihrer Grube erfuhren. Sie protestierten dagegen in Brüssel und Strasburg, beim Papst in Rom, vor der Berliner Treuhandzentrale und der Landesregierung in Erfurt. Dabei wurden sie von Tausenden unterstützt – massenhaft rückten z.B. Bergarbeiter aus dem Ruhrgebiet an, um ihre Solidarität zu zeigen, vor allem waren jedoch die Ostdeutschen auf ihrer Seite. Gegen sie war die Kapitalpresse und „ihre“ Gewerkschaft im Westen sowie die Landesregierung. So schrieb Henryk M. Broder z.B. im Spiegel: Man muß den Kalikumpeln sagen, dass es „für eine Arbeit, bei der Produkte hergestellt werden, die niemand kaufen will, kein Naturrecht gibt”. So ähnlich wie er schrieben hunderte Westjournalisten. Dabei war genau das Gegenteil wahr! Die Kaligrube in Bischofferode wurde geschlossen, gerade weil ihr Produkt genügend Käufer hatte – und das auch in Zukunft gehabt hätte.

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In der deutschen Presse gab es nur wenige Artikel, in denen die Wahrheit berichtet wurde – z.B. im Neuen Deutschland einen von Gregor Gysi, in dem er klar stellte: Das Bischofferöder Kali war von der Art, dass kanadische Fabriken daraus mit einem billigeren als dem bei der BASF Kali&Salz AG üblichen Verfahren Dünger herstellen konnten – und auch weiterhin wollten. Die BASF-Tochter hatte jedoch die ostdeutschen Gruben von der Treuhand zugeschanzt bekommen – um sie sogleich zu schließen und sich damit einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, wozu sie auch noch einen “Verlustausgleich” in Höhe von 1,04 Milliarden Mark einstrich.

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Damals berichtete ich etliche male von Bischofferode aus in der taz über die Versuche der Kalibergarbeiter, ihre Grube und damit ihre Arbeitsplätze zu retten.

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Am 19.7. 1993:

Der Hungerstreik in Bischofferode geht weiter: Mittlerweile sind über 40 Bergleute, fünf Frauen, ein Rentner aus Berlin und ein Pastor aus Rheinhausen in Bischofferode im Hungerstreik. In der Auseinandersetzung um die Schließung des Kaliwerkes Bischofferode im Zuge der Fusion mit dem westdeutschen Konzern BASF/Kali+Salz ist die thüringische Landesregierung erneut umgekippt: Nachdem Ministerpräsident Vogel den hungerstreikenden Kali-Kumpeln erst die Beendigung ihres Kampfes empfohlen hatte: „Wir brauchen gesunde Männer für den Aufbau“, und sich dann auf ihre Seite stellte: „Wir werden Ihre Kartellklage in Brüssel und Berlin unterstützen und den Fusionsvertrag noch einmal prüfen lassen,“ geht es der Erfurter Landesregierung nun wieder primär um Ruhe in der Region Eichsfeld: „Wir sichern Ihnen 700 Ersatzarbeitsplätze über 1995 hinaus“. Dieses Angebot lehnten die Kali-Kumpel ab. Währenddessen fordert die IG Bergbau und Energie in ganzseitigen Anzeigen in Thüringen „ihre“ Kalikumpel auf, den Hungerstreik zu beenden.

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Betriebs- und Sprecherrat der Bischofferoder, argumentativ unterstützt vom Schweizer Kalikartell-Experten Peter Arnold, haben unterdessen in Brüssel ihre Sicht der Dinge vorgetragen. Da heißt es: „Unser Werk beliefert hauptsächlich Düngemittelproduzenten in Nord- und Westeuropa, die – ebenso wie die Gruppe BASF/Kali+Salz – Kaliumsulfat und Mehrnährstoffdünger herstellen.“ Durch die Schließung von Bischofferode eröffne sich für BASF/Kali+Salz die Chance, auf dem Kaliumsulfatgebiet die absolute Vorherrschaft zu erlangen. Bisher standen Kali+Salz und die K60/K61-Abnehmer EMC sowie Kemira Oy auf dem Kaliumsulfatgebiet etwa gleichauf. Würde die Grube geschlossen, müßten die Konkurrenten von BASF auf den GUS-Produzenten Uralkali zurückgreifen. Dort bestehe jedoch eine Exportbeschränkung. Eine solche Wettbewerbsverzerrung zugunsten von BASF, so die weitere Argumentation, ließe sich das Kalikartell „auch noch von der Treuhand mit 1,3 Milliarden Mark finanzieren: 700 Mio DM sollen in den Osten und 600 Mio DM in den Westen fließen – um hier, in Hessen, eine Kaligrube und ein Steinsalzwerk und dort, in Thüringen, das Werk Bischofferode sowie die Kalitageablage Märkers zu schließen. Die Werke in Bleicherode, Solstedt, Sondershausen, Roßleben, Dorndorf und Volkerode sind dort bereits plattgemacht worden.

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Am 5.7.:

Gestern vormittag haben 21 Frauen die Kali- Grube im thüringischen Bischofferode besetzt. Die Zahl der hungerstreikenden Bergleute hat sich inzwischen auf 30 erhöht. Die Proteste sind eine Reaktion auf die Entscheidung des Treuhand-Ausschusses des Bundestages, dem Kali-Fusionsvertrag zuzustimmen. Dabei ist die Schließung des Kali- Schachtes in Bischofferode vorgesehen, was 700 Kumpel den Arbeitsplatz kosten würde. Der Schacht sei gegenwärtig noch zu 85 Prozent ausgelastet und habe genügend Abnehmer.

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Am 6.7.:

Wegen Verdachts auf Untreue im Zusammenhang mit der umstrittenen Fusion zwischen der Mitteldeutschen Kali und der Kasseler Kali und Salz hat der CDU Landtagsabgeordnete Egon Primas Anzeige gegen Treuhand-Vorstand Klaus Schucht erstattet. Die Treuhand bürde dem Steuerzahler dadurch Milliarden auf und saniere damit einen Westkonzern. 41 Bergleute setzten ihren Hungerstreik gegen die Schließung des Kali-Werks Bischofferode fort.

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Am 7.7.:

Versteinerte Gesichter der Besetzer vor dem Werkstor, als Betriebsrat Gerhard Jüttemann die neuste Nachricht aus Bonn verliest: Als letzte Instanz hat Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) die Kali-Fusion genehmigt. Die Grube in Bischofferode wird geschlossen. Einige Kali-Kumpel wollen ihren Hungerstreik fortsetzen, die thüringische Landesregierung hat „ein Bündel von Konzepten für Ersatzarbeitsplätze“ angekündigt.

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Am 12.7.:

Für die Erhaltung der 700 Arbeitsplätze in den abwicklungsbedrohten Kalibergwerken haben am Samstag Betriebsräte aus ganz Deutschland im thüringischen Bischofferode demonstriert. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von Bischofferode, Gerhard Jüttemann, verteidigte vor 3.000 Protestierenden erneut das Privatisierungsangebot des westfälischen Unternehmers Johannes Peine, das nach Meinung der Bergleute der einzige Ausweg aus der Krise ist. Um so unverständlicher sei die Zustimmung des Bundesfinanzministeriums zur Fusion der Mitteldeutschen Kali AG (Sonderhausen) und der Kali und Salz AG (Kassel), die das Aus für Bischofferode bedeutet.

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Gregor Gysi von der PDS warf der Treuhand und den verantwortlichen Politikern vor, durch Arbeitsplatzvernichtung die westdeutsche Konkurrenz zu begünstigen. „Der Hauptunterschied liegt jedoch nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen oben und unten.“

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Mit einem ökumenischen Gottesdienst bekundeten gestern auch die beiden Kirchen ihre Unterstützung für die Bischofferoder Kumpel. Diese setzten ihre Werksbesetzung und ihren Hungerstreik fort. Vierzig Männer verweigern bereits den elften Tag die Nahrungsaufnahme. Das Vorhaben mehrerer Frauen, sich am Hungerstreik zu beteiligen, werde vom Betriebsrat nicht unterstützt, so Jüttemann. Es zeige aber den Willen, bis zum äußersten zu kämpfen.

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Am 13.7. (meldet die taz bremen):

Des einen Leid, des anderen Freud: Während im thüringischen Bischofferode 700 Bergleute mit Hungerstreiks und 13wöchiger Werksbesetzung gegen um ihre Arbeitsplätze kämpfen, freut sich die Bremische Umweltverwaltung über die Schließung. Das Kaliwerk Bischofferode gehört zu den thüringischen Bergwerken, die ihre Produktionsabfälle in die Werra einleiten – und damit dem Leben in Werra und Weser die Suppe versalzen.

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Bischofferode gehört zur „Mitteldeutschen Kali AG Sondershausen“, deren Fusion mit der „Kali und Salz AG Kassel“, einer BASF-Tochter, von der Treuhand und dem Finanzministerium gebilligt worden ist. Für das Werk in Thüringen bedeutet diese Fusion zum Jahresende das Aus, weil nur so die „Kali und Salz AG“ zum zweitgrößten deutschen Exporteur von Kaliprodukten werden kann. Bischofferode ist das letzte von insgesamt sechs ostdeutschen Kaliwerken, das jetzt in die Grube fährt. Im Gegensatz zur sozialen Hoffnungslosigkeit in der Region ist die Entscheidung für die Weser, zu deren Sanierung Bund und Länder bis 1995 insgesamt 116,5 Millionen Mark bereitgestellt haben, nur positiv.

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Die Verbesserung der Wasserqualität hat, wie viele umweltpolitischen Erfolge der letzten Jahre, den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft zur Ursache. Vor der Wende pumpten die Salzwerke in Thüringen soviel Chlorid in die Weser, daß das Flußwasser in Bremen so salzig war wie in der Ostsee, erinnert sich Hans-Peter Weigel vom Wasserwirtschaftsamt.

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Am 16.7.:

Den Anfang machte der Geschäftsführer einer Magdeburger Schuhfabrik in Treuhandbesitz, dann trat ein Teil der Belegschaft des Berliner Gerätebatteriewerks Belfa fünf Tage in Hungerstreik. Seit zwei Wochen fasten nun 42 Kali-Kumpel in Bischofferode, und mindestens vier weitere Betriebsrats-Kollektive haben diese Form des Kampfes gegen die Treuhand bereits „angedacht“. Kurz vor der endgültigen Liquidation ihrer Werke scheint sich der Hungerstreik in Ostdeutschland zur Ultima ratio des Widerstands zu entwickeln. Zwar hört man immer öfter den Spruch: „Langsam kann ich die RAF verstehen“, aber das kollektive Fasten scheint doch eher vorläufiger Höhepunkt dessen zu sein, was 1989 mit „keine Gewalt“ begann.

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„Es gibt dabei verschiedene Traditionslinien“, sagt Theodor Ebert, Professor am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. „Wir reden von Hungerstreik und von Fasten. Das Fasten hat eine sehr lange religiöse Tradition und zielt darauf, das Individuum zu läutern und in eine Beziehung zu seinem Schöpfer zu setzen. Der Hungerstreik versucht hingegen, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, auf ein bestimmtes Problem aufmerksam zu machen.“

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Am 17.7.:

Der sich ausweitenden Solidarität mit den hungerstreikenden 40 Bischofferoder Kali-Kumpeln (denen sich noch einmal so viele anschließen wollen) und ihrem Kampf um den Erhalt des Schachts „Thomas Müntzer“ streben vier Fügungen gegen:

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1. die korrupten Gewerkschafts-Funktionäre der IG Bergbau und Energie und der IG Chemie, die eher gegen als für die Bergarbeiter im Eichsfeldischen aktiv werden. Viele ostdeutsche Betriebsräte versuchen sie jetzt „umzustimmen“ – brieflich.

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2. Trotz parteiübergreifender Hilfe für die Bischofferoder in der Region gibt es dort eine Branchenspaltung: Die Kaliwerke in Zielitz und Unterbreitzbach haben von Treuhand/BASF eine „Bestandsgarantie“ versprochen bekommen und beteiligen sich nicht an den Kämpfen zur Erhaltung der noch 700 Arbeitsplätze dort. Angeblich sollen sie die Schließung des „Müntzer“-Schachts sogar begrüßt haben. Dem Aktionstag am vergangenen Samstag blieben sie fern, und bisher gingen sie auch nicht auf das „Runde Tisch“-Angebot der Initiative ostdeutscher Betriebsräte ein.

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3. Eine weitere Spaltung wäre die innerbetriebliche zwischen den leitenden Kadern (von denen einigen eine Anstellung im Westen versprochen werden wird) und der übrigen Belegschaft, für die es – bestenfalls – einen temporären Spatendienst in einer Beschäftigungsgesellschaft geben wird. Der Betriebschef wurde bereits rausgeschmissen, von einigen anderen behaupten die Bergleute ebenfalls, sie seien „gekauft“.

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4. Zumindest im Westen hat die Linke es sich angewöhnt, ihre grundsätzliche Solidarität mit Emanzipationskämpfen erst einmal quasi ökologisch zu filtern. Im Falle der Eichsfelder Kali-Produktion werden dabei Landwirtschaftsböden, Flüsse und einstürzende Baudenkmäler angeführt. Zusätzlich merkwürdigerweise aber auch noch die „mangelnde Produktivität“ (im Osten). Das Werk hat die höchste Auslastung in Ostdeutschland, aus seinem Produkt K60/K61 wird Kaliumsulfatdünger hergestellt. Die neuen Eigner, BASF/Kali&Salz, stellen dasselbe Produkt anders her als die Kunden der Bischofferoder. Bei Schließung des Schachts müßten diese umständlich auf Kali aus der Ukraine ausweichen. Ein Wettbewerbsvorteil für BASF, den ihnen die Treuhand mit Geldern für ostdeutsche Arbeitsplätze finanziert.

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Leider geht es bei den vier Linien der Schwäche eher um Interessen und Leidenschaften als um den Austausch von Argumenten. Und nicht zuletzt hängt natürlich die gesamte sich ausweitende Protestbewegung davon ab, wie lange die hungerstreikenden Bergarbeiter durchhalten können. Das Ganze soll übrigens mit einem Fest in Bischofferode enden.

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Am 30.7.:

Die Kali-Kumpel in Bischofferode sind auch vier Wochen nach Beginn des Hungerstreiks nicht zum Aufgeben bereit. Bei erneuten Gesprächen zwischen der Thüringer Landesregierung und dem Betriebsrat zeichnete sich gestern in Erfurt keine Annäherung ab. Vor der Gesprächsrunde hatten die Belegschaftsvertreter deutlich gemacht, daß sie nach wie vor am Erhalt der Grube festhalten und sich auf Ersatzangebote nicht einlassen werden. „Wir haben klare Forderungen“, erklärte der Betriebsratschef Heiner Brodhun in der Thüringer Staatskanzlei, wo eine Delegation der Kali-Kumpel mit Staatsminister Andreas Trautvetter (CDU) und Wirtschaftsminister Jürgen Bohn (FDP) zusammentraf.

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In dem Gespräch ging es um die von der Landesregierung angebotenen Ersatzarbeitsplätze. „Es geht uns dabei aber nicht um Ersatzarbeitsplätze für das Kali- Werk“, betonte ein Betriebsratssprecher. Die Ersatzarbeitsplätze sollen nach Ansicht des Betriebsrats den bereits arbeitslosen Thüringern zugute kommen. Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) hatte am Dienstag betont, daß die Landesregierung über ihr Angebot für Ersatzarbeitsplätze nicht hinausgehen werde.Auch das Angebot von Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU), den Fusionsvertrag zwischen Mitteldeutscher Kali AG und der Kasseler Kali + Salz AG über einen Wirtschaftsprüfer einzusehen, wies der Betriebsrat als unzureichend zurück. Eine derart eingeschränkte Einsicht garantiere nicht die Klärung „aller bisher zutage getretenen Ungereimtheiten“, erklärte das Betriebsratsmitglied Hanno Rybicki. Die Belegschaft fordere „nach wie vor die vollständige und unbedingte Offenlegung des Fusionsvertrages“. Der Betriebsrat schlage vor, den Vertrag in einem Gremium einzusehen, in dem alle an der Fusion Beteiligten vertreten sind. Betriebsrat Walter Ertmer bezeichnete Waigels Angebot dagegen als ein positives Zeichen, das vor wenigen Wochen noch nicht denkbar gewesen wäre.

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Am Donnerstag befanden sich weiterhin 22 Männer und fünf Frauen im Hungerstreik. An verschiedenen Orten gab es gestern wieder Solidaritätsaktionen. In Ludwigshafen ketteten sich drei Teilnehmerinnen des Hungerstreiks von Bischofferode an das Haupttor der BASF. Der Chemiekonzern ist Mehrheitsaktionär der Kali + Salz AG, die von den Thüringer Bergleuten für die geplante Schließung der Grube in Bischofferode verantwortlich gemacht wird. 77 SympathisantInnen der Kali-Belegschaft überklebten in einer landesweiten Aktion in der Nacht zu Donnerstag zahlreiche Ortsschilder in Thüringen mit der Parole „Bischofferode ist überall“. Sie erklärten, sie hätten damit gegen die Wirtschaftspolitik von Landesregierung und Treuhand protestieren und Solidarität mit den Kali-Kumpeln zeigen wollen.

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In Bischofferode findet am Sonntag ein internationaler Solidaritätstag statt, zu dem über 10.000 TeilnehmerInnen erwartet werden.

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Am 31.7.:

Auf dem Gelände der besetzten Kali-Grube „Thomas Müntzer“ stehen seit zwei Wochen die Aufnahmewagen von Vox, Sat.1, RTL, MDR und ZDF. „Wissen Sie, was Sie uns kosten?“ fragt launisch der Tonmann von Sat.1 einen der Betriebsräte -, „50.000 DM täglich“. Nach Ausstrahlung der ZDF-Sendung „Z“ – wie Zorro und Zündstoff – schmeißt der Sprecherrat der Kumpel das ZDF-Team vor Ort vom Platz: „Gegen eine andere Meinung haben wir nichts, aber so die Tatsachen zu verdrehen …“ Einer der Hungerstreikenden, ein Berliner HBV-Gewerkschafter meint gar: „Das ist Prostitution, was Sie da gemacht haben!“

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Von der Lokalpresse und dem Neuen Deutschland fühlen sich die Bischofferöder besser behandelt. Das Eichsfelder Tageblatt hat eine sehr schöne Sonderausgabe zusammengestellt und das ND berichtet täglich ausführlichst. Ein Artikel von Gregor Gysi, in dem er auf das positive Wirtschafts-Gutachten des Schweizer Kali-Experten Peter Arnold eingeht, wird so lange kopiert (für alle Sympathisanten, die das Kali-Werk besuchen – an guten Tagen ca. 600), bis der Kopierer im Betriebsratsbüro kaputtgeht. Das ND hatte dieses Gutachten (im Auftrag des thüringischen Landwirtschaftsministerium) einige Tage zuvor abgedruckt. Die Frankfurter Rundschau hatte dann daraus zitiert. Woraus dann wiederum dpa zitierte (das ND ist im Westen Media non grata). Die Initiative Ostberliner und ostdeutscher Betriebsräte („Ostwind“) ist zwei Mal in der Woche mit einigen taz-Autoren bzw. -Lesern „vor Ort“ und hilft beim Flugblattdrucken sowie allgemein beim Begeisterung erwecken. Nachdem der DGB Erfurt eine halbverquetschte Soli- Presse-Erklärung verfaxt hat, läßt IG Chemie-Vorsitzender Rappe im Handelsblatt verkünden: Er sei froh, daß dort jetzt der DGB das Ruder übernehme und Bischofferode nicht mehr „unter der dubiosen Flagge der Betriebsräteinitiative“ segele.

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In den Vox-Nachrichten erklärt derweil der Pressesprecher des Vorsitzenden der IG Bergbau und Energie: „Die Bischofferöder sind leider aus der Solidarität ausgeschert.“ Damit auch der naivste Sympathisant in Bischofferode versteht, was damit gemeint ist, verteilt der Betriebsrat des Kali- Werks eine Liste mit den Funktionen des Vorsitzenden der IG Bergbau und Energie, Hans Berger: Sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter/ Geschäftsführer der Berg Verlag GmbH/ Geschäftsführer der Vermögens- und Treuhand- Gesellschaft der IGBE/ Aufsichtsrat der Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft/ Vorstand der Deutschen Montan Technologie/ Mitglied des Beirates der Emscher- Lippe-Agentur/ Aufsichtsrat der Rheinisch Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE)/ Aufsichtsrat der Ruhrkohle AG/ Aufsichtsrat der VEBA-AG/ Aufsichtsrat der Vereinigten Energiewerke AG/ Beiratsmitglied der Volksfürsorge Versicherungsgruppe/ Vorstand des Bergmannserholungswerkes/ Mitglied des Bundesvorstands des DGB/ Vizepräsident des internationalen Bergarbeiterverbandes/ Aufsichtsrat der BASF-Kali + Salz.

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Betriebs- und Sprecherrat möchten gerne die Kampf-Übersicht behalten, aber die Hungerstreikenden wollen auch was tun. Außer permanent das Solidaritäts- Publikum zu informieren – auf besonderen Wunsch auch mit einem Schacht-Besuch: dort sieht es so sauber und ordentlich aus wie in einer guten Stube, die aus zig Kilometer langen lastwagenbreiten Hallen besteht. Die Bergarbeiter aus dem Ruhrgebiet, Rentner und Krankgeschriebene, sind ausnahmslos begeistert. Als die Hungerstreikenden ein Flugblatt machen, in dem sie zu landesweiten Solidaritäts-Hungerstreiks aufrufen, und dann mit Lautsprecherwagen durch das Eichsfeldische kurven, kommt es zu einer kleinen Auseinandersetzung mit dem Betriebsrat. Der ist sowieso leicht überfordert von all den Angereisten und Anrufenden (sogar aus Kalifornien, Kanada und England). Aber man einigt sich: Die Aktionen sind im Interesse aller. Noch vor zwei Wochen hatte der Betriebsrat gebangt: Wird überhaupt jemand „Solidarität zeigen“? Besonders begeistert sind die mehrheitlich in der CDU eingeschriebenen Räte von der PDS, die bis zur Beteiligung am Hungerstreik hilft – und nicht zuletzt deswegen von Kanzleramtsleiter Bohl als „Verbrecher“ beschimpft wird. Die Puhdys bringen den im Schacht mahnwachenden Frauen ein Ständchen, den Hungerstreikenden spielen Musikgruppen aus dem Harz auf – und vielen laufen dabei Tränen über die Wangen vor Rührung. Das sind die „verantwortungslosen Sozialromantiker“, wie der einzige nicht überbezahlte Treuhand-Beamte, Wolf Schöde, über den Wochenpost-Redakteur Gürtler vermelden läßt. Die Bischofferöder dürfen damit nicht durchkommen! Da sind sich Bild– Zeitung, Berliner Zeitung, Spiegel, Regierung und Treuhand einig.

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Langsam kommen auch die ersten ostdeutschen Intellektuellen nach Bischofferode – z.B. Stefan Heym, Klaus Schlesinger und Ulrich Plenzdorf zu einer Lesung. Weitere werden am Sonntag, den 1. August, auf dem großen Solidaritätstag in Bischofferode erwartet.

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Am 2.8.:

Aus Solidarität mit den Hungerstreikenden in Bischofferode haben sich am Sonnabend etwa 30 Menschen an das Brandenburger Tor gekettet. Man wolle damit ein Zeichen setzen und für den Aktionstag in Bischofferode werben, teilte das Neue Forum mit, das den Protest organisiert hatte.

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Solidarität mit den Kali-Kumpeln bekundeten auch einige hundert Teilnehmer der 19. „sanften Belagerung“ des Palastes der Republik. Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Komitees für Gerechtigkeit, der ehemalige Rektor der Humboldt- Universität, Professor Heinrich Fink, erklärte in einer Diskussionsrunde, es sei eine „wunderbare Ermutigung“, daß die Arbeiter zeigten, „was sie denken und was die Würde des Menschen wert ist“.

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In den kommenden Wochen werden 50 Kinder aus Bischofferode in Berlin erwartet, die in der Stadt zwei Ferientage verbringen können, teilte die PDS-Landesvorsitzende Petra Pau mit. Ende August hätten mehrere Mädchen und Jungen aus der Region die Gelegenheit, kostenlos Ferien in Tschechien zu verbringen. Eine andere Art der Unterstützung organisierten Dresdener PDS-Vertreter: Sie boten am Palast der Republik Kalisalz-Stücke zum Solidaritätspreis an. Der Erlös soll den streikenden Kali-Kumpeln zugute kommen.

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Am 4.8.:

Der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie, Hans Berger, hat die Hungerstreikaktion der Kali-Kumpel von Bischofferode kritisiert und sieht keine Chance, die Kali-Produktion in der thüringischen Grube zu erhalten, wie er am Dienstag in einem Interview des Südwestfunks sagte. Der Hungerstreik gegen die Schließung sei „ein Ausdruck des Widerstandswillens, allerdings an einem falschen Objekt“, meinte Berger. Mit den Hungerstreikenden empfinde er „Mitgefühl, weil ich nun weiß, was es bedeutet, um einen Arbeitsplatz zu kämpfen“. Er begrüßte Überlegungen, die Schachtanlagen als Untertage-Mülldeponie zu nutzen.

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IG Berger, den die Bischofferoder Kali-Kumpel zum Rücktritt aufgefordert haben, verteidigte die Zustimmung der Gewerkschaft zur Fusion mit der BASF-Tochter Kali und Salz. Aus Fürsorgepflicht habe sie „nicht nur zugestimmt, wir haben diesen Fusionsvertrag gefordert“. Ohne ihn „hätte kein ostdeutsches Kalibergwerk überlebt“. Der IG-Bergbau-Vorsitzende sprach von einem typischen Beispiel einer gelungenen Sanierung. Als Erfolg der Verhandlungen hob Berger die Zweijahresgarantie für die Bischofferoder Arbeitsplätze hervor. Die Kali-Kumpel von Bischofferode sehen sich durch die „Konkurrenzausschlußklausel“ im Kali-Fusionsvertrag in ihrem Mißtrauen gegen Treuhandanstalt und Bundesregierung bestätigt. „Genau so etwas hatten wir vermutet“, sagte der Betriebsratsvorsitzende Heiner Brodhun am Dienstag in Bischofferode. „Wenn etwas so geheimgehalten wird wie dieser Fusionsvertrag, dann mußte doch etwas faul sein.“

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Der Betriebsrat werde nun prüfen, inwieweit juristisch gegen diese Klausel vorgegangen werden könne, mit der die Treuhand sich verpflichtet, weder eine Einzelprivatisierung von Bischofferode noch eine andere Konkurrenz zum Fusionsunternehmen zuzulassen. Über eine weitere Verschärfung des Arbeitskampfes werde der Betriebsrat in den nächsten Tagen entscheiden.

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Am 18.8.:

Die IG Bergbau und Energie (IGBE) und die Betriebsräte der Kasseler Kali und Salz AG machen für die Kali-Fusion mobil. Gestern abend sollten bis zu 2.000 Kali-Kumpel für den Zusammenschluß ihres Konzerns mit der Treuhand-Firma Mitteldeutsche Kali demonstrieren. „Es nehmen alle daran teil, die für die Kali-Fusion sind“, so der Kasseler Betriebsratsvorsitzende Hilker vorab zur taz.

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Die ostdeutschen Kumpel aus Sondershausen wollten zum Protest aber nicht anreisen. „Wir sind nicht glücklich damit“, so ein Betriebsrat. Vom Standort Unterbreizbach, der bei der Fusion erhalten werden soll, hatten sich gerade einmal 50 von 650 Mitarbeiter zur Unterstützung der Wessis in Kassel angemeldet.

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Die IG Bergbau bekam für ihre Unterstützung der Kali-Fusion gestern andernorts derbe Prügel. In Berlin wurde das Bezirksbüro der IG Bergbau besetzt: nicht etwa von wilden jungen Männern, sondern vom Seniorenausschuß einer anderen DGB-Gewerkschaft, der Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen (HBV). Die Kollegen forderten die Offenlegung des Fusionsvertrags und mehr Solidarität der IGBE mit Bischofferode. Der Landeschef der HBV, Manfred Müller, distanziert sich ausdrücklich nicht von der Aktion. Geplant waren gestern abend außerdem noch Demonstrationen für den Erhalt des Standorts Bischofferode in Berlin, München, Frankfurt und Ludwigshafen.

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Am 20.8.:

Die Bischofferöder Kali-Kumpel berieten am Nachmittag über das weitere Vorgehen im Arbeitskampf. Nach der EG- Entscheidung zur vertieften Prüfung der Kali-Fusion gibt es über eine Fortsetzung des Hungerstreiks im Werk offenbar unterschiedliche Auffassungen. Mittlerweile sollen einige Betriebsratsmitglieder für eine Aussetzung der Aktion gestimmt haben. „Darüber könnten jedoch nur die vierzehn Männer und fünf Frauen entscheiden, die aus Protest gegen die Gruben-Stillegung die Nahrungsaufnahme verweigern“, sagte ein Betriebsratssprecher der dpa. Überraschend kam auch der an einer Übernahme der Grube interessierte westfälische Unternehmer Johannes Peine nach Bischofferode. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Gerhard Jüttemann bekräftigte, daß es Ziel der seit Anfang April um ihre Arbeitsplätze kämpfenden Bergleute bleibe, ihren Schacht aus dem Fusionsvertrag auszugliedern. Verärgert reagierten die Bergleute auf Äußerungen des Vorstands der Mitteldeutschen Kali AG, daß die insgesamt 1.400 Beschäftigten der von der Schließung bedrohten Kali-Gruben in Bischofferode und Merkers bei einem Scheitern der Fusion pro Person auf etwa 15.000 Mark Abfindung verzichten müßten. Dies sei ein „dreister Versuch, die Kumpel gegeneinander aufzuhetzen“, sagte Jüttemann.

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MDK-Vorstandsmitglied Peter Backhaus hatte am Donnerstag einen Bericht der Stuttgarter Zeitung bestätigt, wonach die 700 Kali-Kumpel in Bischofferode im Zuge der geplanten Fusion der MDK mit der BASF-Tochter Kali und Salz AG (Kassel) pro Kopf mit einer Abfindung von durchschnittlich 20.000 Mark rechnen könnten. Käme die Fusion nicht zustande, würde auch der „fusionsbedingte Sozialplan“ nicht in Kraft treten. Dann gebe es nach dem üblichen „Sozialplan Ost“ der Treuhandanstalt nur im Schnitt bis zu 6.000 Mark.

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Der Aufsichtsratsvorsitzende der MdK, Ulrich Steger, bekräftigte, daß es zur Schließung des Schachtes keine Alternative gebe. Treuhandsprecher Wolf Schöde sagte, daß die Sanierung des ostdeutschen Kali-Bergbaus die Treuhand bereits mehr als zwei Milliarden Mark gekostet habe. Parteien, Gewerkschaften, Autoren und Künstler haben unterdessen dazu aufgerufen, am Samstag an dem geplanten Aktionstag in Bischofferode teilzunehmen. Zu den Unterzeichnern des in Berlin verbreiteten Aufrufs gehörenen unter anderem die Autoren Elke Heidenreich, Stefan Heym und Stephan Hermlin sowie der Bildhauer Alfred Hrdlicka.

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Am 25.8.:

Der Betriebsratschef des Bischofferoder Kaliwerkes, Heiner Brodhun, bleibt entgegen seinen ursprünglichen Rücktrittsabsichten im Amt. Wie Brodhun mitteilte, konnten Mißverständnisse ausgeräumt werden. Der Betriebsrat habe ihm einstimmig das Vertrauen ausgesprochen.

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Inzwischen zeichnet sich auch ein vorläufiges Ende des Hungerstreiks ab. Die gestern noch neun Hungerstreikenden wollten die Aktion in den nächsten Tagen aussetzen, hieß es von seiten des Betriebsrats. Auch der Erfurter Weihbischof Hans Reinhard Koch appellierte an die Hungerstreikenden, ihre Aktion zu beenden. Heute nimmt eine Delegation aus Bischofferode an einer Papstaudienz teil. Der Papst, so Koch, werde mit Sicherheit ein offenes Ohr für die Kumpel haben: „Mit Sicherheit muß er das tun, was wir immer tun, daß wir im Anliegen der Kumpel beten.“ Koch kritisierte einen wachsenden Einfluß auswärtiger Gruppen in Bischofferode. Diese Solidaritätskundgebungen schadeten der Sache eher, meinte der Weihbischof. Insgesamt habe die Aktion der Bergleute einen beachtlichen Effekt gehabt, weil sie auf deren Sorgen aufmerksam gemacht habe.

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Der Vorstand der Mitteldeutsche Kali AG (MDK/Sondershausen) hat für Bischofferode erneut Kurzarbeit ab Mitte September angekündigt. Nach den Werksferien hatte am Montag wieder die Förderung von Kalisalz für Abnehmer in Nord- und Westeuropa begonnen. Nach MDK-Angaben liegen für die Grube mit derzeit knapp 700 Beschäftigten nur Aufträge für drei Wochen vor. Nach Angaben des MDK-Vorstandes wurde mit dem Gesamtbetriebsrat des Unternehmens ein schriftlicher Interessenausgleich abgeschlossen. Danach ist für Bischofferode im Fall der Fusion vorgesehen, daß die Arbeitsverhältnisse der Bergleute zum Jahresende nicht gekündigt werden. Alle Mitarbeiter würden in die Gesellschaft zur Verwahrung und Verwertung stillgelegter Bergwerksbetriebe übernommen. Nur wenn der Übergang nicht gewünscht werde, erhielten die Kumpel Leistungen aus dem Sozialplan, der dem in den alten Bundesländern entspricht.

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Am 9.9.:

Nach Konsultierung einiger Wirtschaftsexperten hat der Bischofferöder Betriebsrat bekanntgegeben, die von der Belegschaft besetzte Schachtanlage „Thomas Müntzer“ in Form eines Management Buy Outs (MBO) kaufen zu wollen. Mittlerweile hat neben dem westfälischen Unternehmer Peine auch noch ein Bergbauunternehmen Investitionsinteresse bekundet. Eine Abfuhr holten sich die Kali-Kumpel vom Bonner Treuhandausschuß, der gegen eine Veröffentlichung des Kali-Fusionsvertrages votierte, nachdem der Wirtschaftsminister den beiden Vertrauenspersonen der Bischofferöder, Gregor Gysi und Rudolf Hickel, eine Vertragseinsicht verwehrt hatte. Diese Nachricht bewirkte gestern immerhin einen Solidaritätsschub auf dem Marsch der Hungerstreikenden zur Berliner Treuhand. Tags zuvor hatten bereits Tausende von Arbeitnehmern in Erfurt Verkehrsknotenpunkte abgeriegelt. In Wildau protestierten einige hundert Vorruheständler.

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Am 13.9.:

Der frühere Präsident des Bundeskartellamts, Wolfgang Kartte, hat sich hinter die Kali-Kumpel von Bischofferode gestellt. Der Super Illu sagte Kartte, in Bischofferode sei die Treuhand „mit der Plattmache zu weit gegangen“. Es sei ein Skandal, daß der Fusionsvertrag bis heute der Öffentlichkeit vorenthalten wird.

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Am 14.9.:

Im Kali- Werk Bischofferode ist gestern die Produktion wieder angelaufen. Nach Angaben des Betriebsrates liegen Aufträge für zunächst zwei Wochen vor. Die Kali-Kumpel waren vor 14 Tagen auf Kurzarbeit gesetzt worden. Der Protestmarsch der Kali-Kumpel erreicht in den nächsten Tagen Berlin.

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Am 27.9.:

Etwa 15 Bergleute der von der Schließung bedrohten thüringischen Kaligrube Bischofferode haben am Wochenende im Berliner Reichstag für eine Einsichtnahme in den Fusionsvertrag ihres Werks demonstriert. Sie suchten Gespräche mit den drei Bundestagsabgeordneten, die sich heute über den Fusionsvertrag zwischen der BASF- Tochter Kali und Salz AG, Kassel, und der Mitteldeutschen Kali AG, Sondershausen, informieren wollen. Die Kumpel fordern unmittelbare Offenlegung der Fusionspapiere gegenüber ihrem Betriebsrat. Die Kali-Arbeiter, die drei Monate lang mit einem Hungerstreik für den Erhalt ihres Werkes eingetreten waren, hatten am Freitag nachmittag symbolisch einen Sitzungssaal im Reichstagsgebäude besetzt. Sie waren vom Bündnis 90/Grüne eingeladen und räumten den Saal wieder, nachdem Parlamentspräsidentin Süßmuth ihnen ein Ultimatum gesetzt hatte.

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Am 28.9.:

Drei Mitglieder des Treuhandausschusses des Bundestages haben am Montag den Kali-Fusionsvertrag zwischen der Mitteldeutschen Kali AG (Sondershausen) und der BASF-Tochter Kali + Salz AG (Kassel) geprüft. Aus dem mit Anlagen rund 1.000 Seiten umfassenden Vertragswerk seien „keine neuen Gesichtspunkte für die Beurteilung der Fusion zu entnehmen“, sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete Paul Friedhoff in Bonn.

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Auch nach Ansicht von SPD- Chef Rudolf Scharping führt an dem Fusionsvertrag kein Weg vorbei. Dies sagte er nach einem Gespräch mit den Betriebsräten aus fast allen Kaligruben in Ost- und Westdeutschland. Betriebsräte aus Bischofferode fehlten.

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Bei der Einsicht des Kali-Fusionsvertrages habe man sich davon überzeugen können, daß der Abbau von rund 3.500 Arbeitsplätzen in den fusionierten Unternehmen zur Erzielung eines positiven wirtschaftlichen Ergebnisses unvermeidlich sei, so Friedhoff weiter. Im Vertrag werde nachvollziehbar dargelegt, daß die Produktion von Bischofferode hinsichtlich Güte und Zusammensetzung der Produkte verlagert werden könne.

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Die öffentlich geäußerte Vermutung, daß es sich bei den von der Treuhand eingebrachten Barmitteln in Höhe von 1,044 Milliarden Mark um eine Subventionierung der westdeutschen Kali + Salz AG handele, werde durch das Vertragswerk widerlegt. In den ostdeutschen Kali-Standorten würden im Laufe der ersten fünf Jahre 874 Millionen Mark investiert beziehungsweise aufgewendet. Bei der Festlegung der Produktionsmengen würden 150.000 Tonnen von Ost nach West und 201.000 Tonnen von West nach Ost verlagert. Die Produktionsverlagerungen von West nach Ost könnten erst nach notwendigen Investitionen im Osten erfolgen. Eine Offenlegung der Verträge und Anlagen lehnte Friedhoff ab. Die darin enthaltenen betriebsbezogenen Daten würden zu schweren Wettbewerbsnachteilen führen.

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Am 16.10.:

Die Einrichtung einer Einigungsstelle hat der Betriebsrat des thüringischen Kaliwerkes Bischofferode vor Gericht erstritten. Die Einigungsstelle soll den Interessenausgleich zwischen den Kalikumpel und der Mitteldeutschen Kali AG Sondershausen (MdK) regeln, erklärte gestern eine Sprecherin des Arbeitsgerichts in Mühlhausen. Den Interessenausgleich, den der Gesamtbetriebsrat mit der MdK geschlossen hat, hatten die Kalibergleute abgelehnt. Er schreibt die Stillegung der Grube zum 31. Dezember dieses Jahres fest.

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Am 23.10.:

Die Bischofferöder hatten nach einem Treffen mit dem albernen Treuhand-Bundestagsausschuß den Reichstag besetzt, woraufhin Hausherrin Rita Süssmuth sie rausgeschmissen hatte.

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Die Marzahner breiteten Luftmatrazen und Decken auf der Treppe vor der Tür aus und schenkten Kaffee ein, einige Hellersdorfer hängten Transparente auf: „Die Bischofferöder sind überall“ (zuvor hatte es – voreilig – „Bischofferode ist überall“ geheißen). Die ersten Reichstags- Putzfrauen, die am Morgen kamen, waren Türkinnen. Sie stiegen fröhlich, quasi solidarisch über uns, die wir alle aneinandergekuschelt dalagen und teils schliefen, hinweg. Aber schon die nächsten – deutschen Dienstleister – muffelten über die „Schweinerei“.

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Rita Süssmuth verfügte daraufhin aus Bonn die Freischauflung einer Gasse zur Eingangstür. Dazu mußten erneut zehn Polizisten anrücken, die sich um drei Uhr, nachdem wir von ihnen durchgezählt worden waren, verdrückt hatten. Um acht Uhr waren bereits 60 Polizisten vor Ort. Der Betriebsratsvorsitzende gab eine Pressekonferenz, und anschließend hielt ein bärtiger Bastor aus Bestberlin einen Gottesdienst ab, wozu ein Indienmissionar der KdA (Kirchlicher Dienst der Arbeitswelt) Gesangsbücher verteilte. Einige Marzahner PDSler weigerten sich mitzusingen, obwohl man in den Liedern die herrlichsten Komsomolzen- Hymnen erkannte.

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Danach verlangte Frau Süssmuth auch noch die Räumung der letzten zwei Stufen der Freitreppe, was die Polizisten zwar höflich, aber ruckzuck erledigten. Den Bischofferödern ließ die Bundestagspräsidentin anschließend ausrichten, sie sei trotzdem mit ihnen voll solidarisch. Was für eine Dumpftrulla!? Christine Austel-Haas, die ganz wunderbare Pastorin aus Bischofferode, startete daraufhin wütend eine Kampagne gegen die Wahl von Frau Süssmuth als Bundespräsidentin: eine solch „verlogene“ Kuh „wünschen wir uns nicht“, so gab sie zum besten.

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Da die Kali-Kumpel am Nachmittag trotz alledem ganz fröhlich wieder ins Eichsfeldische zurückrauschten und die Reichstags- Blockiererin aus Marzahn ihre Nähe zu mir dort auch in den darauffolgenden Tagen und Wochen und Monaten aufrechterhielt, ja ausbaute gar, möchte ich hierbei dennoch von einer „äußerst erfolgreichen Aktion“ ausgehen.

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Am 3.12.:

Die Kali-Kumpel aus dem thüringischen Bischofferode wollen mit juristischen Mitteln die Schließung ihrer Grube zum Jahresende verhindern. Wie der den Betriebsrat vertretende Rechtsanwalt Horst Sparolin gestern in Berlin erklärte, wollen die Kumpel per Gericht den Schließungsbeschluß der Aufsichtsratssitzung der Mitteldeutschen Kali AG (MDK) rückgängig machen.

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Der Betriebsrat sei der Meinung, daß der Aufsichtsrat bei seinem Treffen vergangene Woche mangels ordnungsgemäßer Einladung nicht beschlußfähig gewesen sei. Die Sitzung war kurzfristig ohne Information aller Aufsichtsräte an einen geheimen Ort verlegt worden. Der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Friedhelm Teusch, räumte gestern ein, daß die Aufsichtsratssitzung unter ungewöhnlichen Umständen stattgefunden habe, ihr Beschluß sei aber rechtskräftig. – Außerdem streiten sich die Kumpel noch vor dem Arbeitsgericht mit der MDK. Dort war der Bischofferoder Betriebsrat in erster Instanz erfolgreich. Er hatte den ausgehandelten Sozialplan abgelehnt. Das Gericht hatte ein Ordnungsgeld in Höhe von 500.000 DM, ersatzweise Ordnungshaft bis zu sechs Monaten angedroht.

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Unterdessen bekräftigte der westfälische Unternehmer Johannes Peine sein Interesse, das Werk mit derzeit 700 Beschäftigten zu übernehmen und innerhalb von vier Jahren aus den „roten Zahlen“ zu führen. Die vom Aufsichtsrat angeführten Verluste von 26 Millionen DM in 1993 nannten Peine und der Betriebsrat völlig überhöht. Bei kosten- und erlösgerechter Betrachtung lägen sie bei 13 bis 15 Millionen DM.

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Am 22.12.:

Die Mitteldeutsche Kali AG will die Förderung in Bischofferode Heiligabend einstellen. Thüringens Ministerpräsident Vogel kündigte den Bergleuten zwar einen letzten Rettungsversuch der Landesregierung an. Nach einem Treffen mit dem Betriebsrat sagte er jedoch, das Land könne sich nur erneut an die Treuhand wenden.

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Am 23.12.:

Die Belegschaft der Kali-Grube Bischofferode hat gestern die letzte Förderschicht gefahren. Damit wurde das Ende des zum Symbol für den Kampf um Arbeitsplätze in Ostdeutschland gewordenen Werkes um einen Tag vorgezogen. Die knapp 700 Bergleute wollen jetzt in einer Urabstimmung über weitere Maßnahmen entscheiden.

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Am 27.12.:

Die Kalikumpel von Bischofferode haben an Weihnachten ihre Protestaktionen gegen die Schließung des Werks fortgesetzt. Die Besetzung der Grube gaben die Bergleute jedoch aus gesundheitlichen und hygienischen Gründen auf. Die Kumpel, die am Mittwoch nach der letzten Förderschicht in dem Schacht geblieben waren, harrten dort über 52 Stunden aus. Die Werksleitung hatte die Lüftung unter Tage abgeschaltet. Rund 30 Bergleute hielten gestern jedoch weiter das Werksgelände besetzt.

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Das Werk soll am 1. Januar von der Treuhand-Gesellschaft zur Verwahrung und Verwertung stillgelegter Bergwerke übernommen werden. Die Bundesregierung hatte den Kalikumpeln befristete Ersatzarbeitsplätze bis 1995 versprochen. Daraufhin sagte die thüringische Landesregierung über diesen Zeitraum hinaus Dauerarbeitsplätze für die Kaliwerker zu.

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Am 28.12.:

Am Sonntag abend sind zehn Kali- Kumpel erneut in den Hungerstreik getreten. Sie wollen damit gegen die zum Jahresende bevorstehende Stillegung der Kaliförderung in Bischofferode protestieren. Auch die Besetzung des Werkes, die am Weihnachtstag unterbrochen worden war, soll bis auf weiteres fortgesetzt werden.

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Daß sich jedoch am gemeinsamen Konzept der Treuhand und der BASF, das die Schließung der Grube vorsieht, noch etwas ändern könnte, glauben die Bischofferoder Kumpel selbst nicht mehr. Betriebsratsmitglied Gisbert Sommerfeld sagte gestern, die Bergleute forderten jetzt nur noch „konkrete vertragliche Absicherungen“. Denn keiner der Kumpel habe „etwas in der Hand, mit dem er notfalls auch vor Gericht klagen könnte“, kritisert Sommerfeld.

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Bundes- und Landesregierung hatten mehrfach versprochen, Ersatzarbeitsplätze zu schaffen. Der Unternehmer Johannes Peine hat Weihnachten angeboten, in Bischofferode Baustoffe zu produzieren. Der Vorschlag wird von Betriebsrat und Treuhand zur Zeit noch geprüft.

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Die Kali und Salz AG Kassel, jetzige Betreiberin der Grube, hat gestern den Werksbesetzern „arbeitsrechtliche Konsequenzen“ angedroht. An einer weiteren Eskalation des Konflikts ist jedoch auch dem Betriebsrat nicht gelegen. Er wolle zwischen Arbeitgebern und den empörten Kollegen vermitteln, sagte Sommerfeld gestern.

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Am 29.12.:

Die Kali und Salz GmbH (Sondershausen) – derzeitige Betreiberin der Kali- Grube Bischofferode – wird die Frist für den Übergang der Bergleute in die treuhandeigene Gesellschaft zur Verwahrung und Verwertung stillgelegter Bergwerke (GVV) voraussichtlich nicht verlängern. Die Angebote seien der Belegschaft schon seit längerem bekannt, sagte Unternehmenssprecher Ulrich Göbel gestern. Eine endgültige Entscheidung sei aber noch nicht getroffen.

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Der Betriebsrat des Werks fordert eine Verlängerung der heute auslaufenden Frist für einen Widerspruch gegen die Übernahme. Die rund 700 Bergleute müßten sich zunächst umfassend und individuell beraten lassen, hieß es. Wer nicht in die GVV wechseln will, kann eine Abfindung von maximal 25.000 Mark in Anspruch nehmen.

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Aus Protest gegen die Werksstillegung ging auch am Dienstag der Hungerstreik von zehn Männern und Frauen sowie die Besetzung des Kali-Schachtes weiter. Die Kali und Salz GmbH will nach Göbels Angaben gegen die Grubenbesetzung nichts unternehmen. „Wir wollen die Situation nicht noch verzwickter machen“, sagte er. Eine Eskalation solle auf jeden Fall vermieden werden. Am Vortag hatte die Kali und Salz GmbH mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen gedroht.

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Am 30.12.:

„Gedenket der Brüder und Schwestern, die das Schicksal unserer Vereinigung tragen“, lautet ein Transparent, das im holzgetäfelten Sitzungssaal der Schachtleitung hängt. Dort haben die Hungerstreikenden jetzt Campingliegen aufgestellt. Unter dem Kronleuchter tagt – in Permanenz – die Arbeitsgruppe Öffentlichkeit. Während das „Org.-Büro“ des Betriebsrates Solidaritäts-Anrufe Tag und Nacht entgegennimmt und die Medien informiert, bearbeiten die Hungerstreikenden – mit handschriftlichen Faxen – Helmut Schmidt, Rudolf Augstein, Ralph Giordano und andere Prominente: „Bitte setzen Sie sich mit ganzer Kraft für den Erhalt der Kali-Grube ein. Die Medien berichten nur verzerrt über unseren Arbeitskampf.“

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Noch immer ist nicht klar, wem der Bischofferoder Schacht „Thomas Müntzer“ eigentlich gehört, noch wer ihn verwaltet, und einen Sozialplan gibt es auch noch nicht. Versprochen wurde lediglich eine Abfindung von „maximal“ 25.000 DM, alternativ dazu eine Übernahme in die treuhandeigene GVV (Gesellschaft zur Verwahrung und Verwertung stillgelegter Bergwerke), die aber nur eine Beschäftigung für höchstens 200 Leute hätte. Der Betriebsrat fordert deswegen einen Aufschub des Ultimatums um mindestens einen Monat, schon allein damit die Treuhand, wie versprochen, ein neues Angebot des Investors Peine prüft, das – mit einer an die Kaliförderung angekoppelten Baustoffproduktion – die Übernahme aller Mitarbeiter garantiert.

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Man sitzt in Gruppen im Speisesaal oder nebenan im Kumpelnest „Bergmanns-Klause“ zusammen, steht um das Mahnfeuer vorm Werkstor und im Vorraum der Wache, wo ein Fernseher läuft. Gleich daneben hat n-tv seinen Übertragungswagen aufgebaut. Auf dem Weg über den Hof kommen mir acht Betriebsräte der Deutschen Seereederei Rostock entgegen. Trotz der abwiegelnden Berichterstattung über dieses letzte Gefecht im Eichsfeld kommt die Unterstützung langsam in Gang; in Bischofferode werden die Parkplätze knapp. Ein mithungernder Gewerkschafter aus Hoyerswerda ist mit dem Zug angereist, ebenso ein Arbeiter aus der Pfalz; eine größere Gruppe des Berliner „Solidaritätskomitees“ ist angekündigt.

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Trotz der von der Geschäftsleitung abgeschalteten Lüftungsanlage sind einige Kumpel wieder eingefahren und halten den Schacht unter Tage besetzt. „Warm ist es!“ antwortet Besetzerkumpel Thomas auf die telefonische Frage, wie es ihm dort unten in 600 Meter Tiefe denn so geht. Hier oben muß man sich alle paar Minuten am Mahnfeuer vorm Tor die Hände wärmen. Auch in der Wache ist es kalt; der Betriebsrat gewährt den Hungerstreikenden deswegen einen Extra-Fernseher für ihren Aufenthaltsraum: „Damit können wir sofort auf verfälschende Darstellungen reagieren“, meint ein mithungernder türkischer Kollege aus Hessen.

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Aufmunterndes erfährt man aus dem Landtag: In der Nähe von Eichsfeld wird ein „moderner Freizeitpark“ – für 120 Millionen DM – entstehen! „Da können wir dann den ganzen Tag Achterbahn fahren“, kommentiert der nun zum zweiten Mal hungerstreikende Anlagenfahrer Andreas Isemann. Die letzte Nachricht: In Erfurt haben am Mittwoch Verhandlungen über Ersatzarbeitsplätze für die knapp 700 Kali-Bergleute begonnen. Der Sprecher des Betriebsrates setzt „keine großen Erwartungen in das Gespräch“.

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Am 3.1.1994:

Der Kampf um die Kali-Grube bei Bischofferode ist beendet. Der Betriebsrat unterzeichnete am Silvesterabend eine Vereinbarung, mit der die Stillegung des Schachtes und das Angebot von Ersatzarbeitsplätzen akzeptiert wurde. Damit fand auch der zuletzt noch einmal aufgeflammte Hungerstreik im Kali-Werk ein Ende.

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Nachdem der Betriebsrat den Vertrag mit der Kali und Salz AG, der Treuhand und der thüringischen Landesregierung geschlossen hatte, kam es in einer Betriebsversammlung noch einmal zu heftigen Auseinandersetzungen. Der Interessenausgleich war den Bergleuten vorgestellt worden, ohne daß sie darüber noch einmal hätten abstimmen können. Den Kumpeln war gesagt worden, wer nach dem Jahreswechsel weiterstreike, könne nicht mehr mit den Angeboten an Ersatzarbeitsplätzen rechnen. Noch am Silvesterabend stimmten daher die meisten Bergleute per Unterschrift der Vereinbarung zu.

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Die thüringischen Kumpel können laut Vertrag in der treuhandeigenen Gesellschaft zur Verwahrung und Verwertung stillgelegter Bergwerke (GVV) weiterarbeiten oder vorübergehend in eine Arbeitsbeschaffungsgesellschaft (ABS) eintreten. Wer nicht bei der GVV oder ABS weiterarbeiten will, kann dem Sozialplan zufolge eine Abfindung von je nach Betriebszugehörigkeit 5.000 bis 30.000 Mark kassieren, erklärte der Betriebsrat. Die Landesregierung verpflichte sich in diesem Fall, einen Ersatzarbeitsplatz anzubieten.

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In jedem Fall bekommen die Bergleute durch die Aufhebungsverträge eine Abschlagszahlung von 7.500 Mark. Die Vereinbarungen seien günstiger als bei Schließungen anderer Gruben. „Wir haben gekämpft und mehr erreicht, als uns zugebilligt werden sollte“, resümierte der Betriebsrat. Der Kompromiß zu Bischofferode kostet nach Schätzungen von Treuhand-Direktor Werner Bayreuther bis zu 16 Millionen Mark.

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Der Arbeitskampf um den Kali- Schacht hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, als Dutzende von Bergleuten aus Protest gegen die Schließung der Grube im Sommer in den Hungerstreik getreten waren. Protestaktionen hatten schon im Dezember 1992 begonnen, als die Fusionspläne zwischen der zur Treuhand gehörenden Mitteldeutschen Kali AG (MdK) und der Kasseler Kali und Salz AG öffentlich wurden. Das Kalibergwerk in Bischofferode war demnach überflüssig.

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Bischofferode wurde zum Symbol für die Ost-Industrie, die den wirtschaftlichen Interessen des Westens geopfert wurde, um so mehr, als auch die IG Bergbau den protestierenden Kumpeln ihre Unterstützung versagte. Nicht nur der Hungerstreik im Sommer, auch ein Fußmarsch zur Treuhand nach Berlin, ja sogar eine Pilgerfahrt zum Papst nach Rom sorgten für Aufmerksamkeit und ständige Solidaritätsbekundungen von Gruppen oder prominenten Einzelpersonen. Autor: BD

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Am 1. Mai 1994:

In Berlin fing man an, den Ostberliner Tierpark, der erste DDR-Betrieb, in dem in der Wende ein Betriebsrat gewählt worden war, sukzessive zu demontieren, nachdem man zunächst nur (schwäbische) Stechuhren für die Mitarbeiter dort installiert hatte: Die „Schlangenfarm“, auf die der Tierpark so stolz war, sollte in den Westberliner Zoo verbracht werden. Es hagelte daraufhin derartig heftige Proteste von Ostberlinern, dass der Beschluß wieder rückgängig gemacht werden mußte. Eine der Protestiererinnen, Cläre Mausser, schrieb in einem offenen Brief: “Der Schlangenfarm-Pfleger Klaus Dedekind soll vom Zoo (West) übernommen werden. Und er hat abgelehnt mit den Worten: ‘Ich lasse mich nicht kaufen!’ – Dass es noch solche Menschen gibt!! Dieser einfache Mann sollte vielen ein Vorbild sein. Bei aller Verbitterung, die uns Ossis immer mehr erfüllt, richtet dieser Mann uns auf, und wir sind stolz auf ihn, genauso wie auf die Kalikumpel von Bischofferode …”

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Am 12.8.1996:

Nur der Vikar Konrad, der sich längst bei den Bergleuten in Bischofferode in Amt und Würden befand, ging mir nie ganz verloren“, schreibt Günter Grass in „Ein weites Feld“. „Eigentlich kann er damit nur Christine Haas gemeint haben“, sagt Walter Ertmer, der noch Betriebsratsvorsitzender für die übriggebliebenen 140 Beschäftigten des einstigen Kaliwerkes ist. Vor 1992 waren es noch 700. „Weitere Kündigungen sind jedoch schon wieder raus“, so Ertmer.

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Christine Haas ist die evangelische Pastorin des Nachbarorts Großbodungen. Sie hatte sich 1993 und 1994 mit dem Kampf der Kalikumpel gegen ihre Abwicklung durch den neuen Eigentümer Kali & Salz (eine BASF-Tochter) voll solidarisiert, wie man so sagt, und ist auch heute noch – im Gegensatz zu den meisten Bergleuten – durchaus kämpferisch eingestellt: Mit einer Bürgerinitiative versucht sie zum Beispiel das Auffüllen der zu Untertagedeponien umgewidmeten Kaligruben im Eichsfeld mit giftigen oder radioaktiven Abfällen zu verhindern.

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„Es ist aber auch eine deprimierende Situation“, entschuldigt Christine Haas ihre resignativ gestimmten Kalikumpel: „Während der Auseinandersetzungen, so anstrengend sie waren, ging es fast allen gut. Danach fiel alles auseinander. Viele wurden krank, vier starben sogar.“ „Wer nur ein bißchen beweglich ist, zieht weg von hier“, ergänzt der mit Aufräumarbeiten unterbeschäftigte Bergmann Ide, der selbst jedoch gerade sein Haus renoviert hat. Nicht einmal die in Bischofferode angesiedelten Rußlanddeutschen wollen bleiben. Der Pastorin fällt dann noch ein, „daß jetzt nach der Niederlage so viel rückwärtsgewandtes Zeug im Eichsfeld passiert: Schützenvereinsgründungen, Traditionsumzüge und sogar Fahnenweihen – zum Glück hat man so was noch nicht an mich herangetragen.”

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Ganze 95 Bergleute sind derzeit noch unter Tage tätig – die meisten erledigen Verfüllungsaufgaben. Der Rest arbeitet einer rheinischen Abrißfirma namens „Westschrott“ zu: „Diesen Namen muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen“, rät Gerd Jütemann, der sich vom Betriebsratsvorsitzenden zum Bonner PDS-Abgeordneten wegwählen ließ. Bis zum Auslaufen der Beschäftigungsgarantie Ende 1995 sollten 700 bis 1.000 neue Arbeitsplätze entstehen, versprach damals die Landesregierung – auf dem zu einem „Industrie- und Gewerbepark“ erklärten und zu großen Teilen planierten Kaliwerk „Thomas Müntzer“. Bis jetzt hat sich dort jedoch noch kein Fremdinvestor niedergelassen. Es gibt dennoch 115 Festangestellte. Sie sind zumeist bei Kleinbetrieben aus der Umgebung untergekommen, die es wegen der 90prozentigen „Maximalförderung“ auf das Gelände zog.

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Über Tage, das heißt vor allem beim Bau der Autobahn zwischen Nordhausen und Halle, erhofft sich die in Bischofferode tätige Entwicklungsgesellschaft Südharz-Kyffhäuser (ESK) neue Arbeitsplätze für die Bergleute. In der mit 23 Millionen Mark ausgestatteten ESK ist auch der einstige Betriebsrat Heiner Brodhun leitend angestellt. Er darf jedoch nichts sagen. Dafür ist der von der Treuhandanstalt übergewechselte Geschäftsführer Werner Dietrich zuständig.

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Dietrich ist – ähnlich wie der größte Bischofferoder Arbeitgeber, Speditionsunternehmer Kielholz, – vor allem enttäuscht vom mangelnden unternehmerischen Elan der Kalikumpel selbst: „Wir hatten mit mehr Ausgründungen gerechnet. Aber die Bergarbeiter waren privilegiert.“ Das sehen auch viele Eichsfelder drumherum so. Christine Haas wird noch heute bisweilen in der Gemeinde für ihr damaliges Engagement kritisiert: „Die Bauern sagen, den Bergleuten ging es immer besser als allen anderen. Erst wenn das alles
vorbei ist, sind wir wieder alle gleich.“

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Ganz entgegengesetzt sieht Kanzleramtsminister Friedrich Bohl (CDU) gerade im Aktivismus der Bischofferoder Bergleute die eigentliche Ursache für das bisherige Ausbleiben aller segensreichen Geldströme. Die Entwicklungsgesellschaft versucht dessen ungeachtet auch weiterhin, neue Firmen zur Ansiedlung zu bewegen. 1995 gab es in Nordthüringen 50.000 Arbeitslose. Davon waren 20.000 in AB-Maßnahmen oder Umschulung. Die Arbeit der ESK ist erst dann beendet, wenn es in dieser Region keine Arbeitslosen mehr gibt: „Und das kann dauern“, meint ihr Chefentwickler Dietrich. Sein Arbeitsplatz ist also erst mal sicher.

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Am 22.7. 2003:

Zehn Jahre Bischofferode-Niederlage: „Die Arbeitslosigkeit geht durchs Land als ein neues Regime der Furcht, das keine Stasi braucht, um die Menschen einzuschüchtern“, schrieb Heiner Müller. Doch die Kalibergarbeiter in Bischofferode (Thüringen) kämpften dann vor mittlerweile zehn Jahren gegen die Schließung ihrer Grube gerade aus Furcht vor Arbeitslosigkeit – und „es wurde der härteste Arbeitskampf, den das Land je erlebt hat“, daraus, wie das Wochenmagazin Freitag schreibt.

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Er gipfelte schließlich in einem Hungerstreik, einem Besuch beim Papst und einem Marsch nach Berlin vor die Treuhandanstalt. Die mitkämpfende evangelische Pastorin Haas – von Günter Grass in seinem Treuhand-Roman „Ein weites Feld“ als Vikar Konrad verewigt – resümierte 1994: „Während der ganzen Auseinandersetzungen, so anstrengend sie waren, ging es fast allen gut, danach fiel alles auseinander. Viele wurden krank, vier starben sogar.“ Zuletzt wurden alle 700 Kumpel bis auf 70, die man (bis heute) mit Verfüllungsaufgaben beschäftigte, entlassen, die Grube wurde geschlossen. Zuvor hatte der für den Kalibereich verantwortliche Treuhand-Manager Klaus Schucht im Spiegel erklärt: Der Bischofferöder Kampf hat „eine gewaltige Wirkung auch auf Betriebe im Westen“. Wenn man den nicht bricht, „wie will man dann noch Veränderungen bei den Arbeitsplätzen durchsetzen?!“

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Zum Brechen wurden nicht nur Zivilpolizisten als Provokateure eingesetzt und die völlig korrupten Führer der Gewerkschaften IG Bergbau und Energie sowie IG Chemie mobilisiert, es kamen auch Politiker aller Couleur nach Bischofferode, die völlig haltlos und verlogen „große Investitionen“, „neue Arbeitsplätze“ usw. versprachen. Und es rückten westdeutsche Dumpfjournalisten en masse an, die hernach – wie z. B. Henryk M. Broder – schrieben: Man hätte den Kalikumpeln sagen müssen, dass es „für eine Arbeit, bei der Produkte hergestellt werden, die niemand kaufen will, kein Naturrecht gibt“.

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In Wahrheit verhielt es sich genau andersrum – wie dann Gregor Gysi im Neuen Deutschland als Einziger richtig stellte: Das Bischofferöder Kali war von der Art, dass kanadische Fabriken daraus mit einem billigeren als dem bei der BASF Kali&Salz AG üblichen Verfahren Dünger herstellen konnten – und wollten. Letztere hatten jedoch die ostdeutschen Gruben von der Treuhand zugeschanzt bekommen – um sie sogleich zu schließen und sich damit einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, wozu sie auch noch einen „Verlustausgleich“ in Höhe von 1,04 Milliarden Mark einstrichen.

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Auf diesen Umstand hatte auch schon – im April 1993 – der Kalikartell-Experte der Bremer Universität, Peter Arnold, in einem Flugblatt hingewiesen, das er in Bischofferode verteilte. Mit der Spätschicht gelangte es unter Tage, wo es quasi sofort den Arbeitskampf auslöste, der Ende 1993 endete.

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Im Übrigen hatte bereits der Ministerialdirektor Dr. Friedrich Ernst in seinem 1961 fertig gestellten Katalog für „wirtschaftliche Sofortmaßnahmen bei der Wiedervereinigung“, der 1989 der Treuhandanstalt als „Masterplan“ diente, empfohlen, alle DDR-Kaligruben zu schließen, da sich sonst „Überkapazitäten für Gesamtdeutschland“ ergeben würden. Der einst unter Göring für die Ausplünderung der Sowjetunion verantwortlich gewesene Jurist hatte also bereits 1959 Bischofferode zur Abwicklung vorgesehen.

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Als es dann nach 1989 endlich so weit war, geriet die Niederschlagung des dortigen Arbeitskampfs durch die westdeutsche Politik, die dabei zwischen verlogenen Versprechungen und dumpfen Drohungen pendelte, zur Ouvertüre ihres neuen ökonomischen Kurses. Dabei spielten auch die westdeutschen 68er, die inzwischen an ostdeutsche Universitäten gewechselt waren, noch einmal eine Rolle, wie der Leipziger Transformationsforscher Peer Pasternack 1993 in Berlin ausführte: Mit „Bischofferode im Rücken“ akquirierten sie z. B. erfolgreich „Drittmittel“ für die „Politikberatung“, wobei es u. a. um „Aufruhrprävention bei Betriebsschließungen“ ging.

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Am Ende des verlorenen Arbeitskampfes erwarben die Eichsfelder Kumpel mit ihren Soligeldern (allein 500.000 Mark waren über den Verkauf ihrer „Bischofferode ist überall“-T-Shirts reingekommen) die überflüssig gewordene Poliklinik der Kaligrube „Thomas Müntzer“ und bauten sie mit ABM-Geldern zu ihrem Vereinsheim aus.

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Der streikführende Betriebsratsvorsitzende Gerhard Jütemann ging derweil für die PDS in den Bundestag. 2002 zog er sich jedoch aus der Politik zurück, um sich fortan wieder auf Bischofferode zu konzentrieren, wo er jetzt Tauben züchtet. Einige andere Mitkämpfer züchten Pferde bzw. Rinder.

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Und dann muß man auch noch erwähnen, was der Betriebsrat der Kalikumpel in Bischofferode quasi am Schluss ihres Widerstands gegen die Schließung der Grube meinte: „Es sieht nicht gut aus. Das ist hier ein so genanntes Drama!“

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Am 12.10.2011:

…Erscheint ein neues Buch von Volker Braun. Schon sein letztes (Schicht-)Buch “Machwerk” hat mich begeistert. Es geht darin um die Arbeitsbeschaffungsmaßahmen (ABM/MAE) für den Havariemeister Flick aus Lauchhammer und seinen arbeitslosen jungen Enkel Ludwig, einem Heavy-Metall-Fan. Trotz der Verarschung durch das Arbeitsamt  (Ein-Euro-Jobs) kommen die beiden guten rum: von dem sich vergeblich gegen seine Abbaggerung wehrenden Dorf Horno in der Lausitz über die  “glücklichen Arbeitslosen” in der Volksbühne bis zur polnischen Erntebrigade in der Toscana: 48 “Schwänke” insgesamt – bis der alte Havariemeister schlußendlich in die Grube fährt (“mit ihm ist eine Zeit zuendegegangen”) – und ein anderer “Experte ‘ganz ruhig’ die Arbeitsagentur Nord” betritt und den “Tisch der Sachbearbeiterin mit einem 5-Liter-Kanister Spiritus in Brand setzt. Die erleidet daraufhin einen Schock; aber auf dieses Mittel setzt Verf. nicht,” wie Volker Braun abschließend bemerkt.

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Bevor er Philosophie studierte, arbeitete er im Bergbau. Zuletzt war er in dem Aufsatzband “Kaltland” – über die Ausländerfeindlichkeit in der DDR und danach – mit zwei kurzen Beiträgen vertreten. Der eine handelt von der Vertreibung afrikanischer Asylbewerber aus Hoyerswerda durch Rechtsradikale: “hasskalte Fressen…Ich gehörte noch zu ihnen.” Auch in seinem zweiten Text spricht der Autor noch von “Wir”. Darin geht es um Asylbewerber, die in “unserem 400 Seelen Ort mit Bahnanschluß” untergebracht wurden, aber nicht bleiben wollen.

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Und nun eine Erzählung mit dem an die verlorenen Bauernkriege gemahnenden Titel: “Die hellen Haufen”. Es geht darin vornehmlich um die Bischofferöder Kalikumpel, die sich 1993 vergeblich mit einem Hungerstreik gegen die Schließung ihrer profitablen Grube “Thomas Müntzer” wehrten. Die ebenfalls in Brauns neuem Roman vorkommende Pastorin Haas, die sich an den Aktionen der Bergleute beteiligte, meinte 1995 mir gegenüber: “Während der Auseinandersetzungen, so anstrengend sie waren, ging es fast allen gut. Danach fiel alles auseinander. Viele wurden krank, vier starben sogar.” Traurig sei auch,  “daß jetzt nach der Niederlage so viel rückwärtsgewandtes Zeug im Eichsfeld passiert: Schützenvereinsgründungen, Traditionsumzüge und sogar Fahnenweihen…”

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Die jungblonden Rezensenten der westdeutschen Intelligenzpresse haben Volker Braun nun übel genommen, dass er die Bischofferöder nicht aufgeben läßt. Ihren Protesten  schließen sich sogar noch andere von Privatisierung und Arbeitslosigkeit bedrohte Belegschaften an – u.a. die  Leuna- und Orwo-Arbeiter. Das Ganze nimmt immer bedrohlichere Ausmaße an.

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Das hatte es auch schon, als die Bischofferöder 1993 tatsächlich massenhaft Unterstützung fanden, u.a. von westdeutschen Bergarbeitern. Ihre “Bischofferode ist überall!”-T-Shirts gingen weg wie warme Semmeln. Der in der Treuhandanstalt für die Gruben-Schließung verantwortliche Manager Schucht erklärte im Spiegel: Der Hungerstreik in Bischofferode habe “eine gewaltige Wirkung auch auf die Betriebe im Westen”. Wenn man den nicht breche, “wie will man dann in Deutschland noch Veränderungen bei den Arbeitsplätzen durchsetzen?” Als die Bischofferöder vor Schuchts Treuhandbüro in Berlin demonstrierten, mischte die Polizei Provokateure unter die Menge.

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Der Dichter gibt zu, “die Geschichte, ginge sie ordentlich fort, erzählte Beschäftigungsmaßnahmen. Fortbildungen; Unnütze, damit ihr/unnütz bleibt, werden wir euch/umschulen.” Das aber will er diesmal nicht. Nun geht es ihm um das “Nichtgeschehene” (1994f) – um es “auszumalen braucht es Geduld und Genauigkeit.” Daraus resultiert, dass alle Personen und Orte (nur unwesentlich verquatscht) vollkommen real sind und es auch bleiben. Seine  nichtgeschehene Geschichte läuft darauf hinaus, dass sie, die die ganze Zeit “Keine Gewalt!” riefen, “begriffen, daß ihnen Gewalt geschah”: Es wurde dann sogar auf sie geschossen, die Einsatzkräfte setzten Hubschrauber ein, deren Rotoren die Menge “wie ein kochender Teig auf der Herdplatte wegschabte”.

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Wir bekommen es bei dieser Erzählung erneut mit der problematischen Balance (?) zwischen  Literatur und Leben zu tun. Volker Braun schreibt abschließend: “Die Geschichte hat sich nicht ereignet. Sie ist nur, sehr verkürzt und unbeschönigt, aufgeschrieben. Es war hart zu denken, daß sie erfunden ist; nur etwas wäre ebenso schlimm gewesen: wenn sie stattgefunden hätte.”

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Ebensowenig wie er sich wünscht, dass die Arbeitsämter abgefackelt werden, möchte er, dass nötig oder unnötig Blut vergossen wird – in Wirklichkeit. Die Alternative dazu wäre – wie bereits  von ihm verworfen: nur zu erzählen, was wirklich geschah.

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Und am 22.1.2012 „Bischofferode war überall“:

Rechts neben dem Eingang zum Kaliwerk stand 1996, als ich drei Jahre nach Schließung der Grube wieder einmal dort war, noch die Büste Thomas Müntzers, mit dem eingemeißelten Spruch „Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Mann“. Dies sei leider zu wörtlich genommen worden, erklärte der letzte Betriebsratsvorsitzende Walter Ertmer mir: „Die allergemeinsten haben jetzt die Macht!“ Er dachte dabei an all jene Politiker, Staatsbeamte und Konzernmanager, von deren Versprechungen und Bemühungen die zuletzt noch rund 500 Kali-Bergarbeiter abhängig waren: „Es sieht schlecht aus; das ist hier ein sogenanntes Drama!“ fügte Ertmer damals hinzu. Darauf deutete auch bereits das große Schild links neben dem Werkseingang hin: „Westschrott“ – so hieß ausgerechnet die Firma aus dem Ruhrgebiet, die den Auftrag bekam, die Übertage-Betriebsteile in Bischofferode abzureißen. ‚,Westschrott, diesen Namen muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen,“ meinte Gerd Jütemann, der seit seiner Wahl zum PDS -Bundestagsabgeordneten nur noch stellvertretender Betriebsratsvorsitzender war. „Dabei war unsere Technik immerhin noch so gut, daß sie die Untertage-Großgeräte, wie Bohrwagen und Brecher- sowie Bandsteuerungs-Anlagen, gleich in den Westen geschafft haben, auch komplette Absetzer haben sie demontiert. Und jetzt wollen sie sogar von den Westgruben aus das Thüringer Kali abbauen.“

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Das Drama von Bischofferode begann mit dem sogenannten „Fusionsvertrag“ der Treuhandanstalt, in dem der westdeutschen BASF-Tochtergesellschaft ‚,Kali&Salz“, Kassel, 1992 ihre Monopolstellung durch Schließung sämtlicher ostdeutscher Kaligruben, bis auf eine in Unterbreizbach, zugesichert wurde, zusammen mit einem Verlustausgleich von 1,044 Milliarden DM.

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Bereits im April 1992 warnte der Kali-Experte der Bremer Universität, Peter Arnold, auf einer Betriebsrätekonferenz in Rostock vor dem Einfluß der Kassler Kalimanager in der MDK, d.h. in der „Mitteldeutschen Kali AG“, Sondershausen. Der auf der Rostocker Tagung anwesende Vizepräsident des Bundes Deutscher Industrieller, Tyll Necker, unterbrach ihn: „Bei Kali gibt es keine Marktwirtschaft – Ende der Durchsage!“ In einem Gutachten für die thüringische Landesregierung führte Arnold dann aus, daß der spezielle Kali aus Bischofferode, der zu 90% exportiert werde, insbesondere für die Düngemittelhersteller aus Finnland und Frankreich wichtig sei, wo man nach dem Mannheimer-Verfahren produziere. Die mit dem sogenannten Kieserit-Verfahren arbeitende BASF würde durch die Schließung der Bischofferöder Grube einen enormen Wettbewerbsvorteil gewinnen.

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Anfang April 1993 faßte Peter Arnold seine Analyse in einem Flugblatt zusammen, das er vor dem Werkstor in Bischofferode verteilte. Mit der Spätschicht gelangte dann das Schriftstück auch Untertage, wo es quasi sofort einen Arbeitskampf auslöste. Dieser eskalierte in einer Werksbesetzung und einem mehrmonatigen Hungerstreik, an dem sich auch Pfarrer und Bürgerrechtler aus anderen Städten beteiligten. Gleichzeitig fuhren die Kalikumpel mit den inzwischen privatisierten Buslinien, die sie vordem täglich zur Arbeit gebracht hatten, zum Kanzler nach Bonn, zur Treuhand nach Berlin und zur Landesregierung nach Erfurt, um dort gegen die Schließung zu protestieren.

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„Bischofferode ist überall“, hieß ihre Parole. In Berlin und Erfurt mischte die Polizei Provokateure in Zivil unter die Demonstranten aus dem Eichsfeld. Der zuständige Treuhand-Manager Schucht erklärte dem Spiegel: Der Hungerstreik in Bischofferode „hat eine gewaltige Wirkung auch auf die Betriebe im Westen“. Wenn man den nicht bricht, „wie will man dann in Deutschland noch Veränderungen bei den Arbeitsplätzen durchsetzen?“ Täglich fanden sich bis zu 500 Sympathisanten von überall her in Bischofferode ein, vor allem Bergleute von der Ruhr, die sich dafür krank schreiben ließen oder Urlaub nahmen. Spenden von fast einer Million DM gingen ein. Von der PDS kam juristische und publizistische Unterstützung, was den Kanzleramtsminister Bohl zu der Bemerkung veranlaßte: Das sind „Verbrecher“. Im August 1993 baten die mehrheitlich in der CDU organisierten katholischen Betriebsräte des Kaliwerks den Papst um eine Audienz, die ihnen auch gewährt wurde. Sechs Arbeiter fuhren daraufhin zusammen mit der evangelischen Pastorin Haas und dem katholischen Dechant Klapproth nach Rom und übergaben Johannes Paul II. eine Bittschrift: „Voll Vertrauen in Ihr Verständnis für die Menschen, die in Abhängigkeit von den Mächtigen in Wirtschaft und Politik leben, kommen wir zu Ihnen. Überall in der Welt haben Sie sich zum Fürsprecher der Ratlosen und Ausgelieferten gemacht. Das ermutigt uns, Ihnen auch unsere Not zu klagen. Wir sind Bergleute, die in der 4. Generation Kalisalz aus der Erde bringen. Jetzt droht unserer Grube das Ende und uns die Arbeitslosigkeit – nicht weil die Vorkommen abgebaut wären, oder weil es keine Abnehmer unseres Produkts mehr gäbe, sondern weil der große Konzern BASF uns als Konkurrenten ausschalten will. Es kennzeichnet die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in unserem wiedervereinigten Land, daß dieser mächtige westdeutsche Konzern sich dabei der Regierung und der von ihr eingesetzten und geleiteten Treuhandanstalt bedient, um uns als ostdeutschen Kalibetrieb zu schließen – den letzten Großbetrieb in unserer Region. Diese Ungerechtigkeit empört uns und viele in unserem Land zutiefst… Wir sehen in der biblischen Geschichte von David und Goliath eine Entsprechung zu unserem Kampf.“

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Der Kampf endete am 31. 12. 1993 mit der Annahme des „Fusionsvertrags“ und der Unterzeichnung einer zweijährigen Arbeitsplatzgarantie, die der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Handel Banken und Versicherungen, Ramelow, im Auftrag des Betriebsrates ausgehandelt hatte. Eigentlich wäre dies Aufgabe der IG Bergbau und Energie gewesen, aber die hatte auf dem Höhepunkt des Kampfes der Kalikumpel sogar eine Gegendemonstration in Kassel organisiert, auf der die Schließung der Grube im Eichsfeld gefordert wurde. „Die Bischofferöder sind leider aus der Solidarität ausgeschert,“ hatte dazu der IGBE-Vorsitzende Hans Berger erklärt (einige Jahre später sagte er Ähnliches zu den Bewohnern des Lausitzdorfes Horno, die sich weigerten, der Abbaggerung ihres Ortes durch den Braunkohlekonzern Vattenfall zuzustimmen). Obwohl der Bochumer Gewerkschafts-Multifunktionär 1995 die Ersatzarbeitsplatzbeschaffung für die Bischofferöder zur „Chefsache“ erklärte, konnte von einer Unterstützung durch seine Gewerkschaft keine Rede sein: So bekam z.B. der 1993 wütend aus der IGBE ausgetretene Schlosser Helmut Beier eine Kündigung von der dem Finanzminister unterstellten Gesellschaft zur Verwahrung und Verwertung stillgelegter Bergwerke (GVV), die das Kaliwerk in Abwicklung verwaltete und seinen Umbau in einen „Industrie- und Gewerbepark“ vorbereiten sollte. Wegen einer Kündigungsschutzklage wollte Beier rückwirkend wieder in die IGBE eintreten. Dies wurde ihm aber nicht gestattet, woraufhin erneut die Gewerkschaft HBV einsprang.

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Ab 1996 beschäftigte die GVV von den bis dahin 500 Kalikumpeln nur noch 146 weiter, die meisten Untertage, wo sie die Verfüllung bestimmter Schächte vornahmen. Die restlichen 350 Mitarbeiter sollten bis Ende 1996 in neuangesiedelten Drittfirmen unterkommen. Etwa 200 von ihnen befanden sich noch bis zum Jahresende in Umschulungen, ihre Praktika in Fremdfirmen der Umgebung bezahlte die GVV. Die Landesregierung bekräftigte gleichzeitig ihre Zusage, alle bis dahin nicht in Daueranstellungen untergekommenen Bergarbeiter weiter zu beschäftigen: mindestens bis Ende 1997 – über die Arbeitsämter nach § 249 h des Arbeitsförderungsgesetzes. Auf einer Veranstaltung mit dem thüringischen Wirtschaftsminister Schuster im Mai 95 hatte dieser jedoch auch schon Einschränkungen gemacht: die angebotenen Arbeitsplätze dürften nicht wegen Unzumutbarkeit ausgeschlagen werden, auch könne man dabei nicht in jedem Fall auf einer bestimmten Lohnhöhe bestehen. Gerd Jütemann kommentierte das Ministerangebot an Ort und Stelle: „Die Leute sind um ihre Arbeitsplätze betrogen worden und jetzt werden sie noch einmal bestraft.“

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Für die Umwandlungskonzeption zur Ansiedlung neuer Firmen war die ,,Entwicklungsgesellschaft Südharz/Kyffhäuser“ (ESK) in Worbis zuständig. Sie wurde von einem Treuhand-Manager, dem ehemaligen CDU-Landrat und dem Ende 1993 ausgeschiedenen Betriebsratsvorsitzenden des Kaliwerks Heiner Brodhun, geleitet. Die Akquisition neuer Investoren oblag der Landesentwicklungsgesellsehaft und der Wirtschaftsförderung Thüringens. Es meldeten sich jedoch fast nur unseriöse Projektemacher. Dafür gab es in der ersten Zeit mehr als 40 Ausgründungs-Ideen in der Belegschaft selbst, übrig blieben davon nur ein Management-Buy-Out im Stahlbau, mit 15 Beschäftigten und ein Transport- und Abriß-MBO mit 7 Arbeitsplätzen, bei dem der Betriebsrat Lothar Wedekind einer der Geschäftsführer wurde. Außerdem übernahm der alte Bischofferöder Kohlenhändler Kielholz die Übertage-KFZ-Werkstatt für sein neues Speditionsunternehmen, darüberhinaus beteiligte er sich noch bei einer auf dem Werksgelände ansässig gewordenen Fahrzeugbau-Firma, die 12 Leute beschäftigte, als Gesellschafter. Sein Neffe, der einen Sanitär-Betrieb gegründet hatte, siedelte sich ebenfalls auf dem Gelände des Kaliwerks an. Hinzu kam noch eine kleine Werkstatt, in der Steintröge hergestellt wurden. Das ehemalige Kulturhaus des Kaliwerks, sowie die Gaststätte samt Kegelbahn übernahm eine Speditionsinhaberin aus dem Ort, deren Mann im Kaliwerk arbeitete. Die ehemalige Poliklinik inklusive Sauna kaufte der Betriebsrat, als „Kali-Verein e.V.“ – mit dem Rest der Solidaritätsspenden. Dort wollte man zum einen die Bergwerks-Tradition pflegen und zum anderen den Zusammenhalt der Kalikumpel auch nach der vollständigen Zerstreuung von Belegschaft und Betriebsrat aufrechterhalten.

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Unterdes zogen viele jüngere bereits nach Westdeutschland. Während der Kanzleramtsminister, Bohl, die Radikalität der Kalikumpel für die eigentliche Ursache des Fernbleibens der Investoren hielt, war der ESK- Geschäftsführer, Werner Dietrich, dem für seine Planungsaufgaben 22,9 Millionen DM aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe Ost zur Verfügung standen, eher enttäuscht vom unternehmerischen Elan der Kalikumpel selbst. „Wir hatten mit mehr Ausgründungen gerechnet. Aber die Bergarbeiter waren sehr privilegiert, die wurden mit Bussen von zu Hause abgeholt und nach der Arbeit wieder dort hingebracht und brauchten sich um nichts zu kümmern.“

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Weil die Region Nordthüringen damals ohnehin schon eine Arbeitslosenquote von 25 % hatte (30 000 als arbeitslos gemeldete und 20 000 in ABM bzw. Umschulung), erhoffte er sich einen größeren Beschäftigungsschub vor allem durch den geplanten Autobahnbau zwischen Halle und Fulda. Ansonsten sah er die Aufgabe der ESK erst dann beendet, wenn es keine Arbeitslosen im Eichsfeld mehr gäbe: „Und das wird dauern!“

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Anfang Januar 1997 verschickte der MdB Gerd Jütemann eine wütende „Pressemitteilung“, in der er darüber informierte, daß die Bischofferöder Beschäftigungsgesellschaft, in der die Kalikumpel bis zu den von der Landesregierung versprochenen „Ersatzarbeitsplätzen“ aufgefangen werden sollten, schon wieder 71 Arbeitsplätze gestrichen hatte. Der Betriebsratsvorsitzende Walter Ertmer war inzwischen nicht mehr freigestellt, weil seine Belegschaft bereits auf unter 300 „abgespeckt“ worden war. Ich fragte ihn 1996, wen Günter Grass in seinem Roman „Ein weites Feld“ mit dem „Vikar Konrad bei den Kalikumpeln in Bischofferode“, der ihm nie ganz aus den Sinn gegangen sei, gemeint haben könnte. ,,Damit kann er eigentlich nur Christine Haas gemeint haben“.

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Die evangelische Pastorin aus Großbodungen, die auch die protestantische Minderheit in Bischofferode seelsorgerisch betreut, gehörte 1993 zu den engagiertesten Unterstützern des Kampfes der Kalikumpel. Dafür wurde sie noch lange danach gelegentlich in ihrer Gemeinde kritisiert: „Die Bauern sagen, den Bergleuten ging es besser als allen anderen und dann hat sich auch noch die ganze Welt um sie gekümmert. Erst wenn das alles vorbei ist, hört hier die Zweiklassengesellschaft auf, dann sind wir wieder alle gleich.“

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Inzwischen hat die christliche Bürgerrechtlerin Haas erkannt, daß sie damals nicht nur gegen Treuhand und BASF kämpften, sondern auch gegen die Müll-Mafia, die an neuen Untertage-Deponien interessiert ist. Dagegen entstanden dann mehrere Bürgerinitiativen im Eichsfeld. Der Bischofferöder Betriebsrat hielt sich hierbei aus Gründen der Arbeitsplatz-Schaffung jedoch eher zurück. Bei einem dann abgeschmetterten Plan einer Gießener Firma, oberhalb der Kaligrube am Ohmberg den Kalkstein abzubauen, wobei 15 Bergarbeiter Arbeit gefunden hätten, geriet die Pastorin sogar mit einigen Kalikumpeln aneinander: „Es ist aber auch eine schwierige und deprimierende Situation jetzt“, sagte sie, „in den Kämpfen kam so etwas wie eine Ganzheitlichkeit zustande, das ist danach alles wieder auseinandergefallen“.

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„Die Arbeitslosigkeit geht durchs Land als ein neues Regime der Furcht, das keine Stasi braucht, um die Menschen einzuschüchtern“, schrieb Heiner Müller. Doch die Kalibergarbeiter in Bischofferode (Thüringen) kämpften dann so ausdauernd gegen die Schließung ihrer Grube gerade aus Furcht vor Arbeitslosigkeit – und „es wurde der härteste Arbeitskampf, den das Land je erlebt hat“, daraus, wie das Wochenmagazin Freitag 2003 rückblickend schrieb.

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Zum Brechen wurden nicht nur Zivilpolizisten als Provokateure eingesetzt und die völlig korrupten Führer der Gewerkschaften IG Bergbau und Energie sowie IG Chemie mobilisiert, es kamen auch Politiker aller Couleur nach Bischofferode, die völlig haltlos und verlogen „große Investitionen“, „neue Arbeitsplätze“ usw. versprachen. Und es rückten westdeutsche Dumpfjournalisten en masse an, die hernach – wie z. B. Henryk M. Broder – schrieben: Man hätte den Kalikumpeln sagen müssen, dass es „für eine Arbeit, bei der Produkte hergestellt werden, die niemand kaufen will, kein Naturrecht gibt“.

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Nein, aber man hätte den Kalikumpeln vielleicht den Wiedervereinigungsplan von Doktor Friedrich Ernst aus dem Jahr 1959 zeigen sollen. Der Ministerialdirektor a.D. Dr. Friedrich Ernst starb 1960, kurz vor Fertigstellung seines „Plans“. 1919-31 arbeitete der Jurist im preußischen Handelsministerium. Anschließend wurde er Reichskommissar für das Bankgewerbe. 1935 ernannte ihn der Führer zum Reichskommissar für das deutsche Kreditwesen. 1939-41 war er für die Verwaltung des „feindlichen Vermögens“ verantwortlich, dazu arbeitete er die „Richtlinien“ zur Wirtschaftsführung in den „neubesetzten Ostgebieten“ aus. Diese Instruktionen – Hermann Görings berühmte „Grüne Mappe“ – waren dann Grundlage für die Tätigkeit des „Wirtschaftsstabes Ost“: das Drehbuch für die Ausplünderung der Sowjetunion.

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Dr. Ernst nahm daran nicht mehr aktiv teil, er wurde 1941 Teilhaber einer Hamburger Bank. 1949 holte man ihn erneut in ein öffentliches Amt. Bis 1957 half er, das Wirtschaftswunder anzukurbeln: erst als Verwaltungsratsvorsitzender der Berliner Zentralbank, seit 1951 auch noch als Leiter des Kabinettsausschusses für Wirtschaft – damit war er der Vordenker in Adenauers „Wirtschaftsnebenregierung“. 1952 wurde er überdies Vorsitzender des „Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands“. Es ging um eine detaillierte Zusammenstellung „der bei der Wiedervereinigung voraussichtlich erforderlichen Sofortmaßnahmen“. Die Arbeit gipfelte in einer „Empfehlung zur Einfügung der ,volkseigenen‘ Industriebetriebe der SBZ in die nach der Wiedervereinigung zu schaffende im Grundsatz marktwirtschaftliche Ordnung“. Einen Monat nach dem Tod von Dr. Ernst wurde die Empfehlung abgeschlossen. Im Einzelnen wurde darin u.a. vorgeschlagen: 1. die VEB als potentiell selbständige Unternehmen zu „modifizieren“, 2. von diesen „modifizierten VEB“ eine DM- „Eröffnungsbilanz zu verlangen, und 3. mit dem Übergang eine „Obere Behörde“ (Treuhandanstalt) zu betreuen. Diese obere Behörde sollte Aufsichtsräte einsetzen und die „modifizierten VEB“ gemäß marktwirtschaftlicher Einschätzungen teilen oder mit anderen vereinen können. Mit Staatsmitteln errichtete Werke sollten von der oberen Behörde verkauft werden. Für die LPG sah die Empfehlung vor, sie nach einer Phase als „Übergangsgemeinschaften“ aufzulösen. Als Prinzip galt: Rückgabe vor Entschädigung. Dabei würde es zu Arbeitslosigkeit kommen, deswegen wurde empfohlen, gleichzeitig Vorsorge für einen reibungslosen Übergang von landwirtschaftlicher zu anderer Beschäftigung zu treffen (Massen-Umschulung und -ABM). Auch die „Altschulden“-Frage wurde vom Forschungsbeirat bündig geregelt, sowie die Währungsumstellung auf 1:1 – mit Einschränkungen. Außerdem war man bereits 1960 davon ausgegangen: Es gibt jetzt schon in der „sowjetisch besetzten Zone bei Kali Kapazitäten, die im Falle der Wiedervereinigung eine Ausweitung nicht erfordern“, da sich „Überkapazitäten für Gesamtdeutschland ergeben würden“. Dr. Ernst hatte also bereits damals „Bischofferode“ fest im Blick: Unglaublich!

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Sein Nachfolger Dr. Gradl erinnerte 1965 die interessierte Öffentlichkeit noch einmal daran: Wir müssen auf die Wiedervereinigung vorbereitet sein, „wie wenn sie morgen geschähe. Hierzu im wirtschaftlichen und im sozialen Bereich beizutragen ist der Sinn des Forschungsbeirates“ – und des Wirkens von Friedrich Ernst gewesen. Dessen praktische Wiedervereinigungs-Empfehlungen waren 1960 bereits so ausgereift, daß sie noch dreißig Jahre später als „Masterplan“ der Treuhand-Privatisierungspolitik taugten. Detlev Rohwedder wollte diesen Masterplan 1991 modifizieren – vielleicht wurde er deswegen umgebracht. Als Nachfolger griff man sich dann erneut jemanden aus einem Hamburger Bankhaus.

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Dem letzten DDR-Botschafter in Jugoslawien, Ralph Hartmann, gebührt der Verdienst, die Ernstsche „Urfassung“ wiederentdeckt zu haben. Vgl. dazu sein Buch „Die Liquidatoren“ (Verlag Neues Leben, Berlin 1997).

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Über das Kaliwerk in Unterbreizbach, dass als einziges erhalten bleiben sollte, schreibt sein Besitzer „Kali + Salz“:

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Der Standort Unterbreizbach ist einer von vier Standorten, die seit 1997 das Verbundwerk Werra bilden. Die untertägige geografische Ausdehnung der Standorte Hattorf, Wintershall, Unterbreizbach und des Besucherbergwerkes Merkers ist mit dem Stadtgebiet von München vergleichbar. Der Standort Unterbreizbach befindet sich in Thüringen an der Grenze zu Hessen.

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Das Werk Unterbreizbach ist mit seinen rund 830 Beschäftigten, darunter etwa 26 Auszubildende, einer der wichtigsten regionalen Arbeitgeber. Die Kaliproduktion bringt eine stabile Wertschöpfung in die Region. Als Partner der Region vergibt das Werk regelmäßig Aufträge für Zulieferungen und Dienstleistungen an Betriebe des Umlandes und bietet somit die wirtschaftliche Basis für eine Vielzahl von regionalen Arbeitsplätzen. Sein gesellschaftliches Engagement gilt sozialen Einrichtungen, Verbänden und Vereinen in der Region.“

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Am 2.12.2013:

Berichtete die Thüringer Allgemeine: Zwei Monate nach dem schweren Grubenunglück mit drei toten Bergleuten arbeiten damit nun alle der rund 850 Beschäftigten in unter und über Tage im regulären Schichtbetrieb. Zuletzt waren 550 Mitarbeiter in Kurzarbeit. Bereits seit Mitte November war in einem Teilbereich der Kali-Grube wieder Rohsalz gefördert worden.

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Am 1. Oktober hatte es nach einer Routinesprengung einen gewaltigen Kohlendioxid-Ausbruch gegeben, bei dem drei Bergmänner ums Leben kamen. Sie gehörten zu einem siebenköpfigen Voraustrupp, der nach den üblichen Sprengungen in der Tiefe zuerst die Grube und die dortige Luftkonzentration prüft. Diese Voraustrupps dürften nun bis auf weiteres erst nach den Sprengungen in die Grube, sagte . Aus dem Unglück sei zu lernen gewesen, dass mit weit stärkeren Gasausbrüchen zu rechnen sei als bislang angenommen.“

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Ab März 2014:

In diesem und dem folgenden Monat überschlug sich plötzlich die thüringische Presse und dann auch Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, FAZ, Tagesschau, MDR etc. – mit Berichten über den illegal ins Netz gestellten Kalifusionsvertrag. Und wieder ging es um Bischofferode und die Kalikumpel. Die Thüringer Allgemeine interviewte in ihrem Artikel über „Die Tragödie von Bischofferode“ sogar einen der damals Hungerstreikenden: „Willibald Nebel: Unser Arbeitskampf von damals schlägt ja momentan wieder ordentlich Wellen.“

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Die FAZ spricht von einem „politischen Krimi“, zwei Wochen zuvor hatte sie gemeldet:

Kali-Preissturz kostet K+S Gewinn: Beim Düngemittelproduzenten K+S hat der Kali-Preisrutsch nach der Auflösung eines Exportbündnisses in Russland zu einem Gewinnrückgang geführt. Der bereinigte Gewinn sackte 2013 um knapp ein Drittel auf 435 Millionen Euro ab. Der Umsatz blieb mit 3,95 Milliarden Euro im Jahresvergleich stabil. Beim operativen Ergebnis vor Zinsen, Steuern und vor Bewertungsveränderungen sorgten gesunkene Preise bei Kali- und Magnesiumprodukten für einen Rückgang um 18 Prozent auf 656 Millionen Euro. Das Unternehmen will die Dividende deutlich kürzen – von 1,40 auf 0,25 Euro je Aktie für 2013.

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Ähnlich dann auch die taz:

K+S ist der einzige Rohstoffhändler im Deutschen Aktien-Index (DAX). Die Firma mit Standorten in Europa und Amerika ist einer der größten Hersteller von Düngemitteln und eigenen Angaben zufolge der führende Salzhersteller. Sie hat 14.000 Mitarbeiter. Der Aktienkurs ist im Sommer um 30 Prozent gesunken. Grund war die Angst der Anleger vor einem Preisabsturz bei Kali, nachdem der russische Kali-Produzent Uralkali mit seinem Austritt aus dem Kali-Exportverbund BPC ein Preiskartell zum Platzen brachte.

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Die Thüringer Allgemeine ließ den ehemaligen Bischofferöder Betriebsrat Bodo Ramelow als Fraktionschef Die Linke im Thüringer Landtag zu Wort kommen, der nun auf Aufklärung der Hintergründe und Folgen des Kalifusionsvertrags drängt. Witzigerweise darf man dazu jedoch nicht aus dem im Internet veröffentlichten Vertrag zitieren – weil man sonst angeblich eine Strafanzeige von K+S zu gegenwärtigen hat. Und alle Journalisten halten sich daran, obwohl jeder „Vernetzte“ sich den Vertrag „runterladen“ konnte und kann – völlig absurd! Der K+S-Pressesprecher teilte der SZ mit: Der Vertrag sei zwar „nach wie vor vertraulich“, aber das müsse nicht immer so bleiben.

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Daneben zitierte die SZ anstandshalber Volker Braun, der bei einer Aufführung seiner Erzählung „Die hellen Haufen“ im Theater Rudolstadt schon mal eine halbe Seite aus dem Vertrag öffentlich gemacht hatte. Der SZ sagte er nun – rückblickend: „Es war ein Feldzug, ein Krieg, bei dem die eine Seite handelte und die andere hat eben stillgehalten.“ Aber: „Nicht alles Unrecht bleibt für ewig verborgen!“ Die Aufregung jetzt „entstehe aus dem Unrecht, das bis heute geschieht, und wegen der Kosten, die bis heute entstehen, ohne ein Äquivalent an Gewinn.“

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Am selben Tag, den 1.April (sic) titelte die Thüringer Allgemeine: „Regierung täuscht Parlament – Der Kali-Geheimvertrag lag im Minister-Tresor – Umweltressort hatte 1998 Zugriff auf den Vertrag“. Die Zeit hatte sich zuvor gefragt: „Was, um Himmels willen, macht dieses Schriftstück so teuflisch?“ Die FAZ titelte: „Geld, Lügen und ein Geheimvertrag“. Die Junge Welt: „Sauerei der Treuhand“, der MDR: „Der Kali-Fusionsvertrag – eine tickende Zeitbombe“.

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Daneben ist aber auch das Kali selbst eine tickende Zeitbombe:

 

Kalisalze werden hauptsächlich zu Düngemitteln verarbeitet. Dabei gibt es je nach Wertstoff und Veredelungsverfahren unterschiedliche Qualitäten. Für gewöhnlich hat das in der Landwirtschaft eingesetzte Produkt eine Reinheit von etwa 93 Prozent KCl. Dieses wird als sogenannter 60er Kali als Dünger verwendet; darin ist der Kaliumanteil gleich groß wie in einem 60 Prozent K2O enthaltenden Düngemittel. Die größten ausländischen Kalisalzvorkommen finden sich in Russland, der Ukraine und Weissrussland, in Kanada und den USA sowie im chinesischen Lop Nor in der gleichnamigen Wüste. Auch aus dem Toten Meer werden von Israel und Jordanien bedeutende Kalisalzmengen gewonnen. Die früher und zum Teil heute noch ausbeutbaren Vorkommen in Deutschland liegen im Raum in Hessen, Thüringen und Niedersachsen, in der Altmark, im Raum Magdeburg-Halle, in Sachsen-Anhalt (Zielitz) sowie in Südbaden (seit den 70er Jahren stillgelegt), im Solling, Südharz (stillgelegt) und Dün und im Werra-Fulda-Bereich mit Werken in Heringen, Philippsthal und Unterbreizbach).

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Der Mineralstoff Kalium ist ein Hauptelement der Pflanzenernährung und verstärkt bei Pflanzen die Stoffwechselprozesse: Die Photosynthese wird intensiviert, die Umwandlung von Traubenzucker (Glucose) in Stärke und der Aufbau von Eiweiß beschleunigt. Dadurch wird das Wachstum der Pflanzen gefördert. “Das K+-Ion ist das wichtigste Ion im Stoffwechsel der Pflanze zur Erhöhung des osmotischen Druckes und Quellungszustandes. Eine ausreichende Kalidüngung bewirkt eine bessere Anpassung der Pflanze an Trockenheit und Frosthärte. Indirekt wird die Standfestigkeit der Pflanzen erhöht. Kalimangel führt zu „Welketracht“, Chlorosen an älteren Blättern sowie Nekrosen vom Blattrand aus (Randnekrose).“ (Wikipedia)

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Dieser Kunstdünger schafft jedoch – zusammen mit den anderen: Phosphor, Kalk und Stickstoff (Nitrat) – neue Probleme, die zunehmen. In der „nachhaltigen Landwirtschaft“ will man deswegen auf die Einbringung von Kali und Phosphor gänzlich verzichten, aber wer wirtschaftet schon „nachhaltig“ – im Gegenteil: Es wird immer kurzatmiger geackert.

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Besonders problematisch ist es beim Nitrat/Stickstoff: Weil wegen der Biogasanlagen und der Silagefütterung vermehrt Mais angebaut wird, bringen die Landwirte immer mehr Stickstoff in den Boden. In Deutschland beträgt der derzeitige Stickstoffüberschuß bereits 112 Kilogramm je Hektar. Der größte Teil davon stammt aus der Viehwirtschaft in Form von Gülle. Dieser Stickstoffüberschuß vergiftet das Grundwasser, läßt Seen und Flüsse „umkippen“ und kann u.U. über das Trinkwasser für Säuglinge sogar tödlich sein. „Eigentlich verkraftet der Planet jährlich nur 35 Millionen Tonnen Stickstoff – derzeit liegt der Eintrag jedoch schon bei 120 Millionen Tonnen, bis 2050 wird der Verbrauch an mineralischen Düngern noch einmal um 50 Prozent ansteigen,“ schreibt die SZ am 1.April.

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Nitrat läßt sich auch künstlich herstellen: „Das Haber-Bosch-Verfahren ist ein chemisches Verfahren zur Herstellung von Ammoniak aus den Elementen Stickstoff und Wasserstoff. Es ist nach seinen Entwicklern Fritz Haber und Carl Bosch benannt. Es ist das bedeutendste industrielle Verfahren zur Umwandlung des unreaktiven Luftstickstoffs in eine nutzbare Stickstoffverbindung. Ammoniak braucht man zur Herstellung von Kunstdünger, welcher die Voraussetzung für die Ernährung eines Großteils der Weltbevölkerung war und ist. Das Haber-Bosch-Verfahren ermöglichte es auch, bei der Herstellung von Sprengstoff ohne natürliche Salpetervorkommen auszukommen. Im Zusammenhang mit dem Haber-Bosch-Verfahren wurden mehrere Nobelpreise für Chemie vergeben.“ (Wikipedia)

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Die industrialisierte Landwirtschaft ist über diese ganzen Kunstdünger-Herstellungsverfahren und Gülle-Ausbringungen aus ihrer Massentierhaltung bereits zum größten Umweltschädling geworden. In der taz schrieb am 2.April Manfred Ronzheimer über die schon lange geforderte „Trendwende in der Agrarforschung“:

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Die Weltbevölkerung wächst, aber mit ihr auch die Zweifel, ob Landwirtschaft in Zukunft neun Milliarden Menschen ernähren kann. Hinzu kommen die ökologischen Probleme, die mit der heutigen Form der Intensiv-Landwirtschaft unübersehbar einhergehen. Diese Trends fordern auch die Agrarforschung heraus; die Stimmen nach neuen wissenschaftlichen Ansätzen werden lauter. Anlässlich der „Grünen Woche“ befragte die Wissenschaftspressekonferenz (WPK) in dieser Woche Experten in Berlin, wie eine „neue Agrarforschung“ in Deutschland aussehen müsste.

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Für Wilfried Bommert, Agrar-Journalist und Sprecher des Instituts für Welternährung in Nümbrecht, ist die „High-Input-Landwirtschaft“ – getrieben durch intensiven Einsatz von Kunstdünger, Pflanzenschutzmittel und Erdöl – derzeit dabei, „voll gegen die Wand zu fahren“. Die Fruchtbarkeit der Böden habe sich in den letzten Jahrzehnten um 30 Prozent verringert, der Artenverlust auf den Äckern der Agrarindustrie wird auf 95 Prozent geschätzt, die Grundwasservorräte sind durch Nitratbelastung nur noch zur Hälfte nutzbar.

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Zudem sind bei zentralen Rohstoffen wie Phosphat und Kali die natürlichen Vorräte in wenigen Jahrzehnten erschöpft. Mit all dem agroindustriellen Aufwand konnte die Produktion von wichtigen Getreidesorten wie Weizen und Reis in den Jahren 2000 bis 2010 nur um ein Prozent gesteigert werden. In gleichem Zeitraum erhöhte sich die Nachfrage durch Bevölkerungswachstum um 1,8 Prozent – die Ernährungsschere geht auseinander. „Mit dieser Art von Landwirtschaft lässt sich die Welternährung nicht sichern“, ist Bommert überzeugt.

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„Die Agrarforschung muss sicherlich umdenken“, ist auch die Überzeugung von Ulrich Köpke, Professor am Institut für Organischen Landbau der Universität Bonn. Bis vor fünf Jahren, als mit der Finanzkrise auch die Agrarmärkte von den Spekulanten entdeckt wurden, waren landwirtschaftliche Überproduktion in Gestalt von Butterbergen und Milchseen sowie Flächenstilllegungen die Hauptthemen der heimischen Agrarwissenschaftler. International wurde das Modell der industrialisierten Landwirtschaft exportiert.

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„Aber die Weltformel hat nicht funktioniert“, kann Köpke am Vergleich der ostafrikanischen Länder Ruanda und Uganda belegen. Wichtiger als die eingesetzte Technik sind die örtlichen Bedingungen wie Lage und Klima, um zu guten Erträgen zu kommen. Zentral ist auch die Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung und ihres kulturellen Hintergrundes. Vergleichbare Ansätze sollte der ökologische Landbau nach Meinung des Bonner Experten auch in Deutschlands peripheren Regionen wie dem Hunsrück, der Eifel und dem Westerwald verfolgen.

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Die deutsche Agrarforschung ist ein Milliardenbetrieb. Derzeit widmen sich nach Angaben von Stefan Lange, Forschungskoordinator am Thünen-Institut in Braunschweig, rund 5.200 Wissenschaftler den Themen Ackerbau, Viehzucht und Ernährung. Zwei Drittel davon arbeiten an deutschen Hochschulen, ein Drittel an außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Zu ihnen gehört auch die Ressortforschung wie das Thünen-Institut, das dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft untersteht. Da die Agrarforschung in den Hochschulen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich abgebaut wurde, beläuft sich ihr Gesamtbudget an Stellen und Projektmitteln auf jetzt rund 600 Millionen Euro im Jahr, während die außeruniversitären Institute über 700 Millionen Euro verfügen können.

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In der Breite ist zwar eine große Themenvielfalt der Agrarforschung anzutreffen, viele davon aber werden von den Individualinteressen der Wissenschaftler getrieben. Doch was die großen globalen Themen der Welternährung und des Klimaschutzes angeht, räumt Stefan Lange ein, darauf sei die deutsche Agrarforschung „strategisch nicht vorbereitet“. Daher wurde im vorigen Jahr die Deutsche Agrarforschungsallianz (DAFA) gegründet, die sich neben Nachhaltigkeitsthemen auch stärker um die gesellschaftliche Akzeptanz kümmern will.

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So sei „für die Optimierung der Nutztierhaltung in der Vergangenheit immer Geld“ dagewesen, erläutert der Thünen-Forscher. „Was aber vergessen wurde, war die gesellschaftliche Erwartung zum Thema Massentierhaltung“.

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Umstritten ist weiterhin, wie die WPK-Anhörung zeigte, die Einschätzung der Bioökonomie. Darunter wird, wie Henk van Liempt, Referatsleiter Bioökonomie im Bundesministerium für Bildung und Forschung erläuterte, eine Wirtschaftsform verstanden, „die auf natürliche Prozesse zurückgreift und natürliche Ressourcen nutzt“. Dafür gibt die Bundesregierung pro Jahr 140 Millionen Euro aus, wovon 30 bis 40 Millionen in landwirtschaftliche und Pflanzenforschung gehen. Weitere Schwerpunkte der Bioökonomie sind Energie und industrielle Rohstoffe. Steffi Ober von der Zivilgesellschaftlichen Plattform ForschungsWende kritisierte, dass das Bioökonomie-Programm zu sehr auf wirtschaftliche Interessen ausgerichtet sei und forderte den „Einbezug gesellschaftlicher Erwartungen“. Der Ministeriumsvertreter war offen für solche Beteiligungen, wenn sie „in praktikabler Gestalt“ eingebracht würden. Henk van Liempt: „Wir brauchen für die Bioökonomie auch die Gesellschaft“.

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Eine Gruppe hat sich allerdings aus der deutschen Agrarforschung weitgehend verabschiedet: die Spezialisten der Grünen Gentechnik. Professor Hans-Jörg Jacobsen konzentriert sich in seinem Institut für Pflanzengenetik an der Universität Hannover vor allem auf die Lehre. „Mit meinen Freisetzungsprojekten bin ich 2012 nach Nordamerika gegangen“, berichtet Jacobsen. Themen sind die Trockentoleranz und die Pilzresistenz von Pflanzen. Bei Gentechnik-Kollegen beobachtet er einen Rückzug auf die Grundlagenforschung. Obwohl in Deutschland erfunden, sei die Grüne Gentechnik aufgrund politischer Restriktionen auf dem Abstieg. Jacobsen: „Wir werden dies später teuer zurückkaufen müssen.“

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Sollte die niedersächsische Landesregierung ihre in der Koalitionsvereinbarung verankerte Ablehnung der Grünen Gentechnik auch in eine Gesetzesverordnung gießen, werde es Klagen in Karlsruhe wegen Verstoßes gegen die Forschungsfreiheit geben, so Jascobsen. Die Agrarforschung erobert die Justiz – das womöglich nächste Kapitel.“

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Die Agrarforschung oszilliert schon lange zwischen der Agrarindustrie und den zunehmenden ökonomischen Zwängen der Landwirte. Der Landwirtschaftshistoriker Frank Uekötter schreibt rückblickend in „Die Wahrheit ist auf dem Felde – Eine Wissensgeschichte der deutschen Landwirtschaft“ (Göttingen 2010):

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In Anbetracht der Zusammenballung ökonomischer Macht im Kunstdüngersektor – hinter der Ammoniaksynthese stand die IG Farben (später BASF und BAYER), hinter der Thomasschlacke (oxidierter Phosphor und Kalkstein) die Schwerindustrie, hinter dem Kalimonopol der Staat (später das Kalikartell) – war ein herrschaftsfreier Diskurs kaum zu erwarten…Langsam gewöhnte sich die agrarische Wissensgesellschaft daran, die ökonomischen Interessen der Kunstdüngerhersteller auszublenden und Personen mit offenkundigen kommerziellen Interessen als vertrauenswürdige Berater zu akzeptieren…Es scheint deshalb ratsam zu sein, das Unwissen über den landwirtschaftlich genutzten Boden primär als das Ergebnis langfristiger sozialer Interaktion zu betrachten.“

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Und dann kam in den Zwanzigerjahren auch noch ein Mehrnährstoffdünger (Volldünger) von der BASF auf den Markt, „Nitrophoska“, der sich der Zusammenarbeit der o.e. Konzerne verdankte, womit aus Konkurrenten Geschäftspartner wurden. Im preußischen Düngerausschuß hieß es allerdings – über die Käufer dieses Volldüngers: „Die Faulen verwenden Nitrophoska und die Klugen nicht.“ Um dennoch die Bauern davon zu überzeugen, produzierte die BASF einen Werbefilm: „Das Blumenwunder“. Er zeigte das Wachsen verschiedener Pflanzen – erstmalig in Zeitraffer aufgenommen. Mindestens die deutsche Intelligenz war nach der Premiere hellauf begeistert: Walter Benjamin, Theodor Lessing, Ernst Fuhrmann…schrieben Lobeshymnen.

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Derzeit wächst zwar nicht der Widerstand der „Wissensgesellschaft“ gegen Gülleausbringung und Kunstdünger, aber der gegen die Massentierhaltung – in der Bevölkerung:

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– Z.B. gegen den geplanten Bau eines Schlachthofs in Bernburg (Sachsen-Anhalt) durch den italienischen Fleischkonzern Bresaole Pini, in dem stündlich (!) 1000 Schweine geschlachtet werden sollen.

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Angeliefert werden sollen die Tiere z.B. in der von einem holländischen Investor errichteten Schweinemastanlage in Haßleben (in der Uckermark) – gegen die es ebenfalls starke Proteste gibt. Pro Jahr sollen dort über 100.000 Schweine durch die Zucht- und Mastanlage geschleust werden.

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– Proteste gab und gibt es auch gegen den Bau eines riesigen Gefügelschlachthofes in Wietze im Kreis Celle der Firma Rothkötter Frischgeflügel. Dort sollen rund 2,5 Millionen Hähnchen wöchentlich geschlachtet werden. Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) verteidigte die Ansiedlung des großen Gefügelschlachthofes in Wietze im Kreis Celle vor allem wegen der Schaffung von 250 brandneuen Arbeitsplätzen. Mit den geplanten 27.000 Schlachtungen pro Stunde wäre der Geflügelschlachthof in Wietze laut Wikipedia der größte in Europa.

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Die Tiere sollen aus 420 bäuerlichen Hühnermastanlagen im Umkreis von 150 Kilometern um Wietze angeliefert werden.

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Weitere Giga-Mast- und Schlachtanlagen vor allem im deindustrialisierten Osten finden sich auf: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/08/13/regionalkrimis_11_achsen_des_boesen/

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In einigen Industrieländern zählen die militanten Tierschützer und -befreier bereits zu den „Terroristen“. Einer der Vorkämpfer dieser heterogenen Widerstandsbewegung war Bernhard Grzimek. Der Veterinär bildete zunächst im Landwirtschaftsministerium, später im Reichsnährstand, „Eiersachverständige“ aus. Zudem oblag ihm die „Eierüberwachung“ im deutschen Reich, hinzu kamen dann noch die Bereiche „Schlachtgeflügel“ und „Bienenhaltung“. 1944 bekam er einen Lehrauftrag im Fach Tierpsychologie an der Universität Hannover, den er kriegsbedingt jedoch nicht antreten konnte. Obwohl er noch im gleichen Jahr als Veterinär-Offizier, verantwortlich für Wehrmachtspferde, in der Nähe von Krakau stationiert wird und die Sommeroffensive der Roten Armee „in vollem Gang ist, bekommt Grzimek das Geschehen nur am Rande mit,“ wie seine Biographin Claudia Sewig schreibt. 1945 wird er in den Wirren der sich gerade im eroberten „Feindesland“ einrichtenden Besatzer als Reichsbeamter Direktor des Frankfurter Zoos, den er sogleich wiedereröffnet. Sein Vorgänger, Dr. Steinbacher, war kurz zuvor wegen Zugehörigkeit zur NSDAP entlassen worden. Dr. Grzimek hat seine Mitgliedschaft im „Fragebogen“ der Alliierten verschwiegen.

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Um Publikum in den Zoo zu locken, engagiert er Opernsänger, Varietekünstler und Hochseilartisten, zudem läßt er regelmäßig ein Feuerwerk abbrennen: „Wir nahmen Berge voll Geld ein.“ Parallel dazu versuchte Grzimek „von überallher Tiere zu bekommen,“ u.a. kaufte er drei Elefanten für 25.000 Reichsmark, das Geld dafür bewilligte ihm die Stadt. Die begeistertsten, aber auch schwierigsten Zoobesucher waren die in Frankfurt stationierten amerikanischen Soldaten: „Nachts kam zum Beispiel einer in den Zoo und forderte mit gezogener Pistole einen Affen.“ Dafür bekam Grzimek die Küchenabfälle aus der Offiziersmesse des US-Hauptquartiers im beschlagnahmten IG-Farben-Gebäude. Es fällt ihm allerdings schwer, gegenüber der hungernden Bevölkerung die Verfütterung von frischen Lebensmitteln zu rechtfertigen: „Bis 1948 haben wir deshalb das Brot und auch das Fleisch, das uns angeliefert wurde, mit Methylen-Blau bespritzt. Das ist ein unschädlicher Farbstoff. Die Leute sollten glauben, dass es verschimmelt wäre.“

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Kaum ist Grzimek „unter Berufung in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit“ als „Regierungsrat“ offiziell zum Direktor des Frankfurter Zoo ernannt, da wird er wegen „Fragebogenfälschung“ von einem Militärgericht verurteilt und daraufhin „mit sofortiger Wirkung aus dem städtischen Dienst entlassen.“ Sein Freund, der Direktor des Zoologischen Instituts der Universität Königsberg, Otto Koehler, kann ihn jedoch entlasten – mit einem Brief, den Grzimek als Ministerialbeamter im Ernährungssministerium 1941 auf seine, Koehlers, Bitte hin an das Kultusministerium geschrieben hatte:

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Der Direktor des Münchner Instituts für Zoologie, der Bienenforscher und spätere Nobelpreisträger Karl von Frisch war in jenem Jahr als „Mischling zweiten Grades“, als „Vierteljude“, eingestuft – und aus seinem Institut entfernt worden. Grzimek schrieb nun „mit dem Briefbogen des Ernährungsministeriums“, dass Karl von Frisch extrem wichtig sei, „um die Honigerträge zu erhöhen und die deutsche Ernährung zu verbessern“. Von Frisch wurde daraufhin als „Sonderbeauftragter“ eingesetzt und das Ernährungsministerium verschob von Frischs „Entfernung aus dem akademischen Milieu ‚bis nach Kriegsende‘.“ Mit dem Hinweis auf diesen Brief von Grzimek half Otto Koehler vier Jahre später Bernhard Grzimek selbst: Dieser wurde wieder dann ebenfalls wieder eingestellt. Neben seiner Tätigkeit als Zoodirektor verfaßte Grzimek bald Rundfunkbeiträge für den Südwestfunk: mehr als 400 bis zu Beginnn seiner  Fernsehsendung „Ein Platz für Tiere“ 1956. Außerdem zog es ihn immer öfter nach Afrika. Und dann hielt er noch an der Universität Gießen Vorlesungen bei den Tierärzten über „Zucht, Haltung und Krankheiten bei Zootieren“. Er war bei den Studenten äußerst beliebt, nicht zuletzt, weil er sich bemühte, möglichst allgemeinverständlich zu reden. Später entwickelte er geradezu eine Abneigung gegen Fremdworte.

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Seine Studenten wollten bald alle Zoodirektoren werden. Grzimek verglich auch bald nicht mehr den Beruf des Zoodirektors mit dem eines Gefängniswärters, sondern begriff den Zoo immer häufiger als eine „Arche für die bedrängte Tierwelt“. Daneben engagierte er sich für die afrikanischen Wildtiere, er gründete zwei Forschungsinstitute dort mit und unterstützte den Nationalpark Serengeti finanziell – derart, dass er zum „Vater der Serengeti“ wurde. „Zusammen mit seinem Sohn Michael begann er im Nationalpark zu filmen und vom Flugzeug aus die Tierbestände zu zählen. Es entstanden 1956 zunächst das Buch ‚Kein Platz für wilde Tiere‘ und anschließend der gleichnamige Tier- und Urwaldfilm. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und trug ganz erheblich zur Einrichtung von Naturreservaten in Afrika bei. 1958/59 entstand der im folgenden Jahr mit einem Oscar ausgezeichnete Film ‚Serengeti darf nicht sterben‘, dessen Dreharbeiten mit umfangreichen wissenschaftlichen Erhebungen über die Zahl der Wildtiere in Ostafrika und über deren Wanderungen verbunden waren. Grund dazu waren Pläne, einen Teil des Naturparks abzutrennen und durch Angliederung anderer Gebiete auszugleichen. Die Ergebnisse zeigten, dass in den abzutrennenden Gebieten Teile der jährlichen Wanderwege der Tiere lagen, während das Ersatzgebiet kaum in Anspruch genommen wurde. Während der Dreharbeiten verunglückte Michael Grzimek im Januar 1959 bei einem Flugzeugabsturz tödlich; er wurde am Ngorongo-Krater in der Serengeti beigesetzt,“ heißt es auf Wikipedia.

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Die Popularität von Bernhard Grzimek stieg mit diesem Opfer all seinen Aktivitäten derart, dass sein Freund Heinrich Dathe, Direktor des Ostberliner Tierparks und im Osten ähnlich TV-populär wie Grzimek im Westen, ihm mittteilte, „dass in der DDR ein Hochstapler mit Grzimeks Namen sein Unwesen treibe.“ 1967 erscheint die 13bändige Enzyklopädie „Grzimeks Tierleben“ – für 1664 Mark, an der er jedoch nur als Namens- und Herausgeber mitwirkte. 1969 trug Bundeskanzler Willy Brandt ihm das Amt eines „Naturschutzbeauftragten“ an, Grzimek gab dieses Ehrenamt jedoch 1972 wieder auf. Dafür wurde in der Folgezeit sein Ton als Tierschützer schärfer. 1973 zog er gegen die „tierquälerischen Methoden der Mastbetriebe“ zu Felde. Sein Zooinspektor Hellmut Neubüser berichtete: „Grzimek wollte Eier von glücklichen Hühnern“ – nicht nur für sich, sondern auch für die Zootiere.

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1975 verstärkte Grzimek seine Agitation gegen die „Massentierhaltung“. Als der Landwirtschaftsminister dagegen hielt, antwortete Grzimek mit einem Artikel „Wir kämpfen für die Bauern, Herr Ertl!“ In einem anderen Artikel verwendete er das Wort „KZ-Hühnerhaltung“, woraufhin ihn ein Geflügelzuchtmeister verklagte. Grzimek geht daraufhin „in die Offensive“ – und verweist auf seine langjährige Tätigkeit in der Wirtschaftsgeflügelzucht. Nicht nur hatte er schon als Kind Zwerghühner gezüchtet und war überhaupt, wie alle seine Geschwister sehr „tierbegeistert“ gewesen, mit 16 hatte er auch bereits seinen ersten Artikel in der „Geflügel-Börse“ veröffentlicht und wenig später sein erstes Buch – einen „Taschen-Zwerghühner-Atlas“. Während seiner Tätigkeit im Ernährungsministerium veröffentlicht er 1933 „Das kleine Geflügelbuch“, das eine verkaufte Auflage von 20.000 erreichte, und 1934 „Das Eierbuch“. 1940/41 veröffentlichte er seinen ersten Beitrag in der „Zeitschrift für Tierpsychologie“ – über ein „Schimpansenmädchen“.

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1975 gründete er den BUND mit, zuvor gab er zusammen mit dem Ethologen Konrad Lorenz, dem Bienenforscher Karl von Frisch und dem Zürcher Zoodirektor Heini Hediger die Zeitschrift „Das Tier“ heraus, und noch früher hatte er – mit seinem Sohn Michael als Herausgeber die Zeitschrift „Der kleine Tierfreund“ gegründet, sein Sohn führte daneben seit 1954 die Geschäfte der Filmproduktionsfirma „Okapia KG“. Diese „entwickelte sich im Lauf der Jahre zu einem kommerziell erfolgreichen Naturbildarchiv,“ wie Wikipedia schreibt. 1980 veröffentlichte Bernhard Grzimek das Buch „Einsatz für Afrika“ – es war sein 29.. Am 13. März 1987 starb er in Frankfurt während der Tigervorstellung des Zirkus Althoff. Seine Urne wurde später nach Tansania überführt und neben seinem Sohn Michael am Ngorongoro-Krater beigesetzt. Wie so viele engagierte aber unpolitische Tierliebhaber sah er die unkontrollierte Vermehrung der Menschheit mit Grausen.

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