Weiterbildungsmaßnahmen in Berlin und Umgebung

 

Das Photo zeigt mich in der Köpenicker Strasse das Muhen einer Kuh in der Mongolei hörend, die gerade von einer Viehzüchterin gemolken wird.

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Seßhaften-Krise

„Geht Weiter!“ (Buddhas letzte Worte an seine „Followers“)
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Ein „künstlerisches Team“ um die Theaterwissenschaftlerinnen Corinna Bethge und Bayarmaa Munkhbayar hat ein Festival über „Urban Nomads/“Mongol Citizens“ organisiert:  „Interdisziplinäres Brainstorming“ auch genannt. Es findet in der ehemaligen Abwasser-Pumpstation an der Spree – im „Radialsystem V“ – statt. Als „Prolog“ hat die  Berliner Komparatistin Berit Schuck zwei „Parcours“ drumherum angelegt: „Dream Cities“ und „Waste Land“. Dabei handelt es sich vornehmlich um Brachland, das eine seminomadische Zwischennutzung erfährt – und als solches identitär ausgewiesen ist – mit Namen wie Mörchenpark, Teepeeland, Prinzessinengärten und Spreeacker. Auf einer Brache ohne Namen, neben dem „Berghain“, stellte Berit Schuck einen Wohnwagen als Infostand und Vorführraum hin. Alles in allem verspricht sie gegen Bezahlung „Zwölf Stationen. Drei Stunden in nomadischen Städten.“
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Man muß den ersten Parcours zu zweit absolvieren: ab U-Bhf Heinrich-Heine-Straße – und sich für ein Hörstück von Christoph Rothmeier das Abspielgerät teilen. Nachdem man derart an der ersten Station, dem Hackertreff „C-Base“, in der ein Film über das „Chaostreffen 2011“ läuft,  verbandelt wurde, schlendert man auf der Köpenicker Straße am Kraftwerk Mitte vorbei – und hört dabei, wie in der mongolischen Steppe eine Kuh gemolken wird, d.h. wie die Milch in den Eimer spritzt, ab und an muht die Kuh dazu (übrigens ganz anders als „unsere“).
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Im Teepeeland hat Timea Anita Oravecz in einem der Bootsschuppen eine „Camera obscura mit Soundscape“ installiert, die das Treiben im „Mörchenpark“ auf der anderen Uferseite auf den Kopf stellt. Dort angekommen sehen wir es dann noch einmal richtig rum durch ein Loch im Zaun: Es ist noch nicht geöffnet.
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Auf dem Gelände des Radialsystems steht eine Jurte, in der u.a. Stadtplanungs-Studenten der TU videogestützt erzählen, was sie bei ihrer Feldforschung in den Jurtensiedlungen der mongolischen Hauptstadt herausgefunden haben. Dazu gibt es eine Zeitung: „Weltstadt Nr.8“.
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Draußen am Zaun und am Ufer haben Mareike Günsche und Sven Zellner großformatige Photos aufgehängt: Die in Ulaan-Bataar lebende Photographin zeigt Künstlerporträts von dort; der aus München stammende Filmer und Photograph hängte eine Serie über das „Nachtleben der Neureichen“ auf. Daneben hat er noch eine Bildreihe von mongolischen „Ninjas“ (illegalen Goldsuchern) als Kontrast in petto. Zellner arbeitet mit der mongolischen Filmemacherin Uisenma Borchu zusammen, von der die Kurz-Doku „Donne-moi plus“ gezeigt wird, wovon ich bisher jedoch nur einige Nackt-Stills sah.
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An Bildern ist ansonsten kein Mangel auf dem „Crossing Identities“-Festival: von Ulrike Ottingers Filmen  „Jeanne d’Arc of Mongolia“ und „Taiga“ über Benj Binks‘ Doku über die Hip-Hop-Szene von Ulan-Bataar  „Mongolian Bling“ bis zu Fotos und Klängen des Mongoleireisenden Jens Rötsch und Grafiken von mehr als 20 mongolischen Künstlern.
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Auch an Tönen fehlt es nicht, teilweise verbunden mit Tanz. Unter dem bescheidenen Titel „Noise“ versuchen z.B. europäische und mongolische Musiker zusammen zu spielen. Daneben gibt es noch die Folk-Band „Domog“, die Musik der Sängerin und Komponistin Urna Chahar-Tugchi, den Obertonsänger Hosoo, ein Konzert des Ensembles „Egschiglen“ und ein performatives Hörspiel über das „Sein oder Nicht-Sein mongolischer Identität“. Im „Beach-Club“ wird dazu die Doku „(Re)Constructing Identities“ gezeigt.
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Dazwischen finden mehrere Workshops von Kulturwissenschaftlern der mongolischen Staatsuniversität statt, es geht dabei um Tanz, Gesang und Malerei. Während eine „Kulturpolitische Konferenz“ diverser Mongolei-Foren und -NGOs sich der Frage widmet, ob die umherziehenden Viehzüchter des Landes, denen die US-Entwicklungshilfe und die mongolische Regierung „Seßhaftigkeit“ (Farming) verordnen wollen, trotzdem überleben können? Und ob es hier inzwischen – umgekehrt – einen Zwang zum Nomadisieren gibt – oder gar einen Hang, in Wohnwagen und Jurten z.B. zu ziehen? Dazu bietet die Künstlerin Tsendpurev Tsegmid ein „Partizipationsprojekt“ an: „Strangers-Becoming-Friends“.

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Flankiert gewissermaßen wurde dieses „Festival“ vom „Deutsch-Mongolischen Renntag“ auf der Galopprennbahn in Hoppegarten. Diesmal mit viel Prominenz aus Ulaan-Bataar, da es dort „40 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und der Mongolei“ zu feiern galt. Westdeutschland natürlich, denn die DDR nahm schon vor 64 Jahren diplomatische Beziehungen auf. Während der Arbeiter- und Bauernstaat jedoch vorwiegend einen wirtschaftlichen, schulischen und kulturellen Austausch anstrebte (weswegen die ältere mongolische Generation noch häufig Deutsch spricht), geht es der BRD heute eher um militärische Zusammenarbeit, denn die Mongolei ist ein fast schon fester amerikanischer Büdnispartner und es geht um die Vereinahmung „Zentralasiens“ durch den Westen, denn – mit den Worten von Henry Kissinger: „Wer Zentralasien beherrscht, beherrscht die Welt!“ Deswegen gibt es auch gemeinsame „Friedenssicherungseinsätze“ im Land, und an der dortigen Verteidigungsuniversität wird (Neu-)“Deutsch“ gesprochen – gelehrt von Bundeswehroffizieren. Umgekehrt übergab heuer der mongolische Verteidigungsminister persönlich in Hoppegarten einen „Preis der Mongolei“ an den (schwedischen) Besitzer des Siegerpferdes Alcohuaz. Vorher spielte dort auf der Bühne die mongolische Folk-Band „Domog“, die zuvor bereits im „Radialsystem V“ aufgetreten war.
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Während jedoch in Hoppegarten deutsche und mongolische Zocker das Geschehen bestimmten, waren es hier Künstler und Kulturschaffende aus den beiden Ländern. U.a. kam dabei ein performatives Hörspiel über das „Sein oder Nicht-Sein mongolischer Identität“ zur Aufführung und es wurde eine  Filmdokumentation – „(Re)Constructing Identities“ – gezeigt. Anderntags widmete eine „Kulturpolitische Konferenz“ diverser Mongolei-Foren und -NGOs sich der Frage, was die zur Seßhaftigkeit gedrängten Mongolen und die aus der Seßhaftigkeit sich entlassenden Deutschen gemeinsam haben könnten. Anschauungsunterricht über die letzteren gaben die von ihnen genutzten Uferbrachen um das Radialsystem V: Mörchenpark, Teepeeland, Prinzessinengärten und Spreeacker.
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Die von bulgarischen Roma, polnischen Verlierern und deutschen Obdachlosen besiedelte „Cuvrybrache“ nahe der Oberbaumbrücke war den Veranstaltern des Festivals wahrscheinlich nicht künstlerisch genug, obwohl mindestens die Roma und Sinti zum alten wie zum neuen europäischen Nomadenadel zählen, was sich in der Cuvryanlage auch leicht verifizieren läßt. Für die anderen „Urban Nomads“ (Neonomaden) dort gilt dagegen eher das Wort des Philosophen Vilem Flusser: „Wir dürfen von einer gegenwärtig hereinbrechenden Katastrophe sprechen, die die Welt unbewohnbar macht, uns aus der Wohnung herausreisst und in Gefahren stürzt. Dasselbe lässt sich aber auch optimistischer sagen: Wir haben zehntausend Jahre lang gesessen, aber jetzt haben wir die Strafe abgesessen und werden ins Freie entlassen. Das ist die Katastrophe: dass wir jetzt frei sein müssen. Und das ist auch die Erklärung für das aufkommende Interesse am Nomadentum…Im übrigen scheint bereits das Wort ,Wohnwagen‘ sagen zu wollen, dass die Dialektik des unglücklichen Bewusstseins dabei ist, überholt zu werden, und dass wir dabei sind, glücklich zu werden.“

Dafür spricht bereits der anhaltende Erfolg der Münchner Musik- und Tanzgruppe „Dschingis Khan“ – auch und gerade in den nomadischen Gebieten:

„Vier Wochen nach der Gründung 1979 gewann die von Ralph Siegel zusammengestellte Musikgruppe „Dschinghis Khan“ mit großem Abstand die deutsche Vorauswahl für den Grand Prix d’Eurovision. Zwei Wochen später ging es nach Jerusalem.

Der 4. Platz beim Grand Prix war dann der erste internationale Durchbruch. Schon wenige Wochen später bekam die Gruppe eine Goldene Schallplatte, auch für damalige Verhältnisse stolze 500.000 verkaufte „Dschinghis Khan“. Weitere Hits im selben Stil folgten: „Moskau“, „Rocking Son Of Dschinghis Khan“, „Hadschi Halef Omar“, „Rom“; ein Erfolg jagt den anderen. Es regnete Gold und Platin aus der ganzen Welt, neben Deutschland aus insgesamt 20 Ländern, darunter Japan, Australien, Korea, Holland, Belgien, Israel, Dänemark, Schweden, Schweiz, Norwegen und Finnland. Auch die ehemaligen Staaten der UDSSR gehörten zu den ganz großen Liebhabern der Musik von Dschinghis Khan. In diesen Territorien setzten Dschinghis Khan mehr Platten ab, als im Rest der Welt!

In Israel und Japan belegte die Gruppe souverän Platz 1 der Charts. In Japan sogar in der deutsprachigen Version, was bis zum heutigen Tag keinem weiteren Künstler hierzulande gelungen ist. Sie gewannen u.a. den Deutschen Schallplattenpreis den „Bambi“, den „Goldenen Löwen von Radio Luxemburg und die „Goldene Europa“ des deutschen Rundfunksenders Europawelle Saar.

Heinz Gross, Musikmanager aus Augsburg war die treibende Kraft der Reunion von Dschinghis Khan. Er führte die Originalmitglieder der Gruppe im Herbst 2005 wieder zusammen. Mit alten und neuen russischen Freunden produzierte Heinz Gross das „Reunion“-Konzert“, das Dschinghis Khan am 17. Dezember 2005 in Moskau gaben. Die Bühnenproduktion in der Moskauer Olympiski Arena umfasste 26 Sattelschlepper Equipment und Bühnenaufbauten mit einer Last von über 300 Tonnen Ladung.
Die Gründungsmitglieder Steve Bender, Edina Pop, Henriette Strobel (ehem. Heichel) sowie Wolfgang Heichel inszenierten zusammen mit 72 Mitwirkenden die Dschinghis Khan Revue mit allen Hits und Titeln aus dem 79er Erfolgsalbum „Dschinghis Khan“ unter großen Beifallsstürmen vor ca. 30 000 Zuschauern. Der Russische Sender ORT 1 übertrug das Konzert weltweit. Die Show erhielt als beste russische Musikshow des Jahres einen begehrten Fernsehpreis.

Der Tänzer und Frontfigur der Band, Louis Hendrik Potgieter, verstarb an Aids in seiner Heimat Kapstadt. Am 7. Mai 2006 verstarb auch Steve Bender nach einer langen, schweren Krebserkrankung. Ein schwerer Schlag für die letzten drei Bandmitglieder. Sollte man jetzt endgültig aufhören? Nach langem Überlegen traf die Formation den Entschluss – auch in Gedenken an Steve Bender und Louis Hendrik Potgieter – weiterzumachen.

In Gedenken:

Deutschland, Mai 2006

„Steve du bist nicht mehr da, wo Du warst aber Du bist überall wo wir sind!“

Am 15. Juli 2006 fand ein erneuter Auftritt zusammen mit der Tanztruppe „The Legacy of Genghis Khan“ im Stadion von Ulan Bator (Mongolei) statt. Die Gruppe feierte als Headliner den 800sten Geburtstag, zusammen mit den Ur-Ur-Ur…-Enkeln des Mongolenherrschers Dschinghis Khan. Eine riesige Show mit Pferden, Kamelen und Tänzern vor großer Kulisse erblickte das Licht der Welt.

Jetzt endlich wird es auch ein neues Dschinghis Khan-Album „7 Leben“ mit neuen Titeln geben. Das Konzept ist das Alte, der Sound von Alfons und Hermann Weindorf ein Neuer. Wichtig dabei die bewährten Songtexte Bernd Meinungers, die uns wieder in die Welt der Mythen und der Geschichte der Mongolen einladen.

Heißer Tanz zu packender Musik eingerahmt von einer gigantischen Bühnenshow: Das sind Dschinghis Khan 2007. Die einzigartige Musik und die inspirierte Kostümshow mit Pferden, Kamelen und viel Feuerwerk werden die Menschen von den Stühlen reißen. Auch 28 Jahre nach Gründung der Gruppe, haben Dschinghis Khan nichts von ihrer Faszination verloren. Die Welt hat auf ihre Rückkehr gewartet. Das Warten hat nun ein Ende…“

„Dschingis Khan“ ist heute vor allem in Russland, Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan und in der Mongolei beliebt, wo inzwischen alle möglichen Konsumgüter, Flughäfen, Hotels etc. „Dschingis Khan“ heißen.

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Abhören

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Das Karlshorster Festival des Pferderennfilms

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In Berlin gibt es eine Galopprennbahn – in Hoppegarten, und zwei Trabrennbahnen: Einmal die im Jugendstil 1913 erbaute  Mariendorfer Anlage, wo 800 Pferde untergebracht werden können. „Und wenn ick dann am Ma’Damm steh, und all die Pferde loofen seh, dann weeß ick, da jehör ick hin!“ heißt es in dem berühmten Berliner Koffer-Lied. Ihr erster Vorsitzender war für lange Zeit der Verleger und Galerist Bruno Cassirer:  „Er sprach mit Leuten der Sportpresse, mit seinem Trainer und Fahrer, kaufte Heu und Hafer und nannte die auf Grund eines eigenen Stallhumors gebildeten Namen der Rennpferde mit derselben Sicherheit, mit der er soeben Namen moderner Künstler ausgesprochen hatte,“ schreibt der ehemalige taz-Feuilletonchef Harry Nutt,  der einige Jahre die Traberzeitung des Vereins redigierte und daneben gerne auf Pferde wettete, weil, so versicherte er mir, dies die einzige Wette sei, bei der es nicht nur auf das Glück ankommt: „Wenn man Ahnung von den Pferden, Jockeys und Rennställen hat, hat man eine gute Chance.“
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Seine ehemalige Kollegin Sabine Vogel jedoch, bar jeder Ahnung, verließ sich an einem der Renntage rein auf die Magie der Pferdenamen, die an den Start gingen – und gewann ein kleines Vermögen. Während wir anderen, die teilweise sogar schon dicke Bücher über einzelne Pferde veröffentlicht hatten, unser ganzes Geld verwetteten. Harry Nutt kam zur taz, weil er versucht hatte, gegen den seiner Meinung nach zu großen und geschäftsschädigenden Einfluß der Gestütsbesitzer in Mariendorf  zu putschen – und dabei gescheitert war. In der taz ließ er u.a. die Doktorarbeit „Ökonomie des Glücksspielmarktes in der BRD“ von Norman Albers rezensieren. Der war nicht nur oft auf der Mariendorfer Trabrennbahn, sondern kam aus einer Buchmacherfamilie, die sich auf das einzige nicht-staatlich dominierte Glückspiel geworfen hatte: Pferdewetten. Diese waren durch die Landespferdezuchten legitimiert worden – und dienten damit quasi höheren Zielen. Inzwischen wurde der Sportwettenmarkt allerdings liberalisiert, wofür sich auch schon Norman Albers in seiner Dissertation ausgesprochen hatte. Generell kam noch hinzu, dass seit der Wirtschaftskrise Ende der Zwainzigerjahre gilt: Je mieser die Jobaussichten, desto mehr wird gewettet. Auf den Pferderennbahnen befindet sich dann auch ein – gerade für kritische Kulturschaffende – interessantes Milieu: seltsamerweise im Westen wie im Osten.
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Die Karlshorster Trabrennbahn entstand vor 120 Jahren. Als der Charlottenburger Verein für Hindernisrennen ein neues Gelände suchte, machte ihm die Gemeinde Karlshorst das günstigste Grundstücksangebot, woraus dann eine  „Galopprennbahn für Hindernis- oder Jagdrennen“ wurde. Sie war nach der Eroberung Berlins durch die Rote Armee (deren Kommandantur sich  bis 1993 in Karlshorst einquartierte) eines der ersten Kulturangebote nach dem Krieg, das der Berlinkommandant Nikolai Bersarin wieder herrichten und eröffnen ließ, verbunden mit einer Freilichtbühne. Die Berliner quittierten das dankbar und in Massen – bis das Fernsehen kam, wie die Karlshorster Geschichtswerkstatt in ihrem Erzählkreis meint. Immerhin wurden auf der Trabrennbahn zu DDR-Zeiten noch etliche Beiträge für die Kinowochenschau „Der Augenzeuge“ gedreht, daneben einige sozialkritische Dokumentationen und ein „Polizeiruf 110“-Krimi.
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Nach der Wende fiel die Trabrennbahn in den Besitz der Treuhandanstalt, die sie an den „Trabrennverein“ Mariendorf verpachtete, der fortan wöchentlich zwei Rennen im Osten und zwei im Westen veranstaltete. Das Geschäft lief aber nicht sonderlich, obwohl die Tribünenhalle auch an Tagen ohne Rennen besucht wurde: Mit der Liberalisierung des Sportwettenmarktes konnte man auf ein über Monitore übertragenes Rennen irgendwo auf der Welt wetten. 2004 sollte das Karlshorster Rennbahngelände verkauft werden. Dem mithilfe der Bezirksregierung gegründeten Verein „Pferdesportpark Berlin-Karlshorst e.V.“ gelang es eine Hälfte des  Grundstücks zu „retten“, d.h. zu erwerben, die andere wurde als Bauland für Einfamilienhäuser verkauft – wozu einige Stallgebäude, das Casino  und die Reithalle abgerissen werden mußten. Dennoch gibt es jetzt wieder „Renntage“ – und die Wettumsätze steigen wieder. Außerdem kann man Mitbesitzer von einem oder mehreren Rennpferden werden.
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Der Verein verfolgt daneben kulturelle Ziele: Es gab im (brandneuen) Karlshorster Kulturhaus bereits zwei Ausstellungen:  Eine über den TÖLT – eine Gangart des Islandpferdes, wobei es hier um Design zu dem Thema ging. Eine andere thematisierte die isländische Literatur – parallel zur „Islandpferde-Weltmeisterschaft“, die auf der Trabrennbahn stattfand. Auf einer weitereren  Großveranstaltung wurde dort der Film „Ben Hur“ nach gespielt: mit 30 römischen Kampfwagen, Legionären usw.. Das wichtigste Rennen im Jahr ist das „Bersarin-Erinnerungsrennen“, die  meistbesuchteste Veranstaltung sind die „Deutsch-Russischen Festtage“. Ich gehe am Liebsten zum Tag des Hundes dorthin, wo sich dann über 200 Hunde mit ihren Frauchen auf der Anlage tummeln, und auch rennen – aber nur aus Spaß. (1)
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Jetzt am 22.Mai wurde ein Festival des Pferderennfilms in Karlshorst eröffnet. Es läuft länger als das in Cannes, wie der stellvertretende Bezirksbürgermeister und Vorsitzende des „Pferdesportparks“ betonte. Er entschuldigte sich im übrigen für das Manko, das nicht nur der Rennbahn, sondern allen Umgangsweisen mit Pferden eignet: „Leider können wir nicht die Pferde fragen, wie sie den Pferdesport in Karlshorst finden.“ Dafür hatte sein Verein eine kompetente Filmhistorikerin, Nele Saß, engagiert, die die Filme zusammenstellte.
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Am ersten Abend erklärte sie uns das Prinzip ihrer Auswahl anhand von Szenen aus den Filmen, die dort bis zum 19.Juni gezeigt werden: Beim Genre „Pferderennfilm“, der am Anfang der Filmgeschichte stand (indem vor 120 Jahren Eadweard Muybridge ein galoppierendes Pferd mit Reiter aufnahm), unterschied Nele Saß sechs Themen:
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1. das kriminelle Milieu: Wettbetrüger, Taschendiebe, Doping usw., sie zeigt dazu einen Film von Stanley Kubrick, in dem es um einen Überfall auf die Wettkasse geht.
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2. Stories um Superrennpferde. Eins aus Neuseeland war so schnell, dass man es vergiftete, weil es mit seinen fortwährenden Siegen das Wettsystem kaputt machte. Ein anderes, das schnellste Rennnpferd aller Zeiten, „Seabiscuit“, spielte die Hauptrolle in dem 2004 für mehrere Oscars nominierten Film über ein Außenseiterpferd, dessen Siegrennen 1938 über 40 Millionen Amerikaner am Radio verfolgt hatten: „Seabiscuit – Mit dem Willen zum Erfolg“. Dieser Film läuft im „Racing-Club“. In ihrem Vortrag zeigte Nele Saß Ausschnitte aus dem Kitschfilm „Secretariat – Ein Pferd wird zur Legende“ (1989), dabei geht es um die Nummer Zwei der besten amerikanischen Rennpferde, das ein drei mal so großes Herz wie normale Pferde hatte. In der Tribünenhalle zeigt Nele Saß ferner den Babelsberger Animationsfilm darüber: „Rising Hope“ von Milen Vitanov.
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3. Pferdeschindereien, bei denen es jedoch um höhere Werte geht: um Männerfreundschaften. In der Studiobühne des Kulturhauses laufen zu diesem Thema zwei Filme von Francis Ford Coppola – über einen schwarzen Hengst, der im gläubigen arabischen Reitermilieu spielt. Ich hatte in den Fünfzigerjahren bereits die Verfilmung des deutschen Kinderbuchs „Der weiße Hengst“ gesehen. Darin geht es um die Flucht eines Sklavenjungen mit seinem Lieblingspferd aus dem Gestüt eines hartherzigen arabischen Scheichs. Die Geschichte endet damit, dass die beiden am Strand des Mittelmeeres keinen Ausweg mehr sehen – und ins Wasser gehen.
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Nele Saß erwähnte die US-Fernsehserie „Luck“, in der es um Pferdesport und Glücksspiel geht: Diese wurde abgebrochen, nachdem drei Pferde bei Dreharbeiten tödlich verunglückt waren. Ähnliches geschah bei den Kampfwagen-Szenen in „Ben Hur“, hier starb überdies auch der Filmproduzent – vor Aufregung.
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Das Gegenteil davon – 4: „Tierschutzfilme“. Dazu fand Nele Saß den russischen Spielfilm „Kleine Leidenschaften“ von Kira Muratova passend, in dem die zwei Protagonistinnen das Problem empirisch durchdiskutieren, „Was ist artgerechter für ein auf schnelle Bewegung angewiesenes Fluchttier wie das Pferd: Zirkus oder Rennbahn?“ Ein weiterer Film zeigt einen kurzen Auftritt des sowjetischen Dichters und Sängers Wladimir Wyssozki, der in einem Lied sein Leben mit dem eines Rennpferdes vergleicht, dass sich zu Tode galoppiert. Und so geschah es ihm dann wenig später auch tatsächlich. Darüberhinaus  hätte man sicher noch einige wissenschaftliche Pferde-Filme zeigen können: z.B. aus der Verhaltensforschung, aus der Pferdezuchtgeschichte, wo es um die Vererbung von Eigenschaften geht, und aus der Pferdedressur, bei der es um verschiedene Methoden geht. Die taz hatte dazu einmal einen Text von dem in Berlin lebenden Roland-Barthes-Assistenten Makoto Ozaki veröffentlicht. Zuletzt erschien von dem holländischen Autor Frank Westermann eine aufwendige Studie über die Spanische Hofreitschule in Wien: „Das Schicksal der weißen Pferde – Eine andere Geschichte des 20.Jahrhunderts“.
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5. „Lokale Rennbahnereignisse“ – Hierzu zeigt Nele Saß zusammen mit der Geschichtswerkstatt Filmmaterial über die Karlshorster Rennbahn – aus 100 Jahren Wochenschauen. Die Westberliner Trabrennbahn steht zwar nicht im Mittelpunkt des Dokumentarfilms „Gedächtnis“ von Otto Sander und Bruno Ganz, aber einige Szenen ihrer Begegnung mit den Schauspielern Curt Bois und Bernhard Minetti spielen dort.
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6. „Sozialistischer und kapitalistischer Realismus“ – unter diesem „Thema“ wird eine Defa-Dokumentation von Petra Tschörtner vorgeführt, in der vor allem eine Rentnerin zu Wort kommt, die am Wettschalter der Karlshorster Rennbahn sitzt, um sich ein bißchen Geld dazu zu verdienen. Sie sagt – über die Sucher des „Schnellen Glücks“: „Reich ist hier noch niemand geworden. Das Geld bringen ja die Außenseiter.“ In einer weiteren Dokumentation „Sieg oder Platz“ porträtierte  Tanja Hamilton von der Filmakademie Baden-Württemberg Trainer, Besitzer, Wetter und Besucher auf der Rennbahn in Karlshorst. Auch Petra Tschörtner hat einige Besucher gefragt, warum sie dort hingehen. Einer meinte: „Das Fludium gefällt.“

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Anmerkung:
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(1) Die Hunde-Veranstaltung auf der Karlshorster Trabrennbahn war auch „ein Tag für glückliche Hunde“. Gesponsort vom Hundenahrungshersteller „Happy Dog“ bot das von zwei Hundetrainerinnen organisierte „Event“ den Hunden und ihren Besitzern „Quality Time“. Es fand auf einer kurzen Rennstrecke und einem „Fun Agility“-Parcours statt, darüberhinaus konnten die Hunde sich an „Dog-Dancing“, „-Racing“, „-Casting“ und -Frisbee“ beteiligen. Etwa 200 Hunde waren erschienen – begleitet zumeist von Frauen, denen die Idee, ihrem Hund zuliebe eine Veranstaltung zu besuchen, anscheinend näher lag als den männlichen Hundebesitzern. Sie wurden mit Verkaufsständen und Sonderangeboten gelockt. Darunter waren welche von Hundeporträtisten, Hundefriseuren, „Tier-TV“, Pferdefleisch in Dosen, Tierspielzeug, Hundegeschirr („Arbeitskleidung“ genannt), ferner Tierschutzvereine, eine Tierschutzpartei, die „Tiertafel Deutschland“, Hundeschulen und -Pensionen, „Lebenshilfe für verwaiste Hunde“, eine „Vermittlung von behinderten Hunden“ sowie auch von ausrangierten „Versuchstieren“, einen Werbestand des „Berliner Tierfriedhofs“ und zweier neuer Zeitungen: „Der Ruhrstreuner“ und „Reich mir die Pfote“ (darin ein Artikel über „Hunde mit Beruf“) sowie des altehrwürdigen Tierschutzmagazins „Berliner Tierfreund“. Außerdem Informationsstände – u. a. mit Büchern wie „Hundekekse selbst gemacht“ von Andrea Packulat und „Hier schreibt der Mops“ von Uschi Ackermann, verfaßt in der Ich-Form ihres Hundes „Sir Henry“. Die Besitzerin hatte den allzu geschäftstüchtigen Züchter ihres Mops, den er ihr krank verkauft hatte, auf Schadensersatz verklagt – und gewonnen. In einem Flugblatt, das neben dem Buch lag, war von einigen weiteren Mops-Krankheiten infolge von Überzüchtung die Rede. Sie hatte sich deswegen bereits mit dem MPRV, dem „Mops-Pekinesen-Rassehund-Verband“, überworfen und war dem AMV, dem „Altdeutschen Mopsverband“, beigetreten. Diese knappe Aufzählung des Angebots auf dem „Event 4 Happy Dogs“ verdeutlicht bereits, dass der Hund nicht nur ein Begleittier oder Arbeitstier ist, sondern auch und vor allem ein (immer wichtiger werdender) Konsument – als „Familienhund“. Er bekommt dabei immer mehr Menschenrechte eingeräumt. Auf diese Weise werden sich Herr und Hund zunehmend ähnlicher – letzterer gleichzeitig auch medientauglicher: immer mehr Tiere verdienen ihr Geld beim Film – oder werden darauf hintrainiert. Auf diese Weise dreht sich die ökonomische Abhängigkeit des „Nomber-One“-Begleittiers vom Menschen gelegentlich schon ins Gegenteil. Im Grunde war der Hundetag in Karlshorst bereits eine einzige Auftrittsschulung – für beide „Partner“.

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mithören

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Im Plastizän

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Laut dem ehemaligen Chefredakteur der Designzeitschrift „form+zweck“, Günter Höhne, hatte man in der DDR „andere Ansprüche an die Produkte als in der kapitalistischen Warenwelt.“ Neben der Notwendigkeit, sparsam mit Energie und Rohstoffen umzugehen, gab es den allgemeinen Anspruch auf die Langlebigkeit von Produkten. Dies galt auch für Plaste-Produkte.
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Im Westen sind dagegen immer mehr Plastikprodukte Wegwerfartikel. Allein an Einkaufstüten kommen in der EU 100 Milliarden jährlich in den Handel. 1997 entdeckte man im Nordpazifik Millionen Tonnen Plastikmüll auf dem Meeresboden. Dieser „Great Pacivic Garbage Patch“ kommt durch die Wirbel der Meeresdrift zustande, er nimmt   mittlerweile eine Fläche von der Größe Texas‘ ein. Durch  Wasserbewegung und Sand werden von den Plastikteilen ständig winzige Partikel  abgeschmirgelt: Auf Hawaii gibt es bereits Strände, die mehr Mikroplastikpartikel („konfettiähnliche Bruchstücke“) als Sandkörner enthalten. Aber – angefangen von den Kleinstlebewesen im Meer über die Krebse und Fische bis zu den Landlebewesen – sind diese unzersetzbaren Polymerteilchen  inzwischen auch massenhaft in unseren Körpern eingelagert.
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Die Künstlerin Pinar Yoldas hat sich mit Meeresbiologen zusammen getan und anschließend eine „künstlerische Formensprache“ gefunden, die das unsichtbare „neue posthumane Ökosystem der Plastisphäre, in das sich die Weltmeere verwandeln,“ sichtbar macht. Ihre Objekte stellte sie kürzlich in der Berliner Galerie der Schering-Stiftung aus. Pinar Yoldas geht – optimistisch – davon aus, dass es der Flora und Fauna des Meeres gelingt, die Mikroplastikpartikel zu verdauen, wozu die Arten u.a. einige ihrer Organe umwandeln müssen. Es handelt sich bei ihren Objekten um Science Fiction Art – letztlich biomorphes Plastik-Design.
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Ironischerweise entdeckte das US-Biologen-Ehepaar Zettler, das „Mikrobielle Artengemeinschaften auf Plastikmüll im Meer“ erforscht, vor einem knappen Jahr, dass es inzwischen Bakterien zu geben scheint, die tatsächlich von Plastik leben, jedenfalls wiesen Plastikteile, die sie untersuchten, kleine Mulden auf, die eigentlich nur von Mikroorganismen herrühren können. Da Kunststoffe wasserabweisend sind, ermöglichen sie die Ansiedlung von bis zu 1000 verschiedenen Mikrobenarten auf einem einzigen Stück Plastik. Diese überziehen es mit einem „Biofilm“ bzw. bilden darauf „gelatinöse Ökosysteme“.  Und da alle Bakterienarten untereinander Gene austauschen können – als eine Art Sexualakt, der bei ihnen bekanntlich von der Vermehrung getrennt ist, könnten die Bakterien damit genau das erreicht haben, was der US-Genetiker Craig Venter, dem es als erster gelang, auf synthetischem Wege eine „bakterielle Zelle“ zu kreieren, seit 2011 mit zig Millionen Dollar von BP und Exxon herzustellen versucht: Abfall auf Erdölbasis  entsorgende Mikroorganismen. Diese gibt es auch freilebend, aber sie sind nicht „effektiv“ genug, d.h. sie wenden sich nach einiger Zeit wieder ab vom Erdöl. Die Bakterien, die man gentechnisch verändern will, sollen dran bleiben. Es gibt schon einen Zukunftshorrorroman, der darauf anspielt: „Der Plastikfresser“. Darin geht es um ein aus dem Labor entwichenes „mutiertes Bakterium“, das unsere ganze Plastikwelt zerstört: Flugzeuge stürzen ab, unsere Kleidung zerfällt, Tische und Wasserkessel lösen sich auf. Die Bakterie kann bald nicht mehr nur Polyethylen, sondern auch Polivinylchlorid verdauen.
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Bei den Mulden in Plastikteile fressenden Bakterien in der pazifischen „Plastiksuppe“ fragt man sich bereits, was sie denn an Unverdaulichem, an  langlebigen organischen Schadstoffen (Weichmacher z.B.) und neuen chemischen Verbindungen ausscheiden. Auf alle Fälle kann man diese „Mikroben der Plastisphäre  nicht als Laborausbrecher bezeichnen; diese Organismen entstanden, als das Labor mit Bruno Latour gesagt, von innen nach außen gekehrt und so die Welt zum Experiment wurde.“
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Das letzte Wort im Katalog von Pinar Yoldas hat der US-Marxist Michael Hardt: Er ist pessimistisch, was  die Plastikvernichtungsanstrengung der neuen Bakterien im Pazifik betrifft: Für ihn hat Plastik mit dem Geld gemein, dass beides den Traum von der Dauerhaftigkeit realisiert – aber: „Der Endpunkt der Akkumulation des Geldes, und besonders der Endpunkt der Akkumulation von Plastik, ist der Tod des Stoffwechsels.“
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lokalnachrichten

Nachricht einer Lokalzeitung

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„Unsere Tiere“
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17 Positionen zur „Mensch-Tier-Beziehung“ im künstlerisch-wissenschaftlichen Feld

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Die neue Ausstellung in dem quasi zu  Tierstudien verpflichteten „Tieranatomischen Theater“ der Humboldt-Universität wirkt minimalistisch, aber die meist kleinen Exponate haben es in sich: Sie sind historisch wertvoll. Viele stammen aus einer riesigen Sammlung in Halle, deren Name allein schon schwer geschichtsträchtig klingt: „Museum für Haustierkunde ‚Julius Kühn‘ des Zentralmagazins Naturwissenschaftlicher Sammlungen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.“
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Julius Kühn war ein bedeutender Agrarwissenschaftler, der u.a. der Frage nachging, ob die Zucht von Hausschweinen diese – unbeabsichtigt – verformt. Antwort: Ja. Die Beweise liegen auf dem Tisch, der nun in der Ausstellung im Themenbereich „Das Domestizierte Tier“ steht – mit 8 Schweineschädeln. Ihre Déformation professionlelle läßt sich an einer stetigen Verkürzung der ursprünglich langrüsseligen Schnauze ablesen, was „bis zur Mopsköpfigkeit gehen kann“ und mit „Frühreife“ einhergeht.
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Man muß in dieser Ausstellung viel „lesen“, ich meine nicht das Gedruckte, die Hinweisschilder, den kostenlosen Ausstellungsführer…
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In einer Vitrine im selben Raum wird noch einmal Geschichte im Seriellen „lesbar“ gemacht. Das diachrone Experiment von Julius Kühn wiederholte die Mendelschen Erbsenexperimente mit Schweinen, indem verschiedene Schweinerassen mit der „Wildform“ gekreuzt wurden. Um möglichst viele „Daten“ zu generieren, tötete man die Ergebnisse bereits im zarten Kindesalter. In der Ausstellung heißen sie nun „7 Dermoplastiken von Ferkeln auf Holz.“ Bei einem weiteren Schweineexperiment ging es – „ab 1910“ – darum, herauszufinden, wie sich das Skelett bei Unter- und bei Überfütterung verändert. Die „Hunger/Mastversuche“ vorgenommen an „Vollgeschwistern“, liegen nun ebenfalls auf einem „Tisch“, nebst einer „dazugehörigen Originalholzkiste mit historischem Etikett und zwei Abzügen historischer Fotoglasplatten.“
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Unter der Decke hängen 23 weitere Schweineschädel: Die Tiere  wurden alle im 10. Lebensmonat „gebolzt“ und sehen – aus der Besucherperpektive – alle  gleich aus. „Lange Serien von Tierarten sind das Handwerkszeug der Forschung vieler Naturkundesammlungen,“ erklärt uns dazu der Katalog. Für die Museen  können also gar nicht genug Tiere getötet werden. Einer der Kuratoren, Michael Fehr, Leiter des „Instituts für Kunst im Kontext“ an der UDK schreibt im Vorwort: „Naturhistorische Museen haben – ausgesprochen oder unausgesprochen – immer den Tod zum Thema.“ Die Lehrsammlung, die das „am Beispiel Schwein“ zeigt, ist nur eine von 16 „unterschiedlichen Positionen“. Dazu gehört z.B. auch die Fleißarbeit des Künstlers An-Chi Cheng: Neben einem ausgestopften Pandabär unter Glas hängt eine Graphik von ihm: Sie zeigt vom ersten bis zum letzten verschenkten Pandabär, was die chinesische Regierung in den Jahren ihrer „Panda-Diplomatie“, die 1982 aufgrund weltweiter Proteste von Tierschützern beendet wurde, damit alles erreicht hat, vornehmlich im „Ostblock“: an Verträgen, Handelsbeziehungen etc.. Nur einmal verursachte einer der Pandas Ärger: Als man 1980 Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Pandabärin schenkten und der sie, „Tjen Tjen“, an den Westberliner Zoo weiterverschenkte, woraufhin „Moskau intervenierte, weil Westberlin nicht Teil der BRD war.“ Der ausgestopfte Pandabär im Ausstellungsbereich „Das politische Tier“, ist das, was von „Tjen Tjen“ übrig blieb: Sie starb 1984 an einer Virusinfektion. Steckte eine B-Waffe des KGB dahinter?
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Etwas sehr Besonderes haben sich die Ausstellungsmacher für den Themenbereich „Das Tier als Parasit“ ausgedacht: einen Flohzirkus: 1. in Form vieler kleiner Exponate (z.T. mit der Lupe zusammengetragen von der Künstlerin Anne Kunz-Hiepler) und 2. an einem Tag in echt – am 30.Mai, dann  gastiert dort der „Original  Flohzirkus vom Oktoberfest“. An diesem letzten deutschen Unternehmen seiner Art läßt sich wunderbar die These des französischen Philosophen Michel Serres ablesen, dass die besten Wirte manchmal auch die besten Parasiten sind, denn normalerweise parasitieren die Flöhe – z.B. am Menschen Robert Birk. Ihm gelang es jedoch, sie zu einer Gegengabe zu bewegen – Blut gegen Schweiß: Woraufhin die Flöhe als „der starke August, der Fußballer Theodor und der Jongleur Fridolin“ in seinem Flohcircus auftraten. Und sie machten das so gut, dass nun der Direktor umgekehrt von ihnen lebt, d.h. von den Geldern, die sie mit ihren Auftritten einspielen. Deswegen gehörten die Flohzirkus-Exponate, die auf einen orientalischen Teppich drapiert wurden, eigentlich in den Bereich „Nutztiere“ – gleich neben den „50 gefrorenen Masthähnchen in einer Tiefkühltruhe“: ein Exponat des Museumskünstlers Milton Friedberg. Fazit: Der Mensch ist der größte Ausbeuter: parasitus rex.
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Die Ausstellung „Unsere Tiere“ läuft noch bis zum 9.August, Di – Sa von 14 – 18 Uhr. Das Tieranatomaische Theater befindet sich auf dem Campus Nord der HUB in der Philippstrasse 12/13, 10115 Berlin.
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Nachgestellte Szene aus dem Roman „Unsichtbar“ des afroamerikanischen Schriftstellers Ralph Ellison (auf Deutsch 1984 im März-Verlag erschienen). Der Held lebt illegal in einem Keller, den er mit hunderten von Glühbirnen heizt.

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Protestdemonstration gegen den Bau einer Schweinemastanlage in Haßleben/Uckermark

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Kommt man nach Hassleben stehen in der Mitte des Dorfes große Schilder: „36.000 Schweine machen den Touristen Beine“, und: „Gemeinsam in die Zukunft/ Aktion pro Schwein“. Es geht um die Wiederbelebung einer großen Mastanstalt für 140.000 Schweine, die nach der Wende aus Umwelt- und Tierschutzgründen abgewickelt wurde. U.a. hatte die Schweinegülle zwei Seen in tote Gewässer verwandelt. Jetzt ist es jedoch kein sozialistischer Fleischversorgungsplan mehr, sondern ein holländischer Unternehmer, Harry van Gennip, der dort ganz groß „investieren“ will. Er besitzt bereits seit 1994 eine für 65.000 Schweine ausgelegte Anlage im altmärkischen Sandbeiendorf. In Haßleben plante er 1994 eine für 85.000 Schweine.

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Die Nachdenklichen dort und in Umgebung gründeten daraufhin eine Bürgerinitiative gegen diesen „Wahnsinn“. Unterstützung bekamen sie vom Bündnis für eine ökologische Agrarwende „Wir haben es satt!“, vom Naturschutzbund, von Tierschutz-Organisationen, vom Arbeitskreis bäuerliche Landwirtschaft, von Agrar-Instituten, Vegetarierverbänden und den brandenburgischen Grünen. Sie setzten sukzessive eine Verkleinerung der Anlage durch. Auf der anderen Seite war man aber auch nicht untätig: Der holländische Investor holte sich u.a. Helmut Rehhahn als Berater, einst SPD-Landwirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt und davor Leiter einer Bullenprüfstation in der DDR. „10 000 Mastschweine. Alles andere ist Spielerei,“ erklärte er 2007 dem Spiegel. „‚Haßleben wird noch moderner. Haßleben,‘ sagte er, ‚das kommt. Das kriegen wir hin‘.“ Ein anderer Schweinemäster verriet dem „Freitag“, warum es ihn und andere „Holländer“ nach Osten zieht: „In Holland wirst du als Schweinezüchter ständig wie ein Krimineller behandelt. Das ist in Ostdeutschland anders. Hier kannst du noch Unternehmer sein. Umweltkosten spielen keine Rolle.“ Dazu muß man wissen, dass der holländische Staat dies strategisch plant: Unter Beteiligung von Banken werden an Landwirtschaftsprojekten interessierte Holländer in Arbeitsgruppen geschult und dabei ausgesiebt – getrennt nach Ost und West, je nach dem, wo sie sich in der EU niederlassen wollen. Vor Ort helfen ihnen dann holländische Berater und spezielle Botschaftsangehörige. Van Gennip fand vor Ort – in Haßleben – Unterstützung im langzeitarbeitslosen Teil der Bevölkerung, die sich von seinem gigantischen Schweineprojekt ganz ganz viele „Arbeitsplätze“ versprach und deswegen die Bürgerinitiative „Aktion pro Schwein“ für ihn gründete.

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So weit so demokratisch im Neoliberalismus. Am Sonntag nun fuhren wir, aufgerufen vom Bündnis „Kontra Industrieschwein“ und der Kampagne „Meine Landwirtschaft“ mit Bussen und Zügen nach Haßleben. Die geplante Schweinemastanlage hatte die Polizei weitläufig abgesperrt, so dass die Kundgebung davor an zwei leerstehenden Viergeschossern stattfand. Es gab Info- und Kaffestände, Erbsensuppe, eine Gesangs- und Trommelgruppe. Unter den 1000 Teilnehmern trugen viele Transparente. Ein Redner nach dem anderen prangerte noch einmal das Verbrecherische an der „industriellen Landwirtschaft“ an: „Das Leid und die Entwürdigung der Tiere hat ein ungeheuerliches Ausmaß erreicht“. „Es geht hier nicht nur um Haßleben, sondern darum, dass die großen Investoren sich nicht der ganzen Landwirtschaft bemächtigen; die tiernahe bäuerliche Wirtschaftsweise geht dabei zugrunde“. Ein holländischer Ökolandwirt aus der Umgebung ergänzte: „Dazu müssen wir die Spaltung zwischen konventionellen Bauern und Biobauern überwinden – d.h. gemeinsam kämpfen.“ Der Präsident der gehanaesischen Kleinbauernvereinigung ging noch weiter: „Nur durch eine internationale Solidarität kann sich unsere Situation verbessern. Auf unseren Märkten , in Accra z.B., sieht man überall Import-Produkte – Fleisch und Gemüse aus der EU und USA. Wir Bauern wollen diese Importe nicht, wir wollen das Land mit unseren eigenen Produkten versorgen.“ Eine andere Rednerin war optimistisch, dass sich auch dies, das Verschieben der Überproduktion in die Dritte Welt, ändern wird: „Die hiesigen Verbraucher legen immer mehr Wert auf tiergerechte Haltung.“ Auch der Sprecher der BI verbreitete Optimismus: „Die Anlage wird nicht so schnell in Betrieb gehen. Wir klagen durch alle Instanzen – das hat eine mindestens aufschiebende Wirkung für den Baubeginn.“

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Dann setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung – auf der zwei Kilometer langen menschenleeren Allee in den Nachbarort Kuhz, wo wieder jede Menge Info- und Essensstände auf die Massen warteten, die dann auch alle kamen.

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Die Tierärztin in Kuhz, die einst für kurze Zeit in der Schweinemastanlage von Haßleben eingesetzt war, erzählte, dass es fürchterlich gewesen sei: „Gegen den hohen Infektionsdruck müssen die Tiere ständig medikamentiert werden, so dass sie u.a. Antibiotika-Resistenzen entwickeln.“ Ein Linker, der dort ein Sommerhaus hat, wandte gegen diese ganze Bewegung „Zurück zum Einzelbauerntum“ ein: „Schon Karl Marx sah diesen Prozeß der ‚Expropriation der Ackerbauern‘ als ‚historische Unvermeidlichkeit‘ und 1882 bereits als vollzogen an. Dem auf die Zerstörung der Allmende in Westeuropa folgenden ‚bäuerlichen Parzelleneigentum‘ gab er keine Chance: Es werde unweigerlich der ‚von Kapitalisten betriebenen Landwirtschaft‘ weichen müssen. Friedrich Engels meinte daraufhin: ‚Es ist unsere Pflicht, ‚den Bauern die absolute Rettungslosigkeit ihrer Lage klar zu machen‘.“

Ich seh das nicht (mehr) so fortschrittsoptimistisch.

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Haßleben: Kundgebung und Demonstration – photographiert von Carlos Schmidt

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Haßleben – photographiert von Carlos Schmidt

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P.S.:  Der Spiegel meldete drei Tage nach Rückkehr aus Haßleben: „In Zukunft müssen Landwirte regelmäßig melden, wenn sie Antibiotika geben. Dadurch soll zu erkennen sein, wenn ein Betrieb übermäßig viel davon einsetzt. Die Überwachungsbehörden der Länder können Prüfungen und Maßnahmen anordnen, um den Einsatz zu verringern. „Von den neuen Regelungen profitieren am Ende alle: Verbraucher, Tiere, Tierhalter und Tierärzte“, sagte der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU).

Reduzierung sei „das wirksamste Mittel“ gegen zunehmende Antibiotika-Resistenzen. In der Kritik stehen vor allem massenhafte Medikamentengaben in Mastanlagen mit Tausenden Hühnern oder Schweinen. Antibiotika sollen generell so selten wie möglich verwendet werden, um zu verhindern, dass sie auch bei Menschen nicht mehr wirken.

Die Grünen fordern weitergehende Maßnahmen. „Die Art der Haltung macht die Tiere krank“, sagte der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Friedrich Ostendorff. „Wenn sich die Haltungsbedingungen und die Höhe der Besatzdichten nicht ändern, wird der Medikamenteneinsatz weiterhin so groß sein, dass daraus gesundheitliche Risiken durch Resistenzen für uns alle entstehen.“

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Unselige Residenzpflicht
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Die „Residenzpflicht“ kennt man von den Asylbewerbern, die manchmal jahrelang unbeschäftigt in ihren „Unterkünften“ warten müssen, bis über ihren „Antrag“ entschieden ist. Jüngst verließen hunderte von „Lampedusa-Flüchtlinge“ die Heime und forderten auf öffentlichen Plätzen u.a. „Weg mit der Residenzpflicht“. Im Berliner „Humboldt-Forum“, wo man auf den Einzug ins Schloß wartet, wurde neulich gescherzt, man könne doch die Hohenzollern dort wieder einquartieren – aber diesmal mit einer „Residenzpflicht“.
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In der umfangreichen Studie von Karl-Heinz Roth und Jan-Peter Abraham: „Reemtsma auf der Krim – Tabakproduktion und Zwangsarbeit unter der deutschen Besatzungsherrschaft 1941 – 1944“ ist ebenfalls davon die Rede, dass die Deutschen in den Tabakregionen der Krim „eine allgemeine Residenzpflicht“ einführten. Hier mußten die ehemaligen Kolchosbauern jedoch arbeiten – von Soldaten bewacht: 6 Tage in der Woche täglich 12 Stunden – für den Reemtsma-Konzern. Tabakanbau und -ernte gehört zu den unangenehmsten Landarbeiten, weil die klebrigen Blätter und er Staub so stark nikotinhaltig sind, dass man Ausschlag bekommt und sogar schwer krank davon werden kann. Zudem waren die meisten Arbeiter muslimische Tataren, denen Tabakgenuß verboten war. Die Deutschen versprachen den Tabakbauern, meist Frauen und Heranwachsende, die man noch nicht als Zwangsarbeiter ins Reich deportiert hatte, Stundenlöhne in Rubel. Sie bekamen jedoch bloß „Petroleumweizen“ zugeteilt – aus Beständen, die von der Roten Armee bei ihrem Rückzug mit Benzin übergossen und angesteckt wurden, aber nicht ganz verbrannt waren. Außerdem schlechte Zigaretten, die als Währungsersatz dienten. Überleben konnten sie nur dank ihrer kleinen Privatwirtschaft, in der die Deutschen ihnen als erstes „die ganze Viehwirtschaft weggenommen“ hatten.
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In ihrem auf Interviews mit Zwangsarbeitern basierenden Kapitel  über die „Arbeits- und Überlebensbedingungen“ schreiben Roth/Abraham: „Menschen, die sich immer als Leibeigene einer absoluten Macht, des despotischen Staats, wahrnahmen, konnten zwar zwischen der ‚alten‘ (stalinistischen) und der ’neuen Macht‘ der Okkupanten unterscheiden, aber nicht zwischen unfreier Arbeit und Arbeitsverhältnisse, wie sie durch die freie Lohnarbeit bedingt sind.“ Was sich wie ein Loblied auf „Freedom & Democracy“ hier anhört, soll bedeuten, dass die Kolchosbauern, mindestens auf der Krim, auch schon vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion mit einer „Residenzpflicht“ belegt waren – insofern sie keine Pässe besaßen und ihre Mobilität gnehmigungspflichtig war.
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Die Leibeigenschaft, die genaugenommen ein Verhaftetsein mit dem Land eines Gutsherrn war, hatte der russische Zar bereits 1861 aufgehoben. Die Bauern mußten dafür jedoch 49 Jahre lang eine „Ablösesumme“ zahlen. Ihre Landzuteilung war außerdem zu gering, um aus der Residenzpflicht heraus sich eine eigene „Existenz“ aufzubauen. In der DDR behielten die Bauern bei der  „Zwangskollektivierung“ ihr Land, das sie nur „einbrachten“, deswegen ging man nach 89 im Westen davon aus, sie würden sofort anfangen, sich damit wieder eine eigene Existenz schaffen. Weil dem nicht so war, konnten etliche LPG trotz vielfältiger Behinderungen und Zerschlagungsversuche bis heute überleben (als GmbH, AG oder Genossenschaft). Anders die vielen LPG-Arbeitskräfte ohne Land – für sie gilt vielleicht, was meine Kollegin in der LPG Saarmund, die Kälberpflegerin und „Brigademutti“ Renate, so ausdrückte, als nach den Märzwahlen 1990 einige Westler in Schlips und Anzug über den Hof marschierten: „Mir doch egal, ob ich für die Kommunisten oder für den Gutsbesitzer arbeite.“ Dass die LPG dann pleite ging und sie arbeitlos wurde, wäre ihr damals nicht in den Sinn gekommen, denn „wir ernähren doch das Volk,“ wie sie sagte.
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Mit der Residenzpflicht der Tataren ging es 1944 dann so weiter, dass sie als „Volk“ wegen Kollaboration mit dem Feind nach Sibirien verbannt wurden, wo es erneut eine Residenzpflicht für sie gab. Von dort arbeiteten sie sich quasi insgeheim und individuell wieder zurück auf die Krim – bis heute.  Das Buch von Roth/Abraham hat den Zweck und betont diesen auch am Ende, dass die Profiteure der Zwangsarbeiter, der superreiche H.H.Reemtsma und die große „Imperial Tobacco Group“, ihre Tabakarbeiter angemessen entschädigen. Nach Auflösung der Sowjetunion errichtete die Reemtsma GmbH dreist sofort  wieder Zigarettenfabriken u.a. in der Ukraine, wodurch sie dort „zum regionalen Marktführer aufstieg, der infolgedessen auch die Krim – wieder – beherrscht.“

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Stimmen abhören – Illustration von Gerhard Seyfried

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Stimmen mithören – Illustration von Gerhard Seyfried

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Unbeschrankter Wahnübergang

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Es gibt immer mehr elektromagnetische (Funk-)Wellen, die durch unsere Körper und unsere Sinne rauschen – und – vielleicht dem entsprechend – gibt es auch immer mehr Stimmenhörer. Leute, denen je nach ihren Bildungsvorlieben bestimmte Zentralen – Jesus, CIA, Buddha, Hitler oder der Nachbar – in ihr Leben reinreden, d.h. ihnen ins Gehirn funken. Wir kennen die Handystrahlen, das Internet, die vielen  Radio- und Fernsehsender, Radarstrahlen, Mikrowellen, Funkfrequenzen, geheime staatliche und parastaatliche Sender, Hochspannungsleitungen usw.. Aber die Frequenzen, auf denen die Stimmen der  Stimmenhörer senden, kennen wir nicht genau genug.
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Ab 1972 wurde in Westberlin, einem frühen Zentrum von Abwehrfrequenzen, der „Sendermann“ berühmt. Er schrieb mit dickem Pinsel und weißer Farbe auf alle möglichen Mauern Sprüche wie „Der Senat foltert mit getexteten Reden“. Wenn man drüber nachdachte, konnte man ihn nur für seinen hellsichtigen Gedanken danken. Das war keine verdummende Werbung, sondern echte Aufklärung für die   Westberliner. Der Künstler und Galerist Andreas Seltzer widmete dem „Sendermann“ eine große Ausstellung. Sie hat inzwischen den Weg ins Internet gefunden, wo ein anderer Spruch vom Sendermann die Seite eröffnet: „In jedem Haus Sender Terror“. Das ist jetzt – während der WM – besonders wahr.
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Damals wurde in linken Kreisen vorwiegend mit der „kritisch-paranoischen Methode“ gearbeitet, wie sie Salvator Dali prägte und Thomas Pynchon dann perfektionierte: „Ein Paranoiker ist jemand, der alle Fakten kennt!“ hieß es z.B. Man kann die Stimmen der Stimmenhörer einmal als von außen kommend begreifen und zu analysieren versuchen, bis dahin, dass von „Telepathie“ und „Fernwirkung“ die Rede ist, ein andern Mal als von innen – bis dahin, dass von „Halluzination“ gesprochen wird, wie es zuletzt z.B. der Psychiater Oliver Sacks in seinem Buch „Drachen, Doppelgänger und Dämonen“ tat.
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In der Antipsychiatriebewegung der Siebzigerjahre kämpfte man noch dagegen , dieses „Problem“ eines Menschen in sein Inneres zu verlagern – und dort zu „lösen“, d.h. die Stimmen mit Medikamenten, Elektroschocks, Insulinschocks etc. so weit zu dämpfen, dass sie vom „Patienten“ nicht mehr gehört werden konnten. Namentlich Michel Foucault bemühte sich,  Pychiatrie und eigentlich die ganze Medizin einerseits der Nichtwissenschaftlichkeit zu überführen und andererseits ihre  verbrecherischen „Machtwirkungen“ – meist im Verbund mit der Justiz –  aufzuzeigen. Er sprach von einer  fatalen „Medizinisierung der Gesellschaft“ und einer „Verarztung von abweichendem Verhalten“.
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Der Stimmenhörer Frank Possekel, den ein freundlicher und ein gemeiner Kommissar unaufhörlich zum Selbstmord überredeten, hat sich ihrer erwehrt, indem er deren Absichten protokollierte. Sein Text heißt (im Internet): „Neurofaschismus“. Andere haben sich intensiv mit den technikbasierten Beeinflussungsstrategien des US-Militärs und der -Geheimdienste beschäftigt. Inzwischen gibt es in den USA eine ganze Forschung von unten, mit eigenen Publikationen, die deren Gehirn-Steuerungsversuchen auf der Spur ist. Hier gibt es dagegen viele Stimmenhörer deren Stimmen aus dem sozialen Nahbereich kommen, d.h. denen (böswillige) Mitmieter, Hausmeister etc. – per „Gedankenübertragung“ oder wie auch immer – üble Dinge mitteilen, um sie fertig zu machen. Der Jurist und Krimiautor Wilfried Eggers hat in seinem Roman „Die oder ich“ einen, der sich dagegen bewaffnete, porträtiert.
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Ganz anders die Selbsthilfegruppen der Stimmenhörer, die international organisiert sind (die Berliner Gruppe bekam gerade einen Neuköllner Kulturpreis). Sie gehen auf verschiedene Weise mit dem Hören von Stimmen um – immer ohne psychiatrische Begrifflichkeit und Medikamentierung. Einige setzen auf Trialoge (Betroffene, Angehörige, Berater), andere auf Betroffenen-Treffen, wobei die Dänen so weit gehen, dass an ihren Versammlungs-Tischen neben den Stimmenhörern und einigen Betreuern auch die Stimmen sitzen dürfen. Allerdings nur bis zu vier von jedem  Stimmenhörer und das auch nur nach vorheriger Anmeldung der Stimmen. Die Holländer wiederum gehen davon aus, dass man sich mit seinen Stimmen u.U. auch arrangieren – also damit leben – kann. Sie stehen damit quasi zwischen den Fronten: Auf der einen Seite die Mediziner und Juristen, die die Stimmen im Inneren der Stimmenhörer lokalisieren wollen und auf der anderen diejenigen Stimmenhörer, die darauf bestehen, dass die Stimmen von außen kommen – vom Staat, seinen  Geheimdiensten und wissenschaftlichen Instituten. Diese unternehmen Neuro-Experimente mit Leuten, indem sie gegen deren Willen stimmlich in ihren Kopf eindringen. Der „Fremdwirkungs“-Soziologe Klaus Kusanowsky meint, „der Begriff ‚Magie‘ könnte dabei unter Berücksichtigung der exoterischen Selbstorganisation der Internetkommunikation und der sogenannten Cybertechnologie wieder relevant werden.“
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P.S.:

Die FAS schreibt: In den Jahren vor seinem Tod fühlte sich Carl Schmitt von Stimmen und Geräuschen verfolgt. Es wird berichtet, er habe Angst vor Wellen gehabt. Angesichts gepsenstischer Stimmen und Wellen, denen er ausgesetzt zu sein glaubte, sah er sich gezwungen, seinen berühmten Satz der Souveränität umzuschreiben: „Nach dem Ersten Weltkrieg habe ich gesagt: ‚Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.‘ Nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts meines Todes, sage ich jetzt: ‚Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.'“ Wer mithilfe von elektromagnetischen Wellen in jeden Raum eindringen und deren Bewohner beeinflussen kann, hat die wahre Macht und Souveränität. Das elektromagnetische Medium bringt eines neue Souveränität hervor.

In der selben FAS-Ausgabe geht es um eine „Magical Secrecy Tour“ durch Berlin – zu den Orten der hiesigen „Überwachungskultur“: Vom Stasi-Gebäude zum Neubau des Bundesnachrichtendienstes, vom Google-Hauptquartier Unter den Linden und der US-Botschaft am Hotel Adlon zur Glienicker Brücke, von der US-Abhörstation auf dem Teufelsberg zum Hackerlabor „C-Base“ an der Jannowitzbrücke… . Mit dabei war ein Veteran des britischen MI6 und eine abtrünnige Agentin des MI5, ein „Telekommunist“ aus Kiew, eine Sprecherin des Stasi-Archivs, der künstlerische Leiter der „transmediale“, der FAS-Reporter usw… . Die ehemalige MI5-Agentin Annie Machon sagte angesichts des riesigen BND-Gebäudekomplexes: „Das ist wie wenn man der Bevölkerung sagt: ‚Fuck You!'“ . Ihr Landsmann von MI6, Nigel Dunkley, der als Agent in der DDR arbeitete, hatte das abgehörte Material in den „Raydomes“ auf dem Teufelsberg auf seine Richtigkeit vor Ort zu prüfen und zu vertiefen. Von denen, die auf der Abhörstation „die dünnen Stimmen ihrer kommunistischen Feinde im Ohr hatten, sagte er: ‚Viele von ihnen träumten nachts von Stimmen, die gar nicht da waren.'“.

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Die Wahrheit Halluzinieren muß auch im „Amerikanismus“ und ohne „Technik“ erlaubt sein – Photo von Gerhard Seyfried

 

 

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