vonHelmut Höge 06.07.2015

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Tierversuch

 

 

 

Die Giordano-Bruno-Stiftung setzt sich dafür ein, die Menschenrechte auf Menschenaffen auszudehnen. Sie wurde 2004 vom Möbelhersteller Herbert Steffen ins Leben gerufen, der zuvor die umfangreiche „Kriminalgeschichte des Christentums“ des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner gefördert hatte . Sie hört mit dem zehnten Band im 18. Jahrhundert auf, weil der Autor gesundheitlich erschöpft war. Deschner war überzeugter Vegetarier, im Interview meinte er laut Wikipedia wiederholt, wenn er noch einmal leben könnte, würde er seine Kraft einer noch hoffnungsloseren Thematik widmen als der Bekämpfung des Christentums – dem Tier.

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Zu den christlichen Verbrechen zählt auch die Ermordung des Priesters Giordano Bruno, der die „kopernikanische Wende“ in seinen europaweiten Predigten nachvollzog – und deswegen 1600 als Ketzer in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. 2000 erklärte Papst Johannes Paul II. die Hinrichtung Brunos zwar für Unrecht, aber rehabilitieren wollte er ihn erst einmal noch nicht. Die Giordano Bruno Stiftung beauftragte als erstes den beim „Humanistischen Pressedienst“ (hpd) engagierten Philosophen Michael Schmidt-Salomon, ein „Manifest“ für einen neuen „evolutionären Humanismus“ zu entwerfen – mit klarem „naturalistischen Profil“, also auf naturwissenschaftlicher Grundlage. Dazu empfiehlt der Philosoph jedoch überraschenderweise eine Art „Beautiful Loser“-Haltung – „effektiver Altruismus“ von ihm genannt: „Wenn evolutionäre Humanisten den schmalen Grat zwischen Blauäugigkeit und Zynismus meistern wollen, müssen sie sich illusionslos, aber unverzagt, den Fakten stellen – und das heißt, dass sie das alles andere als unwahrscheinliche Scheitern ihrer Bemühungen von vornherein einkalkulieren müssen.“

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Als nächstes revitalisierte die Stiftung das „Great Ape Project“. Dieses war 1993 aus der Streitschrift „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen“ (Orang-Utan, Gorilla, Schimpanse und Bonobo) hervorgegangen, das u.a. von dem in Princeton lehrenden Naturethiker Peter Singer herausgegeben und von Jane Goodall, Jared Diamond und Richard Dawkins prominent unterstützt wurde. Sie dehnten darin Charles Darwins naturwissenschaftliche Erkenntnis, dass Affe und Mensch den selben Vorfahren haben, ins Kulturelle und Juristische aus. Man fragte sich, warum die Menschenrechte nur für die höheren Affen gelten sollen. Der Herausgeber Peter Singer ist wie die meisten Naturschützer und Biologen für eine Drosselung des Bevölkerungswachstums, in seiner „praktischen Ethik“ grenzt das immer wieder an eugenische Ideen in bezug auf behindertes Leben, so wenn er etwa meint, dass ein Neugeborenes nicht schützenswerter ist als ein Embryo. Den Biologen schwebt gerne ein körperlich und geistig fittes Leben vor. In den angloamerikanischen Ländern gilt Singer als ein Linker, in Deutschland, wo man den Euthanasie-Gedanken, die Vernichtung „unwerten Lebens“, zur Staatsraison erklärte, sieht man in ihm einen üblen Rechten.

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Beides scheint zuzutreffen. Bevor er in den USA erfolgreich war, legte z.B. der amerikanische Genetiker und spätere Nobelpreisträger Hermann Joseph Muller 1935 Josef Stalin einen großen eugenischen Plan vor, den er „Aus dem Dunkel der Nacht“ betitel hatte: „Viele zukünftige Mütter, befreit vom religiösen Aberglauben, werden stolz sein, ihr Keimplasma mit dem eines Lenin oder Darwin zu mischen, um der Gesellschaft mit einem Kind von ihren biologischen Eigenschaften zu dienenOEEchte Eugenik kann nur ein Produkt des Sozialismus sein“. Gegen diese makropolitischen Pläne protestierten nicht nur die sowjetischen Frauenverbände, auch in den Zeitungen wurde gegen solche oder ähnliche Mixturen aus Soziologie und Biologie zur Massenproduktion des Neuen Menschen polemisiert, zumal nachdem ab 1933 das nationalsozialistische Deutschland eine Rassenverbesserung qua Biopolitik auf seine Fahnen geschrieben hatte und die Eugenik damit für die sozialistische Sowjetunion quasi „verbrannt“ war, wobei das Ziel jedoch nicht in Frage gestellt wurde, das man jedoch eher durch Pädagogik, Kollektivierung, Arbeit auf den Großbaustellen des Sozialismus, mit Taylorismus, Arbeitswissenschaft und – bis zum Sturz Trotzkis – mit der Psychoanalyse erreichen wollte. Wenig später gerieten auch die Genetiker in staatlichen Verschiß. Hermann Muller verließ die Sowjetunion rechtzeitig, 1949 wählte man ihn zum Präsidenten der „American Society of Human Genetics“. Seitdem arbeitet man dort an einer Eugenik auf privater Basis. Das schwebt auch Peter Singer vor, wenn er z.B. von Schwangerschaftsabbrüchen und Sterbehilfe redet. 2011 verlieh ihm die Giordano Bruno Stiftung ihren „Ethik-Preis“, im selben Jahr bestellte sie den Psychologen Colin Goldner zum Leiter ihrer Kampagne „Grundrechte für Menschenaffen“. In einer Pressekonferenz stellte er 2014 seine gründliche Untersuchung aller in Deutschland in Gefangenschaft gehaltenen Menschenaffen vor: „Lebenslänglich hinter Gittern“ betitelt.

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In diesem Jahr nun vergab die Stiftung erstmalig einen „Peter-Singer-Preis für Strategien zur Tierleidminderung“. Die FAZ schrieb: „Und weil niemand so würdig sein kann wie der Namensgeber selbst, wird der umstrittene Utilitarist Peter Singer, dessen Empathie für ’nichtmenschliche Tiere‘ eng mit seinem Plädoyer auch für nichtfreiwillige Euthanasie bei bestimmten Menschen verknüpft ist, auch gleich der erste Preisträger sein.“ Behindertenverbände und linke Gruppen sprachen daraufhin von einem „Skandal“. Die taz war ebenfalls der Meinung: „Euthanasie-Befürworter sind nicht preiswürdig, das finden nicht nur jene, die zu einer Protestkundgebung aufrufen, die sich gegen den Auftritt von Peter Singer in der Urania richtet.“ Die Laudatio sollte der Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung, Michael Schmidt Salomon halten, doch mit wachsender Kritik an der Preisverleihung sagte er ab. In seiner Erklärung bezog er sich auf ein Interview, dass Singer kurz zuvor der Neuen Zürcher Zeitung gegeben hatte: Darin habe Singer Positionen vertreten, die nicht nur im Widerspruch zu einem humanistisch-emanzipatorischen Politikverständnis, sondern auch im Widerspruch zu seinen früheren Standpunkten stünden. In dem Interview betont Singer unter anderem, er halte es für vernünftig, die Präimplantationsdiagnostik zu erlauben.

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Auch der stellvertretende Vorsitzende des deutschen Ethikrates trat als Festredner zurück. Zu der Protestdemonstration vor der Urania kamen dann etwa 150 Leute. Sie forderten Redeverbot für Singer. In der geschlossenen Veranstaltung ging es dann laut taz vor allem „um Schlachtungszahlen, Bevölkerungszunahme, Klimawandel. In seiner Dankesrede prophezeite Singer eine vegane Welt in spätestens 50 Jahren.“ Das Preisgeld will er Tierschutzorganisationen spenden, nicht zuletzt solchen, die sich um den Schutz der wenigen noch frei lebenden Menschenaffen bemühen.

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Um Verständnis mit ihnen wirbt derzeit auch die Ausstellung „Kultur der Affen“ im Haus der Kulturen der Welt, vom Veranstalter werden sie als „Grenzfigur zwischen Mensch und Tier“ bezeichnet. Im Katalog äußern sich dazu namhafte Affen-, Gender- und – seltsamerweise – Polymerforscher. Im Botanischen Garten fand darüberhinaus eine Veranstaltung mit der wohl berühmtesten Affenforscherin, Jane Goodall, statt, die dort aus ihrem Leben erzählte, das sie im Wesentlichen mit Schimpansen verbracht hat. Als junge Sekretärin hatte Louis Leakey sie deswegen Mitte der Sechzigerjahr in den „Gombe Stream National Park“ geschickt, zeitgleich mit der Ergotherapeutin Dian Fossey, die in Ruanda mit Berggorillas in Kontakt kommen sollte und der hippiesken Studentin Birute Galdikas, die auf Borneo Orang Utans im Reservat von Tanjung Puting erforschen sollte. Der Paläoanthropologe Leakey grub derweil zusammen mit seiner Frau in der kenianischen „Olduwaischlucht“ nach Knochen des „Urprimaten“, aus dem sich einst Menschenaffen und Menschen entwickelt haben sollten. Er hielt es für sinnvoll, dass man daneben auch die Lebensweise der heutigen Menschenaffen erforscht. Da er die westliche Biologie für patriarchalisch verblendet hielt und sowieso Frauen mehr Fähigkeiten zum Erfassen des Sozialen zugestand als Männern, organisierte er Forschungsgelder für die drei jungen Frauen, die er seine „Trimates“ nannte. Sie wurden, dank Film, Fernsehen und „National Geographic“, weltberühmt – und halfen damit einer anderen Affenforschung zum Durchbruch, die man inzwischen (mit ihrer dritten Generation) gut und gerne als eine feministische Wissenschaft bezeichnen darf. Dian Fossey wurde – wahrscheinlich von Wilderern – ermordet, Jane Goodall und Beirute Galdikas sind noch immer auf ihren Forschungsstationen engagiert. Statt Intelligenztests an gefangenen Affen anzustellen, versuchen sie sich lediglich als harmlose, bewegliche Teile in die Umwelt der Tiere zu integrieren. „Es ist eine Wissenschaft der Zusammenarbeit und nicht der Beherrschung“, so sagt es Birute Galdikas. Die Affenforscherinnen haben damit nicht nur „ein revolutionäres neues Bild“ von Affengesellschaften geschaffen, sondern auch die Öffentlichkeit – vor allem Naturliebhaber und -schützer – für die Belange von Affen sensibilisiert.

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So wie die Behindertenverbände gegen den „Great Ape Project“-Leiter Peter Singer protestierten, wenden sie sich umgekehrt gegen Wissenschaftler, die Experimente mit Affen anstellen. Als 2013 auf der Berlinale eine Dokumentation mit Jane Goodall lief: „Wiedergutmachung unmöglich“ – über die Überführung einer Gruppe von Schimpansen, an denen man 15 Jahre lang Aids-Medikamente getestet hatte, in einen Gnadenhof mit großzügigem Freigehege, verteilte eine Gruppe von Tierschützern am Kinoausgang Flugblätter, die sich gegen Gehirnexperimente mit Affen (Makaken) an der Uni Bremen richteten. Obwohl diverse Naturschutzverbände die Forschungen des Neurobiologen verurteilten, hielt die Unileitung an ihm fest. Es soll sogar „Morddrohungen“ gegen ihn gegeben haben, behauptete der „Spiegel“. 2014 erlaubte ihm das Bundesverwaltungsgericht 2014 eine Fortsetzung seiner „Tierquälerei“, wie die „Ärzte gegen Tierversuche“ empört schrieben. Eher von Erfolg gekrönt waren dagegen ihre Proteste gegen einen Tübinger Affenforscher am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, nachdem es einem der Aktivisten gelungen war, dort als Affenpfleger angestellt zu werden, wobei es ihm laut „Stuttgarter Zeitung“ gelang „erschütternde“ Filmaufnahmen und Photos zu machen: „Sie zeigen Affen mit Implantaten am Kopf, eines der Tiere hat einen blutverschmierten Kopf, einem anderen läuft Spucke oder Erbrochenes aus dem Mund.“ Daraufhin durchsuchte die Polizei das Institut, um die „Versuchsabläufe“ zu kontrollieren. Die Tierschützer begrüßten das. Der Institutsleiter verkündete schließlich, er werde die Versuche an Primaten, die seit 18 Jahren laufen, vorerst einstellen – und stattdessen wohl Laborratten nehmen. Der Tübinger Bürgermeister und über 600 Wissenschaftler („aus führenden Universitäten wie Cambridge, Harvard, Oxford und Yale“) solidarisierten sich mit ihm gegen die Tierversuchsgegner. Ein ebenfalls mit Affen Gehirnexperimente durchführender Neurologe vom University College London warnte davor, den Tierschützern nachzugeben, denn dadurch würden solche Experimente nur ins außereuropäische Ausland verlegt, wo man „unsere hohen Standards des Tierwohls nicht erfüllt“. Die Max-Planck-Gesellschaft bedauerte die Kapitulation ebenfalls, sie wollte sich nicht dem Druck der Straße bzw. von Laien beugen. In ihrer Stellungnahme attestierte sie den Tierversuchsgegnern eine „teilweise menschenverachtende Aggressivität“ und mußtmaßte, für ihre heimlichen Aufnahmen seien die Affen „manipuliert“ worden. Der Sender „3sat“ nannte ihre „Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen“ des Forschers eine „Affenschande“.

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Eine Redaktion von „sternTV“ suchte das Max-Planck-Institut auf, um mit den Wissenschaftlern über die Aufnahmen zu sprechen, die sie ihnen noch einmal vorführten, aber „sie äußerten sich dazu nicht.“ Stattdessen beauftragte das Institut einen „externen Experten“ mit der Begutachtung der Zustände in den Labors, den Direktor des deutschen Primatenzentrums in Göttingen. Der Neurowissenschaftler fand nichts zu beanstanden, „im Gegenteil: Die Tiere werden dort mit großer Sorgfalt und Professionalität behandelt“. Sein Gefälligkeitsgutachten war jedoch wenig professionell – wie sternTV fand: „Der angegebene „externe Gutachter“ Prof. Stefan Treue arbeitet seit Jahren eng mit dem Tübinger Max-Planck-Institut zusammen, da in seinem Institut in Göttingen die toten Affenkörper des Tübinger Max-Planck-Instituts pathologisch untersucht werden.“ Die Tierversuchsgegner waren unterdes auf einer höheren Ebene aktiv geworden: Sie hatten 1,2 Millionen Unterschriften gesammelt, mit denen die geltende Europäische Richtlinie für Experimente an Tieren verändert werden soll – dahingehend, dass nahezu alle Tierversuche in Europa verboten werden.

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P.S.: Nach dem Eklat mit der Giordano-Bruno-Stiftung wurde Peter Singer auch von der PhilCologne ausgeladen, was viele der dort eingeladenen Philosophen ebenfalls als eine Affenschande empfanden.

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P.P.S.: Nachdem auch noch eine Reihe von Nobelpreisträgern in einem offenen Brief gemeint hatten, „Ohne Tierversuche geht es nicht“, beschloß die EU-Kommission, Tierversuche nicht zu verbieten.

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