vonHelmut Höge 03.06.2015

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Es geht um Rückbau/Renaturierung/Minuswachstum – kurz: um Degrowth, wie wir auf Plattdeutsch sagen.

Alle Psalmen enden im Gloria“ (A. Pennacchi)

Der friesische Soziologe Ferdinand Tönnies situierte sich gedanklich zwischen einer “Gemeinschaft“ [immer älter werdende Dorflinde] und der „Gesellschaft” [immer größer werdende Lichtung]. “Die Lichtung des Seins” – das ist eines der “Schlüsselworte” für Heidegger. Dazu heißt es in einer Interpretation: “‘Lichtung’ verweist auf ‘Licht’, ‘Licht’ auf ‘Sichtbarkeit’ und ‘Sehen’, auf jenes ‘Sehen der Phänomene’, das Heidegger untrennbar mit dem Sagen und dem Hören verknüpft.” Angesichts unserer immer mehr auf das Sichtbare ausgerichteten Gesellschaft sprach der Sozialphilosoph Ulrich Sonnemann von einer „Okulartyrannis“, gegen die es sich zu wehren gelte. In den wenigen noch real existierenden Gemeinschaften geschieht das “Sagen und Hören” meist unter einem (heiligen) Baum, in den modernen Gesellschaften auf einer “Lichtung”. Nun wird dort aber immer öfter um eine „Schonung“ gerungen.

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Sehr schön hat diesen jahrelangen „Kampf“ zwischen (städtischen) Naturschützern und (dörflichen) Bauern bei der Durchsetzung des nordfriesischen „Nationalparks Wattenmeer“ der Ethnologe Werner Krauss geschildert. Es ging dort darum, etwa 10.000 Hektar aus der landwirtschaftlichen Nutzung zu nehmen, um in ökologischer Hinsicht Raum zu gewinnen. Als weiteres Beispiel einer solchen Renaturierung seien die Alleebäume erwähnt, die an westdeutschen Landstrassen auf Drängen des ADAC fast verschwanden, weil zu viele Autofahrer an ihnen verunglückten. In Ostdeutschland, mit seinem geringeren privaten KFZ-Verkehr ließ man die Bäume dagegen großenteils stehen. Und nicht nur das, man forstet dort inzwischen sogar ihre Lücken wieder auf und legt neue Baumalleen an. Ähnliches gilt für die Feldpflanzen Klatschmohn und Kornblume z.B. – hierbei wurde früher mit Herbiziden gelichtet, während jetzt ihre Schonung angesagt ist, aber auch für ganze Waldbereiche: Wo noch bis vor kurzem jeder Windbruch eilends von den Forstarbeitern beseitigt wurde, läßt man jetzt immer öfter Teile davon stehen bzw. liegen – als zukünftige kleine „Urwälder“. Selbst in den Parkanlagen werden immer mehr Grünflächen nicht mehr gemäht – und stattdessen zu „Langgraswiesen“ erklärt.

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Das ist Deutschlands Degrowth-Pionierin Ingeborg Däumler. Nachdem ihr Mann, der schwerreiche Aluminiumhersteller Alfred Däumler gestorben war, widmete die Ichthyologin sich ausschließlich dem überfälligen Rückbau Mitteleuropas unter besonderer Berücksichtigung der dortigen Flüsse und Seen.

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Diese Renaturierungstendenzen, die bisher eigentlich nur kleine Inseln in der flächendeckenden Denaturierung schufen, gehen etlichen „Betroffenen“ bereits zu weit: Bei den Bewohnern in den Wolfwiederansiedlungsgebieten Ostdeutschlands ist es die muntere Vermehrung der Wolfsrudel, die vor allem die Viehzüchter um ihre Herden fürchten läßt. Früher durften die Wölfe ganzjährig gejagt werden, heute sind sie dagegen ganzjährig geschützt. Ähnliches gilt für die Krähen: Sie gehören jetzt zu den geschützten Tierarten. Man sagt, dies geschah in Brüssel aufgrund der ornithologischen Unkenntnis der EU-Abgeordneten, die nicht wußten, dass die Krähen zu den Singvögeln zählen, als sie diese pauschal unter Schutz stellten. Bei den Wölfen geschah das jedoch – im Gegenteil: aus (biologischer) Kenntnis ihrer Funktion im Ökosystem: Sie sind ähnlich nützlich wie die Haie im Meer, indem sie, so sagt man, die Funktion einer „Gesundheitspolizei“ erfüllen. Bei den an der Oder lebenden und arbeitenden Menschen sind es die Wiedervernässungsgebiete, die von immer mehr Bibern belebt und baumfällenderweise umgestaltet werden – sie fürchten um ihr fruchtbares Ackerland; im Schleswig-Holsteinischen Nationalpark sind es die Ringelgänse, die auch außerhalb des Schongebiets nicht mehr gejagt werden dürfen, sich deswegen stark vermehrten und zudem weniger scheu wurden, so dass die Bauern nun erneut – wie bei den ersten Verhandlungen über den Nationalpark – über wachsende Feldfrucht-Verluste klagen.

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Von einer Schonung der Böden und einer „Spontanvegetation“ (vulgo: Unkraut) kann man auch bei all jenen Äckern sprechen, die mit den Stilllegungsprämien der EU wenigstens vorübergehend zur Brache wurden. Dass man Ländereien ungenutzt liegen läßt und noch Geld dafür bekommt, ist neu. Für gewöhnlich entstehen solche Renaturierungsflächen eher dadurch, dass das Kapital, dieses „scheue Reh“, sich zurückzieht, mindestens der Staat. In weiten Teilen Russlands, in Ostpolen, aber auch in Ostdeutschland sind ganze Dörfer am Aussterben. Östlich des Ural gibt es bereits tausende verlassene Siedlungen, die schon so gut wie überwuchert und damit nahezu verschwunden sind. Die kontinuierliche Denaturierung, ausgehend vom Schlagen einer Lichtung, ist hier in Renaturierung umgeschlagen – durch einen politischen und ökonomischen Umbruch, der ähnlich plötzlich geschah wie die Einrichtung der rund 1000 Quadratkilometer großen „Sperrzone“ rund um Tschernobyl – nach dem Reaktorunfall. Dieses 1986 menschenentleerte Gebiet wird von Biologen aus aller Welt inzwischen als ein wahres „Paradies“ bezeichnet. Die Evakuierten sehen das natürlich anders.

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Bei der Auseinandersetzung um den Nationalpark Wattenmeer meinte ein friesischer Bauer gegenüber dem „Spiegel“: „Die Grünen sind schlimmer als die Gutsherren einst.“ Dem gegenüber schrieb der Ethnologe Werner Krauss – in seinem Bericht „Die goldene Ringelgansfeder“, dass sich „der Kampf gelohnt habe. Heute werde das verbliebene Kulturland vom renaturalisierten Land durch eine weiß-rote Schranke abgetrennt: “In dieser Schranke steckt die ganze Vermittlungsarbeit”. Sie trennt Gänse von Bauern. Die Vögel haben nun einen Rastplatz und die Bauern bekommen für den “Wildschaden” eine Kompensation von der EU, dazu gehört ein spezielles “Hallig-Entschädigungsprogramm” – und “verbilligte Karten für die Schranke”. Der “Ringelgansschutz“ ist laut Krauss eine “Erfolgsstory des Naturschutzes.” Ihr Bestand ist auf 280.000 angewachsen, sie sind weniger scheu geworden, es wurde mit den Staaten auf ihrer Zugroute ein “Ringelgansmanagementplan” verabschiedet.

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Der holländische Agrarforscher  Frank Westerman beobachtete die Dinge in einem ähnlichen Fall von der anderen Seite aus – er sieht diesen zivilisatorischen Rückbau zugunsten der „Natur“ sehr viel pessimistischer. Seine Recherchen unternahm er am Wattenmeer des Dollart zwischen West- und Ostfriesland, wo es nicht um die Erweiterung des Lebensraumes von Ringelgänsen ging, sondern um den von Säbelschnäblern. Während der “Watten-Rat” auf deutscher Seite heute jubelt: „Bereits ab 2002 erreichte der Vogel in diesem Gebiet ‘internationale Bedeutung’”, schreibt Frank Westerman: “Ende der Neunzigerjahre lagen hier Tausende von Hektar brach: Der Getreideanbau lag in den letzten Zügen und schien ein willenloses Opfer der Landschaftsplaner mit ihren Riesenbudgets.” Die Verwaltung des “Naturschutzgebietes” in der ostgroninger Region Oldambt ließ das Land “vogelfreundlich” anlegen und errichtete für die Menschen “Vogelbeobachtungspunkte”. Vom Deich aus sah der Autor „Hunderte von Säbelschnäblerpaaren mit ihren Jungen am Ufer des Wattenpriels herumlaufen, dort, wo in den Achtziger Jahren noch Raps gestanden hatte.”

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Ihr erster Enkel, Jörn, steht barfuß lächelnd an einem Ufer, das Ingeborg Däumler vom Beton befreite. Man hatte den ganzen Schlickstrand bis zum Wasserrand versiegelt. Durch Eingaben und hartnäckige Verhandlungen mit der Verwaltung der mecklenburgischen Seegemeinde geland es ihr, einen Rückbau durchzusetzen.

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Frank Westerman hat sich auf drei Dörfer im Oldambt konzentriert – dem einstigen “Getreideparadies”, wie dann auch sein Bericht hieß, in dem es früher viele Landarbeiter gab und in dem noch 1994 über 50% der Wähler für die Kommunisten stimmten. Man nennt diese ostgroninger Region deswegen “das rote Dreieck”. Von hier stammte auch der einstige Herrenbauer und Sozialist Sicco Mansholt – der erste und wichtigste Landwirtschaftskommissar der EU, anfänglich noch EWG genannt. Wie schon Marx und Engels war auch Sicco Mansholt davon überzeugt, dass der kleinbäuerliche Familienbetrieb keine Zukunft hat – nur die industrielle Großlandwirtschaft. Der “Kulturlandgewinner” Mansholt entwarf dazu das Agrarsubventionsmodell, das noch heute – wieder und wieder modifiziert – gültig ist („Wachsen oder weichen“). Und er war es auch, der sich zuletzt für “Kulturlandvernichtung” – die Renaturierung, sogar Flutung von Ackerland einsetzte und an “Stillegungsprämien” dachte. Das war, nachdem er in Brüssel die „Grünensprecherin“ Petra Kelly kennengelernt und sich in sie verliebt hatte, wie Frank Westerman schreibt, der darüberhinaus neben der “grünen” auch noch eine “blaue Front” am Dollart ausgemacht hat, die die Landwirtschaft nun quasi von zwei Seiten in die Zange nehmen.

Mit letzteren sind die Wasserwirtschaftsverbände gemeint, die bereits eingedenk der Klimaerwärmung daran gehen, aus der niederländischen Küste eine “Sonderzone” zu machen, um “auf dem Land Raum für das Meer zu schaffen”. Dazu wurde teilweise sogar fruchtbare Erde abgetragen. Über all diese “grünen” und “blauen [Reduktions-] Projekte” haben sich jedoch die Getreidepreise in den letzten zwei Jahren verdoppelt, wie ein Oldambter Bauer dem Autor 2007 schrieb. Die zuständigen Behörden hätten ihm zwar versprochen, “auf guten, landwirtschaftlichen Böden soll keine Natur mehr angelegt werden,” aber er blieb, ebenso wie der Autor, pessimistisch.

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Die eher optimistische Berliner Öko-Publizistin Ute Scheub zählte kürzlich in einem taz-Interview eine ganze Reihe von Alternativ-Projekten auf, in denen es ebenfalls um Schonung statt Lichtung geht. Sie sprach dabei von einer „Glücksökonomie“, die sie in einen Gegensatz zur profitorientierten Besitznahme und Bewirtschaftung stellte, „deshalb bin ich ein Fan der internationalen Glücksforschung,“ fügte sie hinzu.

Die auf dem Land lebende Öko-Publizistin Karen Duve legte dagegen in ihrem kürzlich erschienenen Endzeit-Essay „Warum die Sache schiefgeht“ nahe, dass all diese gutmenschlichen Weltverbesserungs-Aktivitäten den katastrophischen Neoliberalismus in seinem Lauf nicht einmal bremsen können. Am Schluß ihrer pessimistischen Weltbetrachtung verbreitete sie dennoch ein bißchen Hoffnung, indem sie davon ausging, dass nach dem Untergang der Menschheit eine andere Spezies hochkomme: „Großäugige, intelligente Weidetiere. Es kann doch eigentlich nur besser werden.“

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Könnte es vielleicht sein: Je mehr das Unglück sichtbar wird und um sich greift („Kriege der Eliten gegen die Armen,“ wie Arundathi Roy es nennt), desto mehr Glücksforschung gibt es? Das Glück wird geradezu fieberhaft gesucht – überall auf der Welt. Angeblich soll es im Himalaya eine Art „Shambala“ geben: „das glücklichste Land“ der Welt, wie die US-Autorin Linda Leaming diesen Ort – Bhutan – bezeichnet. Während ein US-Linguist, Daniel Everett, einen solchen Ort im Amazonasgebiet ausgemacht hat. Dort leben die Pirahas – in transzendentaler Gegenwart: „Das glücklichste Volk“ der Erde, so bereits der Titel von Everetts Bericht über diese kleine Gruppe von Urwaldindianern. Sie kennen weder Vergangenheit noch Zukunft und glauben nur Erzählungen von Augenzeugen. Sie können nicht zählen, auch wenn sie es versuchen zu lernen, und auf Photos können sie nichts erkennen.

Ganz anders sieht es bei dem kleinen sibirischen Volk der Khuza aus. Der Künstler Klaus Heid zeigte vor einiger Zeit einige ihrer Kultgegenstände auf einer Ausstellung im Berliner „Gropiusbau“: u.a. „Weltringe“ und „Beschwerdefiguren“. Von letzteren erhofften sich die wegen ihrer legendären Melancholie und ihres sprichwörtlichen Mißmuts bekannten Ursibirier Linderung. Immerhin – sie hatten noch Hoffnung.

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In ihrem langjährigen Urlaubsort am Rande des Schwarzwalds gelang es ihr, dass die Dorftrasse, die man im Zuge des „Grünen Plans“ dreispurig ausgebaut und begradigt hatte, später sogar mit Ampeln und Zebrastraifen bestückt, wieder in die alte Facon gebracht wurde – fast, denn sie ist immer noch asphaltiert, für Kopfsteinpflaster fehlte es der Großgemeinde an Geld. Besonders dankbar sind Dr. Däumler die unmittelbaren Anlieger, denn sie bekamen dadurch ihre einst für die Straßenerweiterung abgegebenen Grundstücke zurück, die sie nun wieder zur Holzlagerung und für Vorgärten nutzen.

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Im Gegensatz zu den westafrikanischen Agnis: 1971 veröffentlichten die Schweizer Ethnopsychoanalytiker Paul Parin und Fritz Morgenthaler einen Bericht über die unglücklich machenden Sozialisationsformen in diesem Stamm, bei der im Ergebnis herauskommt: „Fürchte deinen Nächsten wie dich selbst“.

Im kommenden „Atlas der Globalisierung“, der sich mit der Formel „Weniger ist mehr“ befaßt, soll es u.a. um ökonomische Reduktionen zugunsten der Ökologie gehen – inspiriert von der „Degrowth“-Bewegung. Diese hielt kürzlich eine internationale Konferenz in Leipzig ab. Zu den Teilnehmern gehörte im übrigen auch die Autorin Ute Scheub – sie fuhr von Berlin aus mit dem Fahrrad dort hin. Die Konferenz bestärkte sie in ihrem Optimismus, dass die „Durchwucherung“ des Systems mit alternativen Lebens-, Arbeits- und Denkweisen auf einem guten Weg ist. „Es gibt keine ökonomische Utopie mehr, nur noch eine ökologische,“ so sagte es bereits der französische Wissenssoziologe Bruno Latour auf einer Veranstaltung in der bayrischen Akademie.

Er kann sich neuerdings, ebenso wie Ute Scheub, für die „Gaia-Hpothese“ begeistern, mit der unsere Erde und ihre Atmosphäre als ein bakteriell und geochemisch in „prästabilierter Harmonie“ gehaltener Superorganismus begriffen wird und die Menschheit darin als zunehmend wirksamer, indem es z.B. für die Klimaerwärmung verantwortlich ist. Obwohl man diese aktuelle Phase der globalen Naturgeschichte „Anthropozän“ nennt, was uns Menschen natürlich schmeichelt, muß gesagt werden, dass der Einzelne darin praktisch untergeht. Zum Trost haben einige namhafte Gesellschaftskritiker eine zeitlang den Begriff der „Lebenskunst“ favorisiert, was hierzulande jedoch bloß zur Folge hatte, dass die Anzeigenseiten der Stadtmagazine überquollen vor glücksversprechenden Therapie-, Workshop- und Beratungs-Angeboten. Auf der Suche nach diesem individuellen Glück war vielen nicht einmal der Landweg nach Indien zu weit. In der Kreuzberger Urbanklinik gab es schon bald ein ganzes Therapieangebot für „Indienfahrer“ – die zurück in Westberlin prompt manisch-depressiv geworden waren. In Indien, genauer gesagt in der Kleinstadt Kittur – zwischen Goa und Calicut – eröffnete sogar eine „Klinik Lebensglück“ – von einem Dr. Kamath, die allerdings vor allem von armen Einheimischen (mit Sexualproblemen) aufgesucht wird. „Die Westler wollen immer noch mehr Glück, das ist ihr ganzes Unglück,“ meint Dr. Kamath abschätzig.

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Um Probleme ganz anderer Art geht es in dem „Bericht aus dem innersten Indiens“ des Südasien-Korrespondenten der FAZ Thomas Ross, es hat den Titel „Der Tod des heiligen Baumes“. Der Subkontinent wird darin im wesentlichen durch den Konflikt eines Dorfes mit der Staatsmacht erklärt. Die Dörfler im Bundesstaat Bihar wehren sich gegen den Bau eines Staudamms. Er würde vielleicht für das Bruttosozialprodukt Bihars gut sein, aber sie würden einen Teil der Felder verlieren und sogar ihren heiligen Banyanbaum. Der Autor schildert darin mit Empathie die spirituellen Versammlungen unter dem großen Feigenbaum, auf denen die Dorfbewohner sich für ihren Widerstand Entschlußkraft holten. „Für die Bewohner des Dorfes war der Banyanbaum eine Verkörperung des ewigen Lebens, wuchs er nicht ununterbrochen, dehnte sich weiter und weiter aus…“ Ihr Widerstand begann mit der Nachricht, das die Regierung ihre Staudammpläne verändert habe, nun sollte auch noch der Platz ihres heiligen Banyanbaumes überflutet werden: “Nach einer alten indischen Tradition im Kampf für Bäume und Wälder banden sich die Freiwilligen an die Stämme.”

Die indische Schriftstellerin Arundathi Roy kann zwar Verständnis für all die nach der Unabhängigkeit geplanten riesigen Staudammprojekte aufbringen (der erste indische Ministerpräsident Nehru bezeichnete sie als „Tempel des Fortschritts“), aber heute seien sie ein „Verbrechen“. Im übrigen „wissen wir heute gar nicht mehr, was unsere Träume sind und was wir unter Glück verstehen,“ meinte sie kürzlich in einem „Zeit“-Interview.

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Auch bei dieser in den Siebzigerjahren gebauten Umgehungsstrasse für ihren Urlaubsort gelang Frau Dr. Däumler zwar nicht ein vollständiger Rückbau, aber eine erhebliche Reduzierung der Fahrbahn. Daneben wurde der in den Sechzigern eingerohrte Bach wieder renaturiert – und seine Uferböschung provisorisch mit Tannen bepflanzt.  Bei dieser Öko-Leistung verweist Frau Dr. Däumler gerne bescheiden auf den bayrischen Filmemacher Herbert Achternbusch, den der DDR-Dramatiker Heiner Müller als “Klassiker des antikolonialen Befreiungskampfes auf dem Territorium der BRD” bezeichnete. Achternbusch hat einmal gesagt: “Da, wo früher Pasing und Weilheim waren, ist heute Welt. Ein Mangel an Eigenständigkeit soll durch Weltteilnahme ersetzt werden. Man kann aber an der Welt nicht wie an einem Weltkrieg teilnehmen. Weil die Welt nichts ist. Weil es die Welt gar nicht gibt. Weil Welt eine Lüge ist. Weil es nur Bestandteile gibt, die miteinander gar nichts zu tun haben brauchen. Weil diese Bestandteile durch Eroberungen zwanghaft verbunden, nivelliert wurden. Welt ist ein imperialer Begriff. Auch da, wo ich lebe, ist inzwischen Welt. Früher hat man einen Bachlauf nicht verstanden, heute wird er begradigt, das versteht ein jeder. Ein Bach, der so schlängelt. Karl Valentin sagt: ‘Das machen sie gern, die Bäch’….” Achternbusch redete zuerst “von den Autobahnen in den Gehirnen, von den Begradigungen und Sanierungen“ und sprach dann „von den unsinnigen Betätigungen der Begradigten und Sanierten…”

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Der Widerstand des Bihardorfes gegen das Staudammprojekt, der an seinem großen Banyanbaum begann, endete auch dort – in einem “Blutbad”, das die Polizei anrichtete. Staudamm- oder Brunnen-Bau, darum ging es in dem Kampf, d.h. um “Große Technik aus der Stadt oder Kleine Technik aus dem Dorf,“ oder „Stadtwissenschaft gegen Waldwissenschaft,“ wie Thomas Ross schreibt. Im widerständigen Dorf gab es einen Sannyasi: „Indien sei im Wald geboren,’ sagte er“. Die indische Kultur war als „aranya samskriti“, als „Waldkultur“ bekannt, sie sei „allezeit mit dem Wald verbunden“. Die „westliche Stadtwissenschaft, sagte er weiter, will die Natur unterwerfen, die indische Waldwissenschaft hingegen sucht die Harmonie mit ihr.“ Er wollte nicht glauben, so Ross, „dass die Waldwissenschaft auch in Indien längst der Stadtwissenschaft gewichen“ sei.

Aber auch ein maoistischer Intellektueller, der mit dem dörflichen Widerstand sympathisierte, sprach beim Alternativvorschlag „Einrichtung eines Tiefrohrbrunnens“ von einer „Kleinen Dorftechnik“, die im Gegensatz stünde zur „Großen Stadttechnik“ der Staudammverehrer. Und meinte: „Die Städte haben sich gegen die Natur abgeschottet.“ So lockere z.B. der Holzpflug, den noch heute Millionen und Abermillionen indische Bauern benutzen, den Boden nur, während der mit dem Traktor gezogene Tiefpflug das millionenfache Mikrobenleben in der Erde vernichtet.

Wenn man dem Münchner Ökologen Josef Reichholf folgt, dann geschieht hierzulande genau das Gegenteil: Dass die Dörfer sich mehr und mehr gegen die Natur abschotten, während die Städte sich ihr öffnen. So verhält man sich z.B. gegenüber den in die Stadt drängenden Wildtieren und -pflanzen viel toleranter als auf dem Land, was auch einer Schonung gleichkommt.

Selbst im ganz Kleinen wird hier und da die Lichtung reduziert – beim täglichen Feischkonsum etwa, das die ständige Expansion von Agrarunternehmen abbremst. Im reichen Gent beschlossen die Bürger sogar, dass sie einmal pro Woche alle kein Fleisch mehr essen. Nicht zuletzt deswegen, weil das in der industriemäßig betriebenen Landwirtschaft produzierte Fleisch derart mit Antibiotika verseucht ist, dass man davon resistent gegen immer mehr Antibiotikamittel wird, was u.U. tödlich sein kann.

Die Degrowth-Möglichkeiten im ganz Kleinen werden daneben aber auch immer wieder von oben sozusagen durchgestellt: mit dem Rauchverbot z.B., mit immer höheren Benzinpreisen, höheren Mieten, weniger Sozialhilfe usw. – mit denen der Aktionskreis fast jedes Einzelnen zunehmend eingeschränkt wird – was sich natürlich auf seinen „ökologischen Fußabdruck“ günstig (verkleinernd) auswirkt. Es handelt sich dabei um eine Politik, die Blaise Pascal bereits im 17. Jahrhundert vorschwebte, als er davon ausging: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ Schon bald bleibt ihnen nichts anderes übrig.

Zu dieser Wirtschaftspolitik gehört auch das von Osram, Philips und Greenpeace durchgesetzte EU-weite Glühbirnenverbot sowie die Privatisierung von Wasser und Strom, wodurch sich die Preise dafür erhöhen. Dadurch werden der private Verbrauch reduziert, die CO2-Emissionen verringert und überhaupt die Ressourcen geschont. Fast sieht es schon so aus, als sei das Kapital die Kraft, die stets das Böse will doch Gutes schafft. Besonders offensichtlich wird das, wenn reiche Westler in den Tropen quadratkilometerweise Regenwald kaufen, nur um ihn vor der Vernutzung zu retten.

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Dieses Photo zeigt ihre erste ökologische Pioniertat. Damals lebte ihr Mann noch (rechts von ihr), die junge Frau links ist ihre gmeinsame Tochter mit ihren zwei Kindern. Die Däumlersche Pioniertat bestand darin, dass sie aus dem Haus hinter ihnen, das einmal ein asbestverseuchter Aussiedlerhof in Billigbauweise war, ein schmuckes Schwarzwald-Anwesen machte – mit Mitteln aus dem Fonds „Unser Dorf soll schöner werden“ und aus der Lottostiftung.

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Gleichzeitig mendelt sich auch immer mal wieder eine wissenschaftliche Forschung heraus, die dem „Minuswachstum“ zuarbeitet. Z.B. in der Rinderforschung der Agrarwissenschaftler – indem sie herausfanden, dass Kühe, denen man die Hörner weggeäzt oder abgezüchtet hat, unglücklicher sind als solche mit Hörnern. Der Schweizer Kuhexperte Martin Ott hebt darüberhinaus hervor, „dass Milch von Kühen mit Hörnern eine andere Kristallstruktur in bildschaffenden vergleichenden Kristallisationsuntersuchungen aufweist als die von enthornten Kühen.“ Sie ist angeblich gehaltvoller und länger haltbar. Für den Allgäuer Fleichrinderzüchter Ernst Hermann Maier, der eine Mutterkuhherde ganzjährig auf der Weide hält, ist das Wachstum der Hörner seiner Tiere ein Indiz dafür, wie weit er sie „artgerecht“ hält, so dass sie „zufrieden leben“ können.

Auch der Milchbauer Matthias Stührwoldt aus Stolpe (bei Bad Segeberg) bremste auf seinem Hof die Entwicklung zur weiteren Denaturierung seiner Landwirtschaft gewissermaßen ab, indem ihm die e.e. Kuhforschung zu der Überlegung verleitete, dass auch seine 60 enthornten Kühe sich mit Hörner wohler fühlen würden. Dazu mußte er einige Kühe verkaufen, also seine Herde verkleinern und den Stall umbauen, damit die neuen nicht enthornten genügend Platz haben, daneben gab er 30 Hektar Pachtland zurück. Dieses allem agrarische Denken zuwiderlaufende Negativwachstum, das auch weniger Handarbeit für ihn bedeutet, gleicht Matthias Stührwoldt durch vermehrte Kopfarbeit aus, indem er regelmäßig Kolumnen in der „unabhängigen Bauernstimme“ über seinen Hof, die Tiere und seine Familie veröffentlicht, aus denen dann Bücher werden. Zusammen mit seinen Lesungen daraus in Dörfern und Städten verdient er damit inzwischen mehr als mit seiner Milchwirtschaft, wie er mir verriet. Er könne diese jedoch nicht ganz aufgeben, meinte er, da es zu seinem Schriftstellerimage gehöre, dass er Bauer sei (dazu noch ein politisch engagierter).

Die „Degrowth-“ und „Renaturalisierungs-Bewegung“ macht inzwischen auch vor großen industriellen Landwirtschaften nicht mehr Halt. Der Vorsitzende und zuletzt Geschäftsführer einer LPG in Lenzen an der Elbe, Horst Möhring, erzählte mir, dass sie 1968 erhebliche Investitionsmittel bekamen, mit denen Teile der Elbe-Überflutungsflächen trockengelegt wurden – zur Stabilisierung der Erträge. Dann wurde auch noch die Mündung der Löcknitz verlegt – um 12 Kilometer, wodurch eine Rücküberflutung aus der Elbe verhindert und 10.000 Hektar neue Ackerfläche geschaffen wurden. Die DDR mußte damals Futtermittel importieren, der Westen reagierte darauf zwei Mal mit einem Getreide-Embargo, es ging bei dem umfangreichen und kostspieligen Meliorationsprojekt mithin darum, eine Unabhängigkeit von Getreideeinfuhren zu erreichen. Nach der Wende gab es vom Westen drei Millionen DM für ein biologisches Forschungsprojekt zur Rückdeichung. Es ging dabei um 480 Hektar Überflutungsfläche. Dadurch verschwanden zwar drei Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, dafür entstehen aber nun etliche mehr im Tourismus. Auf einem Teil der entnutzten Flächen weidet jetzt – halbwild – eine vom Aussterben bedrohte Pferderasse, sie wird von einem Schweizer Forschungsprojekt wissenschaftlich begleitet.

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Der Biobauer Matthias Stührwoldt benutzt beim Schreiben einen Computer, seine Texte verschickt er per Internet und Lesungen verhandelt er am Handy. Überhaupt läuft ja die „elektronische Revolution“ gleich mehrfach auf Reduzierung hinaus: Weniger Fabriklärm und -dreck, weniger Schadstoffbelastung, weniger Rumgerenne, weniger Papier- und damit Waldvernichtung, weniger Energieverbrauch durch immer kleinere Rechner und effizientere Logarithmen. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass das gesamte Kapital heute auf Reduktion setzt. Das geht bis hin zu den Apolloflügen und der Marskolonisierung. Schon haben sich angeblich 10.000 Menschen bereit erklärt, ohne Rückflug die ersten zu sein, die sich da oben, weit abseits von Gaia, neu ansiedeln wollen. Die englische Kolonisierung Indiens ist dagegen ein Scheißdreck – wenn es denn klappt. Die skeptische Karen Duve hat das gar nicht erst in betracht gezogen – und stattdessen ihre Hoffnung hienieden gleich auf die nächste Spezies – nach dem Ende des Anthropozäns – gesetzt: auf die Wiederkäuer.

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Manchmal tun es schon kleine Dinge, um die Degrowth-Bewegung zu befördern. Hier posiert ihr Neffe mit seiner frisch angetrauten Frau vor einem breiten Stück Straßenbegleitgrün. Dies war eine betonierte Fläche vor dem Standesamt – vorgesehen für Parkplätze, die aber gar nicht gebraucht wurden – im Gegenteil: es heirateten immer weniger Leute und nur noch solche, die sich kein Auto leisten konnten – höchstens ein oder zwei Kinderwagen. Ingeborg Däumler gelang es, die Stadtväter dazu zu bewegen, die Parkplatzfläche wieder zu entsiegeln und erst mit Gras und dann mit Blumen zu bepflanzen. Drei Blumen blühen bereits, wie man sieht.

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Schon Nietzsche war der Meinung: „Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese,“ er riet seinen Lesern deswegen: „Werdet wie die Kühe!“ Für die US-Biologin Lynn Margulis, die 1968 James Lovelocks „Gaia-Hypothese“ allererst bakteriell fundiert hatte, galt: „Der Pansen, das ist die Kuh!“ Dies bezog sich auf die gewaltige Menge von Mikroorganismen, die die Nahrung der Kuh im Pansen aufbereiten. Noch weiter ging der amerikanische Kuhforscher Robert W. Hegner, indem er diese Widerkäuer an die Spitze der evolutionären Säugetier-Entwicklung setzte, weil ihr Verdauungssystem weiter als das menschliche Gehirn spezialisiert ist. Sollte er recht haben, wäre dies eine Erhärtung der  Duveschen Wiederkäuer-Hypothese (d.h. des nach uns kommenden Bovinizän), die vom bürgerlichen Feuilleton bisher meist schnöde als „Rinderwahnsinn“ abgetan wurde.

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Zurück zum segensreichen, keine Kosten scheuenden Engagement von Frau Dr. Däumler. Sie meint, schon jetzt zeige ihr degrowthing Wirkung: „Das ökologische Bewußtsein entwickelt sich langsam in der Bevölkerung. Man habe immer mehr Respekt vor der Natur. So meldete neulich z.B. die Münchner Abendzeitung: „An einem Strauch in der Schulstrasse in Pfaffenhofen sind am Freitagabend nach Angaben der Polizei mehrere Zweige abgerissen worden. Der Täter ist unbekannt. Die Polizei Weißenhorn bitte um Hinweise.“ Da haben wir die Natur und den (fehlenden) Respekt ihr gegenüber wie in einer Nußschale.

Ganz anders sah der Naturfrevel meines Bekannten Bernd aus: Er hatte LSD genommen und schlenderte guter Dinge durch den Tiergarten – über eine ungemähte Wiese, als er plötzlich bemerkte, wieviele Pflanzen er bei jedem Schritt zertrat oder umknickte. Er blieb stehen und rührte sich nicht von der Stelle – mehrere Stunden lang: bis die Wirkung der Droge nachließ. Dann ging er ganz vorsichtig zurück.

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Hier posiert Frau Dr. Däumler mit einem Ehepaar aus der Neubausiedlung im Hintergrund. Ursprünglich war geplant, an dem Fußgänger- und Radfahrerweg noch eine Reihe von Vierfamilien-Häusern zu bauen. Der Ökologin gelang es jedoch, dieses Vorhaben zu kippen – und stattdessen einen breiten Streifen mit Büschen und Bäumen zu bepflanzen. Das Ehepaar neben ihr freute sich sehr darüber.

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Bei Homer gibt es den Begriff der „lachenden Wiese“. Er ist uns vielleicht nur noch in solchen (LSD-) Momenten zugänglich, wir können uns keine „lachende Wiese“ – pratum ridlet – mehr real vorstellen.

Sie ist über Homer und Aristoteles und dann das latinisierte Griechisch, schließlich das christianisierte Latein, zu uns gelangt – als Paradebeispiel für eine Metapher. Den Poetiken und Rhetoriken des Mittelalters galt ihr Lachen als „uneigentliche Rede“, dahinter verbarg sich die „eigentliche“: eine blühende Wiese – pratum floret.

Schon Aristoteles kannte in seiner Poetik die „Metapher“, er meinte: Zum Denken gehört das Vorstellen…Um den Leser/Zuhörer zu gewinnen, muß man ihn irritieren und anschaulich werden. Deswegen ist eine lachende Wiese besser als eine blühende. „Natürlich, die Wiese ist herrlich, sie ist wie ein Mensch, der uns nicht griesgrämig anschaut, sondern anlacht. Ja, die Wiese lacht – wir haben verstanden.”

Für Aristoteles gibt es in der Sprache und dichterischen Darstellung Aussagen, in denen wir bestimmte Stimmungen, die die Dinge bei uns hervorrufen, Traurigkeit, Heiterkeit, Langweiligkeit, aus uns selbst auf die Dinge übertragen. Sie sind objektzugehörig aber subjektübertragen, sagt Martin Heidegger und fragt sich: Warum übertragen wir solche Stimmungsbestimmungen auf die Dinge? „Das geschieht doch nicht zufällig und willkürlich, sondern offenbar deshalb, weil wir an den Dingen etwas finden, was gleichsam von sich aus fordert, dass wir sie so ansprechen und benennen und nicht anders.“

Der Gräzist Bruno Snell schreibt dazu in seinen „Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen“, dass der Mensch sich nur im Echo der Dinge hören und verstehen kann. Wenn der Sturm ‚heult‘, das Meer ‚glänzt“ und ‚die liebe Sonne lacht‘, dann werden dabei nicht bloß menschliche Verhaltensweisen auf die Natur übertragen, sondern den Menschen geht bei diesen Naturerscheinungen überhaupt erst auf, was Heulen, Glänzen und Lachen eigentlich meint. Es ist dies ein „korrelativer Erkenntnisvorgang“, der für Snell nicht auf die homerische griechische Kultur beschränkt ist, sondern quasi für uns alle und immer gilt.

Für den Metaphorologen Hans Blumenberg sagt die Metapher “pratum ridet” (Die Wiese lacht) etwas Neues, insofern sie den Bereich des Sinnhaften um etwas Fremdes und Sinnloses ergänzt. Dabei werde das „Lachen“ nicht nur auf die Wiese übertragen, sondern, weil es in der Lebenswelt wiederkehre, auch selbst „angereichert und erfüllt“. Die „lachende Wiese“ bleibt jedoch Metapher. Und diese läßt sich sogar noch anreichern. So heißt es z.B. in den „Westfälischen Nachrichten“ aus Münster, wo Blumenberg lehrte, in einer Kontaktanzeige: „Der Sommer kommt, die Wiese lacht…“ Man versteht, was damit gemeint ist.

Die blühende Wiese wurde unterdes wissenschaftlich vertieft. Erwähnt seien die Forschungen des Direktors der Spandauer Realschule Christian Konrad Sprengel und des südfranzösischen Insektenforschers Jean-Henri Fabre: Beide lagen jahrzehntelang auf blühenden Wiesen, um das Tun und Treiben darin aufzuklären. Sprengel entdeckte dabei die Sexualität der Blütenpflanzen und die Rolle der Insekten bei ihrer Befruchtung. Fabre war begeistert über die totsicheren „Instinkte“ – mit denen z.B. die Grabwespen Raupen lähmen oder Mistkäfer ihre zukünftigen Jungen einrollen. „Ich glaube nicht an Gott, sagte er, auf dem Bauch in einer Wiese liegend, „ich sehe ihn jeden Tag.“ Das war mehr als „Respekt vor der Natur“.

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Diesen kleinen Wasserfall im Odenwald gab es gar nicht. Das Wasser hatte man in einem Rohr den Berg runter in das Flüßchen im Tal geleitet. Zusammen mit einem ortsansässigen Naturfreund und Vogelbeobachter (im Bild) gelang es den beiden, auf eigene Kosten diesen schönen Wasserfall bauen zu lassen, das eingerohrte Wasser damit gewissermaßen zu befreien. „Das hat uns zwar ein hübsches Sümmchen gekostet,“  gibt die Ichthyologin zu bedenken, aber ich bin ja von meiner ganzen Ausbildung her ein Wasserfreund.“

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In der Schüler- und Studentenbewegung war der „Respekt“ im Übrigen lange Zeit äußerst negativ besetzt, weil unsere Lehrer nach dem Krieg unbedingt als „Respektsperson“ gelten wollten, während wir sie – eher im Gegenteil: verachteten. In der antiautoritären Bewegung, vor allem während der chinesischen Kulturrevolution, waren es dann gerade diese Personen, die angegriffen und entwürdigt wurden. Wenn ich nicht irre, drehte man diesen Angriff danach um – zur politischen Korrektheit, dergestalt, dass die Entwürdigten aller Länder „Respect“ (auf Englisch mit „c“) einforderten. Dies galt insbesondere für die Afroamerikaner und Afrikaner. In Berlin-Kreuzberg heißt eine Kneipe, die von einigen ihrer (weißen) Freundinnen betrieben wird: „respectbar“. Ein Lehrer in einer der Schulen dort sagte neulich zu seiner Klasse bereits: „Ich möchte, dass ihr auch mich respektiert.“

Und was „die Natur“ betrifft – dazu hat der Wissenssoziologe Bruno Latour vorgeschlagen, von einem “Multinaturalismus” auszugehen – statt von „der Natur”, die in einem Gegensatz zu „der Gesellschaft” und “der Wissenschaft” steht. Wir müßten dafür noch vor die Moderne zurück – in die Zeit vor dem “epistemologischen Bruch”, den Hobbes und Locke mit der Trennung von Objekt und Subjekt, Fakt und Fetisch vollzogen. In seinem „Kompositionistischen Manifest“, das er 2010 in München vorstellte, heißt es dazu sozusagen praktisch: Spätestens seit “’Kopenhagen‘, Klimaerwärmung, Genmais und Virenepidemien“ ist allen klar geworden: Die Experimente der “Naturalisten” sind längst den Laboratorien entwachsen und betreffen alle – jeden von uns, wir sind “Mitforscher”, ob wir wollen oder nicht. Seine „politische Ökologie“ will das Gegenteil von einer „Öko-Politik“ sein. Dazu gehört für ihn die Einsicht: “Kritik, Natur, Fortschritt, das sind drei der Zutaten des Modernismus, die kompostiert werden müssen.” Aber etwas bleibt – wie er am Schluß seines “Münchner Manifests”, eingestand, und das habe dieses neue noch mit dem alten Manifest (von Marx und Engels 1847 veröffentlicht) gemein: “Der Hunger nach der Gemeinsamen Welt ist das, was vom Kommunismus im Kompositionismus steckt, mit diesem kleinen aber wichtigen Unterschied, dass sie langsam komponiert werden muß, anstatt als gegeben betrachtet und allen auferlegt zu werden.” Latour ist optimistisch: Es scheint als sei die Menschheit “wieder in Bewegung, aus einer Utopie vertrieben, der Utopie der Ökonomie, und nun auf der Suche einer anderen, der Utopie der Ökologie.” Kein Zurückweichen, sondern Umkehren.

Diese Vorstellung ist nicht weit entfernt vom Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler, dem es darum ging, „Das Nahen der Götter vor[zu]bereiten“, wie der Titel seines letzten Buches heißt. Dazu griff er den Übergang von der „lachenden“ zur „blühenden Wiese – in einer seiner Vorlesungen über Griechenland – auf, denen eine Ausfahrt in „empirischer Philosophie“ vorausging: eine Schiffsexpedition zur Insel, auf der angeblich einst die Sirenen lebten:

Dass Odysseus und seine Gefährten auf dem Schiff guten Grund hatten, jedem Schluck Süßwasser als einer göttlichen Nymphe oder Muse zu danken, fiel faulen dicken Mönchen, diesen Gefangenen in Kloster- und Universitätszellen, nicht mehr ein. Hinter der Harmlosigkeit lachender Wiesen verbargen sich also die schönen, für Christen jedoch bedrohlichen zwei Möglichkeiten, dass entweder die Götter auf Wiesen anwesen oder aber die heidnischen Dichter Wiesen zu Göttinnen verzaubern können.“ Und so wurden aus den Nymphen, den jungen Mädchen – bloße Metaphern.

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Man glaubt es nicht, aber diese Gartenanlage mit duftenden Blumen war einmal eine stinkende Müllkippe – bis Frau Dr. Däumler kam. Sie sorgte zuletzt auch für ein Ausflugslokal (im Bild oben rechts). Die beiden hier posierenden Mädchen sind die Töchter der Pächterin des „Bergcafés“.

Das nächste Bild zeigt, wie die Degrowth-Pionierin für das Gegenteil sorgte: An diesem Abhang in der Nähe des Heidegger-Wohnortes stand ein Ausflugslokal – ein hässlicher Beton-Flachbau mit einer großen aufgestelzten Veranda zum Tal hin. Da bei der Baugenehmigung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war, konnte Frau Dr. Däubler seinen Abriß bewirken. Dass ihr das relativ schnell gelang, wobei sie nicht davor zurückschreckte, auch noch den BluBo-Philosophen ins Spiel zu bringen, machte sie nicht wenig stolz – wie man sieht:

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In zähen Verhandlungen mit der Brüssler Agrarbürokratie schaffte es Frau Dr. Däumler außerdem, dass den Landwirten, damit  sie bestimmte Äcker nicht mehr bearbeiten, eine „Stilllegungsprämie“ gezahlt wird. Auf diesem brandenburgischen Feld, wo bisher bis an den Horizont nur ödester Silomais angebaut wurde, gedeihen nun Wildpflanzen der unterschiedlichsten Art: blühende Landschaften. „Ich nehme Helmut Kohl beim Wort,“ meinte die Ökologin dazu nicht unstolz.

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In ihrem langjährigen Urlaubsort am Rande des Schwarzwalds gelang es ihr, dass die Dorftrasse, die man im Zuge des „Grünen Plans“ dreispurig ausgebaut und begradigt und später sogar mit Ampeln und Zebrastreifen bestückt hatte, wieder in die alte Facon gebracht wurde – fast, denn sie ist immer noch asphaltiert, für Kopfsteinpflaster fehlte es der Großgemeinde bisher an Geld. Besonders dankbar sind Dr. Däumler die unmittelbaren Anlieger, denn sie bekamen dadurch ihre einst für die Straßenerweiterung abgegebenen Grundstücke zurück, die sie nun wieder zur Holzlagerung und für Vorgärten nutzen.

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Ähnliches geschah mit der griechisch-heidnischen „Mimesis“ – Nachahmung, das die Scholastiker mit „imitatio“ bzw. „repraesentatio“ übersetzten – was bei Thomas von Aquin z.B. heißt, daß jemand (ein Dichter) etwas (z.B. eine Metapher) für jemand (einen Hörer oder Leser) darstellt. Was bedeutete nun aber „Mimesis“ ursprünglich? Dazu wieder Kittler:

Denken Sie von den Göttern nicht zu abstrakt…Ohne Götter, die miteinander schlafen, gäb es keine Sterblichen, ohne Eltern, die miteinander Liebe machten, keines von uns Kindern. So bleiben einzig Dank und Wiederholung. Nichts anderes heisst Griechen, solang sie dichten, Mimesis, Tanz als Nachvollzug der Götter“ bzw. „göttlicher Liebestaten“.

Denn auch beim Geschlechtsverkehr ahmen wir laut Kittler die Götter nach. Er erwähnt dazu gerne einen Song von Jimmy Hendrix: „And the Gods made love“. Die Popstars haben uns seiner Meinung nach die Götter wieder nahegebracht. Bei einem Popkonzert in Kopenhagen z.B. brachte ein Junge seine Freundin anschließend Backstage zum Sänger: „Der hat die Nacht mit ihr verbracht und am nächsten Tag ging die Liebe zwischen dem Mädchen und ihrem Freund weiter.“ Ähnliches passierte 1986 laut dem Musikkritiker Mießner auch der DDR-Punkband „Freygang“ nach einem Konzert in Bitterfeld. Für Kittler sind das Beispiele „einer uneifersüchtigen Variante des Amphytrion-Stoffes, so wie auch Amphytrion nicht ernsthaft zu Alkmene sagen kann: ‘Ich verbiete dir, mit Zeus zu schlafen!’“

Als die Wiesen noch lachten – zu Beginn unserer Zivilisation – war noch alles voller Götter und Göttinnen, Musen, Nymphen, Halbgötter und Heroen. Letztere stiegen gelegentlich in den Olymp auf. Umgekehrt konnten alle Götter sich in Tiere, Menschen, Pflanzen, Wolken, Stürme und Nebel verwandeln – wenn es z.B. galt, eine Königstochter zu verführen: laut Kittler aus Lust und um neue Helden zu zeugen. Bei dem „musenverlassensten Volk Europas“, den Römern, wurden die Götter erst entsexualisiert und schließlich im Christentum auf Einen reduziert. Dazu noch einmal Kittler:

Menschen können nur machen, daß Laute andere Dinge bedeuten, als der Wortlaut besagt. Dichter tun das, wenn sie das Blühen einer Wiese ihr Lachen nennen, aber nur Gott ist jener einzigartige Dichter, der mit Dingen wie mit Metaphern um sich werfen kann. Und zwar einfach deshalb, weil er sie alle geschaffen hat.“

Bei den Griechen waren Mensch und Tier noch ungetrennt: „zoon“. Der Begründer der modernen Zoologie – Jean-Baptiste de Lamarck – postulierte 1809 in seiner „Philosophie zoologique“: An der Komplexität heutiger Lebewesen könne man abschätzen, wann sich deren Urzeugung vollzogen habe. Was bedeutet, dass der Mensch als das Lebewesen mit der höchsten Komplexität, das älteste Lebewesen auf der Erde ist.

In der Bibel ist dagegen das Wiesengras sehr viel älter als der Mensch, denn dieser wurde erst an Gottes letztem Werktag geschaffen – indem er ihn sich, wie überhaupt die ganze Welt, einfach vorstellte und wollte, was er uns später sogar schriftlich gab – nämlich: „Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“

Aber dann kam Charles Darwin, er änderte zwar nichts an der gottgegebenen und für uns so vorteilhaften Hierarchie der Arten, aber der Naturforscher in ihm bestand doch darauf, dass sie nicht in sechs Tagen, sondern – evolutionär, durch mühsame , selektiv wirkende – Konkurrenzkämpfe entstanden sei. Zuletzt zweigte sich auf diese Weise von einem „Uraffen“ die Entwicklung der heutigen Menschenaffen und die des Menschen ab, der dann mit Feuer und Schwert und Schrift und Zahl – schlußendlich – aus der Natur heraustrat, was zu den Trennungen von Subjekt und Objekt, Natur und Kultur führte.

In Wirklichkeit ist die Trennung jedoch weniger scharf. Als erste Organismen – am Anfang: bei der Lamarckschen „Urzeugung“ – entstanden die „Archaebakterien“, die im derzeit gültigen Evolutionsschema eine eigene Art bilden – mit der vor ungefähr 3,5 Milliarden Jahren alles Leben begann. Den auf sie folgenden Bakterien gelangen bereits etliche „Erfindungen“. Bis zu Otto Lilienthal mit seinen Experimenten z.B. strebten die an Flugkunst interessierten „homomorphe Konstruktionen“ zum Vogelflug an, wie Hans Blumenberg 1957 in seinem Aufsatz über die „Nachahmung der Natur“ schrieb. Dann habe sich jedoch ein „Paradigmenwechsel“ im Flugmaschinenbau ereignet – mit den amerikanischen Luftfahrtpionieren, den Gebrüdern Wright. Ihre „Erfindung“ machte sich „von der alten Traumvorstellung der Nachahmung des Vogelflugs frei und löste das Problem mit einem neuen Prinzip. Voraussetzung dafür war laut Blumenberg der Explosionsmotor und, noch wesentlicher, „die Verwendung der Luftschraube“: solche „rotierenden Elemente“ seien „von reiner Technizität, … der Natur müssen rotierende Organe fremd sein“.

Das sind sie aber mitnichten: In ihrem 1989 veröffentlichten „Leitfaden: Die fünf Reiche der Organismen“ schreiben die Biologinnen Lynn Margulis und Karlene Schwartz: „Während bestimmter Stadien ihres Lebenszyklus besitzen die Zellen der meisten Eukaryoten – viele Pflanzen, die meisten Protoctisten und die meisten Tiere – flexible, peitschenartige, im Zellinneren verankerte Fortsätze – sogenannte Undulipodien [Flagellen bei den Bakterien genannt]. Sie bestehen aus Bündeln von Mikrotubuli. Diese werden von einer Undulipodienmembran umschlossen, die eine Ausbuchtung der Zellmembran darstellt … Die Schlagbewegung eines Undulipodiums wird durch Umwandlung von chemischer in kinetische Energie entlang des gesamten Organells erzeugt. Bei den Flagellen der Bakterien (den Prokaryoten – d.h. den Lebewesen ohne Zellkern) kommt die Bewegung durch die Rotation der Verankerungsvorrichtung in der Zellwand zustande.“ Die Autorinnen sprechen dabei von einem „Drehmotor“.

Bei den Eukaryoten, den ganzen anderen Lebewesen, kommt es zu einem neuen Prinzip: Zellen mit Zellkern. Damit wird Mehrzelligkeit und Spezialisierung möglich. Und dann auch solche „Erfindungen“, die wir vielleicht mit „Kultur“ bezeichnen können. Bei den staatenbildenden Insekten, Bienen und Termiten z.B. ihre Architekturen, Agrikulturen und Lüftungssysteme, bei den Webervögeln und ähnlichen die Flechtkunst, mit der sie ihre Nester bauen, und bei den Laubenvögeln in Neuguinea und Australien ihre Fähigkeit, plastische Gemälde zu schaffen. Das alles ist heute in etwa State of the Art.

Ebenso wie die „Mimesis“ beim Kulturwissenschaftler Kittler entbirgt sie auch bei einigen Biologen Überraschendes. Beim Entomologen Paul Vignon z.B.. Er studierte Laubheuschrecken und zeichnete nach, wo sich die Heuschrecken von ihrem Vorbild lösen und selbständige Formen entwerfen – bis er ihnen schließlich “une mission d’art ou de science” zuschrieb. Diese Mission, die sich auch anderswo findet (bei allokryptischen Krebsen, Gottesanbeterinnen, Buckelzikaden und Laternenkäfern z.B.), hat laut Vignon in den Laubheuschrecken ihre vornehmsten Botschafter. Er nennt sie “Heuschrecken der Kunst”.

Der Biologe argumentiert hierbei ähnlich wie der Soziologe Roger Caillois – in seinem Buch “Méduse & Cie”, in dem er die Mimesis von ihrer darwinistischen Verklammerung mit der “Nützlichkeit” löste – und sie als ästhetische Praxis begriff: So versteht er z.B. die falschen Augen auf den Flügeln von Schmetterlingen und Käfern als “magische Praktiken”, die abschrecken und Furcht erregen sollen – genauso wie die “Masken” der so genannten Primitiven. Und die Mimese überhaupt als tierisches Pendant zur menschlichen Mode, die man ebenfalls als eine “Maske” bezeichnen könnte – die jedoch eher anziehend als abschreckend wirken soll. Wobei das Übernehmen einer Mode “auf eine undurchsichtige Ansteckung gründet” und sowohl das Verschwinden-Wollen (in der Masse) als auch den Wunsch, darin aufzufallen, beinhaltet. So oder so stellt die Mimese jedenfalls einen Überschuß der Natur dar.

Ähnliches geschieht auch bei der sexuellen Selektion – „Survival of the Prettiest“ auch genannt, das für Darwin neben der natürlichen Selektion bei der Entwicklung der Arten wesentlich war. Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus entwarf daraus in seinem Buch “Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin” eine neue Soziobiologie – indem er einen Bogen vom Rad schlagenden Pfau zu dem seinen Körper bunt bemalenden Neandertaler und darüberhinaus bis zu uns heute schlug. In einer Rezension hieß es dazu: “Menninghaus erwähnt den Trojanischen Krieg, wenn es darum geht, dass Tiere in blutigen Kämpfen um Weibchen konkurrieren, die dann ihre Wahl treffen.”

Laut dem Biologen Adolf Portmann brachte jedoch “vor allem die Beobachtung keinerlei einwandfreie Beweise für eine Wahl seitens der Weibchen.” Darwin hatte, wie auch viele andere Biologen, anscheinend zu “rasch verallgemeinert”, wobei er “begreiflicherweise besonders beeindruckt war von Vögeln mit starkem Sexualdimorphismus” (d.h. bei denen man deutliche Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen erkennen kann). “Doch gerade mit den imposantesten Beispielen dieser Art, dem Pfau und dem Argusfasan, hatte er Pech: hier gibt es keinerlei Wahl durch die Weibchen,” schreibt der Tierpsychologe Heini Hediger. Ähnlich sieht es bei den Paradiesvögeln, Webervögeln und Seidenstaren aus, die mitunter “ganz für sich allein balzen”. Die Kampfläufer dagegen, die Hediger ebenfalls erwähnt, balzen zwar in Gruppen, aber zum Einen sind die “spektakulären Kämpfe” der Männchen “harmlose Spiegelfechtereien” und zum Anderen nehmen die Weibchen keinerlei Notiz davon: “Nicht einmal hinschauen tun sie.” Ihr Erforscher, G. Dennler de la Tour, beobachtete zudem, dass es ganz antidarwinistisch der im Duell unterlegene Kampfläufer ist, der, sobald er sich erholt hat, zu den Weibchen geht und sie nacheinander begattet, während die Sieger davonfliegen.

Nun gibt es schon lange keine Griechen mehr, wohl aber noch Reste von anderen heidnischen Völkern, die manchmal nur noch ein Dutzend Menschen umfassen. Was sie, die sogenannten „Naturvölker“, jedoch eint, ist ein anderes Weltbild – und damit gegebenenfalls auch ein anderes Verständnis von lachenden Wiesen. Der brasilianische Ethnologe Eduardo Viveiros de Castro erklärt uns dieses so: Im Westen ist ein „Subjekt“ – der herrschenden „naturalistischen Auffassung“ gemäß – „ein ungenügend analysiertes Objekt.“Zu denken wäre dabei z.B. an unseren hochgeschätzten „Freien Willen“, der sich mit Hilfe der Hypothesen und Techniken der Gehirnforschung in physikalische und chemische Vorgänge auflöst.

In der animistischen Kosmologie der amerikanischen Ureinwohner ist laut de Castro das Gegenteil der Fall: „Ein Objekt ist ein unvollständig interpretiertes Subjekt.“

Also wäre demnach selbst ein Stein beseelt, wiewohl er laut Heidegger „weltlos“ ist. Für den Philosophen Theodor Lessing war jedoch eher das Gegenteil wahr. In seinem „Blumenbuch“ schrieb er: Manche Blume könnte man “als ein festgebanntes Insekt” bezeichnen – oder andersherum: “viele Insekten, zumal die Bienen und Schmetterlinge als frei bewegliche Blumen”. Diese mit den höher entwickelten Arten zunehmende “Freiheit” – „das Heraustreten bewegter und bewegender Willensmächte in Pflanze, Tier und Mensch aus der ruhenden Schwere des Vororganischen” –  könnte man aber auch als ein “Vorgang des Lebensverminderns und das Absterbens” verstehen. Lessing fügt damit seiner radikalen Biologie die letzte Konsequenz hinzu: Wenn beispielsweise „der Hund ein durch jahrtausendelange Zucht geknebelter und sozusagen in sich hineingeprügelter Wolf” ist, und „die Biene das Leben dem Werk opfert, die Wespe dagegen alles Werk dem Leben opfert” –  dann entfernen wir uns mit jeder Verfeinerung und Hochzüchtung vom “Wesen”. Das letzte Kapitel in seinem Blumenbuch heißt dann auch “Steine”: Von ihnen ist “zu erfahren, was ich auf Euren Märkten verlernte: Leben.”

Der Schriftsteller Martin Mosebach erwähnte einmal einen Schamanen, der behauptete, dass ein Stein, der aus dem Boden gegraben wurde, sich darüber jahrelang nicht beruhigen könne.“ Mehr Empathie in der Weltwahrnehmung ist kaum möglich. Extremen Animismus,” nennt dies der Chefredakteur von „Sinn und Form“ Sebastian Kleinschmidt, für den auch Goethe noch zu ähnlicher Empathie fähig war, indem er z.B. “Experimente, bei denen man das Licht durch ein Prisma bricht, als obszön” empfand. Für Goethe war es „unanständig, das Licht so zu behandeln.”

Die Dichter der „Weimarer Klassik“ wähnten sich im übrigen dem Olymp nahe – und so schrieb Goethe nicht mehr für die geschätzten Kollegen – sondern „für Mädchen“, wie er sagte. Bereits in seiner frühen „Genielyrik“ versuchte er dabei hinter die Metaphern zurück zu gelangen: „Wie herrlich leuchtet/Mir die Natur!/Wie glänzt die Sonne!/Wie lacht die Flur!“ heißt es z.B. in seinem Gedicht an ein geliebtes Mädchen: „Maifest“.

Zu der Umdrehung von Subjekt und Objekt im „wilden Denken“ gehört laut de Castro auch noch die „so gut wie universelle indianische Vorstellung“, dass Mensch und Tier ursprünglich ungeschieden waren, ihr gemeinsamer „Urgrund“ war jedoch keine Tierheit, sondern die Menschheit. Das scheint mir ziemlich lamarckistisch gedacht.

Wenn sich aber nun die Natur irgendwann in der Frühzeit von der Kultur trennte – dann doch wohl aus gutem Grund. So behaupten z.B. die Eingeborenen, die in nächster Nähe zu den afrikanischen Schimpansen und zu den Orang-Utan auf Borneo und Sumatra leben, dass diese von ihnen „Waldmenschen“ genannten durchaus sprechen können. Sie würden jedoch lieber nichts sagen, um nicht arbeiten zu müssen. Angeblich soll der französische Kardinal Melchior de Polignac zu dem im Jardin du Roi erstmalig ausgestellten Orang-Utan gesagt haben: „Sprich – und ich taufe Dich!“ Der Affe blieb jedoch stumm – mithin ungetauft!

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Auch bei dieser in den Siebzigerjahren gebauten Umgehungsstrasse für ihren Urlaubsort gelang Frau Dr. Däumler zwar nicht ein vollständiger Rückbau, aber eine erhebliche Reduzierung der Fahrbahnen (ohne Mittelstreifen). Daneben wurde der in den Sechzigern eingerohrte Bach wieder renaturiert – und seine Uferböschung provisorisch mit Tannen bepflanzt.  Bei dieser Öko-Leistung verweist Frau Dr. Däumler gerne bescheiden auf den bayrischen Filmemacher Herbert Achternbusch, den der DDR-Dramatiker Heiner Müller einmal als “Klassiker des antikolonialen Befreiungskampfes auf dem Territorium der BRD” bezeichnete. Achternbusch hat einmal gesagt: “Da, wo früher Pasing und Weilheim waren, ist heute Welt. Ein Mangel an Eigenständigkeit soll durch Weltteilnahme ersetzt werden. Man kann aber an der Welt nicht wie an einem Weltkrieg teilnehmen. Weil die Welt nichts ist. Weil es die Welt gar nicht gibt. Weil Welt eine Lüge ist. Weil es nur Bestandteile gibt, die miteinander gar nichts zu tun haben brauchen. Weil diese Bestandteile durch Eroberungen zwanghaft verbunden, nivelliert wurden. Welt ist ein imperialer Begriff. Auch da, wo ich lebe, ist inzwischen Welt. Früher hat man einen Bachlauf nicht verstanden, heute wird er begradigt, das versteht ein jeder. Ein Bach, der so schlängelt. Karl Valentin sagt: ‘Das machen sie gern, die Bäch’….” Achternbusch redete zuerst “von den Autobahnen in den Gehirnen, von den Begradigungen und Sanierungen“ und sprach dann „von den unsinnigen Betätigungen der Begradigten und Sanierten…”

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Der Münchner Ökologe Josef Reichholf hat festgestellt, dass die Dörfer sich mehr und mehr gegen die Natur abschotten, während die Städte sich ihr öffnen. So verhält man sich z.B. gegenüber den in die Stadt drängenden Wildtieren und -pflanzen viel toleranter als auf dem Land, was auch einer Schonung gleichkommt.

Selbst im ganz Kleinen wird hier und da die Lichtung reduziert – beim täglichen Feischkonsum etwa, das die ständige Expansion von Agrarunternehmen abbremst. Im reichen Gent beschlossen die Bürger sogar, dass sie einmal pro Woche alle kein Fleisch mehr essen. Nicht zuletzt deswegen, weil das in der industriemäßig betriebenen Landwirtschaft produzierte Fleisch derart mit Antibiotika verseucht ist, dass man davon resistent gegen immer mehr Antibiotikamittel wird, was u.U. tödlich sein kann.

Die Degrowth-Möglichkeiten im ganz Kleinen werden daneben aber auch immer wieder von oben sozusagen durchgestellt: mit dem Rauchverbot z.B., mit immer höheren Benzinpreisen, höheren Mieten, weniger Sozialhilfe usw. – mit denen der Aktionskreis fast jedes Einzelnen zunehmend eingeschränkt wird – was sich natürlich auf seinen „ökologischen Fußabdruck“ günstig (verkleinernd) auswirkt. Es handelt sich dabei um eine Politik, die Blaise Pascal bereits im 17. Jahrhundert vorschwebte, als er davon ausging: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ Schon bald bleibt ihnen nichts anderes übrig.

Zu dieser Wirtschaftspolitik gehört auch das von Osram, Philips und Greenpeace durchgesetzte EU-weite Glühbirnenverbot sowie die Privatisierung von Wasser und Strom, wodurch sich die Preise dafür erhöhen. Dadurch werden der private Verbrauch reduziert, die CO2-Emissionen verringert und überhaupt die Ressourcen geschont. Fast sieht es schon so aus, als sei das Kapital die Kraft, die stets das Böse will doch Gutes schafft. Besonders offensichtlich wird das, wenn reiche Westler in den Tropen quadratkilometerweise Regenwald kaufen, nur um ihn vor der Vernutzung zu retten.

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Dieses Photo zeigt ihre erste ökologische Pioniertat. Damals lebte ihr Mann noch (rechts von ihr), die junge Frau links ist ihre gmeinsame Tochter mit ihren zwei Kindern. Die Däumlersche Pioniertat bestand darin, dass sie aus dem Haus hinter ihnen, das einmal ein asbestverseuchter Aussiedlerhof in Billigbauweise war, ein schmuckes Schwarzwald-Anwesen machte – mit Mitteln aus dem Fonds „Unser Dorf soll schöner werden“ und aus der Lottostiftung.

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Manchmal tun es schon kleine Dinge, um die Degrowth-Bewegung zu befördern. Hier posiert ihr Neffe mit seiner frisch angetrauten Frau vor einem breiten Stück Straßenbegleitgrün. Dies war eine betonierte Fläche vor dem Standesamt für Parkplätze, die aber gar nicht gebraucht wurden – im Gegenteil: es heirateten immer weniger Leute. Ingeborg Däumler gelang es, die Stadtväter dazu zu bewegen, sie wieder zu entsiegeln und erst mit Gras und dann mit Blumen zu bepflanzen. Drei Blumen blühen bereits, wie man sieht.

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Hier posiert Frau Dr. Däumler mit einem Ehepaar aus dieser Neubausiedlung. Ursprünglich war geplant, an dem Fußgänger- und Radfahrerweg noch eine Reihe von Vierfamilien-Häusern zu bauen. Der Ökologin gelang es jedoch, dieses Vorhaben zu kippen – und stattdessen einen breiten Streifen mit Büschen und Bäumen zu bepflanzen. Das Ehepaar neben ihr freute sich sehr darüber.

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Hier geschah die Renaturierung ganz ohne Zutun von Frau Dr. Däumler: Im Tal befand sich eine alte Rodungssiedlung. Mangels Arbeitsplätze wanderten schon Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr junge Leute in die Industriestädte ab. Zuletzt wohnten nur noch eine Handvoll Alte dort. Als sie starben bzw. in ein Altersheim kamen und niemand mehr dort hinziehen wollte, holte die Natur sich den Flecken zurück: In den langsam verfallenden Häusern zogen Nagtiere ein und brüteten Vögel, auf den Dächern wuchsen Birken und Holunder. Irgendwann fielen die Häuser in sich zusammen – und wurden danach noch schneller überwachsen, die Gärten und kleinen steinigen Äcker waren schon lange vorher wieder überwaldet worden. Auf einer Degrowth-Konferenz in der Eifel, die man ihr zu Ehren abhielt, berichtete Frau Dr. Däumler: „In Deutschland sind inzwischen viele Dörfer verschwunden, tausende seit dem Dreißigjährigen Krieg. Noch weit mehr jedoch seit der Auflösung der Sowjetunion im Osten – in der ostpreußischen Region um Königsberg z.B. In Russland und Sibirien sollen es schon tausende Dörfer sein – sie werden dort schnell überwuchert – und dann gibt es sie nicht mehr. Es gibt viele Möglichkeiten, der Natur wieder mehr Spielraum zu geben – auch im Meer: Viele Korallenriffe sind z.B. selbst für Tauchtouristen nur noch begrenzt zugänglich, daneben gibt es Schutzzonen für Fische und Muscheln, die ihrer ungestörten Vermehrung dienen. Hinzu kommen an Land Flächenstillegungsprämien und Rückdeichungen, ferner gewollte Renaturierungen von Bächen und Flußabschnitten und ungewollte durch Entsiedlung und Deindustrialisierung. Aber auch bei einzelnen Tierarten gibt es eine Renaturierung, wenn man so will. Früher durften die Wölfe ganzjährig gejagt werden, heute sind sie dagegen ganzjährig geschützt. Ähnliches gilt für die Krähen: Sie gehören jetzt zu den geschützten Tierarten. Man sagt, dies geschah in Brüssel aufgrund der ornithologischen Unkenntnis der EU-Abgeordneten, die nicht wußten, dass die Krähen zu den Singvögeln zählen, als sie diese pauschal unter ganzjährigem Schutz stellten. Bei den Wölfen geschah das jedoch – im Gegenteil: aus (biologischer) Kenntnis ihrer Funktion im Ökosystem: Sie sind in etwa so nützlich wie die Haie im Meer, die als „Gesundheitspolizei“ fungieren, wie man sagt. Bei den an der Oder lebenden Menschen sind es die Wiedervernässungsgebiete, die von immer mehr Bibern belebt und baumfällenderweise umgestaltet werden – so dass die dortigen Bauern inzwischen sogar um ihr fruchtbares Ackerland fürchten. In Neugnadenfeld im Emsland brüteten immer mehr Krähen auf den hohen alten Eichen in der Dorfmitte. Sie waren sehr laut und schissen die Dorfstrasse voll. Die Verwaltung der Großgemeinde ließ sich dort etwas Ungeheuerliches dagegen einfallen: Sie fällte kurzerhand alle Bäume. Nun haben die Neugnadenfelder zwar ihre Ruhe und ihr sauberes Dorf wieder, aber sie grämen sich fürchterlich, denn der Ort sieht nun nur noch halb so schön aus.“

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An diesem sehr großen, aber flachen See baute man nach dem Krieg eine Papierfabrik, die daraus im Laufe der Zeit und zusammen mit der Gülle aus den umliegenden Landwirtschaftsbetrieben ein völlig totes Gewässer machte, das in heißen Sommer auch noch stank. Zusammen mit zwei örtlichen Bürgerinitiativen gelang Frau Dr. Däumler die Stillegung der Papierfabrik, in Brüssel bewirkte sie zudem eine Verschärfung der „Düngeverordnung zur Gülleausbringung“, die zuletzt, 2006, noch einmal – ohne ihre Mitwirkung – noch einmal verschärft wurde, u.a. indem die Gülleausbringer zu bestimmten Zeiten verpflichtet wurden, einen Nitrifikationshemmer einzusetzen, der verhindert, dass der in der Gülle enthaltene Stickstoff zu dem auswaschungsgefährdeten Nitratstickstoff umgebaut wird. Der Stickstoff bleibt damit sehr lange in der Krume fixiert und gelangt nicht ins Grundwasser.

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Auf dieser Rasenfläche mit Büschen und Bäumen standen zwei Reihen Wellblechgaragen für die Bewohner der Nachkriegssiedlung. Nicht zuletzt mit Hinweis auf fehlende Spielplätze für die Kinder dieser und einer angrenzenden neuen Siedlung schaffte es Frau Dr. Däumler, dass diese hässlich und baufällig gewordenen Garagen weg kamen. Die Kinder freut das, wie man sieht, die Autobesitzer sind jedoch seitdem nicht gut auf die resolute Ökologin zu sprechen.

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Scheinbar entspannt liest Frau Dr. Däumler den letzten „Degrowth-Letter“, aber eigentlich ist sie dort im Thüringer Wald, um den Abriß der alten Lagerhalle eines Holzverarbeitungskombinats (im Bild oben rechts) in die Wege zu leiten. Sie weiß nur noch nicht genau, wie sie dieses neue „Projekt“ anpacken soll.

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Ähnlich verhält es sich mit diesem stillgelegten alten Fernsehturm in der Eifel  und seinen Flachbauten am Fuß, die eine junge Ingenieurin gepachtet und daraus ein Vereinslokal für Dartspieler und Jäger gemacht hat. Frau Dr. Däumler möchte dieses ganze überflüssige Betonzeugs mitten im Wald weg haben – und der Barackenpächterin ein neues Objekt anbieten. Hier verhandelt sie gerade zum vierten Mal mit ihr.

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P.S.: Wenn ich die „Zurück zum Bauernhof – Wir haben es satt“- und die „Degrowth“- sowie die Veganer- und Tierschützer-Bewegung richtig verstanden habe, dann müssen wir noch einmal auf den „realen Sozialismus“ zurückkommen, den Enzensberger einst „als höchste Stufe der Unterentwicklung“ abtat. Heute würde man jedoch statt von Unterentwicklung eher von Negativwachstum oder Gesundschrumpfung sprechen.

Beispiele für „Weniger ist Mehr“ gibt es auch in großen Organisationen: Im April 1999 lud die OAO Gazprom – der Welt größte Gaskonzern, das auf Aktienbasis privatisierte ehemalige Energieministerium der UDSSR – rund 100 Gas- Manager und -Experten aus der ganzen Welt ins Berliner Hotel Adlon. Es ging dabei um das Ende des Gebietsschutzes der nationalen Gaskonzerne und die Privatisierung der Gasnetzzugänge, wovon diese Branche sich ungeahnte Profite versprach. Holland, dessen „Gasunie“ immer noch das größte europäische Versorgungsunternehmen ist, hatte einen Manager auf die „internationale Gaskonferenz“ geschickt, der alle anderen auf der Konferenz schockte – mit seinem Vortrag, in dem er ausführlich erklärte, warum sein Konzern jährlich mehrere Millionen Gulden ausgebe, um die Verbraucher darüber aufzuklären, wie sie weniger Gas verbrauchen können. Das hörte sich unter all diesen Profitrittern auf dem Gasmarkt geradezu aberwitzig an – und wurde dann in den anschließenden Berichten über die Konferenz auch gar nicht erwähnt.

In der Berliner Volksbühne hatte unlängst ein Dokumentarfilm von Leopold Grün und Dirk Uhlig Premiere: „Am Ende der Milchstrasse“. Sie wollten damit herauszufinden, „was Gemeinschaft im Innersten zusammenhält“. Der Film handelt von einem mecklenburgischen Dorf mit 50 Einwohnern, die von Gelegenheitsjobs, gegenseitiger Hilfe und von „der Natur“ leben. Ein paar Schweine, ein paar Hühner, einen kleinen Garten. „Und doch haben sie sich eine wunderbare Gemeinschaft geschaffen: eine bukolische Idylle, der immer auch ein Abgrund eingeschrieben ist,“ warb der Filmverleih. Bei der Premiere hielt der ostdeutsche Schriftsteller Thomas Brussig eine lange Rede über DDR-Bürger und ihre Prägung durch den gesellschaftlichen Wandel der letzten zwanzig Jahre. Dabei sprach er in bezug auf die Protagonisten in dem mecklenburgischen Dorf von einem „Leben in Armut“. Er wurde lauthals unterbrochen von einem der angereisten Protagonisten des Films – mit den Worten: „Das ist kein Leben in Armut. Du Trottel!“

Ähnliches hätten in den Siebzigerjahren auch die jungen Leute im Westen sagen können, die finanziell und handwerklich schlecht ausgerüstet Landkommunen gründeten – und dann langsam eine kleine Landwirtschaft sich aufbauten. Das Sterben der Dörfer hatte damals schon sichtbare Ausmaße angenommen, es standen viele Höfe mit ein bißchen Land und Garten drumherum leer und die neuen Nachbarn freuten sich oft, dass endlich mal junge Leute aufs Land zogen. Diese entwickelten dann praktisch und nicht zuletzt aus Geldmangel den Gedanken einer ressourcenschonenden, boden-, pflanzen- und tierfreundlichen Landwirtschaft. Da, wo das Kapital nicht hinkommt oder sich – als „scheues Reh“ – zurückgezogen hat, „erholt“ sich die Natur. Es ist letztlich die alte „Schwache Dörfer – Starke Wölfe“-Theorie – modifiziert heute durch „Wolf-Management“-Budgets und „Wolfsforschung“.

Ein Ableger der europäische Land-Kooperativen-Bewegung „Longo Mai“ in Mecklenburg hat seine Landwirtschaft und den Verkauf seiner Produkte inzwischen derart ausgebaut und organisiert, dass alle davon leben können. Und das sind nicht wenige Noch radikaler ist das „Projekt“ der brandenburgischen Landkommune „Lokomotive Karlshof“, die sich „Nichtkommerzielle Landwirtschaft“ (NKL) nennt. Das Land, das sie bestellen, gehört der „Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit (PaG)“ und ist ein Netzwerk von Gemeinschaftsprojekten und Einzelpersonen. Es entschärft Privateigentum an Grundstücken und Immobilien, indem es diese kollektiv besitzt, verwaltet und NutzerInnengruppen/Gemeinschaftsprojekten langfristig leiht. Man unterstützt sich gegenseitig, ohne die erbrachte Leistung gegeneinander aufzurechnen. „Rechnen ist nicht denken!“ (Th.W.Adorno) Eine der drei „Gemeinschaftsprojekte“ ist die „Lokomotive Karlshof“. Dort werden Kartoffeln angebaut, die in Berlin auf Bestellung verschenkt werden, wobei erwartet wird, dass man bei der Ernte mithilft oder sich sonstwie „einbringt“. Dieses „Projekt“ wurde jedoch nach einigen Jahren wieder ausgegeben, weil die Betreiber sich zerstritten.

Seit dem Bericht des „Club of Rome“ 1972: „Die Grenzen des Wachstums“ wachsen in vielen Industrieländern die Zweifel an der ständigen Erhöhung des Bruttosozialprodukts. Die neuerdings sogenannte „Degrowth“-Bewegung will das Wirtschaftswachstum sogar reduzieren – und in der Landwirtschaft z.B. weg von der Fleischproduktion und -konsumption kommen, wofür sich u.a. die Vegetarier einsetzen.

Es gibt ein Land mit 1 Milliarde Einwohnern, in dem eine hinduistische Mehrheit kein Fleisch ißt: Indien, das sogar, wenn man dem pakistanischen Außenminister glauben darf, „vegetarische Atombomben“ besitzt. Seit über 2500 Jahren gibt es dort aber eine noch radikalere Religionsgemeinschaft – mit heute 10 Millionen Anhängern, aufgeteilt auf 84 Sekten: die Jainas. Sie stammen zumeist aus der wohlhabenden Kaufmannsschicht, sind z.B. Diamantenhändler, und haben irgendwann in ihrem Leben ihren gesamten Besitz weggeben, u.a. Tierheimen gespendet. Nun ziehen sie völlig besitzlos umher, sorgsamst darauf bedacht, kein Lebewesen zu töten, sie treten nicht einmal in eine Pfütze, weil sie dabei irgendwelche Kleinstlebewesen gefährden und zudem „die Einheit des Wassers“ zerstören. Im Süden sind sie nackt, im Norden mit zwei Tüchern bekleidet, wobei sie solche aus Seide bevorzugen, weil bei ihrer Herstellung nur „zweisinnige“ Wesen umkommen (Seidenraupen), während bei der industriellen Stoffherstellung eventuell „fünfsinnige“ Wesen (Textilarbeiter und -arbeiterinnen) zerstört werden. Es sind Atheisten, denn auch dem Glauben an Gott, als eine der wichtigsten weltlichen Tröstungen, haben sie abgeschworen, wie Suketu Mehta in seinem Buch „Bombay. Maximum City“ schreibt, der für sein Buch eine fünfköpfige Jaina-Familie interviewte. Diese ging dann für den Rest ihres Lebens getrennte Wege, d.h. die Mutter zog mit ihren zwei Töchtern und der Vater mit seinem Sohn los. Suketu Mehta spricht von einer „jainistischen Version des Marxismus“. Die Familienmitglieder verließen die Stadt (Bombay), um fürderhin durch das Land und über die Dörfer zu ziehen, in denen trotz der Zerschlagung des Gemeindeeigentums und der Einführung des Privateigentums durch den englischen Kolonialismus noch so etwas wie Gemeinschaften existieren. Die Jainas sind gegen Elektrizität und vor allem gegen den steigenden Strom- und Wasserverbrauch der Städte, weswegen sie gegen Staudämme sind, „denen Dörfer zum Opfer fallen“.

Der Vater der Jaina-Familie, Sevantibhai, „möchte sich von der Stadtseite auf die Seite des Dorfes schlagen“. Er bezeichnet das Bitten um Nahrung nicht als Betteln, sondern als „gocari“: das Grasen der Kuh, die immer nur einige Halme frißt, nie aber das ganze Büschel. Er grast deswegen täglich mehrere Häuser ab. Bettler lehnt er ab. Auch kritisiert er den Fortschritt beim Anbau von Feldfrüchten: „Das Grundnahrungsmittel war Hirse, die zwischen dem Gras für die Kühe wuchs. Heute baut man Weizen an, das nicht im Gras gedeiht, und man muß die Rinder von den Weizenfeldern fernhalten.“ Sevantibhai will endlich ein Leben ohne Sünde führen – weg vom immer mehr und immer mehr. Er putzt sich auch keine Zähne, „weil es ja dem Töten von Bakterien dient.“ Auf seinen Wanderungen durch die Dörfer des Gujarat denkt Sevantibhai über „die großen Fragen“ nach, dazu gehört auch, „in welchem Ausmaß unsere Spezies Gewalt ausübt“. Er ist gegen den Bau des „Narmada-Staudamms“ (der angeblich ein Segen für Gujarat werden soll), weil der Stausee die Fischindustrie fördern wird, die Fische tötet. Einer der bekanntesten Jainisten war Mahavira, er lebte zur gleichen Zeit wie Buddha (im 6./5. Jhd. v.Chr.), mit dessen Lehre der Jainismus viele Gemeinsamkeiten hat. Der Buddhismus hat heute sein Zentrum in gewisser Weise in Kalifornien, wie der Autor Pankaj Mishra in seinem Buch „Unterwegs zum Buddha“ meint. Wenn sich auch dort noch der Jainismus ausbreiten sollte, dann hat sich die „Degrowth-Bewegung“ global durchgesetzt. Abschließend seien noch zwei Renaturalisierungs-Projekte von Frau Dr. Bäumler erwähnt, die sie als Studentin schon realisierte:

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Weil in dem beliebten und von vielen Wegen durchzogenen Wald in der Nähe ihres Studienortes ständig die Büsche von Radfahrern, Kindern und gedankenlosen Spaziergängern niedergetrampelt wurden, entschloß sich Ingeborg Däumler zusammen mit einigen Freundinnen dicke Steine vor jeden Grünabschnitt zu platzieren. Und das funktionierte auch. Sie wurde dadurch ermutigt, sich noch mehr solche naturschützerischen Maßnahmen auszudenken.

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Schon während ihrer ersten Semesterferien, die sie z.T. auf einem Zeltplatz an der Nordsee verbrachte, kam ihr die nächste Idee: Mit der Erlaubnis des Platzwartes pflanzte sie einen Baum vor ihrem Zelt.

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Hier besucht Frau Dr. Däumler ihre Enkelin Jutta, die nun ebenfalls Biologie studiert. Jutta, die in dem Haus zur Untermiete wohnt, das man im Hintergrund sieht, überredete ihren Vermieter, statt einer hässlichen Mauer aus Kunststeinen, die sein Grundstück umgab, eine Hecke zu pflanzen. „Sie wird mal mein Werk fortsetzen,“ da ist sich Ingeborg Däumler sicher.

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