vonHelmut Höge 16.09.2020

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Glücklich Sterben

Was ist das nur für eine Einrichtung, dass man an schlechten Tagen mehr am Leben hängt als an den guten Tagen?“ (Silvia Bovenschen in „Älter Werden“, 2006)

Ein glückliches (oder geglücktes?) Sterben setzt erst einmal ein gehöriges Alter voraus – ein Luxus, den sich unsere Gesellschaft bald nicht mehr leisten kann, fürchtete Silvia Bovenschen. Das Altern macht einen mit der Zeit immer unattraktiver, darunter leiden besonders diejenigen, die ihr Lebensglück vornehmlich in der Sexualität suchten, wie die Expertin für Liebe und Ängste, Alison Louise Kennedy, meint herausgefunden zu haben. Ihre alternden Helden und vor allem Heldinnen bieten gegen das Unattraktiv-Werden Pflegemittel, teure Düfte und Kleidung sowie einen distinktiven „Life-Style“ auf, andere Autoren empfehlen Jogging, Sport, regelmäßige Gesundheitskontrollen, achtsame Ernährung (Bio, Öko, Vegan etc.), Meditation, Yoga, Peeling, Fitnesscenter, Schönheitsoperationen (Ein Zigmilliardengeschäft).

In den USA hat das bereits zu derartigen Exzessen geführt, dass die Publizistin Barbara Ehrenreich in ihrem Buch „Wollen wir ewig leben?“ (2018) von einer regelrechten „Wellness-Epidemie“ spricht. Die eher produktiv tätige als sexversessene 78jährige schreibt darin: „Weil die Zeit, die mir bleibt, immer kürzer wird, ist jeder Monat und jeder Tag zu kostbar, um ihn in einem fensterlosen Wartezimmer und zwischen Untersuchungsapparaten zu verbringen. Alt genug geworden zu sein, um zu sterben, ist eine Leistung, keine Niederlage und die damit verbundene Freiheit verdient es, gefeiert zu werden.“

Mit „Leistung“ meint Ehrenreich wahrscheinlich ihre wirklich guten „Sozialrecherchen“ und mit „Freiheit“ das, was sie ihr an Honoraren einbringen. Daraus scheint für sie eine positive Einstellung zum Altern zu resultieren. Und diese allein erhöht schon die Lebenserwartung um sieben Jahre, wie US-Wissenschaftler meinen herausgefunden zu haben. Selbige behaupten laut Neue Zürcher Zeitung auch: „Wer noch im Alter Freude an Sex hat, lebt gesünder und womöglich länger. Schon das Küssen ist ein kleines Muskeltraining und setzt Glückshormone frei.“ Man sollte sich jedoch nicht aus Muskeltrainingsgründen darum bemühen, das erzeugt „Stress“.

Der Stress wurde Mitte des 20. Jahrhunderts erfunden und ist für vieles von Übel, auch für einen frühzeitigen Tod. Das ergaben sowohl Verhaltensforschungen an Pavianen wie auch an weißen Amerikanern der Unterschicht. Barbara Ehrenreich spricht vom „großen Sterben der weißen Männer“: Sie rauchen, trinken Alkohol, nehmen Opiate, gehen nicht in Fitnesscenter, ernähren sich von Hamburger und Pommes Frites, hängen vorm Fernseher und verfetten verbittert. Vor allem aber sind sie deswegen gestresst, weil ihre Jobs prekär geworden sind, ihre Einkommen sinken und sie sich von jedem Arsch was sagen lassen müssen. Auch von all den Weißkitteln, die unisono behaupten: „Letztlich liegt es an jedem Einzelnen, sich für ein gesünderes Verhalten zu entscheiden“. Ja die öffentliche Meinung in den USA geht dahin, dass es für alle eine „individuelle moralische Verpflichtung zur Gesundheit“ gibt. Barbara Ehrenreich spricht vom „Gesundheits-Wahn“, schon Susan Sontag kritisierte die „Moralisierung von Krankheiten“ in den USA und damit auch in allen anderen Industrieländern.

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So etwas gibt es sogar unter den Linken hier. So behauptete z.B. der Rätekommunist Hans-Dieter Heilmann, dass Revolutionäre keinen Krebs kriegen. Sein Beweis lag im Umkehrschluß: Wenn sie dann doch an Krebs erkrankten und Marxbehüte daran starben, waren sie eben keine Revolutionäre, sondern bestenfalls bemühte. Da schwang noch die Wilhelm Reichsche „Charakterpanzer“-Theorie mit, die zuletzt von Klaus Theweleit klug verfeinert, aber vor allem auf faschistische weiße Männer in Anschlag gebracht wurde. „Ihnen ist das Mißgeschick passiert, dass sie zwar töten, aber nicht ficken können“. Theweleit ging allerdings nicht so weit zu behaupten, dass diese Männer alle krebsgefährdet sind. Schon der Anschein spricht dagegen: Ernst Jünger wurde 103, Luis Trenker 98, Leni Riefenstahl 101. Das hohe Lebensalter dieser und vieler anderer Altnazis in der jungen Bundesrepublik ist vielleicht sogar das beste Argument gegen diese Demokratie, die nur eine dumpfe Gleichheit vor dem Gesetz, aber keine Gleichheit des Besitzes kennt. Im Gegenteil: Die Schere zwischen Arm und Reich tut sich immer weiter auf.

Im neoliberalen Amerika, wo die Dekompositionierung die Bevölkerung zu einem Haufen Sandkörner (Iche) zerstäubt, ist das Silicon Valley das stille Auge im Taifun: belebt laut Ehrenreich von lauter Autisten. „Es gibt über 500 Achtsamkeits-Apps mit Namen wie ‘Simply Being‘ und ‚Buddhify‘.“ Mit „süßlichen Bildern von Wäldern und Wasserfällen“. Der „Buddhismus“ ist für diese wohlhabenden Kalifornier ein Lebenselixier – trotzdem sterben sie vorzeitig und unglücklich. Was sie jedoch nicht davon abhält, technologisch und medizinisch für ihre Unsterblichkeit zu „kämpfen“, zuletzt nur noch gegen ihren Krebs.

Embryologinnen am Pariser Institut Pasteur haben die neuerdings auch von einigen US-Forschern gestützte Vermutung geäußert, dass das Austragen eines Kindes und das Wachsen eines bösartigen Tumors identische Vorgänge sind: Der Fötus ist ein fremdes Stück Fleisch, ein Pfropf, den der Körper der Mutter abzustoßen versucht. Aber dem Fötus wie dem Krebs gelingt es, das Immunsystem seines Wirts erfolgreich zu blockieren. Zwischen ihnen gibt es laut den Embryologinnen nur einen wesentlichen Unterschied: „Aus der befruchteten Eizelle entwickelt sich ein neuer Staat, mit dem Krebs bricht dagegen die Anarchie aus.“

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Unglücklich Verlieben

Man hält das Sich-Verlieben oft für das Leben selbst, weil das Leben nur dann wirklich lebt (bebt). Märchen sollten statt „Es war einmal“ besser mit „Es wird einmal sein“ beginnen, meint der norwegische Schriftsteller Lars Saabye Christensen (in: „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“ – 2013). Es wird eine richtig glückliche Liebe daraus werden, heißt das: eine „erfüllte Beziehung“. Aber die stellt sich nicht immer ein. Bei Marx heißt es: „Wenn Du liebst ohne Gegenliebe hervorzurufen, d.h. wenn Dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn Du durch Deine Lebensäußerung als liebender Mensch Dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist Deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.“

Nur beim Lesen und Schreiben gibt es keine Welt da draußen und keinen Körper mehr. So vermeidet man das Sich-Verlieben – glücklich oder unglücklich. Wer aber schon mitten drin steckt, dem helfen keine Lektüren und Gedichte. Wer eine auch körperliche Liebe will, der verdoppelt stattdessen seine Lebensäußerungen, indem er den Anderen z.B. permanent mit Mails, SMS, Anrufen etc. penetriert. Es folgen Einladungen zum Essen, zu Ausflügen, zu Bootsfahrten etc.. Ständig überlegt er sich neue „gemeinsame Unternehmungen“. So oft es geht ist er mit dem Anderen zusammen, aber nicht einmal eine zärtliche Umarmung ist ihm dabei vergönnt.

Seine Mutter warf ihm vor, seit seiner scheinbaren Loslösung von ihr habe er nur ein sexuelles Interesse am anderen Geschlecht. Er sei ein Narzisst. Ja, sagt er, aber einer, dessen Selbstliebe sich im Denken, Fühlen, Phantasieren zum Anderen hin äußert. Das ist ihr zu dialektisch. Überhaupt bestand seine Lust bis jetzt vor allem in der Lust der Anderen, die er ihnen verschaffte. Abgesehen davon bekam er anfangs erst einmal keine Erektion bei jemandem, in den er verliebt war, anders bei denen, die ihm mehr oder weniger gleichgültig waren.

Aber diesmal stellt sich auf beiden Seiten keine Lust ein. Seine Liebe zum Anderen wird immer größer, er übertrifft sich in Komplimente für ihn. Er sollte den Anderen besser mal eine Woche in Ruhe lassen, dann käme der von selbst auf ihn zu, rät ihm eine welterfahrene Nachbarin, die gerade die These empirisch überprüft, dass die jungen Männer alle auf ältere Frauen stehen, sie wird jedenfalls immer jünger in diesem vermeintlichen „Trend“. Das macht ihn neidisch. Ihren Rat, Abstand zu nehmen, hält er für Taktik oder Strategie und lehnt ihn ab: So etwas darf es nicht geben in der Liebe. Aber auch der von seiner Liebe verfolgte Andere läßt durchblicken, dass er sich gelegentlich bedrängt, überfordert fühlt. Weniger wäre also mehr.

Er denkt Tag und Nacht an den Anderen, mehr geht gar nicht, er schraubt sich geradezu in diese Liebesmühe rein. Er krümmt sich vor Eifersucht, weil der Andere einen Anderen liebt (wahrscheinlich auch körperlich, es bleibt vieles unausgesprochen, er traut sich nicht, nachzufragen). Der Andere will ihm jedenfalls nur eine „platonische Liebe“ zugestehen – kurz vor Kuss. Darüber wird er ganz mutlos, bitter sogar. Er redet von einer Asymmetrie, die schlecht für die Beziehung sei. Der Andere entgegnet ihm, dass er sich selbst in die Asymmetrie bugsiert habe, dass zunächst alles ganz „ausgewogen“ war. Darüber kann er nur lachen, aber nicht fröhlich.

Er sieht endlich ein, dass er diese ihn überfordernde ungleichmäßige Liebe entlasten muß, er verabredet sich wahllos im Internet mit fremden Liebesuchenden, geht dann aber zu den Rendezvous nicht hin. Der Andere ist inzwischen so hoch besetzt, angehimmelt, dass niemand ihm auch nur annähernd gleich kommen kann. Er ist wie besoffen. Neben dem Anderen ist ihm alles bloß Kulisse – Hekuba.

Er kann und will auch nicht mehr arbeiten. Auf Arbeitssitzungen ist er gedanklich ganz woanders, hofft nur, dass sie schnell zu Ende sind, alle nasenlang guckt er, ob eine neue SMS vom Anderen eingegangen ist. Das Geld geht ihm aus, er verkauft seine Bücher, er leiht sich Geld. Er verarmt immer mehr – es ist ihm egal und er hat noch Glück, denkt er, denn ein Bekannter von ihm, dem annähernd das selbe passierte, kam in die Irrenanstalt.

Er besucht den an der Liebe irre gewordenen. Beim Rausgehen ist er so deprimiert, dass ihn ein älterer Psychiater im Flur anspricht. Er erzählt ihm von seiner unglücklichen Liebe, die schon so lange wie die Corona-Pandemie andauere und immer schrecklicher werde, kaum auszuhalten sei. Heute Morgen wäre es besonders schlimm gewesen. Der ältere Psychiater versichert ihm, eigentlich seien alle Insassen wegen einer unglücklichen Liebe in der Anstalt. Er solle es besser nicht darauf ankommen lassen. Es gäbe zwar Medikamtene, aber helfen könne eigentlich nur der von ihm geliebte Andere. Er nickt. Das hat er schon während der ganzen Corona-Zeit gewußt.

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Ewig Leben

„Ich habe mein Schach von der Literatur auf die Biologie gesetzt, damit das Spiel ehrlicher wird,“ verkündete Ossip Mandelstam. Die Biologen wissen um das ewige Leben, aber ohne Hoffnung. So schreibt z.B. der amerikanische Rabenvogelforscher Bernd Heinrich in „Leben ohne Ende“ (2019): „Alle Lebewesen haben ein Leben nach dem Tod, das uns ständig umgibt, aber im Verborgenen stattfindet. Der Tod verknüpft die Leben miteinander wie Glieder einer unendlichen Kette: Was stirbt aufersteht zu neuem Leben.“

Das alte Leben endet innen mit dem Aussetzen von Herzschlag und Atmung, die Zellmembranen beginnen zu lecken, die Makrophagen gehen mangels Sauerstoff im Blut zugrunde, die Bakterien im Darmtrakt dringen in den übrigen Körper ein und setzen den Fäulnisprozeß in Gang.

Von außen kriechen derweil Gold- und Fleischfliegen unter den toten Körper, wo sie ihre Eier ablegen, ihre Jungen verflüssigen mit einem Sekret Teile des Fleisches, das sie aufsaugen. Sie haben Atemlöcher, wenn sie zu viel verflüssigen, ersticken sie darin. Anders die Fleischfliegen, die ihre Maden lebend gebären: Diese haben ihre Atemlöcher am Hinterleib, der verdickt ist, und damit als Schwimmer fungiert.

Dann kommen die Schmeißfliegen, jedes Weibchen legt an die 20.000 Eier. Ihre Maden haben eine „Atemrosette“ am Hinterleib, die sich auf der Flüssigkeit entfaltet. Drumherum warten immer mehr Stutzkäfer darauf, dass die Madenmassen sich fett gefressen haben, dann verzehren sie diese bis auf wenige. Nach den Stutzkäfern fallen die Speckkäfer über den inzwischen mumifizierten Körper her. Sie verzehren den Toten bis auf die Knochen. Am Verzehr der letzten Reste beteiligen sich Aas- und Raubkäfer und ihre Maden. Die Maden der Raubkäfer töten und verzehren sich auch gegenseitig. Hinzu kommen immer mehr Pilze.

Wenn eine weitere Käferart, die Totengräber, rechtzeitig die Leiche riechen, graben sie diese schnell ein, um den Fliegen zuvor zu kommen. Bei einer Erdbestattung der Leiche müssen sie dagegen warten, bis das Sargholz Löcher und Risse bekommt – durch Fäulnisprozesse, die von anderen Lebewesen in Gang gesetzt werden. Dann machen die Totengräber aus der Leiche eine „grünliche Abscheulichkeit“, wie der Insektenforscher Jean-Henri Fabre sich ausdrückte. Dieser grüne Klumpen ist für die Totengräber-Kinder gedacht, während die farbenprächtigen Totengräber-Eltern von Käfermilben langsam zerfressen werden und sich überdies auch noch gegenseitig verzehren. Zuvor haben sie aber „Verdauungsenzyme und antimikrobielle Proteine, produziert, die sie als Sekret auf das Fleisch übertrugen, das sie damit für ihre Kinder ‚chemisch reinigten‘“ – heißt es in einer Studie von Wissenschaftlern aus vier deutschen Forschungsinstituten – über die unterirdische Tätigkeit des Schwarzhörnigen Totengräbers.

Dieses völlige Verschwinden eines Gestorbenen ist genaugenommen eine Reinkarnation, also eine Wiederfleischwerdung. Die natürliche oder ökologische Reinkarnation ist nichts anderes als eine „ewige Wiederkehr“ (vor der Nietzsche grauste), weswegen so viele unserer Gene z.B. mit denen der Aasfliegen identisch sind: über 60%. Wir verabscheuen die Aasfliegen, es gab jedoch Kulturen, in denen sie willkommen waren – u.a. bei den Moche, die bis zum achten Jahrhundert an der Küste Perus lebten. Sie boten diesen Leichenfressern ihre Verstorbenen an. Deren Seelen werden von den Fliegen befreit und wieder in der Welt ausgesetzt, glaubten die Moche. Ihnen zufolge ist die Reinkarnation mithin eine Angelegenheit der Seele, die sich dazu der Fliegen bedient. Für die Biologie funktioniert die Reinkarnation dagegen fast nur mit Insekten – aber ohne die Seele, weswegen man auch von einer seelenlosen Wissenschaft spricht.

Stattdessen gibt es Bestattungsrituale, bei denen die trauernden Hinterbliebenen die Seele des Verstorbenen wenigstens noch eine Weile „lebendig“ halten. Eine einfache Erdbestattung kostet inklusive Friedhofsgebühren, Bestatterleistungen, Grabstein, Sarg und Trauerfeier rund 10.000 Euro, die einfachste Feuerbestattung mit Trauerfeier etwa 2000 Euro, die Asche ab Warnemünde ins Meer zu streuen 1000 Euro. Immer mehr Hinterbliebene lassen die Asche ihrer verstorbenen Geliebten zu einem Diamanten verarbeiten. Dazu braucht man nur einen Bruchteil ihrer Asche. Diese wird nach Amerika geschickt, wo sie einige Wochen lang unter hohem Druck und bei hoher Temperatur gepresst wird, um dann je nach Geschmack geschliffen zu werden. Für einen Einkaräter muss man 14.000 Euro zahlen. Die Besitzer solcher Diamanten behaupten gerne, dass sich die Seele ihres geliebten Verstorbenen darin befände – und so quasi unsterblich geworden sei. „Diamants are girl‘s best friends“, sang Marilyn Monroe.

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Aus einer e-mail an R.: Trotzki war übrigens kein Kämpfer (kein politischer in der Partei): Bei jedem Konflikt (u.a. mit Stalin dann) ging er erst einmal jagen oder angeln. Im ersten ausländischen Exil der Familie Trotzki auf der Insel Büyükada vor Istanbul bat er seine Deutsch-Übersetzerin sogleich brieflich um Angelschnüre: „Aber nur englische, das sind die Besten“.

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Die Käsefachverkäuferin

Das Alter spielt keine Rolle, außer man ist ein Käse,“ sagte sie, als er an der Reihe war, bedient zu werden und ihre wiederholte Aufforderung „Der Nächste bitte“ mit der Bemerkung quittiert hatte: „Ich habe Sie gerade nicht gehört, ich werde wohl langsam alt“. Sie hatte einen weißen Kittel an, in dem sie aussah wie eine Zahnärztin, vor allem mit er hellblauen Mundschutzmaske. Die Schriftstellerin A.L.Kennedy spricht von einer „Käseärztin“.

Da er der letzte in der Reihe gewesen war, redeten sie weiter miteinander, zunächst über Käse, einkaufsbezogen, dann übers Wetter und über einen Urlaub am Meer. Man könne noch baden, meinte sie und blickte ihn mit strahlenden Augen an: hinreißend, er versuchte sich ihren Körper unter dem Kittel vorzustellen. Das lenkte ihn so ab, dass er vergaß, worüber sie weiter geredet hatten.

Als ein neuer Kunde kam, verabschiedete er sich, aber wenig später traf er sie vor dem Supermarkt wieder, sie hatte Feierabend. Er lud sie in ein nahes Café ein. „Warum nicht,“ sagte sie. Dort war er dann so fasziniert von ihrem Lachen und ihrer Mimik, dass er wieder kaum registrierte, über was sie sich eigentlich unterhielten. Vermutlich über dies und das. Ging es ihr ähnlich? Bevor sie sich  erneut verabschiedeten, fragte er sie, ob er ihr seine Telefonnummer geben dürfe, „ja, warum nicht“ sagte sie wieder, etwas ironisch. Er schrieb ihr die Nummer auf den Kassenbon. Vielleicht könnten sie sich noch einmal treffen und sich dafür telefonisch verabreden. Sie nickte und zog zu seiner Überraschung eine Visitenkarte aus ihrer Handtasche. Sie hieß Elvira Schmidt und bezeichnete sich darauf tatsächlich als Käsefachverkäuferin.

Am Samstag rief er sie an und fragte, ob sie mit ihm zum Essen in ein Restaurant gehen würde. Nein, sie hatte bereits anderes vor. Er war verunsichert: Vielleicht fand sie ihn nicht attraktiv genug, zu alt…Aber am darauffolgenden Tag rief sie umgekehrt ihn an und lud ihn zu sich nach Hause ein, sie hätte gekocht. Sie aßen in der Küche, danach küssten sie sich etwas ungeschickt über den Esstisch. Nach einer Weile sagte sie: „Komm, laß uns ins Schlafzimmer gehen.“ Es war ein großes Zimmer, in dem sich nicht viel mehr befand als eine Matratze. „Mein Floß,“ sagte sie. Als sie sich ausgezogen, hingelegt und langsam näher gekommen waren, so nahe, dass sie sich aneinander drücken konnten, und immer enger, dachte er: Nie mehr dieses Floß verlassen! Nur noch sich lieben, küssen, umarmen, darüberhinaus höchstens noch rauchen, trinken, essen, schlafen.

Irgendwann im Augenblick der höchsten Lust sterben, das wäre schön,“ sagte sie. Sie hielten es zweieinhalb Tage auf dem Floß aus, dann mußten sie sich wieder ihren Pflichten der Welt gegenüber stellen. Während dieser Zeit steckten sie meist ineinander, dabei wurden ihre Lippen auf wundersame Weise weich, bei ihm veränderte sich das Haar, es fühlte sich schöner an. Langsam wurde jedoch alles wund und beide immer vorsichtiger, weniger heftig. Als sie aufstand, um auf Toilette zu gehen, bat er sie mit gebrochener Stimme „Geh nicht weg, bitte bleib“. Sie lachte, aber er meinte es toternst, fast schluchzend. Als sie dessen gewahr wurde, beruhigte sie ihn: „Ich komm doch sofort wieder. Ich beeil mich.“

Verschmelzenwollen, darauf hatten sich plötzlich ihre ganzen möglicherweise menschheitsbeglückenden Wünsche reduziert, konzentriert – quasi auf den kleinsten gemeinsamen Nenner von Zweien. Doch auch auf ihrem Floß gab es viel zu tun: Eine Gesellschaft, die die „biologische Ur- und Grundfunktion ächtet, die der Mensch mit allem Lebendigen gemeinsam hat“, schafft es allenfalls bis zur Pornographie, aber nicht zur Erfassung biologischer Funktionen für die Freiheit, meinte Wilhelm Reich. Konkret: eine Floßfreiheit erreichen.

Dabei war es wichtig, alle Bilder zu vermeiden, weil sich ein Bild von jemanden machen, heißt, eine lebendige Beziehung zu zerstören. Nichtsdestotrotz sind die Augen fast das Wichtigste – d.h. wenn die Blicke nichts fixieren, sondern durch die Augen des Anderen bis in seinen Unterleib dringen, wo sie sich mit den Blicken des Anderen, die durch einen selbst hindurchpulsieren, berühren. Das ist keine Utopie!

Nur das Andauern dieses Glücks: Lust will Ewigkeit! So steht es auf Nietzsches Grabstein. Erst als sie sich trennten, um sich anzuziehen und wenig später ganz, wenn auch nicht für immer, am U-Bahnhof, erholte er sich langsam wieder – bis er wieder vollständig war, gegen seinen Willen.

Auf die U-Bahn wartend fiel ihm ein, dass am Tag des Milizionärs im sowjetischen Fernsehen jedesmal das Lied „Auf dem kleinen Floß“ gesungen wurde. Ob das heute immer noch so war? Es handelte davon: dass nur ein solches kleines Floß uns durch alle Irrungen und Wirrungen des Lebens bringen kann, ein Floß – als Inbegriff der Liebe. Den Liebenden im Lied gelingt eine schöne Reise.

Ja, so war es, traurig, dass diese Reise immer irgendwann zu Ende ist, ohne an ein Ziel angekommen zu sein, es gab kein Ziel. Aber das Floßzimmer der Käsefachverkäuferin gab es weiterhin.

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Drei typische Anthropausenfüller:

 

Robben

1952 malte Chagall eine Robbe, die eine Menschin liebt – und einen seltsamen Vogel, der ihnen mit einem Blumenstrauß gratuliert. Tatsächlich werden – vor allem die Seelöwen – in Gefangenschaft sehr anhänglich, gar aufdringlich. Sie können als „moderne Unterhaltungstiere gelten“, schreibt Wiebke Reinert in „Applaus der Robbe. Arbeit und Vergnügen im Zoo, 1850-1970“ (2020). Es ist ihre Doktorarbeit, die Forschung an der Robbe widmete sie ihrem „besten Freund, dem lieben Wobbe“.

Ein Kapitel thematisiert darin „Gewaltverhältnisse im Zoobetrieb“, ausführlich befaßt die Autorin sich mit den Wärtern und Tierpflegerinnen, ihrer Ausbildung und dem Berufsbild, aber auch mit dem Publikum und seinem Verhältnis zu Robben. Dazu hat sie auch Plakate, Sammelbilder und Fotos herangezogen, eins zeigt zwei „Taucherinnen“ in einem Cabriolet mit ihrem „Lieblings-Seelöwen“, ein anderes einen „Seelöwen in der Bar“. Was fehlt ist eine Postkarte aus Berlin von „Robben und Wintjes“. Im Stollwerck-Sammelalbum gab es Bilder über „Seelöwen als Ballspieler“, im Zirkus ließ man sie balancieren und jonglieren. Für die Anwohner von Zoos mit Seelöwen-Becken war das „weithin vernehmbare Blöken“ der Tiere, vor allem zur Paarungszeit, allerdings nervig, außerdem verströmten sie einen „unangenehmen Geruch“.

Seehunde, Walrosse, Seebären, Mönchsrobben und Klappmützen kommen in „Applaus der Robbe“ nur am Rande vor. Mit Freunden besuchte ich neulich den „Elefantenhof Platschow“ bei Parchim, um uns die dort lebenden Seelöwen anzusehen, aber sie befanden sich gerade bei Dreharbeiten in Rostock.

Wiebke Reinert erwähnt eine Enzyklopädie in der es heißt, dass die Seelöwen in der Gefangenschaft gar „abrichtbarer und zutraulicher gegen ihren Wärter“ seien „als alle andern Thiere.“ Eine andere Enzyklopädie teilt über die weiblichen Seelöwen mit, dass sie zur Paarung „wider die gewöhnliche Ordnung“ die Männchen umwerben. Diese beißen sie dafür beim Akt heftig in den Nacken.

Aus dem Cincinnati Zoo wurde berichtet: Dort starb die Seelöwin. Der männliche Seelöwe versuchte wiederholt den Kopf der Toten über Wasser zu halten. Nach vielen vergeblichen Versuchen gab er endlich seine Bemühungen auf, stieg mit einem eigenthümlichen Schmerzensschrei aus dem Wasser, in das er nicht zurückging, bis die Wärter die Leiche entfernen wollten. Durch wüthende Angriffe suchte er das zu verhindern.

Auf einer Ankündigung für eine Tierschau im Schloss zu Nymphenburg wurde besonders der Verstand eines Seelöwen gelobt: „Er kommt zu seinem Herrn auf dessen Ruf, biethet ihm nach Befehl das linke oder rechte Händchen, kueßt ihm die Hand…Seine Augen sind ausnehmend schoen, er läßt auch, obschon seiner Freyheit beraubt, noch vielen Stolz blicken.“

Die Fütterung der Seelöwen in den Zoos bereitete dem Publikum die größte Freude. Bereits um 1875 hatte sich laut Wiebke Reinert ihre „Schaufütterung als so erfolgreiches Format erwiesen, dass sie mehrmals täglich stattfand“. Die Badische Zeitung urteilte 1908 über die Seelöwen, es gebe „kaum ein lustigeres Volk unter den Tieren des Meeres“.

Wiebke Reinert schreibt: „In Kalifornien entwickelte sich in den 1870er Jahren ein reger Betrieb des Fangs von Seelöwen für Menagerien und Zoos“. „Der bloße Fang einzelner Seelöwen ging oftmals mit dem Erschießen anderer Tiere einher“. „Außerdem wurden oft die Leit- und Muttertiere getötet, um die Jungtiere einfangen zu können“. Viele starben auch auf dem Transport – nach Europa z.B., wo ein männlicher Seelöwe um 1900 circa 3000 Mark kostete, „was ungefähr dem Zweieinhalbfachen des Jahresgehaltes von ungelernten Arbeiter:innen entsprach.“ Aber mit der Zeit wurden die Tiere immer billiger.

In den Dreißigerjahren bemerkte der Königsberger Zoologe Otto Koehler im dortigen Zoo, dass die Seelöwen in „große Aufregung gerieten, wenn Soldaten in Uniform mit ihren Dienstmützen am Seelöwenbecken vorbeikamen“. Auch der Wärter trug eine graugrüne Uniform und Dienstmütze. Eine Forschungsarbeit sollte dann untersuchen, „ob und an welchen Merkmalen die Seelöwen Menschen erkennen.“ Man kam zu dem Ergebnis, dass die Seelöwen die Teile, die sich zum optischen Gesamtbild des Wärters fügen, ähnlich zusammensetzen wie der Mensch.

Während der Nazizeit fügte sich dann umgekehrt das optische Gesamtbild der Zootiere rassistisch zusammen: „Von dem Fleiß und der Sorgfalt, von der fachlichen Erfahrung und dem instinktmäßigen Können des Tierwärters hängt es ab, ob in den Gehegen gesunde kräftige und artreine Tiere sich tummeln oder matte, verkrüppelte und entartete Tiere als Zerrbilder der Rasse ihr Leben fristen,“ hieß es in den Düsseldorfer Nachrichten.

Nach dem Krieg, als hunderte neuer Zoos eröffneten und der Tierhandel weltweit zunahm, mußten sich sie Tierpfleger nicht mehr nur auf ihr „instinktmäßiges Können“ verlassen, denn ihre Arbeit wurde nun (mindestens in der DDR) „wissenschaftlich“ organisiert. Im Lehrbuch für angehende Zootierpfleger „Wildtiere in Menschenhand“ heißt es, „dass Robben meist sehr zahm würden und schnell lernten, aus der Hand zu fressen. Sie seien leicht dressierbar, besonders im Zusammenhang mit der Fütterung. Walrosse würden gar so anhänglich, dass sie dem Pfleger ‚gern‘ auch in unbekanntes Gelände folgen. Erwachsene Walrosse seien Publikumslieblinge, ‚denen nur selten verargt wird, dass sie mit dem Maul zielsicher Wasser unter Besucher spritzen‘.“ Bei den Seelöwen warnt das Lehrbuch die angehenden Tierpfleger, „dass der aufrecht stehende Mensch oft als ‚provozierende(r) Nebenbuhler‘ betrachtet werde“.

1957 zeigte die UFA-Wochenschau Bilder vom Münchner Fasching: „Zwischen Oberbürgermeister, Prinzengarde und Faschingsprinz waren auch Seelöwen zu sehen. Diese wurden für besondere Meriten im Dienste der Volksbelustigung mit einem Faschingsorden ausgezeichnet. In Berlin ging ein Dompteur mit seinen Seelöwen über den Kurfürstendamm und dann ins Café Kranzler, wo sie von begeisterten Damen mit Fischstückchen gefüttert wurden. „Seelöwen konnten am Tisch sitzen, sie gaben Laute von sich, bewegten sich in einer Weise, die als menschliche Artistik kommentiert werden konnte (‚Handstand‘) – anstatt zu flüchten, zu brüllen oder zu beißen.“

Für Wiebke Reinert war „die Arbeit, die diese Populärkultur mit Tieren leistete, gleichzeitig Einverleibung und Ausgrenzung.“

Der Seelöwenpfleger im Basler Zoo Markus Ruf zog mehrere Jungtiere auf, übernachtete bei nahenden Geburten bei den Robben im Stall und übernahm die Fütterung mit der Flasche, wenn die Mütter nicht säugen konnten oder wollten. Mit manchem erwachsenen Tier ging er im Neoprenanzug schwimmen. Wiebke Reinert meint: „In einem professionellen Sinne wäre hier vielleicht ein Einlassen auf die Bedürfnisse der Tiere und die Gegebenheiten sowie Zwänge des Zoos zu sprechen. Der Idee eines ‚becoming with‘ (Donna Haraway), einer beidseitigen Gestaltung des Tier-Mensch-Verhältnisses, kommt dieses Beispiel indes sehr nahe.“

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Foto: Val Pom „Robbenpfleger“

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Kampfstiere

Im Sommer 1985 trat der berühmte „Matador“ (Stiertöter) „El Yiyo“ in der „Plaza de Toros“ (Stierkampfarena) gegen den Stier „Burlero“ (Hohn) an. Nach einem „Adorno“ (der Berührung des Horns) versetzte er ihm mit seiner „Espada“ (dem Degen) den Todesstoß, drehte sich um und nahm den Applaus der Menge entgegen. Der sterbende Stier hinter ihm fiel jedoch nicht, sondern machte in Schmerz und Verzweiflung einen Satz nach vorne, dabei warf er den Matador zu Boden. Die herbeigeeilten „Toreros“ (alle Mitwirkenden in der Arena) konnten Burlero nicht ablenken. „Mit einer letzten Anstrengung durchbohrte er seinen Mörder. Das rechte Horn drang ins Herz des Matadors, und beim Versuch, den Körper in die Luft zu schleudern, konnte er El Yiyo mit seinen schwindenden Kräften nur noch aufrichten. Einen Augenblick lang standen der tote Mann und der tote Stier im Sand der Arena,“ schreibt die von Stieren träumende, aber Hemingways „männliche Betrachtung“ des Stierkampfs ablehnende Schriftstellerin Alison Louise Kennedy in ihrem Buch „Stierkampf“ (2001). „Mit seinem Tod bestätigte ‚El Yiyo‘ eine alte Tradition der ‚corrida‘ (Stierkampf/Lauf/Orgasmus), dass ein Mann, der einen Stier tötet, der schon einen Mann getötet hat, selber von einem Stier getötet werden wird.“ Burlero hatte im Jahr zuvor den Matador ‚Paquirri‘ in Pozoblanco getötet.“ Für den Stier und „El Yiyo“ errichtete man hernach ein Denkmal vor der Madrider Arena „Las Ventas“ (Die Verkäufe).

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Die spanischen Kampfstiere stammen von den ausgestorbenen Auerochsen ab. Die Römer kannten sie noch, Julius Cäsar brachte sie in die Arenen. Den Gladiatoren, die mit ihnen kämpfen mußten, gab man ein Schwert und ein blutrotes Locktuch. Zu Cäsar gewandt riefen sie: „Die Todgeweihten grüßen Dich!“ Die Männer im Publikum eilten nach den Kämpfen „erregt zu den vor der Arena wartenden Prostituierten.“ Die spanischen Toreros tragen noch immer ihr Haar wie die Gladiatoren in einem Zopf. Die Matadore polstern ihren Penis ab, der dadurch in der engen Hose besonders groß wirkt. Das männliche Publikum, wenigstens das in Madrid, fährt heute nach dem Stierkampf mit dem Auto zu den halbnackten Prostituierten auf der „Gran Via“ (Gute Möglichkeit).

Die Verbindung von Stier, Sexualität und Gewalt ist uralt: Bekanntlich wurde Europa von Zeus in Gestalt eines Stieres vergewaltigt. Europa gebar daraufhin einen Sohn: Minos, ein Mischwesen: Mensch, Gott, Stier. Als König von Kreta heiratete er Pasiphae (Die für alle strahlt). Ihr „Beinahe-Stier“ Minos genügte ihr nicht, sie verliebte sich in einen echten Stier. Um mit ihm geschlechtlich zu verkehren, konstruierte der erfindungsreiche Daedalus eine hohle Kuhattrappe, in die Pasiphae hineinkroch und sich begatten ließ. Vorbeikommende lachten peinlich erregt.

Noch heute hängen auf einer Bullenstation bei Pasewalk, inzwischen ein Hotel, Schilder mit der Aufschrift „Das Lachen beim Deckakt ist verboten!“ Aus der einstigen Vereinigung von Pasiphae mit dem Stier ging der Minotaurus hervor: eine so ungute Mischung aus Mann und Stier, dass er erst in ein Labyrinth gesperrt und dann von Theseus, „dem Matador und Mörder“, umgebracht wurde.

Die heutigen Kampfrinder in Spanien, Portugal, Südfrankreich, USA und Lateinamerika sind kleiner und eleganter als die Auerochsen des Mythos und der römischen Arenen, sie wiegen nur noch eine halbe Tonne, zudem werden sie von den „ganaderos“ (Tierhaltern), die einst Wert auf aggressive Stiere legten, auf Sanftheit gezüchtet und mit verschiedenen „Tricks“ dahingehend beeinflußt, was den Matadoren ihre „Kunst“ erleichtert. Es gibt sogar Bio-Kampfstiere heute. Die meisten Tiere sind, wenn sie in die Arena gebracht werden, 3-4 Jahre alt, manchmal auch älter, aber gegen Stiere „mit 6 Jahren Lebenserfahrung kämpfen die wenigsten Toreros gerne.“ In Mexiko gibt es Baby-Stierkämpfe: „Baby-Stiere werden in kleine Arenen geführt und dort von den Zuschauern zu Tode gestochen,“ berichtet der Tierschutzbund. Aber auch dort, wo „unblutige Stierkämpfe“ stattfinden, werden die Tiere anschließend getötet. Die Arena ist für alle Kampfrinder (40.000 im Jahr) nur eine schmerzhafte Zwischenstation auf dem Weg zur Fleischfabrik, allerdings haben sie im Gegensatz zu den Mastrindern bis dahin nahezu ein Wildtierleben auf der Weide.

Ganz selten gibt es sogar Stiere, die ein derartig beeindruckend wildes Schauspiel in der Arena liefern, dass das Publikum und der Präsident der Plaza ihnen „das Leben schenken“. Umgekehrt bekommt der Matador, wenn er den Stier besonders elegant aus dem Leben befördert hat, ein oder zwei seiner Ohren. Unlängst verdiente sich in Mexiko ein Elfjähriger seine ersten Ohren. Inzwischen gibt es auch weibliche Toreros. Sie alle träumen davon, ein „überlebensgroßes Leben zu führen“ – mit „lachhaftem und manchmal flüchtigem Reichtum, genug Alkohol, Drogen und sexuellen Ausschweifungen“. Gib acht, worum Du betest – es könnte in Erfüllung gehen, lautet ein Sprichwort. Im spanischen Bürgerkrieg „feierten nationalistische Corridas die Kirche und die Macht der Rechten, republikanische Corridas feierten den Triumph des einfachen Mannes,“ schreibt Kennedy, letztere töteten dann jedoch fast alle Stiere, um damit die Armen zu ernähren.

Nach wie vor gelten vor allem die Stiere aus der “Miura“-Zuchtlinie als „Menschenschlächter“. Wenn ein Stier einen Torero tötet, wird in der Regel seine Mutter geschlachtet, damit sie keinen weiteren Mörder zur Welt bringt. Den Kampfgeist hat der Stier von der Mutter, den Körperbau vom Vater: Ein Widerspruch, denn die Züchter weltweit gehen eigentlich davon aus, dass der männliche Samen die entscheidende Ingredienz ist und die Kuh nur wenig mehr als ein Gefäß. Diese Vorstellung geht weit über die der Stierkampf-Afficionados hinaus: So essen z.B. Fußballer und Footballspieler vor „wichtigen Kämpfen“ gerne Stierhoden zur Stärkung. Da Hoden auf dem Schlachthof als Abfall deklariert werden, ist das illegal. Mit den Sportlern haben die Stierkämpfer gemeinsam, dass sie oft aus der Unterschicht kommen und manchmal schon als Kinder angefangen haben zu üben. Als der spanische Nachwende-Geschäftsführer des Glühlampenkombinats Narva, Jesus Comesana, das Werk von einem Produktions- in einen Servicebetrieb umwandeln wollte – ohne Erfolg, meinte er enttäuscht: „Die Ostdeutschen haben keine Cojones (Stierhoden)!“

In den Berichten der Stierkampf-Journale werden die Kampfrinder als „unberechenbar“, „tapfer“, „klug“ oder „feige“ bezeichnet, A.L. Kennedy hält sie für „unberechenbar und „nicht besonders intelligent, vielleicht manchmal clever, aber sicher nicht klug“. In den Fanzines wird beschrieben, „wie sie vor dem Todesstoß ergeben das Haupt vor dem Matador verneigen und praktisch kurz davor sind, in gepflegtem Kastilisch um den Tod zu bitten“. Angeblich würden die Stiere darauf gezüchtet, „dass sie beim Betreten der Arena wissen, wozu sie dort seien, zum Kämpfen und zum Töten.“

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Der Torero Juan José Padilla hat in 23 Jahren über 5000 Stiere getötet und wurde viele Male schwer verletzt, ein Horn ging ins Auge, seitdem heißt er „El Pirata“. „Ich war sieben, als ich zum ersten Mal einem Stier gegenüberstand. Mein Vater wollte immer Torero werden und er hat seine Leidenschaft für die Corrida mit uns geteilt. Ich betrachte den Stier als eine Art Mitarbeiter. Der Stier ist mein Leben, meine Welt ist der Stier. Ich bewundere seinen Mut und sein Verhalten. Das Spektakel Corrida gäbe es ohne dieses Tier nicht. Ich kann total verstehen, dass der Stier angreift. Ehrlich gesagt hege ich überhaupt keinen Groll gegen ihn, der ja nur seinen Job macht. Ich bin auch nicht glücklich oder traurig. Ich mache auch nur meinen Job und der lautet, einen Stier zu töten. Als ‚Profi‘ bestritt ich bisher 1500 Corridas. Ich kann nicht öffentlich machen, wie viel ich pro Kampf bekomme, aber ich kann sagen, dass die Krise leider auch vor dem Stierkampf nicht Halt gemacht hat. Es wird immer schwieriger, Zuschauer anzulocken, und das wirkt sich natürlich auch auf unsere Gehälter aus.“

Das sagte er in einem Interview 2017. Inzwischen hat sich die Krise des Stierkampfs durch die Tierschützer und die Anti-Coronamaßnahmen noch verschärft, in Spanien bekamen die Stierzüchter und Corridaverbände bereits eine finanzielle Unterstützung vom Staat. Auf dem Höhepunkt der „Corona-Krise“ im Juli 2020 erlaubte die Ferieninsel Mallorca erneut den „blutigen Stierkampf“. Die Arena in „Coliseo Balear“ war ausverkauft, davor demonstrierten die Stierkampf-Gegner, sie sprachen von „Barbarei“ und einem „lächerlichen und veralteten Ritual“. Kurz darauf verboten die Anticorona-Maßnahmen alle weiteren Veranstaltungen dieser Art.

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Die Pferde, die in der Arena „mitspielen“, wurden früher von ihnen regelmäßig aufgeschlitzt, heute sind sie mit dicken Filzdecken gegen die Stöße der Stierhörner geschützt. Ihnen werden die Augen verbunden. Pferde stehen als Fluchttiere bei Gefahr mit den Vorderbeinen zuerst auf, und galoppieren dann, sich zur Seite werfend, davon. Rinder stehen dagegen bei Gefahr mit den Hinterbeinen zuerst auf, die Hörner auf den Gegner gerichtet, für sie ist Angriff die beste Verteidigung. Rinder stehen mir näher als Pferde, aber da beide Pflanzenfresser sind, stehen uns Fleisch fressende Raubkatzen noch näher – mir jedenfalls.

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Foto: Heike Richter

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Foto: Katrin Eissing

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Katzenliebe

Jeder kennt solche Leute: Sie müssen sich auf jede Katze stürzen, um sie mit Entzückensrufen zu streicheln und bezeichnen auch noch den räudigsten Kater als „süß!“. Sie posten auf Facebook Katzen-Clips und -Photos, verschicken Katzenpostkarten und verschenken zu Weihnachten Katzenbücher oder sie schreiben – selbst ein wenig über sich erstaunt – im „stern“-Ableger „Neon“: „Mein Kater ist ein Arschloch. Ich liebe ihn aber trotzdem.“ Er heißt Picasso und ist manchmal richtig „fies“. Erklären kann die Autorin ihre Zuneigung nicht. Im Internetforum „lieblingskatze“ heißt es: „Klar, wir alle lieben unsere Katzen. Doch was ist es eigentlich genau, was uns immer wieder in Verzückung geraten läßt?“ Für die Autorin sind das vor allem physiologische Eigenschaften: „Pfotenballen zum Anbeißen“, „ein entzückendes rosa Näschen“, „ein flauschiger Bauch“ usw..

Die Journalistin Stephanie Buttnick berichtete 2014 in der „New York Times“ über eine Umwertung der „Cat Ladys“: „Eine Katze zu besitzen ist für Frauen kein Zeichen von fortgeschrittener Wunderlichkeit mehr. Die neue Cat-Lady-Generation ist jung, sozial, ambitioniert und so unabhängig wie ihre Katzen, die das perfekte Haustier dieser Millennials sind.“

Nun gut, das sind journalistische Schnellschüsse, wie sieht es mit der Katzenliebe von Schriftstellern aus, die ihrem Haustier ein ganzes Buch widmeten? E.T.A. Hoffmann fand eines Tages einen ausgesetzten kleinen Kater, der sich zum „gescheitesten, artigsten, ja witzigsten Tier“ entwickelte. Als er starb, veröffentlichte Hoffmann einen „Nachruf“ auf ihn, aus dem er 1809 eine ganze Gesellschaftssatire machte: Die „Lebens-Ansichten des Katers Murr“. Der Kater fungiert darin als Ich-Erzähler, dessen Schilderung seiner Erlebnisse ausführliche Reflexionen zur „Bildung des Lesers“ enthalten. Murr liefert ein Rezept dafür, „wie man sich zum großen Kater bildet“ und setzt sich kritisch mit der Trivialisierung der Bildungsidee auseinander.

Gut 100 Jahre später schrieb der japanische Schriftsteller Natsume Soseki einen Roman „Ich, der Kater“, nachdem auch er zuvor einen liebevollen Nachruf auf seinen verstorbenen Kater verfaßt hatte. Sosekis Kater spricht ebenfalls, es geht ihm um eine satirische Kritik an der sich ab 1900 stürmisch industrialisierenden Gesellschaft Japans.

1981 veröffentlichte Christa Wolf „Neue Lebensansichten eines Katers“. Allen drei Autoren ging es dabei um Gesellschaftskritik, über die Gründe der Zuneigung zu ihren Katern schwiegen sie.

Näher kam dem vielleicht Franz Kafka, der Katzen „im Geheimen seit jeher gehasst“ hatte, aber sich dann – wegen Mäuse in seinem Zimmer – eine anschaffte, in die er sich fast gegen seinen Willen verliebte, so dass er eines Tages seiner „kleinen schlafenden Katze ein Gedicht deklamierte“.

Die Schriftstellerin Doris Lessing besaß viele Katzen in ihrem Leben und veröffentlichte mehrere Bücher über sie. Sie meinte zuletzt sogar, dass sie inzwischen mehr über eine gestorbene Katze trauere als über einen gestorbenen Bekannten oder Verwandten.

Ja, sagt da das Magazin der Max-Planck-Gesellschaft „Forschung“ in seiner Ausgabe vom Mai 2018, das liegt wohl daran, dass es ihr vom Einzeller „Toxoplasma gondii“ aufgedrängt wurde, denn der „tut alles dafür, dass der Mensch und die Katze zusammenfinden. Den Mensch braucht er als Zwischenwirt. Nur im Darm von Raub- und Hauskatzen kann der Parasit neue Eier legen…Das würde erklären, warum sich infizierte Menschen von Katzen besonders angezogen fühlen.“

Auch der Philosoph Hans Blumenberg zählte wohl zu den Infizierten, als er gegenüber den Genpool-Erhaltern einwandte: „Auch ohne naturschützerische Gebärde muß gesagt werden, dass eine Welt ohne Löwen trostlos wäre.“ Leider ist es schon bald so weit: Die Raubtierforscher prognostizieren, dass höchstens die (urbanen) Hauskatzen überleben werden.

Mir gehört eine von zwei Hauskatzen, die zusammen leben. Aber so sehr wir uns auch um sie bemühen, ihre häusliche Haltung ist die reinste Tierquälerei, eine extreme Reizunterflutung. Es gibt jedoch keinen Ausweg, auch wenn wir uns ernsthaft um ihre Lebensverlegenheiten bekümmern und an ihrem Witz erfreuen.

Wir können uns nun damit trösten, dass unser Bemühen um sie einen tieferen Grund hat: Auch wir sind eben mit dem Neuroparasiten „Toxoplasma“ infiziert, der uns die Anschaffung und liebevolle Beschäftigung mit einer Katze gebietet.

Das MPI-Magazin kam zur rechten Zeit: Denn mit „Toxoplasma gondii“ spricht es uns quasi von unserer närrischen Katzenliebe frei: Wir können nichts für unsere Depolitisierung – ein übler Parasit steuert uns. So weit so blöd.

Eine tschechische Studie kam unterdes zu dem kühnen Schluß, dass mit Toxoplasma infizierte Männer attraktiver auf Frauen wirken als nicht infizierte. Und eine dänische Untersuchung an 45.000 Frauen erbrachte das Ergebnis, dass mit dem Neuroparasiten infizierte Frauen mit einer um 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit einen Suizidversuch unternehmen.

Ende Juli 2018 erschien auch noch im Magazin für Naturwissenschaft „Spektrum“ die Zusammenfassung einer sozialwissenschaftlichen US-Forschung über die Wirkung des „neurologischen Manipulators ‚Toxoplasma gondii‘“ die über die Ökologie hinaus ins Ökonomische reicht – schon in der Überschrift: „Macht Katzenparasit Berufsanfänger mutiger?“

Das Forschungsergebnis wurde zunächst in den „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlicht: „Wohl mehr als 2 Milliarden Menschen sind weltweit mit ‚Toxoplasma gondii‘ infiziert“ und schon „seit Langem berichten Forscher über Indizien für mögliche psychische Veränderungen bei Infizierten“. Die neue Studie zeige nun, „dass toxoplasmainfizierte Menschen weltweit häufiger beruflich selbständig sind – und somit Risiken vielleicht anders bewerten als andere.“ (Wir, die wir uns den Besitz und die Pflege der zwei Hauskatzen teilen, sind beide selbständig – Zufall?)

Die Autoren der ersten im MPI-Magazin referierten Studie wollten mit dem „Toxoplasma“ darauf hinaus, dass einst, als die Raubkatzen noch viele waren und gefährlicher, die Menschen aber weniger und hilfloser als heute, dieser üble Parasit sie geradewegs in ihre tödlichen Fänge trieb. Er manipulierte sie also derart, dass sie das Risiko, sich einer oder mehreren Raubkatzen zu nähern, anders bewerteten als andere, die hübsch auf Distanz zu ihnen blieben.

Die Autoren der zweiten in „Spektrum“ referierten Toxoplasma-Studie testeten ihre steile These erst einmal an Mäusen, indem sie sie mit dem Einzeller infizierten. Und siehe da: Er „macht die Nager zum Teil selbstmörderisch mutig“. Zudem werden sie geradezu magisch von Katzenurin angezogen. Dann untersuchten sie 1495 Studenten: Die mit dem Erreger infizierten „wählen knapp eineinhalb mal so häufig wie Gesunde Wirtschaftswissenschaften im Hauptfach.“ Und schließlich stellten sie noch „bei Teilnehmern an Berufsbörsen, die auf eine selbständige Tätigkeit vorbereiten sollen,“ fest, dass sie „1,8mal häufiger infiziert sind als der Durchschnitt der Bevölkerung“. Zuletzt durchforsteten sie auch noch demografische Statistiken aus 42 Ländern – und dann stand für sie fest:„Offenbar korreliert die Durchseuchungsrate mit ‚Toxoplasma‘ in einem Land und der Prozentsatz der Selbständigen.“

Da jedoch viele Selbständige scheitern, könne man nicht sagen, „dass der Einfluß des Parasiten Menschen grundsätzlich erfolgreicher“ mache. Er bleibt aber auch im Anthropozän quasi raubtierorientiert. Dies hatte bereits die Genetikerin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard geahnt – „dass die Natur in gewisser Weise kapitalistisch funktioniert“.

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