vonHelmut Höge 08.07.2020

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Die Jagd erfreut sich wieder zunehmender Beliebtheit, in den afrikanischen Nationalparks und in der Arktis sind es die abscheulichen Trophäenjäger, in Teilen Sibiriens ist es der Hunger. In den europäischen Jagdvereinen werden immer mehr Frauen Mitglieder. Diese coolen Jäger und Jägerinnen nennen sich gemeinerweise auch noch „Naturschützer“. Dreizehn Geschichten dazu. Lesedauer für Anfänger 11 Stunden:

1. Der Arzt Robert McCormick war ein Vogelliebhaber , und das hieß im 19. und auch noch im 20 Jahrhundert, dass so einer jeden Vogel, den er interessant fand, vom Himmel holte. Er kam vor allem als Schiffsarzt auf einer mehrjährigen Expedition der englischen Admiralität in die Antarktis auf seine Kosten. Während der Reise erschoß er quasi alles, was fliegen konnte, natürlich auch Pinguine. In seinem Reisebericht rechtfertigte er sein Tun: „Auch wenn es zu meinen Pflichten gehört, diesen ausgesprochen schönen und interessanten Tieren den Garaus zu machen, tut es mir doch in der Seele weh, und jeder Schuß ist von Gewissensbissen begleitet, so sehr liegen mir diese gefiederten Wesen am Herzen.“

Mit ähnlichen Worten haben viele Zoologen, wenn sie alt und anerkannt waren, solche Tötungen rechtfertigt und bedauert. Zuletzt las ich sie bei einem australischen Wissenschaftler. Er ging von der Vermutung aus, es müsse noch viel mehr Säugetiere als bekannt auf den Südseeinseln geben – und klapperte sie der Reihe nach ab. Er fing mit Netzen u.a. Flughunde, dabei entdeckte er tatsächlich ein paar neue Arten. Sie kamen ausgestopft in das Sydneyer Naturkundemuseum, hunderte andere waren Forschungsabfall. So wie beim Berliner Virologen Drosten 5000 Fledermäuse. Solche Fälle sind selten geworden – so wie auch fast alle Tiere. Die Biologen gerieren sich heute meist als Naturschützer, wobei sie sich oft auf eine Art konzentrieren, der sie ihre Wissenschaftskarriere verdanken.

Sonst geht es ihnen wie z.B. den DDR-Forschern am Otto-Suhr-Institut der Westberliner FU: Als die DDR verschwand, standen sie plötzlich dumm da. In der Biologie heißt es immer: Um eine Art schützen zu können, muß man sie kennen. Das nimmt gelegentlich seltsame Züge an: Wenn z.B. eine karibische Eidechsenart, die weit verbreitet ist, bei einer Feldforschung mit gentechnischem Analyseanteil in „Wahrheit“ aus fünf gleich aussehenden Arten besteht – von denen zwei in ihrem Verbreitungsgebiet vom Aussterben bedroht sind. Und also muß man sie dann doch schützen und eine Aktionsgruppe gründen.

Während die westliche Lebenswissenschaft langsam ihren Objekten nicht mehr das Leben nimmt, vermehren sich die Trophäenjäger. In vielen z.B. afrikanischen Nationalparks sind diese reichen Weißen hochwillkommen, während die Einheimischen eher als Wilderer verfolgt werden. Die Parkverwaltungen, die nicht selten noch mit Weißen besetzt sind, müssen ständig die Waffen ihrer schwarzen Wildschützer verbessern, weil auch die Wilderer inzwischen Nashörner und Elefanten z.B. mit Drohnen jagen. Auch die meisten Sponsoren und Biologen sind Weiße. Die reichen Hobbyjäger argumentieren: „Findet Trophäenjagd unter kontrollierten Bedingungen statt, kann sie für den Bestand einer Wildart sehr nützlich sein,“ so z.B. der Jäger und „Welt“-Redakteur Eckard Fuhr in seinem Buch „Schafe“ (2017).

Es ändert jedoch nichts daran, dass einzig das Töten zum Verzehr noch sozial tolerierbar ist. Auch wenn immer mehr junge Frauen einen Jagdschein machen und Bücher über ihre „Beute“ veröffentlichen. In den sozialen Netzwerken wird mindestens einmal in der Woche ein Foto gepostet, das ein reiches Arschloch zeigt, das stolz auf oder hinter einem erschossenen Löwen oder Schneeleoparden posiert. Die Fotos sind Steckbriefe mit Namen und Adresse dieser „Tiermörder“.

Das akzeptierte Töten geschieht entweder für den Eigenbedarf oder industriell für den Markt. Die moderne Agrarproduktion steht aber ebenso in der Kritik wie von Naturschützern (u.a. dem Dänen Morten Jörgensen) kritisiert wird, dass man den indigenen Völkern, die von der „traditionellen Jagd“ leben, eine Quote z.B. an Eisbären einräumt: Da ist nichts „Traditionelles“ mehr an der Jagd, meint er. „Die Inuit gehen mit hochtechnischen Motorbooten, -schlitten und wummstarken Gewehren, mit Feldstechern und Spezialkleidung auf das Eis.“ Kommt noch hinzu, dass sie von den ihnen zugestandenen Quoten auch gerne für viel Geld Abschüsse an weisse Trophäenjäger verkaufen. Vor allem ihre Eisbär-Quoten gehen weg wie warme Semmel.

Der Münchner Ökologe Josef Reichholf erwähnt in seinem Buch „Der Bär ist los“ (2007), dass auch die Trophäenjagd sich weiterentwickelt hat: Sie ist heute ein mit viel Geld bezahlter Einsatz moderner Waffentechnik aus sicherer Entfernung. Man könne sogar schon „Abschüsse per Computer“ kaufen. „Der Schütze“ ist mit einem echten Gewehr draußen in der Wildnis über das Internet verbunden und so in seinem Homeoffice in der Lage, „tatsächlich den Bären zu schießen. Das Video wird frei Haus geliefert, das Fell kann als Trophäe erworben werden. Peinlicher kann ein solcher ‚Sieg‘ über das große Tier nicht mehr werden.“ Inzwischen ist noch das Kampfmittel Drohne beim den Trophäenjägern hinzugekommen, das auch für Tierfilmer inzwischen unverzichtbar ist.

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2. Bei der modernen Bewirtschaftung des Waldes ging in der BRD stets Holz vor Jagd. In der DDR war es umgekehrt. Das begann zunächst damit, dass die Rote Armee im sowjetisch besetzten Sektor 1945 ein absolutes Jagdwaffenverbot anordnete. Ab da jagten fast nur noch Offiziere der Roten Armee. „Die sowjetischen Truppen nutzten diesen rechtsfreien Raum und etablierten einen regen Handel mit Wildbret,“ heißt es in Helmut Suters Jagdgeschichte „Honeckers letzter Hirsch – Jagd und Macht in der DDR“ (2018). Nachdem die SED alle Wälder der DDR zu Volkseigentum erklärt hatte, wurden die sowjetischen Jäger irgendwann zu „Wilderern“ und ihre Abnehmer zu „Hehlern“. Zuvor hatte der Geheimdienst der Roten Armee (SMAD) noch versucht, mit Befehlen die Jagd einzudämmen, indem die Zuständigen nur noch „Militärjagdkollektive“ und „Jäger der allrussischen Militärjagdgesellschaft“ zuließen sowie nach Wildtierarten unterschiedene „Schonzeiten“ festlegten, um „die barbarische Ausrottung seltener Tierarten zu verhindern“.

Die Landbevölkerung klagte derweil über eine „Wildschweinplage“. 1949 wurden deswegen „Jagdkommandos“ aus der Deutschen Bereitschaftspolizei aufgestellt, die von der SMAD bewaffnet wurden. Im selben Jahr fand laut Suter „die erste Regierungsjagd“ statt. Nach und nach bekamen auch die Förster Waffen, die neuen „Staatsforstbetriebe“ waren für die „Beschaffung, Kontrolle und Verwaltung der volkseigenen Waffen verantwortlich“. Es wurden „Jagdkollektive“ gegründet, theoretisch konnte jeder Jäger werden, aber damit hatte er noch keine Waffe und kein Jagdrevier. Mit einem neuen Jagdgesetz 1953 „sicherten sich die Politbüromitglieder interessante Jagdgebiete, auch für die SMAD, gegenüber den Jagdkollektiven“. Diese 129 „Sonderjagdgebiete“ wurden immer mehr erweitert, immer stärker geschützt, auch die Volksarmee und die Staatssicherheit bekamen solche Reviere. Gleichzeitig wurden bis in die Achtzigerjahre die „Jagdhütten“ immer üppiger ausgebaut, zu wahren Jagdschlössern, wo einige Minister allein 5 Köche beschäftigten.

„Für das Geschehen in der Schorfheide war in den Fünfzigerjahren Walter Ulbricht verantwortlich.“ Davor war es die SMAD gewesen, davor Hermann Göring und davor die „führenden Würdenträger der Monarchie und der Weimarer Republik. Bereits die Askanier begründeten dort im 12. Jahrhundert eine Tradition der Jagd der Herrschenden. Dass sich in den sozialistischen Ländern nahezu alle Regierenden der Jagd widmeten, geht auf die Tradition der Adels- und der Volksjagd zurück – letzteres vor allem in Russland und Amerika, wo nur wenig Menschen auf einem riesigen Territorium lebten, hinzu kam eine mehr oder weniger ausgeprägte partisanische Vergangenheit. Einer der eifrigsten Jäger war Trotzki, der großen Konflikten in der Partei gerne auswich, um erst einmal jagen zu gehen, noch in seinem Exil auf der Insel Büyükada bei Istanbul verlangte er als erstes von seiner Deutsch-Übersetzerin Angelschnur aus England. Der Zürcher Ethnopsychoanalytiker Paul Parin schreibt in seinem Buch „Die Leidenschaft des Jägers“: Ein „aufgeklärter Mensch jagt nicht“ und auch ein „Jude jagt nicht“ – das sind „gleichermaßen Gesetze abendländischer Ethik. Ich muss mich zu den Ausnahmen zählen“. Parin nahm als Arzt am jugoslawischen Partisanenkrieg teil. Am Beispiel von Milovan Djilas, leidenschaftlicher Angler, Mitkämpfer und Vertrauter Titos, gibt er jedoch zu bedenken: „Später, als Dichter, wusste Djilas: Keine Ausübung der Macht über das Volk, über die Schwachen, bleibt ohne verbrecherische Taten. Wäre es nicht besser gewesen, der eigenen Leidenschaft Raum zu geben und den flinken Forellen nachzustellen…?“

In einem Dokumentarfilm über deutsche Jäger heute meint die Regisseurin: „Jäger wissen viel über den Wald, Wildtiere, Krankheiten.“ Der Zürcher Zoodirektor und Tierpsychologe Heini Hediger meinte dagegen, dass die Jäger wenig zum Wissen über die Tiere, die sie jagen, beitragen. Das Jagen bietet im Grunde wenig Gelegenheit zum Beobachten. Ein Schuß, selbst ein Meisterschuß, ist eben niemals Beginn, sondern stets das Ende einer allzu kurzen und meist nicht sehr vielsagenden Beobachtung.“

Seitdem die „Jagden“ auch auf dem Gebiet der DDR privatisiert sind, hätten die jetzigen „Trophäenjäger“ den Wildbestand noch vergrößert, meinte ein Biologe in Görlitz. Zur Freude der Wölfe, fügte er hinzu, die sich von dem ersten eingewanderten Wolf nach der Wende bis zu den heutigen Rudeln in den Bergbaufolgelandschaften und auf den Truppenübungsplätzen in der Lausitz ansiedelten. Leider gäbe es nicht genug Wölfe. Das sei die allgemeine Meinung der hiesigen Natur- und Umweltschützer.

Bei Problemwölfen befürworten die Umweltminister allerdings einen beschönigend  „Entnahme“ genannten Abschuß. Aber das mutmaßlich absichtliche Töten und Wegwerfen von elf Rehkitzen („Bambies“) bei Amberg kürzlich, das der Bayrische Rundfunk für eine Schandtat von „Wilderern“ hält, erboste die Bevölkerung der Umgebung doch.

In der taz fand in diesem Sommer eine kleine Debatte über die Jagd statt. Eine Journalistin mit Schwerpunkt „Wald, Umwelt und Arbeitsmarkt“ plädierte darin in einem Artikel mit dem Titel „Schluss mit Bambi“ für eine „Bestandsverringerung“ von Schalenwild, also den vermehrten Abschuß von Rehen, Hirschen und Wildschweinen (Paarhufern) in Deutschland, um die Forderung nach einem „klimastabilen Mischwald“ flächendeckend realisieren zu können. Durch durch deren zu große Anzahl, wie sie die Jagdpächter haben wollen, sei der „Verbiß“ bei den selbstausgesäten Bäumen und den in Schonungen angepflanzten zu hoch – und das Einzäunen der letzteren zu teuer. Erst einmal forderte die Autorin „Definitionen von Hege und Wild müssen modernisiert werden.“ „Wir sind nie modern gewesen, weist der Wissenssoziologe Bruno Latour eins ums andere Mal nach. Für niemanden gilt das mehr als für Freizeitjäger.  Der Berliner Journalistin für „Wald Umwelt Arbeitsmarkt“ entgegnete der „Arbeitskreis Natur Umwelt Kultur“ in Salzkotten: „Ihre Behauptungen sind überwiegend falsch. Wie die Stiftung ‚Natur und Mensch“ in einer Pilotstudie zum Thema ‚Wild und biologische Vielfalt‘ feststellte, sind vielerorts höhere Wilddichten erforderlich, damit die Artenvielfalt erhalten bleibt.“ Stutzig macht einen bei dieser kühnen Behauptung, dass die Arbeitsgruppe die taz bat, einen langen Leserbrief mit dem Titel „Schalenwild ist kein Schädling“ abzudrucken, die der „Naturschützer, Waldeigentümer und praktizierender Jäger“ Heinz J. Bökamp aus Salzkotten schrieb. Ich lernte daraus, dass es nicht nur praktizierende Ärzte, sondern auch praktizierende Jäger gibt.

Der SS-Diplomat und Schriftsteller mit Schwerpunkt Arktis, Inuit und Indianer spricht in seinem Buch „Die Expeditionen des Roald Amundsen“ (1971) von „passionierten Jägern“, der Polarforscher Amundsen war seiner Meinung nach keiner. Er schoß nur auf ein Tier, „wenn gerade kein anderer zur Stelle war und sonst eine gute Gelegenheit, des Beutemachens verlorenging.“ D.h. er akzeptierte „das Töten von Tieren nur als Notwendigkeit“. Einige in seiner Expeditions-Mannschaft bei der Durchquerung der Nordwestpassage mit der „Gjöa“ jagten dafür um so lieber. Gleich beim ersten Überwinterungslager 1903 schossen sie bis zum Frühjahr  200 Karibus (Rentiere), die Tiere waren sehr scheu, es gab zwar immer weniger Wölfe auf der kanadischen „King William Insel“, aber immer mehr Jäger.

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Zwei russische Arktisforscherinnen, sie meinen: Wenn Sie einen coronafreien Urlaub machen wollen, empfehlen wir Ihnen die Kurorte in der Barentssee (nördlich von Norwegen)

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3. in neuerer Zeit gibt es auch immer mehr Jäger, die mit einem Betäubungsgewehr ausgerüstet sind. Sie betäuben damit die Tiere zwei Mal, denn sie sind nicht der Petermann-Theorie, was im Polarmeer nahe liegen würde, sondern der Petersen-Methode verpflichtet – mit der sie „Wissen“ über die Populationsgrößen von einer oder mehreren Tierarten gewinnen wollen: Dabei wird laut Wikipedia „eine Stichprobe der zu messenden Population gefangen, markiert und wieder freigelassen. Danach wird wieder eine Stichprobe gefangen  und anhang des Anteils der darin markierten Tiere auf die Gesamtgröße geschlossen.“  Es gibt dazu eine mathematische Formel. Und „gefangen“ heißt eben mit dem Gewehr betäubt. Gelegentlich stirbt eines der Tiere dabei.

Geht es um Wanderungsbewegungen von Tieren werden sie nur einmal betäubt, um ihnen ein Sendegerät umzuhängen oder sonstwie an ihnen zu befestigen. Präsident Putin hat sich das bei der kürzlich angelaufenen Zählung der Eisbären in Russland angesehen und dabei fotografieren lassen:

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Während die amerikanische Präsidentengattin es vorgezogen hat, sich auf einem Eisbärfell – im Warmen quasi – ablichten zu lassen, was die Demokraten ihr so übel genommen haben, dass sie damit Wahlkampf gegen Trump zu machen:

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Der 1996 gestorbene sowjetische Biologe Sawwa Uspenski regte bereits kurz nach dem Krieg eine Eisbärenzählung an. Damals sammelte er auch bereits Daten über die Klimaerwärmung und den Packeisrückgang auf den sowjetischen Oolarinseln. Er hatte seine Doktorarbeit über arktische Vögel geschrieben, mehrere Bücher über Eisbären veröffentlicht und war Vorsitzender der internationalen Arbeitsgruppe zum Schutz der Eisbären. Er hielt sich viele Male auf der Wrangelinsel auf, u.a. um die Eisbären-Weibchen in ihren Höhlen kurz zu betäuben und mit Ohrmarken zu versehen, später mit Funksendern an Halsbändern. Dazu mußten sie die Decke der Höhle durchbrechen und schnell einen Betäubungspfeil auf die hochschreckende Mutter abschießen. Mitunter folgten sie dem Tier auf allen Vieren in die Höhle.

In dem Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ (1994) des dänischen Schriftstellers Peter Hoeg ist die Icherzählerin Smilla Jaspersen eine Glaziologin, halb Eskimo halb Dänin und eine Art weiblicher 007. Einmal nahm sie an einer Expedition des norwegischen Polarinstituts zur Kennzeichnung von Eisbären auf Spitzbergen teil. „Eisbären werden auf zweierlei Weise gekennzeichnet. Das Normale ist, dass man sie vom Hubschrauber aus betäubt. Die Maschine geht direkt über dem Bären herunter, man lehnt sich aus dem Cockpit, in dem Moment, wo ihn der Luftdruck des Rotors trifft, drückt er sich auf die Erde, und man schießt. Dann gibt es noch die Methode, die wir in Svalbard [Spitzbergen] benutzt haben. Vom Schneescooter aus, the viking way. Man schießt mit einem Spezialluftgewehr der Firma Neiendamm aus Nordschleswig. Dazu muß man unter 50 Meter herankommen. Noch besser unter 25. In dem Moment, in dem der Bär stehenbleibt und sich zu einem umdreht, sieht man ihn wirklich. Nicht der lebende Tote, über den man sich im zoologischen Garten amüsiert, sondern den Eisbären, den vom grönländischen Wappen, den Koloß, eine dreiviertel Tonne Muskeln, Knochen und Zähne.“

In den Achtzigerjahren sah das auf Spitzbergen mit der Kennzeichnung von Eisbären etwas anders aus. Der österreichische Schiftsteller Christoph Ransmayr war damals wahrscheinlich Teilnehmer an der Fahrt eines norwegischen Forschungsschiffs durch das Spitzbergen-Archipel, in seinem Buch Der Schrecken des Eises und der Finsternis“ heißt es unter dem Datum „Dienstag, 23 August: Bärenjagd. Drei Zoologen steigen im Helikopter des Gouverneurs auf,, gleiten im Tiefflug über das Eis und bringen im Verlauf des Vormittags vier panisch flüchtende Polarbären mit Betäubungsgewehren zu Fall. Die Zoologen brechen den narkotisierten Tieren je einen Zahn aus dem Kiefer, drücken ihnen mit Zangen Metallmarken ins Fleisch der Ohren und sprühen mit rotem Lack große Zeichen auf die weißgelben Pelze.“ Dann warten sie, bis die Bären aus ihrer Betäubung erwachsen und filmen sie bis sie sich, noch torkelnd, entfernen. Man sieht noch eine Weile den „roten Lack“ auf ihrem Fell und einen „großen Blutfleck“ auf dem Schnee.

Ende 2019 übernahmen die hiesigen Sender eine Meldung aus der „Siberian Times“: „Eisbär mit schwarzer Farbe besprüht – Tierschützer sind entsetzt.“ Jemand mußte ihn zuvor betäubt haben, denn auf seinem Fell stand in sauberer Schrift der Panzername „T-34“. Dazu hieß es: „Tierschützer sind besorgt, dass der Eisbär beim Jagen Probleme bekommen könnte, denn der Schriftzug ruiniert die Tarnung in verschneiter Umgebung.“ Sie hatten im Internet ein Video von dem „T-34-Bären gesehen, das eine Whatsapp-Gruppe junger Inuit und Tschuktschen auf der Tschukotka gepostet hatte. Aber wer hatte ihn besprüht? Der Polarforscher Anatoly Kochnev war sich sicher: „Wissenschaftler können das nicht gewesen sein. Ein Witzbold?“ Er hofft, dass sich die Farbe nach und nach auswäscht, wenn der Eisbär ins Wasser geht.

Auch das einmal betäuben mit einem Betäubungsgewehr ist nicht angenehm für ein Tier und wahrscheinlich auch nicht seiner Gesundheit förderlich.

Schon das Betäuben eines wild lebenden jungen Elefanten, um ihm ein Halsband mit Funkgerät umzuhängen oder später, um es ihm wieder abzunehmen, bereitet seinem „Familienverband unleugbare Seelenqual“, schreibt der Elefantenforscher Iain Douglas-Hamilton in „Unter Elefanten“ (1976). Nachdem er einmal einen jungen Bullen in einem Nationalpark von Tansania betäubt hatte, bildeten die anderen Elefanten sofort einen Schutzwall, um das getroffene Tier abzuschirmen,“ seine Mutter versuchte, ihm aufzuhelfen, während die Leitkuh Sarah den Landrover von Douglas-Hamilton in Schach hielt. Als er näher ranfuhr, um dem Tier ein Gegenmittel zu injizieren, „weil es sonst nicht am Leben blieb,“ stellte dessen Großmutter einen Fuß auf seinen Leib und Sarah rammte ihre Stoßzähne in den Kühler des Wagens, den sie dann gegen einen Baum schob. „Nun war mein Fahrzeug zum drittenmal von einem Elefanten angegriffen worden, und mir war die ganze Sache zuwider.“

Der Eisbär-Tourismus mit Kameras auf Kreuzfahrten in die Arktis nimmt zu. Das Unternehmen Hapag-Lloyd Cruises wirbt mit einer Expedition in die Region, wo der ‚Eisbär die Wildnis regiert“‘, und einer ‚echten Arktis-Erfahrung‘ für 5810 Euro. Auf einer dieser Reisen ist nun ein Eisbär auf Spitzbergen erschossen worden, weil er ein Crew-Mitglied, das auf Landgang war, angriff und am Kopf verletzte. In den sozialen Netzwerken wird das Unternehmen stark kritisiert. Tenor der Aussagen ist, dass grundsätzlich keine Kreuzfahrtschiffe in diese Gebiete vordringen sollten. Aus Profitstreben würde das Unternehmen in Kauf nehmen, dass eine vom Aussterben bedrohte Art wie der Eisbär weiter dezimiert wird, heißt es.

Im selben Jahr erklärte Norwegens Umweltminister den Van Mijenfjord auf Spitzbergen zum neuen Schutzgebiet für Robben und Eisbären, weil sich dort das Eis besonders lange hält. Wegen des Arktik-Tourismus will man die auf Spitzbergen ihre Iglus bauenden Eisbärmütter halten. Anfang 2020 kam die Meldung: „Ein Eisbär ist im Zentrum von Longyearbyen, der nördlichsten Stadt der Welt auf Spitzbergen, aufgetaucht. Nachdem er nicht vertrieben werden konnte und kein Tierarzt zur Betäubung vor Ort war, um ihn dann mit dem Hubschrauber in ein entferntes Gebiet auszufliegen, es auch nicht genug Personal gab, um Bärenwachen aufzustellen, haben die Behörden das Tier an Neujahr erschossen. In Longyearbyen sind die Menschen Eisbären eigentlich gewohnt. Ohne Gewehr und Signalpistole verlässt niemand die Siedlung. Dass sich der Bär allerdings mitten ins Stadtzentrum verirrt, kam in den vergangenen Jahrzehnten nie vor. Der sieben Jahre alte, männliche Bär ist nun gleich vier Mal in und außerhalb von Longyearbyen aufgetaucht. Dadurch wurde er, obwohl streng geschützt, für die Gouverneurin zu einem Problembären.“

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Weil sie sich für die Stärksten in der Arktis halten, mutig und neugierig sind, ist das Erschießen von Eisbären ein Kinderspiel. Außerdem haben sie einen so guten Geruchssinn, dass man sie mit dem Verbrennen von Fett oder Tran anlocken kann – um sie zu erschießen. Die österreichische Malerin Christiane Ritter lebte auf Spitzbergen ein Jahr in der Hütte ihres Mannes und seines Jagdpartners. Ihr Bericht darüber „Eine Frau erlebt die Polarnacht“ (1938) wurde in viele Sprachen übersetzt. Die Hütte ist seitdem als „Ritterhütte“ bekannt. Davor steht ein hoher Holzpfosten: „Das ist ein Bärenpfosten,“ sagt ihr Mann, „er lockt die Bären vom Meereis zur Hütte“, dann kann man ihn von innen durch ein kleines Schiebefenster erschießen. Die Füchse werden mit Eisbärgerippen angelockt, die „liebevoll mit Gedärmen ausgestattet wurden“. Zwei Blaufüchse und ein Polarfuchs treiben sich in der Nähe ihrer Hütte herum, der Polarfuchs, Mikkl“ wird immer zahmer, er wird gefüttert, als sein Fell schön weiß geworden ist, wird er erschossen. Sie übt das Schießen auf eine Scheibe und ist nicht schlecht darin. Ihr Mann fragt sie, was sie tun würde, wenn ein Bär zu ihrer Hütte käme. Sie meint: „Ich würde ihm ein Schüsserl Honig hinausstellen vor die Tür“. „Das habe ich mir gedacht, daß du so dumm bist,“ erwidert er.

Als das Packeis langsam kommt, legt Karl in der Hütte wie im Fieberwahn Patiencen: „Wieviel Bären werden an die Küste kommen?“ Ein Bär für die Frau, verkünden die Karten. Karl erklärt ihr sogleich: „Wenn du einen Bären geschossen hast, dann mußt du ihn sofort abziehen, solange er noch warm ist. Die Leben ist giftig. Aber die Galle, die mußt du gut aufheben, und zwar in Alkohol. Der Apotheker in Tromsö zahlt acht Kronen dafür.“ Am 6.Februar notiert die Autorin: „Der erste Bär ist heute bei uns gewesen…Die Eidervögel sind wieder an unserer Küste. Aber wir schauen nicht mehr hin nach den kleinen Vögeln; seitdem Bären an der Küste sind, sind wir anspruchsvoller.“ Die Männer jagen die Bären auch mit Selbstschußanlagen. Sie findet diese „primitiv“: „Ein paar leere Orangenkisten, auf vier Pfosten gestellt, etwas Speck, etwas Draht und ein kleiner Revolver genügen, um so ein Tier umzubringen. Schlecht passen diese Mordvorbereitungen zur bezaubernden Rückkehr des Lichtes. Immer mehr Bärenspuren kreuzen sich. Sie hat eine mitfühlende Seele: „Du darfst das Tiergemüt nicht mit menschlichem Maßstab messen,“ sagt ihr Mann beruhigend. „Wie verschieden sind die Erlebnisse in der Arktis,“ schreibt sie. „Man kann morden und fressen, man kann rechnen und messen, man kann verrückt werden in Einsamkeit und Grauen, man kann aber sicher auch verrückt werden vor Begeisterung über allzuviel Schönheit.“

Als der Polarforscher Robert Edwin Peary mit abgefrorenen Zehen und halb irre von einer Pol-Expedition in „seine“ grönländische Inuit-Siedlung zurückgekehrt war und sein Unterstützungskomitee in New York schon das Schlimmste befürchtete, besorgte Pearys Frau Josephine ein Schiff samt Mannschaft und beeilte sich, ihm zu helfen. Als ihr Schiff vor Grönland im Packeis dümpelte, entdeckte der Koch vor seiner Kombüse Eisbärenspuren im Schnee. Alle versteckten sich. „Die Inuit hatten wüste Geschichten erzählt. Von Eisbären, die Babys aus den Iglus holten oder die Menschen so lange belagerten, bis sie verhungerten. Aus den Schauergeschichten wuchs die Angst. „Und die Inuit, deren größtes Wintervergnügen es war, mit anderen Späße zu treiben, hatten die Angst mit immer neuen Geschichten geschürt.“ Der Kapitän befürchtete eine Meuterei und besprach sich mit Josephine. „Sie mußten den Eisbären besiegen und die Männer besänftigen. Aber sie hatten keine zündende Idee.“ Ihre älteste Tochter gestand ihr schließlich, dass sie die Bärentatzen in den Schnee gedrückt hatte, weil sie es „albern“ fand, „dass große, starke Männer zu Angsthasen wurden, obwohl doch weit und breit kein Eisbär in Sicht war.“

Gleichzeitig hatte die Mannschaft seit New York jedoch von nichts anderem geredet und es war oft zu „falschem Alarm“ gekommen. Als sie sich der Westküste Grönlands in Höhe der Melville-Bucht näherten, rief der Mann im Ausguck „Eisbär, Eisbär!“ Alle stürmten mit ihren Gewehren an Deck. Als der Eisbär schwimmend näher kam, erwies er sich als eine Robbe, die dann trotz „ungefähr 30 Schüssen“ unverletzt entkommen konnte. Josephine bewaffnete sich meist nur mit einem Revolver, bei ihrem Basislager legte sie Fallen für Füchse aus.

Einmal kam wirklich ein Eisbär über das Packeis geradewegs auf das Schiff zu. Sofort standen elf Männer mit Gewehren an Deck und warteten darauf, dass der Kapitän den Befehl zum Schießen gab. Das „schöne große Tier“ wurde von ihnen buchstäblich durchlöchert. Bevor es sich ins Wasser stürzen konnte, warf einer der Männer ihm ein Tau um, die Leiche wurde längsseits des Schiffes gezogen und erst einmal vermessen. Viele andere Tiere – Robben, Vögel, Walrösser (die sie wegen des Elfenbeins verfolgten) – konnten sie zwar auch erlegen oder mindestens verwunden, aber nicht bergen, weil sie im Wasser versanken.

Der wohlerzogenen Städterin Josephine Peary taten die Tiere leid, erleichtert nahm sie wahr, wie eine Eisbärin mit ihrem Jungen sich umdrehte und flüchtete, bevor die Männer auf Schußnähe herangekommen waren. Die ersten Nächte im Zelt an Land konnte sie nicht einschlafen, weil sie Revolver und Gewehr auf dem Schiff vergessen und Angst hatte, von einem Eisbären überfallen zu werden.

Anfang der Fünfzigerjahre lebte Liv Balstad als Ehefrau des norwegischen Gouverneurs einige Jahre auf Spitzbergen. 1963 erschien ihr Bericht „Ich lebte auf Svalbard“ auf Deutsch. Auf der Fahrt dorthin lief das Schiff zunächst die „Hoffnungsinsel“ des Archipels an, wo die Pelzjäger, die dort überwintert hatten, an Bord kamen. Sie hatten „den besten Eisbärenwechsel“ dort erlebt, schreibt die Autorin: „Sie konnten an die 200 Tiere erlegen – und wohl 60 davon hatten sie von der Tür oder dem Fenster ihrer Stationshütte aus geschossen.“ Auf einer anderen zu Spitzbergen zählenden Insel, König Karls Land, waren die Eisbären damals schon geschützt. Ihr Mann beabsichtigte, die Eisbärenjagd weiter einzuschränken. „Eisbären und Spitzbergen gehören zusammen. Es werden ungeheuer viele Eisbärengeschichten erzählt. Der Eisbär ist neugierig, zudringlich und stiehlt wie ein Rabe.“ Einmal mußte der Gouverneur auf „einen schönen Eisbär“ schießen, der sich an seinem Hundezwinger über ein Bund von Dörrfischen hermachte. Sein Gehilfe Hakon gab ihm den Fangschuß, er war jedoch nicht stolz darauf, im Gegenteil. „Aber wir konnten ja doch keinen Eisbären in Longyear [der Hauptstadt] herumlaufen lassen.“ Ein andern Mal begleiteten sie einen amerikanischen Großwildjäger auf Eisbärjagd. Er schoß zwei und die Autorin einen, aber sie war dabei nicht halb so erregt und glücklich wie der Trophäenjäger.

1993 veröffentlichte die damals 19jährige Holländerin Heleen van der Laan ebenfalls einen vielgelesenen Bericht über ihren einjährigen Aufenthalt in der Hütte eines Pelzjägers auf Spitzbergen: „Wo bleibt das Licht“ betitelt. Noch nach Monaten verfolgt sie die Vorstellung, „daß ein Eisbär in die Hütte eindringt“, während sie ahnungslos schläft. Auch in ihren Träumen kommen sie ihr gelegentlich nahe. Am 1.März ist es so weit: Die Hunde bellen wie verrückt und als sie vor die Tür tritt sieht sie hinter der Stellage mit dem Seehundfleisch „einen Eisbären! Endlich!“ Sie rennt blitzschnell zurück, um ihre Kamera zu holen. Als der Bär sich gerade am Rande des Hunderudels befindet, verpaßt ihr Jäger ihm eine Ladung Schrot in den Hintern. Die Kugeln dringen zwar nicht durch seinen Pelz, aber er erschrickt und „rennt weg wie ein Hase“. Der Eisbär muß zwar noch irgendwo in der Nähe der Hütte sein, aber sie hat keine Angst mehr. Es ist hell und der Jäger ist bei ihr. „So ist es gut.“ Bevor ihr Spitzbergenjahr zu Ende ist, hat sie gelernt, Seehunde zu jagen und die Fuchsfallen zu kontrollieren, gegebenenfalls auch wieder aufzustellen, wenn sie von Eisbären zerstört und geplündert wurden.

Eines Tages taucht ein alter Alter hungriger Eisbär an der Hütte auf, der sich die weggeworfenen „unbrauchbaren Felle mit überflüssigem Speck“ aus einer Eisspalte zieht und frißt. „Er wird uns vorläufig in Ruhe lassen,“ meint Heleen van der Laan. „In den nächsten drei Tagen wird er unser Hausbär. Sein Bauch wird immer dicker. So dick sogar, dass er mehr wackelt als geht. Nachdem er den Spalt leergefressen hat, sucht er seinen Schatz noch mehrmals erfolglos auf und verläßt schließlich Austfjordneset. „Schade, es gefiel mir gut, einen Bären aus der Nähe beobachten zu können.“ Mehr sagt sie darüber aber nicht, es ist eher ein Bericht über die Selbstfindung eines Teenagers, der in der Arktis erwachsen wird.

Die als Leiterin von arktischen Tourismusexpeditionen arbeitende Schriftstellerin Birgit Lutz hat mehrmals Inuit-Siedlungen in Ostgrönland besucht, wo an der 2500 Kilometer langen Küste nur noch 2500 Menschen leben und einige Siedlungen völlig verlassen sind, seitdem die Jagd auf Wale und Eisbären fast verboten wurde und die Robbenfelle kaum noch etwas einbringen. Ihrem Bericht gab die auf Spitzbergen umweltschützerisch tätige Autorin den provokativen Titel: „Heute gehen wir Wale fangen…“ (2017). Sie interviewte darin u.a. die auf Grönland geborene dänische Reiseorganisatorin Pia Anning Nielsen: „Seitdem die Jagd keine Perspektive mehr für die Menschen hier ist, sind sie nicht mehr stolz. Jetzt können sie sich nicht mehr selbst versorgen, weil der Preis für die Robbenfelle trotz Subventionierung durch die dänische Regierung zusammengebrochen ist.“ Die letzten Jäger schießen zwar weiterhin Robben, 20-30 pro Tag mitunter, aber vor allem zur Versorgung ihrer Schlittenhunde. Ansonsten sind viele Inuit alkoholabhängig und von den männlichen Jugendlichen verüben viele Selbstmord. Der Hauptgrund dafür wird in ihrer Erziehung zum Jäger gesehen, das ihnen kein Auskommen mehr ermöglicht. Der Öko-Tourismus bietet vielleicht einen Ausweg, so hofft man. Je mehr das Eis schmilzt desto mehr Kreuzfahrtschiffe kommen in der länger werdenden Saison für „Arktis-Reisen“ vorbei.

Bei den Walen und Eisbären werden heute auf internationaler Ebene für die Subsistenzjagd der Inuit Quoten zugeteilt: 2014 wurden von neun Walarten in Grönland 3297 erlegt. Von den Eisbären im selben Jahr 143. Deren Felle werden nun wieder teurer, bis zu 3000 Euro, weil es eine steigende Nachfrage in China gibt. Birgit Lutz findet es unterstützenswert, dass die Inuit weiterhin Robben und Kleinwale jagen, aber da sie sich auf Spitzbergen bei ihrer Arbeit für den Schutz der Eisbären engagiert, fiel es ihr schwer, in Ostgrönland Sympathie für die letzten Eisbärenjäger aufzubringen. Die Eisbärenfelle, die bei ihr auf Spitzbergen an die Touristen verkauft werden, stammen aus Alaska und Kanada.

2012 veröffentlichte der dänische Schriftsteller Kim Leine einen Roman „Die Untreue der Grönländer“, in dem es laut Klappentext umGeschichten von ausgelassenen Grönländerinnen geht, die es mit der Treue nicht so ernst nehmen“, um .„arktische Stürme, Bären im Keller, und einen Pokalsieg der Frauenfußballmannschaft“. Die Handlung spielt in einer Siedlung an der Ostküste – vielleicht in Ittoqqortoormiit, wo es ein kleines Krankenhaus gibt. Mehrere Inuk sterben in den Geschichten durch Selbstmord, ein Eisbär wird erschossen: „Nanuk, sagt Esajas und zeigt auf den Sockel seines Hauses. Ein Bär. Ich konnte ihn hören. Er ist unter das Haus gekrabbelt, um Schutz zu suchen. Jetzt macht er es sich dort gemütlich. Emanuel und Justus laufen nach Hause, holen Lampen und Gewehre und füllen die Magazine mit großen, abgerundeten Patronen. Dann gehen sie ruhigen Schrittes um Esajas Haus herum und leuchten in die Kelleröffnung. Rote Reflexe entlarven die Bärenaugen, doch es ist mehr als einer, es sind ganze drei. Sie laden die Gewehre durch, legen sie an die Schultern und schießen und schießen, durch die Kellerlade. Justus kniend, Emanuel stehend, so lange bis sie sicher sind, dass die Bären nicht mehr leben. Dann bleiben sie stehen, lauschen und leuchten. Keine Regung ist zu sehen. Sie kriechen in den niedrigen Keller, wo die drei Bären dicht beieinanderliegen, und jagen jedem von ihnen eine Kugel in den Nacken. Sie untersuchen die Tiere. Wie sich herausstellt, war es eine Bärin mit zwei großen Jungen. Am Morgen klart es auf. Sie rufen Verstärkung und schieben die Bären ins Helle und anschließend in das Haus hinein, wo einige Frauen mit der Zerlegung und der Behandlung des Fells beginnen. Sie lachen. Noch nie haben sie einen Bären mit so vielen Einschußlöchern gesehen.“ Emanuel sagt: „Jetzt geht es mir schon viel besser.“

Es gibt einen Bericht über die grönländischen Inuit von einem Afrikaner: Tété-Michel Kpomassie aus Togo. Das Buch über seinen 13monatigen Aufenthalt bei grönländischen Familien und Jägern Mitte der Sechzigerjahre hat den Titel „Ein Afrikaner in Grönland“ (1981). Darin ist auch von einem jungen Jäger die Rede: In der Schule von Christianshaab (heute Qasigiannguit) gab es eine Bibliothek, in der „sämtliche Forschungsergebnisse über Grönland“ versammelt waren, der dänische Direktor Kjeld Pedersen lud Kpomassie ein, sie zu studieren. „Eines Tages tötet Kjelds dreijähriger Sohn eine Fliege. Das fällt einem Kind in diesem Land umso leichter, als die Fliegen hier weniger flink als die in Afrika, im Frühling noch schläfriger und schwerfälliger zu sein scheinen. Kjeld sieht daher die Tat seines Sohnes nicht für ein Heldenstück an und bewundert ihn nicht im geringsten, zum großen Erstaunen des Kindermädchens, einer etwa dreißigjährigen Grönländerin, die aus einer Jägersiedlung weiter nördlich stammt und stolz ist auf das Kind, eben weil es eine Fliege umgebracht hat. ‚Das zeigt, dass er ein großer Jäger werden wird,‘ behauptet sie. Wenn man, um ein gewandter Jäger zu werden, in der Kindheit Fliegen getötet haben muß, dann müßte ich zweifellos, so wie alle anderen Afrikaner auch, einer sein…Auf das beharrliche Drängen des Kindermädchens hin beginnen Kjeld und seine Frau, eine dänische Lehrerin, Unmengen Kaffee zu kochen und mehr Kuchen zu backen, als sie es jemals getan haben, um mit dem ganzen Dorf dieses bedeutsame Ereignis zu feiern: ein Kind, das eine Fliege getötet hat! Unermüdlich erzählen die Dorfbewohner einander von dieser Heldentat, finden keine Worte, um den Kleinen zu beglückwünschen, ziehen in Scharen zu Kjeld, um den Jungen zu sehen, dieses Phänomen, und trinken Kaffee bis zum frühen Morgen. Überraschenderweise darf der Held nichts von den Kuchen essen, die zu seinen Ehren gebacken worden sind! In den kleinen Siedlungen nämlich, erklärt uns das Kindermädchen, und alle Anwesenden stimmen ihr im Chor zu, darf der junge Mann, der seinen ersten Seehund erlegt, selber nichts von dessen Fleisch verzehren…Die anderen essen fast alles auf. Während dieser Mahlzeit, die in Gegenwart des Jägers stattfindet – er sitzt in einer Ecke -, sagt jeder nach jedem Bissen: ‚Wahrhaftig, in meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so köstlichen Seehund gegessen!‘ Dadurch soll der junge Mann lernen, dass er von nun an zuerst an die Gemeinschaft zu denken hat, bevor er an sich denkt, und alles mit ihr teilen muß. Welche schöne Lehre, aber auch welch harte Prüfung.“

Nebenbeibemerkt lehrten die Missionare der Herrenhuter Brüdergemeine den Inuit das „Vaterunser“-Gebet mit einer Variante, die da heißt: „Unsere tägliche Robbe gib uns heute“ – „Brot“ kannten die Grönländer nicht.

In dem Roman „Fremdes Licht“ (2020) des Brünner Schriftstellers Michael Stavaric kommt eine Grönländerin, die im Westen Wissenschaftlerin geworden ist, ausführlich auf Eisbären zu sprechen. Sie meint, dass sie äußerst selten und in ihrem Verhalten vorsichtiger geworden seien, „selbst in Grönland glichen Eisbären immer mehr flüchtigen Geistern. Bei den Inuit war es den mutigsten Jägern vorbehalten gewesen, einen Eisbären zu erlegen.“ Daraufhin erzählt sie, wie ihr Großvater einmal mit einer Axt einen Eisbären tötete und dabei fast selbst ums Leben gekommen wäre. Ein andern Mal war sie mit ihrem Großvater unterwegs und ein Eisbär nahm ihre Witterung auf. Das könne nicht sein, meinte ihr Großvater, dann flüchteten die beiden aber doch und konnten gerade noch die Inuitsiedlung erreichen. „Ich werde die Umstände meiner ersten Periode niemals vergessen, sie hatte uns einen Eisbären eingebrockt,“ heißt es. Später las sie, dass Eisbären einen enorm guten Spürsinn haben, „kein Wunder, dass er mich selbst gegen den Wind roch.“ In der Siedlung gab einer der Jäger ihr den Namen „Das Mädchen, das dem Bären den Kopf verdreht.“ Die Leute in der Siedlung fanden, der neue Name sei besser als Elaine, denn er bedeute auch „Die Frau, die dem Bären den Hals umdreht“.

Aus Nunavut, ein Gebiet im Norden Kanadas, wo man den Inuits eine halbe staatliche Autonomie gewährte, stammt eine Sängerin namens Tanya Tagaq, von der 2020 Erinnerungen an ihre Jugend in den Achtzigerjahren auf Deutsch erschienen – mit dem Titel „Eisfuchs“. Sie und ihr Vater jagten keine Eisbären, sondern Blaufüchse, desungeachtet hatten sie und ihre Freundinnen bei Ausflügen gelegentlich Angst vor Eisbären, wenn sie schreibt: „Als wir am Nine Mile Lake ankamen, waren wir dankbar und erleichtert, dass der Wind sich ein wenig gelegt hatte, weil man dann nicht so leicht von den Eisbären gerochen wird.“ Als sie einmal auf einer Scholle abgetrieben wird, „kommt die Angst,“ die sie durch eine halluzinierte Identifikation und dann Verschmelzung mit einem besonders großen Eisbären bannt: „Ich bin unbesiegbar, Bärenmutter, Hasentochter, Robbenfresser, Bärengeliebte, Menschengeliebte, Liebling des Eises. Ich werde ein weiteres Jahr leben.“ Ihrer Mutter wurde noch die Eskimosprache von Missionaren und Lehrern mit Gewalt ausgetrieben, ihre Tochter Tanya mußte dann jedoch diese Sprache in der Schule wieder lernen, unwillig – vor allem weil sie den Lehrer nicht mochte.

Von 1918 bis 1920 durchquerte Roald Amundsen mit seinem Schiff „Maud“ die Nordostpassage. In einem Brief an seinen Arzt in Christiania (Oslo) berichtete er, dass ihn am 30. September 1918 ein Eisbär angefallen habe, der ihn umwarf: „Ich schaffte es, aus den Klauen des Bären und an Bord zu kommen. Der Bär wurde im entscheidenden Augenblick von einem Hund mit Namen Jakob abgelenkt und dann von Dr. med. Wisting mit der Büchse letal behandelt.“ Aber Nansen war auf die zum Schiff hoch führende Laufplanke gestürzt und hatte sich „den rechten Oberarm an mindestens zwei Stellen gebrochen.“ Sein Biograph Tor-Bomann-Larsen erwähnt in seiner Biographie „Amundsen Bezwinger beider Pole“ (2007), dass Amundsen in seiner Autobiographie „Mein Leben als Entdecker“ (1929) noch einmal auf die Begegnung mit dem Eisbär zurückkam: Es wird gesagt, so Amundsen, dass im Moment eines sicheren Todes der Mensch noch einmal sein Leben an sich „vorüberziehen sieht“. Ihm stand jedoch, als er den „Todesstreich erwartete“, eine Londoner Straßenszene vor Augen, wobei er sich fragte, „wieviel Haarnadeln wohl in London an einem Montagmorgen auf den Gehsteigen von Regentstreet zusammengefegt werden mögen.“ Sigmund Freud deutete diese Geschichte in einem kurzen Brief an einen Kollegen: „der Einfall zeigt, dass A. Jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben und sich (sein Leben) als wertlos hingestellt hat.“

Nach seiner Expedition mit der „Gjöa“ von 1903 bis 1906, um die Nordwestpassage zu durchqueren, kam ihm die Idee, statt Hunde die Schlitten von Eisbären ziehen zu lassen. Dazu wandte er sich an Carl Hagenbeck in Hamburg, der Eisbären für den Zirkus trainierte. 1908 erhielt Amundsen einen Brief von ihm, des Inhalts, dass das Abrichten der Bären als „Zugtiere“ Fortschritte mache.

Nansen hatte zuvor in seinem Buch „Unter Robben und Eisbären“ gemeint, dass Eisbären mit ihrem „verhältnismäßig kleinen Gehirn“ keine besonders intelligenten Tiere seien. Sie würden sich „nicht ebenso leicht zähmen lassen wie die Braunbären und seien für die Dressur wenig empfänglich“. Amundsen ließ jedoch nicht deswegen von seiner Idee ab, sondern weil Hagenbecks Dompteur sich weigerte, die Bären mit in die Arktis zu begleiten. Während seiner Expedition durch die Nordostpassage adoptierte Amundsen 1920 ein kleines Eisbärjunges, das er Marie nannte. In seinem Tagebuch notierte er: „Verhältnis Marie – ich werde ständig besser.“ Aber als die kleine Bärin anfängt, ihre Krallen und Zähne gegen ihn einzusetzen, gab er auf und „kloroformierte Marie aus dem Leben“, später wurde sie ausgestopft. Ein erfahrener Dompteur wäre aber vielleicht mit ihr fertig geworden, meinte er.

Am Ende der erfolgreichen Durchquerung der Nordostpassage ßt Amundsen in Nome (Alaska) „über 50 Ballen Pelze“ ausladen. Der von ihm verehrten Engländerin Kiss Bennett schickte er einen ausgestopften „Schwarm Rosenmöwen“ in ihr Landhaus „und legte ihr 40 Eisbärfelle zu Füßen,“ schreibt sein Biograph Bomann-Larssen.

 

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4. Fast alle schlesischen Adligen hatten als Hauptinteresse die Jagd, dazu waren sie auch noch höchlichst daran interessiert, dass der Kaiser, Wilhelm II., zu ihnen als Jagdgast aufs Schloß kam. Und der kam jedesmal mit einem so großen Gefolge, dass nur die „Magnaten“ mit den größten Schlössern ihn einladen konnten. In einem der gräflichen Schlösser stand in der Halle eine Glasvitrine mit einem Handschuh darin auf einem Kissen, die Gräfin hatte ihn getragen, als der Kaiser dort Jagdgast war und einen Handkuß angedeutet hatte, ihr weißer Handschuh war dadurch zu einer Reliquie geworden.

Der Sanierer etlicher heruntergewirtschafteter Güter des schlesischen Adels, Alfred Henrichs, beschreibt in seiner Arbeitsbiographie „Als Landwirt in Schlesien“ (die 2003 von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft DLG veröffentlicht wurde), wie die Kaiserjagd dort vor sich ging: „Zunächst erschienen [z.B. auf dem Schloß des Grafen Johannes von Franken-Stierstorpff, der eine amerikanische „Milliardärstochter“ geheiratet hatte] einige Herren aus der jagdlichen Suite des Kaisers, um die Verhältnisse an Ort und Stelle zu studieren: war das Gelände geeignet, wie war der Wildbestand, wie waren die Schusslisten der letzten Jahre usw.. Auf die Einladung des Kaisers zur Jagd folgten, wenn seine Jagdprüfer ihm positiven Bericht erstatteten, „als nächste Inspizienten kaiserliche Kriminalbeamte, um das Schloss und die Umgebung im Hinblick auf die Sicherheit zu prüfen. Dann rückten Beamte des Hofmarschallamtes an und begutachteten die dem Kaiser im Schloß zugedachten Räume, in unmittelbarer Nähe mußten auch die Zimmer für seine Kammerdiener liegen. Außer seinem Jagdpersonal und den Kriminalbeamten kamen in der Regel auch die Chefs oder deren Vertreter nebst Hilfspersonal der Reichskanzlei, des Zivil-, Militär- und Marinekabinetts mit, die ebenfalls Diener im Gefolge hatten, denn die Regierungsmaschinerie durfte ja nicht stille stehen.

Nun wurden Skizzen vom Jagdgelände angefertigt, in die die einzelnen Treiben, die Stände der Schützen und vor allem die des Kaisers eingetragen wurden. Waren auch diese von Berlin aus genehmigt, dann schickte der Jagdherr seiner Majestät die endgültige Einladung mit Angabe der anderen einzuladenden Gäste. Hierbei behielt sich der Kaiser vor, Streichungen und Änderungen vorzunehmen. Es war auch mitzuteilen, wer die Nachbarstände des kaiserlichen Gastes einnehmen sollte, denn ihre Besetzung galt als besondere Ehre. Am Schluß kam dann noch eine Kommission des kaiserlichen Marstalls, um die Pferde und Wagen zu besichtigen, deren sich der hohe Herr bedienen sollte. Genügten sie nicht, wurden Pferde und Wagen aus Berlin herbeigeschafft. So kam es dann endlich zur definitiven Zusage des Kaisers und zur Festlegung des Jagdtermins. [Woraufhin der „Goldfasanenmeister und der Karnickeldirektor“ informiert wurden, wann und wo sie die mit sehr viel Geld aufgezogenen Tiere frei zu lassen hatten.] Der Fasan spielte in Schlesien eine große Rolle.

Inzwischen setzte sich der Küchenchef des Gastgebers mit der Hofküche in Berlin in Verbindung, um zu erfahren, welche Speisen der Kaiser bevorzuge und wie sie zuzubereiten seien. Der Haus- und Hofmeister erkundigte sich in Berlin, welche speziellen Wünsche der Kaiser für seine Räume habe, die Stellung des Bettes zum Licht, Bettwäsche, Zudecke usw. Dann hatte er zu ermitteln, welche Weine, Zigarren oder Zigaretten der Kaiser bevorzuge usw..

Unmittelbar vor der Jagd waren die Schützenstände, eine Art ebenerdige Kanzeln, für den Kaiser herzurichten, für die es genaue Vorschriften gab. Sie bestanden zunächst aus einer Vorderwand, aus Fichtenzweigen geflochten, und ihre Höhe, breite und Dicke war genau vorgeschrieben. Seitlich schlossen sich zwei Nebenwände an, ebenfalls mit festgelegten Ausmaßen. In die Vorderwand waren zwei Astgabeln einzulassen, auf die der Kaiser die Flinte legen konnte. Auch deren Ausmaße waren genau vorgeschrieben. Sie mußten aus Buchenholz sein, das die sauberste Rinde hat. Der Fußboden der Kanzel war auf einige vorgeschriebene Dezimeter auszuheben, zuunterst mit Schlacke auszufüllen, worauf am Morgen des Jagdtages eine Schicht trockenen Sägemehls kam, damit es keine kalten Füße gab. Die Wege von einem Treiben zum zum anderen wurden mit frischen Fichtenzweigen ausgelegt, und da im dortigen Revier [Buchenhöh des Grafen Johannes] nur wenig Fichten standen, ließ man einige Tage vor dem großen Ereignis mehrere Waggons Fichtenreisig aus dem Riesengebirge kommen.

Wie mir der Wildmeister Urner und der Rentmeister Jendryssek dort sagten, war Wilhelm II., ein Meisterschütze, obwohl er wegen seines verkrüppelten linken Armes nur einarmig schießen konnte. Hinter ihm standen stets zwei Büchsenspanner. Er bekam selbstverständlich den besten Stand und hatte oft die größte Strecke.“ Wenn nicht, korrigierte man die Abschußliste zu seinen Gunsten. Alfred Henrichs erwähnt die Strecke einer fünfköpfigen Jagdgesellschaft des Grafen Schaffgotsch: „2500 Kreaturen“ an einem Tag. Nach seinen Schilderungen der Wirtschaftsweisen des schlesischen Adels kommt er zu dem Schluß: „Diese aristokratische Lebensweise war nur bei einem unendlich niedrigen Lebensstandard der Arbeiterschaft möglich.“

Der schlesische Schriftsteller August Scholtis, der als Jugendlicher zunächst in der Verwaltung des Fürsten Lichnowsky eine Anstellung als Schreiber fand, berichtet in seiner Autobiographie „Ein Herr aus Bolatitz“ (1959), dass „die illustren Gäste des Schlosses sich an späten Nachmittagen auf die Rehbockpirsch zu begeben pflegten“.  Der Fürst meinte einmal zu ihm: „Wenn der Kaiser noch mal zur Jagd auf mein Schloß kommt, bin ich bankrott.“

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5.Die Jagd ist eine Kunst“ – steht in der heute musealisierten Jagdhütte von Marschall Tito nahe Belgrad. Der Psychoanalytiker Paul Parin, der bei den Tito-Partisanen als Arzt arbeitete, war auch ein leidenschaftlicher Jäger und Angler, der bereits als 13jähriger bei seinem ersten tödlichen Schuß auf ein Haselhuhn einen Orgasmus bekam: „Seither gehören für mich Jagd und Sex zusammen“. Dieser Doppelschuß, wenn man so sagen darf, machte ihn zum „Mann: glücklich und gierig“. Vor dem offiziellen Erwachsenenstatus steht aber noch eine sadistische „englische Erziehung“: Bei einer Jagd mit Hunden beging er als junger Treiber so viele Fehler, dass sein gutsherrschaftlicher Vater ihn von seinem Förster auspeitschen läßt – „auf den blanken Hintern“ inmitten der Treiberschar. Die darf ihn sich gleich anschließend noch einmal im Keller des Landschlosses vornehmen, dabei ziehen sie ihn ganz aus. Sein „Papa stand daneben und genoss das Schauspiel“. Anschließend legte sich einer der Burschen nackt neben ihn, „nahm meinen Pimmel in die Hand, steckte ihn in den Mund und fing an zu saugen und mit der Zunge zu streicheln. ‚Er will mich trösten‘, dachte ich und drehte mich so, dass ich seinen Pimmel auch zu fassen kriegte, und steckte ihn meinerseits in den Mund. Es war wirklich ein Trost.“

Das war aber noch nicht die eigentliche „Initiation“. Die kam erst mit 17 – als er seinen ersten Bock schoß. Ein Onkel hatte ihn in seine Jagdhütte eingeladen, als Paul Parin oben ankam, bedrängte dieser gerade mit heruntergelassener Hose seine Haushälterin am Kachelofen. „Komm in zehn Minuten wieder,“ rief ihm der Onkel zu, „dann sind wir mit Vögeln fertig. Dann sind auch die Mädels da, die ich gemietet hab. Sie sind scharf auf dich, haben sie gesagt“. Abends erzählt der Onkel Jagdgeschichten, danach geht der Bub mit einem der drei Mädchen auf sein Zimmer. Erst läßt sie sich von ihm mehrmals mit der Hand befriedigen, dann holt sie ihm einen runter. Anschließend schläft sie sofort ein, er kann nicht schlafen, stattdessen zieht er sich wieder an, schnappt sich sein Gewehr und geht in den Wald, wo er dann von einem Hochsitz aus einen „starken Bock“ mit Blattschuß erlegt. Beim Frühstück muß er alle Einzelheiten erzählen. Auch das gehörte zum „Ritual“.

Seitdem erfaßte ihn „das Jagdfieber immer wieder mit der gleichen Macht wie sexuelles Begehren“. Das ging auch seinem Jugendfreund so: „Dulli war Jude und zeitlebens dem Jagdfieber verfallen. Von seinem liebsten Jagdkumpan an die deutsche Besatzungsmacht verraten, wurde er Widerstandskämpfer und in der titoistischen Republik Slowenien Minister für Jagd und Fischerei“. Ein „aufgeklärter Mensch jagt nicht“ und auch ein „Jude jagt nicht“ – das sind „gleichermaßen Gesetze abendländischer Ethik. Ich muss mich zu den Ausnahmen zählen“. Aber Paul Parin hat von sich selber und vielen anderen erfahren: „Wenn mein Vater nicht seine Jagd gehabt hätte, wären wir Kinder in der strengen und sterilen Familienatmosphäre erstickt“. Deswegen kann er jetzt eher genuß- als reuevoll z.B. seine Jagd auf eine Gazelle in der Sahara und das Forellenfischen in Alaska – als Sucht – beschreiben.

Sucht heißt, dass der narzisstische Genuß am Morden mit der Jagd weltweit einen Freibrief hat“. Am Beispiel von Milovan Djilas, leidenschaftlicher Angler, Mitkämpfer und Vertrauter Titos, gibt er jedoch zu bedenken: „Später, als Dichter, wusste Djilas: Keine Ausübung der Macht über das Volk, über die Schwachen bleibt ohne verbrecherische Taten. Wäre es nicht besser gewesen, der eigenen Leidenschaft Raum zu geben und den flinken Forellen nachzustellen…?“ Im Russischen gibt es ein volkstümliches Wort für Jagd und Lust: Ochota. Parins eigene „Jagdleidenschaft“ erlosch bald nach dem 84. Geburstag seiner Frau Goldy, am 30 Mai 1995: „An diesem Tag habe ich im Fluß Soca in Slowenien die größte Forelle meiner Laufbahn gefangen“. Anschließend erzählte er seiner Frau, daß er am Fluß einen jungen verwilderten Mann, der ihn beklauen wollte, fesselte – dann hätte er ihn ausgepeitscht bis zum „Flash“, woraufhin sie beide zum Orgasmus gekommen wären. Während Paul Parin diese Geschichte schließlich als eine „Phantasie“ darstellt, ist die Psychoanalytikerin Goldy sich da „nicht so sicher…Kann sein, dass du nicht nur die Riesenforelle erwischt hast, sondern auch einen Gayboy aus Kärnten“. Sie einigen sich darauf: „Es könnte so sein oder auch nicht…Gehen wir schlafen“.

In einer Art Nachwort rühmt Christa Wolf Paul Parins „Lebenskunst und Schreibkunst“, diese im richtigen Augenblick kennengelernt zu haben, hält sie für eine „glückliche Fügung“. Mich hat sie eher verwirrt. Parins Buch ist 2018 überarbeitet neu herausgegeben worden, es heißt jetzt: „Die Jagd – Licence for Sex and Crime“.

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6. Die technische Entwicklung (der Waffen) ist schneller als die kulturelle (der Moral). Es gibt einen Bericht über die grönländischen Inuit von einem Afrikaner: Tété-Michel Kpomassie aus Togo. Das Buch über über seinen 13monatigen Aufenthalt bei grönländischen Familien und Jägern Mitte der Sechzigerjahre hat den Titel „Ein Afrikaner in Grönland“ (1981). Darin ist von der Jagd auf eine Fliege die Rede: In der Schule von Christianshaab (heute Qasigiannguit) gabes eine Bibliothek, in der „sämtliche Forschungsergebnisse über Grönland“ versammelt waren, der dänische Direktor Kjeld Pedersen lud Kpomassie ein, sie zu studieren. „Eines Tages tötet Kjelds dreijähriger Sohn eine Fliege. Das fällt einem Kind in diesem Land umso leichter, als die Fliegen hier weniger flink als die in Afrika, im Frühling noch schläfriger und schwerfälliger zu sein scheinen. Kjeld sieht daher die Tat seines Sohnes nicht für ein Heldenstück an und bewundert ihn nicht im geringsten, zum großen Erstaunen des Kindermädchens, einer etwa dreißigjährigen Grönländerin, die aus einer Jägersiedlung weiter nördlich stammt und stolz ist auf das Kind, eben weil es eine Fliege umgebracht hat. ‚Das zeigt, dass er ein großer Jäger werden wird,‘ behauptet sie. Wenn man, um ein gewandter Jäger zu werden, in der Kindheit Fliegen getötet haben muß, dann müßte ich zweifellos, so wie alle anderen Afrikaner auch, einer sein…Auf das beharrliche Drängen des Kindermädchens hin beginnen Kjeld und seine Frau, eine dänische Lehrerin, Unmengen Kaffee zu kochen und mehr Kuchen zu backen, als sie es jemals getan haben, um mit dem ganzen Dorf dieses bedeutsame Ereignis zu feiern: ein Kind, das eine Fliege getötet hat! Unermüdlich erzählen die Dorfbewohner einander von dieser Heldentat, finden keine Worte, um den Kleinen zu beglückwünschen, ziehen in Scharen zu Kjeld, um den Jungen zu sehen, dieses Phänomen, und trinken Kaffee bis zum frühen Morgen. Überraschenderweise darf der Held nichts von den Kuchen essen, die zu seinen Ehren gebacken worden sind! In den kleinen Siedlungen nämlich, erklärt uns das Kindermädchen, und alle Anwesenden stimmen ihr im Chor zu, darf der junge Mann, der seinen ersten Seehund erlegt, selber nichts von dessen Fleisch verzehren…Die anderen essen fast alles auf-Während dieser Mahlzeit (der stets ein ‚kafemik‘ folgt – ‚ein ganztägiges und offenes Kaffeetrinken‘ laut Wikipedia), die in Gegenwart des Jägers stattfindet – er sitzt in einer Ecke -, sagt jeder nach jedem Bissen: ‚Wahrhaftig, in meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so köstlichen Seehund gegessen!‘ Dadurch soll der junge Mann lernen, dass er von nun an zuerst an die Gemeinschaft zu denken hat, bevor er an sich denkt, und alles mit ihr teilen muß. Welche schöne Lehre, aber auch welch harte Prüfung.“

Nebenbeibemerkt lehrten die Missionare der Herrenhuter Brüdergemeine den Inuit das „Vaterunser“-Gebet mit einer Variante, die da hieß: „Unsere tägliche Robbe gib uns heute“ – „Brot“ kannten die Grönländer nicht.

Am höchsten angesehen waren bei ihnen die Eisbärenjäger, denn es war gefährlich, dieses größte Landraubtier mit Hunden und einem Speer anzugreifen. Die Inuitforscherin Josephine Peary bemerkt in ihrem „Arctic Journal“ (1893) über einen etwas armen grönländischen Jäger, Ikwa, der sich der Expedition ihres Mannes andiente: „Er trug Hosen aus Robbenleder. Später erfuhren wir, das Hosen aus Robbenleder nur von solchen Jägern getragen werden, die nicht das Glück hatten oder unfähig waren, einen Eisbären zu töten. Im Winter trugen sie dann Hosen aus Hundefell, die zwar genauso warm sind wie welche aus einem Eisbärfell, aber nicht so chic,“ schreibt sie.

Die als Leiterin arktischer Tourismusexpeditionen arbeitende Schriftstellerin Birgit Lutz hat mehrmals Inuit-Siedlungen in Ostgrönland besucht, wo an der 2500 Kilometer langen Küste nur noch 2500 Menschen leben und einige Siedlungen völlig verlassen sind, seitdem die Jagd auf Wale und Eisbären fast verboten wurde und die Robbenfelle kaum noch etwas einbringen. Ihrem Bericht gab die auf Spitzbergen umweltschützerisch engagierte Autorin den provokativen Titel: „Heute gehen wir Wale fangen…“ (2017). Sie interviewte darin u.a. die auf Grönland geborene dänische Reiseorganisatorin Pia Anning Nielsen: „Seitdem die Jagd keine Perspektive mehr für die Menschen hier ist, sind sie nicht mehr stolz. Jetzt können sie sich nicht mehr selbst versorgen, weil der Preis für die Robbenfelle trotz Subventionierung durch die dänische Regierung zusammengebrochen ist.“ Die letzten Jäger schießen zwar weiterhin Robben, 20-30 pro Tag mitunter, aber vor allem zur Versorgung ihrer Schlittenhunde. Ansonsten verfallen immer mehr Inuit dem Alkohol und von den männlichen Jugendlichen verüben immer mehr Selbstmorde. „Für Pia liegt der Hauptgrund dafür in der Erziehung zum Jäger,“ das kein Auskommen mehr bietet. Birgit Lutz findet es unterstützenswert, dass die Inuit weiterhin Robben und Kleinwale jagen, aber da sie sich auf Spitzbergen bei ihrer Sommerarbeit für den Schutz der Eisbären engagiert, fällt es ihr schwer, hier in Ostgrönland nun Sympathie für die letzten Eisbärenjäger aufzubringen. Die auf Spitzbergen an Touristen verkauften Eisbärfelle stammen aus Alaska und Kanada. Derzeit kosten sie bis zu 3000 Dollar das Stück, weil immer mehr reiche Chinesen sie als Bettvorleger kaufen.

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7.Sündenböcke“ nennen Tierschützer in Südostasien und Südamerika jetzt die Flughunde und die Fledermäuse, die massenhaft von Einheimischen getötet werden. Diese geben vor, damit den Coronavirus auszurotten. Schwieriger ist diese Funktion den polnischen Wildschweinen zuzusprechen, die alle abgeschossen werden sollen. Nachdem in einer Zucht- und Mastanstalt die afrikanische Schweinepest ausgebrochen war und 25.000 Tiere getötet wurden, fand man in Niederschlesien nach einer Jagd infizierte Wildschweine. Unter der Überschrift „Wildschweine als Sündenbock“ informierte „tierrechte.de“: Auch der deutsche Bauernverband habe das Wildschwein „als Hauptüberträger ausgemacht und bläst zur Wildschweinjagd. Der Lobbyverband fordert 70 Prozent der Schwarzkittel zu töten. Die Bundesländer kippen alarmiert bisherige Regelungen und heben die Schonzeiten für Wildschweine auf.“

Beim Hochwasser am Niederrhein 2016 waren die Bisamratten die „Sündenböcke“, wie „nutria-info.com“ meldete, indem man forderte, sie zu bekämpfen, weil sie mit ihren Höhlen die Deiche untergraben. Auch der Waschbär mußte wiederholt als Sündenböck herhalten, aber der Naturschutzbund NABU hält wissenschaftlich dagegen: „Der große Sündenbock, zu dem er oft gemacht wird, ist er wohl nicht.“ Während der BUND klagte „Der Wolf wird zum Sündenbock gemacht“. Und jemand auf „stimme.de“ meinte: „Ein beliebter Sündenbock, der den Artenrückgang mit zu verantworten haben soll, ist die Krähe.“ Für die Fischer sind dagegen oft und gerne die Kormorane die wahren „Sündenböcke“, weil sie diese Vögel für „Fischdiebe“ halten, wie „wunschliste.de“ erklärt.

Eigentlich kann jede Tierart zum Sündenbock werden, wenn die Menschen sie vorschnell und monokausal für einen Schaden verantwortlich machen – ohne gründliche Ursachenforschung. Auf Mauritius sind die Flughunde die Sündenböcke und sollen alle ausgerottet werden, weil sie „den Obstbauern die Früchte wegfressen“, d.h. den Gewinn schmälern, wie „regenwald.org“ erfahren hat.

Es gibt auch Sündenböcke als mediale Opfer: Jetzt in der anhaltenden „Corona-Krise“ kann der Staat viele Zoos nicht subventionieren (weil es Wichtigeres gibt?), so dass denen langsam das Geld für Futter ausgeht. In dieser Not stellen die ersten Zoos bereits „Notschlachtpläne“ auf, d.h. Listen, welche Tiere zuerst geschlachtet – z.B. eine von drei Zebraherden – und dann an andere Tiere – z.B. an Löwen und Tiger – verfüttert werden. Die Lokalpresse von Neumünster berichtete, dass der Eisbär Vitus der letzte auf der Notschlachtliste des dortigen Zoos sei. Die Zoodirektorin erklärte: Wir sind ein Verein und leben von Spenden- und Eintrittsgeldern.

Den Plan für die zum Tode verurteilten Zootiere, um den Hungertod einiger anderer Tiere abzuwenden, mindestens hinauszuzögern, kann man insofern als Sündenbockliste der Corona-Krise bezeichnen als die Krise es mit ihren täglichen Todeszahlen verhindert, dass die allgemeine Aufmerksamkeit sich der Neumünsteraner Todesliste zuwendet. Innormalen Zeiten“ wären sofort dutzendweise Spender und die unterschiedlichsten staatlichen Stellen mit Hilfsgütern und Beihilfen eingesprungen. Häufiger noch als dieser Notplan, der das Verhungern aller Zootieren verhindern soll, ist das emotionale Verhungern von Zootieren infolge einer Schließung des Zoos, weil darin eine Tierseuche ausbrach, also die Gefahr von innen kommt.

Es gibt eine Studie vom Zürcher Zoodirektor Heini Hediger, dessen Zoo einmal wegen Ausbruch einer Maul- und Klauenseuche monatelang geschlossen war: Erst wurden die Tiere immer depressiver und dann auch die Pfleger, die allgemeine Depression hängte sich wie eine Glocke über den Zoo. Von der Redaktion der „Zoopresseschau“ bekam ich mitgeteilt: Die Zoos werden seit Jahren mit seuchenbegründeten Problemen gebeutelt. Maul- und Klauenseuche hatte im Frühling 2001 etliche Zoos zu Schließungen gezwungen (Köln, Münster, Karlsruhe, Gelsenkirchen u.a.). Dann kam Vogelgrippe, Blauzungenkrankheit, Schweinepest, … Diesmal ist es aber finanziell dramatischer und trifft alle Zoos, hingegen waren sonst eher die Tiere in Gefahr.

Das betraf jedoch immer nur eine bestimmte Tiergruppe: Die Raubtiere litten z.B. nicht an der Maul- und Klauenseuche, aber sie mußten dennoch genauso unter der Zooschließung leiden – insofern sie tagaus tagein Tag bloß noch die künstliche Zoolandschaft vor Augen hatten und keine Besucher mehr, die sie ehrfurchtsvoll anstarrten, in der Nase bohrten oder sich am Kopf kratzten.

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8. Das Leben „auslöschen“, ein Lebewesen verletzen und es dann von seinem Leiden „erlösen“, Soldaten nicht Mörder nennen, Tiere empfinden nicht so wie wir, Pflanzen haben keine Gefühle usw.

Das Leben, das legen die sich so aus: ‚Die Eierstöcke sind die größten Philosophen‘,“ meinte der Dichter Gottfried Benn. „Das Leben lebt nicht,“ konstatierte dagegen der Philosoph Theodor W. Adorno, er meinte sicher das „gesellschaftliche Leben“ – mit dem Marxisten Alfred Sohn-Rethel erklärt hieß das, weil der sich über den Markt herstellende gesellschaftliche Zusammenhang ein abstrakter ist. Für den Psychoanalytiker Wilhelm Reich bedeutete das Nicht-Leben des Lebens (der Weißen), dass ihnen ihr „Charakterpanzer“ kein wirkliches Lustempfinden erlaubt.

Die US-Naturwissenschaftler glauben, mit der Entdeckung und Manipulation der „Gene“ das Leben „geknackt“ zu haben – so wie polnische Mathematiker im Krieg mit ihrer „Enigma“ den Code des Nazi-Funkverkehrs „dechiffrierten“. Der französische Wissenssoziologe Bruno Latour gab dem gegenüber zu bedenken: Zwar könne man mit der Gentechnik viel Geld machen, sie sei also ökonomisch von großem Wert, aber viel zu einfach gedacht, um zum besseren Verständnis von „Leben“ beizutragen. Im Gegenteil: Noch nie war eine „Life Science“ so weit vom Leben entfernt.

Neulich hatte ich eine Mitfahrgelegenheit von Würzburg nach Berlin – und freute mich, als ich erfuhr, dass meine Fahrerin eine Biologin war. Schon brabbelte ich diesbezügliches, da unterbrach sie mich: „Tiere und Pflanzen, Lebendiges, interessiert mich überhaupt nicht, ich beschäftige mich mit einem Hormon. Und wenn ich meine Doktorarbeit fertig habe, für den Rest meines Lebens mit zwei Hormonen.“

Aus dem Inneren eines solchen Hightech-Labors berichtete ausführlich auch die Freiberger Biologin Anne-Christine Schmidt in ihrem „Schwarzbuch ‚Alptraum Wissenschaft‘“ (2016) – jedoch längst nicht so lebenssicher wie die Würzburgerin, der Titel deutet es bereits an.

Tatsächlich ist mir das, was man „Leben“ im biologischen Sinne nennt, inzwischen zum größten Rätsel geworden, wobei dieses – im biologischen Sinne gestellt – vielleicht schon falsch ist, d.h. dass man naturwissenschaftlich denkend nie dem näher kommt, was man „Leben“ nennt. Von allen Biologen geben sich zwar die Ethologen mit ihrer Feldforschung die größte Mühe, aber auch sie neigen dazu, aus ihrer Beobachung von einigen Tieren schnell auf das Verhalten der ganzen Art zu schließen. Erst jetzt, da die „organismische Biologie“ von der Genetik und Molekularbiologie verdrängt wird, kommt man darauf, das Leben von einzelnen (Tieren) zu studieren. Manchmal denke ich: Was ist die ganze Kunst, bis hin zu Michelangelo und Co, gegenüber einer Mücke?! Es heißt, ich da vergleiche Äpfel mit Birnen. Aber wenn die Künstler sich heute gerne mit Öko-Kunst präsentieren und die Ökologie fast täglich gegen die Ökonomie in Stellung gebracht wird, dann nähern wir uns doch dem für Weiße vielleicht noch utopischen Gedanken einer „Ökologie ohne Natur“. Wir sind dann so mit ihr verbunden, heißt das (beim Philosophen Timothy Morton), dass dieser Begriff überwunden wurde.

Solchem Wahrheitsbegriff halten die Naturwissenschaftler ihren wertschaffenden Genbegriff entgegen. Einer, der Biologe und Berater von Biotech-Unternehmen, William Bains, schrieb in der Zeitschrift „Nature Biotechnology“: „Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.“ Uns? Die amerikanische Biologiehistorikerin Lilly E.Kay behauptet, in ihrem Land „sind mindestens 80 Prozent der Molekularbiologen an eigenen kommerziellen Biotech-Unternehmen beteiligt“.

Die in Emden lehrende Genkritikerin Silja Samerski merkte dazu in einem Interview an: „Das ,GEN‘ ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft… über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt. Es ist jedoch sehr fraglich, ob man umgangssprachlich über Variablen von… oder Bestandteile eines Kalküls oder Algorithmus sprechen kann, ob sich also überhaupt außerhalb des Labors sinnvolle Sätze über ,GENE‘ bilden lassen, die von irgendeiner Bedeutung sind. Wenn aber solche Konstrukte in der Umgangssprache auftauchen und plötzlich zu Subjekten von Sätzen werden, mit Verben verknüpft werden, dann werden sie sozusagen in einer gewissen Weise wirklich.“ Auf ihrer Internetseite „Über mich“ schreibt die Professorin: „Aus Begeisterung für Tiere und Pflanzen begann ich 1989 in Tübingen, Biologie zu studieren. Bereits nach einem Semester war meine Begeisterung allerdings ziemlich gedämpft: Zu meiner Enttäuschung widmete sich die moderne Biologie nicht so sehr dem Verständnis des Lebendigen, sondern vielmehr dem Versuch, Lebewesen technisch zu manipulieren und zu „optimieren“.

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9. In Berlin wird einem nicht nur geraten, in diesen Corona-Zeiten die Vögel zu füttern, sondern auch, ihnen Körner und keine Brotreste zu geben. Überdies gibt es hier mehrere Einrichtungen, die kranken oder verletzten Tauben helfen und sechs Taubenschläge an Bahnhöfen, wo man sie anständig füttert und tränkt.

Der nicht-praktizierende Jurist Guido Rohrer meinte, sich als Kenner der Gesetzeslage in bezug auf das Taubenfüttern im Allgemeinen und an seinem Wohnort Gelsenkirchen im Besonderen, auszukennen. Aber eventuell ist er nun doch unterlegen. Der Tierfreund verfüttert monatlich rund einen Zentner Körnerfutter an die Tauben der Stadt. Gelegentlich bekommt er „Hasskommentare“ zu hören wie „Das ist verboten“, „Du gehörst eingesperrt“, „Ich rufe die Polizei“. In der Lokalausgabe der WAZ wurde nicht nur das Gelsenkirchener Fütterungsverbot als „ethischer Tierschutz“ bezeichnet und auf die „Zerstörung von Eigentum“ durch die Taubenscheisse hingewiesen, sondern auch dazu aufgefordert, Taubenfütterer polizeilich zu melden.

Guido Rohrer meint, „das ist ein Aufruf zur Denunziation von Leuten, die die Tauben nicht langsam verhungern lassen wollen. Hier werden Tierfreunde wie Verbrecher behandelt“. Es gäbe auch im taubenfeindlichen Gelsenkirchen mehr Taubenfütterer als man denkt: „Die meisten tun das heimlich, abends oder frühmorgens. Und selbst da gibt es Leute, die sie mit Taschenlampen verfolgen“. Oder – wie zwei Mitarbeiter der Stadtreinigungsfirma „Gelsendienste“, die mit ihrem Wagen 10 Tauben auf einem Platz totfuhren. Der Staatsanwalt stellte die Ermittlungen gegen sie ein, stattdessen wurde ein Augenzeuge wegen Verleumdung vor Gericht gestellt.

Ende 2019 wurde Rohrer zum zweiten Mal wegen „verbotenen Taubenfütterns“ verurteilt. Die Richterin hatte das Verbot wörtlich ausgelegt, das sei aber juristisch nicht entscheidend, so Rohrer, sondern der Sinn und Zweck, und der bestehe darin, durch das Verbot die „Verschmutzung durch den üblichen Taubenkot zu verringern“. Dabei handele es sich um Durchfall, der entsteht, „wenn Tauben irgendwelche Essensreste fressen müssen. Von Körnern dagegen bleiben sie gesund und kriegen keinen Durchfall. Der Taubenkot besteht dann aus millimeterkleinen weißen Kügelchen. Und also steht das Körnerfüttern in Einklang mit dem Zweck des Taubenfütterungsverbots – und kann deshalb nicht verboten sein“.

Rohrer fütterte weiter. Einige Taubenhasser griffen ihn tätlich an, er wehrte sich und stand dann als „Täter“ vor Gericht. Die WAZ bezeichnete den Angriff von einem „SPD-Mann“ gegen ihn als „couragierten Einsatz“. Im Februar 2020 schrieb Rohrer – in seinem inzwischen achten „Offenen Brief“: „Bußgelder plus Zwangsgelder betragen jetzt etwa 45.000 Euro, zuzüglich Anwalts- und Gerichtskosten. Wer kennt einen tierliebenden Millionär?“

Über seine Verfolgung als Taubenfütterer schickte er dem „Spiegel“ ein Dossier. Doch die Redaktion ließ stattdessen einen „gewissen Haag-Wackernagel aus Basel“ zu Wort kommen, der die dortige Taubenpopulation „teils durch Verhungernlassen teils durch direktes Töten zu Tausenden dezimiert“ hatte, was er „Tierschutz“ nannte.

Im Mai 2020 wurde Rohrer vom Amtsgericht Gelsenkirchen auch noch wegen Beleidigung angeklagt. Eine Passantin hatte den Taubenfütterer beschimpft und die Tauben vertrieben, woraufhin er zurückgeschimpft hatte. Das nahm die Passantin mit verstecktem Tonband auf und ging damit zur Polizei. Die Richterin berief sich auf diese Tonaufzeichnung, als sie ihn dazu verurteilte, 1200 Euro wegen Beleidigung zu zahlen. Rohrer argumentierte dagegen, dass solche Tonaufnahmen nur bei schwerwiegenden Delikten als „Beweis“ verwertet werden dürfen. Er stellte Strafanzeige wegen Rechtsbeugung. Die Schriftsätze ging hin und her, gleichzeitig auch noch beim Oberlandesgericht Hamm, wo es in zweiter Instanz um mehrere Ordnungswidrigkeiten des Taubenfütterers ging. Dort bezeichnete der Staatsanwalt ebenfalls das Nichtfüttern – „Verhungernlassen“ – als „Tierschutz“ und „Ethik“ und weil Rohrer das nicht einsehen wollte, sprach er von dessen „beharrlicher Uneinsichtigkeit“, die derart schwer wiege, dass eine gehörige Geldstrafe angemessen sei. „Die Summe der Buß- und Zwangsgelder beträgt jetzt etwa 60.000 Euro,“ schrieb Rohrer in seinem elften Offenen Brief. Obwohl der Beschluß des Oberverwaltungsgerichts noch nicht rechtskräftig ist, „kann die Stadt jetzt wohl 28.000 Euro Zwangsgelder verlangen. Ich brauche dringend Spenden, Kredite, Geld.“

Ende Mai berichtete die WAZ: „Für Guido R. Könnte die Liebe zu Tauben sehr teuer werden. Er sieht in dem städtischen Taubenfütterungsverbot einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Wenn er das Geld nicht aufbringt, droht ihm eine Haftstrafe. Der Kommentar des 56jährigen: ‚Das ist doch geisteskrank. Die schicken mich in den Knast und die Tauben verhungern‘.“

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Das Lenin-Denkmal in Magadan bekam „Taubenspikes“ auf Kopf und Schultern, um diese Vögel davon abzuhalten, auf Lenin zu scheißen, so wie es heute viele Linke tun.

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Kürzlich berichtete rtl.de: „Stadttauben in Hamburg zerquetscht: Wer macht sowas?“ Der Verein „Gandolfs Taubenfreunde Hamburg“ setzte 1000 Euro Belohnung für die Identifizierung des „Taubenkillers“ aus. „Es ist bereits die zweite Tat. Die Tierschützer vermuten dahinter ein System oder ein grausames Ritual.“

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10. Fast könnte man die Walgeschichte auf den Wandel vom Walfänger zum Whale-Watcher reduzieren. Die Inuit an der Baffin-Bay erzählten dem „Eskimologen“ Knud Rasmussen von Zeiten vor den Walfängern (der Weißen), dass die Wale so zahm waren und so zahlreich, dass sie bloß hinzulaufen brauchten, um sie zu harpunieren. Ähnliches berichtete der Leiter der Hauptverwaltung Nördlicher Seeweg Iwan Papanin in seiner Autobiographie „Eis und Flamme“ über Walrösser, die deswegen auch alle gleich erschossen wurden. Das gleiche Schicksal erfuhren zuvor die arktischen Seekühe, die nach ihrem Entdecker, dem Arktisforscher Georg Wilhelm Steller Stellersche Seekühe genannt, aber schon kurz nach ihrer Entdeckung wegen ihrer „Zahmheit“ als leicht zu erbeutender Walersatz ausgerottet wurden. Dank der Ablösung des Trans durch Öl, Gas und Elektrizität ließ man die letzten Wale am Leben.

Es gibt nur noch vier Walfangnationen – Japan, Norwegen, Island und Dänemark (mit Grönland und Faröerinseln). Im Mai meldete „nationalgeographic“: „Der kommerzielle Walfang in Island ist am Ende“. Der Grund: „Exportprobleme wegen der wachsenden Beliebtheit von Walbeobachtungen“, was dazu führte: „In Norwegen und Japan wird immer weniger Walfleisch gegessen“.

Inzwischen gibt es riesige Walschutzzonen, Reservate wie der Golf von Kalifornien, in denen die Wale nicht gejagt werden dürfen, und wodurch sie wieder so viel Zutrauen gewonnen haben, dass sie an die Schlauchboote der Whale-Watcher kommen, um sich von ihnen z.B. die lästigen Seepocken auf dem Rücken entfernen zu lassen, wie der Biologe Josef Reichholf in seiner Biographie „Mein Leben für die Natur“ berichtet und ähnlich der Leiter des Augsburger Wissenschaftszentrum Umwelt Jens Soentgen in seinem Buch „Ökologie der Angst“. Darin heißt es, dass allen Tieren die Angst vor den Menschen, der überall hingelangt, gewissermaßen eingeboren ist, sie finden jedoch bei günstigen Bedingungen auch wieder heraus. Soentgen erinnert daran, wie verwundert alle Entdecker der Südseeinseln und der Antarktis waren, dass die Tiere dort keine Scheu zeigten – was diese durchweg mit dem Leben bezahlten. Ihre nahezu angstfreie Neugier kostet auch heute noch etlichen Eisbären das Leben.

Die auf Spitzbergen Tierschutzengagement mit touristischen Expeditionen verbindende Autorin Birgit Lutz berichtet über die ostgrönländischen Inuit in ihrem Buch „Heute gehen wir Wale fangen“, dass sie zwar alle modern bewaffnet sind, aber kaum noch auf die Jagd gehen, weil der Verkauf von Fellen an die dänischen Ankaufstellen obwohl der Preis subventioniert wird, nichts mehr einbringt. Robben werden zwar noch gejagt, in der Saison erlegen die Jäger bis zu 30 am Tag, aber nur als Futter für ihre Hunde. Birgit Lutz fand es richtig, dass hier und da auch noch ein Wal gejagt wird (im Rahmen der den Inuit zugeteilten Quote), aber ein Eisbärjäger, der ihr stolz das Fell seines zuletzt geschossenen Bären zeigte, fand nicht ihre Zustimmung, denn auf Spitzbergen setzt sie sich gerade für das Leben der Bären ein, wie sie schreibt. In den Touristenläden auf Spitzbergen stammen die Eisbärfelle, die dort verkauft werden, aus Kanada und Alaska, viele Naturschützer bezweifeln deswegen zu Recht, dass die mit modernsten Waffen ausgerüsteten Inuit noch eine Subsistenzjagd betreiben.

Kürzlich wurde den trächtigen Eisbär-Weibchen auf Spitzbergen eine Bucht als Wochenstube reserviert, in der sich das Eis besonders lange hält. Eine Bärin, die stattdessen in die Hauptstadt ging, wurde dort allerdings als „Problembär“ erschossen, obwohl man sie eigentlich betäuben und mit Hubschrauber in ihr neues Reservat fliegen wollte, aber es war gerade Feiertag und niemand zu erreichen, wie die norwegische Gouverneurin mitteilen ließ.

Als im vergangenen Sommer 50 Eisbären die Hauptstadt von Nowaja Semlja quasi belagerten, blieben die Kommunalpolitiker gelassener. Zudem sind Eisbären in der russischen Arktis seit 1975 geschützt. Zwar wurde eine Militäreinheit gebeten, notfalls einzugreifen, also die Eisbären abzuschießen, aber dieser Notfall trat nicht ein, im Gegenteil meldete der Bürgermeister, dass die Bären abgezogen seien und sogar die Doppelinsel schon verlassen hätten, „bis auf einige, die von hier sind. Diese hätten die anderen vielleicht sogar vertrieben“.

In der Arktis braucht jeder Eisbär ein Territorium von vielen hundert Quadratkilometern, wobei die meisten es jedoch vorziehen, nomadisch zu leben, insofern sie jährlich mehrere tausend Kilometer wandern. Außer den reichen Trophäenjägern und den letzten indigenen Eisbärjägern tauchen wieder vermehrt Fellhändler auf. Bis zu 3000 Euro zahlen reiche Chinesen für ein Eisbärfell und es gibt immer mehr reiche Chinesen. Sie haben die erotisch aufgeladene Mode der weißen Reichen zur Hochzeit von Hollywood wieder aufleben lassen. Damals gab es kaum einen weiblichen Star, der sich nicht lasziv auf einem Eisbärfell räkelte, genannt seien: Pola Negri, Jean Harlow, Ann Miller, Ann Sheridan, Joan Collins, Ann Crawford, Carroll Baker, Edwina Both, Lisbeth Scott, Olga Baclanova, Dolores Del Rio, Rita Hayworth, Grace Kelly, Veronica Lake, Marlene Dietrich, Marilyn Monroe – und zuletzt die Präsidentengattin Melania Trump.

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11. Es gibt auch eine Jagd nach Daten und manchmal kommen sich die Jäger in die Quere  – aktuell die Polarmeer-Datensammler und die Coronadatensammler: „Corona fällt Mosaic in die Parade“ lautete dazu die Überschrift. Soll heißen: Das „Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate“ (Mosaic) – ein mit Forschungsgerät und 900 wissenschaftsinteressierten Menschen aus 20 Ländern geradezu überladenes Forschungsschiff namens „Polarstern“ – befindet sich für ein Jahr auf einer Drift-Expedition in der Arktis, wobei nach alter sowjetischer Methode Flugzeuge, Hubschrauber und Eisbrecher „eingebunden“ sind und alle drei Monate 100 Wissenschaftler ausgetauscht werden. Nun gelten aber wegen Corona quasi über Nacht jede Menge Ausnahmezustände mit Grenzschließungen und gefährden diesen Austausch.

Die Polarstern gehört dem Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, das von der jungen Meeresbiologin Antje Boetius geleitet wird, die u.a. mit ihrem Vater Henning Boetius ein Tiefseebuch „Das dunkle Geheimnis“ (2011) schrieb. Die „Mammutexpedition“ kostet 140 Millionen Euro, die Hälfte übernimmt Deutschland. Laut AWI „überwintert die Polarstern in einer Region, die in der Polarnacht nahezu unerreichbar ist. Allein die Naturgewalt der Eisdrift bietet den Forschern diese einmalige Chance. Auf einer Eisscholle schlagen sie ihr Forschungscamp auf und verbinden es mit einem kilometerweiten Netz von Messstationen.“

Die Bremerhavener berufen sich bei ihrem Großprojekt auf die Eisdrift-Expedition von George de Long mit dem Schiff „Jeanette“, das 1879 vor der sibirischen Küste vom Eis zerquetscht wurde, wobei einige kleine Holzteile an die Küste von Grönland drifteten. Statt Kurs auf den Nordpol sollte die „Jeanette“ eigentlich nur die Nordostpassagen-Expedition Erik Nordenskiöld suchen, die als verschollen galt. Am Ende war es umgekehrt.

Die Potsdamer Krimiautorin Ingeborg Siebenstädt (alias Tom Wittgen) veröffentlichte 1981 einen historischen Roman über den Untergang der Jeanette-Expedition“: „Eismeerdrift“ in dem sie nahelegt, dass diese Kursänderung auf Befehl des Eigners der „Jeanette“, ein New Yorker Medienmogul, geschah, der mit dem Schiff den idiotischen Wettlauf zum Pol gewinnen wollte

Von dem „Jeanette“-Drift ließ sich 1893 der Polarforscher Fridtjoff Nansen leiten, als er 1893 ein Schiff bauen ließ, dass nicht vom Eis seitlich zerdrückt, sondern höchstens mit den Schollen hochgehoben wird. Das Schiff nannte er „Fram“ (Vorwärts), in Anspielung auf eine Erzählung des mit ihm befreundeten Bestsellerautors Jules Verne, in der es um eine Arktisexpedition mit einem Schiff namens „Forward“ geht. Die Fram-Expedition verlief erfolgreich. Die Bremerhavener berufen sich bei ihrem Drift-Großprojekt mit der „Polarstern“ nun auf die „Jeanette“ und die „Fram“.

Wahrscheinlich aus Rücksicht auf die „Atlantikbrücke“ erwähnen sie das Drift-Experiment des sowjetischen Polarforschers Otto Julewitsch Schmidt nicht, obwohl sie seit 1999 mit dem „Otto-Schmidt-Labor für Polar- und Meeresforschung“ Institut für Arktis- und Antarktisforschung in St. Petersburg kooperieren. Schmidts Eisdrift mit dem Schiff „Tscheljuschkin“ scheiterte ähnlich wie die „Jeanette“, die Expeditionsmitglieder überlebten auf einer Eisscholle, wo sie von Polarfliegern gerettet wurden. Die einen wie die anderen erklärte man zu Volkshelden.

Während Schmidt Leiter der Hauptverwaltung nördlicher Seeweg wurde, unternahm der Polarforscher Iwan Papanin ein weiteres Drift-Experiment, diesmal ohne Schiff, gleich auf einer Scholle – und zwar zum Nordpol, wo Papanin mit dann einer roten Fahne posierte. Sein Wissenschaftsabenteuer endete nach drei Jahren ebenso erfolgreich wie das von Fridtjof Nansen – nämlich nahe Grönland auf einer rasch schmelzenden Scholle. Ganz unheldisch übernahmen sowjetische Schiffe hier die Rettung der Wissenschaftler von NP-1.

Weitere Stationen folgten bis heute: Die Scholle mit NP-14 wurde gegen die „Jeanette“-Insel gedriftet und brach in zwei Teile. NP-22 passierte 1972 den Nordpol, insgesamt driftete diese Expedition 9 Jahre, An der Drift-Expedition NP-35 von der Wrangelinsel bis zum Nordpol nahm 2007 ein Mitarbeiter des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts teil: „Erstmalig in der Geschichte der russischen Forschung auf Driftstationen seit 1937,“ wie er anschließend kund tat.

Inzwischen betreibt das Petersburger Institut seine alljährliche Driftstation irgendwo um den 89 Breitengrad zusammen mit einem russischen Oligarchen, ist also halbprivatisiert (heißt nun wegen des Komforts in Anspielung auf eine Südseeinsel „Barneo“) und nimmt Arktistouristen aus allen Herrenländern auf, die sich von da aus zu Fuß etwa 100 Kilometer weit zum Pol durchkämpfen wollen. Hubschrauber fliegen sie wieder zurück. Die Journalistin Birgit Lutz hat das schon fünf Mal gemacht und darüber 2012 in ihrem Buch „Unterwegs mit wilden Kerlen“ berichtet.

Diese ganze frühsowjetisch-postsowjetische Eisdrifterei erwähnt das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven wie gesagt nicht – stattdessen schreibt es: „Wir wissen noch immer viel zu wenig über den Klimawandel. Um das zu ändern, ist die größte Arktismission aller Zeiten aufgebrochen.“ Die Bremerhavener Institutsfotografin, die auf der Polarstern mitfährt, bekam gerade für ein Foto von zwei Eisbären, die auf dem Eis an roten Forschungswimpeln schnuppern, den „World Press Photo Award“.

Ich glaube, hinter der ganzen Expedition steckt wieder irgendein „New Yorker Medienmogul“. Der russischen Driftstation Barneo wurde von der Atlantikbrücke Norwegen nebenbeibemerkt die Zwischenlandung auf Spitzbergen verweigert, wegen Corona – und fällt deswegen 2020 aus.

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12.Mau-Mau bei der Wohlfahrtsbehörde,“ so hieß einer der ersten Texte des „New Journalism“ 1970. Er stammte vom späteren Bestsellerautor Tom Wolfe. Es ging darin um ein afroamerikanisches Alltagsgenie, das besonders einfallsreich war beim Einfordern von Sozialleistungen für die Black Community bei den Behörden. Hierzulande ist „Mau-Mau“ ein etwas simples Kartenspiel. Das Wort ist eine englische Verballhornung des Kampfziels „Land durch Freiheit“ in der Sprache der Kikuyu. Die „Mau Mau Aufständischen nannten sich laut Wikipedia „Land and Freedom Army“. Ihr Guerillakampf gegen die englische Kolonialmacht fand auf dem Territorium des heutigen Kenia statt. Auch die Kamba, die Meru und die mit den Kikuyus einst verfeindeten Viehnomaden der Massai, die von den Engländern zuvor umgesiedelt worden waren, beteiligten sich am Unabhängigkeitskampf.

Der „Mau-Mau-Aufstand“ ist bis heute nicht beendet. Bereits 1956 schien die englische Armee verbunden mit Kampfgruppen der weißen Siedler ihn niedergeschlagen zu haben. Mit zum Aufstand trug bei, dass noch während des Zweiten Weltkrieges im nahezu „unberührten Kenia“ immer mehr englische Siedler angesiedelt worden waren und nach Kriegsende sich demobilisierte Militärs dort niederließen. Für ihre „Start-up“-Unternehmen bekam jeder rund 1000 Hektar Land von „London“ und konnte italienische sowie deutsche Kriegsgefangene beschäftigen. Die Kolonialregierung wies zudem riesige Gebiete als „Nationalpark“ aus, die reich an Wildtieren waren (vor allem an den „Big Five“ – Elefanten, Nashörner, Büffel, Löwe und Leopard), die dort aber nur gegen Bezahlung gejagt werden durften. Die englischen und australischen Offiziere, die sich als Elefantenjäger oder Organisator von Großwildjagdabenteuern selbständig machten, beschäftigten vorwiegend Einheimische – Fährtenleser, Diener, Köche und Gewehrträger z.B. Diese Weißen waren die ersten, die gegen die Mau-Mau-Guerilla organisiert vorgingen. Ihre schwarzen Mitarbeiter unterstützten dagegen nicht selten die Gegenseite. Mit der Selbständigkeit Kenias 1963 hörten die Kämpfe nicht auf. Als erstes wurde danach der letzte „Mau Mau General“ Baimungi getötet. Aus seinen Jägern und Kämpfern wurden „Wilderer, die in den kenianischen Nationalparks neben Fleisch vor allem Nashörner und Elefanten, zunächst mit Pfeilgift und Fallen, jagten. In den Jahren nach Krieg und Entkolonisierung stiegen die Elfenbeinpreise explosionsartig. Bekämpft wurden die sich stetig „moderner“ bewaffnenden „Wilderer“ von den „Rangern“ der Nationalparkverwaltungen, die ebenfalls ständig aufgerüstet werden mußten. Schon bald wurden extra für die Wildererbekämpfung ausgebildete Spezialeinheiten aufgestellt, die Polizeirechte bekamen. Befehligt wurden sie von weißen Großwildjägern und Safari-Veranstaltern, die sich zuvor im „Buschkrieg“ gegen die Mau Mau hervorgetan hatten und jetzt u.a. private Tierschutz-Firmen gründeten, Anti-Wilderer-Brigaden aufstellten – und vermieteten. Sowohl die Gorillaforscherin Diane Fossey als auch die stellvertretende Leiterin des Tsavo-Nationalparks in Kenia, Daphne Sheldrick, haben in ihren Büchern ausgerechnet, wie viel Geld ihnen diese Brigaden täglich kosteten. Nebenbeibemerkt war letztere verheiratet mit dem Nationalparkleiter, der ein Großwildjäger gewesen war, davor mit einem weiteren Jäger und Offizier, der sich als Guerillabekämpfer ausgezeichnet hatte und dann in der naturschützerischen Nationalparkverwaltung untergekommen war, wobei er in seiner Freizeit weiter auf Großwildjagd ging. Ähnlich verhielt es sich mit ihrem Bruder.

Der ehemalige Organisator von „Safarireisen“, Richard Leakey, war zuletzt als Leiter der obersten Nationalparkbehörde, „Kenya Wildlife Service“, hauptsächlich mit dem Einwerben von reichen Sponsoren in aller Welt beschäftigt, um mit ihrem Geld immer modernere Waffen für seine Wilderer-Bekämpfer anzuschaffen, einschließlich Hubschrauber und Überwachungstechnik. Einmal ließ er im Beisein des kenianischen Präsidenten Daniel arap Moi 12 Tonnen Elfenbein, die Wilderern abgejagt worden waren, öffentlich verbrennen. Das sollte Stärke und Entschlossenheit bei der Verteidigung des Lebens von Elefanten und Nashörner demonstrieren. 2016 wurden im Nairobi-Nationalpark im Beisein von Staatspräsident Uhuru Kenyatta 105 Tonnen beschlagnahmtes Elfenbein öffentlich verbrannt.

Nachdem die Wilderer aber inzwischen mit Drohnen und GPS ihre Elefanten und Nashörner aufspüren und die diese Tiere verteidigenden Nationalparkwächter die Wilderer ebenfalls mit Drohnen jagen, hat die kenianische Regierung statt weiter Waffen zu finanzieren, eine weitaus kostengünstigere Maßnahme – die Todesstrafe für Wilderer – beschlossen. Aus den weißen Großwildjäger-Safaris wurde ein Nationalpark-Massentourismus. Diesen müssen die Ranger nun weniger gegen die „Big Five“ als gegen die „Mau Mau“ schützen, denn die Tiere scheinen es zu honorieren, dass die Touristen bloß mit Kameras auf sie schießen, und dass sie in der Weltpresse – bis hin zur taz – gelobt werden, wenn auch sie Wilderer angreifen und töten – wie zuletzt ein Elefant und ein Löwe im südafrikanischen „Krüger-Nationalpark“, wo man im Übrigen den tierischen Mehrwert selbst verwertet – mit eigenen Schlachthöfen und Souvenirshops: die Tierpopulationen werden wie eine Farm bewirtschaftet. Im beliebten Safariland Botswana ist man auf eine andere Idee gekommen: Dort werden nun staatliche Lizenzen verkauft zum Töten von jährlich 400 Elefanten – sowohl an reiche Großwildjäger (Trump erlaubte den seinen gerade wieder die Einfuhr von Jagdtrophäen aus Afrika), als auch zu Vorzugspreisen an arme Dorfgemeinschaften, die ihre „License to kill an Elephant“ mit Gewinn weiterverkaufen können.

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13. Die Studien des amerikanischen Politologen James C. Scott, der das agrarwissenschaftliche Programm der Yale-Universität leitet, werden von der University-Press als „Anarchist History“ beworben. Es geht in ihnen um nicht weniger als eine völlige Umdrehung unserer Zivilisationsgeschichte, die eine gewaltsame Domestikation von Mensch und Tier ist: Es waren nicht die Seßhaften (Getreideanbauer), deren Gemeinschaften einst im Verein mit Handwerkern und Händlern sich zu den Stadtstaaten entwickelten, in denen unsere „Zivilisation“ entstand. Umgekehrt: Den Stadtstaaten (und ersten Köngsreichen) ging es um Steuern, Zwangsarbeit, Kriegsdienst, wovor die städtischen Bauern, Händler und Handwerker flohen – zu den Barbaren. Sie wurden ersetzt durch Sklaven. Die Stadtstaaten im Zweistromland, in Ägypten und China basierten ebenso auf Sklavenökonomie wie später Athen und Rom und zuletzt die nordamerikanischen Südstaaten. Während die Barbaren, die nomadischen Viehzüchter, Jäger, Sammler, Gärtner, Deserteure, entlaufene Sklaven und Banditen, in den Wäldern, Halbwüsten, Sümpfen, Mooren und Bergen ein freies, angenehmes und gesünderes Leben führen konnten.

James C. Scotts Buch „Die Mühlen der Zivilisation (2019) handelt von den ersten Statdtstaaten, wie z.B. Ur und Akkad, die ab 4000 v.Chr. entstanden – stets in Flußnähe auf fruchtbarem Schwemmland, wo leicht zu besteuerndes Getreide (Weizen, Gerste oder Nassreis) angebaut wurde – bereits lange vor den ersten Stadtstaaten, die bald ummauert wurden: nicht nur um Überfälle abzuwehren, sondern um ihre Bevölkerung an der Flucht zu hindern.

James C. Scotts noch nicht ins Deutsche übersetztes Buch „Die Kunst, nicht regiert zu werden“ thematisiert die kleinen Völker im Gebirge Südostasiens, „Zomia“ genannt, das sich über Burma, Laos, Vietnam, Thailand und China erstreckt und deren Grenzen markiert: die Karen, Katschin, Mian, Hmong u.a.. Allein die Hmong leben heute über drei Staaten verteilt und ein Teil in den USA. Nämlich diejenigen, die die Amerikaner im Vietnamkrieg unterstützten und mit deren Rückzug mitgenommen wurden, um sie nicht den Kommunisten auszuliefern. Wenn man der US-Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing und ihrer Studie „Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. Der Pilz am Ende der Welt“ (2018) folgt, dann halten die Hmongs oder Teile von ihnen auch in der neuen Heimat, in Oregon z.B., nichts von staatlicher Unterstützung und städtischem Komfort. Sie campieren in den industriell ausgewaideten Wäldern des nordwestlichen Bundesstaates – und leben dort sogar gut. Denn sie sind Sammler eines in Japan zu Höchstpreisen verkauften Edelpilzes namens Matsutake, der nur in Oregon, Finnland und Japan wächst. Neben den stadtstaatflüchtigen Hmongs sammeln auch US-Veterans, Durchgeknallte und Naturburschen in den Oregonwäldern diesen Pilz.

Anna Lovenhaupt Tsing hat die Handelswege von dort nach Japan und die unterschiedlichen Gewinnspannen der am Geschäft Beteiligten nachgezeichnet. Das hat ihr sofort internationale Aufmerksamkeit in den Gesellschaftswissenschaften verschafft. Denn wenn Scott von diesen „Staatsfeinden“, wie er die aliterarischen Gemeinschaften und Völker mit dem Ethnologen Pierre Clastres nennt, berichtet – bis etwa zur Entkolonisierung ihrer Länder, dann hat Tsing deren heutigen Alltag in den USA, jedenfalls den der pilzsammelnden Hmong, erforscht. Diese sind damit wieder an die Anfänge ihres Lebens abseits von Staaten, im „Unsichtbaren“, angekommen. Es ist zu hoffen, dass wenigstens einer von ihnen die schöne Studie der Anthropologin mit einem eigenen Bericht ergänzt.

Die Oregonwälder, in denen der Pilz wächst, sind industriell ausgenutzt worden, auch die letzten Holzfäller, von denen es ganze Dynastien gab, haben sich heute auf Matsutake-Sammeln umgestellt. Die Geschichte ihres Untergangs hat der anarchistische Schriftsteller Ken Kesey in seinem Roman „Manchmal ein großes Verlangen“ (1987) geschildert. Der 2001 gestorbene Kesey bewirtschaftete einen Hof in Oregon. Der ebenfalls dort lebende Schriftsteller David Guterson hat 1994 in seinem Roman „Schnee, der auf die Zedern fällt“ die jüngste Geschichte der in Oregon lebenden Japaner erzählt. Sie waren Kleinbauern, nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour wurden sie interniert. Als sie, die längst Amerikaner geworden waren, frei kamen, war ihr Landbesitz weg. Ich hoffe, dass ich diese Geschichte richtig wiedergegeben habe hier, zu ihrem bitteren Schicksal gehört auch noch, dass ihr Lieblingspilz, der ihnen nach Oregon gefolgt ist und den einige auch dort sammeln, nun für die reichen Feinschmecker in Japan gedacht ist. Aber das Schicksal der Hmong, so wie Scott es schildert, ist heute auch nicht ohne Härte. Schon allein, wenn ihre Kinder an der Westküste in der Schule auf Nationalitäten wie Burma, Kambodscha oder Vietnam festgelegt werden, obwohl sie diese Staaten seit „Urzeiten“ ablehnen. Wie auch immer: Mit James C. Scott muß man die freiheitsliebenden Hmong und andere kleine südostasiatische Völker, aber auch die europäischen Zigeuner, die nordafrikanischen Berber, die Unauffindbaren Brasiliens, die Ekimos und Tschukschen etc., zu den wahren Zivilisationsbringern zählen.

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14.  Das Leben „auslöschen“, ein Lebewesen verletzen und es dann von seinem Leiden „erlösen“, Soldaten nicht Mörder nennen, Tiere empfinden nicht so wie wir, Pflanzen haben keine Gefühle usw.

Das Leben, das legen die sich so aus: ‚Die Eierstöcke sind die größten Philosophen‘,“ meinte der Dichter Gottfried Benn. „Das Leben lebt nicht,“ konstatierte dagegen der Philosoph Theodor W. Adorno, er meinte sicher das „gesellschaftliche Leben“ – mit dem Marxisten Alfred Sohn-Rethel erklärt hieß das, weil der sich über den Markt herstellende gesellschaftliche Zusammenhang bloß ein abstrakter ist. Für den Psychoanalytiker Wilhelm Reich bedeutete das Nicht-Leben des Lebens (der Weißen), dass ihnen ihr „Charakterpanzer“ kein wirkliches Lustempfinden erlaubt.

Die US-Naturwissenschaftler glauben, mit der Entdeckung und Manipulation der „Gene“ das Leben „geknackt“ zu haben – so wie polnische Mathematiker im Krieg mit ihrer „Enigma“ den Code des Nazi-Funkverkehrs „dechiffrierten“. Der französische Wissenssoziologe Bruno Latour gab dem gegenüber zu bedenken: Zwar könne man mit der Gentechnik viel Geld machen, sie sei also ökonomisch von großem Wert, aber viel zu einfach gedacht, um zum besseren Verständnis von „Leben“ beizutragen. Im Gegenteil: Noch nie war eine „Life Science“ so weit vom Leben entfernt.

Neulich hatte ich eine Mitfahrgelegenheit von Würzburg nach Berlin – und freute mich, als ich erfuhr, dass meine Fahrerin eine Biologin war. Schon brabbelte ich diesbezügliches, da unterbrach sie mich: „Tiere und Pflanzen, Lebendiges, interessiert mich überhaupt nicht, ich beschäftige mich mit einem Hormon. Und wenn ich meine Doktorarbeit fertig habe, für den Rest meines Lebens mit zwei Hormonen.“

Aus dem Inneren eines solchen Hightech-Labors berichtete ausführlich auch die Freiberger Biologin Anne-Christine Schmidt in ihrem „Schwarzbuch ‚Alptraum Wissenschaft‘“ (2016) – jedoch längst nicht so lebenssicher wie die Würzburgerin, der Titel deutet es bereits an.

Tatsächlich ist mir das, was man „Leben“ im biologischen Sinne nennt, inzwischen zum größten Rätsel geworden, wobei dieses – im biologischen Sinne gestellt – vielleicht schon falsch ist, d.h. dass man naturwissenschaftlich denkend nie dem näher kommt, was man „Leben“ nennt. Von allen Biologen geben sich zwar die Ethologen mit ihrer Feldforschung die größte Mühe, aber auch sie neigen dazu, aus ihrer Beobachung von einigen Tieren schnell auf das Verhalten der ganzen Art zu schließen. Erst jetzt, da die „organismische Biologie“ von der Genetik und Molekularbiologie verdrängt wird, kommt man darauf, das Leben von einzelnen (Tieren) zu studieren. Manchmal denke ich: Was ist die ganze Kunst, bis hin zu Michelangelo und Co, gegenüber einer Mücke?! Es heißt, ich da vergleiche Äpfel mit Birnen. Aber wenn die Künstler sich heute gerne mit Öko-Kunst präsentieren und die Ökologie fast täglich gegen die Ökonomie in Stellung gebracht wird, dann nähern wir uns doch dem für Weiße vielleicht noch utopischen Gedanken einer „Ökologie ohne Natur“. Wir sind dann so mit ihr verbunden, heißt das (beim Philosophen Timothy Morton), dass dieser Begriff überwunden wurde.

Solchem Wahrheitsbegriff halten die Naturwissenschaftler ihren wertschaffenden Genbegriff entgegen. Einer, der Biologe und Berater von Biotech-Unternehmen, William Bains, schrieb in der Zeitschrift „Nature Biotechnology“: „Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.“ Uns? Die amerikanische Biologiehistorikerin Lilly E.Kay behauptet, in ihrem Land „sind mindestens 80 Prozent der Molekularbiologen an eigenen kommerziellen Biotech-Unternehmen beteiligt“.

Die in Emden lehrende Genkritikerin Silja Samerski merkte dazu in einem Interview an: „Das ,GEN‘ ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft… über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt. Es ist jedoch sehr fraglich, ob man umgangssprachlich über Variablen von… oder Bestandteile eines Kalküls oder Algorithmus sprechen kann, ob sich also überhaupt außerhalb des Labors sinnvolle Sätze über ,GENE‘ bilden lassen, die von irgendeiner Bedeutung sind. Wenn aber solche Konstrukte in der Umgangssprache auftauchen und plötzlich zu Subjekten von Sätzen werden, mit Verben verknüpft werden, dann werden sie sozusagen in einer gewissen Weise wirklich.“ Auf ihrer Internetseite „Über mich“ schreibt die Professorin: „Aus Begeisterung für Tiere und Pflanzen begann ich 1989 in Tübingen, Biologie zu studieren. Bereits nach einem Semester war meine Begeisterung allerdings ziemlich gedämpft: Zu meiner Enttäuschung widmete sich die moderne Biologie nicht so sehr dem Verständnis des Lebendigen, sondern vielmehr dem Versuch, Lebewesen technisch zu manipulieren und zu „optimieren“.

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„Auf der Weide erschießen – besser als im Schlachthof töten lassen“ Das wäre vielleicht auch ein Tätigkeitsfeld für Hobbyjäger – wie die hier:

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